Mit Amor auf der Walze oder „Meine Handwerksburschenzeit“ 1805–1810 Harald Rockstuhl Charlotte Francke-Roesing „Die schöne, klare Handschrift ist schon bezeichnend für den Mann, der im April 1859, im Alter von 72 Jahren, den Entschluß faßt, die Geschichte seiner Entwicklungs- und Wanderjahre für Kinder und Enkel aufzuzeichnen. Sorgfältig bewahrte Tagebücher und ein geradezu erstaunliches Gedächtnis unterstützen ihn bei dieser großen Arbeit, . Er möchte seinen Nachfahren ein Bleibendes hinterlassen, . Ein erfrischender Mutterwitz, eine Unmittelbarkeit und Treffsicherheit des Ausdrucks, eine Bildhaftigkeit der Darstellung sind ihm eigen, . Er schaut von der Höhe eines friedlichen Alters hinab in das sonnige Tal seiner Jugend – die sorglosen Kinderjahre, der Frieden eines gut protestantischen Elternhau-ses, das Auf und Ab der Landstraße, vielverschlungene Wanderwege mit ihren Schönheiten, Schrecknissen und Abenteuern, , nicht zuletzt die Irrungen eines für Frauenreiz sehr empfänglichen Herzens – alles das drängt sich, aufs neue lebendig, vor den Sinnenden hin und getreulich hält seine Feder es fest. Schreibend wird er, , unmerklich auch zum Chronisten seiner Umwelt und so stellt diese Niederschrift, als Ganzes betrachtet, einen höchst fesselnden Ausschnitt aus dem Kulturbild jener Zeit dar. Christian Wilhelm Bechstedt starb im Jahre 1867 zu Langensalza als Bäckermeister in dem Hause, worin schon sein Urgroßvater das gleiche Handwerk betrieb . Von einem Gedrucktwerden seiner Aufzeichnungen hat sich der ehrsame Handwerksmeister wohl nie träumen lassen; dafür spricht schon der rückhaltlose Freimut, womit er über seine mannigfachen Liebesabenteuer berichtet.“Aus dem Geleit von Charlotte Francke-Roesing im März 1925. Christian Wilhelm Bechstedt Mit Amor auf der Walze 1805–1810 oder „Meine Handwerksburschenzeit“ Impressum Umschlaggestaltung: Harald Rockstuhl, Bad Langensalza Titelbild: Christian Wilhelm Bechstedt Original Sammlung Harald Rockstuhl Umschlagrückseite: Grafik - Harald Rockstuhl, Bad Langensalza Bisherige Auflagen: 1. Auflage 1925 –„Meine Handwerksburschenzeit. 1805–1810.“ Nach der Urschrift hrsg. [und mit einem Geleitwort] von Charlotte Francke-Roesing (* 19. Mai 1863 in Mülheim an der Ruhr als Charlotte Roesing; † 7. Juli 1942 in Schöneiche bei Berlin). Verlag Hoursch & Bechstedt, 1925 – Köln. 2. Auflage 1929 –„Mit Amor auf der Walze. 1805–1810.“ Nach der Urschrift herausgegeben von Charlotte Francke-Roesing. Zweite Auflage von „Meine Handwerksburschenzeit. 1805–1810“ Verlag Hoursch & Bechstedt, 1929 –Köln. 1. Reprintauflage 2013 im Verlag Rockstuhl ISBN 978-3-86777-478-9, gedruckte Ausgabe ISBN 978-3-86777-525-0, E-Book [ePUb] Gedruckt auf alterungsbeständigem Papier nach ISO 9706 Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie. Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d–nb.de abrufbar. Inhaber: Harald Rockstuhl Mitglied des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels e.V. Lange Brüdergasse 12 in D–99947 Bad Langensalza/Thüringen Telefon: 03603 / 81 22 46 Telefax: 03603 / 81 22 47 www.verlag–rockstuhl.de Inhalt Cover (#ue6bb4e53-0a21-5d17-b8a2-36841a0427f6) Titel (#ucbc063c7-5c81-5ca1-aa91-9fc9f1c9a483) Impressum (#u384e1c01-cb1e-5d17-862d-217a6c11555e) Zum Geleitvon Charlotte Francke-Roesing (#uabadc299-2562-57d1-891d-6acc1e86a594) Vorweg einen kurzen Bericht über meine Jugendjahre bis zur Wanderschaft (#ulink_761fb899-a99a-56fd-a91e-46b6d0e67b8c) Ursprung und Zusammenhänge. Die Lateinschule. Großfeuer. Singstunde. Der erste Schmerz. Lehre und Gesellenwürde. Erfurt und die große Glocke. Ein Brandstifter wird auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Die Tanzstunde und ihre Folgen. Erster Teil meiner Wanderjahre und Liebesverirrungen (#ulink_ce12746b-849a-5a38-95cc-7764c36c6ee8) Abschied. Großsömmern. Sondershausen. Heringen. Stolberg. Güntersberge. Das Lenchen. Quedlinburg. Egeln. Magdeburg. Neuhaldensleben. Auf dem Dözel. Die Frau Muhme und die Frau Meistern. (#ulink_d6dc026f-4e14-55f0-8242-1ebd457da7f9) Wieder in Magdeburg. Ernst Nentz und Jeanette. Burg Genthin. Rathenow. Brandenburg. Sanssouci. Potsdam. Berlin. Wriezen. Frankfurt a. d. Oder. Müllrose. Ein schlimmes Abenteuer. Lieberose. Kottbus. Die liebe Seele. Hannchen. (#ulink_c4faff02-b7be-5066-ab0d-739ade56b9d7) Über Spremberg, Hoyerswerda, Kamenz, Pulsnitz und Radeberg nach Dresden. Die Jahne. Meißen. Oschatz. Wurzen. Leipzig. Als Statist im ‚Tell‘. Über Lützen, Weißenfels, Naumburg, Weimar, Gotha, Eisenach, Vacha, Fulda, Gelnhausen, Hanau nach Frankfurt a. Main. Über Limburg, Dietz, Holzapfel nach Nassau. (#ulink_719cb41b-9085-5275-8265-c7578542d307) Nassau. In der Langauer Mühle. Neuwied. Dat Philippin. Camilla. Christiana. Die große Flöße. Abschied in Bendorf. (#ulink_47055eea-cc9e-5d0d-a8a3-eab398984a77) Wieder in der Langauer Mühle. ‚O, pauvres Prussiens!‘ Margaretchen. Über Singhofen, Schwalbach, Wiesbaden, Frankfurt am Main, Sachsenhausen, Offenbach, Hanau, Gießen nach Marburg. Die schwarze Karoline. Im Kloster Heim bei den Irren. Die Bänkelsänger. Kassel. Kriegsgerüchte. Über Hann.-Münden, Göttingen, Northeim, Hildesheim, Hannover, Peine, Braunschweig, Wolfenbüttel, Schöppenstedt, Schöningen, Helmstedt zurück auf den Dözel. (#ulink_6c60e4d5-4c3a-50f7-b050-d037ef3125f3) Beim Honigküchler in Neuhaldensleben. Franzosen vor dem Tor. Ein preußisches Husarenstückchen. Plünderung auf dem Dözel. Mileken. Allerlei Streiche. Das Mehlwürmchen. Madame Dortchen. Frau Rosette und das Kreuzchen. Ludeken. Der Pfeifenkopf. Nachtquartier in Magdeburg. (#ulink_8d0222ff-15d0-571b-81cd-f44e5f91259a) Mit Franzosen nach Halberstadt. Im „Goldenen Engel“ zu Halberstadt. Alma. Wechselfieber. Nachtquartier in Blankenburg und Stiege. Krank unterwegs. Zu Hause. Das Zuckerfränzchen. In Ufhoven. Auf dem Wege nach Dresden. (#ulink_126c575e-875f-5c8c-9d72-a114e4b5cecc) Zweiter Teil meiner Wanderjahre und abermalige Liebesverirrungen (#ulink_4a8c8215-f1af-58b9-a99b-2f67f295f8f7) Der ehrliche Fuhrmann. Im ‚Goldenen Engel‘ zu Dresden. Wieder beim Handwerk. Muhme Kind und Madame Siegel. Linna. Flucht aus Dresden. Wilsdruf. Freiberg i. S. Häusliche Schlacht. Oederau. Mit Stiefelchen auf Wanderschaft. Chemnitz. Suschen. Über Glauchau bis Altenburg. Über Gera, Neustadt a. d. Orla, Pößneck, Saalfeld, Rudolstadt, Randa, Stadtilm nach Arnstadt. Über Ohrdruf, Tambach, Brotterode, Barchfeld nach Salzungen. Über Vacha nach Hanau. ‚Schnufler‘. Offenbach. In falschem Verdacht. Darmstadt. Madame Potiphar. Über Heppenheim nach Weinheim. Heidelberg. Mannheim. Im Schloßpark von Schwetzingen. Über Waldorf in Baden und Wiesloch nach Bruchsal. Durlach. Gott Amor und Agnès Lignola. Ein Schwabenstreich. Trennung. (#ulink_813f529e-6534-5154-aa4a-f3b03e07af80) Rastatt. Steinbach. Im Kloster. Über Kehl nach Straßburg in Arbeit. Auf dem Münster. Ruprechtsau. Kaiserin Josephine. Meister Grobian. Zurück über Kehl nach Offenburg. Auf dem Wege nach Lahr. Nacht in der Schenke. Eingeregnet. Mit dem Balbier nach Lahr, Emmendingen, Freiburg im Breisgau. Basel. Weiter in die Schweiz hinein: nach Liestal. Solothurn. Bern. Freiburg im Kanton Waadt. Lausanne. Vevey. Gruyères. Der freundliche Gärtner. Im Gebirge verirrt. Der seltsame Engel. Gastfreundschaft. Käse statt Brot. Auf dem Wege nach Thun. (#ulink_98e7e83d-35eb-504e-99be-4476b5977a9e) Freundliche Menschen. Spiez. Thun und die schöne Aussicht. Auf dem Wege nach Burgdorf. Überall Käse. Das verhängnisvolle Nachtquartier im Kuhstall. Von Burgdorf nach Langenthal. Über Zofingen nach Aarau und Lenzburg. Über Mullingen nach Baden in der Schweiz. Trennung vom Balbier. Hochzeit im Schweizer Bauernhof. Die ‚herzhafte‘ Köchin. Keine Arbeit in Baden. Auf dem Wege nach Zürich. Der Richtschmaus und die Wirtstöchter. Auch in Zürich keine Arbeit. Eglisau. Am Rheinfall bei Schaffhausen. Stein. Einkehr im Kloster. Steckborn. Ein Blick in das gelobte Land Konstanz. Zurück nach Stein. (#ulink_18b74919-578c-5d1f-9f10-be2461c4cd5f) Auf dem Wege nach Stockach. Der Steckbrief. Das unheimliche Wirtshaus. Abenteuer im Walde. Stockach. Pfullendorf. Waldsee. Memmingen. Mündelheim. Der relegierte Student. Leibniz und der Rosenkranz. Mit dem Komödien-Theologen in Schwabmünchen. Ein Schauspiel von Kotzebue. Zwei Philosophen unterwegs. Abschied. Augsburg. Frieberg. Beim Zahnausreißer. Schäfertabak. Aufach. Schrobenhausen. Über Geisenfeld nach Neustadt a. d. Donau. (#ulink_9c8da0b1-3580-5e94-817c-76dc1d571244) An der schönen blauen Donau. Auf dem Schiff. In Regensburg. Die Schlacht vom 23. April 1809 und ihre Spuren. Die Regensburger Brücke. Mit dem Reisschiff nach Straubing. Weiter zu Schiff. Im Nebel. Passau. Die siegreichen Franzosen. Das Schiff ist fort! Die Schiffsfrau. Wieder auf der Donau. Das wiedergefundene Schiff. Ein Donauweibchen. ln Linz. (#ulink_4f1bf9d0-63a3-53f8-8d70-5100b8e4c869) Als Ruderknecht auf der Flöße. Die bewachte Unschuld. Strudel und Wirbel in der Donau. Zu Fuß von Nußdorf nach Wien. Die Polizei sorgt für Arbeit. Bei Pfitzinger im Lorenzer Gässel. Der Jodel kämpft. Standeserhöhung. Im Apollosaal mit Tante Kathi. Vornehmer Besuch. General v. Hartung. Kursgewinn. Vermählung Napoleons mit Marie Louise. Nach der neuesten Mode. Kathi Klenau. Das historische Fest der Bäckergesellen. Einladung und große Toilette. Vazierende Gesellen im Logis. Zu Besuch und Tanz in Mödling. Der Walzer. Lang Englisch. (#ulink_c5f406e6-583c-5a20-b8df-c1e67274cc1d) Die Brieftasche ist leer. Oper bei Schikaneder. Die Zuschauer spielen mit. Volksgericht auf der Bühne. In Schönbrunn. Das Schicksal in Gestalt der Baronesse. Verhext. Wie der Roman sich auflöst. (#ulink_8ce28e6b-2e6f-5b45-b6d5-224d0dd6ad13) (#ulink_8ce28e6b-2e6f-5b45-b6d5-224d0dd6ad13)Neue Liebe. Im Schwarzenbergschen Garten. Im Prater. Die stolze Nanny. Adieu, mein schönes Wien! Auf dem Wege nach Linz. Einkehr im Kloster Mölk. Ybbs. Enns. In Linz bei Krebs im ‚Krebs‘. Über Straubing nach Regensburg. Nürnberg. Wein-Quartett und Kirmse. In Erlangen. In Bamberg mit den Siegern von Eckmühl. ‚Fömine‘. (#ulink_11660685-725a-5f40-9df7-8fb3e29bd513) Traumnacht. Der Schulmeister. Auf dem Wege nach Nassau. Würzburg. Wertheim. Mildenberg. Bürger und Franzosen im Streit. Aschaffenburg. Der seltsame Zufall. Beim Mundkoch in Ysenburg. Benebelt. In Offenbach. Die lieben Sachsenhäuser. Höchst. Wiesbaden. Schwalbach. In Singhofen beim Aeppelwein. Wieder in der Langauer Mühle. (#ulink_3fd53024-5831-5e38-ab13-dbafbff106b8) Allerlei Neuigkeiten. Das Bäsje. Wieder in Neuwied. Abschied von der Mühle. Beim Quetschenschnaps in Holzapfel. Diez. Limburg. Weilburg. Gießen. Grünberg und die Frau Pastorin. Alsfeld. Der Wagen fällt ein bißchen um. Beim ‚Hannchen‘ in Hersfeld. Hiobspost von Eisenach. In Gotha. Mit der Post nach Langensalza. Zu Haus. (#ulink_35908a05-a4f1-5f2a-9047-636ad3bbb389) Wie der liebe Gott mir zuletzt die Rechte schickte (#ulink_d64837eb-cfea-59f1-aace-8e9045a4e145) Sprachstunden. Neue Pflichten. Die Schützenkompanie. Langensalza wird Bad. Die schönen Schwestern. Das böse ‚Nervenfieber‘. Meister. Adieu, Lorchen. Der blessierte Franzose. Soldat ohne Liebe. Auf Freiersfüßen. Die Rechte. Karte – 5000 km durch Europavon Harald Rockstuhl (#ulink_2afe6388-850a-5fa9-b64d-36c191dbbbc7) Epilog – Die Zeit danachvon Harald Rockstuhl (#ulink_778858d1-82b1-599e-aea2-2562a4d040c2) Zum Dorf Bechstedt (#ulink_be50b47c-3ecc-5cca-b047-944a0ee4cf5d) Die Bechstedts in Langensalza (#ulink_447f5e52-0cc0-5226-a72b-38ac95ccb2f1) Die alte Familiengeschichte (#ulink_521a944c-8d8b-5ebd-81ee-2ed851c0916d) Das Leben von Christian Wilhelm Bechstedt nach 1818 (#ulink_7e37c269-18dd-51e2-8956-682f4991e982) Tod des jüngsten Sohnes Rudolf – Schlacht bei Langensalza 1866 (#ulink_83fe5fe1-71dc-5c3f-b67a-fae2d354890a) Christian Wilhelm Bechstedt und das Buch Charlotte Francke-Roesing – die Herausgeberin. Hoursch & Bechstedt – der Verlag. (#ulink_8321d0e7-334b-5af8-bdc0-4f1ba8e17671) Pfefferkuchen und Pfefferkuchenbäckerei in Langensalza. (#ulink_2d8270c7-60e3-5fca-8e05-e1873513d2db) Was bleibt? (#ulink_a2d0b6d6-71e2-5ed0-8b02-ebc898c42acb) Quellenangaben (#ueddc6efd-d425-5761-82b1-ae5820d28f9c) Zum Geleit Als mir die Urschrift dieses Buches zuerst in die Hand kam – ein schweinslederner Foliant von über achthundert engbeschriebenen Seiten – überraschten mich schon beim flüchtigen Durchblättern der lebendige Stil, die unterhaltsame Reichhaltigkeit des Inhalts – wie ich mehr und mehr mich hineinlas, nahm die bezwingende Wahrhaftigkeit dieser menschlichen Urkunde mich ganz gefangen. Rein äußerlich betrachtet, ist die schöne, klare Handschrift schon bezeichnend für den Mann, der im April 1859, im Alter von 72 Jahren, den Entschluß faßt, die Geschichte seiner Entwicklungs- und Wanderjahre für Kinder und Enkel aufzuzeichnen. Sorgfältig bewahrte Tagebücher und ein geradezu erstaunliches Gedächtnis unterstützen ihn bei dieser großen Arbeit, zu der ihn keinerlei lehrhafte oder moralische Nebenabsicht, nein, einzig nur die ihm angeborene Erzählerfreude drängt. Er möchte seinen Nachfahren ein Bleibendes hinterlassen, das mit ihnen von seines Lebens Erleben plaudern soll, wenn sein Mund es nicht mehr kann – und wahrlich! das ist ihm gelungen. Ein erfrischender Mutterwitz, eine Unmittelbarkeit und Treffsicherheit des Ausdrucks, eine Bildhaftigkeit der Darstellung sind ihm eigen, die hier und da an Goethesche Art gemahnen. Soviel Gestalten auch vorüberziehen – alle sind von Fleisch und Blut. Mit ein paar Sätzen, oft ein paar Worten nur, stellt er einen Menschen und sein Wesen greifbar hin; seine eigenen, wohlerkannten, Tugenden und Schwächen zeichnet der Schreiber manchmal mit leisem Spott, stets aber frei von eitler Selbstgefälligkeit wie von heuchlerischer Bemäntelung. Ein leises Schalkslächeln in den Augen, die so tief in Menschliches hineingesehen, schaut er von der Höhe eines friedlichen Alters hinab in das sonnige Tal seiner Jugend – die sorglosen Kinderjahre, der Frieden eines gut protestantischen Elternhauses, das Auf und Ab der Landstraße, vielverschlungene Wanderwege mit ihren Schönheiten, Schrecknissen und Abenteuern, eigene und fremde Schicksale, nicht zuletzt die Irrungen eines für Frauenreiz sehr empfänglichen Herzens – alles das drängt sich, aufs neue lebendig, vor den Sinnenden hin und getreulich hält seine Feder es