Bernstein, Mystisch
Natalia Patratskaya


       #1
Ein au?ergew?hnliches M?dchen mit F?higkeiten im Bereich der Bernstein- und Holzmystik, das sich nicht f?r die Gladiolen anderer Leute interessiert.





Natalia Patratskaya

Bernstein, Mystisch





14 Kapitel


Kapitel 1. Au?erirdische beim Gie?en



Anfisa blickte aus dem Fenster: Leuchtend goldene Ahornzweige dominierten den Hof. Unbeschreibliche Sch?nheit erstreckte sich ?ber dem Boden bis zum sechsten Stock. Hier und da stachen majest?tische Birken mit gr?nen Bl?ttern zwischen den gelben Ahornbl?ten hervor. Irgendwo weiter unten lehnte sich eine Eberesche an einen Ahorn mit roten Beeren. Welch ein Bl?tenmeer! Jetzt fehlte nur noch ein Band um den Strau? aus B?umen und Geschenkpapier. Aber wo war diese riesige Hand, die einen so ?ppigen Herbststrau? heben konnte? Wo war diese sehnige Hand, die ihrem Geliebten ein paar Ahornbl?tter, einen kleinen, gelb-kupferfarbenen Strau?, bringen konnte? Anfisa w?rde diesen Geliebten nur allzu gern besuchen.



Aber wo sollte sie ihn finden? Sie warf einen Blick auf den Flachbildfernseher, wo ein bunt gekleideter Spieler sich vor einem Stier versteckte und einem Lasso hinterhersprang. Auch sie h?tte gern die Mitte eines Herbststrau?es fotografiert, wollte aber nicht hinuntergehen. Ein wundersch?ner Herbst von unten, ein pr?chtiger von oben. Sie begann, den Herbst vom Fenster aus zu fotografieren und druckte die Fotos anschlie?end auf einem Farbdrucker aus, doch die gelbe Tinte ging schnell aus  sie hatte ja Herbstbilder gedruckt.



Sie musste in einen Elektronikladen. Beim Kauf von Druckerpatronen sah Anfisa den Namen des Verk?ufers auf seiner Brust: Rodion. Offensichtlich jagte er keine K?lber zu anderen Planeten. Und da kam ihr ein schelmischer Gedanke. Seit einiger Zeit arbeitete sie in einem streng geheimen Labor der Firma Mystische Umst?nde, wo massenhaft produzierte M?rchen hergestellt wurden, die die Stimmung der Bev?lkerung beeinflussten. Nat?rlich zierte das Firmenlogo ein gl?nzendes goldenes Ahornblatt. Es war mehr als nur simpel: Im Auftrag eines Fernsehsenders entwickelten Mitarbeiter Aliens, Flugobjekte und andere kleinere Effekte. Wurde beispielsweise in einer bestimmten Region ein Gewitter erwartet, wurde ein zus?tzliches Blitzableiterflugzeug entsandt. Dieses getarnte Flugzeug konnte Blitze gezielt in eine bestimmte Richtung projizieren. Eine bekannte Pers?nlichkeit mit gutem Ruf wurde ausgew?hlt und so sehr von Blitzen eingesch?chtert, dass es f?r Fernsehreporter ein Vergn?gen war, sie zu filmen und anschlie?end der ?ffentlichkeit zu pr?sentieren, wobei behauptet wurde, die Aufnahmen stammten von Augenzeugen.



Die Effekte waren wirksam, um Piloten auf kleinen Flugpl?tzen einzusch?chtern. So konnte man einem Gewitter ausweichen. In regelm??igen Abst?nden erschien ein Flugobjekt ?ber dem Flugplatz, umh?llt von einem speziellen Ring, der mehrfarbige, stets golden schimmernde Lichtstrahlen aussandte. Die Piloten erschraken und konnten nichts anderes tun, als die Ergebnisse der Firmenkreation zu filmen.



Die Lieblingsbesch?ftigung der Firma waren Aliens. Sie wurden wie moderne Bilder f?r das Internet gestaltet. Am Ende des Festmahls wurden Au?erirdische zu den Grillpl?tzen geschickt. Man setzte ihnen einen hautfarbenen Helm auf und setzte dreieckige Augen in die Masken ein. F?r die Gags wurden anmutige Menschen ausgew?hlt; sie wurden darin geschult, mit den Au?erirdischen zu gehen, und bekamen etwas, das an Schwimmh?ute erinnerte, auf die H?nde. Zusammengenommen verbl?ffte ein solcher Au?erirdischer selbst die Macher.

Anfisa schauderte immer beim Anblick eines weiteren Sonderlings  eines Au?erirdischen. Es gibt Menschen, deren Ellbogen in die falsche Richtung abgewinkelt sind; sie hatte solche Leute selbst schon gesehen, aber in Gestalt eines Au?erirdischen waren die nach innen gew?lbten Ellbogen ?berraschend. Wo findet man einzigartige Au?erirdische, die auf der Erde geboren wurden? Am besten durch einen Wettbewerb. Also k?ndigte der Fernsehsender einen Wettbewerb f?r Menschen mit au?erirdischen Eigenschaften an. Sie w?hlten eine Gruppe geeigneter Personen aus, nahmen sie unter Vertrag und trainierten sie f?r die Rolle der Au?erirdischen.

In solchen F?llen war ein interstellares Raumschiff kein Hindernis. Wenn man Buran mit zus?tzlicher Geometrie durch St?tzstrukturen versehen h?tte, h?tte man damit selbst die ?ngstlichsten ?berraschen und gleichzeitig Au?erirdische an den richtigen Ort bringen k?nnen, beispielsweise zu einer Konferenz von abgehobenen Doktoren. Der interstellare Fernsehsender hatte nie mit mangelnden Zuschauerzahlen zu k?mpfen, Anfisa hatte also einen Traumjob.

Rodion, ein gutaussehender junger Mann, arbeitete als Verkaufsleiter f?r Elektronikartikel und stand pl?tzlich einem Au?erirdischen gegen?ber. In diesem Moment dimmte sich das Licht im Raum leicht, und ein Wesen von mittlerer Gr??e erschien vor ihm. Es starrte ihn mit riesigen, dreieckigen Augen an und hielt ihn gefangen. Es schien, als w?re der Raum bis auf die beiden leer. Das Wesen hob einen Laptop auf und reichte ihn dem n?chsten ?hnlichen Sonderling, der daraufhin den Verkaufsraum erhellte.

Schon bald bildete sich eine ganze Kette von Au?erirdischen, und Laptops verschwanden aus dem Verkaufsraum. Rodion war wie gel?hmt vor Angst. Er dr?ckte nicht einmal den Alarm. Das ganze Spektakel im Verkaufsraum wurde von einer ?berwachungskamera aufgezeichnet. Die Aufnahmen wurden noch am selben Abend im Fernsehen ausgestrahlt. Rodion wurde zum beliebtesten Verlierer des Tages. Alle redeten ?ber Au?erirdische  Kriminelle. Wenn er nur w?sste, wer das Aussehen der Au?erirdischen entworfen hatte! Er h?tte seinen ganzen Zorn an ihnen ausgelassen! Die Gesch?ftsleitung des Fernsehsenders hatte einen Vertrag ?ber den Kauf von Laptops f?r diese Gruppe von Leuten, und das Spektakel deckte die Kosten wieder ein.

Rodion sch?mte sich zutiefst f?r den au?erirdischen Raub in seiner Abteilung, f?r die Laptops, die vor seinen Augen gestohlen worden waren, und er beschloss, weit weg zu fahren, wo es keine Au?erirdischen gab. Und so fuhr er gen Osten, ?ber den eisernen Ring des Landes. Im Abteil neben ihm sa? ein muskul?ser Mann, gequ?lt von dem Wissen ?ber den Tunguska-Meteoriten. Er r?tselte immer noch dar?ber, warum die B?ume am Rand des magischen Kreises so schlaff hingen, w?hrend das Zentrum gr?n war.



Sehr interessant, sagte Rodion und f?gte hinzu: Es war eine fliegende Untertasse mit rotierenden Propellern am Rand und einem Beobachtungsposten in der Mitte.



Ausgezeichnet, junger Mann, ich hatte dieselbe Idee. Was w?re, wenn wir noch einen Schritt weitergehen und annehmen, dass ein interstellares Raumschiff auf dem Luftkissen um den Rand des Schiffs gelandet ist?



Fast dasselbe.



Das w?rdest du nicht sagen, junger Mann! Eine fliegende Untertasse ist zu klein, aber ein interstellares Raumschiff w?re passender.



Und was haben wir davon?, fragte Rodion desinteressiert.



Was meinst du? Es waren Au?erirdische, die uns besucht haben! Eine andere Zivilisation.



Diese Au?erirdischen haben meine Abteilung ausgeraubt, und ich bin voller Scham auf der Flucht.



Genau, ich erinnere mich an dein Gesicht! Du bist doch der Trottel, der von diesen Spinnern mit den dreieckigen Augen ausgeraubt wurde!, rief der Mitreisende freudig.



Warum sollte ich den eisernen Ring des Landes im Osten durchbrechen, wenn die die Geschichte doch schon kennen?



H?r mal, da du ja bekanntlich ein Trottel bist, komm mit mir zum Einschlagort des Tunguska-Meteoriten oder zur Landestelle des interstellaren Raumschiffs, das schmolz und sich in ein f?r Erdlinge unverst?ndliches Material verwandelte. Das hei?t, das interstellare Raumschiff hat sich selbst zerst?rt.



Wenn das Schiff geschmolzen ist, wonach sollen wir dann suchen?



Post! Echte Post von einer au?erirdischen Zivilisation.



Ein Brief in einem Papierumschlag?



Humor ist angebracht. Wir m?ssen hellseherische F?higkeiten entwickeln, uns darauf einlassen und in die Richtung suchen, die uns unser sechster Sinn weist.



Durch umgest?rzte B?ume, ?ber Baumst?mpfe, zwischen M?cken hindurch?



H?ren Sie mal, die M?cken haben Ihr Fiasko im Laden noch nicht mitbekommen. W?rden Sie dem zustimmen?



Aber sicher, antwortete Rodion ernst.

Anfisa betrat das Abteil, w?hrend der Zug fuhr.



Guten Tag, ihr Liebhaber des Exotischen! Mein Name ist Anfisa. Ich bin mit dem Hubschrauber gekommen, der mich auf dem Dach Ihres Waggons abgesetzt hat, und ich bin durch eine spezielle Luke in den Waggon hinabgestiegen.



Mein Name ist Rodion, l?chelte der junge Mann ungl?ubig.



