Dschihad als Ausweg
Nina Käsehage


Anhand dreier Interviews mit tschetschenischen Kämpferinnen illustriert Nina Käsehage die Zweidimensionalität der Lebensweise der jungen Kaukasierinnen und ihrer Einflussnahme auf deutsche Frauen. Sie hielten sich in Deutschland auf, weil ihr Lebenswandel insbesondere von deutschen Dschihadistinnen als »vorbildlich« betrachtet wird und imitiert werden soll. Dabei sind sie selber nicht nur Täterinnen, sondern oftmals auch Opfer ihrer Umgebung.

Wenn man über Radikalisierung redet, sollte man auch über die Möglichkeit der De-Radikalisierung nachdenken. Dieses Buch bietet dafür individuelle Handlungsempfehlungen an, die auf Basis der Inneneinsichten der tschetschenischen Kämpferinnen gewonnen werden konnten.











Nina Käsehage

Dschihad als Ausweg

Warum tschetschenische Frauen in den Krieg ziehen und deutsche Kämpferinnen ihnen folgen









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E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2017

ISBN 978-3-86674-645-9

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über ‹http://dnb.dnb.de (http://dnb.dnb.de)› abrufbar.




Inhalt


Cover (#u61781b60-c52b-5fb5-8aae-41de4e16426f)

Titel (#ub630b8e9-3c90-5ab7-830c-84d84323971f)

Impressum (#u78f1b402-71b6-5bee-a0d2-aa3aafd2faf6)

Transkriptionsregeln (#ulink_6de8c5b1-b8fd-5e24-83c2-7f3a19c7f5ce)

Spezifische Angaben zur Zitationsweise (#ulink_84459b9e-3761-55bf-960e-08633b2db29b)

Abkürzungsverzeichnis (#ulink_47c5c46c-2eb5-5507-aecd-7cb7e2449bb9)

1.Einleitung (#ulink_3baeda64-ec73-5a03-9134-2c29dd3bd16a)

2.Historischer Exkurs (#ulink_4be23071-7534-58e6-987e-b36a62fe09fa)

3.Gasawat (#ulink_746685af-352b-5681-900b-3cf12ba2ef39)

4.Tschetscheninnen (#ulink_55f38816-d83c-5464-b21d-33abf79d9877)

5.Namensgebung und mögliche Ursachen der Dschihad-Teilnahme (#ulink_699320b5-7e1a-5030-8e74-3be5dc8e4bc0)

6.Methodik und  Vorgehensweise (#ulink_d7745988-27e6-5f11-8296-4a3edd1fca73)

7.Auswertung der Interviews (#ulink_fcf5f2f9-de00-5220-b984-1154a85c742e)

7.1Die Witwe – Umm Yasin (#ulink_ae930f7f-3857-5322-a848-d88e72413982)

7.2Die »Ältliche Tochter« – Umm Aisha (#ulink_47df912d-b930-56aa-9f30-f325a6afd6eb)

7.3Die Traditionsbewusste – Umm Nasrin (#ulink_59f2b94b-55fe-5034-a2c4-7c813a3a84d7)

8.Fazit (#ulink_983e4bbd-b1f5-5ff0-8f57-27a5b8578087)

9.Handlungsempfehlungen (#ulink_8b4feff1-a0d5-5943-88fb-74cb1b10eff2)

      Anhang 

      Literaturverzeichnis 

Primärquellen (#ulink_642d27cc-d87f-5014-b00e-b9f75d231f2a)

Sekundärquellen (#ulink_e57d0cbe-1d4b-53e2-99cd-0f93f1900776)

Zeitschriften (#ulink_a3d2a76b-895f-56ff-b87e-7d4c5406e0b9)

Internetquellen (#ulink_cd3c7956-f4d0-5002-8f99-c077b36b6e15)

Abbildungsverzeichnis (#ulink_65f85933-1d1f-5174-a2ad-d63887663195)

Glossar (#ulink_729866d4-2e25-566d-9e4c-da8f85b1a034)

Über die Autorin (#ulink_fe10dcb0-da83-5b30-b2a2-4c4293dd035a)

Fußnoten (#ulink_6bb54b50-631f-5af9-b7b0-aee53917d282)




Transkriptionsregeln


Die vorliegenden Interviews wurden unter Berücksichtigung folgender Transkriptionsregeln abgebildet:







Spezifische Angaben zur Zitationsweise


Grundsätzlich wurden wörtliche Zitate der Interview-Partnerinnen mit Fußnoten versehen, die auf das jeweilige Interview mit der spezifischen Respondentin und die dazugehörige Seitenangabe innerhalb der Interview-Transkription verweisen. Aus datenschutztechnischen Gründen und der wechselseitig geschlossenen Vereinbarung können aufgrund der besonderen Situation, in welcher sich die Interview-Partnerinnen zum Zeitpunkt der jeweiligen Interviews persönlich und ›beruflich‹ befanden, keine weiteren Angaben, bspw. zum Erhebungsort, dem tatsächlichen Namen der Respondentinnen oder dem genauen Zeitpunkt der Interview-Erhebungen im Kontext der Fußnoten gemacht werden.

Doppelte Anführungszeichen verweisen auf ein direktes Zitat, während einfache Anführungszeichen auf eine mutmaßliche Annahme hinweisen sollen.




1.Einleitung


Im Kontext der Entstehung des Islamischen Staates (IS) haben sich zahlreiche Frauen in unterschiedlicher Weise dem kriegerischen Dschihad angeschlossen und ihre Heimatländer und Familien hinter sich gelassen, um sich (un-)mittelbar an gewalttätigen Auseinandersetzungen zu beteiligen. Die Gründe der Protagonistinnen für die Partizipation am kriegerischen Dschihad sind ebenso vielfältig wie ihre Versuche, diese religiös, wirtschaftlich, kulturell oder sozial zu legitimieren.

Neben einem gegenwärtig zu beobachtenden ›Trend‹ vieler junger Europäerinnen, sich der Gewalt im Namen der Religion zu verschreiben,1 existiert eine lange Tradition kämpfender Frauen, die aus Tschetschenien stammen oder tschetschenische Wurzeln aufweisen. Das vorliegende Buch widmet sich dieser besonderen Ausprägung von Kämpferinnen, die in der Öffentlichkeit häufig als Schwarze Witwen bekannt sind.2

Im Zuge einer breit angelegten, religionswissenschaftlichen Feldforschung innerhalb des salafistischen Milieus, die während der Jahre 2012 bis 2016 stattgefunden hat, wurden insgesamt 175 Interviews mit allen drei Erscheinungsformen salafistischer Ausprägung, den so genannten puristischen, politischen und dschihadistischen AkteurInnen und namhaften Predigern jener Bewegung in Deutschland, Österreich, der Schweiz, der Niederlande, Frankreich, Belgien, Italien, Großbritannien, Spanien sowie der Türkei geführt.3 In diesem Nexus wurden zehn Interviews mit tschetschenischen Kämpferinnen geführt, die sich im Jahr 2014 vorübergehend in Deutschland aufhielten, welche sich aufgrund ihrer spezifischen Typologie von den europäischen Dschihadistinnen unterscheiden. Infolgedessen soll die Diskussion der drei exemplarisch ausgewählten Interviews dieser besonders gewaltaffinen Gruppe, deren biographische Hintergründe stellvertretend für die Erfahrungswerte aller interviewten jungen Frauen dieses Samples sind, erkennbar machen, warum sie ihr Leben dem Krieg widmen.

