Die fabelhafte Welt der Mona Flint

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Sie stellt das Buch an seinen Platz zurück und geht in den Raum mit dem roten Plüschsofa. Da sitzt Jackie im weichen Polster, einen Schokoladenbart um den Mund, und grinst sie sehr zufrieden an.
»Dieses Haus ist das Beste, was ich je gesehen habe!«, ruft er. »In meinem Zimmer ist ein Kühlschrank – und es ist genau das drin, worauf ich gerade Hunger habe. Keine Dinkelschnitten und Tofubratlinge! Ich sage ›Schokopudding‹ – und da steht Schokopudding.«
Mona kichert. Jackies Eltern legen viel Wert auf gesunde Ernährung. Pudding ist beispielsweise etwas, das es bei Jackie zu Hause nie gibt. Mal abgesehen von griechischem Zucchinipudding, der seinen Namen nicht wirklich verdient hat.
»Und jetzt kommt der Knüller: In meinem Zimmer wohnt ein Faultier«, berichtet Jackie weiter. »Ein echtes! Mit Mütze! Es hängt an der Kühlschranktür und macht dauernd ›Äh‹. An der Decke sind Kletteräste. Aber es ist so laaangsam. Es dauert bestimmt den ganzen Tag, bis es da hochgeklettert ist. Willst du es sehen?«
Natürlich will Mona das. Doch als sie versucht, in Jackies Zimmer zu gehen, bleibt die Tür verschlossen. Sie rüttelt an dem goldenen Knauf, aber es tut sich nichts.
»Das Zimmer ist wohl nur für dich«, stellt sie fest.
Dann erzählt sie Jackie von dem Buch in ihrem eigenen Zimmer. Jackie ist hellauf begeistert. »Darf ich es mir mal ansehen?«
Aber auch er kann Monas Tür nicht öffnen.
Plötzlich geht ein unsanfter Ruck durch das Haus. Alles hebt sich ein Stück, das Sofa gerät gefährlich ins Rutschen. Mona stürzt erschrocken zum Fenster.
»Draußen schleicht Meister Maravil herum!«, ruft sie.
Das Haus hat ihn bemerkt und sich auf seine Fellfüße gestemmt. Nun läuft es rumpelnd los. Die Kinder werden furchtbar durchgeschüttelt. Jackie fällt rückwärts auf das Plüschsofa, Mona klammert sich am Fensterrahmen fest. Meister Maravil schmeißt sich der Länge nach auf den Waldboden, um nicht umgerannt zu werden.
Das Haus läuft den Weg entlang.
»Ich glaube, ich werde seekrank«, stöhnt Jackie.
Mona krabbelt auf allen vieren auf die andere Seite des Zimmers, öffnet das Fenster dort und lehnt sich hinaus, um nach Meister Maravil zu sehen. Der rappelt sich gerade wieder hoch. Was auch immer er vorhat, es bedeutet nichts Gutes für das Bootshaus – und auch nicht für Mona und Jackie.
»Lauf schneller!«, ruft Mona dem Haus zu.
Es rast aus dem Wald heraus und auf Bauer Tönnissens frisch gepflügten Acker. Doch hier kommt es nicht so gut vorwärts, denn die Erde ist weich und seine Pranken sinken tief ein. Meister Maravil hingegen überholt sie mühelos auf seinem Was-auch-immer ohne Räder und baut sich vor ihnen auf. Aus seiner Manteltasche zieht er einen Stab und richtet ihn wie eine Waffe auf das Haus. Das Bootshaus macht kehrt, doch dann bleibt es abrupt stehen. Mona rennt zum rückwärtigen Fenster. Wie aus dem Nichts sind dort auch die anderen schrägen Gestalten aus der Krähenstraße aufgetaucht. Sieben Männer sind es mit Meister Maravil zusammen, einer sonderlicher als der andere. Mona erkennt den Typ aus dem Garten unter ihnen, Rapos mit dem bunten Poncho. In einem Kreis umschweben alle sieben das Bootshaus jetzt auf ihren Was-auch-immern. Wie Meister Maravil hält jeder von ihnen einen Stab auf sie gerichtet. Das Haus heult auf, so wie der Wind manchmal heult, wenn er durch den Kamin fährt.
