Geschichten voller Pferdeglück

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Dieser Band enthält:
Fritzi Pferdeglück
Abenteuer auf dem Isländerhof
Fritzi Pferdeglück
Aufregung auf dem Haflingerhof
Fritzi Pferdeglück
Wildpferde suchen ein Zuhause
eISBN 978-3-649-63768-4
© 2020 Coppenrath Verlag GmbH & Co. KG,
Hafenweg 30, 48155 Münster
Alle Rechte vorbehalten, auch auszugsweise
Text: Lucie May
Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur
Thomas Schlück GmbH, 30161 Hannover
Illustrationen: Dagmar Henze
Satz: Sabine Conrad, Bad Nauheim
www.coppenrath.de
Das Buch erscheint unter der ISBN 978-3-649-63584-0.
Lucie May

Mit Illustrationen von Dagmar Henze

Inhalt
Fritzi Pferdeglück – Abenteuer auf dem Isländerhof
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
„Über den endlosen Strand tölten – welcher Islandpferdereiter träumt nicht davon?“
Fritzi Pferdeglück – Aufregung auf dem Haflingerhof
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
Wo die Haflinger zu Hause sind ...
Diese Dinge solltet ihr auf jeden Fall über Haflinger wissen
Fritzi Pferdeglück – Wildpferde suchen ein Zuhause
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
Und hier erfahrt ihr noch ein bisschen was über die Dülmener ”Wilden“
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1. Kapitel
Ich stand am Fenster und starrte in den Garten hinaus. Es hatte geschneit. Das erste Mal in diesem Winter und sozusagen auf den letzten Drücker, denn morgen war bereits Frühlingsanfang. An den Zaunpfosten erkannte ich, dass der Schnee schon beinah knietief den Boden bedeckt hatte.
Wow. Als ich gestern Abend ins Bett gegangen war, sah es noch kein bisschen danach aus. Papa hatte zwar gemeint, dass die Luft nach Schnee roch, aber das hatte ich nicht wirklich ernst genommen.
Unser Garten sah wunderschön aus. Er war komplett von einer weißen Schicht überzogen. Nur an einigen Stellen entdeckte ich seltsame Haufen in der ansonsten ebenmäßigen Fläche. Das mussten Mamas geliebte Buchsbäumchen sein.
Mama war ein großer Gartenfan, so wie ich ein großer Pferdefan war – ach was, ich war nicht nur ein Fan. Diese traumhaften Wesen waren mein Leben. Sie bedeuteten mir einfach alles. Ungelogen!
Diese Leidenschaft teilte ich mit vielen in meinem Reitverein, aber am allermeisten mit meiner besten Freundin Julie. Leider nur in den Ferien. Zumindest hautnah, denn Julie und ich wohnten viele, viele Kilometer voneinander entfernt.
Dass wir uns überhaupt kennengelernt hatten, war ein absoluter Zufall – nein, ein himmlischer Glücksfall gewesen.
Nur weil Papa und Mama in den letzten Osterferien keine Zeit gehabt hatten, mit mir auf den Isländerhof zu fahren, hatten sie mich kurzerhand auf eine Westernranch verschickt. Und die gehörte – oh Wunder – Julies Großeltern!
Gedankenverloren presste ich den Zeigefinger gegen den unteren Fensterrand und taute ein kleines Loch in die dünne Eisschicht, die sich dort gebildet hatte.
Es war schon verrückt, Anfang letzten Jahres war ich bittertraurig gewesen, weil ich nicht auf den Isländerhof fahren konnte, und hatte nur deswegen die beste Pferdefreundin der Welt gefunden.
Und nun fuhren wir in diesem Jahr tatsächlich alle zusammen zu den Isländern! Zwar nicht nach Föhr, sondern nach Spiekeroog, doch wieder hatte der Zufall seine Hände im Spiel gehabt: Denn auch Julie und ihr Papa Ben waren auf Spiekeroog!
Ben arbeitete jetzt schon seit vier Wochen als Pferdetrainer auf der Insel. Er hatte für einen Züchter zwei junge Pferde angeritten. Als er nun erfuhr, dass meine Eltern und ich ebenfalls ein paar Tage nach Spiekeroog kommen würden, hatte er seinen Aufenthalt einfach verlängert und Julie kurzerhand dazu eingeladen.