fest. Schreibend wird er, der allzeit offenen Auges seine Straße gegangen, unmerklich auch zum Chronisten seiner Umwelt und so stellt diese Niederschrift, als Ganzes betrachtet, einen höchst fesselnden Ausschnitt aus dem Kulturbild jener Zeit dar. Uns Heutige mag es wenig erbauen, daß er, der Kursachse, dem Preußen fast fremder gegenübersteht als dem Franzosen, dessen Sprache und Art er bewundert; ja, wir können es geradezu als Mangel empfinden, daß sich der junge Schwärmer nie von Deutschlands innerer und äußerer Not im Tiefsten erschüttert, nie zu befreienden Taten hingerissen zeigt – doch entspricht dies durchaus dem Charakter einer Zeit, die Deutsche an der Seite Napoleons gegen Deutsche kämpfen sah, entspricht vor allem auch dem Wesen des damaligen Kleinbürgers, dem es ziemlich gleichgültig war, wer oben regierte, wenn nur das eigene Sein und Behagen unangetastet blieb. Nichts kann die natürliche Wahrhaftigkeit des Verfassers besser kennzeichnen als die Tatsache, daß er in seinem Erinnerungsbuche niemals den leisesten Versuch macht, die Denkart seiner Jünglingsjahre in deutschem Sinne umzufärben, obwohl er inzwischen den Niederbruch Frankreichs und den Wiederaufstieg deutschen Geistes erlebt hat. – Christian Wilhelm Bechstedt starb im Jahre 1867 zu Langensalza als Bäckermeister in dem Hause, worin schon sein Urgroßvater (geb. 1674, gest. 1747) das gleiche Handwerk betrieb und heute noch ein Enkel es fortsetzt. Von einem Gedrucktwerden seiner Aufzeichnungen hat sich der ehrsame Handwerksmeister wohl nie träumen lassen; dafür spricht schon der rückhaltlose Freimut, womit er über seine mannigfachen Liebesabenteuer berichtet. – Erst nach langem Zögern haben seine Nachfahren den dankenswerten Entschluß gefaßt, den sorglich gehüteten Familienschatz der Allgemeinheit zugänglich zu machen. Sie gingen dabei mit Recht von der Erwägung aus, daß es um die Wende des 18. und 19. Jahrhunderts in Adels- und vornehmen Bürgerkreisen der Memoirenschreiber genug gab, die von ihrer Denk- und Lebensweise Kunde wahrten, dagegen handschriftliche Zeugnisse aus der Welt des kleinen Mannes höchst spärlich vorhanden sind. Wo sonst hätte ein wandernder Handwerksbursche viele Jahre hindurch ein Tagebuch geführt und es später zu solchem Erinnerungswerk ausgebaut, wie es hier vorliegt?! Eine gewisse Gunst der Umstände ermöglichte es diesem lebhaften und liebenswürdigen, stets aufnahmebereiten und mitteilsamen Geiste, sich eine Bildung zu erwerben, die weit über seinen Stand hinausging – die aber Voraussetzung war für die Abfassung einer solchen Schrift. Der Schreiber selbst ist sich seiner erhöhten Genuß- und Urteilskraft mit Genugtuung, doch ohne Überheblichkeit bewußt; stets spricht aus seinen Aufzeichnungen der im Grunde schlichte Mann, der das vererbte und erlernte Handwerk mit Lust und Liebe ausübt und fest in dem Boden wurzelt, worauf er steht. Schade, wenn die einzigartige Urkunde, die er hinterließ, im Familienschrein vermodert wäre! – Meine Aufgabe war es, die breite Behaglichkeit der Erzählung hier und da zum Vorteil des Ganzen zu kürzen, ohne Wesentliches auszuschalten. Die alte, unser Auge störende Rechtschreibung habe ich durchgängig nicht übernommen; die Echtheit des Buches ist so unzweifelhaft, daß sie durch solche Äußerlichkeiten nicht bewiesen zu werden braucht. Potsdam, im März 1925 Charlotte Francke-Roesing Langensalza, April 1859 Heute nehme ich mir vor, für meine Kinder und Enkel die Erlebnisse meiner Wander- jahre aufzuschreiben. Ich werde alles, worauf ich mich noch besinnen kann, so genau wie möglich angeben. Man hat ja nicht immer Lust zum Schreiben; wenn mir aber der liebe Gott noch eine Reihe Jahre das Leben schenkt, so wird dies Buch wohl fertig werden. C. W. Bechstedt Kartenausschnitt: Die Königreiche von Sachsen und Westphalen 1808. (Reprint im Verlag Rockstuhl). Langensalza gehörte damals zu Sachsen. Nach der Frage, woher er komme, sagte Christian Wilhelm Bechstedt immer: „Ich komme aus Langensalza in Sachsen“. Mit der Neugliederung der preußischen Monarchie nach Napoleons Niederlage kam Langensalza 1816 zu Preußen. Vorweg einen kurzen Bericht über meine Jugendjahre bis zur Wanderschaft Ursprung und Zusammenhänge – Die Lateinschule – Großfeuer – Singstunde – Der erste Schmerz, Lehre und Gesellen würde – Erfurt und die große Glocke – Ein Brandstifter wird auf dem Scheiterhaufen verbrannt – Die Tanzstunde und ihre Folgen – Zur Welt gekommen bin ich in Langensalza am 4. September 1787. Meine Paten waren: Herr Hutters, Herr Miller und die Frau Bertlingen. Getauft hat mich der Magister Kranigfeld in der Bergkirche und dabei gesagt: „Ei, ei, ei! der Junge soll drei Tage alt sein? Das ist ja ein Kerl wie von sechs Wochen.“ Als ich ungefähr zwei Jahre alt war, starb mein Großvater Bechstedt im Alter von vierundachtzig Jahren. Während er an einem Butterbrote gegessen, hat ihn eine Art Schlagfluß getroffen und ist auch sobald tot geblieben. Er ist ein kleiner, etwas sonderbarer Mann gewesen, hat gern gelesen und geschrieben; es sind jetzt noch Schriften von ihm vorhanden. Ihm hat einmal geträumt, daß er an einem Baum hinauf in den Himmel geklettert sei. Die Schönheiten, die er da gesehen, hat er nicht genug beschreiben können. Petrus aber hat den Eindringling nicht eher wieder aus dem himmlischen Paradies hinausgebracht, als bis er ihm versprochen hatte, er solle ganz gewiß wieder hineinkommen, doch müsse er zuvor auf der Erde noch seine bestimmte Zeit leben. Da ist mein Großvater denn friedlich den Baum hinabgerutscht und aufgewacht. Von diesem Traum muß etwas in seinem Gemüte sitzen geblieben sein. Meine Mutter erzählte manchmal, wie gleichgültig er den Verlust irdischer Güter aufgenommen habe. Auch hat er sich mit einigen anderen alten Bäckermeistern beim Spazierengehen um die Stadt zuweilen so verplaudert, daß sie in Jacken, Schürzen und Pantoffeln nach Gotha, auch nach Arnstadt zum Weizenbier gegangen sind, ohne zu Hause etwas davon zu sagen. Der Vater meines Großvaters Bechstedt ist 1711 beim großen Brande in einem Backhaus hinter dem Rathause mit abgebrannt und sein Großvater (mein Ururgroßvater Bechstedt) ist Fuhrmann gewesen und hat in der Milchgasse gewohnt. Meiner Mutter Vater (mein Großvater Scholl) war Böttchermeister. Ihm gehörte das Haus unter dem Berge, was jetzt der alte Schützenhaus-Vogelmacher, Wilhelm Bechstedt, zu eigen hat, dessen Ururgroßvater auch der Fuhrmann in der Milchgasse gewesen ist. Meine Mutter und der Pastor Scholl in Ufhoven, die beiden Kinder von Großvater Scholl, stammten aus seiner ersten Ehe. Er starb, als ich sechs Jahre alt war. Mein Großvater Bechstedt hat noch einen Bruder gehabt; den haben die Preußen im Siebenjährigen Kriege par force zum Soldaten gemacht. Er ist ein äußerst geschickter, lebhafter Bursche gewesen und bald Unteroffizier geworden. Bei einem Scharmützel zeichnete er sich aus und wurde zum Husarenleutnant ernannt. Nach dem Kriege hat er um eine Zivilstelle angehalten, als Obereinnehmer in Halberstadt gelebt, geheiratet und einen Sohn und eine Tochter hinterlassen. Diese Tochter hat den Amtmann Bär geehelicht, welcher sich im Sommer 1800 vom Langensalzer Magistrat Auskunft erbat über die Verwandtschaft seiner Frau. Mein Vater nahm den Brief an sich und beantwortete ihn, worauf die Verwandten ihren Besuch ankündigten. Daraus wurde indes vorerst nichts; mein Vater starb im Dezember desselben Jahres. Erst im Jahre 1804 kamen die Amtmann Bärs mit ihren zwei kleinen Jungen nach Langensalza und wohnten im Hause am Berge bei Vetter Wiegand – nach meinem Vater der nächste Verwandte, der ein Haus besaß. Sie blieben vierzehn Tage hier, waren vielmal zu Gast bei meiner Mutter und meine erste Ausflucht in die Welt ging zu ihnen, worauf ich später zurückkommen will. Mein Vater und meine Mutter standen fast in gleichem Alter; beide sind 1753 geboren. Meines Vaters einzige Schwester war die Frau Köhler in der Treisch-mühle. Meinen Eltern wurden sechs Kinder geschenkt, von denen zwei in jungen Jahren unverehelicht gestorben sind. Die anderen führe ich hier auf: 1 Katharina Sophie, geb. 1785, die jetzige Frau Minor hier. 2 Meine Wenigkeit, geb. 1787, der ich dies schreibe. 3 Eleonora Dorothea, geb. 1791, gest. 1857, verheiratet mit Pastor Köttner in Volkenroda, später Wiegeleben. 4 Johann Heinrich, geb. 1793, gest. 1850 an der Cholera, als Besitzer der Treischmühle. Er hinterließ fünf Kinder: August, Anton, Heinrich, Eleonora und Lina. Meine ältere Schwester, Frau Minor, hat keine Kinder. Meine jüngere Schwester, die Pastor Köttner, hatte drei. Davon starb ein Knabe klein und ein Mädchen unverehelicht. Das dritte, Lina, ist die jetzige Madame Klauwell, hinter dem Rathause. Etwas roh und wild ging es wohl bei uns in den neunziger Jahren zu. Was die Älteren über die französische Revolution und den Krieg lasen, das spielten wir Schuljungen ihnen praktisch vor. Vor den Toren der Stadt, im Felde, schlugen wir aufeinander los, daß das Blut darein lief und warfen uns mit Steinen Löcher in die Köpfe. Sobald ich zum Sextus, Herrn Ströhler, in die Schule kam, wurde ich angeworben und mußte unter dem Kommando des Generals Heinemann (jetzt noch lebender alter Cafetier) kleine Wagen mit Wurfsteinen beladen, hinter der Front herziehen, was stets Arbeit der Jüngsten war. Zwei Jahre saß ich bei Herrn Ströhler, dann führte er mich und Andreas Koch, als seine zwei besten Schüler, zum Quintus, Herrn Ratz, hinüber. Auch draußen im Felde war ich befördert worden und als Unteroffizier schon manchmal mit Blutflecken und Beulen nach Hause gekommen. Wieder zwei Jahre saß ich nun in Quinta, bei Herrn Ratz, wo wir schon viel Latein deklinieren und konjugieren mußten; auch wurde fleißig Geographie getrieben, was meine Liebhaberei war. Herr Ratz, an sich ein ganz gescheiter Mann, schlief leider oft während des Unterrichts und wir waren viel zu böse Jungen, als daß wir dies hätten ungenutzt hingehen lassen. Es wurde allerhand Allotria getrieben und von vielen drolligen Geschichten will ich nur eine hier erzählen. Auf dem Tisch lag die große Karte von Europa und die Neulinge sollten die Namen der Länder lernen. Herr Ratz sagte diese laut vor, indes er mit dem Finger auf das betreffende Land wies. „Portugal!“ rief er laut. Darauf die Jungen alle: „Portugal!“ Nun rückte der Finger auf Spanien: „Hispania!“ – Das Echo: „Hispania!“ – Herr Ratz nickte. „Frankreich!“ –: „Frankreich!“ – Das Haupt des Herrn Ratz sank tiefer; doch als ein dummdreister Bengel namens Musbach lachte, bekam er eine Dachtel. „Dummer Junge, paß auf! – Deutschland!“ –: „Deutschland! Ach, das ist unser Land“, sagten einige Jungen. „Du, Friede” wo muß en da Langensalz liegen?“ – Herr Ratz neigte den Kopf sachte auf die Karte, seine rechte Hand rutschte fort und der Finger kam zu den Samojeden, während der gute Mann, seiner selbst kaum noch bewußt, „Italien“ rief. Da brach ein mächtiges Lachen los; Musbach war der tollste und schrie: „Herr Ratz, Herr Ratz, das ist ja Rußland.“ Nun fuhr der Lehrer auf und griff zum Stock. „Du Erzschlingel, du mußt Hiebe kriegen.“ Musbach duckte sich, verlor aber den Stock nicht aus den Augen. Des Gestrengen Arm hob sich. Unglücklicherweise kam ein großes Loch im Rock dabei zum Vorschein. Wie das Musbach sah, fing er fürchterlich zu grölen an: „Ach, das große Loch, ach, Herrjeses, ach, Herrjeses!“ ... Herr Ratz konnte nicht zuschlagen; er drehte sich schnell um und rief ein paarmal: „Ruhe!“ – Wahrscheinlich hat er sich das Lachen verbissen, denn er war ein kluger und gutmütiger Mann. In diesen zwei Jahren ging das Kriegspielen immer schlimmer fort; auch die Erwachsenen hatten Gefallen daran, wenn wir mit Trommeln und Fahnen zum Tore hinausmarschierten. Wir hatten uns in Franzosen und Deutsche geteilt und jede Abteilung war manchmal fünfzig Jungen stark. Die Leute eilten ans Fenster und die Clemenser Soldaten [vom kurfürstlich Sächsischen Regiment Prinz Clemens] riefen manchmal die Wache ins Gewehr, wenn es durchs Mühlhäusertor ging. Nur die vielen Blessierten wollten den Eltern nicht gefallen und mancher durfte deswegen nicht mehr mit. Mein Vater aber sagte: „Das schadet den Jungen nichts, sie lernen vorsichtig sein und kriegen Courage.“ Im Jahre 1797 nach Ostern fand das Examen für Quarta statt. Eine wilde Gewohnheit wollte, daß die Jungen, die aus Quinta nach Quarta versetzt wurden, sich mit dem Plumpsack durchschlagen mußten: Die Quartaner standen gewappnet im Gange; wir rückten scharf an, schlugen uns fürchterlich, trieben sie zurück und endlich zu ihrer Tür hinein, die sie fest hinter sich schlossen. Da wir die Tür nicht eindrücken konnten, so holten wir ein Scheit Holz aus dem Schulholzstall, rannten eine Füllung durch und die Tapfersten, Bayer, Heng und ich, krochen zuerst durch. Wir bekamen zwar Beulen und blaue Flecken, machten aber die Tür auf und unser Korps drang ein. Nun schlugen wir uns noch eine Viertelstunde dermaßen, daß wohl keiner dabei war, der es nicht vier Wochen nachher noch gefühlt hätte. So war die damalige Zeit. Jetzt geht’s anders zu – ob aber besser, das wage ich nicht zu beurteilen. Der Herr Quartus Nohr verstand, sich in Respekt zu setzen und es ging nicht mehr so wild zu wie vorher. In der Hauptsache lernten wir Rechnen, Schreiben, Geschichte und Latein. Geschichte trug er erzählend vor und wir hörten alle gern zu, wenn er von der Entdeckungsreise des Kolumbus und anderen Abenteuern berichtete. Wenn er einen verbundenen Kopf sah, verbot er uns zwar das Werfen mit Steinen, doch das Kriegspielen nicht, denn er war der Meinung, daß wir alle noch vor die Franzosen müßten. Er wußte uns auch an der Ehre zu fassen. Nur die rohesten Jungen bekamen Stockschläge. Die meisten deuchte es Strafe genug, wenn er einen mit seinen großen schwarzen Augen scharf ansah und dabei den Kopf schüttelte. Das hieß: ,Ei, ei, wie hast du dich vergessen ... Nun, ich hoffe, du wirst es nicht wieder tun.