Geschichten voller Pferdeglück

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„Deinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, bist du noch etwas sauer auf ihn“, kombinierte Janne breit grinsend.
„Na ja, ich meine, nö, eigentlich nicht …“, murmelte Julie. Ich konnte ihr von der Nasenspitze ablesen, dass sie sich gerade schrecklich schämte.
„O Mann, Lordi hat mir gestern Abend noch erzählt, dass er wohl ordentlich bei dir ins Fettnäpfchen getreten ist. Das tut mir wirklich leid. Manchmal ist sein Mundwerk schneller als sein Kopf.“
„Kein Problem“, erklärte Julie hörbar erleichtert.
Janne lächelte. „Dann ist ja alles in bester Ordnung.“
Das fanden wir auch – diese Janne war wirklich nett. Und soweit ich das trotz ihrer dicken Vermummung erkennen konnte, auch richtig hübsch. Dass Lordi ihr Mann war, wunderte mich schon. Gleich darauf kam ich mir ziemlich dumm vor. Was hatte denn bitte schön das Aussehen eines Menschen mit seinem Charakter zu tun?
Nichts!
„Übrigens, falls ihr euch wundert, dass die Isis den Schnee noch etwas … na ja, sagen wir mal gruselig finden, das ist jedes Jahr so, wenn die ersten Flocken gefallen sind. Ganz besonders Blossi stellt sich zum Anfang immer schrecklich an. Deshalb wäre es mir auch lieber gewesen, wenn du Frisco genommen hättest. Der ist cooler.“ Sie klopfte Blossi mit ihrer dicken Handschuhhand den Hals. „Nicht wahr, du kleiner Spinner.“ Dann wandte sie sich wieder an uns. „Aber das gibt sich gleich. Ich würde euch ja auch begleiten, aber leider muss ich rüber aufs Festland. Ein wichtiger Termin, der sich nicht verschieben lässt.“
„Kein Problem“, winkte Julie ab. „Wir schaffen das schon.“
„Wir können ja erst mal nur Schritt reiten“, schlug ich vor. Das wäre jetzt echt der Oberblödkracher, wenn wir doch nicht reiten dürften.
Einen Moment lang zögerte Janne noch. Doch dann nickte sie. „Okay, aber wählt nicht gleich eine zu weite Strecke aus. Wir wollen ja nicht, dass ihr euch verirrt. Dazu ist es nämlich echt zu kalt. Am besten reitet ihr in den Wald. Da ist es etwas geschützter.“
Wir versicherten ihr, dass wir eh nicht vorhatten, allzu lange wegzubleiben, und ritten dann endlich vom Hof.
„Puh, das war knapp“, stöhnte ich erleichtert.
„Und peinlich“, fand Julie. „Aber kann ich denn ahnen, dass Lordi Jannes Mann ist?! Ich meine, der hat sich gestern ja wohl ziemlich ulkig aufgeführt.“
„Tja, vielleicht solltest du nicht immer gleich so losblaffen“, zog ich sie augenzwinkernd auf.
Julie streckte mir die Zunge heraus. „Ja, ja, mach dich ruhig lustig über mich.“
„Das tue ich doch am liebsten“, kicherte ich.
„Außer reiten natürlich.“
„Und genau das sollten wir dann jetzt auch endlich mal tun“, meinte Julie.
Wo sie recht hatte, hatte sie recht!

6. Kapitel
Im Wald war es so still, als würde hier noch alles schlafen. Weder ein Vogel noch sonst ein Tier regte sich hier.
Das einzige Geräusch, das hin und wieder zu hören war, war das dumpfe Poltern, wenn der Schnee von den überladenen Zweigen fiel.
Julie und ich ritten langsam den geschwungenen Pfad entlang und überließen uns dem schreitenden Tempo der Pferde.
Bisher hatten wir es noch nicht gewagt anzutraben. Natürlich war ich ganz wild darauf, endlich zu tölten. Auch wenn wir Janne gesagt hatten, dass wir nur Schritt reiten wollten. Na ja, sie musste ja nichts davon erfahren.