Das Gestüt lag ganz in der Nähe von unserem Isländerhof, und der Züchter hatte Ben großzügig angeboten, auch noch nach Beendigung seines Jobs dort zu wohnen. Natürlich waren Julie und ich total aus dem Häuschen gewesen, als wir davon erfahren hatten.
Hach, manchmal war alles so herrlich wie Vanillepudding mit warmer Schokoladensoße und einem extragroßen Klacks Sahne obendrauf.
„Fritzi!“ Schwungvoll öffnete sich meine Zimmertür und Mama kam hereingestürmt. „Hast du schon gesehen …“ Mitten im Satz stockte sie, lachte kurz auf und stellte dann fest: „Okay, wenn du staunend am Fenster stehst, dann hast du wohl auch schon gesehen, dass es geschneit hat.“
Ich nickte. „Papa hatte recht.“
„Ja, er hatte genau den richtigen Riecher“, kicherte Mama.
Sie trug die blonden Haare ausnahmsweise offen. Das ließ sie viel jünger und irgendwie fröhlicher erscheinen, fand ich. Aber vielleicht lag es auch daran, dass sie sich richtig, richtig doll auf den Urlaub freute. Das hatte sie mir gestern Abend mit mächtig roten Wangen und glänzenden Augen mindestens viermal gesagt.
„Allerdings wird die Autofahrt durch den Schnee bestimmt viel beschwerlicher werden“, befürchtete Mama.
„Ach was“, rief Papa vom Flur. „Bis wir loskommen, sind die Autobahnen längst geräumt.“
Mama zog meine Zimmertür ganz auf. Davor stand Papa und grinste wie ein kleiner Junge, der gerade etwas ausgeheckt hatte.
„Sag mal, belauschst du uns etwa?!“ Mama mimte die Empörte.
Unschuldig hob Papa die Hände. „Ich? Sehe ich etwa wie ein Spion aus?“
Mama lachte albern – übertrieben albern. Überhaupt kamen mir die beiden gerade etwas überdreht vor. Natürlich war es große Klasse, dass wir endlich mal wieder zusammen in den Urlaub fahren konnten. Aber deshalb mussten meine Eltern sich ja nicht wie hyperaktive Kleinkinder aufführen, fand ich.
Wie gut, schoss es mir durch den Kopf, dass ich schon ganz bald Julie an meiner Seite hatte. Allein konnte man diese übertriebene Elternfröhlichkeit bestimmt nur schwer aushalten.
2. Kapitel
Am frühen Nachmittag stellte Papa sein Auto ganz am Rand des großen Parkplatzes von Neuharlingersiel ab. Von hier aus würde es mit der Fähre weitergehen, denn auf Spiekeroog waren Autos nicht erlaubt. Ein echtes Abenteuer für Papa, der für gewöhnlich nicht einmal zum Brötchenholen auf seinen geliebten dunkelblauen Volvo verzichtete.
Während ich meinen Rucksack schulterte und anschließend die kleine Reisetasche, in der sich meine ganzen Reitsachen befanden, aus dem Kofferraum nahm, schaute Papa ganz unglücklich drein.
„Hoffentlich passiert ihm hier nichts.“
Mama staunte. „Meine Güte, dir fällt es ja tatsächlich richtig schwer, den Volvo hier auf dem Festland zurückzulassen!“
„Und wie“, gab Papa geknickt zu.
„Na, dann verabschiede dich mal ganz in Ruhe von deinem geliebten Auto.“ Mama grinste. „Die Fähre ist eh noch nicht zum Einstieg bereit.“
Doch das war Papa wohl doch zu … peinlich.
„Unsinn“, winkte er ab, straffte die Schultern und fragte dann betont locker: „Möchtest du auch einen Kaffee haben? Dahinten beim Fährhaus ist ein kleiner Kiosk.“
Aber Mama schüttelte den Kopf. „Nein, ich nutze lieber die Wartezeit, um mir den Kutterhafen dort drüben anzusehen. Im Reiseführer stand nämlich, dass der ganz besonders malerisch und sehenswert sein soll.“
Gut, dachte ich bei mir. Dann sind meine aufgeregten Plapper-Eltern ja erst einmal beschäftigt!
