Hinter Der Bühne
Wolf Wrobel


Wolf Wrobel gibt in seinem Buch sehr persönliche Einblicke in eine gescheiterte deutsche Musical Produktion 1998-1999 in Berlin. Die Produktion Herr Der Ringe wurde in einem Zelt in Berlin als Weltpremiere aufgeführt. Blicke hinter die Kulissen lassen den Leser hautnah an den Höhen und Tiefen der Produktion teilhaben. Ein Muss für jeden Darsteller und Theater Interessierten!









IMPRESSUM


Hinter der Bühne

Wolf Wrobel

Copyright © 2020 Wolf Wrobel

published by: epubli GmbH, Berlin

www.epubli.de

ISBN 978-3-8442-3523-4











Ein kurzes Vorwort


Ich möchte betonen, dass es sich hier um meine Erlebnisse handelt. Also habe ich sie auch aus meiner Sicht geschildert. Viele meiner Kollegen haben es wahrscheinlich ähnlich erlebt und dieselben Empfindungen, aber trotzdem bleibt es in erster Linie meine Sicht. Ich beanspruche nicht das Prädikat: Vollständig. Manches trifft sicherlich genau die Wahrheit, manches mag ähnlich passiert sein. Ich schreibe dies hier nicht aus Spaß, sondern nur aus einem Grund: Weil ich es mit meinen Kollegen erlebt habe. An einigen Stellen mehr, als es mir lieb war. Andere frühere Teilnehmer dieser Produktion können sicher noch andere Geschichten erzählen. Vielen Dank an Erik Stephens für die zusätzlichen Photos. Die Namen der einzelnen positiv, wie negativ Mitwirkenden habe ich natürlich verfremdet. Darüber hinaus will ich an dieser Stelle noch meiner ständigen Rechtsschutz-versicherung und Seelenbetreuung danken, meinem Vater, ohne den ich dieses „Intermezzo“ nie überlebt hätte



2020 © Wolf Wrobel










Thorin Eichenschild und die Zwerge



„Herr der Ringe“ war eine Musical Produktion in Berlin im Jahr 1998-1999.

In einem speziell dafür gebauten Zelt sollte diese Produktion, auf einem Platz neben dem Tacheles in der Oranienburger Strasse, ab November 1998 acht mal pro Woche open end spielen.

Angekündigt als Weltpremiere mit allerlei Superlativen war es auch eine Überraschung, denn die Tolkien Gesellschaft ging bis dahin nur sehr zögerlich mit der Rechte Vergabe um. Und dies war das erste offiziell goutierte Bühnenstück.



3. Auflage November 2020


INHALTSVERZEICHNIS



Ein kleines Lexikon der Musical- und Theaterwelt (#u276bc27d-f4c0-5b83-9163-94af14bf76ae)

Zeittabelle Herr der Ringe (#u6bbd099c-d000-5ce9-b495-f0edc2881a57)

Das erste Kapitel (#u7ec777eb-cc79-5e23-851a-f8321ff7b7ce)

Gute Aussicht, schwacher Start (#ud5028883-7835-5b27-a413-84a239e78e1a)

Der Produzent (#u85f46c52-acd9-55b3-b5a2-685a936b0f11)

Der Komponist und Regisseur (#u63cb6118-21db-5525-af89-61d9fd959d00)

Die Choreographin (#u36168626-f111-511d-951e-73c8b689c0cd)

Die Probenzeit (#ufee398e2-6aa4-5316-9d40-630bfee558c8)

Im Zelt (#ua9651d33-fb05-5451-b07b-45d497e98065)

Ensemble-Uneinigkeiten (#u0d642a9e-757c-5c95-a094-8c2fe737f027)

Gesicht ‘98, der 21. November 1998 (#ub8f86e19-f040-5d79-ae84-083f1b5b7f20)

Das „Event“, der 24. November 1998 (#u7ce05c3d-1ae9-508a-bb41-525d56a9f60a)

Einen Tag danach schrieb ein Kollege: (#u17f56937-a107-53bd-b783-446ca7c49cf2)

Vier Tage nach dem Event schrieb eine andere Kollegin: (#u75ab1d8d-1f3c-5f51-b05e-96c7b0ac9925)

Premierentermine (#u29daf909-4e1c-5e1c-a058-fb742b6725a4)

Die „technische“ Generalprobe (#u8ce787c0-cede-5da5-8a32-f53f5e5d2bb2)

Die Premiere, der 11. Dezember 1998 (#ub9804b26-f757-520c-8eab-f5de491b3b6a)

Kostüme (#u57b9dd7b-09fa-5302-abe3-1aa2382737ad)

Gute? Ideen, die nicht auftauchten, oder einfach wieder verschwanden (#u8d6bf77d-7320-5288-9e18-838f8631fd91)

Der Ton (#ufaff159f-4461-5453-9a03-2dcdd8514e25)

Akrobaten (#u69f98474-2781-5fc5-9431-a3039b32af5f)

Krankheitsfälle und deren Konsequenzen (#u6f5b1687-48a9-576b-be69-34f3d4291b1a)

Pyrotechnische Effekte und Ähnliches (#ube73358a-35eb-5285-b8b1-cb099bfb7ad3)

Die Verletzten (#u527605e4-9f9d-5640-ba1d-d613e288e845)

Geld ist kein Problem (#u3869b7c1-eb44-5e80-bd23-a7bd823e7e43)

Die Traumhochzeit (#u65081f5a-0ab0-57a5-9f1c-723b9afabc78)

Verwarnungen und Abmahnungen (#ucc18b0eb-d461-5377-847d-d43475803966)

Ersetzende Studien (#u3678f60e-0228-58b3-843c-be2a2caa1f33)

Wie man aus etwas richtig schlechtem etwas gerade erträgliches macht (#uef6a9a92-3ba7-5aca-bcb0-5c19bae07ced)

Verschwörungstheorien (#u245a82f1-8ffa-5d0a-accb-83fca561e584)

Die Ratten verlassen das sinkende Schiff (#u923128e1-8714-5ee2-9a49-b02a14d87056)

Vertragsbruch (#u38a6e6d0-d974-591f-9592-fdb0e627e92f)

Meine Geschichte (#u49b24524-f24f-5484-810e-db9e06b926c0)

Fast geschafft (#u18a3f909-0625-5bbc-854d-f0edb9b08d00)

Das war‘s? (#ubb997ac6-e530-5569-b3d6-7c811d0e1166)

Addendum (#u369ecfa5-b953-5b18-9a9e-8fbd9863d181)

Ein amerikanisches Weihnachtsgedicht (#u189b2104-744f-5552-b59a-8772dbeba0d3)

Castnews (#uee12918e-a7d5-5b23-9773-435068e19cc2)

Das Weltpremieren-Team (#u873f251a-e261-5659-b879-7fd5bda4bcfb)

Premierenkritiken (#uf9cf02e6-7340-5e74-9069-70410ec7f00e)

Die Silvester Einladung (#u7ef4aa73-6c47-5f9e-9fd2-244dc10224f8)

Geld (#u02588ced-32c5-5969-987f-ba6cd16e9c02)




Ein kleines Lexikon der Musical- und Theaterwelt


(nur das Wichtigste)



Audition:

Ein Vortanzen, Vorsingen und/oder Vorspielen für eine Position in einem Stück.



Callback:

Termin, den man nach einer erfolgreichen Audition bekommen kann um seine Fähigkeiten in der engeren Aus-wahl zu zeigen.