Auch Jackie kommt nun ans Fenster und schaut hinaus. Und er wünscht sich sofort, er hätte es nicht getan. »Mönsch«, murmelt er. »Mäntel im Sommer, fliegende Was-auch-immer – und das sind ganz klar keine Essstäbchen, die die auf uns richten. Mona, das sind Zauberer!«
Mona schluckt. Das ist ihr auch gerade klar geworden. Gegen echte Zauberer haben wir keine Chance, denkt sie. Ihr Herz rast.
Da erhebt Meister Maravil seine Stimme: »Höret, Kinder! Kraft meiner meisterlichen Befugnis gebiete ich euch, uns dieses Haus zu übergeben.«
Das Bootshaus zittert und brummt. Mona und Jackie sehen sich an. Langsam schütteln sie die Köpfe. Sie werden das Haus auf keinen Fall im Stich lassen!
»Was wollt ihr mit dem Haus?«, ruft Mona hinaus.
»Bedaure, aber das ist unsere höchsteigene Angelegenheit«, erwidert Meister Maravil.
Das Bootshaus macht hohe, knarzende Geräusche und tritt von einer Fellpranke auf die andere.
Mona nimmt ihren ganzen Mut zusammen. »Wir übergeben euch das Haus nicht«, ruft sie. »Eure meisterliche Befugnis ist uns wurst.«
»Ihr missachtet unser Gebot?«, fährt Meister Maravil zornig auf. »Nun, ganz, wie ihr wollt.«
Er nickt Rapos zu. Und was jetzt kommt, wird für immer das Unglaublichste bleiben, das je seinen Weg ins Unglaubliche Notizbuch gefunden hat: Rapos hebt seinen Stab und murmelt etwas. Ein Blitz feuert heraus. Mona und Jackie schreien erschrocken auf. Unter den Fellpranken des Bootshauses rumpelt die Erde bedrohlich. Das Haus wimmert ängstlich. Im nächsten Moment wachsen drei, vier, viele Maulwurfshaufen aus dem Boden. Überall auf dem Acker. Heraus schießen in hohem Bogen Maulwürfe. Lila Maulwürfe! Sobald sie wieder Boden unter ihren Bäuchen haben, graben sie sich zornig fiepsend in die Erde zurück. Mona und Jackie starren auf das Gewusel.

»Wütende lila Maulwürfe sind nicht gefährlich, oder?«, fragt Jackie verwirrt.
Mona schüttelt den Kopf. Was soll das?
Neben Rapos hebt der nächste Zauberer seinen Stab. Sein Blick unter dem blauen Turban ist entschlossen auf das Bootshaus gerichtet. Mit einem beeindruckenden Knall und vielen Funken schießen Zuckerwattewolken aus seinem Stab, die in alle Richtungen über den Acker davonrollen. Eine bleibt am Bootshaus kleben, das ein überraschtes Schmatzgeräusch ausstößt.
Auch die anderen Zauberer greifen nun an. Bauer Tönnissens Ackerfurchen beginnen, Wellen zu schlagen, sodass es sich anfühlt, als stünde das Haus auf einem Surfbrett. Ein riesiger Zauberer, der fast nur aus Bart besteht, schießt ein ebenso riesiges Federkissen aus seinem Stab. Das Federkissen explodiert, kaum dass es den Stab verlassen hat, und der Zauberer wird von seinem Was-auch-immer geschleudert. Danach ist die Luft voller Federn, die an den Haaren, Hüten und Mänteln der Zauberer hängen bleiben. Gleichzeitig stiebt eine Schar Phantom-Papageien aus Licht immer wieder im Tiefflug über sie hinweg. Sie sind aus Meister Maravils Zauberstab entwischt. Es ist, als kämpften die Zauberer mit sich selbst, und zwar mit wachsender Verzweiflung.
Die Kinder schauen ungläubig auf das Durcheinander, das Meister Maravil händeringend zu beenden versucht. Leider hört ihn keiner, und die Stoppschilder, die ein alter, ganz und gar kariert gekleideter Zauberer unabsichtlich aus dem Boden wachsen lässt, zeigen auch keinerlei Wirkung.