Ah, ich kenne Sie, sagte Anfisa l?chelnd.

Der Mitreisende stellte sich vor:



Sidor Sidorovich! Jeder kennt mich wegen meiner Leidenschaft 



Sie brauchen nicht weiterzureden; ich habe Ihre Version des Tunguska-Meteoriten in einer Zeitschrift gelesen.



Und wo sind jetzt Ihre Fl?gel, Anfisa, die, mit denen Sie zu uns geflogen sind?, fragte Rodion ernst.



Sie sind im Koffer, antwortete sie ernst. Anfisa, wir m?chten Ihnen eine Tour anbieten, um nach Post oder dem Flugschreiber des interstellaren Raumschiffs Tunguska zu suchen.



Sie sagen also, es war ein Raumschiff, kein Meteorit?, fragte Anfisa interessiert.



Schere, Stein, Papier. Wir brauchen den Flugschreiber des interstellaren Raumschiffs, sagte Sidor Sidorovich emotionslos, da er Anfisa f?r eine junge und recht attraktive Frau hielt.



Und warten Informationen in dem Flugschreiber auf uns?, fragte Anfisa interessiert. Oh, und haben sich die Raumfahrer mit dem Schleudersitz aus dem Raumschiff gerettet?



Meine Liebe, Sie sind ein Wunder!, rief Sidor Sidorovich aus und zog Bernsteinperlen aus seiner Tasche. K?nnen Sie fliegen?



Ja, ich werde meine Fl?gel anlegen und fliegen.

Unser Mann! Wohin gehst du?



Ich bin im Urlaub. Ich fahre irgendwohin  ich wei? nicht wohin.



Ausgezeichnete Antwort. Moment mal, hast du etwa wieder einen Weltwettbewerb in Hellseherei gewonnen?



Ja, das war ich.



Anfisa, sieh dir die Fotos von der Absturzstelle an  wer wei?, was da abst?rzt.



Das ist die Absturzstelle der Tunguska 



Nur keine Eile! Denk nach, meine Liebe! Denk nach! Leben die Wesen, die in dem Schiff waren, noch?



Es waren sieben Besatzungsmitglieder, sagte Anfisa ernst. Zwei sind beim Aufprall im Schiff verbrannt, f?nf wurden aus zwanzig Kilometern H?he herausgeschleudert. Der Wind hat sie fortgetragen. Wir m?ssen herausfinden, aus welcher Richtung der Wind an dem Tag wehte.



Sie wurden zwanzig Kilometer von der Absturzstelle weggetragen, wiederholte Rodion.



Mir schoss das Wort Kokosnuss durch den Kopf, sagte Anfisa. Okay, sie sind in einer Kugel gelandet, die sich in zwei H?lften teilt, schloss Rodion.

Anfisa betrachtete das Foto der Einschlagstelle des au?erirdischen K?rpers erneut eingehend.



Sie haben sich vermehrt, sagte Anfisa. Genau, es gibt jetzt mindestens hundert von ihnen auf der Erde. Sie besitzen F?higkeiten, die den Menschen unbekannt sind.



Hurra!, rief Rodion. Ich habe herausgefunden, woher die Au?erirdischen in meiner Abteilung kommen!

Anfisa besch?ftigten sich mit ganz anderen Problemen: Eine Nachricht ?ber die Transformation der Au?erirdischen war eingetroffen. Rodion geh?rte zu denen, die dies bemerkt hatten! Sidor Sidorovich war unverkennbar; dieser Spezialist war der unwahrscheinlichsten Wahrheit stets nahe. Die Vertreter der Firma Mystische Umst?nde vertrauten ihm; sie beobachteten ihn und zogen in aller Ruhe ihre Schl?sse. So kam es, dass sie zu ihnen geh?rte.

Unterdessen verlie?en die Reisenden den Zug, bestiegen einen Hubschrauber und flogen von dem herabst?rzenden Weltraumobjekt fort. Zwanzig Kilometer vom Krater mit seinen wirbelnden, umgest?rzten B?umen entfernt, landeten sie dank eines erfahrenen Hubschrauberpiloten auf einer kleinen Lichtung. Sie mussten die Kapsel finden: Wenn die Au?erirdischen keine Zirkusartisten waren und nicht darin kauerten, musste die H?lle ziemlich gro? sein. Und wenn sie hochflexibel waren, konnte die Kapsel innen sehr klein, au?en aber gro? sein, um die Au?erirdischen beim Eintritt in die Atmosph?re zu sch?tzen.



Die Reisenden hatten Gl?ck; sie trafen einen J?ger und fragten ihn nach der gro?en H?lle. ?berraschenderweise lachte der J?ger nicht, sondern erz?hlte von einer B?renh?hle, die seit Generationen von B?ren genutzt und von Menschen ferngehalten wurde. Die H?hle hatte innen die Form einer Kokosnussschale. Die Vierergruppe n?herte sich der einzigartigen H?hle und h?rte das furchterregende Gebr?ll der B?ren. Die B?ren jagten die Reisenden so heftig von dem Museumsst?ck weg, dass sie die Tunguska-Region verga?en.



Anfisa wusste, dass man mit solchen Botschaften keine Massen erreichen konnte; sie w?rden es nicht bemerken, und das zu Recht, schlie?lich hatte niemand diese Aufgabe gestellt. Doch mystische Umst?nde zu erfinden, war ihr Job. Es gibt drei Sph?ren des Lebens: Wasser, Land und Weltraum. Der Weltraum machte sich bemerkbar, aber sie wusste, dass sie mit Gegens?tzen arbeiten musste, was bedeutete, die Ansichten der Menschen auf den Grund zu stellen! Und was? Tats?chlich beschloss ein Gesch?ftsmann, Kapit?n Nemo zu spielen! Er kaufte sich keine Yacht, sondern ein U-Boot. Das U-Boot eines Gesch?ftsmannes unterschied sich so sehr von einem Milit?r-U-Boot wie ein Palast von einer Kaserne. Man kann einen Gesch?ftsmann in der Unterwasserwelt ?berraschen, aber er ist gierig und w?rde die ?berraschung vielleicht nicht an die Oberfl?che dringen lassen. Und das ist kein Gedanke.



Ein Gedanke! Man nehme ein paar Tunguska-Aliens, setze sie in ein leichtes U-Boot oder ein Tauchboot, tarne es als Raumschiff und lasse die Bilder der au?erirdischen Bewohner in Impulsen an das U-Boot des Gesch?ftsmanns senden. Seine Empf?nger w?rden diese st?renden Bilder auffangen. Ein Schock w?re garantiert, und der Konzern w?rde seinen Anteil an den Zahlungen des wohlhabenden Kunden erhalten. Doch Anfisa setzte ihren neuesten Unsinn nicht in gro?em Stil um.



Die neu gewonnenen Freunde fuhren in Richtung des Dorfes Bolta, wo er seine Villa besa?, in der er G?stezimmer f?r Rodion und Anfisa eingerichtet hatte. Sidor Sidorovich selbst ruhte sich aus, und die jungen Leute fuhren in dem goldenen Auto, das er ihnen geschenkt hatte, durch das Dorf.



Die ferne Zukunft hat, wie die ferne Vergangenheit, f?nf Unterschiede, nat?rlich im Vergleich zur Gegenwart, sagte Anfisa und betrachtete den Schaukelstuhl neben dem Mann oder dem Abbild eines Mannes. Und was sagst du zu dieser humanoiden Kreatur?, fragte Rodion mit angespannter Stimme.

Sie beugten sich ?ber den Mann, der dalag, als w?rde er auf einem Schaukelstuhl hin und her schaukeln. Zwei leere Eimer standen daneben. Rodion, in einem silbernen Overall, versuchte, den am Boden liegenden Mann zu schaukeln; anscheinend lebte er noch, war aber v?llig verwirrt. Anfisa trug einen goldenen Overall.



Anfisa, hat der Mann zwei Eimer Wasser getrunken, und deshalb kommt er so langsam hoch?



Rodion, er hat schweres Wasser getrunken, erwiderte das M?dchen sp?ttisch. Wahrscheinlich wurde der Mann mit einem Schaukelstuhl auf den Kopf geschlagen.



Da erwacht der Detektiv in dir. Aber wir haben eine ganz andere Sache. Wir sollten uns nicht um leere Eimer k?mmern, sagte Rodion schnell und versuchte, Anfisa vom Schaukelstuhl wegzuziehen. Versteh mich, der Mann lebt. Er wird von selbst aufwachen, und wir m?ssen nicht erkannt werden. Anfisa gehorchte Rodion widerwillig und stieg schnell ins Auto. Ein goldfarbenes Auto ruckte vorw?rts und wirbelte eine Staubwolke auf.



Der Mann neben dem Joch blickte der Staubwolke nach:



Oh, du hast mich geweckt! Du hast mich nicht schlafen lassen.



Und er rollte sich wieder neben dem Joch zusammen. Eine Frau in einem gebl?mten Kleid n?herte sich dem Joch. Sie hob zwei Eimer und das Joch auf, ignorierte den Mann im Gras und ging langsam zum Brunnen. Ruhig zog sie den am Kran befestigten Eimer zu sich heran und zuckte entsetzt zur?ck: Eine giftige gelbe Fl?ssigkeit war darin zu sehen. Sie versuchte, die gelbe Mischung auf den Boden zu gie?en, doch sie rollte sich zusammen wie der Mann am Joch und hing am Boden des Eimers. Die Frau versuchte, den Eimer vom Kran zu nehmen, aber es gelang ihr nicht. Der Gemeinschaftseimer war gut gegen Barbaren gesichert. Dann kehrte sie zu dem am Boden liegenden Mann zur?ck und begann, ihn zu wecken:



 Steh auf! Steh auf, ich sage es dir!