Stage Manager:

Auf Deutsch auch Inspizient genannt, ist er für alles was auf der Bühne stattfindet verantwortlich. Er ruft die Darsteller zu Proben und Szenen ein und gibt Zeichen für Technik und Licht während der Vorstellung.



Company Manager:

Für alles zuständig, was die Darsteller betrifft. Auf Deutsch: Leiter des künstlerischen Betriebsbüros.



Dresser:

Ankleider. Sie helfen bei schnellen Umzügen und kümmern sich um das Wohl der Kostüme.



Dance Captain:

Verantwortlich für die Beibehaltung der Choreographie während der Spieldauer und für die Einstudierung von neuen Besetzungen, falls Choreograph und Assistent nicht anwesend sind.



Cover:

Oder Zweitbesetzung, je nach Vertrag. Ein Cover springt im Notfall in die vorgesehene Rolle ein.



Swing:

Ein vielseitiger Darsteller, der bei Bedarf verschiedene Positionen oder Rollen übernehmen kann.



Monitor:

Lautsprecher auf, oder in der Nähe der Bühne, damit man auf der Bühne das Orchester und andere Darsteller besser hören kann. Teilweise werden sie auch schon als kleine Kopfhörer (In ears) eingesetzt.



Staging:

Wie genau eine Szene auf die Bühne gebracht wird. Mit Gängen und Bewegungen der Darsteller. Damit wird festgelegt, was zu welcher Zeit, wo auf der Bühne stattfindet.




Zeittabelle Herr der Ringe


16.03.98 Audition in Berlin

30.04.98 Mein Callback

21.05.98 Vorvertrag

11.06.98 Vertrag

31.08.98 Probenbeginn in der Freien Volksbühne

02.10.98 Diskussion umausstehendes Gehalt und gestatteter Streik-Probentag

08.10.98 Erste verspätete Zahlung (Aug.+Sept.)

03.11.98 Zweite verspätete Zahlung (Okt.)

05.11.98  Vertraglicher Premierentermin

10.11.98 Treffen der Abteilungsleiter zur Besprechung des Premierentermins (26.11.98)

17.11.98 Erster Probentag im Zelt

21.11.98 Gesicht ‘98

24.11.98 „Öffentliche Probe“- Das „Event“

26.11.98 1. Verschobener Premierentermin

27.11.98 Eingang des falschen Gehaltes auf meinem Konto

03.12.98 2. Verschobener Premierentermin (blieb aber intern)

08.12.98 Erste Voraufführung

11.12.98 Premiere

31.12.98 Die ersten Darsteller verlassen die Show durch Kündigung

04.01.99 Erste Abmahnung (Grober Verstoß gegen die Hausordnung)

07.01.99 Anhörung wegen erster Abmahnung und Rücknahme derselben

29.01.99 Ankündigung, dass die Januar-Gehälter am 1. Februar auf unseren Konten eingehen „sollen“

31.01.99 Die Choreographische Assistentin wird auf einer Ensemblefeier gefeuert.

03.02.99 Krisensitzung im Hinterzelt mit verspätetem Eintreffen der neuen Geschäftsführung

17.02.99 Meine 2. Abmahnung (Handeln gegen die Interessen der Gesellschaft)

26.02.99 Meine fristlose Kündigung per Fax

04.03.99 Bedrohung per Fax und Telefonanruf

25.03.99 Rücknahme meiner 2. Abmahnung mit Entschuldigung

03.04.99 Letzte Vorstellung von „Herr der Ringe“




Das erste Kapitel


Es sollte einem doch zu denken geben, wenn am Tag der Premiere eines Stückes in einem Zelt sich der gefühlt kälteste Tag des Jahres mit -11°C „einschmeichelt“, dann kurz vor Beginn der Strom ausfällt und sich eigentlich alles auf‘s Heftigste weigert, diese „Show“ über die Bühne gehen zu lassen.



26. Februar 1999

Die Frau am anderen Ende der Leitung lachte. „Normalerweise freuen sich die Leute, wenn Geld auf ihrem Konto eingeht“. Die Bankangestellte schüttelte wahrscheinlich den Kopf als ich mich fluchend, herzlich bei ihr bedankte und seufzend auflegte.

Verdammt! Dabei hätte es so einfach sein können. Diese Produktion lässt einen einfach nicht zur Ruhe kommen. Das fünfte Mal wäre mein Gehalt zu spät, oder falsch überwiesen worden, und das gäbe mir das erneute Recht, nach diversen, wiederholten Abmahnungen, fristlos zu kündigen.

Kündigen, endlich kündigen …

Nicht mehr in diesem Chaos spielen zu müssen. Kein flaues Gefühl mehr in der Magengegend, wenn man nur den Bus zur „Arbeit“ besteigt. Sich nicht mehr herausreden zu müssen, wenn man gefragt wird, was man denn „gerade so macht“. Die beste Ausflucht ist: „Ich bin Schauspieler.“ Damit hofft man, dass die Sache gegessen und man vom Antworten erlöst sei. Mit „Ich bin Musicaldarsteller“ wertet man sich leider ab, da tatsächlich viele Menschen nicht nur in unserem Metier denken, ein Musicaldarsteller sei kein richtiger Sänger – Tänzer eigentlich auch nicht und Schauspieler erst recht nicht. Er kann von Allem ein bisschen, aber Nichts richtig! So haben wir Musicaldarsteller durch Casting Agenturen und Auditions einen Stempel und eingebauten Minderwertigkeitskomplex verpasst bekommen.

Dann kommt aber noch: „Und wo spielen sie zur Zeit?“ Jetzt bleibt einem nichts weiter übrig als „Ach, momentan bin ich gerade frei!“, oder „Mal dies, mal das, nichts Festes!“ Peinlich.

Das Schlimmste aber ist, dass jeder, der einen kennt, feststellt, wie sehr man sich verändert hat. Wie sehr man gealtert ist und wie wenig Freude man noch ausstrahlt. Und wenn selbst die eigene Freundin nicht mehr weiss, wie sie mit einem umgehen soll, dann wird es Zeit Konsequenzen zu ziehen!

Meine Laune und mein Leben hatte sich gewaltig geändert – dieses Mal ausnahmsweise zum Positiven – als ich die Entscheidung traf zu kündigen. Eine Felswand krachte von meinen Schultern. Eigentlich fiel sie erst gerade eben, denn meine Kündigung ist im Moment durch das Faxgerät gelaufen. Es tut gut, wieder aufrecht gehen zu können.

Dabei wurde angekündigt, dass auch diesen Monat die Überweisungen leider wieder zu spät sein werden, mit dem Anhang einer Entschuldigung der Buchhaltung. Als ob das noch nie vorgekommen wäre.

Man kann sich auf nichts verlassen. Vor allem nicht auf Dinge, die einem Vorteile brächten. Man fühlt sich wie in einem schlechten Alptraum. So frei nach dem Motto: „Welcome to FANTASY MUSICAL PRODUCTIONS, where your worst dreams come true, and even some you haven‘t thought of!“ Wenn man denkt, schlimmer kann es ja nicht kommen, hat man sich getäuscht; es kommt garantiert noch schlimmer. Aber Respekt, bisher war die Spannbreite schon enorm. Und schließlich ist man nur noch damit beschäftigt, mental am Leben zu bleiben und einen Weg zu finden, aus dem Schlamassel herauszukommen.