Seitdem ich vor einem Jahr die Osterferien auf dem Isländerhof auf Föhr geplant hatte, hatte ich so ziemlich alles über Isländer gelesen, was mir in die Finger gekommen war.

Besonders spannend fand ich dabei, dass ein Isländer außer Schritt, Trab und Galopp noch über zwei weitere Gangarten, nämlich Tölt und Pass, verfügte. Doch in unserer gestrigen Reitstunde waren wir nicht über Schritt und normalen Trab hinausgekommen. Lordi war es wichtiger gewesen, dass wir erst einmal lernten, uns mit den Tieren zu verständigen und ein sicheres Gefühl zu bekommen. Und außerdem wäre unser provisorischer Reitplatz für einen ordentlichen Tölt sowieso viel zu klein gewesen.
Einige bei uns im Reitstall hatten schon einmal auf einem Isländer gesessen und mir begeistert davon vorgeschwärmt, und in meiner Lieblingspferdezeitschrift hatte ich neulich einen großen Bericht über das Tölten gelesen, den ich natürlich dann sofort Julie am Telefon vorgelesen hatte. Demnach entsprach die Fußfolge des Tölts der des Schrittes und war ein klarer Viertakt.
Aber anders als im Schritt, wo sich Zwei- und Dreibeinstützen abwechselten, hatte ein töltendes Pferd immer nur ein oder zwei Hufe am Boden. Durch die fehlende Sprungphase sollte der Reiter beim Tölten nahezu erschütterungsfrei, fast wie in einem Sessel, sitzen. Zumindest hatte das so in dem Artikel gestanden, und nun war ich wirklich gespannt darauf, es endlich selbst zu erleben.
Doch leider stellte Blossi sich noch immer schrecklich wegen des Schnees an.
„So richtig wohl scheint er sich nicht zu fühlen“, ahnte ich.
Julie, die vor mir ritt, drehte sich um, stützte sich mit einer Hand auf dem hinteren Sattelrand ab, schaute Blossi zu und lachte.
„Wie ein Zirkuspferd“, sagte sie. „Der ist echt albern.“
Blossi hielt den Kopf gesenkt und schob seine Nase wie eine Schaufel durch den Schnee. Dann schleuderte er eine Handvoll in die Luft, schnaufte und erschrak sich anschließend vor dem, was da plötzlich auf ihn niederregnete.
Julie lachte sich scheckig. Doch ich beschloss, langsam ein wenig durchzugreifen.
„Jetzt ist aber mal gut, Blossi“, sagte ich mit möglichst strenger Stimme, zog die Zügel etwas an und brachte meinen kleinen wilden Isländer endlich ein bisschen unter Kontrolle. Für einen kurzen Moment beruhigte Blossi sich.
Die immer noch grinsende Julie schüttelte den Kopf. „Wie war das noch: Isländer sind rassetypisch robust und wetterhart. Sie scheuen weder Kälte, Regen und Schnee, denn schließlich ermöglicht ihnen ihr besonders dickes Winterfell in ihrer isländischen Heimat, draußen zu überwintern. Irgendwie scheinen wir mehr über Islandponys gelesen zu haben, als Blossi wahrhaben will.“
Ich nickte und Julie wandte sich wieder nach vorn. Fjandi zeigte sich gänzlich unbeeindruckt von dem Theater hinter ihm. Er ging artig voran, lediglich sein Kopf wippte im Rhythmus seines Schrittes auf und ab. Dass er gestern auf dem Platz selbst so eine Show hingelegt hatte, davon war heute rein gar nichts mehr zu spüren.
Ein wenig beneidete ich Julie. Blossi war wirklich anstrengend. Im Reitunterricht auf dem Kronsberghof ritt ich hin und wieder auf Santiago, einem kleinen Vollblüter, der auch gern mal etwas zappelig und nervös war.

Doch inzwischen wusste ich, wie ich ihn beruhigen konnte. Das gab mir Sicherheit beim Reiten, die sich dann wiederum auf ihn übertrug. Es war ganz einfach, je ruhiger und entspannter ich war, desto lockerer ging mein Pferd dahin.