 Lass los! Ich schlafe!, seufzte die Frau traurig und ging nach Hause. Dort war nicht einmal im Waschbecken Wasser, man musste es von unten dr?cken, und die ber?chtigte gr?ne Holztoilette war zwischen den gr?nen Stachelbeerstr?uchern versteckt. In diesem Moment hielt ein goldener Wagen neben einer sonnengelben Villa mit Kupferdach. Das Haus stand mitten im Dorf, wie eine Pusteblume auf einer Wiese. Anfisa stieg als Erste aus. Sie zog ihren gelben Overall aus und l?chelte ihr typisches L?cheln. Sie ging ins Badezimmer, ber?hrte den Wasserhahn, und Wasser ergoss sich ?ber ihre H?nde. Sie drehte den Hahn erneut auf, und Wasser sprudelte aus beiden Enden der bl?ulichen Badewanne und f?llte das Becken. Sie schloss die T?r fester hinter sich. W?hrend Anfisa im Badezimmer war, schaltete Rodion den wandgro?en Bildschirm im Flur ein und sah einen Bericht von Saturns Mond. Die Bewohner der Erde hatten diesen Mond Erde-2 getauft. Es war, als ob sich das gesamte Leben der Erdbewohner auf diesem neuen Planeten spiegelte. Die ?bertragung von Erde-2 zeigte den Komfort ihrer neuen H?user, doch statt klarem Wasser floss aus den Wasserh?hnen eine gelbe Masse unbekannter Substanzen. Rodion schauderte, als er sich erinnerte, dass sie heute versucht hatten, sich mit dieser seltenen Substanz von Erde-2 zu waschen, aber dabei nur den Brunnen verschmutzt hatten. Er f?hlte sich schuldig, den gelblich-kupferfarbenen Schleimklumpen im Eimer zur?ckgelassen zu haben, obwohl er teuer gewesen war.

M?nner mit Eimern n?herten sich dem Brunnen. Es war der einzige Brunnen mit Kran und Eimer in dem kleinen Dorf; die Bewohner hatten vergessen, Wasser aus dem Fluss zu sch?pfen. Die M?nner versuchten, den mit einer Kette am Kran befestigten Eimer zu l?sen, doch sie hatten M?he und wollten die gelbe, schleimige Masse nicht in den Brunnen hinablassen. Pl?tzlich dr?ngte ein kr?ftiger junger Mann in silberner Arbeitskleidung die M?nner in Dorftracht vom Eimer weg. Geschickt packte er die gelbe Masse mit seltsam behandschuhten H?nden und verschwand kurz darauf im Auto.



Anfisa kam aus dem Badezimmer und sah Rodion mit einem gelben Klumpen kosmischen Schleims ins Haus kommen.



Anfisa, wir haben die Waschmittelprobe vergessen; ich habe sie zur?ckgegeben  Der unvergleichliche Rodion bot Anfisa Champagner an. Ein Glas auf ihr neues Leben! Der s??e, importierte Champagner durchstr?mte ihren K?rper in feinen Bl?schen, und Anfisa trank Schluck f?r Schluck, ein ganzes Kristallglas!

Oh, welch ein Genuss f?r strapazierte Nerven! Dann noch ein halbes Glas, ein St?ck Schokolade mit N?ssen  und ihr Kopf, wie ein leeres Fass, war erf?llt von Frieden und Ruhe! Sie beruhigte sich. Ein Gewitter, zu Ehren ihres neuen Lebens, weckte sie mitten in der Nacht. Blitze zuckten drau?en, Donner grollte, und Champagnerbl?schen zischten in ihrem Kopf. Sie, die Feigling, schloss die Fenster fest, zog sich die Decke ?ber den Kopf und schlief ein.

Der Mann ihrer Tr?ume, Rodion, geh?rt ihr nicht; sie begegnet ihm nur gelegentlich. Er hat sie verlassen. Ganz einfach. Eine h?bsche Frau kam in sein B?ro. Sie hatte eine bezaubernde Figur, geradezu verlockend f?r ein Pferd, denn Rodion ist ein Pferd. Ihre Jeans sa?en eng, ihre Br?ste schwangen bei jedem Atemzug, und er verliebte sich.



Rodion begann Anfisa zu verachten und machte st?ndig abf?llige Bemerkungen ?ber alles M?gliche, wenn er mit ihr sprach. Diese Frau war seit anderthalb Monaten nicht mehr im B?ro, und in dieser Zeit hatten sie sich ihretwegen gestritten! Man sagt, sie sei vom Pferd gesprungen und habe sich das Bein gebrochen. Aber Anfisa kann sich nicht erkl?ren, von welchem Pferd sie gesprungen ist? Vom Fuchs, dem Liebhaber von Krawatten mit Pferdekopfmotiven, oder vom Pferd selbst?



Rodion holte Anfisa ab und fuhr sie auf der alten Stra?e nach Hause, die dank der neuen nun verkehrsfrei ist. Zuhause warteten eine Katze und ein Hund auf Anfisa. Der Boden war mit den Resten eines zerrissenen Kissens bedeckt. Stell dir vor, du kommst aus einem Hotel, wo du verpflegt und gepflegt wurdest, in eine Wohnung, in der alles verlassen und verwahrlost ist. Ein einziges Chaos. Zu Hause wartet ein Berg Arbeit auf dich, und morgen fr?h musst du arbeiten. Und nichts. Und du triffst niemanden.



Kapitel 2. Eine unerwartete Begegnung



Das Gras auf dem Rasen war trocken und kurz gem?ht. Die Bl?tter an den B?umen wiegten sich tr?ge im sanften Wind. Das bleierne Wasser spiegelte still den Himmel wider. Der Hochsommer selbst schien ?ber die Erde zu wandern, und Anfisa schritt mit ihm. Sie war in der Bl?te ihrer Jugend. Ihr Gang war noch immer leichtf??ig, aber nicht mehr so steif. Sie wusste viel und hatte ein gutes Ged?chtnis. Ihre Figur unter ihren Kleidern war weder anziehend noch absto?end. Das lag vor allem an ihrer Kleidung. Der Duft ihres letzten Mannes wehte ihr nach. Anfisa war ein ganz normales M?dchen. Sie blickte sehns?chtig zum Ufer des Stadtstrandes und bemerkte die Sonnenbadenden nicht  offensichtlich hatten diese die Hochsommerhitze nicht bemerkt.

Nicht weit von Anfisa entfernt, hinter den B?schen am Ufer, sa? ein unabh?ngiger Detektiv auf einer Bank. Er trank Wasser und sa? deshalb am Ufer eines Teiches, der auf der Karte als Fluss verzeichnet war, aber von allen in der Stadt einfach als Stadtteich bezeichnet wurde. Das rothaarige M?dchen erregte Fox' Aufmerksamkeit. Er schauderte unwillk?rlich bei dem Gedanken, ihr wiederzusehen. Er bemerkte den Mann nicht, der im Gras lag. Ein Sonnenbadender, und das war in Ordnung. Der Detektiv ging langsam am Teichufer entlang vom Strand weg. Die rothaarige Frau bemerkte ihn nicht. Er ging weiter und dachte daran, dass er einen Fall wie einen Bankraub aufdecken musste. Gegeben: ein ausgebrannter Geldtransporter, verschwundene Gelds?cke, lebende Geldtransporter-Wachm?nner, deren Aussagen widerspr?chlich waren. Jemand brauchte dringend viel Geld. Sie brauchte 1,5 Millionen Rubel, um gl?cklich zu sein. Man muss daf?r keine Bank ausrauben, aber so viel Geld hat sie wohl kaum.



Und dann gibt es diejenigen, die nicht nur Wohnsiedlungen, sondern ganze mehrst?ckige Komplexe bauen. Wohnungen darin sind schwer zu verkaufen. Die Eigent?mer veranstalten Werbeaktionen, aber die ?ffentlichkeit kann sich nicht alle Wohnungen in den Neubauten leisten. Deshalb wurden den Menschen im Sozialismus Wohnungen geschenkt. Man konnte in einem Unternehmen anfangen und sich so eine Wohnung verdienen. Heute werden Wohnungen bei Zwangsr?umungen vergeben, aber die Zwangsr?umungen aus f?nfst?ckigen Geb?uden nehmen j?hrlich ab; man baut jetzt einfach darauf, um den Abriss zu vermeiden.



Wenn ein Wohnkomplex auf einem unbebauten Grundst?ck errichtet wird, schulden die Eigent?mer niemandem etwas; siebzehnst?ckige Geb?ude stehen auf einem winzigen St?ck Land. Nicht alles Wasser steigt ?ber das f?nfte Stockwerk hinaus. Ein Komplex aus zehn Geb?uden ist von au?en unglaublich sch?n, aber innen sind die Wohnungen unfertig, mit schlecht funktionierenden Aufz?gen und Badezimmern und ohne Warmwasser. Die ?u?ere Sch?nheit der Geb?ude geht auf Kosten ihrer inneren Ausstattung. Die H?user stehen da wie aus dem Bilderbuch, aber die Wohnungen lassen sich schwer verkaufen. Die Eigent?mer sind in gro?er Not. Sie werden die Bank mit Sicherheit ?berfallen; sie brauchen unbedingt f?nf S?cke Bargeld, um weiterarbeiten zu k?nnen. Ein Ausweg ohne Raub? Verhandlungen mit dem Manager, dem das Grundst?ck allein durch die Anstellung geh?rt.

Kurz gesagt, die Bank wurde aus purer Not ?berfallen. Wie? Das m?ssen die Ermittler kl?ren; viele werden beteiligt sein. Der Streit dreht sich um die Geldsumme: 55 Millionen Rubel oder 1 Million Rubel. Die Nachrichten zeigten einen Geldtransporter, der vom Fahrerhaus aus gesteuert wurde. Der Mann mit dem Geld sa? im Tresor. Das Feuer im Fahrzeug wurde per Knopfdruck gel?scht. Der Fahrer war also ein Amateur. Die R?uber ?ffneten die S?cke, wussten also, wie es geht, und fl?chteten dann, in aller ?ffentlichkeit und vor den Handykameras der Passanten, in alle Richtungen. Niemand wurde verletzt, das Fahrzeug brannte aus. War es ein Raub?berfall oder Werbung f?r einen Geldtransporter? Das Bild der rothaarigen Anfisa tauchte wieder in Ilja Lwowitschs Kopf auf; er dachte, er w?rde ihr wieder begegnen.

Anfisa kennt das Leben, und das Leben kennt sie. Und sie erinnert sich mit jeder Faser ihres K?rpers an diesen Strand. Wie viele Stunden hat sie dort in der Sonne gelegen! Wie oft hat sie vom Strand aus auf diesen Teich geblickt! An hei?en Tagen kam sie dorthin, wenn es ihr ?berall zu hei? war. Ja. Einmal war sie f?nf Tage lang allein am Strand und lag immer an derselben Stelle. F?nf Meter entfernt lag ein stattlicher Mann. Sein durchtrainierter K?rper strahlte so viel Energie aus, dass sie morgens aufsprang, zum Himmel blickte und zum Strand rannte. Er kam am Morgen. Sein K?rper war bereits von der Sonne gebr?unt. Sie betrachtete ihn und blieb in einiger Entfernung stehen. Normalerweise stand sie am Strand und legte sich nur gelegentlich hin, die F??e der Sonne zugewandt.