So etwas sollte nicht wieder passieren und alle, die einen neuen, viel versprechenden Job in Aussicht haben, sollten sich im Klaren sein, worauf sie sich einlassen. Zumindest soweit sie das erkennen können. Aber Erfahrung und Erlebnisse schulen. Und es gibt immer gewisse Anzeichen, wenn etwas schief läuft. Dann, genau dann, sollte man seine Ohren spitzen und seinen bisher ungehörten sechsten Sinn belauschen. Wie ging es eigentlich los?




Gute Aussicht, schwacher Start


Ein Anfänger.

Gerade mal zwei große Theaterproduktionen („Gypsy“ und „30 60 90° Durchgehend geöffnet“) hinter mich gebracht, schlitterte ich in diese Produktion.

Noch arbeitete ich am Theater des Westens in Berlin, dem TdW. Ein wunderbares Haus, in dem ich von einer tollen Belegschaft unglaublich viel lernte. Man arbeitete in einer Familie, die sich durch alle Abteilungen zog. Viele der Kollegen, sowie das Orchester waren fest am Haus engagiert. Und wenn man in das Stück und in die Familie passte, wurde man auch als Gast in die nächste Produktion übernommen. Als staatlich subventioniertes Theater spielten wir im TdW ca. alle 3 Monate ein neues Stück. Meistens vollkommen neue Produktionen oder auch deutschsprachige Premieren in 6 Vorstellungen pro Woche. Für einen Darsteller, ein Traum und Luxus pur. Kein Fabrikgefühl das nach 8 Vorstellungen pro Woche oft aufkommt, da man mit einem freien Tag in der Woche, dem Montag, nicht wirklich zu viel zu gebrauchen ist.

Vielfältigkeit, gute Bezahlung und Organisation, eine tolle Stimmung im Haus, mit den „ganz Großen“ zusammenarbeiten und von ihnen lernen, sind alles Dinge, die man erst richtig zu schätzen weiss, wenn man es einmal anders erlebt hat. Und so nahm das Theater des Westens unter der Leitung von Helmut Baumann mehr, oder weniger eine Inselstellung in Deutschland ein. Das Finden und Sammeln neuer Talente, Ausprobieren neuer Stücke, ohne das klassische Musical Genre zu vernachlässigen. Viel Risiko mit ebenso viel Liebe zum Detail. Etwas, wonach man heute leider in dieser Größenordnung vergebens sucht. Ich sehe es, obwohl ich leider nur so kurz (1997-1998) dabei war, immer noch als mein „zu Hause“ an.

Aber als Musicaldarsteller müssen wir uns leider, sobald wir das neue Engagemant haben, schon um das nächste kümmern. Wir informieren uns, was es Neues gibt, wann und wo die Auditions sind und bewerben uns. Mit Lebenslauf und Photo und hoffen darauf, eingeladen zu werden.



Wir trainierten damals im TdW während „30 60 90° Durchgehend geöffnet“ jeden Tag. Im Stück gab es eine „Gang“, die einen Waschsalon unsicher machte. Zusätzlich zu Gesang und Tanz kümmerten sich so zwei Stuntmen speziell um uns Gangmitglieder. Wir trainierten mit ihnen Kämpfen, Fallen, Schlagen, Akrobatik und die Arbeit mit richtigen Waffen, wie Butterfly Messer, Totschläger, Wurfsterne, … Mit anderen Worten: Wir waren gut im Training und ziemlich hart im Nehmen. Ich weiss nicht wie ich auf die damals nahe Zukunft reagiert hätte, wäre ich frisch von der Schule da hineingerutscht.



Die erste Audition für „Herr der Ringe“ in Berlin war am 16. April 1998. Die Ankündigung einer Weltpremiere und vor allem einer Weltpremiere „Der Herr der Ringe“ lockte viele Darsteller in den Ballettsaal der damals leerstehenden Freien Volksbühne. Unglaublich viele. Wir konnten deswegen beim Lernen der Tanzkombinationen kaum etwas sehen. Man musste sich entweder nach vorne kämpfen um etwas zu erspähen, oder gross sein, oder flink taktisch in Bewegung bleiben, um von einer Sichtlücke zur nächsten zu springen. Und ein verdammt rutschiger Boden machte dabei das Tanzen zur höchst interessanten Herausforderung.

Die Choreographin war streng, wusste was sie wollte und teilte auch schon mal das eine oder andere harte Wort aus. Hart sein ist o.k., persönlich verletzend dagegen nicht. Wir bekamen den Eindruck, sie suche Fonteyns und Baryshnikovs. Aber wer ist das schon. Eine ganze Menge Darsteller gingen nach dem Tanzen verbittert und genervt nach Hause, da sie glaubten, schlecht behandelt worden zu sein.

Auch die Sänger litten, denn sie mussten lange, bis zu 6 Stunden warten. Gleich ob mit, oder ohne Termin.

Die Auditions in Wien, Köln und Hamburg verliefen ähnlich, obwohl der Musical-Buschfunk, der sehr schnell funktioniert, meldete, es sei inzwischen gemäßigter. Darsteller kamen aus England, Irland, Österreich, Australien und sogar aus den USA und das, obgleich sie den Flug auch selbst bezahlen mussten, nur um sich für diese Produktion vorzustellen. Und dennoch, so etwas spricht sich per eben diesem Musical-Buschfunk schnell herum, hatten sie noch nicht viele Darsteller gefunden.

Dann folgten die Callbacks. Das war um den 30. April 1998.

Und wer daraufhin ein Angebot bekam, und sei es „nur“ für das Ensemble, wurde unter Kollegen mit Bewunderung bedacht. „Du kannst Dir was darauf einbilden, wenn Du den Job nach diesen Auditions bekommen hast“. Und das haben wir, die es geschafft haben, uns dann auch ein wenig. Doch wer hätte das nicht. Man fühlt sich schon etwas privilegiert, wenn man durch ein hartes Auswahlverfahren läuft und in Konkurrenz mit vielen hundert anderen bestehen kann.

Am 21. Mai 1998 erhielt ich endlich meinen Vertrag. Genauer gesagt, die Einverständniserklärung, was wohl in Amerika einem Vorvertrag entsprechen soll. Die angebotene Gage war nicht berauschend, Handeln war auch nicht drin. Bis die eigentlichen Verträge kamen, bedurfte es noch vieler Telefonate und noch mehr Geduld. Aber wir waren alle guter Dinge und voll Vertrauen.

An das Warten hätten wir uns besser jetzt schon gewöhnen sollen.

Seltsamerweise hatte ich kein gutes Gefühl, als ich erfuhr, dass ich den Job habe. Eher so ein eigenartiges Ziehen im Bauch, das sich nur schwer erklären lässt. Doch wer hört schon auf sein Bauchgefühle, seinen Instinkt? Wir schieben ihn erstmal beiseite. Ist ja auch bequemer so. Denn die Aussicht an etwas Neuem teilzuhaben war einfach zu verlockend: Eine andere Art von Theater zu schaffen, etwas zwischen Theater und Zirkus, neue Figuren mit Leben, eigenen Ideen und Eigenheiten zu erfüllen und viel mehr Möglichkeiten zu haben, als das „normale Theater“ bieten kann.

Unsere Naivität war groß, der Enthusiasmus riesig und unser rechtliches Verständnis nicht annähernd marginal entwickelt. Von Geld konnten wir uns nicht leiten lassen, denn die finanziellen Aussichten waren nicht rosig, aber wir hätten davon leben können. Man musste sich eben ein wenig einschränken. Die Versprechung: „Wir wollen nicht dieselben Fehler wie Space Dream machen, (ein Musical, das in der Freien Volksbühne zuvor kläglich scheiterte) daher sind wir zu Anfang mit der Bezahlung etwas bescheidener, doch sobald es läuft, können wir für alle vertretbar mit der Gage raufgehen. Hoffentlich“.