Nur mit Blossi wollte das einfach nicht so hinhauen. Kaum hatte ich die Zügel verkürzt und dachte, er würde sich nun langsam etwas fassen, da entriss er sie mir mit einem Ruck wieder, um sein Maul in den Schnee zu stecken.
„Wollen wir mal antraben?“, schlug Julie vor. „Janne muss es ja nicht unbedingt erfahren.“
Tja, Julie und ich tickten wirklich ziemlich gleich.
„Gute Idee“, rief ich. „Vielleicht kriegt sich Blossi dann ein bisschen ein.“
Doch leichter gesagt als getan. Ich konnte dem Islandpony meine Waden noch so fest in die Flanken drücken, sogar ein wenig mit den Hacken dagegen klopfen, er wollte einfach nicht antraben. Auch die Sache mit der gemeinsamen Konzentration klappte einfach nicht.
Blossi wollte nur eins: seine Nase in den frischen Schnee stecken.
„Na ja, dann gehen wir halt doch Schritt“, versuchte Julie mich aufzubauen. „Ist sowieso zu riskant, bei dem Untergrund so schnell zu reiten.“
Ich nickte – was blieb mir sonst auch übrig – und kämpfte weiter mit Blossi um die Zügel.
Kurz darauf kamen wir an einer kleinen Lichtung an. Von hier aus gelangte man an den Dünen vorbei runter ans Meer.
„Wollen wir zum Meer oder umkehren?“, fragte Julie mich.
Ich zuckte die Schultern und wollte gerade sagen, dass mir beides recht sei, als mein Blick auf einen roten Farbklecks inmitten der sonst einheitlich weißen Schneedecke fiel.
„Uhhh … guck mal, da vorn! Was ist das denn?“, rief ich erschrocken.
Julie folgte meinem Blick und verzog dann ebenso abgestoßen das Gesicht. „Sieht aus wie eine blutig zerfetzte Maus. Oder nee, dafür ist es zu groß, wohl eher ein Hamster.“
„Oder eine Ratte … bah … wie eklig!“ Ich schüttelte mich.
„Vielleicht war das ein Fuchs. Allerdings ist es schon komisch, dass man gar keine Spuren im Schnee sieht“, fand Julie.
Wir überlegten einen Moment, in dem Blossi tatsächlich den Kopf oben behielt. Scheinbar hatte er die betroffene Stimmung erfasst, die sich zwischen uns breitmachte.
„Jetzt weiß ich es, das war garantiert ein Bussard oder ein Adler“, sagte Julie.
„Du meinst, er hat seine Beute aus Versehen fallen lassen?“
Julie nickte und ich seufzte nur leise: „Das arme Tierchen.“
„Na ja“, erwiderte Julie, „der Adler will schließlich auch überleben.“
Damit hatte sie allerdings recht. So war das eben in der freien Wildbahn, fressen und gefressen werden.
„Wollen wir es vielleicht begraben?!“, schlug ich vor. Natürlich war das eine völlig blödsinnige Idee. Der Boden war steinhart gefroren. Aber irgendwie fand ich es schrecklich traurig, wie das Tier da im Schnee lag. So würdelos.
Julie sprang aus dem Sattel, reichte mir Fjandis Zügel und marschierte dann entschlossen zu unserem gruseligen Fund.
„Begraben kannst du vergessen“, sagte sie und schob mit der Fußspitze so viel Schnee über das Tier, bis nur noch ein kleiner weißer Hügel zu sehen war. „Na ja, so sollte es gehen. Zumindest, bis es taut.“
Ich nickte und Julie zog fröstelnd die Schultern hoch. „Mir ist kalt. Wollen wir zurück zum Hof reiten?“
Kalt war mir auch, vor Grauen und von dem eisigen Wind, der hier auf der Lichtung herrschte. Für heute reichte es mir.
„Ja, das wird wohl das Beste sein“, sagte ich.
Julie stieg wieder in den Sattel, klopfte ihrem Islandpony den Hals und dann ritten wir denselben Waldpfad zurück, auf dem wir gekommen waren.