Wenn der Mann lag, gefiel er ihr, aber sobald er aufstand, verlor sie das Interesse an ihm. Er war nicht besonders intelligent. ?u?erlich fand sie ihn ansprechend, aber sein Gesicht und seine Stirn l?sten keine Anziehungskraft in ihr aus. Auch er bemerkte sie, schwieg aber. Sein Haar war wie Gras  trocken und kurz geschnitten. Sie hatten sich nie getroffen. Hochsommer. Und der Mittelpunkt sinnloser Eifersucht. Ja, sie hatte in den letzten Tagen unter Eifersucht gelitten, oder vielleicht war es die Liebe, die sie nicht verlassen hatte und die sich wie ein ?berbleibsel der Eifersucht an ihre Seele klammerte. Sie war in einen Ausl?nder verliebt gewesen. Amon hatte ein intellektuelles Gesicht, aber keine ausgepr?gten Muskeln. Sein Gesicht gefiel ihr, aber sein K?rper sprach sie nicht an. Dennoch hatte sie ihn eine Zeit lang geliebt und war auf jede Frau eifers?chtig gewesen, mit der sie ihn sah. Und jetzt, als sie auf den leeren Strand blickte, sp?rte sie, dass die Eifersucht sie nicht mehr interessierte. Ihre Stimmung war wie bleierne Wolken.



Was nun? Warum muss sich das Leben einer Frau um einen Mann drehen? Kann es sich nicht um sie selbst drehen? Nat?rlich! Und warum hatte sie gestern Abend den ganzen Abend auf das Telefon gedr?ckt und nur Piept?ne geh?rt? Niemand ging ran. Und warum sollte sie online nach seinen Briefen suchen? Sie blieb am Ufer eines leeren Teichs stehen; nicht einmal ein Boot fuhr auf ihm.



Das M?dchen drehte den Kopf und sah einen Mann im Gras. Er lag mit dem R?cken zu ihr. Diesen R?cken kannte sie! Es war lange her, aber sie hatte ihn schon am Sandstrand gesehen, und jetzt war er im Gras zu erkennen. Sie sp?rte Angst. Sie wollte weglaufen. Doch ihr Blick war wie gebannt von dem R?cken des Mannes; sie versp?rte ein unwiderstehliches Verlangen, seine Haut mit den Fingern zu ber?hren. Und wer hielt sie davon ab? Er war allein. Sie war allein. Und es war Sommer, wenn auch nicht hei?, aber dennoch Sommer. Sie ging n?her und bemerkte sein Hemd an den ?sten. Er lag nur in Unterhosen da.



Lebst du?, fragte Anfisa mit zitternder Stimme.



Als Antwort h?rte sie ohrenbet?ubende Stille. Sie wollte fliehen, doch dieser R?cken, den sie einst so geliebt hatte, zog sie zu ihm hin. Sie beugte sich zu dem Mann vor, er drehte sich abrupt um, und sie fand sich auf seiner Brust wieder. Hallo, meine Liebe! Ich habe so lange auf dich gewartet!

Sie lag auf seiner kr?ftigen Brust, ihre Blicke trafen sich. Du bist keine von diesen Feiglingen! Ich liebe dich, Frau! Verstehst du? Zwei Jahre lang konnte ich dich nicht finden! Ich wusste nicht, wo ich suchen sollte! An jedem warmen Tag bin ich an den Strand gegangen. Ich habe auf dich gewartet!



Sie versuchte, sich von seiner Brust zu rollen, doch er umarmte verzweifelt den geliebten K?rper, von dem er so lange getr?umt hatte!



Warum bist du nicht mehr an den Strand gegangen?



Mein Freund Amon hat es mir verboten, und er selbst wollte auch nicht. Ja, ich erinnere mich an dich am Strand! Ja, wir haben f?nf Tage lang Seite an Seite gesonnt, aber wir haben nicht miteinander gesprochen oder uns kennengelernt! Ja, wir haben zusammengearbeitet!



Ah! Du erinnerst dich!



Ich habe dich noch nicht vergessen. Ich dachte, es ginge dir nicht gut.



Mir ging es nicht gut, aber jetzt f?hle ich mich gro?artig unter deinem Gewicht! Lass mich los, dann stehe ich auf. Dann geht es dir besser.



Ich lasse dich nicht gehen! Ich hab dich! Du geh?rst mir! Er presste seine Lippen mit solcher Leidenschaft auf ihre, dass sie unwillk?rlich erwiderte.



Was macht die Liebe mit den Menschen? Sie trennt ihr Bewusstsein vom Gewissen. Das Gewissen schl?ft ein, und sie haben ein reines Gewissen. Zwei. Sie waren zu zweit. Sie verschmolzen zu einem, leidenschaftlich, ungest?m. Sie drehten sich um. Seine Augen blickten nach unten, strahlend vor Gl?ck! Seine Augen wirkten riesig. Sein Haar umrahmte sein Gesicht wie ein wundersch?ner Heiligenschein. Er war gro?artig, und wie hatte sie ihn nur damals ?bersehen k?nnen? Oh, sein Haar war damals so kurz!



Ich lasse dich nicht gehen, bis du mir sagst, wie ich dich finde!, sagte der Mann und k?sste sie sofort auf die Lippen, die ihn faszinierten. Unter dem Kuss begann sie wieder zu sich zu kommen, doch sie konnte sich nicht aus dem Griff des starken Mannes befreien. Sie lag ausgestreckt im Gras, ihre Lippen unter seinen. Sie zuckte hin und her, doch er hielt sie nur noch fester. Pl?tzlich lie? er sie los, setzte sich neben sie und sah sie mit solcher Bewunderung an, dass sie sich unwohl f?hlte.



Wie hei?t du?, fragte Anfisa, die vage ahnte, dass sie seinen Namen eigentlich kannte, ihn aber vergessen hatte oder sich nicht daran erinnern wollte.

 Platon. Nur Platon.



 Und ich bin Anfisa B?roklammer.



 Oh je! Wie ich dich gesucht habe, Anfisa! Ich w?nschte, ich h?tte eine B?roklammer vom Himmel fallen lassen, um dich zu finden. Ich habe schon die Webseite Warte auf mich ge?ffnet, aber was soll ich da schreiben? Dass ich ein M?dchen im Badeanzug vom Strand am Teich suche? Und dass ich dich schon mal gesehen habe, aber ich erinnere mich nicht, wann oder wo.



 Aber unsere Beziehung hat die Zeit ?berdauert.



 Lachst du? Lach, jetzt kann ich auch lachen. Er legte sich auf den R?cken, drehte sich aber schnell um, nahm ihre Beine in die H?nde und dr?ckte sie an sich. Du bist es!, lachte er herzlich.



Sie standen auf, klopften sich Gras und Staub ab. Er zog sein Hemd an. Hand in Hand gingen sie. Pl?tzlich blieb Platon stehen und fragte mit ernster Stimme:



 Wohin gehen wir? Anfisa, du kannst dir nicht vorstellen, wie sehr ich dich gesucht habe! Ich bin so gl?cklich! Ich habe solche Angst, dich zu verlieren! Bist du verheiratet? Hast du Kinder? Wo wohnst du? Wo arbeitest du?



Ein bisschen von allem, seufzte sie, nachdem sie sich heute endg?ltig von ihrem Ex-Freund Amon getrennt hatte.



Nicht seufzen, alles wird gut.



Plato, bist du ein Strandg?nger?



Nein, der BMW schaut dich an. Warum war ich am Strand? Ich wollte einfach. Und warum l?ufst du heute hier herum?



Keine Ahnung, ich wollte nur vorbeikommen. Mein gr?ner Lada parkt neben dem BMW. Unsere Autos sind aneinander vorbeigefahren wie Pferde im Stall.



Ich habe mir dein Kennzeichen schon gemerkt; es ist das neueste Modell, dieses Jahr total angesagt. Immerhin etwas. Aber wir hatten ohne Autos mehr gemeinsam. Wollen wir zur?ck zum Strand?



Wenn wir an unserem Wohnort ankommen, wird etwas passieren, dann werden sich unsere Wege trennen.



Red keinen Unsinn! Mir ist egal, wo du wohnst! Du wohnst bei mir. Ich komme nicht zu dir.



Ich mag keine Gewalt. Ich bleibe zu Hause. Willst du, dass ich dich wieder verliere? Nein, ich lasse dich nicht gehen!



Warum bin ich heute an diesen Strand gesp?lt worden?



Ich habe auf dich gewartet! Ich habe mich versteckt wie ein Tier. Ich wusste, du w?rdest dich an meinen R?cken am Strand erinnern.



Wie viele M?dchen gibt es auf der Welt! Warum brauchst du mich?



Dar?ber zu reden hat keinen Sinn, ich brauche dich! Ich stelle mir deine Gestalt seit zwei Jahren vor! Niemand kann dich ersetzen, und das wei?t du ganz genau.

Und er umarmte sie erneut, mit leidenschaftlicher Kraft und schwindender Verzweiflung.



Anfisa stand in den Armen eines Fremden  Ein roter Honda hielt neben ihr. Eine Frau in einem roten Hosenanzug mit langen schwarzen Haaren sprang hervor.



Platon, wer ist bei dir? Was f?r eine stille Frau h?ltst du da fest? Lass sie einfach gehen! Es ist Anfisa!



Polina, geh schon! Heute ist nicht dein Tag.



Ich gehe, aber mit dir. Ein dunkles Auto hielt abrupt neben ihnen, und Rodion sprang heraus.



Anfisa, ich bin gerade gelandet. Kann ich es mir anders ?berlegen? Lass uns nach Hause gehen, beruhige dich.



Es ist Schicksal, sagte die Frau in Rot und wandte sich dem schlanken Mann zu. Rodion, bist du jetzt ein verlassener Mann? Hat Anfisa dich auch verlassen, wie Amon? Darf ich dich abholen? Rodion blickte auf die blasse Anfisa in Platons Armen und auf die lebhafte Polina.



Polina, nimm mich ab!, sagte Anfisas Ex-Mann entschieden.



Vier Personen und vier Autos, aber wir m?ssen zwei Paare bilden, sagte Polina verwirrt.



Wir lassen die Autos hier und gehen zum Teichufer, sagte Platon deutlich.



Los gehts, sagte Rodion. Alle vier gingen zum Ufer. Rodion betrachtete das trockene, verdorrte Gras am Teichufer, rannte zum Auto, schnappte sich eine Luftmatratze mit Pumpe und holte die Gruppe ein. Er pumpte die Matratze schnell auf und bot den Damen einen Platz an. Sie lehnten ab, also setzte er sich selbst. Polina setzte sich neben ihn.