Doch wegen der Gage hatte keiner dieses Engagement angenommen. Der Hunger nach etwas Neuem, der Wille etwas Einzigartiges zu schaffen, raus aus dem 8 Vorstellungen pro Woche Brei der großen Stella Produktionen – das war es, was uns antrieb.

Künstler sind ja so einfach zu durchschauen. Ködere sie einfach mit ihrer Lieblingsspeise Kreativität, dann musst Du ihnen auch nichts bezahlen.

Das ist fast, aber leider nicht ganz richtig. Wir üben einen Beruf aus, der uns mit Leidenschaft Spass macht und unser Leben ausfüllt. Ich gehe nicht um 18 Uhr nach Hause und kann abschalten. Ein Künstler arbeitet mit sich selbst. Und in mir arbeitet es weiter. Ich müsste mich um 18 Uhr selbst vor die Tür hängen, um vor mir Ruhe zu haben. Es macht Spass. So viel Spass, dass ich manchmal gefragt werde, was ich denn tagsüber, also hauptberuflich machen würde. Beim ersten Mal war ich regelrecht sprachlos. Es gibt tatsächlich Menschen, die sich unseren Beruf nicht als richtigen Beruf vorstellen können. „Lern was vernünftiges!“ stimmt. Auch ein Künstler muss seine Miete bezahlen. Manche können es, manche vergessen über ihre Begeisterung hinaus allerdings, dass sie es auch müssen.



Noch nie hatte ich ein so talentiertes Ensemble gesehen. Alle Darsteller wollten sich vollkommen auf dieses neue Projekt konzentrieren. Und es hatte alles so viel versprechend geklungen:

„Der Herr der Ringe“ als Musical. Ein gewagtes Unterfangen, das, gut geplant, grandios sein konnte. Und das Ganze sollte auch noch in einem Zelt stattfinden. Fantastisch! Etwas Neues auf die Beine zu stellen und eine neue Produktion mit zu kreieren ist weitaus attraktiver, als viel Geld zu verdienen.

Mit großem Idealismus, beträchtlicher Energie und letztendlich einer gehörigen Portion Naivität, haben wir uns alle „‘rangeschmissen“ und diesen Vertrag unterschrieben. Die meisten von uns sogar, ohne ihn richtig zu lesen und prüfen zu lassen! Und das sollte nicht ohne Folgen bleiben.




Der Produzent


Der Geschäftsführer einer unabhängigen Finanzconsulting Gesellschaft. Ein Investor und Finanzier von Pharma-Parks. Dies war sein erster Ausflug in die schönen Künste.

Es begann, wie eigentlich alles in Deutschland geschäftlich beginnt: Auf Mallorca.

Ein verschuldeter Schweizer Opernliebhaber bittet seinen Nachbarn, denn beide haben ein Haus auf Mallorca, um Hilfe. Er bräuchte ein wenig mehr Geld für ein sehr viel versprechendes Projekt in Deutschland mit einem österreichischen Autor. „Aha“, denkt sich der Nachbar, „Du hast ja schon Schulden bei mir, was kann das dann wohl sein?“ „Ein Musical soll das werden“ meint der Opernliebhaber. In diesem Moment kommt die Frau des Nachbarn herein. „Was, ein Musical? Ich liebe Musicals …“ Und so nimmt alles seinen Lauf.

So muss es nicht, aber so kann es gewesen sein. Der Nachbar übernimmt seiner Frau zu Liebe die Finanzierung ohne jegliche Ahnung vom Theater zu haben. Dafür bleibt ja der Opernliebhaber, der das eigentlich allein machen wollte. Aber so ist es auch nicht schlecht.




Der Komponist und Regisseur


Ein früherer Deutsch- und Musiklehrer aus Wien. Er hatte schon ein paar Musicals geschrieben, die aber mehr oder weniger in der Versenkung verschwanden. Eines wurde in einem Puff in Wien aufgeführt, noch ein Weihnachtsstück und eines, das aber erstmal zurückgestellt wurde, da der Namenspartner „Space Dream“ in Berlin gefloppt war.

Ja, er hatte mit „Herr der Ringe“ auch wirklich ein paar nette Melodien zustande gebracht, die allerdings in unseren Augen schließlich durch ein fatales Arrangement das letzte bisschen Besonderheit und jeglichen Drive einbüßten. Schmissige Shownummern – ja, es gab wirklich eine – wurden so zu belanglosen Fiddel-Songs.

Er hatte die Choreographin damals in Wien kennengelernt und für sein Projekt erwärmt. Er wollte sie als Choreographin und Regisseurin. Darum bat er sie jedenfalls und erläuterte ihr sehr bildhaft seine Vision. Das hat er wohl ziemlich gut gemacht, denn sie erwiederte, wenn er so genaue Vorstellungen habe, solle er doch selbst die Regie übernehmen. Sie meinte allerdings wohl mit ihrer Hilfe. Das hatte ihm anscheinend so gut getan, dass er sofort auch der Meinung war, allein die Regie übernehmen zu können.

Die einzelnen szenischen Proben waren von Beginn an sehr langsam, ungenau und nicht besonders vertrauenerweckend. Und eines war sehr deutlich. Er hatte keine blasse Ahnung von Regie, Schauspiel, oder Theater. Auch eine „Vision“ konnte das nicht wettmachen. Er sprach „Vision“ im Englischen immer wie „Wision“ aus. Auf Deutsch: „Uischn“. Das Englisch des österreichischen Deutsch- und Musiklehrers war eher vermeidenswert. Kundige zuckten zusammen. Jede Rolle wurde einem mit kindlichen Grimassen und enormen körperlichen Verrenkungen „vorgespielt“, wie man sie sich vorzustellen hat. Und natürlich auch, wie man sie spielen soll. Für unsere Englisch sprachigen Kollegen: „You have to makin' it like siss way!“

Aber wir dachten trotzdem, das wird hoffentlich noch. Er war wirklich interessiert. Allerdings eher an den Darstellerinnen, vor allem den Akrobatinnen, als an den Szenen. Einige stellten deswegen nach diversen Telefonanrufen vorsorglich ihre Mailbox an.

Immerhin bekamen wir einen Zettel mit den Eigenschaften der Rollen. Das Wissen über den „Herr der Ringe“ hatte er und mit ein wenig Neid muss ich ihm auch zugestehen, dass es eine ganz schöne Leistung ist, so ein Projekt auf die Beine zu stellen. Mit welchen Mitteln, sei dahin gestellt.

Er hatte eine sehr prägnante Eigenheit fremde Ideen, nach einer Zeit von ein paar Wochen bis einem Monat, voller Stolz und Überzeugung als die seinen zu präsentieren, die ihm gerade eingefallen waren: Beispielsweise das Stück in einem Zelt spielen zu lassen.



So eine Eigenheit verlässt einen wohl ein Lebtag lang nicht.



Der Enthusiasmus der Darsteller nahm inzwischen ständig ab, da jeder früher oder später feststellte, mit was für einem Dilettanten wir es zu tun hatten. Aber er war immerhin ein guter Blender. Und je länger es dauerte, um so größer wurde seine Leidenschaft für die Macht, die er sich mit Hilfe der Geschäftsleitung selbst gab. Ein Wiener Bekannter, der Licht Designer der Produktion, erhielt in der Probenzeit für ein paar Tage tagsüber sogar Zeltverbot. Widerspruch wird eben nicht geduldet. Ich denke, schließlich glaubte er wirklich Gott zu sein. Ob Gott wohl eine Brille trägt und nie zum Friseur geht?