Als wir einige Zeit später zu dritt ganz vorn auf der Fähre standen und der eisige Wind uns fast die Mützen vom Kopf fegte, da konnte Papa wieder richtig lächeln. Scheinbar hatten ihm das Rollmopsbrötchen und die zwei extragroßen Becher Kaffee dabei geholfen, seinen Volvo-Abschiedsschmerz restlos zu überwinden. Alles war gut und würde bestimmt gleich noch viel, viel besser werden, wenn wir in fünfundvierzig Minuten die Insel erreichen würden und das Abenteuer endlich beginnen konnte.
Meine Güte, wie ich mich darauf freute – am allermeisten natürlich auf Julie und die Isländer.
Am Spiekerooger Hafen wurden wir bereits sehnsüchtig erwartet.
„Fritzi! Fritzi! Fritzi! Da bist du ja endlich.“
Wie ein Wirbelwind kam Julie auf mich zugeschossen und fiel mir lachend um den Hals, kaum dass ich von der Fähre gestiegen war und wieder festen Boden unter den Füßen hatte.
„Hiiilfee“, keuchte ich. „Du erdrückst mich!“
„Echt? Kacke. Oh verdammt, ich meine natürlich, herrje. Aber wenn ich mich doch sooo seeehr freue, dich endlich wiederzusehen?“
Jedes Mal war es so. Julie zerquetschte mich fast und mir fehlten erst einmal die Worte.
„Hopp, hopp, Schnecke“, plapperte sie dafür munter weiter. „Wenn wir uns beeilen, dann können wir noch zu den Isländern. Sie stehen auf riesigen Weiden unten am Wattenmeer. Hab ich schon alles gecheckt, nachdem ich angekommen bin.“

„Julie, hey, stopp mal“, wurde sie da jedoch von Ben ausgebremst. Er war neben Mama und Papa getreten, und wenn ich ihn nicht an seiner Stimme erkannt hätte, wäre ich nicht auf die Idee gekommen, dass es sich bei der bis zu der Nasenspitze vermummten Gestalt um Ben handeln könnte.
Scheinbar war ihm mein verdutzter Gesichtsausdruck nicht entgangen, denn er erklärte sofort: „Mich hat es leider richtig schlimm erwischt. Kopf- und Gliederschmerzen, und ich fürchte, Fieber ist nun auch noch dazugekommen.“
„Auweia“, bedauerte ich ihn sogleich.
„Und warum treibst du dich dann hier draußen am Hafen herum, wo ein eisiger Wind bläst, anstatt im Bett zu liegen und dich auszukurieren?“, wollte Mama wissen.
Ben zuckte die dicken Steppjackenschultern. „Das würde ich ja gern. Aber Julie …“
Er kam jedoch nicht weiter, weil Mama ihm sofort ins Wort fiel.
„Mach dir jetzt mal bitte um Julie keine Sorgen. Die zieht natürlich so lange zu uns in die Ferienwohnung. Da ist Platz genug und du kannst dich ganz in Ruhe auskurieren.“
„Wirklich?“, fragte Ben.
Mama nickte überschwänglich. „Dann kann ich mich endlich mal dafür revanchieren, dass Fritzi ständig mit euch unterwegs ist.“
Julie und ich hatten der Unterhaltung der Erwachsenen mit angehaltenem Atem gelauscht. Julie bei uns in der Ferienwohnung – das wäre wirklich der absolute Oberkracher.
Doch erst als Ben sich an sie wandte, ihr sanft über die Wange strich und betrübt fragte: „Wäre das denn überhaupt okay für dich, wenn ich dich ein paar Tage bei Fritzi und ihren Eltern einquartiere?“, brachen wir zeitgleich in lauten Jubel aus.
„Na super“, maulte Ben und spielte den Beleidigten, „so schnell ist man also bei den Kids von heute abgeschrieben.“
„Ach Ben-Papi!“ Julie klopfte ihrem Vater aufmunternd den Rücken. „Nun lass den Kopf nicht hängen. Ich hab dich doch trotzdem lieb. Auch mit triefender Knollennase. Und außerdem ist der Isländerhof doch quasi bei dir um die Ecke. Ich hol gleich meine Sachen und dann komme ich dich noch mindestens sieben Mal am Tag mit Fritzi besuchen.“
An Bens Augen konnte man deutlich erkennen, dass er unter seinem dicken Schal grinste.