Darüber hinaus wird untersucht, ob die Fremdzuschreibung, die den tschetschenischen Kämpferinnen gegenüber sowohl in religiöser Hinsicht, als auch in Bezug auf charakterliche Eigenschaften öffentlich zumeist widerfährt, tatsächlich zutreffend ist.

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Frage, ob die tschetschenischen Motivlagen und die der jungen Europäerinnen deckungsgleich sind oder möglicherweise divergieren, weil deren Herkunft und Sozialisation einer unterschiedlichen Ausprägung folgte.4 Die potentielle Erkenntnis divergenter Motivlagen, Handlungsmuster und Zielsetzungen radikalisierter Frauen könnte sich im Hinblick auf individuelle Handlungsempfehlungen für die Präventions- und De-Radikalisierungsarbeit als hilfreich erweisen, um den jungen Frauen eine Alternative zur Gewalt aufzuzeigen.

Ein bekannter, psychologisch sehr vielsagender tschetschenischer Ausspruch lautet:

Нохчи хила хала ду. – Es ist hart, ein Tschetschene zu sein.5

Um nachvollziehen zu können, warum die drei Tschetscheninnen in der vorliegenden Art und Weise argumentieren, die auf Außenstehende hart und gefühlskalt wirkt, und wie sich ihre spezifische nationalstaatliche Verbundenheit und Sozialisation trotz der schwierigen Lebensumstände, die innerhalb Tschetscheniens vorherrschen, erklärt, ist zudem ein kurzer Überblick über die tschetschenische Geschichte notwendig, die für die Handlungsweise aller Respondentinnen maßgeblich ist.

Es erscheint demnach sinnvoll, die Ideologie des Dschihad abzubilden, der die Protagonistinnen nacheifern und welche sie infolge ihrer spezifischen Herkunft als Gasawat (Heiliger Krieg) bezeichnen. Zu diesem Zweck erfolgt eine kurze Einführung in die Grundzüge des kriegerischen Dschihad, der von den Respondentinnen praktiziert wird und lediglich einen Teilaspekt des Gesamtkonstrukts Dschihad abbildet.

Damit destruktive Verhaltensmuster durchbrochen werden können, müssen wir verstehen, welche Ursachen ihnen zugrunde liegen und welche innere ›Logik‹ ihnen immanent ist, denn nur dann besteht die Chance, Betroffene aus dem Kreislauf ›determinierter‹ Pfade zu befreien und ihnen alternative Lebenswege aufzuzeigen.




2.Historischer Exkurs


Um die besondere politische Haltung, das hervorgehobene Nationalbewusstsein und die Kriegsentschlossenheit der »Tschetscheninnen« nachzeichnen zu können, ist es ratsam, in einem kurzen Abriss die tschetschenische Geschichte und insbesondere die beiden tschetschenisch-russischen Kriege darzustellen, die aufgrund des Kräfte-Ungleichgewichts der Kriegsparteien, der verbalen General-Stigmatisierung der Tschetschenen und der damit einhergehenden Belagerungssituation ihres Landes an die derjenigen Völker erinnern lässt, an denen ein Genozid verübt werden sollte, wie bspw. die Armenier.6

Diese Annahme speist sich aus der spezifischen russischen Zielsetzung, die im Kontext beider Kriege zwischen Russland und Tschetschenien erkennbar wurde:

Das Ziel der russischen Kriegsführung bestand infolge des ersten russisch-tschetschenischen Krieges, bei dem die tschetschenischen Widerstandskämpfer die russischen Angreifer deutlich zurückgedrängt hatten,7 darin, die tschetschenische Bevölkerung aufgrund des ihr unterstellten »gemeinsamen Nationalcharakters der Immoralität und einer genetischen Tendenz zugunsten krimineller Handlungen«8 durch die russischen Medien im Rahmen des zweiten tschetschenischrussischen Krieges wie folgt diskreditieren zu lassen:

»Den Charakter dieses Feindes als Banditen, Kriminelle und als antihumane und antirussische (Personen) darzustellen. […] Diesen Feind als Fremden und als Parasiten am gesunden russischen Volkskörper darzustellen, dessen Zerstörung für jeden einzelnen russischen Staatsbürger eine heilige Sache sein sollte. […] Eine einfache Form zu finden, um die Führer des Feindes als primitiv, aufsässig, grausam und vertiert zu schildern. […] Soweit wie möglich zu vermeiden, über militärische Niederlagen der russischen Armee zu berichten. Die Opfer auf der russischen Seite zu verbergen und den Feind nach Möglichkeit als bereits geschlagen darzustellen.«9

Darauf folgend veranlasste Wladimir Putin10, der Boris Jelzin11-Nachfolger und ehemalige Inlandsgeheimdienstchef des Föderalen Sicherheitsdienstes (FSB),12 dass es während des zweiten tschetschenisch-russischen Krieges eine Einreise-Sperre für ausländische Nachrichtensender und Journalisten gab, so dass diese nur noch über verschlungene Pfade ins tschetschenische Landesinnere gelangen und medial bezeugen konnten, wie bspw. die Hauptstadt Tschetscheniens, Grosny, vier Wochen lang unentwegt durch »Bomben- und Artilleriebeschuss zerstört wurde, obwohl nur ein kleiner Teil der Bevölkerung die Gelegenheit hatte, die Stadt vorher zu verlassen«.13

Hinzu kamen die unangekündigten, menschenverachtenden und permanent stattfindenden sogenannten »Säuberungs-Aktionen« gegenüber der tschetschenischen Zivilbevölkerung, bei denen scheinbar Verdächtige nicht nur erniedrigenden Leibesvisitationen und stundenlanger Folter vor dem eigenen Zuhause ausgesetzt waren, welches in der Zwischenzeit geplündert wurde, sondern auch vielfach willkürlich in so genannte »Filtrations-Lager« gebracht wurden, die Anna Politkovskaja, als »mobile KZ’s« beschreibt.14

Nahezu mit an Hohn grenzender Menschenverachtung konstatiert der »Instruktionsbrief«, der aus der Feder russischer Generäle und des ehemaligen Geheimdienstchefs Putin stammt, folgende Unwahrheit: »[…] Dieses aussterbende Volk ist aus humanitären Gründen jahrhundertelang von Russland künstlich unterstützt worden. […].«15 Dass das tschetschenische Volk tatsächlich jedoch auf eine sehr alte Geschichte zurückblicken kann16, weil es vor Tausenden von Jahren bereits die nord-östlichen Berggebiete des Kaukasus bewohnte,17 die stets von russischen Versuchen begleitet wurden, die tschetschenische Ethnie gänzlich auszulöschen, zeigt der folgende historische Abriss, der im 18. Jahrhundert beginnt:

Von 1785 bis 1791 wurde ein ›Befreiungskampf‹18 von den alliierten nordkaukasischen Völkern, angeführt vom »tschetschenischen Scheich Mansur19, zwischen Kaspischem und Schwarzem Meer gegen das russische Imperium geführt«, welcher diese Region geographisch sowie wirtschaftlich vermittels der Muriden, der sufischen Kampftruppen-Schüler, unter seine Alleinherrschaft bringen wollte.20 Hintergrund für diese Auseinandersetzung war die sogenannte Kaukasus-Linie, eine Art Grenzbefestigung, welche vom Kaspischen Meer bis zum Schwarzen Meer von Russland im Jahr 1785 gezogen worden war und darauf abzielte, die ertragreichen Ländereien der Gebirgsregion zu annektieren sowie Zölle in Bezug auf Waren zu erheben, die über tschetschenische Regionen transportiert würden.21