Man hörte oft Äußerungen wie: „… Wenn sie nicht tut was ich sage, dann feuere ich sie eben …“

Es schien ihm Spaß zu machen. Und so hatte er auch keinen Sinn für Objektivität. Er glaubte allen Ernstes, es werde ein großer Erfolg werden. Wurde es leider nicht.

Aber eigentlich, so er selbst später, war er ja gar nicht daran schuld. Wir haben aufrichtiges Mitleid und erteilen keine Absolution, denn es war natürlich die Mafia! Ganz klar!

Ein sehr erfahrener Darsteller aus dem Ensemble übernahm zu Anfang Improvisationen zu den einzelnen Figurengruppen. Wie verhalten sich Orks, wenn sie auf Zwerge treffen. Das war sehr interessant und nützlich, aber es wurde vom Regisseur weder gewürdigt noch bewusst eingesetzt. Und so wand man sich durch Szenen, an denen überhaupt nicht gearbeitet wurde, die schlecht gestellt waren und dramaturgisch lieber nicht kommentiert werden sollten.

Mehr und mehr wurde er zu Gollum.




Die Choreographin


Eine tolle Frau aus New York und als Gillian Lynne‘s Assistentin und frühere Ballettmeisterin und Choreographin am Theater des Westens für das Staging aller „Phantom der Oper“-Produktionen in den USA zuständig. Sie erhoffte sich sicherlich den Durchbruch mit dieser Produktion.

Die Choreographien, unorganisch und altertümlich – über Geschmack kann man streiten – waren gesetzt und relativ genau. Die Assistenten gaben sich die größte Mühe alles auf einen Nenner zu bringen. Details würden dann schließlich im Zelt gearbeitet.

Sie hatte in den ersten Wochen noch versucht bei den szenischen Arbeiten des Regisseurs einzugreifen, gab dann aber leider wohl aus persönlichen Differenzen klein bei und ließ ihn gewähren. Man kann sagen: Konfliktscheu. Obwohl es später ziemlich „gekracht“ haben muss, denn er verbot ihr für ein paar Tage die Teilnahme an den Proben. So hatte man dann nicht einmal mehr jemanden, der etwas von Theater verstand und Szenen ändern konnte. Sie hatte verständlicherweise aber wahrscheinlich auch nicht mehr den Willen, wirklich Verantwortung zu übernehmen. Sie verließ uns nach der Premiere und war bestimmt froh, endlich fort zu sein.




Die Probenzeit


Der erste Probentag Tag war der 31. August 1998. Wir wurden mit einem T-Shirt auf unserem Stuhl – damals durfte sich jeder noch einen aussuchen – einer Mappe mit Info-Material und einem Notizblock mit dem Logo bedacht. Das Logo war zweifellos sehr schön und hatte wahrscheinlich auch eine Stange Geld gekostet. Es wurde angeblich von einem der Top-Airbrushkünstler Englands entworfen. Bei so vielen Superlativen stumpft man irgendwann ab.

Ein T-Shirt von einer Produktion ist eine schöne Sache. Schön war auch, dass auf der Rückseite ein Aufdruck mit der Tickethotline zu sehen war. Damals war der Premierentermin laut Vertrag noch für den 5. November vorgesehen. „Bitte tragt es bei dem Fototermin morgen.“ Ich hätte mir bereits etwas denken können, dass es damals schon mit einer besonders „persönlichen“ Behandlung anfing. „Jeder muss morgen sein T-Shirt tragen …, dass es keiner vergisst!“

Begrüßung mit gegenseitigem Kennenlernen in der Freien Volksbühne und damit war der Tag fast wieder gelaufen. Aber schon gab es die erste Überraschung: Die musikalische Leitung lag nicht mehr in den Händen von Cameron Macintoshs Assistentin, sondern in bisher unbekannten neuen.

Ein wenig gesungen haben wir dann auch. Eine Stimmenaufteilung wurde gemacht; wobei der neue Musikalische Leiter plötzlich feststellte, dass es bei den Herren eigentlich nur Tenöre gab. So bat er einige Herren sich zu opfern und die Baritonstimmen zu übernehmen, die für einen Tenor ziemlich tief waren. Bei den Damen war das nicht viel anders.



Die erste Woche verbrachten wir damit, die musikalischen Nummern zu proben. Danach fing jeder Tag mit einem Tanz- und Vokal-Aufwärmen an; in den ersten Wochen übten wir sogar besondere Gangarten der verschiedenen Wesen. Wie gehen Orks, Zwerge, Elben und Hobbits? Die Hobbits waren auf jeden Fall am bequemsten. Ein wenig den Hintern herausgeschoben, die Brust raus und leicht getrippelt, das war‘s. So ähnlich wie ein Entengang. Solche Einzelheiten machten uns Glauben, dass alles gut vorbereitet war. Sie wurden nur nicht fortgeführt.



Das Bizarre war, dass in den ersten Wochen jeder zum täglichen Aufwärmen kommen musste, egal ob man direkt darauf eine Probe hatte, oder erst später am Tag. Es wurde nach hitzigen Auseinandersetzungen mit einer eigentlich recht plausiblen Erklärung begründet: „Wir wollen ein Gemeinschaftsgefühl und damit ein Ensemble schaffen“.

Witzig daran ist, dass also anfangs mit allen Mitteln versucht wurde ein „Gemeinschaftsgefühl“ durchzusetzen. Auch mit Verwarnungen, für die der Stage Manager verantwortlich zeichnete. Später allerdings wurde es entweder völlig über Bord geworfen, oder im genauen Gegensatz dazu gehandelt.

Zusammenfassend kann man sagen, dass sich alle Innovativität nach der ersten Woche erschöpfte. Das wurde schlagartig klar, als es an die ersten szenischen Proben ging.

„Everything will be different in the tent!“ und das ist die „Italian Version“, oder die „German Version“, hieß es von der Choreographin alle Nase lang und so wurde auch gearbeitet. Keiner wusste, was das genau hieß. Erst wurde alles im Ballettsaal ausprobiert und dafür gesetzt (the English Version), dann wurde es für die Bühne der freien Volksbühne geändert (the Italian Version) und schließlich musste es noch einmal geändert werden, da ja das Zelt völlig anders sein wird, aber wie genau weiß eigentlich auch keiner (the German Version). Ohne richtige Requisiten, Kostüme, … probten wir insgesamt bis Mitte November. Eine imaginäre Arbeit ohne gleichen!



Imaginär war dann auch das September-Gehalt, das einfach nicht eintraf. Große Diskussion, Gerüchte. Wir hatten ja auch ein paar gebrannte Kinder von „Space Dream“ dabei und die stellten sich, was wir anderen Frischlinge anfangs nicht verstanden, bei jeder Ungereimtheit und derartigen Ereignissen quer. So wurde uns sogar nach einiger Zeit und Diskussion gestattet, ungeahndet, weil das Geld immer noch nicht da war, einen Tag mit den Proben auszusetzen. Was wir auch taten. Die Choreographin, der Regisseur und der musikalische Leiter verfassten damals sogar einen Brief an den Produzenten uns doch bitte zu bezahlen, damit wir weiter arbeiten könnten. Sie wurden auch nicht bezahlt. Beim Regisseur bin ich mir allerdings nicht so sicher.



