Geschichten voller Pferdeglück

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„Hör auf damit, Fritzi“, zischte Julie mir leise zu. „Das ist bestimmt der Stallbursche. Mit dem muss man sich gut stellen.“
Ich wollte ja aufhören, ganz ehrlich! Aber ich konnte einfach nicht.
„Herr … ähm“, rief Julie dem o-beinigen Stallburschen hinterher. „Einen Moment bitte, wir kommen gleich nach.“
„Nennt mich ruhig Lordi, und okay, ich warte drüben beim Paddock auf euch.“
„Lordi“, wieherte ich. Im nächsten Moment warf Julie mich fast in den Schnee. Zum Glück konnte ich mich gerade noch an der Hausecke festhalten, um die sie mich herumgeschubst hatte.
„Fritzi, was ist denn bloß in dich gefahren?“, motzte sie mich vorwurfsvoll an. „Warum lachst du den armen kleinen Mann aus? Glaubst du, der ist glücklich darüber? Außerdem, hast du überhaupt eine Ahnung, wie kalt der es hat? Ich meine auf dem Kopf?!“
„Ich-ich“, gluckste ich, „weiß auch nicht. Vielleicht wegen der ganzen Aufregung und weil meine Eltern gerade so anders sind. So kenne ich die gar nicht. So locker und lustig. Zu Hause sind sie meistens im Stress und haben mächtig viel zu tun.“
Julie bekam zwar Untertassenaugen, aber ich hatte mich endlich wieder eingekriegt. „Sorry, jetzt geht es wieder.“ Ich hob die rechte Hand zum Schwur. „Versprochen!“
Wenige Momente später standen wir wieder neben Lordi – was übrigens von Lorenzo Knesebeck abgeleitet war. Lorenzo wegen seiner italienischen Mutter, Knesebeck wegen seines Vaters, der waschechter Spiekerooger gewesen war.

„Meine Mutter war zur Sommerfrische hierhergekommen und hat sich dabei in einen jungen Fischer verliebt“, erklärte uns Lordi, bevor er endlich auf unser Lieblingsthema zu sprechen kam: die Pferde!
„Einige von den Isis sind für die Feriengäste zum Reiten gedacht. Deshalb stehen sie hier auf dem Hof in der Offenstallhaltung. Aber immer nur für kurze Zeit. Dann werden sie wieder ausgetauscht und kommen zurück in die Herde auf die Weiden.“
„Das ist ja cool“, fand Julie. „Sie sind also Teilzeit-Reitpferde.“
Lordi nickte. „Welche Teilzeit-Isis möchtet ihr denn nehmen?“
„Wir dürfen uns einfach so zwei Isis aussuchen?“, staunte ich.
Inzwischen konnte ich Lordi ansehen, ohne albern zu kichern. Zum Glück.
Lordi nickte. „Klar doch. Janne meinte, ihr sollt erst hier auf dem Hof ein bisschen üben, und wenn ihr mögt, dann könnt ihr morgen ausreiten.“
„Wow, wie cool ist das denn?!“, freute ich mich.
„Aber woher wissen wir, welche Isis zu uns passen? Ich meine, es könnte ja sein, dass ich sage: Der Schimmel dahinten an der Heuraufe sieht total lieb und gemütlich aus, aber kaum sitze ich auf ihm, geht er im Rennpass mit mir durch und ich segele im hohen Bogen runter?!“, fragte Julie.
Lordi kratzte sich am kahlen Hinterkopf.
„Die Gefahr besteht wirklich nicht. Unsere Isis sind alle superlieb und umgänglich. Keines der Tiere bockt normalerweise oder geht sogar durch. Solche Unarten gibt es hier bei uns nicht. Außerdem, bist du nicht Bens Tochter?“
„Ja …“ Julie bekam den Mund vor lauter Staunen kaum wieder zu. „Woher weißt du das? Und woher kennst du meinen Vater?“ Wie selbstverständlich duzte sie ihn.
