Die fabelhafte Welt der Mona Flint

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»Wo befindet es sich nunmehrig?«
»Es stieß mich einfach um und floh. Ich war zu benommen, um es zu verfolgen. Dann bin ich sogleich hierher zurückgekehrt, um Euch zu benachrichtigen.«
»Wir müssen es finden«, grollt Meister Maravil. »Womöglich ist es eine Gefahr für das Volk von Firleburg. Und was geschieht, wenn es die Stadt verlässt? Welch Unheil droht, wenn der Geisternde Nebelkurier es vor uns aufspürt! Wir wären verloren.«
Jackie läuft ein Schauer über den Rücken. Er ist für jedes Abenteuer zu haben, aber Geister kann er nicht leiden. Und diesen Nebelkurier möchte er ehrlich nicht treffen, was auch immer der sein mag.
Der Gedanke daran lässt Rapos ebenfalls aufstöhnen. »Mir scheint, verloren sind wir ohnedies. Was tun wir bloß?«
»Es gibt nur einen Weg: Wir machen das abtrünnige Haus ausfindig und erzwingen den Einlass. Ich hoffe inständig, sein Inneres gibt preis, was wir suchen. Hernach verwandeln wir es wieder in seinen ursprünglichen Zustand«, erklärt Meister Maravil.
»Jawohl, Meister«, beeilt Rapos sich zu sagen. »Lasst uns die Getreuen zur Unterstützung holen! Gemeinsam werden wir das Haus überwältigen.«
Die beiden Männer hasten Richtung Villa davon. Nur wenig später zischen sie und ein paar weitere schräge Gestalten auf einer Art fliegender Motorräder – aber ohne Räder – zum Gartentor hinaus, empfangen von empörtem Dobermanngebell. Mona und Jackie kriechen verdattert aus ihrem Versteck.

»Mönsch!«, sagt Jackie. »Was waren denn das für Typen? Hast du die Dinger gesehen, auf denen sie abgehauen sind? So was gibt’s doch gar nicht! Los, wir müssen einen Sondereintrag im Unglaublichen Notizbuch machen!«
»Keine Zeit!«, erwidert Mona, denn etwas anderes interessiert sie viel mehr. »Haben sie gesagt: ein verwandeltes Haus?«, fragt sie langsam. »Habe ich das richtig verstanden?«
»Ein verwandeltes Haus«, bestätigt Jackie.
»Das weggelaufen ist?«
»Das weggelaufen ist.«
Mona beißt sich auf die Unterlippe. »Das ist unglaublich. Das müssen wir finden.«
Jackie versteht sofort, woher der Wind weht. »Wer weiß, vielleicht könnt ihr ja darin wohnen! Wenn es frei herumläuft, gehört es doch keinem, oder?« Dann fragt er verdutzt: »Wie kann ein Haus überhaupt laufen?«
Mona zuckt mit den Schultern. »Keine Ahnung, aber das finden wir heraus. Was meinst du, wohin läuft so ein Haus? Wo suchen wir?«
»Die Schrägen sind Richtung Stadt geschwebt«, sagt Jackie. »Oder geflogen. Oder wie man das nennt.«
Mona grinst. »Dann nehmen wir besser die andere Richtung. Ich meine, bei denen läuft es ja gerade nicht so, was?«
Sie sehen sich an. Das scheint logisch. Fast gleichzeitig rennen sie los: zurück zu der lockeren Latte im Zaun, die Krähenstraße weiter runter, dann querfeldein durch Herrn Tönnissens Kuhwiese Richtung Wald. Tönnissens Kühe drängen sich träge im Schatten des einzigen Baumes aneinander.
»Was machen wir eigentlich, wenn das Haus wirklich gefährlich ist?«, fragt Jackie plötzlich atemlos. »Die haben irgendwas von Geistern erzählt.«
»Wir finden es erst mal«, ruft Mona, nicht bereit, den Hoffnungsschimmer gleich wieder platzen zu lassen.