Das Gehalt kam doch noch. Jedoch verspätet. Extrem verspätet! Am 8. Oktober. Und schließlich auch der Grund weshalb: Erst wurde versichert, das Geld sei schon auf dem Weg: „… Hier sind die Belege …“ Am nächsten Tag sagte man uns dann endlich die Wahrheit: „… Das Geld konnte doch nicht überwiesen werden, da die Konten eingefroren sind … (Hust!)“ Schön, nicht?



Aber warum waren plötzlich Konten eingefroren? Hier der Grund:



Das Zelt sollte in Berlin in der Oranienburger Straße auf einer freien Fläche neben dem Tacheles aufgebaut werden. Und man sollte meinen, dass bei 1 1/2 jähriger Planung, dem Probenbeginn im September und der Premiere im November alles Bürokratische bereits abgehandelt sei. Doch weit gefehlt. Aus der Zeitung erfuhren wir, dass die Bauge-nehmigung für das Zelt nicht erteilt wurde. 3 Wochen nach Probenbeginn.

„… Ach, es ist wirklich blöd, naja, die mündliche Zusage hatten wir doch schon … aber wegen des Regierungswechsels … und da haben wir eigentlich den Senat hinter uns …, der uns übrigens eine extra Frist gegeben hat und auch für uns besonders schnell reagieren will …“.

Nun leben Banken ja auch nicht hinter dem Mond, vor allem nicht in politisch-finanziellen Dingen. Und so hatte diese Bank davon gehört, dass ihre Investition keine Baugenehmigung hat. Und daraufhin wurden erstmal ein paar Konten bis zur Klärung der Umstände eingefroren.










Das Zelt von der Oranienburger Strasse




Im Zelt


Ja, das Zelt wurde noch gebaut. Die Baugenehmigung gab es dann doch. Und zwar mit den Auflagen einer Begrenzung der Zuschauerzahl von 1800 auf 1500, einer Lautstärkenbegrenzung und einem definitiven Ende um 22.00 Uhr. Das musste wegen der Anwohner eingehalten werden. Verwarnungen gab es nach Spielbeginn schon ziemlich bald. Und zwar eben wegen Nichteinhaltung der Schlusszeit. An Tagen mit Doppel-Shows, also einer Matinee und einer Abendvorstellung, badeten wir, die Darsteller, das natürlich aus.

Weil einmal der Computer für den Ticketverkauf abgestürzt war, musste die erste Vorstellung später anfangen. Und das kam nicht nur einmal vor. Wie kriegt man dann das Einhalten des knapp kalkulierten 22.00 Uhr Schluss-Termins hin? Man beginnt die zweite Show einfach früher. Und das heißt, die Pause zwischen den Shows wird auf ein Minimum reduziert. Im Klartext für die Darsteller: Weil man sich nach einer Show Ab- und für die folgende wieder aufschminken muss, hat man dann eventuell gerade noch Zeit für eine Zigarette. Schon muss man wieder auf die Bühne. Eine minimale Pause wird zu einer nicht existenten.

Die weiteren Verzögerungen waren darauf zurückzuführen, dass die italienische Firma, die das Zelt konstruiert und gebaut hatte, nicht oder nicht ganz bezahlt wurde. Und die haben sich natürlich gesagt:

Kein Geld, kein Zelt!

Das reimt sich! Nicht, dass alles was sich reimt, gut ist.

Aber, wie gesagt, es kam ja doch noch und unser erster Probentag im Zelt war Samstag, der 14. November. In vorherigen Absprachen wurde versprochen, dass die Heizung ab dem 12. November installiert sei, es Verpflegung und Garderoben gäbe.



Am 5. November hätte eigentlich Premiere sein sollen und der 14. November war schon eine Katastrophe:

Im offenen Zelt ohne Heizung, ohne fließendes Wasser, geheizte Toiletten. Es gab einen Toilettenwagen, der draußen für alle offen stand, dessen Tür übrigens auch. Von „Catering“, oder Kantine ganz zu schweigen. Man konnte den eigenen Atem sehen, was über die Temperatur und diverse Körperfunktionen enormen Aufschluss gibt. Auf einer eiskalten Baustelle ohne Helm zu arbeiten, den allerdings jeder Techniker trägt, während über allen Köpfen versucht wird, schwere Stahlgerüste für Scheinwerfer unter dem Zeltdach zu verankern ist ein Erlebnis, das man sich wirklich entgehen lassen sollte, wenn man nicht dazu gezwungen wird.

Eine Probe konnte nicht wirklich stattfinden, und so wurden wir bald wieder nach Hause geschickt. Aber immerhin war der Schein gewahrt. Zwei Tage darauf bot sich dasselbe Bild mit derselben Reaktion. Der erste richtige Probentag war schließlich Dienstag, der 17. November. Nicht, dass sich viel an den Bedingungen geändert hatte. Nein, die waren ungefähr dieselben, aber wir mussten proben, da uns die Zeit davonlief. Und das wurde von der Geschäftsführung auch effektvoll als Druckmittel eingesetzt. Ob die Bedingungen legal oder illegal waren, war ihnen nicht wichtig. Beschwichtigung und „Versprechen der Besserung“ als Hinhaltetaktik.



In medias res:

Es gab einen Tisch auf der Bühne, der eigentlich nur ein einziges Mal benutzt wurde. Stimmt nicht; na gut, doch zweimal. Das zweite Mal war im Finale, dessen Daseinsberechtigung wohl niemand außer dem Regisseur verstand und selbst da war sich keiner wirklich sicher.

Dieser Tisch war eigentlich eine Hebebühne, die sehr langsam und mit viel Getöse ca. 2 Meter hochfahren konnte und sonst mit dem Boden abschloss, so dass nur noch ein kleiner Spalt zu sehen war, der allerdings ausreichte, um unauf-merksame Tänzer zum Stolpern zu bringen.

So probten wir dann. Auch mit dem Tisch. Vor allem eine Nummer: Das Finale. Den „Ring der Macht“, der das Aus-hängeschild der Produktion darstellen sollte. Verhandlungen wegen einer CD-Aufnahme mit Michael Bolton … Krach … und schließlich sollte Angelo Branduardi der Sänger sein, von dem man aber dann nichts mehr hörte – von der CD-Aufnahme allerdings lange auch nicht.

Gegen Ende der Produktion liefen aber plötzlich Mitschnitte aus der Show im Foyer. Niemand wusste zuerst davon, da zur Pause und nach der Show alle beim Umziehen waren. Es war wieder einmal unangekündigt. Welche Überraschung. Noch ein wenig später erfuhren wir dann, dass davon auch eine CD gepresst wurde. Aber natürlich „nur zu Promotionszwecken“.



Zurück zum „Ring der Macht“: In diesem recht erfrischenden Staging sollten drei Zauberer aus verschiedenen Richtun-gen „höchst dramatisch“ auf den Tisch hinzu schreiten und mit ihm die zwei Meter in die Höhe fahren. Es ergab eine sehr eigene Klangkulisse, zusätzlich zur Musik. So ein beunruhigendes Brummen und Zischen. Aber es wurde ja auch mit „spektakulären Spezialeffekten“ geworben.

Wir probten natürlich auch eine zweite Version des Finales, da am 21. November, also 4 Tage später, ein Promotion-Auftritt beim „Gesicht ’98“ einer Model-Casting Veranstaltung, in unserem Zelt anstand. Die eigentliche Änderung bestand darin, dass statt der drei Zauberer, Rosie Hüttinger, die Hauptdarstellerin, während sie sang, auf diesem Tisch gen Fantasy-Himmel gefahren werden sollte, was zugegebenermaßen sogar ein wenig spektakulär wirkte.