Platon nahm Anfisas Hand, und die beiden gingen schnell zu ihren Autos. Sie stieg in Platons Auto, und sie fuhren los. Anfisa sp?rte ein Gewicht auf ihren Schultern und einen seltsamen Atem. Sie sah die gro?en Pfoten und die pr?chtige, gro?e Schnauze des Hundes.



Braver Hund, hauchte Anfisa dem Hund zu.



Das ist er, er hei?t Snapdragon. Snapdragon de Luxe ist ja ganz nett, aber Snapdragon ist besser. Er begleitet mich immer.



Wohin gehen wir?, fragte Anfisa nerv?s und blickte mehr zum Hund als zu Platon.



Heute habe ich frei, und du auch. Wir gehen einfach, wohin uns das Auge f?hrt. Zuerst m?ssen wir aber heiraten, also fahren wir nach Zagorsk. Es ist ein beschaulicher Ort, ideal, um sich von promiskuitiven Gedanken zu befreien. Hast du Polina gesehen? Meine Ex-Freundin, Kirchen und Kathedralen helfen ihr nicht.



Werden wir heiraten?

Nicht ganz, aber fast. Lass uns den Glocken lauschen, dann vergisst du deine Ex-Partner ganz leicht. Ich habe sie nie so richtig verstanden. Wir werden ein Reinigungsritual durchf?hren. Wir machen eine Kirchenbesichtigung und halten auf jeden Fall bei einer an. Heute ist der perfekte Tag daf?r. Dort gibt es besonderes Weihwasser. Lass es uns trinken und uns erfrischen. Unsere Seelen werden vom Schmutz vergangener Beziehungen gereinigt.



Wie ernst du das meinst.



Ich habe lange auf dich gewartet, ich hatte schon angefangen, es zu vergessen.



Es war alles wahr. Durch die Gethsemane-Skete von Tschernigow und die heilige Quelle sind sie in ein neues Leben getreten, in dem vorerst alles wie zuvor war.



Platon, du hast mich nicht nach meiner Familie gefragt.



Du warst am Wochenende allein unterwegs. Deine Familie bist du.



Fast richtig. Machst du dir Sorgen um mein Alter? Was ich beruflich mache?



Ich kann dir sagen, wer ich bin. Ich arbeite als Verkaufsleiter f?r hochwertige Elektronikartikel, obwohl ich eigentlich Elektronikingenieur bin. Wei?t du, wen ich gesehen habe? S?nger und Schauspieler kamen zu mir. Jetzt kann ich alle Schauspieler ohne Fernseher sehen.



- Warum prahlst du so?



- Tut mir leid, Anfisa, ich habe getr?umt. Ich bin Wachmann, nur ein Aushilfs-Wachmann. Ich sehe die Schauspieler tats?chlich, aber sie sehen mich nicht.



- Toll, aber was w?re, wenn du Hausmeister bei Mosfilm w?rst? Dann w?rde ich jeden kennen.



- Ich bin kein Hausmeister. Ich habe es total vergessen, ich muss heute Abend noch weg. Ich habe wichtige Ger?tetests. Ich setze dich an deinem Lada ab, und dann gehen wir getrennte Wege.

Platon setzte Anfisa am Auto ab und fuhr schnell zum Stadtkrankenhaus. Sein Vater lag mit einem schweren Herzinfarkt auf der Intensivstation; er konnte ihn heute besuchen. Sein Vater sah aus wie ein Schatten seiner selbst. Er war kreidebleich, abgemagert, irgendwie durchscheinend. Ohne das ?rzteteam der Intensivstation w?re er nicht mehr am Leben. Sein Vater sah aus wie ein lebender Toter.

Entsetzen ergriff Platon; er verriet Anfisa nicht den wahren Grund seiner Reise nach Zagorsk. Er hatte dort f?r seinen Vater gebetet, aber er konnte es nicht laut aussprechen, er dachte nur an ihn. Er erz?hlte ihr nicht, dass er am Teich im Gras gelegen hatte, voller Angst um das Leben seines Vaters. Platon liebte seinen Vater. Und nun sah er ihn lebend. Platon hatte Anfisa fast vergessen, aber er erinnerte sich an sie vom Strand, wie sie dort am Boden gelegen hatte. Ihre Anwesenheit hatte ihm geholfen, aus seiner Starre zu erwachen; sie hatte eine positive Wirkung auf ihn gehabt.



Sohn, warum siehst du mich so entsetzt an?, fragte sein Vater leise.



Verzeih mir, Vater, du siehst gut aus.



Man soll seine ?lteren nicht t?uschen, fl?sterte sein Vater und verlor das Bewusstsein.



Platon rief nach einer Krankenschwester, die wiederum einen Arzt rief. Seine Mutter traf bald darauf ein. Er verlie? das Krankenhaus und dachte ?ber die letzten Worte seines Vaters nach. Wenn es doch nur alles wahr w?re! Er mochte Anfisa, aber das war auch schon alles.



Als Anfisa aus Platons BMW stieg, f?hlte sie sich hintergangen, verlassen, betrogen. Sie war benutzt und wie eine Ware weggeworfen worden. Sie sah dem Auto nach, wie es wegfuhr, und blickte zum Ufer des Teichs. Dort lag eine Luftmatratze, und daneben lag ein Mann in einer seltsamen Position. Sie seufzte und beschloss, nachzusehen, wer diesmal auf sie wartete. Das Ufer des Teichs war wieder menschenleer. Rodion lag mit dem Gesicht nach oben neben der Luftmatratze. Nein, es war nicht der Fremde Amon, sondern Rodion selbst. Er war weder lebendig noch tot, aber er konnte sich nicht bewegen.



Rodion, was ist passiert?, fragte Anfisa mitf?hlend.

Er st?hnte und deutete auf sein Herz.



Ich rufe einen Arzt, sagte sie und w?hlte mit ihrem Handy die Nummer eines Krankenwagens. Rodion wurde ins Krankenhaus gebracht und auf dieselbe Station verlegt, auf die Platons Vater am selben Tag von der Intensivstation gekommen war. Sein Vater wurde dort Dmitrijewitsch genannt, aber er nahm es ihr nicht ?bel; er war es gewohnt, mit seinem Vatersnamen angesprochen zu werden. Ein paar Tage sp?ter konnten Rodion und Dmitrijewitsch sich schon recht gut unterhalten, nat?rlich besch?ftigt mit der Ursache ihrer Herzprobleme. Nach einigen Gespr?chen ?ber ihre Erlebnisse vor dem Herzinfarkt kamen sie zu dem Schluss, dass die Ursache ihrer Krankheit dieselbe war und bescheiden Polina hie?. Sie war Platons Freundin. Polina war so lebensfroh, dass M?nner sie wie magisch ansahen.

Kirill Dmitrijewitsch ber?hrte in seiner Unschuld Polinas Hand, als sie fast gleichzeitig den Friseursalon verlie?en, und streifte sie beinahe beil?ufig. Sie stie? einen kreischenden Schrei aus und spr?hte ihm ein Gas aus einer Dose ins Gesicht. Er sog den bet?renden Duft ein, bis er einen Herzinfarkt erlitt. Rodion war st?rker. F?nf Minuten nachdem Anfisa und Platon gegangen waren, griff er nach Polinas weichem K?rper und nahm einen Schluck aus einer Gasflasche. Die kurze Geschichte der Liebhaber der extravaganten Frau endete in nebeneinanderliegenden Krankenhausbetten. Sie ?berlegten kurz, sie zu verklagen, entschieden sich aber nach reiflicher ?berlegung dagegen.

Das n?chste Mal trafen sich Anfisa und Platon im Krankenhaus. Sie besuchte Rodion, er seinen Vater Dmitrijewitsch. Unter hysterischem Gel?chter erkl?rten die Patienten die Ursache ihrer Krankheit. Polina wurde mit Worten ?berh?uft, bis sie fertig gesprochen hatten. Dann herrschte Stille.

Rodion sah Anfisa sehns?chtig an und sagte:



Ich w?nsche dir Liebe und Rat.



Rodion, ich heirate Platon nicht! Ich bin zu dir gekommen! Du wirst wieder gesund und zu Polina zur?ckkehren.



Das bezweifle ich. Aber komm her; niemand sonst wird zu mir kommen. Nach h?flichen Verabschiedungen gingen sie getrennte Wege. Platon stieg in sein Auto. Anfisa in ihren Lada. Sie fuhren los. Er fuhr zu Polina, rasend vor Wut. Schlie?lich hatte er ihr bereits Gas gegeben! Und nun lagen zwei neue Opfer im Krankenhausbett. Woher hatte sie nur diese Kanister? Weg damit  und gut ist. Davon hatte er auf dem Weg getr?umt.

Polina konnte die Ber?hrungen von M?nnern k?rperlich nicht ertragen; sie konnte sie einfach nicht ausstehen. Sich gegen jeden zu wehren, der sich zu ihrem Aussehen hingezogen f?hlte, ?berstieg ihre Kr?fte. Sie hatte ein Gas in die H?nde bekommen, das die Blutgef??e verengte, sobald es in die Atemwege gelangte. Dmitrijewitsch hatte viel davon genommen, und er war zu alt f?r solche grausamen Scherze.

Polina litt unter einem Minderwertigkeitskomplex; selbst Platon gegen?ber benahm sie sich wie ein junges M?dchen. ?u?erlich sah sie aus, als k?me sie direkt von der Twerskaja-Stra?e, doch in Wirklichkeit hatte sie noch nie einen Mann gehabt. Auf der Twerskaja-Stra?e hielt sie sich in den sagenumwobenen, exklusiven L?den auf, und sonst nichts. Nat?rlich orientierte sie sich an den Modetrends der Stra?e, und das spiegelte sich auch in ihrem Aussehen wider. Platon liebte Polina, aber er war ein ganz normaler Mann, und deshalb klammerte er sich so sehr an Anfisa  wegen seiner unerf?llten Sehns?chte. Er war ersch?pft von den simplen m?nnlichen Bed?rfnissen. Es ist so einfach wie die Struktur menschlicher Beziehungen selbst.



In diesem Moment dachte Anfisa dar?ber nach, warum Schach f?r einen modernen Ingenieur sch?dlich ist. Warum? Die Entwicklung moderner Technologien erfordert einen klaren Kopf, und wer ihn mit anspruchsvoller Literatur und raffiniertem Schach verschwendet, kann der Wissenschaft nicht lange dienen. Sein Verstand verk?mmert in leeren Sorgen.