Im 19. Jahrhundert wurde von russischer (zaristischer) Seite aus der Versuch unternommen, sich das tschetschenische Gebiet gänzlich anzueignen und die tschetschenische Identität in eine gesamtrussische Identität zwangsweise zu transformieren.22 Im Jahr 1813 hatte sich das Zarenreich in Transkaukasien etabliert und in der Folge den Nordkaukasus zum Hinterland dieses Reiches degradiert.23 Der kaukasische Statthalter Alexej Jermolow24 wurde lt. Politkovskaja durch eine gnadenlose Kolonialisierungspolitik zum verhassten Gegner der tschetschenischen Bevölkerung, bspw. durch die Zementierung des Kosakentums vermittels einer gezielten Umsiedlungspolitik in Tschetschenien, in deren Folge zahlreiche Tschetschenen ihr Leben lassen bzw. bei Verweigerung einer Umsiedlung in die Berge mit den schlimmsten Strafmaßnahmen rechnen mussten.25 Im Jahr 1818 entstand als tschetschenische Abwehrreaktion auf diese Marter die Festung Grosjana, die Bedrohliche, die der Grundstein der heutigen Stadt Grosny ist.26

Der russische Schriftsteller Lew Tolstoi27, der als Offizier in der zaristischen Armee im Nordkaukasus eingesetzt wurde, schrieb über den Überlebenswillen des »Volkes der Tschetschenen« Folgendes:

»Der Strauch der Tatarendistel bestand aus drei Stängeln. Einer davon war abgerissen, und der Stumpf ragte wie ein abgehauener Arm empor. Aber doch stand der Strauch noch da. Er sah aus, als hätte man ihm ein Stück herausgerissen, das Innere herausgedreht, den Arm gebrochen, die Augen ausgestochen. Aber er stand da. Er steht noch immer da. Ergibt sich dem Menschen nicht, der seine Brüder rings um ihn vernichtet hat!!«28

Die tschetschenische Bevölkerung reagierte auf die Repressionen Jermolows mit Widerständen, die Jermolow niederzuringen versuchte, wodurch sich der erste Kaukasische Krieg, beginnend ab dem Jahr 1818, mit sukzessiven Unterbrechungen bis zum Jahr 1859 erstreckte.29 Im Jahr 1834 wurde der Tschetschene und berühmte Muride Schamil zum Imam ernannt und rief zum Partisanenkrieg gegen die russischen Okkupatoren auf, an dem sich zahlreiche Tschetschenen beteiligten.30 Sechs Jahre später kam es zu einem tschetschenischen Volksaufstand, in dessen Folge die Tschetschenen versuchten, ein theokratisches System, das Schamil-Imamat, auszurufen dass sich sowohl auf den bedingungslosen Gehorsam seiner Anhänger im Hinblick auf seinen Personenkult, als auch auf den sufischen Gruppenzusammenhalt stützen konnte.31 Dieses wurde jedoch nicht etabliert, da die russische Unterwerfungsstrategie von zunehmender Brutalität sowie zahlenmäßiger Überlegenheit begleitet wurde und final 1859 in der Niederlage der Tschetschenen endete, in dessen Kontext Schamil inhaftiert und Tschetschenien großflächig geplündert und zerrüttet wurde.32 Dennoch widersetzte sich das eigentlich vollkommen zerstörte Land bis zur zaristisch verkündeten, offiziellen »Befriedung« des Kaukasus im Jahr 1861 seinem Anschluss an Russland.33

Ab dem Jahr 1893 wurde in Grosny erfolgreich und sehr umfangreich Erdöl gefördert, wodurch sich ausländische Investoren und Banken vor Ort ansiedelten und ein industrieller und wirtschaftlicher Aufschwung für Tschetschenien zu verzeichnen war.34 Im Zuge folgender russischer Kriege näherten sich die Tschetschenen sogar den ehemaligen Aggressoren an und waren zum Teil auf Seiten der ehemaligen russischen Besetzer anzutreffen.35 Ihr besonderer Mut, ihre taktische Stärken im Kampf sowie ihre Entbehrungsfähigkeit, wurden von vielen Militärhistorikern lobend erwähnt.36

Zu Beginn des Jahres 1921 traten die Tschetschenen zunächst der Sowjetischen Bergrepublik (GSR) unter der Vereinbarung bei, dass die ehemals zaristisch annektierten tschetschenischen Gebiete ihnen wieder zurückgegeben, die Adaten, die seit Jahrhunderten das tschetschenische Gemeinschaftsleben regelnden Statuten, sowie das Schariat offiziell gebilligt würden.37 Ende des Jahres 1922, nachdem die GSR sich aufgelöst hatte, wurde das tschetschenische Gebiet in eine unabhängige, administrative Einheit transformiert und im Kontext der ehemaligen Sowjetunion38 im Jahr 193639 mit Inguschetien zur autonomen Republik, der tschetschenisch-inguschetischen Republik (Tschetscheno-Inguschetische Autonome Sowjetrepublik, AdSSR) ernannt,40 dessen Hauptstadt das Erdölzentrum Grosny war.41 Die muslimischen Tschetschenen bezeichnen die Inguschen und sich als Vai Nakhk, was im Tschetschenischen so viel wie »Unser Volk« bedeutet.42 Sie bilden zusammen mit Ingutschetien und Neu-Ossetien die größte ethnische Gruppe im nördlichen Kaukasus und bezeichnen einander als »Brüdervölker«.43

Ab Mitte der Zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts war ein spürbarer wirtschaftlicher und bildungspolitischer Aufschwung in Tschetschenien wahrnehmbar, den die Machthaber der beginnenden UdSSR zu unterbinden versuchten, indem sie in dieser Zeit im Zuge der sogenannten »Ersten Welle« eines lt. Politkovskaja »roten Staatsterrors« 35 000 Opfer, überwiegend aus angesehenen Schichten des Landes wie den Mullahs sowie vermögenden Landwirten, in Tschetschenien durch Mord, Folter und den Folgen von »Säuberungsaktionen« und miserablen Haftbedingungen infolge einer willkürlich veranlassten Inhaftierung, verschuldeten.44 Die »zweite (russische) Terrorwelle« habe 3000 Todesopfer der kurz zuvor entstandenen tschetschenischen Intelligenzija gefordert.45 Vom 31. Juli auf den 1. August 1937 seien weitere 14 000 Tschetschenen inhaftiert worden, weil diese sich aufgrund eines höheren Bildungsstandes oder sozialer Tätigkeiten von der breiten Bevölkerungsmasse unterschieden und Bildung von russischer Seite mit »Ideologie« gleichgesetzt und somit als potentielle Gefahr betrachtet wurde.46 Einige dieser Opfer wurden sofort exekutiert, während andere in Lagern interniert wurden und darin nach einem längeren Martyrium infolge der Arbeits- und Lebensbedingungen verstarben.47 Diese Verhaftungswelle dauerte bis zum Jahr 1938 an und wird in Tschetschenien als das Jahrzehnt der Repressionen tituliert, da zwischen den Jahren 1928 und 1938 über 250 000 Menschen im Zuge dieser willkürlichen Verschleppungs- und Tötungs-Aktionen ihr Leben verloren.48