„Dann bin ich aber beruhigt“, erklärte er.
Mit diesen Worten schlappte er davon.
„Erhol dich schnell, Ben-Papi, in zwei Tagen ist dein Geburtstag und dann wird ordentlich – yiiieha – gefeiert“, rief Julie ihm hinterher.
Verrückte Julie – total verrückte Julie.
3. Kapitel
Der Isländerhof Spiekeroog war mehr als nur traumhaft schön. Und dabei beeindruckte uns gar nicht mal so sehr das große Haus, in dem sich auch unser Appartement befand: mitten in den Dünen, mit unverbautem Blick auf die Pferdekoppeln. Vielmehr war es die Art, wie die Pferde hier gehalten wurden. So natürlich, so ursprünglich.
Auf einer Weide, die schier grenzenlos wirkte, trotzten die Tiere einfach jedem Wetter. Rau, wild, frei – kein Wind schien ihnen zu eisig, kein Schneefall zu stark zu sein.
Ja, sogar Julie war für einen ziemlich langen Moment sprachlos. Und das passierte wirklich selten.
„Weißt du, Fritzi, was ich gestern gedacht habe, als Ben mir die Isländerherde schon kurz gezeigt hat?“, seufzte sie schließlich. „So soll es eigentlich sein. Immer unter freiem Himmel.“
„Dafür sind aber bestimmt nicht alle Rassen geeignet“, gab ich zu bedenken. „Oder könntest du dir vorstellen, dass Sunny bei diesem eisigen Wetter im hohen Schnee draußen auf der Weide übernachtet?“
Julie zuckte die Schultern. „Wenn sie es von Anfang an so gewöhnt wäre, bestimmt. Aber natürlich haben wir Menschen die Pferde total verweichlicht. Ben sagt immer, wir vermenschlichen sie.“
Darüber musste ich einen Augenblick nachdenken – und ja, Ben hatte recht. Auf einigen Reiterhöfen wurden die Pferde bei den harmlosesten Minusgraden sofort eingedeckt. Schließlich wollte keiner der Besitzer, dass ihnen ein zu langes Fell wuchs. Wenn die Tiere durchs Reiten ins Schwitzen gerieten, dauerte es dann nämlich ewig, bis das dicke Fell wieder getrocknet war. Und dann erkälteten sich die Pferde natürlich schneller.

Einige Turnierpferde durften nicht einmal bei gutem Wetter auf die Weide. Die Gefahr, dass sie sich verletzen könnten, war den Besitzern einfach zu groß.
Ich ließ meinen Blick mit gerunzelter Stirn über die weiten Weideflächen schweifen. Es war schon verrückt: Einerseits sorgten die Reiter sich um ihre Pferde, kauften das teuerste Futter, die beste Ausrüstung, impften regelmäßig, entwurmten, ließen sich das alles richtig viel kosten, und auf der anderen Seite muteten sie ihren „Lieblingen“ zu, den größten Teil ihres Lebens in einer kleinen Box zu verbringen. Am besten noch mit so wenig Kontakt zu anderen Pferden wie möglich. Sie könnten sich ja beißen oder sonst was Schlimmes antun.
Und dabei ist doch völlig klar, dass für jedes Pferd ausreichende Bewegung und der Herdenverband superwichtig sind.
Ich war froh, dass es auf dem Kronsberghof von Nele und Mathis anders gehandhabt wurde. Dort durften die Pferde wenigstens tagsüber auf die Weiden oder im Winter für ein paar Stunden auf den Paddock.
Aber hier auf dem Isländerhof schien man wirklich alles daranzusetzen, dass die Tiere so ursprünglich und natürlich wie möglich leben konnten.
Ich fand’s klasse. Richtig große Klasse. Sollte ich irgendwann einmal selbst das unfassbare Glück haben, ein eigenes Pferd zu besitzen, dann wollte ich es ähnlich frei und artgerecht halten, beschloss ich in diesem Moment.