‘ Und wirklich! man nahm sich wenigstens fest vor, es nicht wieder zu tun. Eine stärkere Strafe war das Knieen vor der Tafel, danach kam eine kleine Bank zum Alleinsitzen in der Ecke, die ‚Reue und Buße‘ überschrieben war und die wir nur die Jammerbank nannten. So ging ein Jahr hin. Um diese Zeit fing ich an, mich fester an den Vater zu hängen. Er nahm mich mit, wenn er über Land ging, um Holz oder Schweine zu kaufen. Das Schulversäumnis schlug Herr Nohr nicht hoch an, denn er meinte, es sei auch Schule, so mit dem Vater über Land zu gehen. Als ich aber einmal dies nur vorgegeben hatte, in Wahrheit jedoch mit einem kleinen Kriegskorps als Hauptmann nach Schönstedt ausgerückt war, um die Bauernjungen zu verprügeln, mit denen wir im Kriege lagen, da hatte unglücklicherweise Herr Nohr meinen Vater gesprächsweise danach gefragt, ob er mich am Donnerstag mitgenommen habe. Nun, es ging noch so ab. Von meinem Vater bekam ich ein paar Hiebe und die Aussicht auf gewaltige Schläge, wenn ich wieder Lügen ausheckte; Herr Nohr drohte mir mit der Jammerbank, auf der ich bis dahin noch nie gesessen hatte. Um diese Zeit hielt mein Vater einen Gesellen, namens Christian Döbling aus Salzungen, der von guter Familie war und bei meinem Vater in Ansehen stand. Ich stand wiederum bei ihm gut angeschrieben und wir gingen zuweilen ohne meinen Vater über Land. Wenn es nun mal mit mir nicht richtig war, so half er mir durch. Später habe ich ihn auf meiner Wanderschaft besucht, was ich an seinem Ort erzählen werde. Mein Vater und Nachbar Buschmann lasen Zeitungen; General Bonaparte, um den sich damals alles drehte, stand in Ägypten. Ein Buchbinderlehrling bei uns machte Bonapartehüte aus Pappe und blauem Zuckerpapier für achtzehn Pfennig. Wer von den Jungen soviel auf die Beine bringen konnte, der kaufte sich einen und setzte ihn auf, wenn’s zu Felde ging. Am Kriegstor, auf der linken Seite, wenn man hinausgeht, stand früher das alte Torschreiberhaus. Der Torschreiber Bube, ein Mann von 50 Jahren, gab Unterricht in Rechnen und Schönschrift. Zu ihm brachte mich mein Vater im Jahre 1798, weil diese Künste in der Schule über Latein und Religionslehre etwas vernachlässigt wurden. Zwei Jahre lang habe ich an vier Abenden in der Woche die Nachhilfestunden beim Torschreiber zur Zufriedenheit meines Vaters besucht. Die Stube war klein. Wir lernten zu vier Knaben, wovon ich der jüngste war. Zwei davon sind mir noch im Gedächtnis: der Vater vom jetzigen Bürgermeister Kramer und Friede Köhler aus der Treischmühle. Mein Vater wollte nicht, daß ich auf Schönschrift zuviel Zeit verschwende, meine Mutter hingegen sah es gern: sie kaufte mir einen schönen Malkasten und alles, was dazu gehört. Alle Frühjahr kam das kurfürstlich Sächsische Regiment Prinz Clemens hier auf sechs bis acht Wochen zusammen. Diese Zeit hieß die Exerzierzeit und war immer ein Ereignis für die Stadt. So sagte vielleicht eine Langensalzer Frau: „In welchem Jahre ich Hochzeit gehabt habe, darauf kann ich mich nicht gleich besinnen, aber es war in der Exerzierzeit, das weiß ich noch.“ In der Exerzierzeit im Jahre 1799 saß ich in Quarta hinter der Tafel als Erster, als eines Morgens früh 8 Uhr eine Magd hereinstürmte mit dem Rufe: „Ach, Herrjeses! in der Holzgassen brennt’s!“ Die Tür, die einwärts aufging, war bald verstopft – Tertia saß in derselben Stube – und die Lehrer konnten die Jungen nicht bändigen. Ein großes Fenster, das sich nicht aufmachen ließ, geht Prima gegenüber auf den Gang hinaus. Ich rannte mit dem Ellenbogen eine Scheibe durch, nahm die Scherben heraus und ließ mich hinunter. So war ich der Erste auf der sogenannten Städe gegenüber der Holzgasse. Von da konnte man auf das Dach des brennenden Hauses sehen. Zwischen allen Ziegeln luschten kleine Flammen heraus und aus den Bodenlöchern schlugen sie hoch und dick wie ein Bierfaß. So etwas hatte ich nie gesehen und so gern ich gleich nach Haus gelaufen wäre, so hielt mich doch dieser fürchterliche Anblick gebannt, bis das Dach zusammenbrach, was keine zehn Minuten dauerte. Da ein ziemlich starker Südwest blies, war das Mühlhäusertor in Gefahr. Einige Scheuern mit Stroh flammten zuerst auf. Meine Mutter konnte vor Bestürzung nicht viel anordnen; mein Vater hatte den Backofen geheizt und wollte eben backen, da ich kam. Als er hörte, daß das Feuer so groß sei und der Wind auf uns losging, kommandierte er zum Einpacken. Die erste Lade, die zwei Mann trugen, mußte ich zum Tor hinaus begleiten mit strengem Befehl, nicht davonzugehen, bis mein Vater selbst hinauskäme. Nicht lange hatte ich da gestanden, so kam das Regiment Clemens im Sturmschritt den Böhmenweg herein. Der Obriste schickte eine Abteilung zum Löschen, eine zum Retten und einen kleinen Teil ließ er unterm Gewehr zur Verfügung der Bürger und zum Bewachen ihrer Habseligkeiten, denn wohl aus vierzig bis fünfzig Häusern lagen die Möbel und Betten draußen. In unserm Hause war nur der eingemauerte Kessel zurückgeblieben. Als ich meinen Posten eine gute Stunde behauptet hatte, meldete sich der Hunger. Die erste Lade war schon lange nicht mehr zu sehen und mit vielen anderen Sachen überbanst [überpackt, übertürmt]. „Dummer Junge“, sagte ein Soldat, „das Bewachen verstehe ich doch wohl besser als du. Geh, hol dir was zu essen und bring mir auch was mit und einen Schnaps dazu.“ Das tat ich denn auch auf der Stelle. Mein Vater kam selbst mit hinaus und gab mehreren Soldaten Branntwein und Semmeln. In den ersten Nachmittagsstunden war das Feuer getilgt und abends das hinausgeschaffte Gut wieder in unserem Hause. Abgebrannt waren zwei Häuser in der Holzgasse, ferner von den Häusern bis zu Munds herauf, uns schräg gegenüber, die oberen Stockwerke nebst allen Hintergebäuden und Scheuern. Um diese Zeit trug sich mein Vater mit dem Gedanken, ein neues Haus zu bauen und es kam auch so weit, daß der Neubau auf das folgende Jahr festgesetzt wurde. – In Tertia wurden unter dem Kantor Kahlert, dem Vater, Singstunden abgehalten, die auch ich nun besuchte. Es gefiel mir ausnehmend da. Nach 16 Wochen – ich hatte mich in dieser Zeit an einen Mitschüler namens Christel Walter sehr attachiert – wurden wir in die Singchore versetzt. Bei der Auslosung kam Walter in den ersten und ich in den zweiten Chor. Im ersten Chor hieß der Anführer Präfektus, im zweiten Adjunktus. Zu diesen Würden stiegen nur die ältesten Primaner auf, die auf Schullehrerstellen hofften oder von hier aus auch gleich zur Universität abgingen. Mein Adjunktus war Herr Meister, der später als Schullehrer nach Kirchheiligen kam; der jetzige Superintendent Meister in Heiligenstadt ist sein Sohn. Meister gab auch Privatstunden und mein Vater schickte mich dieserhalb zu ihm. Dadurch hatte ich einen guten Obern. Hinter dem Rathaus, vor Reichardts Hause, sang ich zum erstenmal Solo in einer Aria in motetta im Text: ‚Von des Frühlings Wunderdingen, Wenn der Winter ausgetobt, Dir ein Liedchen vorzusingen Hab’ ich jüngst dir angelobt –‘ usw. Auf diese Leistung hatte ich einen besonderen Stolz. Meine Stimme war ganz gut, aber ich konnte für Diskant nicht hoch satt [Thüringer Mundart: genug] hinauf und habe nur noch einmal, in der Bergkirche, vorn auf dem Chor Solo gesungen in dem Kirchenstück: ‚Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch, Daß der König der Ehren einziehe.‘ Nicht lange darauf mußte ich zum Alt übergehen. – Im Frühjahr 1800 wurde unser Haus abgetragen; mein Vater kaufte noch das kleine Strümpflersche Haus dazu; unser Haus hatte schon zwei Nummern, so wurden alle drei in eins gebaut. Das Kriegspielen ging noch immer fort, aber ich hatte keine rechte Lust mehr dazu. Damals hing ich gar sehr an meinem Vater und wenn er mir etwas auftrug, so konnte er sich darauf verlassen, daß ich’s pünktlich ausführte. Bonaparte war Oberkonsul geworden und hatte die Schlacht von Marengo gewonnen, alles schwärmte für ihn; sogar die Schullehrer erzählten uns davon. Ich mußte meinem Vater und dem alten Buschmann zuweilen aus der Zeitung vorlesen; über die Lage der Länder und Städte wußte ich schon ziemlich Bescheid. Den letzten Winter – 1799 auf 1800 – war ich auch jüngstes Mitglied in einem kleinen Theater geworden und hatte einigemal untergeordnete Rollen zu spielen. Außer mir wirkten noch verschiedene Schüler und vier Mädchen mit, darunter meine älteste Schwester. – Im Juni 1800 wurde das neue Haus in Holz aufgerichtet und Friedrich Wenk, unser Nachbar vis-à-vis, hielt die Zimmermannsrede. Er stand neben einem großen Tannenbusch hoch oben und ich kuzte [Thüringer Mundart: kauerte] versteckt hinter ihm und machte den Souffleur. In dieser Stunde kamen drei Nassauer Bäckergesellen vor das Haus, um zuzusprechen und ein Geschenk zu holen. Mein Vater brauchte einen Gesellen, war aber nicht gleich zugegen und meine Mutter sagte: „Die zwei Kerle haben abscheuliche Bärte, fragt doch den jungen, schmalen, ob er nicht Lust zu arbeiten hat.“ Es geschah! Und Christian Minor blieb bei uns. Die zwei anderen waren sein Bruder Wilhelm und einer namens Pelzer aus Bergnassau. Christian Minor zeigte sich geschickt und fleißig und war bald wie zum Hause und zur Familie gehörig. Anfang September buken wir schon wieder im neuen Hause. Während des Baues hatten wir uns bei Verwandten und Nachbarn beholfen und die Bäckerei so gut im Stand gehalten, wie es ging. Die Pfefferkuchenbäckerei nahm nun bald ihren Anfang. Jeden Tag wurde bis spät abends gearbeitet. Wenn meine Schul- und Lernstunden vorüber waren, tat ich ein Vortuch um, ging in die Backstube und half meinem Vater, wo ich nur konnte. Er litt an einem heftigen Husten, war aber robust und stark dabei. So ging der Oktober und November hin. Nun aber kam der Dezember; wir konnten nicht satt Pfefferkuchen schaffen. Mein guter Vater wurde krank und mußte endlich ganz von der Arbeit weg und im Bett bleiben. Zur gleichen Zeit lag meine ältere Schwester am Scharlach darnieder. Meine Mutter fiel fast über ihre Beine vor Müdigkeit und Gram und manche Träne mag zwischen die Pfefferkuchen gefallen sein, die sie den Käufern in die Körbe packte. Ich kam nicht mehr viel aus der Backstube. Dr. Steller und Dr. Stolte waren täglich mehrmals im Hause und der Barbier Schnitzer saß am Bett bei meinem Vater und gab ihm die Medizin. Vielmal des Tages ging auch ich zu ihm, gab ihm die Hand und weinte. „Bäckt denn der Christian gute Ware?“ fragte er dann wohl leise. „Ja, Vater“, sagte ich. „Nu mach nur hin und arbeite, bis ich wieder gesund bin, da sollst du wieder in die Schule gehn.“ Aber er wurde nicht mehr gesund. Am Abend vor seinem Tode hatte ich nicht aus der Kammer gewollt und war auf dem Fußboden eingeschlafen; die Gesellen hatten mich schlafend hinauf ins Bett getragen. Als sie mich die Nacht zur Arbeit weckten und ich nach meinem Vater fragte, wollten sie nicht mit der Sprache heraus, wodurch ich merkte, daß er tot sei. Als ich eine Viertelstunde bei meinem toten Vater in der Kammer gewesen war, da mußte ich wieder in die Backstube. Den Sonntag vor Weihnachten wurde mein Vater begraben. Es war Glatteis, so daß gestreut werden mußte. Dies Leid ging vorüber wie alles in der Welt und nach und nach heilten die Gemüter. Bis Ostern mußte ich noch zur Schule gehen, dann wurde ich der Backstube förmlich einverleibt. Meine Lehrjahre waren hart zu nennen in Beziehung auf die lang anhaltende Arbeit, die oft von zwei bis drei Uhr früh bis sieben bis acht Uhr abends dauert; doch die Einigkeit mit dem Gesellen Christian Minor, der sich unseres Geschäfts auf eine Weise annahm, die ziemlich einzig in der Welt dasteht, erleichterte alles wieder. Wir bekamen den Ruf als erste und feinste Bäckerei in der Stadt und Umgebung und meine Mutter konnte die 800 Taler, welche mein Vater auf Wort und Handschlag von seinem Freund Bertling zum Hausbau bekommen hatte, in wenig Jahren zurückzahlen, was mir große Freude und Lust zur Arbeit machte. Da das Geschäft mit der Zeit immer mehr in Schwung kam, so mußte meine Mutter noch zwei Gesellen einstellen, wodurch ich etwas Muße zu meinen Liebhabereien gewann. Ich lernte Zither spielen und sang dazu, trieb Geographie und las gern Reisebeschreibungen – die Lust am Wandern fing schon damals an, sich bei mir festzusetzen. Der Bruder von Musje Minor (so wurde nämlich nunmehro unser Obergeselle genannt) arbeitete in Gotha, etwa nach der Erntezeit im Jahr 1802. Wir hatten ihm einen Besuch zugedacht. Um im Geschäft nichts zu versäumen, fingen wir morgens eine Stunde früher zu backen an und waren um acht Uhr marschfertig. Von Fahren war damals keine Rede; das hieß zu großer Luxus, Chausseen gab’s auch noch nicht hier und bei schlechtem Wetter blieben die Fuhrleute manchmal zehn Stunden unterwegs von Langensalza bis Gotha. Wir gingen über Henningsleben, Wiegeleben, Hochheim und Goldbach und standen gegen Mittag vor der Stadt. Weil es nun gerade Essenszeit war, wollte Minor nicht gleich seinen Bruder aufsuchen. Wir kehrten drum im Gasthof zum grünen Baum ein und ließen uns Mittagbrot und Bier geben. Ich hatte mir schon ein Tabakspfeifchen angeschafft und obwohl Minor das Rauchen ebensowenig vertragen konnte wie ich, pafften wir, bis das bestellte Essen kam. Nun aßen wir uns recht satt und dachten dann beim Bier noch ein Halbstündchen zu pausieren. Dabei fielen uns die Augen zu; einer nach dem anderen legte den Kopf auf den Tisch. Aber nun! was geschah? Minor wacht auf, ist betäubt, rüttelt mich am Kopf, ich fahre in die Höhe, weiß aber in der ersten Sekunde nicht, was vorgeht, wir starren uns an – es brannte Licht in der Stube – die Leute lachten. „Nu, ihr Burschen“, sagte die Wirtsfrau, „guten Morgen auch!“ – Es war sieben Uhr abends. „Was sind wir schuldig?“ – „Soundso viel.“ „Hier liegt das Geld“ – jeder griff zum Stock und wir schoben im Trab den Mohrenberg hinunter. Da es zehn Uhr schlug, waren wir nicht weit vom Lindenbühler Tor. Ungefähr 14 Tage darauf machten wir den Weg nach Gotha noch einmal und da glückte es besser. – Um diese Zeit wurde in Langensalza die Seidenweberei stark betrieben; die Fabriken beschäftigten über 300 Seidenwirkergesellen und viel Geld war im Umlauf. Im Böhmen [Vergnügungsort bei Langensalza] gab es oft große Schlägereien unter den Handwerksburschen, worunter auch Bürgersöhne waren. Die Folge davon war, daß die ärgsten Kampfhähne, sofern sie Landeskinder waren, Soldat werden mußten; ein ruhiger Bürgersohn wurde nie dazu angefordert. Wenn aber ein Vater aufs Rathaus ging und klagte: „Herr Bürgermeister, mein Sohn ist ein Schlingel, er kommt besoffen nach Hause, hat seine Mutter geprügelt, ja, sogar gestohlen –“ „Gut, gut“, sagte dann der Bürgermeister, „wie heißt der Sohn und wo ist er zu finden?“ „Da und da.