Im Februar 1944 veranlasste der russische Oberbefehlshaber Josef Stalin49 aufgrund einer fälschlicherweise unterstellten Kollaboration des tschetschenischen Volkes mit den deutschen Nationalsozialisten, die Deportation des gesamten tschetschenischen Volkes in die kasachische Steppe.50 In diesem Zusammenhang wurde die Löschung sämtlicher Aufzeichnungen zur tschetschenischen Nation angeordnet, und dessen Existenz wurde als Republik von jeder sowjetischen Landkarte und aus jedem Buch entfernt, beinahe so, als ob man sie aus dem kollektiven Gedächtnis streichen wollte.51 Diejenigen Tschetschenen, die in den Bergen wohnten und sich weigerten, an dieser Deportation teilzunehmen, wurden zusammen mit ihrem Besitz und ihren Tieren verbrannt.52 Aufgrund der harten klimatischen Bedingungen während des Winters des Jahres 1944 kam im Zuge jener Deportation schätzungsweise ein Drittel der tschetschenischen Gesamtbevölkerung ums Leben.53 Die Überlebenden durften erst zum Ende der 1950er Jahre wieder nach Tschetschenien zurückkehren und seien lt. Sager bis heute ob dieser Ereignisse stark traumatisiert.54 Politkovskaja zufolge habe jeder dritte Tschetschene diese Zwangsaussiedlung selber erlebt und das daraus resultierende Trauma sei noch immer in der panischen Furcht der Tschetschenen vor einer Wiederholung dessen spürbar und ein Grund dafür, warum sie »hinter allem ›die Hand des KGB‹ aufspürten und Anzeichen für eine neuerliche Vertreibung erkennen wollten.«55

Nach dem Zerfall der UdSSR und den beginnenden Reformbemühungen des KPdSU-Parteichefs Nikita Chruschtschow versuchte sich Tschetschenien zu einer unabhängigen Republik zu erklären56, und dessen ursprüngliche Bevölkerung versuchte seit 1956 in kleinen Gruppen in ihr Heimatland zurückzukehren.57 Ihre Heimkehr wurde jedoch von den dort in der Zwischenzeit ansässig gewordenen russischen und kosakischen Siedlern behindert, indem diese die Tschetschenen nicht offiziell als Eigentümer der Ländereien und Besitztümer anerkennen wollten.58 Die Tschetschenen kämpften jedoch kontinuierlich für ihr Recht auf Rückkehr, so dass die sowjetische Regierung ihre Rückkehr offiziell genehmigte bzw. »legalisierte«, und Tschetschenien (Nokhchi Mokhk) seine Unabhängigkeit im Jahr 1957 offiziell, jedoch mit veränderten Grenzen, erlangte.59

Der Name Tschetschenien oder Tschetschene ist nicht tschetschenischen Ursprungs, sondern dem Dorf entlehnt, das die zaristischen Armeen zuerst eroberten.60 Die Tschetschenen nennen sich selber Nokhcho bzw. ihr Volk die Nokhchi Q'am (die tschetschenischen Leute) und ihre Sprache Nokhchi Mott.61

Trotz der anhaltenden Verleumdung der Tschetschenen als »unzuverlässige Menschen« durch russische Medien und der kontinuierlichen, gewaltsamen Versuche der »Russifizierung« der Tschetschenen, konnte sich Tschetschenien in den 1960er und 1970er Jahren erneut zu einem Industriezentrum ausbauen, dessen Zentrum Grosny für seine kosmopolitische Prägung und die multikulturelle Harmonie weit über die Grenzen des Landes bekannt war.62

Im Winter 1990 wurde im tschetschenischen Volkskongress die Unabhängigkeit der Republik ausgerufen und durch eine schriftliche Erklärung diese staatliche Souveränität manifestiert.63 Infolge eines Putsches wurde im Zeitraum von August bis zum September 1991 »der Oberste Sowjet der Republik aufgelöst, die Macht ging auf außerkonstitutionelle Organe über, die Neuwahlen ansetzten und eine Loslösung Tschetscheniens von der Russischen Föderation« forderten.64 Fortan wurde eine »Tschetschenisierung« aller Lebensbereiche vollzogen, in deren Kontext viele russisch-sprachige Bevölkerungsangehörige das Land verließen.65 Der gemäßigte erste Präsident der tschetschenischen Republik Itschkeriya, Dshochar Dudajew,66 wurde zum Anführer der »tschetschenischen Revolution« und leitete die »neue« Republik von 1992 bis zu seinem Tod durch eine Zielsuchrakete im April des Jahres 1996.67 Zuvor war er in der sowjetischen Luftwaffe bis zum Generalmajor aufgestiegen und hatte Russland bis zu dessen Okkupationsversuch stets freundlich gegenüber gestanden.68

Im Kontext der Revolution des Jahres 1991 ereignete sich auch ein gesellschaftlicher, tschetschenischer Umschwung, bei dem die »tschetschenische Intelligenzija«, beeinflusst von gesellschaftlichen Randfiguren mit radikalen Tendenzen, einen weniger sachlich fundierten, jedoch aggressiveren politischen Kurs anstrebte, wie Politkovskaja konstatiert:

»Die ökonomische Führung fiel an Menschen, die nicht wussten, wie man eine Wirtschaft leitet. Die Republik war wie im Fieber, übte sich in endlosen Meetings und Demonstrationen, während das tschetschenische Erdöl still und heimlich in unbekannte Richtung abfloss. Als Folge dieser Ereignisse begann im November-Dezember 1994 der erste Tschetschenien-Krieg.«69

Die russische Strategie, die unterschiedlichen teips gegeneinander auszuspielen, schlug fehl, da diese sich stattdessen verbündeten, und das gemeinsame tschetschenische Nationalbewusstsein kulminierte. Infolgedessen wurden den russischen Truppen zahlreiche Verluste während der Gefechte im Zuge des Sturms auf Grosny von tschetschenischen Einheiten beigebracht.70 Nach vier Monaten andauernder Kämpfe war die Stadt stark zerstört, und der Krieg erstreckte sich über das ganze Land.71 Im Jahr 1996 gab es auf russischer sowie auf tschetschenischer Seite über 200 000 Opfer zu beklagen.72 Mitte des Jahres 1996 reiste der Sekretär des Sicherheitsrates der Russischen Föderation, General Alexander Lebed,73 nach Tschetschenien, um ein Ende dieses Krieges mit den Tschetschenen auszuhandeln. Im August 1996 kam es zu einem Friedensschluss in Form einer politischen Artikulation, der Chassawjurt Erklärung74, sowie der Aushandlung von »Prinzipien für die Bestimmungen der gegenseitigen Beziehungen zwischen der Russischen Föderation und der Tschetschenischen Republik«, welche einen Status der »Nicht-Kriegszeit« für fünf Jahre festlegte und von Lebed und Maschadow, Dudajews früherem Generalstabschef, unterzeichnet wurde.75 Die russischen »Förderations-Streitkräfte« waren mit Chassawjurt nicht zufrieden, da dieser Vertrag sie ihrer Ansicht nach daran hinderte, »die Sache zu beenden und sie stattdessen öffentlich demütigte«.76

Nach dem ersten tschetschenisch-russischen Krieg, bei dem Russland schwere militärische Niederlagen erfahren und in der Folge Reparationsleistung an Tschetschenien zugesichert, jedoch nie gezahlt hatte77, erstarkte eine wahabitisch geprägte Religionsgemeinschaft in Tschetschenien, die von dem saudischen Omar Ibn al-Chattab78 angeführt wurde und die tschetschenische Bevölkerung mit Geld und extremistischer Ideologie vereinnahmte79, die u. a. den kriegerischen Dschihad als ehrbare Aufgabe und die Gemeinschaft der Wahabiten als bedeutsamer als den Zusammenhalt der traditionellen teips, der tschetschenischen Klan-Struktur, postulierte.80