„Weil er schon seit Jahren auf die Insel kommt und Janne und mir schon ganz viel über dich erzählt hat. Nämlich, dass du ein super Gespür für Pferde hättest und immer sofort wüsstest, wie ein Tier tickt.“
„Echt?“, staunte Julie. Sie fühlte sich mächtig geschmeichelt. Das sah ich ihr an. Aber mir wäre es an ihrer Stelle ganz genauso gegangen. Schließlich war das ein wirklich tolles Kompliment.
Doch als Lordi im nächsten Moment hinzufügte: „Außerdem siehst du ganz genauso wie dein Vater aus“, lief Julie ketchuprot an und brummte empört: „Blödsinn!“
Auch diesmal konnte ich sie gut verstehen. Welches Mädchen wollte schon gesagt bekommen, dass es aussah wie ein Mann!
„Okay, dann nehme ich den Schimmel“, erklärte Julie schnippisch.
Dann kletterte sie auch schon unter dem Gatter hindurch auf den großen Paddock.
„Warte!“, rief Lordi ihr nach. „Ich zeig euch noch schnell, wo ihr das Putzzeug, Trensen und die Sättel findet. Und dann gibt es natürlich noch eine gratis Reitstunde für euch.“
„Dann ist ja gut“, atmete ich erleichtert auf.
So sehr ich mich auch darüber freute, dass Julie und ich später ganz allein ausreiten durften, ich hatte zuvor noch niemals auf einem Isländerpferd gesessen, und eine kleine Einweisungsstunde hielt ich wirklich für eine gute Idee.
Julie hingegen war wohl immer noch ziemlich stinkig wegen des Ben-Vergleichs, denn sie knurrte: „Und wer soll uns bitte schön die Reitstunde geben?“
Lordi rollte mit den Augen. Das sah sehr ulkig aus, sodass ich beinahe schon wieder losgeprustet hätte.
„Natürlich ich!“, erklärte er schief grinsend. „Oder traust du mir das nicht zu?“
Ich sah Julie an, dass ihr eine freche Antwort bereits auf der Zungenspitze herumhüpfte. Keine guten Voraussetzungen für ein paar schöne Tage auf dem Isländerhof.
„Hast du nicht selbst gesagt“, zischte ich ihr warnend zu, „mit dem Stallburschen muss man sich gut stellen?“
Julie atmete tief durch – sehr tief – und schüttelte dann schließlich langsam den Kopf. „Nö, alles klar.“
„Okay, dann kommt mal mit in die Sattelkammer“, sagte Lordi und trabte los.
Ich kniff Julie leicht in den Oberarm, weil sie hinter Lordis Rücken die wildesten Grimassen zog.
„Julie, hör auf damit“, kicherte ich.
In der Sattelkammer war es schön warm und sehr ordentlich. Irgendwie hatte ich nicht erwartet, dass es hier genauso aussah wie bei uns auf dem Reiterhof. Doch auch auf dem Isländerhof hingen die Sättel unter verschiedenen Namensschildern in Reih und Glied an den Wänden und darunter baumelten die passenden Trensen.
„Der Schimmel heißt Fjandi“, sagte Lordi zu Julie. Dann wandte er sich an mich. „Jetzt hast du irgendwie ganz vergessen, dir ein Pferd auszusuchen“, stellte er fest.
Tatsächlich. Ich war gerade eben so mit dem ganzen Julie-ist-stinkig-Kram beschäftigt gewesen, dass mir das glatt entgangen war. Unfassbar.
„Ähm … na ja, irgendwie …“, stammelte ich mir einen zurecht.
Doch Lordi lächelte mich nur freundlich an. „Kein Problem. Ich teile dir dann einfach mal den Frisco zu. Der ist Vollprofi und vor allen Dingen kann man sehr gut auf ihm sitzen.“
Ich nickte erleichtert und einen kurzen Moment später marschierten wir mit Zaumzeug und Putzutensilien rüber zum Anbindeplatz.
Frisco war ein kleiner Rappe mit einem Stern und zwei weißen Hinterbeinen.