“ – Der Mann ging nach Hause und der Bürgermeister schickte diese Nota dem Militärchef. Oft drei bis vier Stunden darauf kamen zwei starke Unteroffiziere mit derben Stöcken ins Haus, packten den Musje und nahmen ihn mit fort. Er mußte auf dreizehn Jahre zur Fahne schwören und wurde sogleich ins Regiment Prinz Clemens einrangiert. Viele Soldaten wurden auch durch Handgeld angeworben; aber die mehresten wurden designiert, das heißt, sie wurden vom Magistrat der Militärbehörde als überflüssige, der bürgerlichen Gesellschaft schädliche Subjekte bezeichnet und dann zum Trommelfell kommandiert. Manchmal bekam einer Wind davon, versteckte sich vorläufig und floh bei Nacht und Nebel über die Grenze. Kam solch ein Ausreißer nach Jahr und Tag zurück und führte sich gut, so war das vergessen. Das war eine löbliche Einrichtung. Wie schön wäre es, wenn kein Fürst der Erde die Macht besäße, Menschen mit Gewalt zu seinem Dienst zu pressen, ausgenommen etwa Sträflinge und anerkannte Taugenichtse; durch Handgeld fänden sich dann auch wohl noch Freiwillige. Auf diese Art wären die Armeen nicht so stark, das Morden und Totschießen nicht so groß und die Verluste zum größten Teil für die Menschheit kaum beklagenswert. Jedoch das sind desideria pia! – Das Jahr 1803 war herangekommen; es war viel Leben in Langensalza; alle Geschäfte gingen gut. Zehn bis zwölf fremde Bäckergesellen hatten eine Brüderschaft gebildet und die Herberge in den Rautenkranz verlegt, wo auch die Färber und Hutmacher verkehrten. In diesem Jahre kam ein hochwichtiger Tag für einen Lehrling. Im Juli wurden zwei Färber, Friedrich und Christian Jänisch, ein Hutmacher und meine Wenigkeit zum Ritter geschlagen, das heißt zum Gesellen gemacht. Wir gaben ein Abendessen und Musik bis Mitternacht, tanzten auch tüchtig mit, ob wir gleich kaum 16 Jahre alt waren. Für mein Alter war ich sehr stark, aber meine Stärke in Schlägereien an den Mann zu bringen, wie in den Schuljahren, das fiel mir nicht mehr ein. Nicht nur, daß man etwas feiner geworden war! Ekel und Furcht vor den Folgen solcher Raufereien waren die Hauptursache, daß man sich zurückzog, sobald man merkte, daß die Bank herausgezogen und Stuhlbeine abgetreten werden sollten. Um diese Zeit war’s, daß ich einmal ohne Erlaubnis nach Erfurt wanderte. Ich besorgte und packte mir eine Tasche, nahm den Stock in die Hand, kam morgens die Treppe hinunter und sagte: „Adieu, adieu! ich geh in die Fremde.“ Alle lachten, nur meine Mutter nicht. Sie sah mich sehr ernsthaft an und ich wäre beinahe beim Siechhof wieder umgekehrt, so verfolgte mich ihr Gesicht. Dies war die Ursache, daß ich zu einigen Bekannten, die mir begegneten, sagte: „Ich gehe nach Erfurt zum Besuch und bin in einigen Tagen wieder da.“ Nun marschierte ich frisch drauflos. In Erfurt arbeitete Friedrich Hesse, der bei meinem Vater sechs Jahre in Lehre und Arbeit gestanden hatte und 1798 in die Fremde gegangen war. Seit der Zeit war er öfter zu Besuch bei uns gewesen und ich wußte ihn wohl zu finden. Er freute sich über die Maßen, als er mich sah und stellte mich seinem Meister, bei dem er gut angeschrieben war, als seines Lehrmeisters Sohn vor. Ich griff gleich mit zu bei der Arbeit und schlief bei Friedrich Hesse im Bette. Anderen Tags erzählte ich Hessen, daß ich mich zu Hause ein wenig gezankt hätte und so fast heimlich oder doch ohne Erlaubnis fortgelaufen wäre. Er sprach mit seinem Meister darüber; der brachte mir einen Bogen Papier, Feder und Tinte. „Damit kannst du alles ins gleiche bringen“, sagte er, „bitte dir nur noch vierzehn Tage Urlaub aus; es soll mich freuen, wenn du sie erhältst und solange bei mir bleibst.“ Ich tat’s in einem langen, demütigen Briefe, den ich ihm vorlesen mußte. Drei Tage darauf kam die völlige Begnadigung von meiner Mutter mit Zugeständnis der erbetenen Frist. Hesse war als Altgeselle bei der Brüderschaft und Fahnenspieler ein angesehener Bursche in Erfurt. Er zeigte mir die Stadt und wir sahen uns zusammen auch den Dom und die große Glocke an. Ein artiges Mädchen, anscheinend des Kastellans Tochter, führte uns. Ein Trinkgeld nahm sie aber weder von Hesse noch von mir. Des Abends nun waren wir in Gesellschaft, da sagte eine Färberstochter: „Ei, Herr Hesse, wo haben Sie heute den jungen Herrn hingeführt? Sie kamen ja vom Dom herab.“ – „Ja, ja“, meinte eine andere und wollte sich halb totlachen. „Herr Hesse hat ihm die große Glocke gezeigt.“ „Wie hat Ihnen denn die große Glocke gefallen, junger Herr?“ fragte eine Dritte mit verstelltem Ernst, doch bevor ich antworten konnte, platzte sie beinahe vor Lachen. „Ich hätte mir die große Glocke größer vorgestellt“, sagte ich schließlich. „Nun“, meinte die Färberstochter, „wenn sie mal ins Regenwetter kommt, wächst sie vielleicht noch ein bißchen“ – und sie kitterte in sich hinein. Ich begriff nichts von diesen Reden, die ich albern fand. Auf dem Heimwege gab mir Hesse die Erklärung. „Die infamen Mädchen haben der Mamsell da oben den Spitznamen ‚große Glocke‘ gegeben“, sagte er, „und weil sie so hübsch ist, haben sie ihren Ärger darüber, wenn man hinaufgeht.“ Nun verstand ich das Ding. Sonntag gegen Abend fanden wir uns auf der Milchinsel ein; es war Tanz da und ziemlich voll. Hesse stieß mich an: „Guck mal da ’nüber, links der Tür, kennst du die in dem schönen blauen Kleide noch?“ – Meiner Seel, es war die große Glocke. Stracks ging ich auf sie los. „Kann ich die Ehre haben, Mademoiselle, mit Ihnen zu tanzen?“ (Fräulein war noch nicht Mode.) „Die Ehre ist auf meiner Seite“, sagte die große Glocke und lächelte. Wir kamen in ein angenehmes Gespräch; sie hatte mich sogleich wiedererkannt. Ich tanzte mich recht satt und Hesse, der seine Freude an mir gesehen, lobte meinen Tanz. Mehrmals ging ich auch ganz allein in Erfurt spazieren. Der Wall war damals offen, man konnte um die ganze Stadt herumgehen. Ich verlief mich im Gewirr der Gassen, hatte aber die caprice, niemanden zu fragen und fand mich auch nach Haus. So waren die vierzehn Tage bald hingeschwunden. Ich saß schon wieder in Gräfentonna und rauchte ein bißchen; denn ich wollte nicht bei Tage nach Hause kommen. Als ich Licht sah, trat ich in unsere Stube. Da saßen bald alle um mich herum und ich mußte noch eine Stunde erzählen. Andern Morgens fabrizierte ich Erfurter Gebäck und brachte es meiner Mutter. Es verkaufte sich gut und wurde lange beibehalten, bis wieder andere Figuren es verdrängten. Damals war ein Geselle aus Hirschfeld bei uns, ein Sohn wohlhabender Eltern. Er hieß Johann, wurde aber nur Hannchen genannt. Trotzdem er sechs Jahre älter war als ich, kapitulierte er schnell, wenn ich ihn packte und an die Wand drückte. Ich habe ihn später auf meiner Wanderschaft besucht. – Meine Mutter kaufte dem alten Nachbarn Schütz sein Haus für 250 Taler ab; er reservierte sich aber die Parterrestube und den Laden auf Lebenszeit. In diesem Hause wohnte damals ein Chorschüler, Zwinkau, der gut Flöte blies. Ich bekam Lust dazu, kaufte mir solch ein Ding und nach drei Monaten blies ich wie ein Alter. Oft war ich auch draußen in der Ufhover Pfarre. Mein Onkel galt viel in unserem Hause; und meine Mutter befragte ihn bei allerhand Vorfällen um Rat. Wir schrieben nun 1804. Es war um die Zeit der Kirschenreife, als ein Bauer bei dem Weimar-Eisenachschen Dorfe Hitzelsroda lebendig verbrannt werden sollte, weil er fünfmal Feuer angelegt hatte. Der Tag der Verbrennung war festgesetzt und bekanntgemacht worden; von allen Seiten zogen viel tausend Menschen dahin. Auf einem großen Wagen, den der Fuhrmann Seiling in der Holzgasse bespannt hatte, saß des Morgens um zwei Uhr eine fidele Gesellschaft. Erinnerlich sind mir noch: Zwinkau, Bransener, Traubott, drei lustige achtzehnjährige Chorschüler, Minor, ich und meine Schwester, einige Freundinnen von ihr, auch ein Walter und Triembach. Wir fuhren über Graula. Der Seiling hatte eine zwanzigjährige Tochter, Marth-Marie, die war groß und stark, aber ein bißchen dumm und sehr grob. Die Schüler hatten ihren Witz mit ihr; sie stand im Feststaat mit auf dem Wagen. Bransener ordnete eine Komödia an und verteilte die Rollen zum Donauweibchen. Sich selbst machte er zum Ritter Albrecht von Waldsee und sagte sehr höflich: „Liebe Jungfer Seilingen, Sie müssen aufpassen, Sie stellen Hulda, das Donauweibchen, vor.“ Das Donauweibchen schnitt aber ein falsch Gesicht dazu. Bransener belehrte weiter: „Wenn ich Sie gleich angeredet habe, so erwidern Sie: ‚nein, edler Ritter, heute nicht, kommen Sie morgen wieder!‘ “ So nahm also die Oper ihren Anfang, indes wir durch den Wald fuhren. Bransener faßte Posto vor seiner Hulda. „O Hulda, schöne Hulda, komm in meine Arme!“ – und er breitete die Arme weit aus. Aber Hulda sank nicht hinein, sondern schlug zu und gab ihm eine furchtbare Maulschelle. „Dummkopf!“ sagte sie ganz trocken. So hatte Bransener seinen Denkzettel vom Donauweibchen weg; seine Backe war feuerrot und angeschwollen. Zuerst wollte er heftig werden, sah aber bald ein, daß hier nichts zu machen war. Viele Jahre ist er mit diesem seltsamen Liebesabenteuer geneckt worden. Er kam später als Lehrer nach Kammerforst, wo er vor wenig Jahren gestorben ist. Auf einem sehr großen Platze, vom Walde begrenzt, war der Scheiterhaufen kunstvoll aus Wellen [3–4 m lange Reisigbündel, mit denen die Backöfen geheizt wurden], Stroh und Scheitholz aufgerichtet. Unten liefen Gänge durch und eine breite Treppe führte hinauf. Die Zahl der Zuschauer, die hier zusammengeströmt waren, ist auf 40.000 – 50.000 geschätzt worden. Unser Wagen hielt etwa 300 Schritte vor der Treppe; wir standen darauf. In vielen Dörfern wurden die Glocken geläutet; der Delinquent mußte wohl eine gute Stunde durch die bunte Menschenallee gehen, bis er zum Richtplatze kam. Mehrere Pfarrherren begleiteten ihn bis an die Treppe, dann führten die Schinderknechte ihn hinauf. Oben drehte er sich herum; er war ein magerer, kreideblasser Mann von ungefähr 45 Jahren. Die Knechte schoben ihn zurück in eine Öffnung. Man sah, wie sie bald darauf Scheitholz nahmen und von oben in die Öffnung hineinstießen, die sie dann mit Strohschütten zudeckten. Alsdann stiegen sie hinunter, um anzuzünden. Es ward ein großes Feuer und der Rauch ging auf uns los. Da fuhren wir sachte fort, so gut, als es bei dem Gedränge möglich war. In einer Stunde kamen wir nach Eisenach, wo wir uns an Kirschkuchen labten und Schnaps dazu tranken. Als wir auf dem Rückweg wieder am Richtplatz vorbeifuhren, war alles niedergebrannt, bis auf einen dicken, wohl zwanzig Fuß hohen Stamm, woran oben noch ein Haken saß, an welchem sie den Mann wahrscheinlich erhängt hatten. Man sagte, es sei in letzter Stunde noch die Begnadigung von Weimar gekommen, daß er nicht lebendig solle verbrannt werden. Der Böhmen war damals der einzige Vergnügungsort bei Langensalza, aber immer so überfüllt, daß meist an Bier oder Gefäße gar nicht zu denken war. Viele nahmen sich deshalb das Nötige selbst mit hinaus, wenn sie auf den Böhmen wollten. – Der Rautenkranz war der eigentliche Volksgarten der Stadt. Da sah man ganze Familien auf dem Rasen sitzen und sich dort vergnügen, wenn die Lauben schon voll waren. Drei Kegelbahnen waren im Gang und immer besetzt und vorn in einer großen Stube stand ein Billard, worauf ich gelernt habe. Es wurde fast nur en quatre à la poule gespielt, ging lustig zu dabei und viel Spaß wurde getrieben. Einmal hatte ich im Billardspiel einen Hasen gewonnen, wählte von zweien, die an der Wand hingen, den schwersten, fand aber zu Hause, da er abgezogen wurde, einen tüchtigen Stein darin. Das Kunststückemachen war damals sehr beliebt. Ich verstand, ein Geldstück verschwinden zu lassen und auf Verlangen der Zuschauer mußte es sich an einem Ort, den sie bezeichneten, wiederfinden. Diese Kunst hat mich später in den Wanderjahren in den Verdacht gebracht, ein Verbündeter von dem mit dem Pferdefuß zu sein. Ein anderes Stückchen, das uns manchmal ein Dutzend Bouteillen Bier, auch einmal Wein einbrachte, war dies: wir suchten uns unseren Mann aus und wetteten mit ihm, daß wir ihn in einen Kreis von wenigen Fuß Durchmesser bannen wollten, so daß er nicht von der Stelle könnte, solange er den linken Daumen an die Nase halte. Darauf zogen wir mit Kreide einen Kreis um den Pfeiler, der in der Mitte der Saales stand, führten unser Opfer hinein und legten seinen linken Arm um den Pfeiler und den linken Daumen an seine Nase. Er war richtig gebannt, solange der Daumen an der Nase lag und hatte die Wette verloren. Mittrinken durfte er aber, soviel er wollte und konnte. So ging die Zeit hin und das Jahr 1805 war da. Da ich gern tanzte, so konnte es nicht fehlen, daß ich die Bekanntschaft junger Mädchen machte und weil ein junger unbefangener, noch nicht spekulierender Mensch sich am liebsten zu denen hält, die ihm gefallen, erging es mir auch so. Aber meiner Mutter gefiel es nicht, als sie hörte, wo ich mich verfangen; sie meinte, das sei keine vorteilhafte Partie für mich zum Heiraten. Ich lachte aus vollem Halse dazu. Sie glaubte mir auch wohl, daß ich an dergleichen nicht denke, war aber der Meinung, dann müsse man sich auch nicht immer um eine und dieselbe halten oder gar ins Haus zu den Eltern gehen, wie sie von mir gehört habe – und so gab es manchmal kleinen Krieg wegen dieser Angelegenheit. Ich hatte aus einem der vielen Bücher, die ich schon gelesen, den Grundsatz aufgegriffen, man müsse selbst aus den Übeln und Unannehmlichkeiten des Lebens noch Nutzen ziehen, indem man suche, ihnen die vorteilhafteste Seite abzugewinnen. Es lag nicht fern – und ich kam bald auf den Gedanken – daß meine Mutter, da sie mich von den Mädchen abziehen wollte, mir um so leichter die Erlaubnis zum Wandern geben würde. Die Osterfeiertage, deren damals (so wie bei Pfingsten und Weihnachten) noch drei gefeiert wurden, brachten wieder Bälle und Gelegenheitstänze. Unser Obergeselle Minor (der auch mit in den Bürgergesellschaften war) und meine älteste Schwester sahen wohl, wie ich es trieb und so gab es wieder Vorwürfe von der Mutter. Nun trug ich wieder darauf an, mich in die Fremde ziehen zu lassen und endlich schickte mich meine Mutter zu ihrem Bruder, dem Pastor Scholl in Ufhoven. „Gehe hin und sieh zu, wenn’s der zufrieden ist, dann sollst du fortgehen.“ „Nein, das geht nicht, Christel“, sagte mein Onkel, „wenn Minor fortginge, wäre deine Mutter geschlagen.