»Liebes Bootshaus«, verkündet Mona schließlich vergnügt, »wenn du mich fragst, kannst du einfach weitergehen! Ich glaube, von diesen Typen hält uns niemand auf.«
Das Bootshaus setzt sich sehr vorsichtig in Bewegung, um ja keinen der lila Maulwürfe zu zertreten, die der Boden immer noch hier und da ausspuckt.
»Bleibt unverzüglich stehen!«, ruft Meister Maravil donnernd.
»Ihr könnt uns nicht stoppen«, lacht Mona durch das Fenster. »Wir haben keine Angst vor euch!«
Das Bootshaus stapft nun mutig voran. Den Typen mit Stirnband, der sich ihm in den Weg stellt, wirft es kurzerhand einfach um – obwohl der Zauberer statt eines Stabs ein richtiges Schwert gezückt hat. In einem letzten Versuch fliegt ein rundlicher, grün gekleideter Magier mit Hut und rotem Backenbart auf sie zu. Er schwingt seine Hand nach vorn – und aus seinem Ärmel schnellt eine Pflanze heraus. Sie wächst in Windeseile durch die Luft, näher und näher an das Haus heran, und dann plötzlich … schlingt sie sich um sein Hinterbein.
Das Bootshaus zuckt zusammen. Es versucht, die Pflanze abzuschütteln, aber die rankt sich nur immer energischer um seinen Fuß. Da gerät das Haus in Panik und rennt los. Mona und Jackie werden wieder zu Boden geworfen. Der Zauberer klammert sich hartnäckig an seine Pflanze, doch das Bootshaus zieht ihn von seinem Was-auch-immer und schleift ihn über den Acker. Dennoch hält sich der Zauberer fest. Er beißt eisern die Zähne zusammen und rutscht über das Wellen schlagende Feld. Selbst als ein lila Maulwurf schimpfend auf seinem Rücken landet, hält er sich weiter fest. Es ist die Schlingpflanze, die schließlich Mitleid mit ihrem Herrn bekommt und den Fellfuß des Hauses loslässt.
Das Bootshaus schüttelt sich erleichtert und hastet quer über den verwüsteten Acker zur Hauptstraße zurück. Als das Geschaukel endlich ruhiger wird, rappeln Mona und Jackie sich auf.
»Zauberer in Firleburg, die nicht zaubern können«, murmelt Jackie benommen. »Ist das gut oder schlecht?«
»Sie haben das Bootshaus verzaubert, das ist gut für uns. Aber sie dürfen es auf keinen Fall kriegen«, meint Mona. »Das wäre schlecht.«
»Na ja, gerade hatten sie schon mal keine Chance«, sagt Jackie und kichert. »Armer Herr Tönnissen, wenn der seinen Acker sieht!«
Das Haus steigt den steilen Auenhang hinunter.
»Du willst zurück an deinen Platz am Fluss, was, altes Haus?« Mona klopft sanft auf den morschen Fensterrahmen.
Ein müdes Brummen ist die Antwort. Von der Dachrinne löst sich eine mit Federn gespickte Zuckerwattewolke und weht davon.
Jackie lässt sich auf das rote Sofa plumpsen. »Das ist doch alles unglaublicher als unglaublich, oder?«, sagt er. »Da draußen lauert ein Haufen wütender Zauberer, die wie blöd herumzaubern, es aber gar nicht können. Irgendwie habe ich mir Zauberer immer cooler vorgestellt.«
Mona grinst. »Noch viel unglaublicher ist: Es steht eins zu null für uns!«, antwortet sie. Dann deutet sie auf die zwei Türen mit ihren Namen. »Und wir haben unsere Zimmer!«
Das Bootshaus lässt sich mit einem tiefen Seufzer neben der Weide am Fluss nieder. Und während die wirklich schrägen Zauberer überlegen, wie sie dieses Haus und ihre Ehre zurückgewinnen können, sitzt Mona Flint neben Jackie auf dem Plüschsofa und ist sich supersicher, den besten Ort der Welt gefunden zu haben. Ihren ganz eigenen besten Ort der Welt.
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