Denn was für ein Glück ist es, bitte schön, dass genau heute, wo der doofe Brief vom Bauamt kommt, ein herrenloses Haus durch die Stadt irrt! Und wenn jemand ein gefährliches Haus zähmen kann, dann Mona Flint. Da ist sie sich vollkommen sicher. Insgeheim hofft sie, dass sie außerdem noch grob »in der Nähe vom Schweinespielplatz« sind. Wegen Frau Blau natürlich. Damit sie sich keine Sorgen macht.
In der Krähenstraße bleibt nur ein aufgebrachter Dobermann zurück, dem keiner mehr zuhört. Manche Geschichten lassen sich eben weder durch Verbote noch durch wütende Hunde aufhalten.
Zweifel an der Wahrheit und ein Drama mit Lama
3. Kapitel, in dem sich die Frage stellt, ob zwei Leute zur gleichen Zeit den gleichen Traum haben können, und dann der Gegenbeweis gefunden wird.

Als Mona und Jackie am Waldrand angelangt sind, stoppen sie ratlos. Was nun? Der Wald sieht aus wie immer, die Vögel zwitschern träge ihr Sommerlied und über den Acker hoppelt einsam ein verschwitzter Hase.
»Sieht nicht so aus, als würde hier irgendwo ein Haus rumrennen«, keucht Jackie.
Mona überlegt. »Wenn ich vor irgendwem abhauen wollte, würde ich mir als Erstes ein gutes Versteck suchen. Wo kann sich so ein Haus verkriechen?« Jackie ist immer noch ziemlich mit Atmen beschäftigt und zuckt nur mit den Schultern. Er ist ja schließlich kein Häuserexperte. »Also, der Wald ist viel zu dicht. Da passt kein Haus rein«, stellt Mona mit einem kritischen Blick auf die Bäume fest. »Wo gibt es Platz und Verstecke?« Sie gibt Jackie einen Stups. »Na klar! Am Fluss, an der Anzel! Wenn ich ein Haus wäre, würde ich dorthin laufen. Los, Beeilung, wir müssen zum Fluss!«
Jackie stöhnt ein bisschen, aber dann rennt er Mona brav hinterher. Irgendwo hinten im Wäldchen zerbricht laut krachend ein Ast.
Zum Fluss ist es zum Glück nicht weit. Bald schon erreichen Mona und Jackie den geteerten Fahrradweg, der viele Kilometer lang durch die Anzel-Aue führt, entlang der Weiden und Sandbänke, vorbei an Anglern und Entenfamilien. So beschaulich, wie das klingt, ist es aber nicht, denn wer diesen Weg betritt, muss jederzeit damit rechnen, von irgendeiner Rennradlerin oder einem älteren Herrn auf einem E-Bike umgeklingelt zu werden. Eine gekonnte Hechtrolle ins Gebüsch ist hier überlebensnotwendig. Heute ist es jedoch wohl zu heiß zum Radfahren, denn es ist weit und breit niemand in Sicht.
»Und wenn wir das gerade alles nur geträumt haben?«, fragt Jackie. »Ich meine, dieser komische Garten, das Haus auf der Flucht – das gibt es doch alles nicht in echt. Vielleicht sitzen wir in Wahrheit noch am Schweinespielplatz und träumen?«
»Ehrlich, Jackie, jetzt spinnst du. Wie soll das gehen?« Mona streicht sich ein paar verschwitzte Locken aus der Stirn. »Zwei Leute können nicht gleichzeitig den gleichen Traum haben.«
»Häuser können auch nicht weglaufen«, wendet Jackie ein.
»Wir wissen ja gar nicht, ob es läuft«, berichtigt Mona ihn. »Vielleicht fliegt es. Oder kriecht. Oder …«
»Ja, ja, kapiert«, sagt Jackie. »Trotzdem. Es ist nicht weniger unwahrscheinlich, dass hier ein Haus vorbeifliegt.«
Mona muss Jackie widerstrebend recht geben. Hier sieht alles aus wie immer. Oder? Mona bleibt stehen. Sie dreht sich um und schirmt die Augen gegen die Sonne ab. Etwas stimmt nicht. Nur im Vorbeigehen, einen kurzen flackernden Moment lang hat sie es bemerkt. Sie braucht eine Weile, um zu verstehen, was es ist, dann schnippt sie mit den Fingern.