“ – „Aber Minor geht nicht fort“, drängte ich. „Nun, ich will hineinkommen und mit deiner Mutter und Musje Minor sprechen. Wenn er mir mit Handschlag angelobt, daß er deine Mutter nicht verlassen will, es sei denn, daß wir dich erst zurück hätten, so magst du hinlaufen.“ Nun wußte ich genug. Ich jubelte und sang bis nach Hause, sprach auch noch bei Vetter Scholl vor, dem wohlhabenden Böttchermeister und Holzhändler bei der Marktkirche, in dem Hause, welches jetzo die Frau Markraf besitzt. Er war mir gut und in seiner Jugend auch, wie er sich ausdrückte, ins Reich gewandert. Zur Konferenz fand er sich auch mit ein; Minor gelobte mit Handschlag, was mein Onkel begehrt hatte und nun ging’s ans Ausrüsten. Der erste Reiseplan war schon lange bei mir fertig. Die Frau Amtmännin Bär war der glänzende Magnet, der mich anzog. „Vetterchen“, hatte sie oft gesagt, indem sie mich fest bei der Hand hielt, „Vetterchen, Sie sind mein einziger Namens- und Blutsverwandter, auf den ich meine Hoffnung setze. Wir wollen an unserer Bechstedtfreundschaft treu festhalten und Ihre erste Ausflucht aus Langensalza muß zu mir gehen.“ Dabei sah sie mich mit ihren schwarzen glänzenden Augen so freundlich an, daß ich das Zittern bekam. Damals war sie 25 Jahre alt, schlank, mittlerer Größe, sehr lebhaft und trug schöne Kleider. Sie glich meines Vaters Schwester, der Frau Köhler in der Treischmühle, die in ihrer Jugend die schöne Kathrin geheißen hat. Der Tag meiner Abreise war bestimmt. Ich hatte ein verschließbares Reisebündel von schönem Kalbleder, das fertig gepackt 29 Pfund wog. Das schien mir, da ich auszog, nicht schwer, später empfand ich es jedoch manchmal anders. Erster Teil meiner Wanderjahre und Liebesverirrungen Abschied – Großsömmern – Sondershausen – Heringen – Stolberg – Güntersberge – Das Lenchen – Quedlinburg – Den Montag vor Pfingsten 1805, vormittags neun Uhr, zog eine kleine Karawane zum Mühlhäusertore hinaus – zehn bis zwölf Kameraden, von denen einer um den anderen mein Bündel trug. Mein Bruder Heinrich, meine zwei jüngsten Schwestern und Andreas Köhler aus der Treischmühle waren dabei, sogar mein Vetter Scholl ging mit, trotz seiner fünfzig Jahre. Meine Mutter hatte mich endlich losgelassen und wir waren vor dem Tore rechts herumgegangen. Meine älteste Schwester war mit Minor und zwei Gesellen auf den Oberboden gestiegen und von da riefen sie mir ihr Adieu auf den Weg herunter. In Merxleben wurde Halt gemacht, Bier getrunken und gesungen. Nach einer halben Stunde rollte ein Militärwagen von Langensalza heran mit Soldaten, die nach Weißensee bestimmt waren. Sie tranken gerne einmal mit, doch als sie weiterfuhren, ließ auch ich mich nicht mehr halten, bestieg den Wagen und setzte mich zwischen die alten Clemenser, die mich kannten. „Adieu, adieu“, ging’s nüber und rüber; die Hüte wurden geschwenkt und fort fuhr ich in die Fremde. In Gangloffsömmern stieg ich ab und besuchte den Pachter Fischer, von dem wir oft Weizen gekauft hatten. Er nahm mich freundlich auf; nachdem ich mich zum Essen und Trinken ein bißchen hatte nötigen lassen, langte ich zu. Fischer gab mir derweil allerhand gute Lehren: „Es tut nicht gut, daß Sie so allein gehen, Mosje Bechstedt –“ und er erzählte, vor kurzem habe man im Walde, eine halbe Stunde vor Sondershausen, einen einsamen Wanderer bestohlen und halbtot geschlagen. Ich dankte schön für alles, nahm Abschied und marschierte nach Greußen, wo ich den Weg nach Sondershausen erfragte – Chausseen gab es damals noch nicht. Es fing an zu regnen. Trotz des Schmutzes wollte ich weiter, mußte aber schließlich doch in einem Dörfchen – Holzengel, Kirchengel oder Hausengel – bleiben. Das kleine Nest hatte keinen Gasthof: die sogenannte Schenke wurde von einem Ehepaar in den vierziger Jahren geführt. Die armen Leute kannten das Wort „logieren“ gar nicht: ich war der erste Fremde, der bei ihnen übernachten wollte. Sie lachten mich immerzu an, setzten mir einen Krug dickes gelbes Bier vor und gingen fort an ihre Arbeit. Ich seufzte und sah zum Fenster hinaus. Es war inzwischen wieder hell geworden – sollte ich weitergehen? Aber sicher hätte mich noch vor Sondershausen die Nacht im Walde überrascht. Die Erzählung des Pächters in Gangloffsömmern war mir doch in die Glieder gefahren; das Bestehlen und Totschlagen gefiel mir gar nicht recht – ich blieb. Nun fing ich an, die Stube zu mustern – siehe da! hinterm Ofen an der Wand hing eine Zither. Schnell rückte ich einen Schemel hin und holte sie herab. Sie war gestimmt und glich ganz der meinigen zu Hause. Ich begann zu klimpern und zu singen und kam bald in mein Leibstückchen: „Dameton war schon lange Zeit Der schönen Phillis nachgegangen, Doch konnte seine Zärtlichkeit Nicht einen Kuß von ihr erlangen“ usw. Frau und Mann lugten zur Tür herein und lachten und als mein Lied aus war, standen wohl zwanzig Menschen, klein und groß, unter meinen Fenstern und ich mußte noch eins singen und spielen. Es ergab sich hernach, daß die Zither dem sechzehnjährigen Sohne gehörte, der jetzo Knecht beim Pfarrer war. Ich dachte: Hier wirst du nicht bestohlen und geschlagen und schlief die ganze Nacht wie ein Prinz in einem reinen Bett mit schwerer Decke, die ich wegschob. Am anderen Morgen fand ich meine Gastwirte hinter dem Hause in einem Grabgarten, wo sie Kartoffeln häufelten. Sie meinten, es wäre ein schöner Besuch gewesen und ich hatte meine Not, bis sie ihre Forderung machten. Die war aber so gering, daß ich dem Entgelt noch ein Sechserbrot und eine halbe Knackwurst aus meinem Felleisen hinzufügte. Der Mann geleitete mich noch eine Viertelstunde Weges und trug mein Bündel. Gegen zehn Uhr kam ich in Sondershausen an. Ich führte ein altes Gebet- und Reisebüchlein mit mir und da es auch mein Vater dereinst auf seiner Wanderschaft benutzt hatte, so besaß es einen gar großen Wert für mich. Die Reisemorgen- und abendsegen und die Andachten waren eigens für junge Handwerksburschen geschrieben und gefielen mir; man wird unwillkürlich frömmer, wenn man so allein geht. Trotzdem war es nicht Furcht vor Reisegefahren, wenn ich jetzt oft in dem Büchlein las. Ich besaß Courage genug; doch setzte ich ein gewisses ehrfürchtiges Zutrauen in das Buch, weil es alt und von meinem Vater war. In Sondershausen reizte mich die Neuheit meiner Lage dazu, eine Dummheit zu machen. Es kam mir so sonderbar und interessant vor, daß ich auf einmal ein reisender Bäckerbursche war, wie ich deren so viele hatte in unser Haus kommen sehen, um zuzusprechen und das Geschenk zu holen. Ich ging also zum Obermeister und ließ mir das Zeichen zum Zusprechen geben. Dabei bedachte ich nicht, daß ich hier ja nicht in Arbeit gehen wollte, also auch ums Geschenk nicht zusprechen dürfe. Als ich in das erste Bäckerhaus eintrat, machte ich ein tüchtig Gesicht, so ernsthaft, als ich’s nur herausbringen konnte und sagte dreist: „Ein reisender Bäckergeselle spricht dem Meister zu wegen des Handwerks und bittet ums Geschenk.“ Ich bekam zwei Semmeln und ging weiter; das Ding machte mir Spaß. Als ich aber zum dritten oder vierten kam, war der Meister selber da und fragte mich: „Hast du auch Lust zum Arbeiten?“ Wie konnte ich da nein sagen? – „Ja!“ – „Wo bist du her?“ – „Aus Langensalza“, antwortete ich kleinlaut. „So, da bist du nicht weit her.“ Diese Rede verdroß mich einigermaßen. Der Meister verlangte nun, daß ich zur Herberge gehen und meine Sachen holen sollte, um die Arbeit bei ihm anzutreten. Ich antwortete zwar: „Gut, Herr Meister“, aber im Inneren sah es bei mir nicht gut aus. So bedrückt war ich, daß ich kaum Atem holen konnte. Ich suchte den Obermeister wieder auf, gab mein Zeichen ab, erhielt meine Kundschaft (das war damals der Reisepaß), zahlte meine kleine Zeche, hockte mein Bündel auf und – marschierte zum nächsten Tor hinaus. Erst weit draußen wagte ich zu fragen, wo der Weg nach Heringen hinginge. Ich mußte nun fast um die halbe Stadt herum, um auf den rechten Weg zu kommen, machte dann Beine und stiefelte eine Stunde lang recht darauf los. Hernach legte ich mich im Schatten nieder, um über mein Schicksal nachzudenken. ,Da!‘, dachte ich, ,nun hast du schon einen Betrug gemacht und bist kaum von zu Hause weg.‘ Ich holte mein Büchlein heraus, ob da nicht ein Gebet stände für diese Sünde, fand aber keines. ,Nun, er wird ja wohl einen anderen Gesellen kriegen‘, beschwichtigte ich mein Gewissen und blätterte weiter, bis ich zu den Marschrouten kam. Also: Nordhausen, Stolberg, Güntersbergen, Quedlinburg, Egeln, Magdeburg waren zu erobern. Mein Mut stieg wieder hoch auf; ich sprang in die Höhe und marschierte weiter. Abends in Heringen ließ ich mir Brot geben, Wurst hatte ich selber, trank Bier und schlief wie das gute Gewissen. Am anderen Morgen ging ich zu keinem Bäcker, sondern machte mich gleich auf den Weg. ,Was sollst du eigentlich in Nordhausen machen?’ dachte ich und fragte einen Mann, ob ich nicht geradezu auf Stolberg gehen könne. Er meinte, der gerade Weg nach Stolberg sei zwar im Sommer sehr angenehm, aber ein Fremder könnte sich doch leicht da verirren. Nachdem ich wieder eine halbe Stunde gewandert war, traf ich auf einen alten Bauern. Der sagte, mit dem Verirren wäre es gar nicht so schlimm. Wenn ich wollte, so könne ich hier gleich mit ihm rechts abgehen auf einem Fußsteige, der nach seinem Dorfe führe – und wer mitging, das war ich. Als ich den Bauern mit seinem Dorfe wieder eine Stunde im Rücken hatte, fing mir das Ding doch an wunderlich zu werden. Keine Seele hatte ich angetroffen und vor lauter Bäumen sah ich keinen Wald mehr. Der Weg war alle geworden, wie man zu sagen pflegt, bald links, bald rechts mußte ich durchs Gebüsch kriechen, das Felleisen drückte schwer; ich ließ mich nieder, um auszuruhn. ,Hier hilft kein Beten‘, dachte ich. ,Doch halt!, dein Weg geht nach Norden, folglich mußt du, da es noch Vormittag ist, die Sonne immer etwas rechts hinter dir haben‘ – und so richtete ich denn auch meinen Marsch ein. Als ich mich eine gute Stunde fortgearbeitet hatte, was mir vermöge meines schweren Bündels sehr sauer wurde, kam ich aus dem Walde heraus und stand nach tausend Schritten vor einem steilen Abhang. Vor mir lag ein Tal, rundherum von Bergen umgeben, mitten darin ein Dorf, woran sich Ziegelbrennereien anschlossen. Unten floß ein Wasser ganz nahe am Berge weg, das etwa halb so groß wie die Unstrut war. Eine Brücke über dies Wasser war nicht zu entdecken, auch wußte ich nicht hinabzukommen; der Hang war zu steil und felsig. Da bemerkte ich, daß weiter links das Wasser nicht so nahe an den Berg trat und dort arbeitete ich mich hin. Als ich genau untersucht hatte, daß man hier zur Not rückwärts hinunterklettern und rutschen konnte, legte ich mein Felleisen nieder, gab ihm einen Schub und, heidi! kollerte es den ganzen Berg hinab und blieb im Grase liegen. Nun trat ich die Rutschpartie auf allen vieren rückwärts an und kam glücklich mit etwas blutigen Händen zu meinem Bündel. Ich hockte auf und marschierte links fort, mußte aber einigemal gefährlich klettern, weil der Fluß sich dicht an den Berg drängte. Nach einer halben Stunde entdeckte ich eine Fahrbrücke über den Fluß und einen Weg links vom Berge herab, auf welchem ich wahrscheinlich hätte kommen sollen. Nachdem ich mich in der Schenke des Dorfes erholt und nach der weiteren Marschroute erkundigt hatte, kam ich zu Mittag nach Stolberg, fragte nicht nach der Bäckerherberge, sondern ließ mir im Gasthofe was Gutes zu essen geben und ging den Tag noch bis Güntersbergen in mein drittes Nachtquartier. Andern Morgens, nach einem langen und guten Schlaf, fragte ich den Wirt nach dem nächsten Weg nach Quedlinburg. Der wäre für Fremde schwer zu finden, erklärte der Wirt und wunderte sich, daß ich als Handwerksbursche in Güntersbergen sei, statt daß ich von Stolberg aus die Hauptstraße über Harzgerode und Ballenstedt eingeschlagen hätte. Nun, nach den nächsten zwei Dörfern könnte ich zur Not noch hinfinden, aber hernach – hernach würde ich mich ganz gewiß verlaufen, wenn ich allein bliebe. Nach zwei Stunden war ich im zweiten Dorfe angelangt, hatte unterwegs schon mein Gebetbüchlein in Gebrauch genommen und war recht fromm und ein bißchen ängstlich gestimmt. Ich ließ mir Bier geben und legte den Kopf auf den Tisch. Das Wasser stieg mir in die Augen; ich dachte an meine Mutter und fing still zu beten an: ,Ach, du lieber Gott, schick doch nur einige Menschen her, die auch nach Quedlinburg wollen‘ – darüber schlief ich ein. Im Traum sah ich einen alten Einsiedler, der sagte zu mir: ,Wenn du fleißig in deinem Gebetbuch liest und ein guter Mensch bist, so sollst du dich nicht verirren und kein Spitzbube soll dir etwas anhaben.‘ Ich nahm mir auch im Traum vor, das so zu halten, wurde aber durch heftiges Zuschlagen von Türen und lautes Sprechen unsanft aufgerissen. Ich rieb mir die Augen und sah drei Leute; einen Bauersmann, eine Bauersfrau und ein junges Mädchen, das städtisch gekleidet war, doch ein schönes weißes Tragkörbchen auf dem Rücken trug, das sie eben absetzte. Der Bauer war ein gewöhnlicher Mann von mittlerer Statur und mittleren Jahren, in dem Gesicht der Frau stand nichts geschriehen; das Mädchen sah hübsch, aber ein wenig einfältig oder vielleicht auch unerfahren und unschuldig aus. Und weil ich mir eben im Traum vorgenommen hatte, recht brav zu bleiben, sah ich das Mädchen lange an; sie schien in meinem Alter, wo nicht jünger zu sein. Als unsere Blicke zusammentrafen, guckten wir beide schnell wo anders hin. Da ich hörte, daß Mann und Frau plattdeutsch miteinander sprachen, stellte ich einige Fragen. Der Mann hielt nicht zurück und bald erfuhr ich, daß das Ehepaar aus seinem Dorfe bei Quedlinburg vor drei oder vier Tagen nach Nordhausen gegangen war, um alte Bekannte zu besuchen. Deren Nachbar nun, ein Böttchermeister, hatte eine Schwägerin in Quedlinburg, die schon vor langem gebeten, man möge ihr doch das Lenchen hinschicken; sie solle es gut haben und auch das Nähen und Sticken bei ihr erlernen. Ich spähte zu Lenchen hin, denn sie mußte das doch wohl sein, aber Lenchen guckte schnell auf den Erdboden. Der Böttchermeister, so erzählte der Bauer weiter, hatte ihn nun gebeten, die Lene mit nach Quedlinburg zu nehmen oder seine, des Bauern Frau, über ihr Dorf hinaus wenigstens noch ein Stückchen mitgehen zu lassen, bis Lene von weitem die Stadt sehen könne. ,Oh, du lieber Gott‘, dachte ich, ,hast du schon mein Gebet erhört!