Blossi führte sich auf dem Rückweg genauso ungestüm auf wie zuvor. Als ich einige Häuser durch die Bäume hindurchschimmern sah, atmete ich erleichtert auf. Zum Isländerhof war es nun nicht mehr weit. Viel länger würde meine Kraft auch nicht mehr für das ewige Zügel-aus-der-Hand-reißen-Theater ausreichen.
Meine Güte, ich konnte mich nicht erinnern, wann ich mir jemals gewünscht hatte, dass ein Ausritt bitte ganz, ganz schnell vorbeigehen sollte. Echt nicht!
Als wir schließlich den Hof erreichten und von unseren Isländern abstiegen, war ich durchgefroren bis zu den Fußspitzen. Ich hätte nicht sagen können, was mir mehr wehtat: der Nacken, der Rücken oder die Arme. Der kleine Blossi hatte mir wirklich so einiges abverlangt.
Meinen ersten Ritt auf einem Isländer hatte ich mir wahrhaftig anders vorgestellt – nicht einmal zum Tölten waren wir gekommen, weil Blossi sich einfach allem widersetzt hatte.
Julie schien meine trübseligen Gedanken lesen zu können, denn sie schlug vor: „Morgen tauschen wir einfach mal die Ponys.“
Erst wollte ich abwinken, mir nicht die Blöße geben, dass ich mit dem kleinen Dickkopf nicht zurechtgekommen war, doch dann siegte die Vernunft.
„Vielleicht ist er bei dir ja artiger …“, murmelte ich.
Tröstend legte mir Julie ihren Arm um die Schultern. „Nun lass mal nicht gleich den Kopf hängen. Morgen wird es super. Ich spüre es ganz genau. Morgen werden wir den Ausritt unseres Lebens machen.“

7. Kapitel
Zum Mittagessen kochte Mama mein absolutes Lieblingsgericht: Wiener Schnitzel mit Kroketten, Kohlrabigemüse und brauner Sauce. Danach war ich mit der Welt wieder einigermaßen versöhnt. Der unschöne Ausritt, unser blutiger Fund und die eisige Kälte kamen mir nun längst nicht mehr so schlimm wie vorhin vor. Womöglich hatte ich mich auch einfach nur ein bisschen angestellt.
„Wollen wir noch mal runter zu den Weiden gehen?“, schlug ich Julie vor.
Doch sie verneinte. „Ich möchte eigentlich lieber Ben ein bisschen Gesellschaft leisten.“
Also ließen wir uns von Mama einen Korb mit allerlei Leckereien für den kranken Ben zusammenstellen und marschierten los.
„Weißt du, Julie, wie du jetzt gerade aussiehst?!“, fragte ich sie unterwegs schmunzelnd.
Sie blähte warnend die Nasenflügel auf. „Jetzt sag bloß nicht, wie Ben!“
Ich lachte. „Nö, aber wie Rotkäppchen.“
„Was? Das wird ja immer besser … öhm … schlimmer“, spielte meine beste Freundin die Entsetzte.
„Aber wenn es doch so ist? Rote Mütze, rote Jacke und ein prall gefüllter Weidenkorb mit lauter Sachen für die arme kranke Großmutter.“
Julie zeigte mir grinsend einen Vogel. „Klar doch und Ben ist ab sofort ’ne Omi.“

Lachend erreichten wir das Gestüt und fanden dort einen reichlich blassen und sehr leidenden Ben vor. Himmel und Hölle, Julies armen Papa hatte es wirklich böse erwischt.
Stöhnend richtete er sich im Bett auf, warf einen Blick in den mitgebrachten Weidenkorb und verzog das Gesicht.
„Ich hab keinen Appetit“, krächzte er.
„Aber, Ben“, sagte Julie. So schnell wollte sie natürlich nicht aufgeben. „Du musst doch etwas essen. Wir haben dir so viele leckere Sachen mitgebracht.“
„Ich kann eh nicht schlucken. Mein Hals brennt wie Feuer“, weigerte Ben sich standhaft.
„Sollen wir dir irgendwelche Medikamente holen? Halsbonbons? Hustensaft? Was zum Einreiben?“
Doch Ben schüttelte nur den Kopf.