Sein Fell erinnerte mich an meine dicke Wollmütze, die ich letztes Jahr auf dem Weihnachtsmarkt gekauft, aber inzwischen irgendwie verlegt hatte. Lang, weich, dicht und sehr zottelig.
„Na, du kleiner Racker“, begrüßte ich ihn.
Frisco schob mir die Schnauze entgegen und begrüßte mich mit einem sanften Stupser. Ich nahm ihn vorsichtig am Halfter und führte ihn vom Paddock zum Anbinder.

Das Putzen von Frisco stellte sich als wirklich harte Geduldsprobe heraus. Zum Schluss konnte ich kaum noch Kardätsche und Striegel halten, so lahm waren meine Arme.
Am schwierigsten war es, durch Friscos struppige Mähne zu kommen: Julie neben mir kämpfte genauso mit Fjandis dichtem Fell.
„Das erinnert mich an Higgins, als er noch kleiner war“, erklärte sie. „Sein Fell war so dicht, dass sich ständig Haarknoten gebildet haben, die man dann vorsichtig mit dem Kamm herauslösen musste. Doch gegen diese Zottelmähne hier war das glatt ein Kinderspiel.“
Ich nickte. Higgins war der Australian-Shepherd-Rüde von Julies Großeltern, der Julie auf der Eagle-Free-Ranch überallhin folgte. Aber zwischen seinem weichen Strubbelfell und diesem Berg von Pferdewolle lagen wirklich Welten!
Inzwischen war ich zum Schweif vorgedrungen. Bis hierher hatte der zottelige Frisco alles geduldig über sich ergehen lassen. Doch hinten schien der Kleine kitzelig zu sein.

Jeden Versuch, ihn bei der Schweifrübe zu packen, machte er zunichte, indem er sie fest zwischen die Hinterbacken presste. Es war gar nicht daran zu denken, sich ihm mit dem Kamm zu nähern.
„Das mag er gar nicht“, erklang plötzlich eine helle Frauenstimme.
Ich wandte mich um und entdeckte eine junge Frau mit dicker Mütze und Jacke, die lächelnd am Anbindepfosten lehnte.
„Ach so“, murmelte ich irritiert, weil ich weder mitbekommen hatte, wie sie sich genähert hatte, noch wusste, wer sie war.
Julie starrte sie genauso perplex an.
„Ihr seid bestimmt Fritzi und Julie?!“
Wir nickten im Takt.
„Mit Frisco und Fjandi habt ihr euch zwei wirklich tolle und zuverlässige Isis ausgesucht“, fuhr sie fort. „Frisco kann unheimlich gut …“ Mitten im Satz stockte sie. Wahrscheinlich war ihr aufgefallen, dass Julie und ich sie wie zwei große Fragezeichen ansahen. „Herrje, ihr wart ja gar nicht dabei, als ich vorhin Fritzis Eltern auf dem Hof willkommen geheißen habe?“
Erneut nickten wir, denn da waren wir bereits runter zu den Weiden gelaufen.
„Dann habt ihr natürlich nicht die geringste Ahnung, wer ich bin!“
Ein drittes Mal nickten Julie und ich.
Die junge Frau lachte hell auf. „Das ist mal wieder typisch für mich. Ich bin Janne Friedrichs.“
Das war also die Besitzerin des Isländerhofes.
„Hallo, Frau Friedrichs“, begrüßte Julie sie.
„Hallo“, sagte auch ich.
„So, nun muss ich auch wieder flitzen“, erklärte Janne Friedrichs und zwinkerte uns zu. „Aber bei Lordi seid ihr ja in den besten Händen.“ Suchend sah sie sich um. „Wo ist er denn überhaupt? Er wollte euch doch eine Reitstunde geben!“
„Er hat gemeint, er kommt gleich wieder zurück“, erklärte ich.
Nun grinste Janne wieder. „Na, dann ist ja alles in bester Ordnung. Viel Spaß und tschüss“, rief sie und war auch schon im Haus verschwunden.
Kurz darauf kam Lordi tatsächlich zurück. Ich bemühte mich gerade sehr, Frisco vorschriftsmäßig zu satteln. Doch den Sattelgurt bekam ich beim besten Willen nicht zu. Plötzlich kam mir Frisco nämlich noch breiter als hoch vor.