‘ Es wurde mir ganz frömmlich zumut. Ich schnürte mein Felleisen auf, holte ein ordentliches Stück Cervelatwurst heraus, schnitt es in vier Stücke und bot dem Bauern, der Frau und Lenchen an. Das Lenchen wollte erst nicht recht. Da sagte die Frau: „Ach, Lenchen, nehm ses doch“ – und Lenchen nahm’s. Nun ließ ich noch zwei Krüge Bier kommen und zwei Schnäpschen und jetzt fing auch der Bauer an, auszufragen. Ich erzählte grundehrlich die letzten sechs bis acht Tage meiner Lebensgeschichte, besonders auch den Abschied von Mutter und Geschwistern vor vier Tagen. Lenchen rückte etwas näher, sie schien eine Angst zu verlieren, ja sie lächelte sogar ein bißchen. Nun gab ich zu erkennen, daß ich auch nach Quedlinburg wolle und mich sehr freuen würde, Gesellschaft zu finden, da ich mich gestern schon im Walde verirrt hätte. Lenchen fand Ähnlichkeit zwischen ihrem und meinem Schicksal und gab dies unbefangen zu verstehen. Kurz, wir brachen auf und ich bezahlte die ganze Zeche, die sich auf ein paar Groschen belief. Wir waren kaum tausend Schritt gegangen, da steckte der Bauer sein Ränzchen in den Korb seiner Frau und bat sich mein Bündel aus, das er nicht eher wieder vom Buckel heruntergab, bis wir schieden. Ob ich nun gleich das größte Zutrauen zu dem Manne hatte, so war mir doch, als sei es meine Schuldigkeit, mein Bündel im Auge zu behalten und so hielt ich mich hübsch zu ihm. Ich bezahlte noch ein paarmal Bier und Lenchen gab Kuchen zum besten, den sie im Korbe hatte. Es war ein schöner Tag; ich ging so frei ohne mein Felleisen. Gegen vier Uhr fing es an, schwül zu werden und in der Ferne zu blitzen. Der Bauer sagte: „Es sind kaum noch zwei Stunden bis Quedlinburg; ich und meine Frau werden nun bald links abgehen, denn da Sie auch nach Quedlinburg wollen, braucht meine Frau die Lene nicht länger zu begleiten. Der Weg ist nicht mehr zu verfehlen.“ Nicht lange und es wurde haltgemacht; der Bauer legte mein Felleisen ab und die Frau nahm Abschied von Lenchen, die ihr gute Worte gab, sie möge doch noch ein Fleckchen mitkommen. „Wozu?“ meinte der Bauer. „Noch ein Halbstündchen schnurgeraden Wegs durch den Wald und ihr kommt zur „Neuen Schenke“. Von da hat man die Stadt immer vor Augen. Der Mosje Langensalzer wird die Lene schon in Schutz nehmen, daß ihr nichts Übles begegnet. Ha, ha, ha, ha!“ lachte der Kunde noch recht. Lenchen bemerkte kleinlaut: „Der fürchtet sich ja selbst.“ Aber dagegen hatte ich viel einzuwenden und tat sehr dick mit meiner Courage. Ich nötigte dem Bauern noch ein Stückchen Wurst auf; wir nahmen Abschied mit Händedruck – und dort gingen sie hin und überließen zwei junge Anfänger in der Welt ihrem Schicksal. Sie glaubten, daß die Lene, ihre Anbefohlene, in zwei Stündchen bei ihrer Tante sein werde, aber es sollte anders kommen. Fast war ich willens, hier beim Schreiben meines Berichts eine Lücke zu lassen oder moralische Schwätzereien anzubringen – doch weg damit! Ich will treu und ehrlich erzählen, wie sich alles der Wahrheit gemäß zugetragen hat. Wir, Lenchen und ich, gingen zusammen weiter und Lenchen meinte: „Sie müssen heute abend mit bei meiner Tante essen. Das ist eine gar gute Frau; mein Vater nennt sie nur die Fromme. Vielleicht nehmen Sie auch Arbeit in Quedlinburg?“ Ich erklärte ihr nun, daß ich zu Verwandten in Neuhaldensleben wolle, morgen nach Egeln und übermorgen nach Magdeburg marschiere, von dort seien es dann noch sechs Wegstunden bis Neuhaldensleben. „Ach, so weit noch“, rief das gute Lenchen, „und wissen keinen Weg. Da werden Sie sich wohl wieder verirren.“ „Nein, Lenchen, nun werden die Wege besser und es kommen auch mehr Leute, die man fragen kann.“ „Ja, wer sagt Ihnen denn das? Sie sind – “ Herr Gott! jetzt kam ein so furchtbarer Blitz und Donnerschlag, daß Lenchen umfiel; sie raffte sich jedoch schnell wieder auf. Wahrscheinlich hatte es in der Nähe eingeschlagen; meine Augen waren wie geblendet von dem gewaltigen Blitz. Nun hielten wir uns aber dazu und gelangten, nur wenig vom Regen durchnäßt, in die Neue Schenke. Es war am Donnerstag vor Pfingsten und ging auf sieben Uhr. Lange Zeit zum Verweilen blieb uns nicht, das bißchen Regen durfte uns nicht abhalten. Aber noch keine dreihundert Schritt waren wir gegangen, als ein schrecklicher Blitz und Donner, dem sogleich starker Regenguß folgte, uns in die Schenke zurücktrieb. Es regnete eine Stunde so fort und die Leute sagten uns, das Flüßchen zwischen hier und der Stadt sei so angeschwollen, daß es heute nicht passiert werden könnte. Es wurde Nacht; ich bestellte Abendbrot. Wir bekamen Suppe und ausgeschlagene Eier; ich langte tüchtig zu, denn ich war hungrig, trank viel Bier und rauchte sogar ein Pfeifchen. Dann und wann versuchte ich, mit Lenchen zu sprechen, aber sie machte ein schauerlich ängstliches, fast einfältiges Gesichtchen. So ging der Abend hin und eh wir’s uns versahen, trat eine Frau mit einem Licht in der Hand zu uns und sagte: „Na, wellts net ok slapen gahn? is all lang zehne durch!“ Ich griff nach meinem Bündel, Lenchen nach ihrem Korbe und wir trotteten wie die Lämmer hinter der Frau her. Nachdem wir ein paar Treppen und einen Gang passiert hatten, machte sie eine Türe auf, zeigte uns die Kammer, stellte das Licht auf den Tisch und sagte: „Na! schlaps wol un bust man det Licht hebsch ut!“ – Ging hin und schmiß die Türe zu. Herr Gott im Himmel! in der Kammer stand nur ein einziges breites Bette. Mir wurde ganz blümerand [kauderwelsch für bleu-mourant, schwummerig] vor den Augen; ich schielte nach Lenchen, aber die kehrte mir den Rücken zu. Ich legte also mein Bündel ab, hing meinen Hut an die Wand und war im Begriff, meine Stiefel auszuziehen, als Lenchen eine heftige Bewegung machte. Sie hatte die Bettdecke ganz zurückgeschlagen und lag schon mit Sack und Pack, die Schuhe kaum ausgenommen, hinten im Bette, dicht an der Wand; ihr Gesicht konnte ich nicht sehen. Was ich gedacht habe, weiß ich nicht mehr, aber was ich gesagt habe, weiß ich noch – nämlich gar nichts. Ich zog meinen Rock aus, löschte das Licht, legte mich neben Lenchen ins Bette und deckte mich mit meinem Rock zu. Nachdem ich eine Weile meinen Gedanken nachgehangen hatte, war mir’s doch, als müßte ich mich aufrichten und sagen: „Gute Nacht, Lenchen, schlafen Sie wohl,“ und ihr einen Kuß geben. Als ich Anstalt dazu machte, fing sie ängstlich zu stöhnen an: „Ach, ach, ach, du lieber Gott, ach, du lieber Gott!“ Ich brachte nur einen leisen Kuß auf ihrer Wange an, legte mich wieder auf meinen Platz und zog meinen Rock über mich her. Ich mag wohl noch allerhand Gedanken gehabt haben, aber soviel weiß ich noch ganz gewiß, daß mir war, als wenn meine Schwester neben mir läge. Und so bin ich eingeschlafen, wie man immer einschläft, ohne zu wissen, wie und wann. Mag sein, daß der lange Marsch in der Luft und das viele Biertrinken und Rauchen oder auch das lange Wachsein schuld gewesen sind, kurz: ich schlief einen langen, festen, traumlosen Schlaf. Doch wachte ich mit vollem Bewußtsein meiner kritisch-interessanten Lage auf und griff nach Lenchen, aber die stand schon am Fenster und ließ sich von der Sonne bescheinen. Nein, so hatte ich sie noch nicht gesehen! Sie kam mit einem freundlich lieben Gesicht auf mich zu, faßte mich bei der Hand und sagte: „Allons, Mosjö Langensalzer, es ist wunderschönes Wetter, nun wollen wir aber auch gleich fortgehn.“ Ich sprang heraus. „Aber nun, Lenchen, kriege ich auch einen schönen Gutenmorgenkuß!“ Und sie hielt still wie ein Lämmchen und drückte leise wieder, so eine Freude hatte das Kind über Gottes liebe Sonne und das helle Wetter. Sie wehrte mir, als ich hinuntergehn und Kaffee bestellen wollte, schüttelte ihren Geldbeutel auf den Tisch und sagte, sie wolle die Zeche bezahlen. „Halt!“ kommandierte ich, eilte hinunter, ließ mir ein Schnäpschen geben und fragte, was ich und die Kleine zusammen schuldig wären. „Heft jy jur got vertragen te hope in Bette?“ fragte die Frau. „Na, Schwester und Bruder werden sich doch wohl vertragen“, antwortete ich. „Gelt, det heft ick ok denkt.“ Als ich wieder nach oben kam, hatte Lenchen schon ihren Korb auf dem Rücken und meinen Stock in der Hand. Sie half mir, mein Felleisen richtig aufzunehmen und nun ging’s treppab zur Tür hinaus ohne Umsehn fort nach Quedlinburg. Das Gespräch drehte sich unterwegs größtenteils um die Tante, die Lenchens Frau Pate und seit sechs Jahren Witwe war. „Nun, Sie werden sie ja bald sehn, Musje Langensalzer“, meinte Lenchen. „Musje Langensalzer?“ wiederholte ich, „ei, da muß ich Sie wohl mit „Jungfer Nordhäuserin“ anreden? Wenn ich weiter „Lenchen“ sagen soll, dann müssen auch Sie mich beim Namen nennen. Ich heiße Christel.“ Sie wollte sich fast ausschütten vor Lachen; das sei ja ein Mädchenname. Da gab ich ihr meine Kundschaft; sie machte sie begierig auf, blieb stehen und las laut vor, daß ich meine Freude daran hatte: „Christian Wilhelm Bechstedt, – ach!“ Sie guckte mir frei in die Augen und das waren nicht die einfältigen Augen von gestern Abend, nein, ein paar schöne, kluge Augen. „Christian Wilhelm Bechstedt – das klingt gut, aber wo steht denn Christel?“ Ich setzte ihr auseinander, daß es Mode bei uns wäre, einen, der Christian hieße, Christel zu rufen. Aber ihr deuchte der Name Wilhelm viel schöner und sie gab mir den Rat, mich später zu Hause so nennen zu lassen. „Gut, Lenchen“, stimmte ich bei, „Sie sollen mich umtaufen, doch dann muß auch eine Taufhandlung geschehen.“ Sie merkte, worauf ich hinaus wollte, faltete den Paß zusammen und sagte: „Nun sind wir bald in Quedlinburg.“ Das half ihr aber nichts; ich bestand auf der Taufe und sie wurde unter den Pappelbäumen der Landstraße mit einem langen Kuß vollzogen. Sonderbar! wir wurden beide stumm davon und gingen eine ganze Weile schweigend nebeneinander hin. Lenchen hatte noch etwas auf dem Herzen, was nicht recht heraus wollte. „Ach, hören Sie“, setzte sie mehrmals an, schwieg aber immer wieder still. „Na, was ist es denn, Lenchen?“ – „Ach, Musje Langen...“ – „Halt, wie heiße ich?“ – „Ach, Musje Wilhelm ...“ – „Nichts da mit Musje, sondern Wilhelm geradeweg, so haben Sie mich getauft.“ – „Ach, das ist’s ja eben, was ich sagen wollte. Wenn wir zu meiner Tante kommen, dürfen wir doch nicht so bekannt miteinander sein. Ach, du lieber Gott, fangen Sie da nur nicht an von ... von ...“ – „Nu, wovon denn, Lenchen?“ – „Ach, von der Neuen Schenke...“ „Liebes Lenchen, so dumm werde ich doch nicht sein. Aber wenn Sie so große Angst haben, dann lassen Sie uns lieber hier Abschied nehmen.“ Das aber wollte das gute Kind unter keinen Umständen. Wir verabredeten also, daß wir uns erst heute früh in der Neuen Schenke getroffen hätten und wenige Minuten sonach saß ich bei der Frau Tante in der Stube, trank Kaffee und ditschte [tunkte, stippte] Zwieback dazu. Lenchen erzählte von dem Unwetter und ihrer Flucht in die Neue Schenke, wo die Frau Wirtin sie mit in die Kammer und in ihr Bette genommen hätte. Am Morgen wäre sie hinter diesem Musje Handwerksburschen hergekommen und hätte sich neben ihm gehalten, weil sie sich allein fürchte. – Die Frau Tante wollte mir noch mehr Kaffee einschenken, doch mir war die Kehle wie zugeschnürt. Ich schöpfte mir ein Herz, nahm mein Bündel auf, sprach ein paar Worte von meinem weiten Weg und nahm Abschied. Die Tante steckte mir noch Kuchen in die Tasche; Lenchen konnte nicht sprechen. Sie gab mir nur die Hand – ihre Augen standen voll Wasser; sie muckste [schluchzen] und ging schnell in die Nebenstube. Mir ging’s nicht besser; ich habe gemuckst bis zum andern Stadttor hinaus und war mir, als müßte ich wieder hinein und sehen, ob ich nicht diesen Abend das Lenchen noch einmal erwischen könnte. Egeln – Magdeburg – Neuhaldensleben – Auf dem Dözel – Die Frau Muhme und die Frau Meistern – Die sehnsüchtigen Gedanken an Lenchen, die mich den ganzen Tag begleiteten, konnten mich nicht abhalten, immer drauflos zu marschieren. Abends, als ich in Egeln mit Fuhrleuten auf der Streu lag, schlief ich erst spät ein und träumte von dem lieben Kinde. Am anderen Morgen machte ich mich frischgemut nach Magdeburg auf. Nachmittags um vier Uhr stand ich vor der Sudenburg. Die Gedanken an die Herberge, an die Brüderschaft, an das Aufwandern mit dem Hand-werksspruch, das damals noch gebräuchlich war und das Gefühl, zum erstenmal in eine große Stadt zu kommen, hatten Lenchen doch schon ein wenig in den Hintergrund gedrängt. Ich fragte mich zur Herberge durch: „Mit Gunst, wo ist der frommen Brüder Feierstube?“ – Die Tür zum Tempel war mit Brezeln und Löwen bemalt. Dreimal klopfte ich an, doch niemand rief: „Herein!“ Da drückte ich auf und machte, ohne mich umzudrehen, hinter mir die Tür zu; denn jedes Versehen kostet drei Gutegroschen Strafe. Die Stube schien leer, doch hinter dem Ofen konnte trotzdem einer stecken, drum fing ich meinen Spruch an: „Mit Gunst, Ihr Brüder, ich grüße Euch von dem Altgesellen aus Erfurt, wegen der Brüderschaft. Mit Gunst leg’ ich mein Bündel ab.“ Und richtig! hinterm Ofen kam ein alter, wohl fünfzigjähriger Stromer hervor, reichte mir die Hand und sagte: „Willkommen, frommer Bruder aus Erfurt! He, he! Du bist noch infam jung, hast aber deine Sache gut gemacht. Hast du schon mal Brüderschaft geboten?“ „Ja, in Erfurt“ – „Wer ist das Altgeselle?“ – „Hesse aus Langensalza!“ – „Richtig, das trifft. Na, mach dichs bequem und setz dir nieder. Siehst du, Brüderchen, solche Bürschchen wie du bist, die mußten sonst Strafgelder bezahlen, sie mochten’s machen, wie sie wollten; aber das tue ich nicht. Junge Bursche, die was haben, geben ein doch manchmal was.“ „Guter Bruder!“, sagte ich, „du kannst mir auch wohl einmal Bescheid sagen; hier hast du was für dein wohlwollendes Herz“ und gab ihm ein Achtgroschenstück. Er schnappte nach Atem. „Du bist ein herrlicher Junge! Wenn ich sage ,Junge‘, so ist das gut gemeint, verstehst du mir. Du bist ein echter Geselle und hast Manier gelernt in der Welt. Ich will dich Bescheid sagen in allen Dingen; auf mir kannst du dir verlassen. Keiner von den anderen soll dich ein Haar krümmen!“ In der Tat, ich hatte es gut getroffen mit diesem Alten, der kein schlechter Mann und eine Art von Autorität in der Herberge war. Es kamen wohl noch zwölf bis sechzehn Bursche, alt und jung, auf die Feierstube, doch fand ich keinen darunter, an welchen ich mich hätte enger anschließen mögen. Beim Abendessen, unten in der Gaststube, fragte ich die Frau Mutter, ob ich nicht ein Bette für mich allein bekommen könne. „Ein Bette?