»Jackie, ich hab’s«, sagt sie.
»Du hast was?«, fragt Jackie.
Doch bevor Mona antworten kann, rauscht jemand von hinten über den Anzel-Radweg heran. Allerdings ohne Räder und ohne Klingel. Es ist dieser schräge Meister Maravil aus dem komischen Garten, auf seinem schwebenden … Was-auch-immer. Jackie und Mona reißen die Augen auf. Er hält direkt auf sie zu!
Das Was-auch-immer stoppt vor den Kindern. Der Mann mustert sie wie eine neu entdeckte Tierart und räuspert sich umständlich. »Seid gegrüßt«, sagt er gestelzt und zieht seinen Zylinderhut.
Jackie kichert. Mona wirft ihm einen warnenden Blick zu. Dieser Meister sieht nicht aus, als würde er Spaß verstehen. »Hallo, Meis… äh, mein Herr«, antwortet sie. Fast hätte sie sich verplappert! Denn wie sollte sie erklären, woher sie seinen Namen weiß?
»Hallo«, sagt auch Jackie.
»Äh, ja, hallo«, sagt Meister Maravil. »Werteste Herrschaften, ist euch hier etwas Ungewöhnliches ins Auge gefallen?«
»Meinen Sie so etwas wie gestreifte Frösche?«, fragt Jackie unschuldig.
»Woher …? Äh, nein!«, stottert Meister Maravil.
»Auch wenn ich keine Herrschaft bin«, kann Mona sich nicht verkneifen zu sagen, »finde ich die verknotete Weide dort am anderen Ufer sehr ungewöhnlich.«
»Wo?«, fragt Jackie überrascht. »Die hab ich ja noch gar nicht gesehen!«
Meister Maravil runzelt die Stirn. »Nein, dies ist nicht, wonach ich suche.«
Mona findet, dass Meister Maravil gar nicht so unangenehm aussieht, wie er vorhin im Garten geklungen hat. Gut, er macht einen übertrieben ernsthaften Eindruck und redet vornehm – aber das tun ja viele Erwachsene. Er hat wache blaue Augen und eine etwas zu lang geratene Nase, was seinem Gesicht etwas Kluges gibt. Er erinnert Mona an das Bild von Sherlock Holmes auf Frau Blaus Lieblingsbuch. Nur die Kopfbedeckung ist anders. Na ja, und der Bart. Und der schwarze Anzug, der jedoch immerhin so aussieht, als käme er aus dem gleichen Jahrhundert wie Sherlock Holmes.
»Sonst ist uns nichts aufgefallen«, sagt Mona und das ist schließlich nur fast nicht gelogen. »Haben Sie denn etwas verloren?«
Der Mann zuckt zusammen. »Nein, ich … ich wollte nur sichergehen, dass …«
In diesem Moment ertönt eine Fahrradklingel. Mona und Jackie machen die allseits bekannte Hechtrolle ins Gras, aber Meister Maravil ist nicht so schnell. Eine ältere Dame, Frau Kluth, um genau zu sein, saust haarscharf mit ihrem E-Bike an ihm vorbei.
»’tschulligung«, ruft sie gerade, als etwas in Meister Maravils Manteltasche explodiert.
Das Fahrrad stoppt, als hätte jemand die Zeit angehalten. Mit einem Mal ist Frau Kluth samt ihrem elektrischen Drahtesel in eine weiße Wolke gehüllt. Aus der Wolke dringt ein gellender Schrei. Jackie hält sich die Ohren zu. Mona überlegt gerade, ob sie Frau Kluth irgendwie retten müssen, da verzieht sich die Wolke wieder. Und nun kann Mona einen Lachanfall leider nicht unterdrücken. Denn Frau Kluth sitzt mit verzweifeltem Blick auf einem – Lama. Ihr Fahrrad ist verschwunden, aber immerhin hat das Lama noch die gleiche Farbe: Es ist knallrot.

»Mönsch, das ist cool! Haben Sie das gemacht?«, fragt Jackie Meister Maravil aufgeregt.