Dudajews Nachfolger wurde Anfang des Jahres 1997 Aslan Maschadow,81 Dudajews früherer Generalstabschef und ehemaliger Oberst der sowjetischen Armee.82 Im Mai 1997 unterzeichnete Maschadow einen »Vertrag über Frieden und die Prinzipien friedlicher bilateraler Beziehungen«83 mit Jelzin.84 Weitere Friedensbeziehungen wurden jedoch von verschiedenen, untereinander verfeindeten, militärischen Anführern85, darunter u. a. Schamil Bassajew86, ein radikal-islamischer Fundamentalist, gestört. Dieser nutzte den verzögerten staatlichen Strukturaufbau und die damit verbundene, desolate Situation der Bevölkerung in Tschetschenien mit Hilfe saudischer Geldgeber und wahabitischer Gelehrten dazu, um die zunehmende Perspektivlosigkeit in Kriminalität und radikal-islamischen Terrorismus zu kanalisieren.87 Bassajew ist in Bezug auf seine inkonsistente Loyalität als eine schillernde Persönlichkeit zu bezeichnen, da er sowohl mit Dudajew Seite an Seite in der sowjetischen Armee gekämpft hatte, Feldkommandeur im tschetschenischen Widerstand während des ersten tschetschenisch-russischen Kriegs war, jedoch zugleich vom russischen Auslandsgeheimdienst, Hauptverwaltung Aufklärung (GRU) des Generalstabs der Russischen Föderation, ausgebildet und als Söldner der Abchasen, die vom Kreml protegiert wurden, im Georgisch-Abchasischen Krieg, der von 1993 bis 1994 stattfand, gekämpft hatte.88 Zudem zeichnet er für den 1995 organisierten Streifzug seiner Truppen in Richtung Budjonnnowsk verantwortlich, bei dem sowohl Patienten als auch Personal eines Gebietskrankenhauses sowie eines Entbindungsheimes als Geiseln genommen wurden.89 Es kann demnach konstatiert werden, dass Bassajew und nicht Maschadow mit zivilen Geiselnahmen von sich reden machte und diese ohne zu zögern für seine politischen Zwecke einsetzte.90

Am 23. Juni 1998 gab es einen Attentats-Versuch auf Maschadow, den dieser jedoch überlebte, und drei Monate später verlangten die Feldkommandeure, die von Bassajew angeführt wurden, der zu dieser Zeit Premierminister Tschetscheniens war, Maschadows Rücktritt und trieben das Land durch ihre Partikularinteressen selber fast in einen Bürgerkrieg.91 Selbst die Einführung der Schariats-Jurisdiktion zu Beginn des Jahres 1999, nach der eigenmächtig agierende Feldkommandeure öffentlich exekutiert wurden, konnten die Segregationsbestrebungen der einzelnen Gruppen nicht mehr unterbinden.92

Zusammen mit Chattab93 unternahm Bassajew im Juli 1999 den Versuch, das Nachbarland Dagestan in den tschetschenischen Widerstand gegen Russland zu involvieren,94 indem beide mit ihren Truppen in die dagestanischen Siedlungen Sondak, Rachata, Bottlich und Ansalta im Gebirge sowie in die Täler Karamachi sowie Tschabanmachi vordrangen,95 was Putin im Oktober 1999 dazu veranlasste, russische Truppen nach Tschetschenien zu entsenden.96 Der nun beginnende, zweite tschetschenisch-russische Krieg97 wurde als »Kampf gegen den Terror im Nordkaukasus« deklariert98, was aufgrund der Vorgeschichte beider Länder als Kriegsgrund recht monokausal wirkte, obwohl zweifellos das Erstarken radikal-islamischer Kräfte eine tatsächliche Rolle im zweiten Krieg spielte, jedoch nicht ursächlich dafür war, sondern, wie zuvor beschrieben, als Folgeentwicklung aus dem ersten Krieg betrachtet werden kann, die Tschetschenien in desolate wirtschaftliche und soziale Verhältnisse zurückgeworfen und damit den Boden für wahabitische Extremisten bereitet hatte.99 Putin kultivierte als neuer russischer Premierminister seine Reputation als »eiserne Faust« gegenüber russischen Gegnern und wurde im März 2000 durch die Konstruktion dieses Images zum Präsidenten der Russischen Föderation gewählt. Obwohl er mehrfach die Möglichkeit gehabt hätte, den Krieg zwischen Tschetschenien und Russland zu beenden, beließ er es bei diesem lt. Politkovskaja auch unter der Voraussetzung, dass »ein Krieg Russlands im Kaukasus chronischen Charakter annehme, aufgrund von den folgenden fünf Vorteilen für Russland«100 dabei:

(1)Um die oberen militärischen Ränge nicht zu verärgern, indem er militärische Artikulationsfläche schuf, auf der sie ihre Abzeichen, Auszeichnungen und Karrieren aufbauen könnten.

(2)Um den mittleren sowie unteren militärischen Dienstgraden ihre von den Vorgesetzten legalisierten Diebeszüge in der Zivilbevölkerung als »zuverlässige« Nebeneinkunft zu gewährleisten.

(3)Um beiden Gruppen die illegale Ausbeutung tschetschenischer Erdölförderung zur persönlichen Bereicherung weiterhin zu ermöglichen.

(4)Um den von Moskau entsandten bzw. bestimmten tschetschenischen Verwaltern, die als »die neue tschetschenische Macht« bezeichnet werden, weiterhin deren persönliche Bereicherung aus den Budgetmitteln des tschetschenischen Wiederbaus zuzugestehen.101

(5)Um aus PR-technischen Gründen den Kreml vor kritischen, innenpolitischen Fragen zur wirtschafts-politischen Entwicklung Russlands immer dann zu schützen, wenn die jeweiligen »Beweislagen« zu erdrückend zu werden drohten.102

Maschadow musste aufgrund des russischen Übergriffs in den Untergrund fliehen, und Putin setzte im Juni 2000 Achmad-Hadshi Kadyrow103 als tschetschenischen Verwaltungschef ein.104 Die Tschetschenen betrachteten jedoch Maschadow nach wie vor als Präsidenten, während die Russen Kadyrow sen., der noch im Jahr 1994 Mufti von Tschetschenien war und zum Gasawat (Heiligen Krieg) gegen die Russen aufrief, nach seiner persönlichen Annäherung an Russland und Putin als gemäßigteren Verwalter Tschetscheniens ansahen. Maschadow wurde hingegen von russischer Seite unterstellt, dieser schrecke auch vor zivilen Geiselnahmen zur Durchsetzung seiner Ziele nicht zurück, was tatsächlich nicht der Fall war.105 Im Oktober 2003 wurde Kadyrow sen. in einer höchst umstrittenen Wahl zum Präsidenten Tschetscheniens gekürt und nur wenige Monate später, im Mai 2004 Opfer eines Anschlags im Stadion von Grosny.106

Seitdem ist sein Sohn Ramsan Kadyrow107 der neue tschetschenische Präsident ›von Moskaus Gnaden‹.