„Julie, sei mir nicht böse, aber wenn du mir wirklich einen Gefallen tun möchtest, dann lasst mich einfach schlafen.“
„Aber, Ben-Papi, ich kann dich doch nicht so hier liegen lassen!“ Julie war richtig verzweifelt.
„Doch. Seid so lieb und geht wieder. Ich will wirklich nur schlafen. Morgen geht es mir bestimmt wieder besser.“
„Morgen hast du Geburtstag“, wisperte Julie. In ihren Augenwinkeln glitzerte es verdächtig. Sie sorgte sich wirklich sehr um Ben. „Und der Korb? Sollen wir ihn hierlassen?“, unternahm sie einen letzten Versuch. Doch Ben waren schon wieder die Augen zugefallen.
Sanft tätschelte Julie ihm die Schulter und dann schlichen wir uns auf Zehenspitzen aus dem Zimmer. Obwohl das bestimmt nicht nötig war. Bens Schnarchen nach zu urteilen, weckten den keine zehn Elefanten auf.
„Weißt du was“, schlug ich meiner besorgten Freundin vor der Tür vor, „ich sage meinem Papa, dass er nachher mal nach Ben sehen soll. Schließlich ist er Arzt und weiß bestimmt, was Ben guttut.“
Mit dieser Idee war Julie einverstanden – auch wenn sie noch anmerkte: „Aber dein Papa ist doch Zahnarzt. Darf der eigentlich auch bei richtigen Krankheiten was machen?“
Ich nickte und behauptete voll Inbrunst: „Na klar. Arzt ist Arzt!“
Okay, ganz sicher war ich mir nicht, aber egal, Hauptsache, Julie war nicht mehr so geknickt und sorgte sich um Ben.
Auf dem Rückweg gingen wir noch kurz bei den Weiden vorbei. Lange hielten wir es in der Kälte aber nicht aus. Außerdem wartete in der Ferienwohnung köstlicher Schokoladenkuchen auf uns. Mama war voll und ganz im Koch- und Backfieber.
„Ich liebe das“, erklärte sie Julie, die überhaupt nicht verstehen konnte, warum sie im Urlaub den halben Tag in der Küche verbrachte. „Zu Hause habe ich zum Backen nur selten Zeit. Außerdem kann ich mich dabei herrlich entspannen.“
„Echt?“ Julie sah Mama ungläubig an.
„Echt!“, erklärte Mama und schob die nächste Backform in den Ofen.
8. Kapitel
Am nächsten Morgen wachte ich mit rasenden Kopfschmerzen auf. Hinter meiner Stirn puckerte es, als ob dort ein kleines Männchen hocken und mit einem Minihammer zuhauen würde.
Schwerfällig wühlte ich mich aus dem Bett und schleppte mich ins Badezimmer.
Brrr … war der Fußboden kalt. Dafür brannte es im Vergleich mit meinen eisigen Füßen in meiner Kehle beim Schlucken wie Feuer und meine Nase lief in einem fort.
Im Badezimmer traf ich auf Julie. Sie sprühte vor Tatendrang und Energie. Ich leider kein bisschen. Ben hatte mich angesteckt. Das war klar wie Kloßbrühe. So ein dummer, dummer Mist.
Ganze vier Tage würden wir noch auf Spiekeroog sein und ich sollte mich ins Bett legen und meine Erkältung auskurieren?

Nein!
Niemals!
Zähne zusammenbeißen und durch, beschloss ich, während ich mir die größte Mühe gab, auf Julies fröhliches Geplänkel einzugehen.
Ich wollte mir auf gar keinen Fall anmerken lassen, dass ich mich wie zweimal durch den Fleischwolf gedreht fühlte.
„Ben hat gerade angerufen, ihm geht es schon wieder viel besser.“
„Das freut mich“, fiepste ich.
Julie musterte mich skeptisch. „Und warum ziehst du dann ein Gesicht, als ob dir ’ne Herde Isländer davongaloppiert ist?“
„Ich?“, tat ich unschuldig. „Quatsch, alles ist prima. Garantiert!“
Julie rümpfte die Nase. „Hmmm … und das soll ich dir glauben?“
„Kannst du!“ Mist, Julie konnte man nicht so leicht an der Nase herumführen! Ich versuchte, ein extrafröhliches Lächeln aufzusetzen.