Nun wurde uns allerdings am Samstag, dem 21. November gesagt, wir dürften den Tisch nicht benutzen, da er bei der TÜV-Abnahme am Vortag leider vergessen worden sei. Der aufmerksame Leser sollte hier schon stutzen. Es wurde also auf einem Gerät geprobt, das noch nicht vom TÜV abgenommen war. Das wäre ja eigentlich nicht so schlimm gewesen, wenn wir am nächsten Tag, einem Sonntag, nicht schon wieder lustig auf dem Tisch weiter geprobt hätten. Meine Frage an das Stage Management und die Company Managerin ob inzwischen der Tisch abgenommen sei, wurde relativ hektisch mit einem „natürlich“ quittiert. Das sei alles erledigt, keine Sorge!



Hmmm … keine Sorge?



Der TÜV ist eine deutsche Organisation. Wie kommt es dann, dass an einem Samstagabend bei einer Veranstaltung nicht darauf gespielt werden durfte, allerdings am Morgen darauf gegen 10 Uhr, an einem Sonntag, im deutschen Berlin, der Tisch plötzlich abgenommen war? Die Wege des TÜV sind wohl unergründlich. Sehr fleißige Leute arbeiten da. Überstunden, wo es nur geht.

Aber es gab auch positive Ereignisse während der Proben. Nicht viele, aber das Highlight war ein unglaublich großer, mit viel Liebe ausgestatteter „Care-Korb“ komplett mit Tee- und Kaffeekannen, Schokolade, Vitamintabletten und Bonbons, Obst, Keksen und allem, was das müde, durchfrorene Herz eines „Zelt-Sklaven“ brauchte. Und natürlich kam es nicht von der Produktion, sondern von der Freundin eines unserer Hauptdarsteller. Marion rettete uns an diesem Tag das Leben.




Ensemble-Uneinigkeiten


Ein Ensemble von 30 Künstlern kann sehr viel Einfluss haben. Im positiven Sinne. Aber nur unter einer Voraussetzung: Es muss zusammenhalten. Wir haben das natürlich nicht getan. Oder nur sehr begrenzt.

Es kamen nicht alle zu Ensembletreffen, um wichtige Entscheidungen zu fällen und es gab ein verbreitetes, scheinbares Desinteresse an solchen Entscheidungen. Man will sich damit nicht herumschlagen, es ist nervig, kostet Zeit, die man viel besser im Café verbringen kann und es kommt ja sowieso nichts dabei heraus. Jedoch mehrten sich die Stimmen, die den Regisseur und die Produktionsleitung immer weniger ertragen konnten.

Selbstverständlich gab es Leute, die Angst davor hatten, zusammen und geschlossen positiven Druck auszuüben. Genauso gab es einzelne, die ihre eigenen Interessen verfolgten, anstatt die der anderen wahrzunehmen. Macht ist ein sehr gefährliches Instrument. Und viele, die lernen es zu spielen, legen es schließlich sehr ungern aus der Hand.



An alle Darsteller:

Zu Euerem Schutz und dem Eures Arbeitgebers. Haltet zusammen, wählt vertrauenswürdige, diplomatisch begabte Ensemblesprecher. Und vor allem: Besorgt Euch einen rechtlichen Berater! Am besten einen Rechtsanwalt. Ja, ich weiß, das klingt hart, aber wenn man seine Rechte kennt, auch seine Pflichten und die besonderen Bedingungen und Umstände, die nur ein Rechtsanwalt kennen kann, lebt man um einiges sicherer und, vor allem anderen, bewusster und sorgenfreier.

Künstler wollen mit so etwas natürlich nichts zu tun haben. Aber auf diese Weise kann man Probleme im Voraus sehen und vermeiden. Und natürlich: Entscheidungen treffen, die auf den ersten Blick unmöglich scheinen, aber doch rechtens sind. Kurz um:

Informiert Euch. Auch wenn es unangenehm ist, bevor Ihr impulsive Entscheidungen trefft, oder Zustände ertragt, die Euch auf Dauer zerstören. Das ist es nicht wert.




Gesicht ‘98, der 21. November 1998


Die Veranstalter werden sich ziemlich geärgert haben, da die Veranstaltung schon am 8. November stattfinden sollte, aber bei „uns“ hatte sich ja einiges verzögert. Wir konnten uns beschweren und es passierte natürlich nichts. Aber hier hatte ja eine Firma alles gemietet und bezahlte wohl nicht zu knapp dafür. Das muss richtig Ärger gegeben haben, da alles verspätet und nicht fertig war.

Es war ein trauriges Bild. Das Zelt war zwar einigermaßen dekoriert und sogar die „Adventure-Plätze“ wurden aufgebaut, obwohl sie nicht erlaubt waren. Aber kümmerte das jemanden? Man hatte die Plätze doch verkauft, also muss man sie auch aufstellen. Man platzierte einfach ein paar Plastikstühle und dahinter eine Abdeckung, die so aussah, als sei sie aus Stein. Von der Seite, die nicht kaschiert war, sah man sofort, dass es eine sehr billige Lösung war. Adventureplätze sollten spezielle Plätze sein, die ganz nahe an der Bühne die Möglichkeit geben sollten, die Zuschauer eng in die Show einzubinden. Was später außer ein paar Wasserspritzern und einer kleinen Konfettibombe kaum passierte. Wenn, dann nur durch die Initiative der Darsteller. In der Spinnenszene wurden zwei Zuschauer auf die Bühne geholt und leicht gefesselt. Äußerst spannend!

2 Artisten knüpften tagelang an einem Spinnennetz, das allerdings mangels Regie und auch da es keinerlei Aufhängemöglichkeit in der Kulisse gab, niemals zum Einsatz kam.

Doch Zurück zum „Gesicht“:

Die Mädchen und Jungs dieser sehr „jugendlich“ angehauchten „Gesicht“-Veranstaltung, die mit großen Erwartungen teilnahmen, hielten sich im hinteren Teil des Zeltes auf. Das war zwar durch einige Lüfter geheizt, aber nicht genug um halb nackte Teenager vor der winterlichen Kälte zu schützen, die man sehr deutlich durch ein leichtes Anheben der ein-fachen Zeltwand fühlen konnte. Die armen Kids wurden in einem unglaublichen Ton herum kommandiert, durch die Bühnenproben gescheucht und im Hinterzelt eingepfercht um dort von tausenden von Stylisten bearbeitet zu werden.

Und wo war das Herr der Ringe-Ensemble? Wir, über 30 Darsteller, bekamen, nachdem wir seit 12 Uhr mittags im Zelt waren, einen Container zugewiesen. Dieser reicht platzmäßig mit Kostümen für ca. vier Leute aus. Auch wurde uns explizit gesagt, nicht an das Catering der Models zu gehen. Was sind wir auch für Geier. Und so warteten wir frierend auf unseren Auftritt; und nach einem langen Probentag auch auf ein wenig Nahrung. Man durfte ja nicht einfach gehen und etwas in einem Restaurant in der Nähe essen, denn es war „Standby“. Was soviel heisst wie: Es geht jede Sekunde los und dann wollen wir Euch nicht suchen müssen.

Aber wer friert braucht kein Essen. Das ist ein Zeichen der Schwäche. Ein richtiger Profi friert nicht! Und hat vor allem keinen Hunger.

Warum wir froren? Die Heizung fiel mal wieder aus. Denn diese war für so ein großes Zelt ohne richtige Isolierung unterdimensioniert und wenn die Küche im Vorderzelt, das sollte das Foyer und der Einstieg in die Fantasywelt sein - wo es sogar auch einen eigenen VIP-Bereich gab, zu kochen begann, flog die Sicherung ‘raus.