“ – sie sah mich groß an, „ja, das können Sie wohl bekommen, aber da müssen Sie’s aparte bezahlen – vier Gutegroschen! Wenn Ihnen das recht ist, so will ich’s Ihnen zeigen, später habe ich keine Zeit.“ Es war eine kleine Kammer hinten hinaus. Die Frau Mutter versicherte mir, das Bett sei rein; ein Licht müsse ich mir selber besorgen. „Da, haben Sie den Kammerschlüssel!“ – Und die geschäftige Frau Mutter so vieler frommen Brüder lief davon. Als wir abends aus der Kneipe kamen, sagte ich zu meinem Alten: „Höre, Bruder, darf ich denn nicht mein Bündel mit auf meine Kammer nehmen?“ „Donnerwetter, Brüderchen, der Teufel soll den holen, der dich was sagen will, davor bin ich da.“ „Bruderherz“, sagte ich, „morgen führst du mich ein bißchen in der Stadt herum, daß ich was sehe.“ „Sapperamenter, Junge! Das heeßt, wenn ick sage, Junge – na! Du verstehst mir schonste, gute Nacht, Brüderchen.“ Ich nahm mein Felleisen und wollte hinaus. „Halt! wo will der mit dem Bündel hin?“ schrie ein langer Stralsunder. „Ruhe!“ rief mein Alter. „Was, der denkt wohl, hier gibt’s Spitzbuben“, grölte der Lange. „Ruhe, sag ich Euch; er hat mir um Erlobnis gebeten; er will morgen frische Kleeder anziehn.“ – „Aha! Das ist so en Krautjunge von der Henne“, hörte ich noch den Stralsunder sagen, der nicht viel jünger war als mein Alter, aber nicht dessen gutmütigen Charakter hatte. Den frisch gekauften Wachsstock brannte ich unten in der Gaststube an. „Das ist der Bursche“, sagte die Frau Mutter zu einem Manne, den ich sogleich für den ihrigen hielt. „Sind Sie der Herr Vater?“ fragte ich. „Jawohl, mein Sohn, du bist wohl noch nicht lange in der Fremde, he? Wo bist denn her?“ – „Aus Langensalza.“ – „Aha, ein Thüringer! Na, was du essen und trinken willst, kannst du alles bei mir haben, gute Nacht.“ Zuerst dachte ich an Lenchen im Bette; aber allmählich mischte sich das Bild der schönen Frau Amtmännin Bär dazwischen. Übermorgen wirst du dort sein, dachte ich. Ihre freundlichen Worte damals, ihre Umarmung und der Kuß hatten mir ein Vierteljahr lang in den Gliedern gelegen. Es war ein schöner Tag, der erste Pfingstfeiertag 1805. Um sieben Uhr früh ging ich schon mit meinem Alten nach der Zitadelle, dort arbeiteten in der Kommißbäckerei viele Bäckergesellen, die er kannte. Zum ersten Mal sah ich die breite Elbe und die vielen Schiffe drauf und konnte mich nicht satt gucken. Nun mußte ich mit dem Alten Schnaps trinken und ein Würstchen essen, was ich freilich bezahlte. Auf der Zitadelle, in dem Gebäude, wo die Backöfen standen, schufteten die Gesellen noch bis zehn Uhr, wie sie sagten. Einige kamen auf meinen Alten zu, der sich heute ein wenig angeputzt hatte. „Na, alter Schweriner, was bringst du uns? Kommt Ihr von der Herberge, ist der da auch Bäckergeselle?“ „Det versteht sich, Bruder“, sagte der Schweriner. „Det is och en Löwenschütz [Ist eine über ganz Deutschland verbreitete Bäckervereinigung, die eine Brezel, von zwei Löwen gehalten, als Wappen führte.] aus Langensalza in Thüringen.“ Nicht lange darauf kam einer auf mich zu, der mir bekannt vorkam. „He, Christel Bechstedt, bist du davongelopen? Hast der mit dem Minor überworfen, was? Ja, mit dem konnt ich mer och nich verknusen. – Donnerwetter, bist du en Schlaps geworden! Na, kennst mer noch?“ „Ja“, sagte ich, „du heißt Bernhard Dienemann.“ „Alle Hagel, der Junge kennt mer noch!“ Jetzt sperrte er die Arme aus und wollte über mich her, aber der Alte fuhr dazwischen. „Biste närrisch, Strelitzer, du siehst doch, daß sich der geputzt hat, du alter Mehlsack.“ – „Hast recht, alter Schweriner!“ – Ich mußte Dienemann nun erzählen, wie alles bei uns stände. Er war 16 – 18 Wochen bei uns gewesen und war ein ehrlicher Kerl und tüchtiger Arbeiter; aber er wollte mehr Freistunden haben. Wenn er am Sonntag nachts um zwei oder drei vom Tanzboden kam, wollte er montags nicht viel arbeiten, da schickte ihn Minor fort. Am angelegentlichsten erkundigte er sich nach Buschmanns Magd und malte sie seinem Kameraden als ein Prachtmädel ab. „Der habe ich versprochen, sie zu heiraten, denn sonst wollte sie mir nicht lieben, verstehste – aber das kennst du noch nicht, Bruder Christel.“ Ich holte tief Atem und dachte an Lenchen. – Um zehn Uhr zog sich Dienemann recht fein an und ging mit fort; zu Mittag aßen wir auf der Herberge und ich hatte viel Mühe, daß er nicht selbst bezahlte. Dann sahen wir uns den Dom und noch ein paar Kirchen und die Festungswerke an; abends saßen wir wieder in der Kneipe. Beim Nachhausegehn zeigte er mir verschiedene Gassen und warnte mich: „Höre, Bruder Christel, laß dir nicht von die jungen Kerls verführen und gehe nicht mit dahin, wo ein Mensch sich sein Unglück holen kann. Hier gibt es Schandnickel – “ „Trag du keine Sorge, Bruder Bernhard, ich gehe morgen früh schon wieder fort.“ – „Eh, wo willst denn hin?“ „Zu Verwandten nach Neuhaldensleben.“ – „Ja so! ob de Vetterstrate [Vetternstraße]! Na, da haste och recht; wenn du enmal zweiunddreißig bist, wie ich, da gehste nicht mehr in der Fremde rum, was?“ Er nahm nun gute Nacht und empfahl sich. Mein alter Schweriner ging nach der Feierstube, sagte aber erst: „Brüderchen, sis en Wort! Morgen bring ich dir auf den Weg nach Neuhaldensleben, gute Nacht!“ Den andern Morgen suchte ich gleich die Feierstube auf, bot jedem die Hand. „Guten Morgen, Brüder! will einer mit abwandern? In einer Stunde gehe ich fort.“ – „Nein, Brüderchen“, sagte ein kleiner dicker Spandauer, „heute jeht doch noch keener.“ Alle waren artig; ich fragte nach dem Schweriner. „Das alte Pferd liegt noch hinterm Ofen auf seinem Grundstück“, sagte der Stralsunder, ging hin und stieß ihn mit dem Fuße an. „He, Bruder Schweriner, steh auf! Dein Urenkel ist da, du sollst ihn zur Frau Muhme führen.“ Ich tat, als hörte ich es nicht. „Adieu, Kameraden, lebt wohl, auf Wiedersehen!“ – Damit machte ich, daß ich hinunter in die Gaststube kam, wo ich bei der Frau Mutter zwei Portionen Kaffee bestellte. Nachdem ich eine halbe Stunde zum Fenster hinausgesehn hatte, kam auch mein Alter mit Rock und Stock, Hut und gewichsten Stiefeln an, trank mit Kaffee und eine Stunde darauf standen wir auf dem Neuhaldenslebener Wege, umarmten uns und nahmen zärtlichen Abschied voneinander. Nun war ich wieder allein mit meinen Gedanken. Der nächste schweifte zurück zu den Pappelbäumen bei Quedlinburg. Vorgestern um diese Zeit – ach, Lenchen klopfte derb an mein Herz! Aber Luise Bechstedt, die schöne Frau Muhme, zog auch, jedoch auf eine andere Art, die ich mir damals noch nicht erklären konnte. Nachmittags um vier Uhr stand ich im Neuhaldenslebener Gasthof vor dem Spiegel; der Hausknecht hockte mein Bündel auf und schlug den Weg nach dem Schulenburgischen Gute, dem „Dözel“, ein – ich hinterher. Wir kamen in einen großen Hof hinein und auf meine Frage nach dem Herrn Amtmann wies man mich zu seinem Wohnzimmer. Jetzo wurde ich den Amtmann gewahr; er kam aus einem Seitengebäude, ich ging auf ihn los, grüßte ihn und sagte: „Ich bin aus Langensalza.“ – „Alle Teufel! das ist ja Vetter Bechstedt! Na, kommen Sie nur gleich mit zu meiner Frau, die schwatzt alle Tage von ihrer Verwandtschaft!“ Er faßte mich derb bei der Hand; wir waren noch zehn Schritte vor der Tür, da ging sie auf und wer trat heraus? – Ach! ich schnappte nach Atem. „Vetterchen, Vetterchen Bechstedt!“ kam die Muhme gesprungen, mir geradezu um den Hals. Der Amtmann ließ mich fahren und lachte, was er konnte. Sie zog mich bis in die Stube aufs Sofa und drückte und küßte mich noch ein paarmal, bis der Amtmann wieder dazu kam. Nun ging’s Erzählen los. Nachdem ich alles aus Langensalza berichtet hatte, sollte ich auch meine achttägige Fußreise beschreiben. Armes Lenchen! von dir durfte ich nichts sagen, das tat weh; aber desto mehr dachte ich an dich, wenn ich allein war. Und doch hörte dies Nachseufzen allmählich auf; nach einem halben Jahr bedrückte es meine Seele nicht mehr, wenn ich an Lenchen dachte; es blieb mir nur eine leichte und schöne Erinnerung. Nach einigen Tagen war ich auf dem Dözel eingerichtet, hatte eine Kammer für mich, schrieb einen langen Brief nach Hause, ging mit dem Vetter fleißig auf seine Länderei und bat ihn, mir was zu tun zu geben. Ich mußte dann mit dem Hofmaier und später auch öfter allein nach Tost und nach Liberitz gehn, zwei Vorwerken, die auch zum Gute gehörten, jedes etwa eine Stunde entfernt. Der Amtmann war ein kluger Ökonom, ein bißchen derb, aber gutmütig; er sprach mit den Leuten stockplatt. Auch die Muhme sprach plattdeutsch mit ihren Mägden, was ich von ihrem schönen Schnabel und bei dem Nachtigallklang ihrer Stimme für mein Leben gern hörte. Der älteste, vierjährige Junge konnte nichts anderes als Plattdeutsch und der kleine von zwei Jahren machte auch schon: „Vetter Becktät.“ Nach und nach wurde ich gewahr, daß die Frau Muhme gar sehr hitzig, ja boshaft werden konnte. Ich bin dazugekommen, daß sie vor der Stalltüre eine Magd bei den Haaren hatte und so furchtbar abpatschte, daß deren Kopf noch einmal so dick und fuchsrot wurde. Da ertönte die grell klingende Pfeife des Amtmanns, die er stets in der Tasche trug, die Magd kriegte noch eine Zugabe – und die Frau Amtmännin ging mit scharfen männlichen Schritten auf ihre Stube. Ich ging auch, aber zum Tore hinaus, traf auf den Hofmaier und deutete von dem eben Erlebten etwas an. Er meinte, die Magd sei zwar ein sehr leichtsinniges Mädchen, das die Schläge wohl verdient habe, aber die Frau Amtmann sollte sich doch mehr beherrschen. Es käme sonst kein ordentliches Mädchen mehr ins Haus, sondern lauter freche Deerns, die sich durchbissen und nicht einmal ehrlich wären. Er wollte mir noch mehr solche Dinge erzählen, doch mir war, als schicke es sich nicht für mich, das anzuhören. Ich ging ins Backhaus, wo ich noch Brot im Ofen hatte. Gleich in den ersten Tagen schon hatte ich den Brotteig gemacht, den Ofen geheizt, eingeschoben und ausgebacken und da das Brot recht schön geraten war, glänzte die Frau Muhme im ganzen Gesicht vor Freude. Bei solcher Gelegenheit kriegte ich einen Kuß und ein paar Patsche auf die Backen von ihr, denn sie behandelte mich wie ihr Kind, obgleich sie mir nicht vorkam wie meine Mutter. Einstmal hatte ich auf dem Vorwerk Tost zu tun, da sagte ein Knecht: „Dort kimmt de Fru Amtmann!“ – „Ei, wo denn?“ fragte ich. „Dort uf em Pferd.“ Wahrhaftig! Sie kam geritten wie ein Husar. Bein nüber und rüber; denn sie hatte Hosen an und nur ein leichtes Röckchen drüber her. Sie hielt nun Revision in allen Ecken; dann schrieb sie einen Brief, den mir die Wirtschaftsmagd herausbrachte. „Sei söllen glicks te Huse gahn un dit den Herrn bringe, het Fru Amtmännin segt.“ Ich sah mich um, die Muhme winkte mir aus der Bodenluke freundlich zum Fortgehen. In einer halben Stunde stand ich vor dem Amtmann. Er las und lachte. „So ist sie, alles will sie strikte nach ihrem Kopfe haben. Es täte not, ich käme nun gleich hin und prügelte die Leute – und das geht doch nicht an.“ Er fügte noch hinzu: „Das schöne Erbstück des Jähzorns hat sie von ihrem Vater“ (dem Bruder meines Großvaters Bechstedt), „der ein gar grimmiger Hitzkopf gewesen ist. Im Siebenjährigen Kriege hat er Glück gehabt mit seiner Hitze und ist rasch zum Leutnant avanciert, aber als Obereinnehmer in Halberstadt hat sie ihm manchen Taler gekostet, daher er denn auch nichts hinterlassen; der Sohn hat Grobschmied werden müssen und die Tochter ins Waisenhaus spazieren.“ Das hatte seine Richtigkeit. Im Waisenhaus hat sie so gut Rechnen und Schreiben gelernt, daß sie mit dem fünfzehnten Jahr schon in einen Ladendienst eintreten konnte. Von da ist sie auf ein großes Gut als Wirtschafterin gerufen worden, wo der wohlhabende Herr Verwalter Bär sie kennenlernte und sich in die schöne Luise verliebte. – Am Dözel fließt die Ohre vorbei, ein Fluß wie unsere Unstrut, geht auf Neuhaldensleben, treibt mehrere Mühlen und zieht sich nach der Elbe. Zwei Stunden weit hatte mein Vetter die Fischerei; diese Strecken fuhren wir mit einem Kahne, den sechs bis acht Tagelöhner zogen, dem Wasser entgegen. Drei- bis viermal wurden Garne quergestellt und bei der Rückfahrt ein Streichgarn nachgezogen vom Kahne bis ans andere Ufer reichend, wo ein Tagelöhner im Wasser gehen mußte. Bei jedem Quergarn wurde Halt gemacht und die Fische herausgeholt. Es gab sehr viel Fische von allerhand Sorten. Bei dem Zufahren mußte immer an den Ufern ins Wasser gestoßen werden mit Stangen, woran hohle Klötzer waren, damit die Fische hervorkamen und mit dem Streichgarn vorwärts nach dem Quergarn zugetrieben wurden. Am Kahn war ein großer Fischkasten festgemacht, der wurde auf die Letzte ganz voll. Am Abend war Fischschmaus. An die dreißig Leute, Tagelöhner, Knechte und Mägde, der Hofmaier an der Spitze, bekamen vollauf Fische und Weißbier. Am Herrentische aber gab’s ein gut Glas Wein und die Fische waren delikat zubereitet, worin die Frau Muhme Meisterin war. An demselben Abend noch sah ich vom Fenster herab, daß die Frau Muhme ein gesattelt Pferd herausführte und zu ihrem Manne sagte: „Da, Vaterken, riete, riete! Dau kannst et glefen, et is wieder nix, als dau hetst en betten tofehl fräten.“ Und so war es auch; denn er war ein sehr starker Esser; am anderen Tage schien er wieder ganz munter und gesund. So schwanden wohl vierzehn Tage hin wie ein schöner Traum. War ich allein, so dachte ich an Langensalza, Mutter und Geschwister und an meine große Reise durch das Harzgebirge und Lenchen strahlte darin wie ein glänzender Diamant. Eines Nachmittags mußte ich der Frau Muhme was vorlesen, indes sie Hosen flickte. Da kam es mir an, ihr zu erklären, ich sei nun lange genug da und wolle weiterreisen. Aber sie verbot mir geradezu das Maul, als ob meine Rede albernes Geschwätz wäre. Übern Hof kam jetzt ein Mann auf uns zu gegangen. „Vetterken, da kömmt auch ein Bäckergeselle. Der führt das Werk einer Witfrau in Neuhaldensleben und war schon oft hier, um mit Weizen zu handeln.“ Sie stellte mich ihm vor. „Du bist aus Langensalza?“ fragte er. „Ei, da habe ich vor vier Jahren auch gearbeitet, bei einer Frau Reichhardt am Erfurter Tor. Bei deiner Mutter war damals ein ganz junger Bursche. Sie hat wohl wieder geheiratet?