Der schaut entsetzt das Lama an. »Meine hochverehrte Dame, ich bitte zu entschuldigen!«, stammelt er.
»Machen Sie das weg!«, schreit Frau Kluth.
»Das … das ist mir unglücklicherweise nicht möglich«, sagt Meister Maravil hilflos.
»Zahlt das die Versicherung?«, krächzt Frau Kluth. Ihre Stimme ist vor Aufregung ganz heiser. »Wisst ihr das, Kinder?«
Mona merkt, dass sie etwas tun muss. Die Erwachsenen kommen ja ganz offensichtlich nicht klar. Sie stellt sich vor das Lama. Es hat eine Strubbelfrisur und sieht sie aus seinen Kulleraugen freundlich an.
Mona lächelt. »Frau Kluth, wir können es zu Anneliese bringen, dann ist sie nicht mehr so allein«, schlägt sie vor und streichelt das Lama vorsichtig am Hals. »Es ist ein sehr liebes Tier. So ein Lama ist was Gutes.«
»Ja«, springt Jackie ihr bei, »ich wollte auch schon immer eins haben.«
Das stimmt nur halb, genau genommen hätte Jackie lieber irgendein anderes Tier. Aber was soll man sonst zu einer alten Dame sagen, deren Fahrrad soeben verwandelt wurde? Jackie wird ganz zappelig. Das ist gerade echt passiert! Vor ihren Augen! Das Unglaubliche Notizbuch wird ein totaler Knüller, wenn das so weitergeht.
»Kein Traum!«, raunt Mona ihm zu, als könne sie seine Gedanken lesen. »Verstehst du, kein Traum!«
Frau Kluth steigt vorsichtig ab. Stumm starrt sie das Lama an.
Und dann geschieht etwas Seltsames – also, noch etwas Seltsames: Das Tier schmiegt seinen Strubbelkopf zärtlich an Frau Kluths Arm. Und ihre entsetzte Miene entspannt sich, als hätte jemand einen Schalter umgelegt.
»Um ehrlich zu sein, konnte ich das Fahrrad nie leiden. Mein Sohn hat es mir geschenkt«, sagt Frau Kluth und krault das Lama am Hals. »Ich nenne es Theo.«
Sie dreht sich um und geht zur Stadt zurück. Als wäre so ein plötzliches Lama etwas ganz und gar Alltägliches.
Theo trottet ihr brav nach. Verblüfft sehen Mona und Jackie den beiden hinterher. Meister Maravil ist immer noch wie versteinert.
»Wie haben Sie das gemacht?«, will Jackie nun unbedingt wissen.
»Das war keine Absicht, oder?«, fragt Mona. »Aber irgendwas haben Sie gemacht. Genau wie bei der verknoteten Weide und den gestreiften Fröschen, stimmt’s?«
Endlich kommt Leben in Meister Maravil. »Das ist nicht eure Angelegenheit«, faucht er. »Vergesst alles, sofort! Ich gebiete es euch. Es ist nicht geschehen.« Dann schwingt er sich auf sein Was-auch-immer ohne Räder und rast davon.
»Ich gebiete es euch?« Jackie tippt sich an die Stirn. »Der spinnt wohl. Und ob das geschehen ist! In seiner Tasche hat etwas Wusch gemacht. Wer weiß, was für einen Apparat er dadrin hat! Der kann froh sein, dass Frau Kluth nicht mehr Theater gemacht hat.«
»Jackie, eins ist klar: Dieser Meister und die anderen schrägen Typen sind schuld an allem, was auf unserer unglaublichen Liste steht«, sagt Mona. »Aber warum hat Frau Kluth sich so schnell wieder eingekriegt? Warum drehen die Erwachsenen nicht durch, wenn ihr Fahrrad sich in ein Lama verwandelt oder wenn sie einen schwebenden Dackel sehen, wo sie doch sonst durchdrehen, wenn einer von uns nur auf dem falschen Rasen spielt? Warum vergessen sie all diese unglaublichen Sachen? Ganz Firleburg spinnt plötzlich.«
»Und wieso trägt der Typ mitten im Sommer ’nen Mantel?«, fragt Jackie, als Mona endlich wieder einfällt, was sie ihm eben zeigen wollte. Es war nämlich nicht die verknotete Weide!