„Er pumpt sich auf“, lachte Lordi. „Ein uralter Trick. Führe ihn mal ein paar Runden Schritt.“
Kaum war ich mit Frisco drei, vier Schritte gegangen, ließ er die Luft aus dem Bauch wie ein angestochener Luftballon. Jetzt konnte ich den Gurt ohne Mühe festziehen.
Lordi sah zu und betrachtete dann prüfend Julies und mein Pferdeputzwerk.
„Donnerwetter, die beiden sind ja kaum wiederzuerkennen.“ Er klopfte Frisco den Hals. „Gut habt ihr das gemacht. Als Isländer-Pferdepflegerinnen habt ihr schon mal ’ne Eins verdient. Na, dann kommt. Wir gehen rüber auf den Paddock. Da wollen wir dann mal schauen, welche Note ihr als Isländer-Reiterinnen von mir bekommt.“ Er zwinkerte uns zu und stapfte durch den feinen Schnee davon.
„Und die anderen Pferde?“, fragte Julie. „Wir können doch nicht auf dem Paddock reiten, wenn die anderen Isis dort herumstehen.“
Doch Lordi meinte, das wäre kein Problem. „Die gehen aus dem Weg.“
Julie sah mich skeptisch an, und auch ich konnte mir nicht so recht vorstellen, wie das funktionieren sollte. Aber da Lordi uns auffordernd zunickte, führte ich Frisco schließlich auf den Paddock, stieg in den Sattel und nahm die Zügel auf. Julie folgte meinem Beispiel.
Wir ritten ein paar Runden im Kreis – fast hätte man meinen können, wir folgten der Spur eines Zirkels. Aber eben nur fast.
Immer wieder kamen wir von unserer Bahnlinie ab, weil eines der anderen Ponys meinte, sich zu uns gesellen zu müssen.
Schließlich sah Lordi es ein. „Okay, irgendwie sind die heute komisch drauf“, meinte er nachdenklich. „Dann trenne ich mal kurz ’nen kleinen Reitplatz ab.“ Kaum gesagt, da war er schon davongeeilt, um wenige Momente später mit einem langen Strick und zwei Weidezaunstangen zu uns zurückzukommen. „Mal schauen, ob ich die bei dem harten Boden in die Erde gerammt bekomme.“
„Niemals“, brummte Julie. „Wetten wir?!“
Die Wette hätte sie locker verloren, wenn ich sie eingegangen wäre. Lordi bekam beide Stangen in den Boden und verband sie schließlich mit dem Strick. Auf der einen Seite standen nun die anderen Isis und gafften zu uns herüber wie die Kühe auf der Weide. Auf der anderen versuchten wir, auf dem minikleinen Platz unsere Ponys warmzureiten. In meinem ganzen Leben war ich noch nicht auf solch einem provisorischen Platz geritten. Aber irgendwie war es auch ziemlich lustig.
Der Schritt eines Isländers war kaum anders als der eines Ponys. Okay, die Tritte waren etwas kürzer und daher schneller, aber das war es auch schon.
„Dann trabt mal an“, forderte Lordi uns auf. „Und denkt dran, einfach nur tragen lassen. Füße etwas nach vorn, Beine nicht so fest an den Körper pressen. Eure Sitzhöcker bilden den Schwerpunkt. Hand vor und dann einfach nur machen lassen.“
Okay, dachte ich und schnalzte mit der Zunge, während ich Frisco leicht meine Schenkel in die Seiten drückte. Sofort trabte er an und ja, nach einigen etwas holprigen Schritten fand ich meinen Schwerpunkt und saß recht ordentlich im Sattel.
Julie hingegen hatte mächtig mit Fjandi zu kämpfen. Statt zu traben, war er in einen schläfrigen Schaukelgalopp gefallen. Ihn wieder zum Stehen zu bringen, schien quasi aussichtslos zu sein, wenn man Julie glauben konnte.