„Weißt du, Julie“, sagte ich zu meiner Freundin, „erst jetzt begreife ich so richtig, warum du Sunny bei Ben auf der Eagle-Free-Ranch gelassen und nicht mit nach Stuttgart genommen hast, obwohl du sie dort jeden Tag sehen und reiten könntest.“
Meine Freundin legte den Arm um meine Schulter und drückte mir einen Kuss auf die eisige Wange.
„Das ist gut“, sagte sie nur.
„Stimmt“, nickte ich und gab ihr einen Beste-Freundinnen-Kuss zurück.
„Und was wollen wir jetzt tun?“, fragte Julie. „Zum Reiten ist es zu spät.“
Ich warf einen Blick auf meine Pferdemotiv-Armbanduhr. „Es ist doch gerade mal drei Uhr?!“ Kein Grund, aufs Reiten zu verzichten, fand ich. Schließlich waren wir deshalb hierhergekommen.
Doch Julie schüttelte gleich den Kopf. „Kannst du vergessen. Spätestens um halb fünf wird es dunkel. Und wenn ich sage dunkel, dann ist das noch untertrieben. Hier ist es so finster, dass du nicht einmal die eigene Hand vor Augen siehst. Ich schwöre es dir.“
„Haben die denn keinen beleuchteten Reitplatz? Oder vielleicht sogar eine Reithalle?“ So schnell wollte ich nicht aufgeben.
Erneut verneinte Julie. „Fehlanzeige. Eine Halle besitzt hier auf der Insel nur der Züchter, für den Ben die jungen Pferde angeritten hat. Aber dort kann man nicht reiten. Außerdem wollten wir doch Isländer reiten und keine jungen Trakehner, gelle?!“
„Okay“, gab ich mich geschlagen. Wenn’s nicht sein sollte, dann blieben ja noch morgen und übermorgen und überübermorgen und …
„Aber wir können zu den Isis gehen, die im Offenstall direkt auf dem Hof sind“, schlug Julie vor. „Ich hab gestern schon mal ganz kurz über den Zaun gelugt.“
„Super Idee!“, freute ich mich.
Leider sah Mama das gaaanz anders. Als wir nämlich auf dem Weg zum Stall an der Ferienwohnung vorbeikamen, pfiff sie uns erst einmal zu sich rüber. „Wo wollt ihr denn hin?“
Ich zuckte mit den Schultern. „In den Stall zu den Pferden. Julie meint, dass direkt auf dem Hof einige der Isländer im Offenstall sind.“
Mama legte die Stirn in Falten. Verdammt! Den Blick kannte ich leider zu gut.
„Es wäre mir aber schon recht, wenn ihr erst einmal die Taschen auspacken und eure Sachen einräumen würdet. Die Pferde laufen euch bestimmt nicht weg.“
Julie sah erst Mama und dann mich verdutzt an. Auweia, bestimmt bereute sie schon jetzt, dass sie zu uns in die Ferienwohnung gezogen war. Wenn wir mit Ben unterwegs waren, war immer alles viel lockerer abgelaufen. Ob wir nun unsere Klamotten auspackten oder eben die ganze Zeit über aus dem Koffer lebten: Ihm war beides recht.
Julie hatte mal gesagt, dass das davon käme, dass er ständig unterwegs wäre. Wenn er jedes Mal ein- und wieder auspackte, dann würde er ja quasi nichts anderes mehr tun. Ich fand’s total verständlich und schämte mich mit leuchtturmrotem Kopf wegen Mamas Genauigkeit und ihres übertriebenen Ordnungssinns.
Menno!

Doch wie so oft überraschte Julie mich.
„O ja, entschuldigen Sie bitte, Frau Ludwig“, sagte sie und schenkte Mama ein gewinnendes Lächeln. „Wegen der ganzen Wiedersehensfreude und des tollen Hofs hier haben wir das glatt vergessen.“
Mama winkte großzügig ab. „Das verstehe ich natürlich.“
„Na, dann ist ja alles klar!“, rief ich fröhlich. „Bis später!“
Doch erneut wurde ich von meiner Mama ausgebremst. „Friederike?“
„Was?“ Hatte sie nicht gerade eben behauptet, dass sie Verständnis dafür hatte, dass es momentan viel Wichtigeres als Klamotten-in-den-Schrank-Hängen für uns gab? Meine Güte, war das anstrengend mit Mama.