»Ich weiß übrigens, welches Haus die verwandelt haben«, sagt sie.
»Waaas?«, ruft Jackie.
»Schau mal den Fluss runter. Da fehlt etwas. Und ich schwöre dir, es war gestern noch da.«
Jackie kneift die Augen zusammen. »Mönsch!«
Direkt hinter dem Schild »Flusskilometer 53« lugt normalerweise das Dach eines alten Bootshauses durch den Uferbewuchs. Dort kann man prima spielen. Also – konnte man. Denn Mona Flint hat recht: Das Haus ist weg.

Der beste Ort der Welt
4. Kapitel, in dem etwas Altbekanntes neu entdeckt wird und eine rasante Jagd einen höchst unerwarteten Verlauf nimmt, von dem Bauer Tönnissen besser nie erfahren sollte.

Dort, wo das Bootshaus gestanden hat, ist auf dem Boden ein matschiger Grundriss zu erkennen. Ein morsches Holzpaddel liegt verloren im Gras daneben. Die Trauerweide, die ihren Schatten sonst mit dem Bootshaus geteilt hat, steht einsam am Flussufer und lässt ihre Zweige trübsinnig auf dem Wasser spielen. Es sieht aus, als würde sie ihren alten Freund vermissen.
Mona streicht über den Stamm. Sie ist ein bisschen enttäuscht, dass es nur die verfallene kleine Hütte ist, die davongelaufen ist.
»Vielleicht ist es auch einfach abgerissen worden«, murmelt Jackie und schiebt seine Mütze hin und her.
Mona schüttelt den Kopf und deutet auf eine Spur in der Wiese. Sie könnte von einem großen Tier mit ziemlich starken Pranken stammen – lägen da nicht überall Steine und Holzstückchen entlang der Abdrücke, sogar ein Dachziegel und die Scherben eines Blumentopfes. Man muss kein besonders guter Fährtenleser sein, um diese Spur zu erkennen, findet Mona.
»Komm, wir sehen nach, wo sie hinführt«, sagt sie und zieht Jackie hinter sich her, die Aue hoch, zurück zum Fahrradweg und weiter zur Hauptstraße.
»Hier endet die Spur«, stellt Jackie fest. »Als hätte sich das Haus in Luft aufgelöst. Vielleicht kann es ja doch fliegen?«
»Oder es hat die Hauptstraße Richtung Stadt genommen. Auf dem Asphalt sieht man die Fußabdrücke nicht«, sagt Mona nachdenklich.
»Dann gehen wir auch in die Stadt«, schlägt Jackie vor.
»In der Stadt haben die Schrägen doch nichts gefunden! Sonst würde dieser Meister Maravil nicht hier herumschwirren«, meint Mona.
Sie mustert den Feldweg, der von der Straße abzweigt und an einem frisch gepflügten Acker entlangführt. Bauer Tönnissen kommt gerade vom Ende des Feldes mit seinem neuen, ziemlich großen Traktor herangetuckert.
Plötzlich erhellt ein breites Grinsen Monas Gesicht. »Ich hab’s!«, ruft sie. »Das Haus ist nicht in die Stadt gelaufen. Es ist doch im Wald! Aber es hat den Feldweg hier genommen.«
»Hä?«
»Guck nicht so«, sagt Mona und lacht. »Ist doch logisch! Man sieht die Spuren nur nicht mehr, weil Herr Tönnissen sie mit seinem Megatraktor kaputt gefahren hat.«
»Meinst du nicht, Herr Tönnissen wäre ausgeflippt, wenn plötzlich ein Haus vor ihm über den Feldweg gerannt wäre?«, fragt Jackie skeptisch.
»Vielleicht ist er ja auch später da hergefahren, als das Haus schon weg war. Außerdem: Ist Frau Kluth ausgeflippt, als sie plötzlich auf einem Lama saß?«, wendet Mona ein.