Maschadow wurde im Jahr 2005, eine Woche, nachdem er Putin ein Friedensangebot unterbreitet hatte, von einer FSB-Sondergruppe getötet.108

Seit dem Jahr 2008 verließen zigtausende Tschetschenen ihre Heimat und zogen verstärkt nach Europa, hier insbesondere nach Belgien.109 Aus dieser Tatsache lässt sich z. T. die starke Gewaltaffinität der belgisch-dschihadistischen Szene ableiten, wie im Kontext der Feldforschung im europäischen salafistisch-dschihadistischen Milieu konstatiert werden kann.110

Die kategorischen Versuche Russlands, sowohl die ursprüngliche tschetschenische Bevölkerung staatlich gesteuert zu enteignen und sich ihre Bodenschätze anzueignen, indem man versuchte, diese auszusiedeln, zu inhaftieren oder zu ermorden, als auch sie ihrer Sprache zu berauben, wenn man das zuvor erwähnte, dreizehnjährige Sprachverbot betrachtet,111 wirken wie ein gezielter Versuch, eine Volksgruppe ihrer Identität zu berauben. Darüber hinaus mutet das Bestreben, tschetschenische junge Männer willkürlich bei den erörterten »Säuberungsaktionen« zu verstümmeln,112 zu entmannen und als potentielle Gegner frühestmöglich zu demoralisieren, in Verbindung mit der staatlich gesteuerten Konstruktion des Bildes vom »wilden« und scheinbar »unkultivierten Tschetschenen«113 mittels russischer Medien wie ein Indikator für das über Jahrhunderte betriebene Vorhaben an, einen Genozid an dieser Volksgruppe zu verüben.114 Warum diese anti-tschetschenische russische Politik seit so langer Zeit praktiziert wird, ist fraglich und vermutlich nicht ausschließlich wirtschaftlichen Gründen geschuldet, sondern entspricht vielmehr einem Konglomerat von autoritären Herrschaftsansprüchen gegenüber sämtlichen umliegenden Regionen Russlands und einem ausgeprägten Überlegenheitsgefühl hinsichtlich anderer Kulturen, Religionen und Ethnien, der durchaus als ›russischer Orientalismus‹ bezeichnet werden darf.

Wie im weiteren Verlauf anhand der Biographien der drei Tschetscheninnen erkennbar werden wird, erscheint Politkovskajas Fazit hinsichtlich der tschetschenischen Geschichte im Kontext der vorliegenden Untersuchung über die Gründe junger Tschetscheninnen, sich in den kriegerischen Dschihad zu begeben, als sehr plausibel, da die Journalistin konstatiert, dass die »prinzipielle Bedeutung von Freiheit und Unabhängigkeit des Kaukasus von Russland«, die durch die zwei Nationalhelden Mansur und Schamil personell in das kollektive Gedächtnis Tschetscheniens eingegangen ist, deshalb besonders prägend für »die tschetschenische Nationalpsychologie war, weil die Heimsuchungen und Nöte Tschetscheniens von Generation zu Generation immer wieder mit Russland in Verbindung gebracht würden«.115




3.Gasawat


Die tschetschenischen Kämpferinnen verwenden in ihren Ausführungen zur ›Notwendigkeit‹ des Kampfes oftmals den Begriffs Gasawat, um ihre Teilnahme am kriegerischen Dschihad zu begründen.116 Der Begriff Gasawat bedeutet in der Übersetzung »Heiliger Krieg« und bezieht sich auf den Aufruf des ersten Imams des nördlichen Kaukasus, Scheich Mansur, an die lokalen Bauern und Stämmen, sich in Form des Gasawats gegenüber jeglicher Form sozialer Ungerechtigkeit, den Russen sowie deren regionalen Verbündeten, die als personifizierte Unterdrücker und Helfer des Bösen betrachtet wurden, zu erheben.117

Inwiefern korrespondiert der hier beschriebene religiös legitimierte Volksaufstand jedoch mit der gegenwärtigen Dschihad-Teilnahme der tschetschenischen Kämpferinnen? Und wie ist es möglich, dass tschetschenische Frauen am Kampf teilnehmen, obwohl das kaukasische Moralgesetz Adat der Frau weder die Rolle der Rächerin noch die der Kämpferin zugesteht?118

Um diesen Zusammenhang zu begreifen, empfiehlt sich ein kurzer Exkurs in die Konzeption des Terminus Dschihad. Der Begriff Dschihad leitet sich aus dem arabischen Wort 


 (Jahd) ab und wird als »Anstrengung« oder »Bemühen« übersetzt.119 Die Übersetzung des Begriffs Dschihad als »heiliger Krieg« ist demnach inadäquat, zumal das Synonym des Verbes ›kämpfen‹ aus dem arabischen Wort qital abgeleitet wird und viermal so oft im Koran Verwendung findet wie der medial präsentere Begriff Dschihad.120 Grundsätzlich wird der Dschihad in drei Dimensionen aufgesplittet:121 den kleinen, kriegerischen Dschihad, dessen Bedeutungsgehalt theologisch betrachtet sehr gering ist, den mittleren Dschihad, verstanden als ›Wissensstreit‹, sowie den großen und bedeutsamsten Dschihad eines jeden Gläubigen, die kontinuierliche Anstrengung, ein rechtschaffener Gläubiger zu sein.122 Die Verquickung des Konzeptes des kleinen Dschihads mit dem tschetschenischen Äquivalent des Gasawats der Kämpferinnen basiert auch auf dem Kult um die im historischen Exkurs erwähnten Muriden. Diese berühmten kaukasischen Kampftruppen waren nicht nur für ihre Glaubensfestigkeit hinsichtlich der Prinzipien der Scharia sowie des Gasawats bekannt, sondern wurden auch aufgrund der sozialen Gerechtigkeit, die sie in ihrem Umfeld konstituierten, verehrt.123 Die tschetschenischen Kämpferinnen versuchen demnach durch ihr Wirken, die Tradition dieser ›ehrenvollen‹ Kämpfer zu imitieren und hierdurch deren Andenken zu huldigen. In eben jener Tradition agierte auch Bassajew, der sich selber als Amir der Islamischen Brigade der Märtyrer bezeichnete, während der saudische Abu al-Walid vielmehr dem wahabitischen Dschihad-Konzept nacheiferte. Ein verbriefter Hinweis auf das Konzept des kleinen Dschihads bzw. Gasawats und die individuelle Pflicht zur Teilnahme daran, findet sich ebenfalls im Majlis al-Shura, dem nationalen Scharia-Verteidigungsrat, aus dem Jahr 2003 zur Verteidigung des Islams und dessen Verbreitung sowie zum Schutz ›Gläubiger‹ und ›Ungläubiger‹, die sich unter dem Schutz der muslimischen Rechtsprechung befänden.124

Während das Kaukasus Emirat, als eine dschihadistische Gruppe mit Verbindungen zu Al-Qaida (AQ), bis zu Beginn der 2000er Jahre maßgeblich für terroristische Aktionen verantwortlich war, verlor diese Bewegung seit der Entstehung des Islamischen Staates, dem gegenüber viele lokale DschihadistInnen den Treueeid ablegten, an Bedeutung, obwohl das Kaukasus Emirat nach wie vor über zahlreiche Unterstützer verfügt, die in seinem Namen Anschläge verüben.125 Es existieren inhaltliche Übereinstimmungen hinsichtlich der dschihadistischen Ideologie des Kaukasus Emirats und der Gruppe Junud al-Sham, welcher die Respondentinnen vermeintlich angehören, bspw. im Hinblick auf die Ablehnung Andersgläubiger oder die Rechtfertigung von Gewalt.126 Unterschiede finden sich in Bezug auf die nationalstaatlichen Bestrebungen, die während der Interviews mit den Tschetscheninnen zum Teil erkennbar wurden und im weiteren Verlauf dieser Untersuchung detailliert werden.




4.Tschetscheninnen


»Wir sind geboren in der Nacht, als die Wölfin Junge warf.