„Ich habe euch doch gebeten, erst einmal eure Aufgaben zu erledigen.“ Mamas Stimme klang leicht vorwurfsvoll.
Schöne Bescherung, das wurde ja immer besser – und peinlicher. Aufgaben erledigen. Wie sich das anhörte. Was sollte Julie nur von uns denken?
„Und anschließend würde ich gern mit euch zusammen die Insel erkunden.“
„Was?“, rief ich völlig von den Socken.
Mamas Stirn sah aus wie die eines Faltenhundes.
„Warum bist du darüber so erschrocken, Fritzi? Ich dachte, du freust dich, dass wir die nächsten fünf Tage alles zusammen machen werden?! Papa und ich haben schon ein Rundum-Eltern-Kind-beste-Freundin-Programm ausgearbeitet.“
„Nicht dein Ernst?“, keuchte ich fassungslos.
Mama nickte. „Natürlich ist das mein Ernst!“
Ich schnappte nach Luft. O mein Gott, so hatte ich mir den gemeinsamen Urlaub bestimmt nicht vorgestellt. Julie und ich wollten die Insel erkunden. OHNE elterliche Begleitung. Reitend. Wild und frei. So wie die Isländer hinten auf den Weiden.
„Sie grinst, Fritzi!“ Julie rammte mir den Ellbogen in die Seite.
„W-wer?“, stammelte ich. Irgendwie stand ich gerade komplett auf dem Schlauch.
„Deine Mama“, kicherte Julie. „Kapierst du es nicht? Sie hat dich vergackeiert!“
Ich sah Mama an. Ihre Unterlippe zuckte verräterisch. Dann prustete sie auch schon los. „Wie du geguckt hast, Fritzi. Zu herrlich.“
„Mama“, murrte ich vorwurfsvoll. „Mir ist fast das Herz stehen geblieben.“
Aber dann lachte auch ich erleichtert los.
Puh … noch mal Glück gehabt. Das wär’s ja gewesen – Julie und ich, und an unseren Hacken pappten Mama und Papa.
4. Kapitel
„Hier gibt es ja tatsächlich keinen richtigen Pferdestall mit einzelnen Boxen und so“, stellte ich eine halbe Stunde später ein wenig erstaunt fest.
Wir waren mit dem nervigen Auspacken fertig und konnten nun endlich, endlich den Rest des Geländes erkunden.
Gerade hatten wir den Innenhof betreten, der zur linken Seite von mehreren Gebäuden und einem großen Wohnhaus umgeben war. Links erstreckte sich fast über die ganze Fläche ein riesenroßer Paddock.
Julie schob sich die Strickmütze ein wenig aus der Stirn. „Hab ich dir doch schon erzählt. Die Isländer sind entweder auf der Weide oder im Offenstall. Das ganze Jahr über. Bei Wind und Wetter.“
Ich wollte gerade etwas erwidern, als eine leicht kratzige Stimme hinter uns erklang und Julie und ich zeitgleich herumfuhren.
„Hi, ihr seid bestimmt die beiden pferdeverrückten Mädchen, die mir die Janne angekündigt hat?!“
Vor uns stand ein kleiner Mann mit einer Vollglatze und grinste uns breit an. Wie alt er war, konnte man schwer schätzen. Irgendetwas zwischen zwanzig und vierzig.
„Janne?“, fragte Julie. „Wer ist Janne?“
Julie war mal wieder schneller mit dem Sprechen. Außerdem hatte ich gerade mächtig damit zu tun, nicht loszukichern.
Der Mann sah wirklich zu ulkig aus. Wie ein Zwerg. Nur ohne Zipfelmütze.
„Frau Friedrichs. Die Besitzerin des Isländerhofes. Oder seid ihr zwei ganz andere Mädchen? Etwa welche, die von Pferdehaaren gleich das Niesen bekommen und so?“
„Unsinn!“, rief Julie empört, während ich jetzt nicht länger an mich halten konnte und albern zu quietschen anfing. Wie der redete!
„Ach so“, sagte der Typ. Zum Glück ging er nicht weiter auf mein dusselig peinliches Benehmen ein. „Na, dann kommt mal mit.“
Er stampfte los. O-beinig wie ein Fußballspieler. Ich biss mir verzweifelt in den Handrücken. Das sah einfach zu … drollig aus.