»Na ja, zuerst schon ein bisschen. Aber dann irgendwie nicht mehr«, gibt Jackie zu.
»Siehste«, sagt Mona.
Herr Tönnissen biegt in die Hauptstraße ein. Er hupt, als er die Kinder sieht. Dann stoppt er und öffnet die Fahrertür. Zum Traktorengebrumm gesellt sich jetzt dröhnende Radiomusik. Herr Tönnissen brüllt über den Lärm hinweg: »Sind Ferien, was? Wollt ihr ein Stück mitfahren?«
»Danke, ein anderes Mal«, schreit Mona. »Wir suchen das alte Bootshaus.«
»Ach, das!«, brüllt Herr Tönnissen. »Steht im Wald drüben. Müsstet ihr eigentlich ganz leicht finden. Macht’s gut, grüßt mir Frau Blau schön!« Ohne ihre Antwort abzuwarten, knallt er die Tür wieder zu und braust mit seinem Traktor davon. Als er weg ist, ist es plötzlich ganz schön still.
»Mönsch«, sagt Jackie nach einer Weile. »Hast du eigentlich immer recht?«
»Meistens«, antwortet Mona und stapft los.
Sie folgen dem Feldweg. Es riecht nach frischer Erde. Kurz vor dem Wäldchen zweigt ein weiterer Weg ab, über den Bauer Tönnissen sein Holz transportiert. Dort entdecken sie die seltsamen Spuren wieder. Jackie bleibt stehen. Wie gefährlich ist wohl ein Haus auf der Flucht? Es hat den schrägen Typen mit dem bunten Umhang ja scheinbar mühelos erledigt. Vielleicht sollten sie ein bisschen vorsichtiger sein? Aber Mona folgt der Fährte völlig unbeeindruckt.
»Komm, Jackie! Es ist das Bootshaus, das kennen wir. Es tut uns schon nichts«, sagt sie, als sie Jackies Zögern bemerkt.
»Ehrlich, ich hab keine Ahnung, wie Häuser so ticken«, murmelt Jackie und denkt mit Unbehagen daran, dass er mal seinen Namen in die Holzwand des Bootshauses geschnitzt hat. Nehmen Häuser einem so was übel?
Mona ist schon im Wald verschwunden. Schnell rennt Jackie hinterher. Der Weg führt zu einem Wendekreis, wo Tönnissen seine gefällten Bäume lagert. Über den Pfützen, die sich in den tiefen Traktorfurchen gebildet haben, schwirren die Mücken. Und neben einem hohen Stapel Baumstämme drückt sich tatsächlich ein kleines Holzhaus mit einem roten, moosüberzogenen Ziegeldach ins Gebüsch: das alte Bootshaus. An der Seite sind noch die Reste eines Anlegesteges zu erkennen.
Mona geht bereits quer durch die Mückenschwärme auf das Haus zu. Dabei redet sie leise.
»Wir kennen uns«, sagt sie in singendem Tonfall, »du bist das Bootshaus. Wir spielen manchmal bei dir am Fluss. Also da, wo du herkommst. Ich bin Mona, Mona Flint.«
Jackie hält den Atem an. Zunächst passiert gar nichts. Wenn uns jemand sieht, glaubt er, wir sind verrückt geworden, weil wir mit einem Haus reden, denkt Jackie.
Da kracht es. Mona bleibt stehen. Das Haus erhebt sich polternd auf vier fellige, schlammbedeckte Füße und weicht einen Schritt zur Seite. Seine Holzplanken knarzen bedenklich.
Mona geht in die Hocke und redet weiter: »Du hast Angst, oder? Das verstehe ich. Aber wir sind’s nur! Mona und Jackie.«
Das Haus brummt – es brummt, ernsthaft! – und zittert. Dann geht es ebenfalls vorsichtig in die Hocke – also, wenn man das bei Häusern so nennen kann – und öffnet quietschend seine Tür.
»Mona, geh da nicht rein!«, schreit Jackie.