Früh beim Löwengebrüll gab man uns unsere Namen.

In Adlernestern fütterten uns unsere Mütter,

Stiere zu zähmen lehrten uns unsere Väter.

Unsere Mütter weihten uns unserem Volke und unserem Lande.

Wenn sie uns brauchen, stehen wir ohne Furcht auf.

Wir wuchsen mit Bergadlern in der Freiheit auf.

Schwierigkeiten und Hindernisse überwanden wir mit Würde.

Eher schmelzen die Feuersteinfelsen zu Blei,

als dass wir in Leben und Kampf unsere Würde aufgeben.

Eher bricht die Erde durch die brennende Sonne,

als dass wir unsere Ehre verraten.

Nie sind wir irgendjemandem Untertan.

Entweder Freiheit oder Tod.

Ein Drittes gibt es für uns nicht.

Unsere Schwestern heilen unsere Wunden mit Liedern,

die Augen unserer Geliebten geben uns Kraft für den Kampf.

Beugt uns der Hunger, werden wir an den Wurzeln nagen.

Krümmt uns Durst, werden wir Tau vom Gras trinken.

Wir sind geboren in der Nacht, als die Wölfin Junge warf.

Diener sind wir nur Gottes, des Volkes und des Vaterlandes.«127

Die aufgeführte tschetschenische Nationalhymne zeigt sehr deutlich den Wertekanon, der jedem Tschetschenen von Geburt an vermittelt wird: Stolz, Tapferkeit, Würde, Ehre, Furchtlosigkeit, Mut, Durchhaltevermögen und der unbezähmbare Wille nach Freiheit, der von einem ausgeprägten Nationalbewusstsein und einer tief verwurzelten Frömmigkeit begleitet wird. Sie ist zugleich ein Abbild der wesentlichen Charaktereigenschaften, die im weiteren Verlauf der vorliegenden Untersuchung hinsichtlich der drei Kämpferinnen mit tschetschenischen Wurzeln sehr deutlich zutage treten werden, unabhängig davon, ob sie die tschetschenisch-russischen Kriege selber erlebt oder nur in der familiären Retrospektive erzählt bekamen. Wie im weiteren Verlauf erkennbar wird, internalisierten offensichtlich alle drei Respondentinnen den Wortlaut der tschetschenischen Nationalhymne dergestalt, als ob es sich dabei um ihr fleischgewordenes Schicksal handeln würde.

Die Interview-Partnerinnen wurden in Neu-Ossetien und Inguschetien geboren, die sich selbst als »Bruderländer« Tschetscheniens verstehen und die zu Kriegszeiten sehr viele geflohene Tschetschenen aufnahmen.128 Da sich alle drei Dschihadistinnen in der Selbstbeschreibung als Tschetscheninnen betrachten und ebenfalls primär für ›die tschetschenische Sache‹ ihrer Familien, die tschetschenischen Ursprungs sind, einstehen, werden sie in der Folge als Tschetscheninnen bezeichnet.

Die Interviews mit den Tschetscheninnen wurden in zwei deutschen Städten, hiervon eine Stadt im Norden sowie eine Stadt im Osten Deutschlands, geführt.129 Die Respondentinnen befanden sich an diesen spezifischen Orten, da sie eigenen Aussagen zufolge über nicht näher thematisierte Verbindungen zu Familienangehörigen deutscher und deutsch-türkischer Dschihadisten verfügten, die kurzzeitig bei der tschetschenisch dominierten130 Gruppe Junudal-Sham von Murad Margoshvili (Abu al-Walid al-Shishani)131 in Syrien kämpften.132




5.Namensgebung und mögliche Ursachen der Dschihad-Teilnahme


Wie bereits geschildert, werden die tschetschenischen Dschihadistinnen in der Öffentlichkeit häufig als Schwarze Witwen bezeichnet. Dieser Name erinnert zunächst an eine Spinnenart, die ihren männlichen Partner nach dem Liebesspiel verspeist.133 Tatsächlich weist die Namensgebung im vorliegenden Fall jedoch keinen Fauna-Bezug auf, sondern ist, neben dem Verweis auf die schwarze Ganzkörperverschleierung der Protagonistinnen, vielmehr Ausfluss der nüchternen Realität, dass die meisten Selbstmordattentäterinnen mit tschetschenischem Hintergrund, häufig verwitwete Frauen waren, die aus Trauer um ihren Verlust, Vergeltung an den ›Tätern‹ üben wollten. Zudem handelte es sich bei ihnen um Frauen ›fortgeschrittenen‹ Alters,134 die aus individueller Perspektivlosigkeit und um den Eltern die vermeintliche Schande zu ersparen, eine ›ältliche‹ Tochter ihr Leben lang mit ernähren zu müssen, in den Dschihad gingen.135 Ein dritter Grund für die Tschetscheninnen, in den Dschihad zu ziehen, liegt in der beruflichen Perspektivlosigkeit, die noch immer in vielen Regionen Tschetscheniens vorherrscht und insbesondere die Frauen betrifft.

Diese grundsätzliche Perspektivlosigkeit ermöglicht den sogenannten ›Anwerberinnen‹ eine besonders ›leichte‹ Rekrutierung der jungen Frauen, die sie mit wahabitischer Literatur und Kleidung zunächst religiös indoktrinieren, um im weiteren Verlauf – auch über Süßigkeiten und Geld – das bereits initiierte Vertrauensverhältnis zu vertiefen.136 Wenn jenes Vertrauensverhältnis einigermaßen gefestigt ist, bringen sie die jungen Frauen entweder nach Russland oder zu einem anderen Zielort, setzen sie dort unter Drogen und unterstellen sie somit ihrer permanenten Kontrolle.137 Zum Teil spielen ihnen verwandte oder fremde ›Cousins‹ zudem vor, sie zu lieben und umgarnen sie mit Aufmerksamkeit und scheinbarer Liebe, die sie zu Hause nie bekamen. Durch diese intensive Zuwendung, die häufig mit der Gabe von weiteren Geschenken einhergeht, erlangen sie das Vertrauen der jungen Frauen, und es gelingt ihnen in der Folge oftmals, sie zu verführen, wodurch diese ihre Jungfräulichkeit verlieren.138 Der Verlust dieser sexuellen ›Unschuld‹ bedeutet in tschetschenischen Kreisen, die zumeist sehr puritanisch geprägt sind und bei denen oftmals, in ähnlicher Weise wie in anderen Kulturen auch, die »Ehre der Familie« über die Frau139 definiert wird, eine zusätzliche ›Schande‹, die die Tochter ihrer Familie – neben der beruflichen und familiären Ausweglosigkeit durch ihren Single-Status – bereiten würde.140 Aufgrund der geschilderten, perfiden Vorgehensweise der ›Anwerberinnen‹, den arrangierten sexuellen Kontakten und dem damit einhergehenden scheinbaren ›Ehrverlust‹ der jungen Frauen, willigen diese infolge ihrer scheinbar ›allgemeinen‹ Ausweglosigkeit ein, ihr Leben ›für‹ Tschetschenien, die Muslime oder die ›gemeinsame Sache‹ hinzugeben.