Was vor zehn Jahrhunderten f?r den Schah gut war, ist schlecht f?r einen modernen Ingenieur. Daher hat ein Ingenieur kein Recht, sich einem Harem von Frauen zu widmen. Er wird sich vorzeitig verausgaben, ohne sein wissenschaftliches Potenzial voll ausgesch?pft zu haben. Das ist ein Axiom. Und dann dachte sie an Platon. Sie hatten einen sch?nen Ausflug gemacht, und er ist ?berhaupt nicht dumm, wie sie ihn sich am Strand vorgestellt hatte. Im Gegenteil, er ist k?hl und geheimnisvoll. Rodion und Polina sollten sich unterhalten. Rein ?u?erlich passen sie perfekt zusammen. Polinas Problem ist wahrscheinlich, dass sie noch niemanden gefunden hat, der sie schneller liebt, als sie, wie eine Zauberin, ihre Waffe gegen M?nner ziehen kann. Sie braucht einen Mann mit schnellen Reflexen, der sie neutralisieren kann. Eine interessante Idee. Platon hatte sich schon mit ihr befasst, aber seine Geduld war am Ende. Polina muss unbedingt mit wahrer Liebe bestraft werden. Anfisa ?berlegte, ob es eine gute Idee w?re, Rodion dazu zu ?berreden, falls er keine Angst h?tte, sich ihr wieder zu n?hern.



Anfisa rief Platon an und sagte:



Platon, vielen Dank f?r die Fahrt! Ich h?tte eine Bitte: Schick Polina ins Krankenhaus zu Rodion, damit sie die Folgen ihres Gasangriffs sieht, der tragisch endete.



Anfisa, Polina ist ein unberechenbares M?dchen. Versuch sie selbst zu ?berzeugen, antwortete er. Anfisa rief Polina an:



Polina, es tut mir leid, dich zu st?ren, aber Rodion ist im Krankenhaus; er hat noch nicht realisiert, was passiert ist. K?nntest du ihn besuchen?



Klar. Sag mir die Zimmernummer und die Abteilung. Okay, ich komme vorbei.



Anfisa sch?ttelte emp?rt den Kopf, sagte aber kein Wort mehr. Dann beschloss sie, Rodion telefonisch zu warnen:



Rodion, Polina kommt dich besuchen. Sag den M?nnern bitte, sie sollen die H?nde in den Taschen lassen und sie nicht anfassen.



Anfisa, h?ttest du mich nicht fr?her warnen k?nnen?



Wer h?tte das gedacht? Dann w?rst du jetzt nicht in derselben Situation.

Polina kam im Krankenhaus an. Sie betrat das Zimmer und sah, dass alle M?nner die H?nde in den Taschen hatten. Sie legte das P?ckchen auf Rodions Nachttisch und sagte:



Hallo! Gute Besserung!  und wandte sich an Rodion: Verzeih mir, aber du hast auch einen Fehler gemacht.



Stimmt, ich war voreilig, sagte Rodion, die H?nde noch immer in den Taschen.



Rodion, ich habe an dich gedacht 



Warum hast du keinen Krankenwagen gerufen? Wenn Anfisa nicht gewesen w?re 



Ich habe dich mit Benzin bespr?ht und bin gegangen. Woher sollte ich denn wissen, dass du sterben w?rdest?



Wie unh?flich  Polina, du bist eine lebensfrohe, wundersch?ne Frau 



Das habe ich alles geh?rt. Fass mich nicht an!



Ich fasse dich erst an, wenn du es mir sagst. Du hast mich verlassen 



Fang blo? nicht damit an. Wenn du mich brauchst, dann sei nett, sei nicht langweilig.



Anfisa hat mich verlassen 

Anfisa ist nicht weit gegangen, sie ist zu Platon gegangen. Du kannst sie finden. Ich kenne sie gut, sie ist nicht die Richtige f?r dich. Ich bin die Richtige f?r dich.



Da ist etwas Wahres dran, aber was sollen wir jetzt tun? Was?!



Beruhig dich, Rodion, werde wieder gesund, und dann sehen wir weiter! Ich komme morgen vorbei, und sie verlie? schnell das Zimmer.

Die M?nner starrten Polina mit den H?nden in den Hosentaschen an, bis sie au?er Sichtweite war, und traten dann an Rodion heran.



Was f?r eine Frau!, sagte einer.



Eine feine Dame!, rief der zweite.



Du Gl?ckspilz!, rief der dritte.



Rodion, hab Angst vor ihr, warnte Dmitrijewitsch.



Ich wei?. Aber sie ist so sch?n, Jungs!, rief Rodion begeistert und griff nach der Plastikt?te auf dem Nachttisch.

Die M?nner beichteten abwechselnd ihre pers?nlichen Heldentaten. Rodion h?rte ihnen zu und a? und a?, dachte immer weniger an Anfisa und nur noch an Polina.

Nachdem Polina Rodion im Krankenhaus besucht hatte, warf sie alle Gasflaschen weg. Sie holte ihn ab und brachte ihn nach Hause. Fr?her hatte er ein Zimmer in einer Vierzimmerwohnung, als er noch bei seinen Eltern wohnte, aber er a? getrennt von ihnen und lebte bescheiden. Seine Eltern besa?en eine Datscha, die er nur selten besuchte. Er brachte seine W?sche in einen Waschsalon, weil er seine Verwandten nicht belasten wollte.

Er hatte praktisch keine Frauen; er war mit allen befreundet und flirtete mit ihnen. Er schaffte es, sich eine Zweizimmerwohnung zu kaufen. Polina interessierte sich f?r Rodion, aber er ber?hrte sie kaum. Diese Beziehung konnte nicht halten. Polina bemerkte, dass sie ihre attraktive Erscheinung verlor; sie nahm zu und wurde immer unansehnlicher. Sie schaute nicht mehr in den Spiegel, als w?re sie verflucht. Sie begann, ihm ?hnlich zu sehen. Auch Rodion nahm nach dem Krankenhausaufenthalt zu, allerdings nicht an Muskelmasse, sondern nur an Fett. Polina dachte immer seltener an ihre ungew?hnliche Beziehung zu Platon.

Fr?her war sie eine lebensfrohe Frau mit einem aktiven Lebensstil gewesen, damals hatte sie sich auch einen scharlachroten Wagen gekauft. Jetzt sch?mte sie sich daf?r und wollte etwas ?ndern. Ihr Ex-Freund hatte sie zu Empf?ngen und Pr?sentationen mitgenommen, zu denen er von Kunden eingeladen worden war. Sie trennten sich, als er ihr mit den ?blichen m?nnlichen Absichten n?herkam. Sie zog eine Dose Pfefferspray hervor, die er ihr aus der Hand schlug. Damit war die Sache mit den Pr?sentationen erledigt.

Anfisa beschloss, es mit Platon ernst zu meinen, doch er erwies sich als unberechenbar und gehorchte ihr nicht. Sie k?mpfte wie ein Fisch gegen das Eis, vergeblich. Schon fast hatte sie ihn aufgegeben, als es an der T?r klingelte. Sie sp?hte durch den T?rspion und sah eine Blume.



Hey, wer ist da? Ich mache erst auf, wenn ich dich sehe. Anfisa, ich bins, Platon. Du?!, rief Anfisa ?berrascht und ?ffnete nerv?s die T?r. Zwischen ihnen stand ein riesiger Blumenstrau?. Platon betrat die Wohnung. Er stellte die Blumen in eine Vase, ging ins Zimmer und lie? sich auf dem Sofa nieder. Vor ihm stand ein Couchtisch.



Du lebst ganz normal, Anfisa, aber ich wohne bei meinen Eltern, sagte Platon emotionslos.



Mir ist aufgefallen, dass du nicht allein wohnst.



Du verstehst gar nichts, sagte er nerv?s. Wir sind erwachsen, aber benehmen uns wie Teenager. Das Leben zieht an uns vorbei!



Was willst du von mir?, fragte Anfisa genervt.



Tut mir leid, ich habe mich hinrei?en lassen. Zwischen uns wird sowieso nichts funktionieren!, sagte der kr?ftig gebaute Mann mit hysterischer Stimme.



Ich bin jetzt allein. Komm zu mir.



Du bist schon bei mir gewesen, und Rodion hat gerade eine Aff?re mit Polina. Ich wei?. Ich habe nichts dagegen, dass sie zusammen sind. Ich m?chte dir einen Antrag machen: Heirate mich!



Ausgezeichnet! Du hast mich gefragt, ob ich verf?gbar bin?



Wenn du einverstanden bist, bist du f?r mich verf?gbar. Du bist perfekt f?r mich.



Das wei? ich. Aber ich habe noch einen anderen Ex-Mann, und das ist nicht Rodion, sondern Amun, obwohl ich jetzt ganz allein bin.



Nehmen wir ihn! Platon war ?berrascht von seinen eigenen Worten und noch ?berraschter, dass Anfisa vor ihm noch jemanden au?er dem l?sternen Rodion hatte.



Er ist ein Ausl?nder. Ich bin vor ihm weggelaufen und lebe jetzt allein. Er ist es gewohnt, zwischen den Pyramiden zu leben, und ich kann das nicht. Ich bin allergisch gegen fremdes Klima, deshalb hat er mich freundlicherweise nach Hause geschickt. Ich bekomme Blasen so gro? wie Johannisbeeren, sobald ich in seiner Heimat in die Sonne gehe.



So gro? wie schwarze oder rote Johannisbeeren? Wei?e Johannisbeere. Ich meine es ernst.



Und ich mache keine Witze. Ich habe hier noch nie Blasen an dir am Strand gesehen. Was war denn vorher mit dir los?



Wei?t du noch, als ich am Strand lag und niemand dir zu nahe kam? Dann bin ich zur?ck in meine Heimat und wollte unbedingt wieder in der Sonne liegen, ohne Blasen zu bekommen! Die Erde ist dieselbe, aber die Sonneneinstrahlung ist anders. Meine Haut vertr?gt nur unser Klima mit seinen k?hlen Sommern.

Ich verstehe, dass es in deiner Geschichte keine Schuldigen gibt. Wie wird dein Lebensgef?hrte Amon deine Heirat mit mir aufnehmen?



Er hat letztes Jahr geheiratet. Ich lebe allein.



Toll, du hast ein Leben im Ausland; ein zweites Leben hier mit Rodion hat nicht funktioniert. Mein Angebot steht noch. Ich bin nicht reich, aber ich habe ein Auto und eine Wohnung bei meinen Eltern.



Ich verstehe, und ich kann dich heiraten! Aber wir m?ssen noch eine Wohnung f?r Rodion finden, damit er uns nicht im Weg steht.