„Auf die Zügel reagiert er überhaupt nicht“, schimpfte sie mit hochrotem Kopf. „Was mache ich denn falsch?“
Lordi betrachtet die Szene amüsiert. „Mach mal brrr!“
Julie tat, was er ihr sagte, und saß im nächsten Moment vor ihrem Islandpony im Schnee, weil es eine abrupte Vollbremsung hingelegt hatte, auf die Julie natürlich nicht vorbereitet gewesen war.
„Aua, verdammt. Was war das denn?“, fluchte sie, während sie sich langsam wieder aufrichtete und sich den Schnee vom Po abklopfte.
Lordi lief besorgt zu ihr herüber. „Hast du dir wehgetan?“
Er war richtig blass geworden. Ich bestimmt auch. Für einen Moment war mir nämlich das Herz vor Schreck stehen geblieben, als ich meine Freundin im hohen Bogen über den Hals ihres Isländers segeln gesehen hatte.

Doch zum Glück verneinte Julie und stieg auch sofort wieder in den Sattel. „Okay, brrr bedeutet Vollbremsung, Zunge schnalzen Galopp. Eigentlich ein bisschen wie zu Hause bei meiner Sunny. Die reagiert auch auf Stimme. Aber ich wusste nicht, dass die Isis das können. Na ja, dann auf ein Neues.“
Julie war wirklich das verrückteste Mädchen, das ich kannte. Sie hatte echt vor nichts und niemandem Angst – und schon mal gar nicht vor einem etwas störrischen Islandpony.
„So ist es, Julie, du musst mit deinem Isi sprechen – mit Worten und auch Taten, verstehst du? Nicht grob, stell dir vor, es bestünde zwischen euch eine Art von Verbindung. Ein bisschen wie feiner elektrischer Strom, der von dir zu ihm fließt und von ihm zu dir und durch den du ihm alles mitteilen kannst, was er tun soll.“
„Quasi via Smartphone?“, grinste Julie.
Lordi lachte.
„Wenn du es so nennen möchtest? Aber sagen wir doch lieber Gedankenübertragung. Du selbst musst ganz auf das konzentriert sein, was ihr beide tun wollt. Mit der Zeit wird er diese Sprache verstehen – deine eigene Konzentration wird sich auf ihn übertragen.“
Wir folgten Lordis Rat. Ich auch, obwohl ich eigentlich keinerlei Probleme mit Frisco hatte. Und tatsächlich, unsere Ponys wurden zunehmend aufmerksamer und weicher im Maul, ihre Schritte weit und frei.
„Das war wirklich gut. Nun seid ihr in der Lage, euch mit den Isis zu verständigen“, sagte Lordi schließlich. „Reitet noch ein bisschen Schritt und dann könnt ihr die beiden absatteln und wieder zu den anderen lassen. Die Abtrennung mache ich schon mal wieder weg. Oder stört euch das?“
Wir verneinten und taten, was er uns gesagt hatte. „Wegen eures Ausrittes morgen muss ich euch auch noch mit ein paar Regeln vertraut machen“, sagte Lordi, gerade als Julie und ich die beiden Isländer zurück aufs Paddock gebracht hatten und uns nun flugs ins Warme verabschieden wollten.
„Regeln?“, fragte ich.
Lordi nickte. „Wegen Ebbe und Flut.“
„Damit kenne ich mich aus!“, behauptete Julie.
Doch Lordi beeindruckte das herzlich wenig.
„Auf den Ostfriesischen Inseln sind wir gezeitenabhängig, Ebbe und Flut bestimmen hier bei uns nicht nur den Schiffsverkehr, sondern beeinflussen auch viele unserer Lebensbereiche. Damit ihr während eines Ausrittes mit den Isis nicht plötzlich von der Flut überrascht werdet, ist es ganz wichtig, dass ihr die aktuelle Gezeitenvorhersage beachtet.“
Julie klopfte ihre Handschuhe aneinander. „Hat mir mein Papa schon längst alles erklärt“, sagte sie betont gelangweilt.