Einen Moment lang sah Julie noch unentschlossen aus, doch dann zuckte sie die Schultern und erklärte: „Ich habe auf jeden Fall mit Ben vereinbart, dass wir später, also wenn wir von unserem Ausritt zurück sind, zusammen Kuchen essen. Eigentlich wollte er, dass wir zu ihm kommen, aber dann hat deine Mama gemeint, das sei doch Unsinn, und hat ihn überredet, dass er hierherkommt. Wir wollen ihm einen richtig schönen Geburtstagstisch machen.“
Julie strahlte vor Begeisterung, und ich konnte nur staunen, was meine beste Freundin heute Morgen schon alles organisiert und geplant hatte. Zumal es mir von Minute zu Minute immer mehr an Energie fehlte. Ich war echt platt.
„Und dann habe ich mich noch bei Lordi entschuldigt. Aber der hat das total locker gesehen“, quasselte sie fröhlich weiter. „Na ja, dann habe ich ihn gleich mal auf Blossi angesprochen, und er meinte, dass der eigentlich total umgänglich sei. Aber wenn wir möchten, dann können wir gern heute zwei andere Isländer zum Ausreiten nehmen. Oder er gibt uns noch eine Reitstunde.“
Ich schüttelte den Kopf. Schließlich hatte ich gestern Abend, kurz vorm Einschlafen, noch einen Entschluss gefasst.
„Nein, das ist bestimmt nicht nötig. Ich hab mir auch überlegt, dass ich es heute noch mal mit Blossi versuchen möchte. Wir brauchen keinen Pferdetausch zu machen. So oder so nicht.“
Bisher bin ich schließlich noch mit jedem Pferd klargekommen, fügte ich in Gedanken hinzu. Und die Schulpferde zu Hause auf dem Kronsberghof konnten manchmal auch ziemlich störrisch sein.
„Okay, meinetwegen“, sagte Julie gedehnt. „Ich reite gern wieder auf Fjandi – jetzt wo das mit unserer ‚Telefonverbindung‘ so richtig gut klappt –, und unterwegs können wir ja dann immer noch tauschen, wenn du magst.“
Ich nickte und damit war die Sache abgemacht.
9. Kapitel
Blossi scharrte vorsichtig mit einem Vorderhuf über den Schnee, als wollte er ihn schon wieder untersuchen. Energisch drückte ich ihm die Hacken in die Seiten.
„Komm schon, Kleiner. Keine Angst!“
„Am besten wird es sein“, sagte Janne mit Blick auf Blossi, „wenn ihr runter zum Wasser reitet. Bis um zwölf ist Ebbe und das Watt ist hundertprozentig schneefrei. Oder soll ich euch heute besser einmal begleiten?“
Julie verneinte.
Ich kämpfte weiter mit Blossi. Heute wollte ich es unbedingt schaffen.
„Eigentlich bieten wir ja sowieso nur geführte Ausritte an“, redete Janne nachdenklich weiter. „Aber weil Ben meinte, ihr beiden seid erfahrene Pferdemädchen, habe ich gedacht …“
Was sie gedacht hatte, ließ sie offen. Aber ich ahnte, dass sie ernsthaft erwog, diese fantastische Ausnahme schnellstens wieder rückgängig zu machen und uns Reitverbot zu erteilen.
Mist! Mist! Mist! Und das nur, weil dieser kleine, dickköpfige Isländer meinte, unter dem Schnee würden sich gruselige Monster verbergen oder so.
„Okay“, gab ich mich schließlich geschlagen. „Dann tauschen wir halt die Pferde.“
Ich hatte es nicht mal ganz ausgesprochen, da war Julie schon von Fjandis Rücken gesprungen und stand neben Blossi und mir.
„Einen Versuch ist es wert“, sagte sie und nickte mir aufmunternd zu.
Tatsächlich ging Blossi artig vorwärts, kaum dass Julie in seinem Sattel saß und die Zügel aufgenommen hatte. Ich wusste nicht so recht, ob ich mich darüber freuen oder total geknickt sein sollte.
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