Wer ist er f?r dich? K?nntest du das genauer erkl?ren?



Ein Freund. Ein Freund, mehr nicht. Er hat mich moralisch unterst?tzt, aber nicht finanziell, seit wir uns kennengelernt haben.



Dann sind Rodion und Polina ein Paar.



Ein zu ernstes Gespr?ch d?mpfte ihre romantischen Gef?hle. Platon und Anfisa unterhielten sich nur bei einer Tasse Tee und gingen nach Hause. Sie vereinbarten, dass jeder in seiner eigenen Wohnung leben w?rde, ohne den anderen mit famili?ren Angelegenheiten zu belasten. Es klingelte an der T?r. Anfisa ?ffnete die T?r, in der Annahme, es sei Platon, doch sein Vater, Kirill Dmitrijewitsch, stand davor.



Anfisa, ich m?chte meine zuk?nftige Schwiegertochter kennenlernen.



Kommen Sie herein, sagte Anfisa und bat ihre vermeintliche Verwandte in die Wohnung.



Ich bin gesch?ftlich hier. Ich m?chte, dass Sie meine Frau werden. Meine Frau, Inessa Pawlowna, und ich leben schon lange in getrennten Zimmern.



Sind Sie normal?



Ausnahmslos. Wozu brauchen Sie meinen Platon? Mir geht es gut.



Sie erholen sich noch von einem Herzinfarkt!



Das bin ich! Und ich habe ein Geschenk f?r Sie, und Sie k?nnen nicht einmal eine Kr?te von meinem Sohn im Sumpf erbetteln, sagte der ?ltere Herr und zog eine gelbe, samtbezogene Schachtel aus seiner Innentasche.



Ich brauche keine Geschenke! Gehen Sie nach Hause! Ich verstehe, warum Polina Ihnen Pfefferspray ins Gesicht gespr?ht hat!



Wage es ja nicht, es zu erw?hnen! Vorsicht!  und er ?ffnete die Schachtel.

Darin befand sich ein winziger Bernstein. Anfisa war so verbl?fft, dass sie nicht einmal lachte.



Das ist Bernstein aus dem Grab des Pharaos.



Seltsam. Woher stammt der Bernstein? Wie ist er in deinen Besitz gelangt?



Ich war Teil einer Expedition, die die Geheimnisse der Pyramide erforschte, und fand diesen Stein. Unsere Expedition stieg in das Grab hinab. Die Leute schnappten sich alles, was sie in die Finger bekamen, konnten das Grab aber nicht mehr verlassen. Sie starben fast auf der Stelle. Ich stand oben. Ein Mann warf im Sterben eine Handvoll Edelsteine in den Sand. Das war alles, was er aus dem Grab mitnahm, und er lebte l?nger als die anderen. Diejenigen, die mehr mitnahmen, lebten k?rzer; sie erreichten den Ausgang nicht. Ich konnte nicht widerstehen, nahm den winzigen Bernstein und nichts anderes. Ich war damals noch sehr jung.



Warum sollte mir eine solche Ehre zuteilwerden? Anfisa fl?sterte und betrachtete bewundernd das Bernsteinwunder.



Anfisa, du hast Plato aus einer tiefen Depression geholt und mich gerettet. Du verdienst eine Belohnung. Nein, du musst mich nicht heiraten  das ist mein Standardwitz, den Polina nicht verstand. Wenn du und Plato ein Kind bekommt, freue ich mich, und dann geh?rt der Bernstein meinem Enkel.



Danke, sagte Anfisa aufrichtig und nahm die Schachtel entgegen. Doch die Samtschachtel entglitt ihr. Der Bernstein fiel aus der gelben Schachtel. Dem alten Mann gaben die Beine nach. Er st?rzte und griff mit letzter Kraft nach dem Bernsteinkorn. Ihm wurde ?bel.



Oh mein Gott!, rief Anfisa. Warum musste ich das durchmachen?! und rief einen Arzt. Anfisa starrte entsetzt auf den Bernstein des Pharaos. Sie f?rchtete sich davor, den uralten Schatz zu ber?hren, und wusste, dass er vor den Menschen versteckt werden musste. Sie hatte das Gef?hl, einen Stromschlag zu bekommen, wenn sie den Bernstein aus der Schachtel nahm. Mit einer Pinzette hob sie den Bernstein des Pharaos durch ihre Gummihandschuhe vom Parkettboden auf, legte ihn in die gelbe Schachtel und versteckte sie. Drau?en heulte eine Sirene. Der Arzt h?rte Anfisa zu und erkannte, dass  Der Patient hatte vor Kurzem einen schweren Herzinfarkt erlitten. Der ?ltere Mann wurde zur?ck ins Krankenhaus gebracht. Anfisa ging hinaus, betrachtete den gem?hten Rasen, erinnerte sich an den Bernstein des Pharaos, setzte sich auf eine Bank und versank in Gedanken.



Nach dem Tod seines Vaters verlor Platon das Interesse, Anfisa zu heiraten. Er lebte mit seinen Eltern in einer Dreizimmerwohnung. Seine Mutter, Inessa Pawlowna, mischte sich nicht ein, sondern unterst?tzte ihn, und er brauchte keine Frau mehr. Anfisa erz?hlte Platon nichts von dem Bernstein des Pharaos. Sie war nicht beleidigt, dass er sie nicht heiraten wollte.



Sie fragte den zuk?nftigen Thronfolger:



Platon, gibt es noch vergilbte Papiere im Archiv deines Vaters?



Platon war ?bergl?cklich und lud Anfisa ein, sich die Papiere von Kirill Dmitrijewitsch anzusehen. Sie fand einen Stapel Ordner in einem Schrank. Sie packte die Unterlagen in vier Plastikt?ten und trug sie mit Platons Hilfe zum Auto. Er war Er war froh, den alten, verstaubten Kram seines Vaters loszuwerden.

Als Polina von Platons ver?ndertem Schicksal h?rte, kam sie zu ihm, um ihm alles zu beichten. Seine Augen weiteten sich vor Staunen und verwandelten sich in F?nf-Rubel-M?nzen: Eine blasse, unscheinbare Frau stand vor ihm. Von Polinas einst strahlender Sch?nheit war fast nichts mehr ?brig.



Polina, wo hast du denn den Boden gewischt?!, rief Platon ?berrascht.



Habe ich mich so sehr ver?ndert?



Kein Wunder, du bist ja so abgenutzt wie ein alter Lappen. Sie ging zu dem gro?en Spiegel, betrachtete sich und stammelte:



Ich bin schon lange so.



Verlass Rodion und komm zur?ck zu mir. Ich habe mit Anfisa Schluss gemacht; sie ist zu unabh?ngig. Bei dir ist es einfacher und angenehmer.



Ich habe nichts gegen dich, sagte Polina, gejagt.



Wie bist du denn jetzt! Oh, was sie dir angetan haben, es ist unfassbar!, staunte Platon weiter. ?bernimm das Haus: Putzen, kochen, alles nach deinem Geschmack umgestalten. Nur zu! Mama ist ja immer am Arbeiten.



Werde ich sch?ner, wenn ich Hausarbeit mache?, fragte Polina mit naiver Miene.



Wahrscheinlich nicht, aber du wirst schlanker, wenn du nicht alles isst, was du kochst.



Diese Vorstellung macht mich nicht gl?cklich. Hilf mir, den roten Wagen gegen einen anderen einzutauschen.



Ach, das M?dchen hat v?llig den Mut verloren. Ich helfe dir nicht. Warum sollte ich dir helfen und mein Geld ausgeben? Ich habe angeboten, die Herrin meines Hauses zu sein. Du hast abgelehnt. Und ich lehne ab.



Du hast mich gebeten, deine Haush?lterin zu sein.



Wo ist der Unterschied? Ich verstehe es nicht!, sagte Polina sichtlich ?berrascht.



Tsch?ss, ich gehe, sagte Polina und knallte die T?r hinter sich zu. Polina verlie? das Haus ihrer ehemaligen Freundin mit einem inneren Groll gegen alle M?nner. Aber die Sonne schien, das Gras war gr?n, sie wollte nicht traurig sein und auch nicht allein. Rodion reizte sie nicht mehr; er war Single. Sie wusste, dass er reich war; von seinem Taschengeld w?rde sie sich bestimmt ein neues Auto kaufen! Aber sie konnte ihn nicht um einen Rubel anbetteln  das wusste sie aus eigener Erfahrung, auch wenn Anfisa behauptete, er sei gro?z?gig. Aber wann war das denn gewesen?!

Polina war auf dem Heimweg, und Anfisa kam ihr entgegen. Die M?dchen blieben stehen und sahen sich fragend an.



Polina, gehst du von Platon zu Rodion?, fragte Anfisa leicht beleidigt.



Und du gehst von Rodion zu Platon?, fragte Polina unwillk?rlich.



Na gut, dann gehen wir zu unseren neuen Wohnorten.



Anfisa, Platon hat gesagt, ihr zwei h?ttet euch getrennt, sagte Polina beleidigt. Und du gehst zu ihm? Er hat mir angeboten, seine Geliebte zu werden.



Ich hoffe, du hast nicht abgelehnt? Anfisa fragte besorgt.



Na, das hast du ja!, antwortete Polina stolz und ging nach Hause.

Ihre Mutter ?ffnete Polina die T?r und erz?hlte ihr, dass sie einen Geschirrsp?ler gekauft und einbauen lassen hatte.



Danke, Mama! Ich werde zu Hause wohnen!, rief Polina und betrachtete den neuen Geschirrsp?ler in der K?che. Die K?che selbst funkelte im Licht. Sie betrachtete entz?ckt das Werk ihrer Mutter. Sie musste sich nur noch die H?nde waschen, und ihre Mutter deckte schon den Tisch.



Okay, dann wohne ich eben zu Hause, antwortete ihre Mutter zufrieden.

Am n?chsten Tag erz?hlte Anfisa Platon, was sie in den Unterlagen gefunden hatte. Es stellte sich heraus, dass sein Vater eine Zeit lang Arch?ologe gewesen war, dann aber abrupt den Beruf gewechselt hatte. Sie fand auch die Best?tigung, dass er an der Expedition zum Grab des Pharaos teilgenommen hatte. Diese Nachricht ?berraschte Platon nicht; er hatte als Kind ?hnliches in Gespr?chen seiner Eltern geh?rt.



Anfisa fragte:

Gibt es in deinem Haus Andenken aus dem Grab? Platon antwortete f?rmlich:

Es gab keine im Haus, oder ich wei? nichts davon.