“ „Nein, guter Freund, aber derselbe junge Bursche ist noch bei uns,“ und nun mußte ich erzählen und fragte ihn auch, ob es hier für mich keine Arbeit gäbe. Er wußte einen Gesellen, der nur darauf wartete, daß sein Meister Ersatz für ihn fände und als der Mann meiner Frau Muhme auf ihr Befragen erklärte, die Arbeit sei nicht zu schwer für mich, durfte ich mit zu dem Meister gehen und die Sache wurde richtig gemacht. Den folgenden Tag trat ich ein. Der Meister war ein magerer schwärzlicher Mann von etwa vierzig Jahren, sehr rüstig und arbeitete alles mit. Die Arbeit wurde mir leicht bis auf das schnelle Kringelspinnen (l-Pfennig-Brezel machen und schließen), doch nach acht bis zehn Tagen kam ich dem Meister darin ziemlich gleich. – Es lag eine Eskadron Kürassiere in der Stadt und wir hatten das Kommißbrot zu backen. Ich war so ungeheuer stark und kräftig, daß ich mich vor nichts fürchtete und bin manchmal bewundert worden, wenn ich den großen Teig so bald fertig hatte oder die schweren Bretter so leicht auf- und herunternehmen konnte. Nach vierzehn Tagen wurde Lohn gemacht; ich bekam sechzehn Gutegroschen pro Woche. Außer der Frau und einem Kinde von zwei Jahren war der vierund-achtzigjährige Vater des Meisters im Hause, der noch Kommißbrot wirkte wie ein Junger, ferner waren ein Knecht und zwei Dienstmädchen da. Es wurde auch Ökonomie getrieben; zwei Pferde und Kühe standen im Stall. Die fünf oder sechs Bäckergesellen in der Stadt lernte ich bald kennen. Der jüngste von ihnen, Heinrich, der eine gute Schulbildung besaß, arbeitete bei einem Pfefferkuchenbäcker Wiegemann. Wir besuchten einander und so wurde auch ich mit seinem Meister bekannt, der ein ungemein geschickter Honigküchler war; ich werde später darauf zurückkommen. Im allgemeinen gefiel es mir wohl in meiner Stelle, nur einmal bekam ich das Heimweh. Ich mußte nämlich auf einem Dorfe mahlen. Die Mühle hatte nur einen Gang, ich also nicht viel Arbeit und die Leute dort sprachen so erschrecklich Platt, daß ich sie nicht verstehen konnte. In dieser Einsamkeit wurde mein Herz furchtbar beklemmt. Ich bekam eine Angst und beinahe Zittern, daß ich nicht wußte, wohin und wo bleiben. Wenn ich mich auf einen Sack legte und die Augen schloß, so sahe ich meine Mutter und Schwestern, wie sie mir winkten. „Komm Christel, komm!“ Ich sprang wieder auf, setzte mich hierhin und dorthin, fand aber nirgends Ruhe, kurz, der Zustand dauerte zwei Stunden lang, bis mein Essen kam, das mir die Frau Meisterin selbst brachte, weil, wie sie sagte, sie hier beim Dorfe Land hätten, was sie besehen wolle. Sie sprach mir freundlich zu und tröstete mich, das Dorfmahlen würde nicht lange mehr dauern, da das Mühlwehr bei der Stadt bald fertig sei. Dabei gab sie sich viel Mühe, gut Deutsch zu sprechen, obgleich das Platte immer dazwischen kam. Während sie zu den Müllersleuten in die Stube ging, machte ich mich stark über mein Essen her, worauf mir wirklich besser wurde. Dann beschüttete ich meine Mühle frisch und setzte mich draußen auf die Bank. Die Frau Meisterin wollte gleich wieder fort, saß aber doch bald neben mir auf der Bank und fragte mich unter anderem, wie ich mit dem Herrn Amtmann Bär verwandt wäre. Ich erzählte und da sie alles ungeheuer hübsch und interessant fand, ging das wohl eine halbe Stunde so fort. Dann sprang sie auf. „Ne, det is to tolle, Muske Willem, da könnt mer wohl zwei Stunne setten bei Sie und kriets nett satt, adieu!“ Sie drückte meine Hand. „Immer darf mer a nit gar freundlich sei“, sagte sie, sah mich bedeutsam an und ging fort. Trotz meiner Unerfahrenheit merkte ich, daß sie meinte, es schicke sich zu Hause bei der Arbeit und vor dem Meister nicht, daß sie so freundlich mit mir täte und fand das ganz natürlich und in der Ordnung. Kurz darauf traf es sich, daß ich morgens beim Semmeleinschieben in der kleinen Pause mich auf die Treppe setzte und sofort einschlief. Auf einmal hörte ich den Meister poltern: „Kreuzdonnerhagelwetter, ist denn der ‚Bengel‘ närrisch? Willem! Himmeldonnerwetter, schämste dir nicht, bei der Arbeit einzuschlafen?“ Ich fuhr auf, griff zu, wo es nötig war und er mußte nun so schnell einschieben, daß er sich nicht umsehen konnte. Aber der Bengel wollte mir nicht aus dem Kopf und ich muß wohl ein böses Gesicht geschnitzt haben. Als es beim Ausbacken eine Pause gab und der Meister sagte: „Was war das denn mit dir, du schliefst ja wie tot“, konnte ich nicht antworten und trug meine Semmeln fort. Nicht lange darauf fing er wieder an: „Du mußt doch wissen, daß das bei unserer Arbeit nicht geht und darfst mir nicht übelnehmen, daß ich dich angedonnert habe.“ – „Nein, Meister, das ist in der Ordnung, aber schimpfen lasse ich mich nicht.“ – „Was, ich hätte dich geschimpft? Im Gegenteil! ich habe dich auf dem Schützenhause vor den andern Meistern gelobt, da kannst du den Heinrich fragen.“ Nun machte ich wieder eine freundliche Miene und alles war gut. Nach dem Mittagessen legte sich der Meister gewöhnlich ein paar Stunden zur Ruhe; ich brachte erst die Backstube in Ordnung und ging dann hinauf in meine Kammer, um auch eine Stunde zu schlafen. Als ich mich besann, ob ich nicht unten noch etwas zu tun vergessen habe, ging die Kammertüre auf und die Meisterin kam herein. Sie nahm meinen Kopf zwischen ihre Hände. „Ach, Willem, was habe ich diesen Morgen für eine Angst gehabt! Der Meister war so garstig und ich dachte, Sie wollten nun fortgehen.“ – „Na“, antwortete ich, „er hat’s ja wieder gutgemacht.“ „Ach, wenn er es nit gutgemacht hat, dann mache ich es gut, lieber Willem“ und nun fühlte ich ihren Mund auf meinem und Frau Rosette küßte so herzhaft drauflos, daß mir himmelangst wurde, dann lief sie schnell davon. Alle Teufel, was war das? dachte ich, das ist eine gefährliche Geschichte. Das Küssen hat mir zwar ganz gut geschmeckt, denn sie war eine gar hübsche junge Frau, aber der Meister war ein sehr braver Mann und ich bei ihm gut angeschrieben. Nein, das geht nicht, das mußt du streng abweisen, war meine Meinung – leider war der gute Vorsatz über meinem jugendlichen Leichtsinn bald vergessen! Es entwickelte sich nun ein Verhältnis, bei dem mir öfter wehe als wohl war und ich sann darauf, loszukommen. Schließlich entschloß ich mich zu einer Lüge, schöpfte mir ein Herz und sagte dem Meister, daß ich einen Brief von meiner Mutter bekommen hätte. Unser Geselle wolle in vier Wochen fort und ich müßte nach Hause, möchte aber vorher noch Berlin und Dresden sehn. „Aber deine Frau Muhme war doch noch kürzlich hier bei meiner Frau und wußte nichts davon, daß du fort willst?“ staunte der Meister. „Im Gegenteil, sie meinte, du solltest noch recht lange bei uns bleiben.“ – „Ich bin seit vierzehn Tagen nicht draußen gewesen und will eben heute hin und es dort sagen“, erwiderte ich. „Na, morgen komme ich auch auf den Dözel zum Weizenhandel. Da will ich mit deinem Vetter sprechen, vielleicht ändert sich’s noch.“ Nun war ich gespannt, was die Frau Meisterin beim Mittagstisch für ein Gesichtchen machen würde auf die Neuigkeit. Aber der Meister mußte ihr noch nichts gesagt haben; bei jeder Möglichkeit, hauptsächlich, wenn die Jette linksum stand, kriegte ich meinen schönen Blick. Als ich auf den Dözel kam, stand die Frau Muhme gerade in die Betrachtung eines neuen Butterfasses versunken. Ich schlich mich auf den Zehen heran und legte ihr von hinten her die Hände übers Gesicht. „Ha!“ – fuhr sie zusammen. „Raten, wer es ist!“ – „Vetterken, das war ein dummer Streich“, schalt sie derb. „Ik bin auf den Tod erschrocken und muß mich en besken hinsetten.“ Aber ich war heute gut aufgelegt und in meiner Seele mit mir selbst zufrieden, das gab Lust und Mut. Ich kniete vor ihrem Stuhle nieder, hob meine Hände auf und bat um gnädige Strafe und da ihre Hände auf ihrem Schoße lagen, so legte ich meinen Schnabel darauf und küßte zu. „Ja, Vetterken, was ist denn das? Ha, ha, ha! Sie sind ja ein ganz anderer Mensch geworden. Und wie er sich geputzt hat! Na, kommen Sie rinn, das muß mein Mann hören“ und sie zog mich bei der Hand durch den Gang bis vor in die Stube. „Vaterken, ein armer Sünder“ – und dann berichtete sie ihm. Der aber schüttelte den Kopf. „Wat macks de denn enmal vor Dummheiten, Mutterken, der Vetter ist ja kein Kind mehr.“ – „Und du bist heute ein alter Brummbär“, sie lief an seinen Stuhl, nahm ihm die Pfeife aus dem Munde und gab ihm einen Kuß. Als wir wieder ernsthaft geworden waren, rückte ich heraus mit der Sprache; sie horchte hoch auf. Ich bat, sie möchte meine Ausrede mit dem Brief bestätigen, wenn morgen der Meister käme, weil ich doch weiter wolle. „Ach, warum nicht gar noch lügen!“ fuhr sie heraus. Da der Amtmann fortgegangen war, erzählte sie mir von ihrem Besuch bei der Frau Meisterin; ich sei damals gerade in der Mühle gewesen. „Sie ist ein junges, schönes und artiges Frauenzimmer und schien sehr glücklich, daß ihr Mann einen so braven Gehilfen habe, auf den er sich verlassen kann. Solch eine liebe Frau Meisterin kriegen Sie im Leben nicht wieder, Vetterken und nun wollen Sie plötzlich fort? Da steckt was Besonderes dahinter. Allons, heraus mit der Sprache!“ Ich schob alles auf meine Wanderlust. Auch könnte das mit dem Briefe alle Tage wahr werden und sei eigentlich darum keine Lüge. Ich müsse des Abrufs immer gewärtig sein und wolle noch so viel sehn, wie sie wohl wisse. Sie sah mich mit großen Augen an. „Ei, ei, junger Herr Bechstedt aus Langensalza, wie sind Sie auf einmal gelehrt geworden! Also wenn man etwas behauptet, was nicht wahr ist, so ist das keine Lüge, weil es ja noch geschehen kann? Sehn Sie mal an, das habe ich noch nicht gewußt! Vetterken, haben Sie diese Sprachgewandtheit, die ich heute zuerst an Ihnen bemerkte, von Ihrer Frau Meistern gelernt? Sagen Sie mal, wie oft kommen Sie des Tages zusammen mit der Frau? Hilft sie mit in der Backstube?“ Ich mußte mich wohl während dieser Rede verfärbt haben, denn sie sprang auf und faßte mich bei beiden Schultern. „Vetterken, Sie wollen ausreißen vor der schönen Frau Rosette, was?“ – Ich war außer mir, fühlte das Wasser über meine Backen laufen und wandte mich ab. „Nix da, herumgedreht und mir in die Augen geguckt. Ha, ha! Es freut mich königlich, daß ich’s getroffen habe. Nein, Vetterken, ich hab mir’s gleich gedacht, als ich die Frau zuerst sah; die ist zu jung und schön, als daß Sie den ganzen Tag um sie herum bleiben dürfen. In solchem Fall ist weit davon das Beste.“ – „Ach, liebe Frau Muhme, was schwatzen Sie denn nur? Ich kenne ja so was noch gar nicht.“ „So, so, warten Sie einmal, Vetterken“ und damit kramte sie einen Brief heraus, den meine Mutter mir für sie mitgegeben, den aber meine Schwester geschrieben hatte; die hatte darin auch von meinen Langensalzer Geschichten erzählt und daß ich eines Mädchens wegen von Hause fortgegangen sei. Die Frau Muhme wollte sich halbtot lachen über mein verstörtes Gesicht und schließlich freute auch ich mich über die muntere Frau. Als wir bald darauf beim Kaffee zusammensaßen, legte sie den Arm um meine Schulter, sah mich ganz ernsthaft an und sagte: „Liebes Vetterken, sind Sie etwa schon zu sehr bekannt geworden mit Ihrer Frau Meisterin?“ – „Nun hab ich’s aber satt, Frau Muhme“, fuhr ich empört heraus, „wenn Sie nicht gleich aufhören, lauf ich heute noch da fort.“ Sie sprang auf. „Bravissimo, bravissimo! Das ist ein richtiger Bechstedt. Vetterken, Sie werden einmal ein mordslieber Kerl!“ Damit packte sie mich beim Kopf und küßte mich tüchtig ab. Sie ging hinaus und ein Bäckerssohn, Schöneberg, trat herein, um Weizen zu kaufen. Wir kamen ins Gespräch und er nannte mir einen Gesellen, Fritz Thale, der bei meinem Meister an meiner Statt eintreten könne – nach drei Tagen war der neue Geselle im Hause und den nächsten Sonntag packte ich der Magd vom Dözel meine Sachen in den Korb. Tags vorher war die Frau Meisterin mehrmals in die Backstube gekommen, hatte mich aber gar nicht angesehn; später, als ich oben in meiner Kammer war, hörte ich ihre Stimme: „Mosje Willem, sind Sie oben?“ Sie kam herauf und wir nahmen mit etlichen Tränen Abschied, dann drückte sie mir etwas in die Hand und lief davon. Ich machte das Päckchen auf, es war ein goldenes Kreuzchen darin und dabei lag ein Zettel, darauf stand geschrieben: „Es ist von meiner Mutter. Wenn wir in zehn Jahren noch leben, dann bring es mir wieder. Jetzt verbrenne dies Papier, lieber Wilhelm.“ Ich barg das Kreuz in meiner Brieftasche, ging hinunter an den Ofen und guckte immer vorn nach der Stubentür. Endlich kam Frau Rosette. Ich nahm schnell das Papier, hielt es über das Leuchtfeuer und sagte: „Jetzt verbrenne ich mein süßes Heiligtum.“ Sie flüsterte: „Nur die Erinnerung nicht.“ Den Sonntagmittag mußte ich noch einmal mitessen. Ich verabschiedete mich vom Meister und dankte ihm für alles, was er mir Gutes erzeigt und was ich bei ihm gelernt hatte. Auch der Frau Meisterin sagte ich Lebewohl und Dank und drückte ihr dabei die Hand wohl etwas heftiger, als Mode ist. Mit schwerem Herzen ging ich fort. – – – Die Frau Muhme wollte mich noch acht Tage auf dem Dözel festhalten, aber ich machte Ernst und schnürte mein Bündel. Der Hofmaier mußte Holz fahren und kam bis in die Nähe von Magdeburg. Mein Felleisen lag schon auf dem Wagen; bald saß auch ich drauf. Noch ein Adieu für den Vetter und die Frau Muhme; ich versprach, bald zu schreiben, schwenkte noch einmal den Hut und die Pferde zogen an. Meinen Freund Heinrich hatte ich lange nicht gesprochen; sein Meister wohnte noch am Magdeburger Tor. Ich ließ da halten, mußte einen Schnaps mittrinken und Meister und Meisterin Wiegemann gaben mir die Hand und forderten mich auf, sie zu besuchen, wenn ich wieder nach Neuhaldensleben käme. Keins von uns hatte wohl eine Ahnung davon, daß ich anderthalb Jahre später in diesem Hause in Arbeit treten würde. Конец ознакомительного фрагмента. Текст предоставлен ООО «ЛитРес». Прочитайте эту книгу целиком, купив полную легальную версию (https://www.litres.ru/charlotte-francke-ro/mit-amor-auf-der-walze-oder-meine-handwerksburschenze/) на ЛитРес. Безопасно оплатить книгу можно банковской картой Visa, MasterCard, Maestro, со счета мобильного телефона, с платежного терминала, в салоне МТС или Связной, через PayPal, WebMoney, Яндекс.Деньги, QIWI Кошелек, бонусными картами или другим удобным Вам способом.