Warum immer noch die Frauen hierfür instrumentalisiert oder benutzt werden, ergibt sich zum einen aus der Annahme, dass weibliche Attentäterinnen weniger oft kontrolliert werden als männliche, weil man dem weiblichen Geschlecht diese Form der Gewaltanwendung weniger zutraut.141 Zum anderen ergibt sich dieser Umstand aus der Tatsache, dass männliche Tschetschenen, die das 16. Lebensjahr vollendet haben, denen noch immer in Tschetschenien ansässigen russischen Milizen als potentielle Gefahr für die russische Obermacht gelten. Jene russische Hegemonie über Tschetschenien wird durch den tschetschenischen Verbündeten des russischen Präsidenten Wladimir Putin, Präsident Ramzan Kadyrow, und seine Milizionäre vertreten, die die jungen Tschetschenen häufig entführen und körperlicher142 sowie sexueller Misshandlungen unterziehen. Um ihren Söhnen diese Torturen zu ersparen, bringen ihre Mütter sie zumeist vor dem Erreichen der Adoleszenz ins benachbarte Ausland.143

Eine weitere Gruppe junger Tschetscheninnen hat sich für den Dschihad entschieden, weil sie sich aufgrund der Erzählungen der Familie, wie »schön und wild Nokhchi Mokhk« vor der Okkupation durch die Russen gewesen sei144 und was diese den Tschetschenen angetan hätten und noch immer antun,145 in der Pflicht sahen bzw. sehen, in den Kampf zu ziehen.

Demnach sehen sich viele Frauen auch selber nicht als Opfer ihrer Umgebung oder Indoktrination, sondern als Täterinnen, Verantwortliche oder als Kämpferinnen.146 Es ist fraglich, inwieweit sie eigenverantwortlich handeln, da sie zweifellos kurz vor den Selbstmord-Anschlägen häufig nicht mehr willens sind, diese Befehle auszuführen.147 Da es hiervon sehr viele Fälle gab, gingen diejenigen, die sie dazu überredeten, sich selbst in die Luft zu sprengen, dazu über, die Bomben an ihren Körpern per Fernzündung zu bedienen, um ›sicherzustellen‹, dass die Bomben auch gezündet würden und ihre ›Ziele‹ erreichten.148 Hinzu kommt die Drogenzufuhr, die diese jungen Frauen kurz vor der Tat erhalten, um wie ›ferngesteuert‹ zu reagieren und sich keine eigenen Gedanken mehr über ihr Handeln machen zu können.149

Im Falle der drei ausgewerteten Interviews handelt es sich um Frauen, die der ersten Gruppe, die hier als Witwe definiert wird, der zweiten Gruppe, die in der vorliegenden Untersuchung als ältliche Tochter bezeichnet wird, sowie der vierten Gruppe, die als Traditionsbewusste charakterisiert wird, angehören.150




6.Methodik und Vorgehensweise


Bei der vorliegenden Untersuchung handelt es sich um eine qualitative Sozialforschung, deren Datenerhebung in einer Kombination aus narrativen und leitfragengestützten Interviews erfolgte. Der narrative Interview-Ansatz ermöglicht die Illustrierung des spezifischen Werdeganges und Lebensbereichs der Tschetscheninnen und bietet somit die Chance der Abbildung einer Typologie biographischer Verlaufsformen.151 Der Leitfaden-Aspekt manifestiert sich innerhalb der Interviews anhand von 17 Fragen zu den persönlichen Daten der Respondentinnen, den Strukturen, dem Aufbau und Zielen der Szene sowie durch Umgebungs- und Gewaltbezugsfragen, die nicht einer statischen Reihenfolge folgten, sondern variabel zum Einsatz kamen. Diese Vorgehensweise gestattete eine authentischere und ungezwungenere Interviewsituation, durch die die Innenansichten der Motivlagen der Respondentinnen sichtbar gemacht werden konnten.152

Zum Zweck der hermeneutischen Entschlüsselung spezifischer Daten-Muster und deren Entstehungsbedingungen wurden jeweils vier Analyse-Kategorien nach Strauss und Korbins Methodik des offenen, axialen und selektiven Kodierens herausgebildet, die als Vergleichspunkte zur Auswertung der unterschiedlich sozialisierten jungen Frauen dienen sollen und dazu geeignet erscheinen, deren spezifisches Dschihad-Verständnis als zentrales Phänomen herauszuarbeiten.153 Es handelt sich dabei um die folgenden Kategorien:

1)Die Identitätskonstruktion: die familiäre und berufliche Situation

2)Die Selbst- und Fremdwahrnehmung

3)Das grundsätzliche Dschihad-Verständnis sowie die individuellen Motivlagen zur Dschihad-Teilnahme

4)Die eigene Religiosität sowie die Einstellung gegenüber anderen religiösen und ethnischen Gruppen.

Es wird vermutet, dass die Dschihadistinnen aus unterschiedlichen Gründen im kriegerischen Dschihad einen Fixpunkt sowie eine Identifikationsmöglichkeit für sich selbst gefunden haben. Diese unterschiedlichen Beweggründe für das Interesse und die Partizipation am Dschihad werden mit den biographischen und nationalen Hintergründen der Interview-Partnerinnen kontextualisiert. Hieraus wird eine weitere Hypothese abgeleitet, die zugleich ein Parameter für die individualisierte Präventionsarbeit darstellen könnte: Die familiäre Umgebung, in der die drei Dschihadistinnen aufwuchsen, scheint dazu geeignet, ihre jeweilige Entscheidung für den Dschihad

(un-)bewusst

zu beeinflussen und zugleich ausschlaggebend dafür zu sein, dass sie mittels des Dschihad realpolitische Ziele verfolgen.

Aufgrund der besonderen Umstände, die ein Interview mit gewaltaffinen Akteurinnen kennzeichnet, da diese stets im ›Geheimen‹ agieren (möchten), um möglichst wenig Aufmerksamkeit bei den staatlichen Akteuren zu erzielen und folglich auch die Interviewerin selber in diese Art von ›Geheimhaltungspflicht‹ miteinbeziehen, damit sie sich ihr inhaltlich öffnen, ist es notwendig, ein besonderes Vertrauensverhältnis zwischen der Interviewerin und den Respondentinnen aufzubauen. Dieses spezifische Verhältnis und dessen Wechselwirkungen lassen sich anhand des folgenden Schaubildes dezidiert veranschaulichen:






* Abb. I: Vertrauensverhältnis zwischen der Interviewerin und den Interview-Partnerinnen, eigene Darstellung

Das Vertrauensverhältnis zwischen den Interview-Partnerinnen und der Interviewerin wurde im vorliegenden Fall in zwei Hauptkategorien unterteilt: Die erste Kategorie der notwendigenWechselseitigkeit, die das ›Zugeständnis‹ des Freiraums der Interview-Partnerinnen und die Akzeptanz der Tatsache, dass es sich bei den Aussagen der jungen Frauen lediglich um eine subjektive Momentaufnahme und einen Teilabschnitt ihrer Biographien handelt, sowie die zweite Kategorie der Handlungen, die den Zugang zu den Respondentinnen erschweren oder erleichtern können, wozu die Kenntnis des sozialen und religiösen Umfeldes und des besonderen Misstrauens der Interview-Partnerinnen aufgrund deren spezifischer Sozialisation gehören. Beide Kategorien wurden im Sinne eines möglichst ›vertrauensvollen‹ Zusammenarbeitens während der Interviews zu konstituieren versucht. Da sich eine solche Atmosphäre grundsätzlich erst nach einem längeren Kennenlernen und einem intensiveren inhaltlichen Austausch kultivieren lässt, erklärt dies zum Teil die wie ›ferngesteuert‹ anmutenden Aussagen der seit frühester Kindheit ideologisierten Respondentinnen, wie im Verlauf der vorliegenden Untersuchung erkennbar werden wird.




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