Mannomann, manchmal konnte Julie ein richtiger kleiner Kotzbrocken sein.
Später, als wir reichlich durchgefroren zum Ferienhaus marschierten, sprach ich sie darauf an.
„Die Reitstunde war doch am Ende richtig gut, Julie. Lordi ist wirklich ein super Lehrer. Zum Beispiel die Sache mit der Gedankenübertragung war ein toller Tipp. Warum warst du denn die ganze Zeit über so patzig zu ihm?!“

Julie baute sich vor mir auf. „Siehst du in meinem Gesicht irgendwo Bartstoppeln?“
Ich grinste. Daher wehte der Wind. Julie nahm ihm den Vergleich mit Ben immer noch übel. „Nö, nur unzählige Sommersprossen. Bestimmt ist er kurzsichtig und hat deine Sommersprossen für Bartstoppeln gehalten“, neckte ich sie.
Einen kurzen Moment lang funkelte Julie mich wütend an. Doch dann zuckte es um ihre Mundwinkel. „Ach so, jetzt kapiere ich es.“ Endlich konnte auch Julie wieder lachen. „Da bin ich ja beruhigt, dass ich mich über Nacht nicht in einen Mann verwandelt habe.“
Beim Abendessen mit Mama und Papa berichteten wir dann von Lordi, seinem schrägen Aussehen und natürlich von den zuckersüßen Isländern, in die wir uns sofort verliebt hatten.
Mama und Papa lauschten unseren begeisterten Ausführungen und amüsierten sich köstlich, als Julie sich wegen ihrer angeblichen großen Ähnlichkeit mit Ben aufregte. Doch als sie schließlich mit genervtem Augenrollen erklärte: „Und dann hat er uns noch einen ewig langen Vortrag wegen der Gefahren von Ebbe und Flut gehalten“, da wurden beide sofort ernst.
„Ich hoffe, ihr habt gut zugehört!“, sagte Mama.
„Ben hat mir vorher schon erklärt, wann wir ins Watt dürfen und wann nicht. Ich weiß wirklich Bescheid.“
„Hier gibt es so viele andere Wege, die wir einschlagen können“, fügte ich hinzu.
Julie stimmte mir nickend zu. „Durch die Salzwiesen oder den Wald, wir haben gar nicht vor, mit den Pferden ins Watt zu reiten. Und außerdem, wenn ich noch einmal von dem Isi runterplumpse, dann will ich ganz bestimmt nicht in der schneekalten Watt-Matsche-Patsche liegen.“
Damit gaben Mama und Papa sich zufrieden und wir verabschiedeten uns kurze Zeit später ins Bett. Am nächsten Morgen wollten wir früh aufstehen, damit wir endlich das machen konnten, was wir am liebsten taten: zusammen ausreiten!
Himmel, war ich aufgeregt.
5. Kapitel
Kaum saßen wir am nächsten Morgen beim Frühstück, da klopfte Lordi an unsere Wohnungstür. „Morgen zusammen! Du, Fritzi, ich hab schlechte Nachrichten wegen Frisco. Er hat sich gestern nach unserer Reitstunde beim Toben auf dem Paddock das rechte Hinterbein vertreten und ich möchte ihn heute lieber hierbehalten. Nur zur Sicherheit.“
Mein Herz sank. Hieß das etwa, dass wir heute doch nicht ausreiten konnten? Wie oberblöd wäre das denn?
Lordi musste meinen enttäuschten Gesichtsausdruck bemerkt haben, denn er hob gleich beschwichtigend die Hände. „Keine Sorge! Euren Ausritt könnt ihr trotzdem machen. Ich schlage vor, dass du auf Blossi reitest. Er ist auch richtig lieb, und du hast ja gestern schon gezeigt, dass du mit den Isis gleich gut klarkommst.“
Ich atmete erleichtert auf und spürte, wie mein Herz vor Stolz etwas schneller schlug. Das war ja wohl ein echtes Lob von Lordi gewesen!
Der winkte indes eilig, rief: „Okay, ich muss dann auch schnell wieder los!“, und war schon wieder zur Tür raus.