Aber ich denke, wir froren, dadurch dass wir uns nicht hinsetzen konnten wohl nicht so sehr wie das arme Publikum, das still sitzen und alles über sich ergehen lassen musste. Einer unserer Stage Manager hatte schließlich Erbarmen mit uns und bestellte gegen 22.00 Uhr Pizza. Später erfuhren wir, dass er das Geld, das er dafür auslegte, nie von der Produktion wiedergesehen hatte. Er hatte sich lange bemüht.



Auch dieser Abend dauerte lange!

Andrea Thilo bemühte sich sichtlich ihn zu moderieren und war, als es vorbei war sicher froh, dass sich alle recht schnell aus dem Staub machten, um sich irgendwo aufzuwärmen. Es war einfach zu kalt. Und das sprach sich natürlich herum. Die Presse war keines guten Wortes Herr. Und das, wie dann schließlich auch bei den Premierenkritiken, völlig zu Recht!

Ich habe noch nie eine Produktion erlebt, bei der sich alle im Ensemble auf schlechte Kritiken freuten und enttäuscht waren, wenn sie belanglos, oder im Falle Rostocks sogar unverständlicherweise überschwänglich gut ausfielen. Aber die hatten das Stück wahrscheinlich gar nicht gesehen.

Es gilt das ungeschriebene Gesetz: Nur richtig gute oder richtig schlechte Kritiken sind positiv. Denn nur diese wecken die Neugier der Menschen. Belanglose Kritiken sind viel schlimmer, da sich wirklich niemand dafür interessieren wird, wenn etwas nur Durchschnitt ist. Aber ist das nicht überall so?




Das „Event“, der 24. November 1998


Zu diesem Datum war eine volle Vorstellung verkauft, oder vielleicht auch nicht. Das konnte man zu diesem Zeitpunkt bereits nicht mehr genau sagen, denn es war eine Aussage des Managements, das ja bekanntlich sehr locker mit der Wahrheit umging. Auf jeden Fall waren Reise- und Busunternehmen aus ganz Deutschland eingeladen worden, eine Voraufführung zu begutachten, um dann eventuell Verträge abzuschließen.

Eine Panik brach aus. In diesem unfertigen Zustand eine ganze Vorstellung zu zeigen. Wir hatten ja noch nicht einmal die ganze Show im Zelt durchgestellt. Wir wurden beschwichtigt, man könne die ganzen Leute leider nicht wieder ausladen, da man gar nicht wisse, wer genau käme.

Der Regisseur beschloss dann, es gäbe nur eine offene Probe. Es gäbe vorher eine Ansage und dann würden Szenen Stop-and-Go durchlaufen und man könne den Zuschauern „mal so richtig“ zeigen, wie man im Theater arbeitet. Sie dürften so einmal hinter die Kulissen schauen. Eine halbe Stunde lang und würden dann wieder hinausgeschickt. Ein so genanntes Event, keine Vorstellung. Versprochen!

Daraus wurde dann ein Durchlauf von drei noch nicht gearbeiteten Szenen in Kostümen, die noch nicht richtig ange-passt waren, bei denen das Staging auch noch nicht klar war, es keine Mikrofone und auch keine Monitore gab, auf denen wir das Orchester hören konnten. Geschweige denn, dass wir mit dem Orchester je auf der Bühne geprobt hatten. Eine furchtbar peinliche Aktion. Wir dachten, es würde zumindest einmal gestoppt und vor dem Publikum an einer Szene gearbeitet. Nichts dergleichen. Man ließ es einfach laufen und wir wollten vor Scham nur noch im Boden versinken. Das Publikum war, wie zu erwarten, außer sich vor Wut. Und das auch völlig zu Recht. Es hagelte Pfiffe, Buhs und Beschwerden. Nur unsere blieben ungehört. Es war das Peinlichste, das jeder von uns Darstellern je hinter sich bringen musste. Wir waren gezwungen worden uns „zum Affen“ zu machen. Und niemand würde erkennen, dass das nicht unsere Schuld war. Als einzelner Darsteller kann man sich manchmal durch so etwas durch schummeln. Aber dafür muss alles andere darum herum stimmen. Wenn allerdings so viele unberechenbare Faktoren aufeinander treffen, hat man einfach keine Chance.










Ein Blick in's Auditorium




Einen Tag nach dem "Event" schrieb ein Kollege:


25.11.1998

To the Company,

This morning when I woke up, I was very, very angry. After what I was forced to do last night, I felt I could no longer call myself „Professional“. But above all I was angry with myself for having gone through with this.

My dignity was stripped away from me and I was exposed to the most appalling work environment I have ever encountered. There are many, many years of experience within this Company. But for every single one of us, last night was the most degrading „Event“ to take place in all our careers.

This morning, I did not care if we had to rehearse or not. I did not care if we had Make-up, Costumes, Wigs, Sets, Props, Sound, Lights, Heat, Toilets, Coffee, Food, Space TO GET CHANGED, etc. etc. etc. … or not.

I just didn’t care.

I had already decided for myself that I was not going to be ready tomorrow to perform for that audience, and had started writing a letter explaining why I was not going to be on stage on thursday night, but was only prepared to rehearse when the Public were not there.

And I am prepared to rehearse around the clock if necessary, for as many days as ist takes to get this show ready. But I will not allow myself to be embarressed in the same way again. Not for the sake of The Deutschmark.

I have pride in my work. I have Integrity, and I have my Dignity. And sometimes these things are all I have.

I am thrilled to be having a sound check this evening.



Now we begin.



THE WIZ



ÜBERSETZUNG:



An das Ensemble,

als ich heute Morgen aufwachte, war ich sehr, sehr verärgert. Nach alledem was ich gestern abend gezwungen war zu tun, dachte ich, ich kann mich nicht länger „Profi“ nennen. Aber vor allem war ich sauer auf mich selbst, dass ich es durchgezogen habe.

Meine Würde wurde mir genommen und ich war der furchtbarsten Arbeitsumgebung ausgesetzt, die ich jemals erlebt habe. Wir haben viele, viele Jahre Berufserfahrung in diesem Ensemble. Aber für jeden einzelnen von uns war gestern Abend das erniedrigendste „Event“ all unserer Karrieren.

Heute morgen war mir egal ob wir proben müssen oder nicht. Mir war egal, ob wir Make-Up, Kostüme, Perücken, Bühnenbild, Requisiten, Ton, Licht, Heizung, Toiletten, Kaffee, Essen, einen Platz um sich umzuziehen, etc. etc. etc. … haben oder nicht.

Mir war es einfach egal.



Ich hatte für mich allein entschieden, dass ich nicht bereit sein werde, morgen vor Publikum aufzutreten und schon begonnen einen Brief zu schreiben, in dem ich erkläre warum ich Donnerstag Abend nicht auf der Bühne stehen werde, sondern höchstens bereit bin ohne Publikum zu proben.

Und ich bin bereit, falls nötig, rund um die Uhr zu proben, soviele Tage wie nötig, um diese Show fertig zu bekommen. Aber ich werde nicht mehr erlauben, mich noch einmal in dieser Art lächerlich machen zu lassen. Nicht um der D-Mark Willen.

Ich bin stolz auf meine Arbeit. Ich habe Integrität. Und ich habe meine Würde. Und manchmal sind diese drei Dinge alles was ich habe.

Ich bin begeistert heute abend einen Soundcheck zu haben.



Nun fangen wir an.



THE WIZ




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