Mona dreht kurz den Kopf in seine Richtung, dann steht sie auf – und geht hinein. Jackie rollt mit den Augen. Das darf doch nicht wahr sein! Natürlich folgt er Mona in das Haus, ist ja Ehrensache, den anderen nicht hängen zu lassen, wenn es drauf ankommt. Aber ehrlich, das Herz ist ihm bis in die Unterhose gerutscht, seine Hände schwitzen und lieber würde er sich weiter von tausend Mücken fressen lassen, als das hier zu tun!
Hinter der morschen Holztür mit der abgeblätterten Farbe befindet sich ein Zimmer. Mona blickt sich um. Es ist nicht das Bootshauszimmer, das sie kennt – es ist viel größer. So groß, dass es eigentlich gar nicht in das kleine Haus hineinpassen dürfte. Außerdem stauben hier normalerweise rostige Farbeimer und vermodernde Holzruder vor sich hin. Jetzt steht da ein rotes Plüschsofa mitten im Raum. Auf weichen, bunten Teppichen.
»Das Zimmer ist viel zu groß für das Bootshaus.« Jackie kommt zögerlich herein. »Und viel zu sauber.«
Mona deutet stumm auf die hintere Wand. Dort befinden sich sogar noch zwei Türen. Auf der einen steht in goldenen Buchstaben Mona. Auf der anderen Jackie.
»Gerade war sie noch nicht da«, flüstert Mona und zeigt auf die Jackie-Tür. »Die ist in dem Moment in der Wand erschienen, als du reingekommen bist.«
»Das ist eine Falle«, murmelt Jackie.
Das Haus brummt. Es klingt freundlich, nicht bedrohlich. Irgendwie beruhigend.
»Nein, ist es nicht!« Mona wundert sich selbst über ihre Gewissheit. »Keine Falle …«
»Pfuh«, macht Jackie, und was das bedeuten soll, weiß er auch nicht.
Sie sehen sich an. Dann gehen sie um das rote Plüschsofa herum und auf die Türen zu. Die Türen mit ihren Namen.
»Eins, zwei, drei«, zählt Mona.
Gleichzeitig drehen sie die goldenen Knäufe. Die Türen schwingen auf. Monas Tür und Jackies Tür. Mona atmet tief ein und geht hindurch. Jackie zieht sich die Mütze tief in die Stirn und geht hindurch.
Mona steht in einem runden Raum. Die Wände sind bis an die Decke mit Regalen voller Bücher zugestellt. Die Bücher sehen alt aus, sie sind in Leder gebunden und mit roten und goldenen Verzierungen geschmückt. Aber als Mona mit den Fingern über die Buchreihen streicht, entdeckt sie viele Bücher, die sie kennt und liebt. Sie zieht eine Ausgabe von Alice im Wunderland aus dem Regal und schlägt sie auf. Das Buch ist mit unzähligen Bildern illustriert, die so lebendig wirken, dass Mona für einen Moment glaubt, sie sei gerade mitten in die Geschichte hineingefallen, würde mit Alice durch die Tiefen des Kaninchenbaus purzeln und mit dem verrückten Hutmacher Tee trinken.
Mona stellt das Buch zurück und geht zum nächsten Regal. Auf dem Rücken eines auffallend großen blauen Buchs steht in silbernen Lettern unübersehbar ihr eigener Name: Mona Flint. Sie zieht es aus dem Regal und liest mit Staunen den Titel: Die fabelhaften Abenteuer der gestrandeten Kinder. Wahre Geschichten erzählt von Mona Flint. Ihr wird ganz heiß vor Glück. Aufgeregt blättert sie durch die Seiten – und da sind sie alle! Alle Geschichten, die sie den anderen Kindern je erzählt hat. Und auf der letzten Seite ist ein Foto von ihnen, man sieht Noah, Tarek, Billy, Zoé, Jackie und sie selbst. Darunter steht: Die Heldinnen und Helden dieses Buchs.

Mona drückt es wie einen Schatz an sich. Sie will gerade schauen, welche Wunder sich noch in den Regalen befinden, da hört sie Jackie rufen: »Mona? Willst du was essen?«
Mona lacht. »Nein, danke!«