Julie knuffte mir in die Seite. „Na, dann kann’s ja losgehen. Und dein Gesicht passt auch zu den süßen Isis. Du grinst wie ein Honigkuchenpferd!“
Keine Dreiviertelstunde später standen wir mit unseren Isis am Anbinder, und ein Blick in Blossis dunkle, warme Augen genügte, dass ich mich augenblicklich in den kleinen Kerl verliebte.
„Irgendwie kann ich unser Glück kaum fassen, dass wir ganz allein mit den beiden ausreiten dürfen“, sagte ich zu Julie. „Echt genial, dass Ben immer und überall sämtliche Pferdeleute kennt. Und, na ja, dass ich nun auf Blossi reiten kann, obwohl ich ihn gestern gar nicht ausprobieren konnte.“
Julie grinste. „Tja, mein Ben-Papi ist schon ’ne echte Bombe.“ Doch dann verdunkelte sich ihr Gesichtsausdruck ein wenig. „Aber irgendwie habe ich schon ein schlechtes Gewissen.“
„Weil du zu uns gezogen bist?“, vermutete ich.
Julie seufzte. „Wenn ich mir vorstelle, dass er krank und ganz allein auf dem Olgershof in seinem Bett liegt, während ich treulose Tomate fröhlich durch den Schnee reite … Kacke.“
„Weißt du was“, schlug ich meiner reumütigen Freundin vor. „Wenn wir von unserem Ausritt zurück sind, dann gehen wir ihn besuchen. Wir können ihm ja eine Suppe kochen oder eine Wärmflasche bringen oder so!“

„Gute Idee“, fand Julie und sah gleich wieder viel fröhlicher aus. „Na dann, Schnecke, hopp, hopp …“, grinste sie mich an.
Wir führten unsere beiden Isländer vom Anbinder auf dem Hof weg, wo wir sie zuvor geputzt und gesattelt hatten.
Julies Schimmel senkte den Kopf, schnupperte an dem Schnee und kam dann wohl schnell zu dem Schluss, dass dies dasselbe Zeug sein musste, das auch auf dem Paddock herumlag. Doch Blossi war völlig verblüfft. Behutsam setzte er einen Huf in den Schnee und war erstaunt, als er nachgab. Dann wollte er daran schnuppern, sog jedoch die Luft zu kräftig ein und musste so heftig niesen, dass Julie und ich uns vor Lachen kringelten.

„Man könnte meinen, dass er noch niemals zuvor Schnee gesehen hätte“, staunte ich.
Das war wirklich verwunderlich, denn schließlich hatten wir ihn kurz zuvor von einem schneebedeckten Paddock geholt.
„Ja, es ist wirklich komisch, wie er sich jetzt auf einmal anstellt“, fand auch Julie.
In diesen Moment öffnete sich die Haustür des Haupthauses, das sich in der Mitte des Hofes und ein gutes Stück von unserer Ferienwohnung entfernt befand.
„Guten Morgen“, begrüßte uns Janne.
Wie gestern trug sie ihre knallbunte Pudelmütze tief ins Gesicht gezogen und steckte in einem ebenso knalligen Schneeoverall. „Ihr seid ja schon früh auf den Beinen.“
„Guten Morgen“, erwiderten Julie und ich fast zeitgleich.
„Wie ich gehört habe, hat eure Reitstunde gestern noch gut geklappt?“
Wir nickten.
„Mein Mann ist ja auch wirklich ein toller Reitlehrer“, meinte Janne und hatte plötzlich einen ganz verklärten Gesichtsausdruck.
„Mann? Reitlehrer?“, fragte Julie.
Janne nickte. „Lordi. Wusstet ihr etwa nicht, dass Lordi mein Mann ist?“
„Ähm … nein“, krächzte Julie und bekam feurig rote Wangen. Bestimmt wurde ihr gerade bewusst, dass sie somit gestern den Besitzer des Hofs und nicht den Stallburschen rotzfrech angemotzt hatte – wobei das natürlich eigentlich keinen Unterschied machte.