Anfisa ging nach Hause und lie? Platon allein. Ihre Gedanken waren woanders. Ihr erster Lebensgef?hrte hatte im Land der Pyramiden gelebt, von wo Platons Vater den Bernstein des Pharaos mitgebracht hatte. Der Zufall war etwas seltsam. Sie selbst konnte nicht dorthin reisen; sie war schwer allergisch gegen die hei?e Sonne. Sie ertrug die Hitze und das trockene Klima nicht. Sie sehnte sich nach Regen, aber dort regnete es praktisch nie. Gelber Sand, eine gelbe Schachtel. Den Bernstein des Pharaos dem Staat ?bergeben und die Sache damit erledigen  manchmal kam Anfisa der Gedanke, aber sie wollte sich nicht von der Reliquie trennen und hatte Angst, sie zu behalten. Anfisa nahm Prus Buch Der Pharao aus dem Regal, bl?tterte darin und las. Sie hatte es schon einmal gelesen, aber jetzt suchte sie nach etwas anderem. Fr?her hatte sie es in einem Zug verschlungen, doch nun las sie es kritisch. Sie fand keine Antworten auf ihre Fragen.

Und was wollte sie wissen? Sich an die Geschichte des Landes der Pyramiden erinnern? Sie erinnerte sich an die Geschichte. Und pl?tzlich durchfuhr sie ein einfacher Gedanke: Obwohl alle zivilisierten V?lker aller L?nder zu verschiedenen Zeiten die Geschichte des Landes der Gro?en Pyramiden kannten, kannte oder kennt sie in Wirklichkeit niemand! Absurd? Aber das war ihre pers?nliche Meinung.



Jeder kennt die Geschichte. Und doch kennt sie niemand. Dieser Gedanke lie? sie nicht mehr los. Man k?nnte sagen, die ganze Menschheit w?rmt sich die H?nde und den Geist an den Pyramiden, macht sich ihre eigenen Vermutungen und Annahmen, aber niemand wei? etwas so Unglaubliches und Fundamentales. Was meinte sie? Den Bernstein des Pharaos.

Es war Zeit zu fragen:



Bernstein, erz?hl mir, was du ?ber die Geschichte des Landes der Pyramiden wei?t?

Sie holte eine gelbe Schachtel hervor, stellte sie auf das Buch Pharao, betrachtete den Bernstein und fragte, Puschkins Worte paraphrasierend:



Mein Licht, Bernstein, erz?hl mir, und erz?hl mir die ganze Wahrheit! Stimmt es, dass du Pharaos Bernstein bist?

Was wollte Anfisa von einem kleinen Stein h?ren, wie einem Kieselstein vom Strand, ein paar tausend Jahre alt? Sie hatte in der Eremitage menschliche Mumien gesehen und war vor solchen Ausstellungsst?cken entsetzt zur?ckgewichen. Was w?re, wenn man einen Stein neben eine menschliche Mumie hielte? Was, wenn sie aus demselben Jahrhundert oder Jahrtausend stammten? Der Bernstein schwieg. Anfisa verlor ihren Frieden mit diesem K?rnchen und verga? v?llig Platon, den wahren Erben dieses Korns, obwohl sein Vater es Anfisa gegeben hatte! Vielleicht wollte er seinen Sohn vor solchen Gedanken sch?tzen? Gut m?glich. Das bedeutet, dass sie nun die wahre Besitzerin von Pharaos Bernstein ist, aber es ist unbekannt, wessen. Schade, dass sie keine Historikerin ist; sie h?tte den Bernstein wissenschaftlich untersuchen und eine Dissertation dar?ber schreiben sollen. Was w?rde ihr Pharaos Bernstein n?tzen? Nichts. Und sie findet auch keinen Frieden. Nur leere Gedanken. Und pl?tzlich sp?rte sie, wie der Bernstein den Inhalt des Buches z?hlte. Unglaublich, aber wahr: Der Bernstein war etwas gr??er geworden. Anfisa begriff schlagartig, dass sie den Bernstein Platon zur?ckgeben musste.



Rodion hatte unterdessen Geld gespart und sich eine weitere Wohnung in einem alten Geb?ude am Stadtrand gekauft. Er hatte seinen Verwandten nichts davon erz?hlt. In ihrer Abwesenheit zog er um und wechselte die Arbeit. Seine Verwandten hatten den Kontakt zu ihm verloren. Seine Mutter war zutiefst best?rzt ?ber die unerwartete Abreise ihres Sohnes in unbekannte Gefilde. Sie betrat sein offenes, leeres Zimmer, in dem er nach dem Packen den ganzen M?ll hinausgefegt hatte. Die Frau griff sich ans Herz und schleppte sich in ihr Zimmer. Lange lag sie dort, unf?hig zu begreifen, was geschehen war und vor allem, warum. Ihr Sohn hatte ein ruhiges Leben gef?hrt, nie ?rger gemacht und war dann pl?tzlich verschwunden. Sie war ratlos. An diesem Abend versuchte die ganze Familie herauszufinden, wer was ?ber Rodions Verschwinden wusste. Niemand wusste etwas. Am n?chsten Tag rief ihn seine Mutter auf der Arbeit an, aber sie sagten, er h?tte gek?ndigt und wisse nicht, wo er sei. Sie selbst war zur Datscha gefahren. Sie erinnerte sich an ihren Vater Rodion, der sein ganzes Leben lang als Geologe gearbeitet hatte. Er war praktisch nie zu Hause. Rodion richtete sich gerade in seiner neuen Wohnung ein und lernte seine Nachbarn kennen. Er stieg eine Leiter hinauf, um Vorh?nge an den hohen Fenstern aufzuh?ngen, und w?re beinahe heruntergefallen: Durchs Fenster sah er die ber?hmte Fernsehmoderatorin! Es stellte sich heraus, dass ihre Vorfahren in diesem Haus gelebt hatten! Die Nachbarn hatten ihm das erz?hlt, aber er hatte ihnen nicht so recht geglaubt. Doch es stimmte. Er warf einen Blick auf die Moderatorin der einst so beliebten Sendung und stieg von der Leiter herunter. Er schaute wieder aus seinem Fenster im ersten Stock hinunter, aber sie war verschwunden. Alle drei Nachbarn  seine Mutter und seine beiden T?chter  flirteten bei jeder Gelegenheit mit Rodion. Er suchte sich seine j?ngste Tochter f?r Gespr?che aus; sie ging noch zur Schule und war aufgeschlossener als ihre ?ltere Schwester. Die M?dchen sp?rten schnell die Gier ihres neuen Nachbarn, und sie sollten Recht behalten: Er sparte schon wieder f?r eine neue Wohnung.



Kapitel 3. Der Flug des Kondors



Ein gewisser Samson war ins Ausland geflogen. Er hatte ein sportliches Hobby: Er liebte Eishockey. Nun sa? er auf dem Dach seines Wolkenkratzerhotels, baumelte mit den Beinen und blickte in die Ferne. Heute hatte ihn das Ungl?ck der Welt getroffen. Seine endlos traurigen Augen suchten die Gegend ab, ohne Zugang zum Netz. Er sehnte sich nach den unendlichen Weiten eines v?llig anderen Landes. Ja, dort h?tte ihn niemand auf das Dach eines Wolkenkratzers gefahren, denn es gab keine, was bedeutete, dass es keinen Sinn machte, Wolkenkratzer in endlosen Weiten zu bauen. Und warum den Himmel mit Geb?uden f?llen, wenn es doch so viel Platz f?r Gl?ck gab?

Aha! Man k?nnte das Eis mit den Schlittschuhen abkratzen, die er im Hotel zur?ckgelassen hatte. Also lass sie doch dort liegen! Nein, er ist kein Eishockeyspieler! Schwer zu sagen: Er liebte diesen urigen Sport seit seiner Kindheit. Solange Samson sich erinnern konnte, war er immer auf dem Eis gelaufen. Warum hatte er nur seinen Schl?ger ?ber dem Kopf eines ber?hmten Hockeyspielers zerbrochen?! Jetzt sitzt er auf dem Dach und entgeht jeder Strafe, w?hrend der Hockeyspieler nur taumelte.

Okay, mehr Details bitte, sagte er zu sich selbst. Der Schl?ger war zerbrochen, und sein Gegner hatte nur gewackelt. Jemand hatte den Schl?ger also vor dem Spiel besch?digt! Warum sollte er dann bestraft werden? Was hatte er getan? In diesem Moment kreiste ein Hubschrauber ?ber ihm. Eine Stimme, verst?rkt durch ein Mikrofon, forderte Samson auf, einzusteigen. Der Hubschrauber landete auf dem Dach eines Wolkenkratzers. Sein Trainer rannte zu ihm und versuchte, seinen Hockeyspieler mit Worten zu beruhigen.



Samson, alles ist gut! Niemand wirft dir etwas vor! Jemand wollte deinen Platz in der Nationalmannschaft einnehmen und hat dich verr?ckt gemacht. Platon hat deinen Schl?ger gesch?rft und dann geschickt die Schwachstelle ausgebessert. Ja, Platon ist ein ber?hmter Hockeyspieler, aber seine Zeit ist vorbei. Du bist unsere Zukunft!



Samson stie? sich langsam mit den H?nden ab und begann, r?ckw?rts vom Rand des Geb?udes wegzukriechen. Und in diesem Moment erschien ein weiterer Vogel ?ber ihm. Seine riesigen schwarzen Fl?gel schleuderten den Trainer in Richtung des Hubschraubers. Etwas Oranges beugte sich ?ber Samson. Ein roter Schnabel packte den Hockeyspieler an der Weste und zog ihn vom Rande des Universums fort. Wenige Sekunden sp?ter  und der Kondor, in seiner ganzen Pracht, hob Samson ?ber das Dach. Der junge Mann schwebte ?ber dem Wolkenkratzer und sp?rte die volle Sch?nheit der rosafarbenen F??e des Vogels.

Der Kondor war erst am Vortag aus seinem K?fig befreit worden, ein stolzer Vogel, der sich von der Stadt angezogen f?hlte. Er nahm Geb?ude als Berge wahr. Menschen waren f?r ihn potenzielles Aas, und davon gab es viele. Der Mann, der am Rand des Daches sa?, strahlte die Ewigkeit aus; sein Leben hing am seidenen Faden; er war bereits Aas, also potenzielle Nahrung. Der Kondor sah den Hubschrauber als Rivalen und beschloss, ihm die Beute wegzunehmen, was ihm auch gelang. Samson klammerte sich nerv?s an die Ringe an den F??en des Vogels, um nicht zwischen den riesigen Geb?uden frei zu fliegen. Er versp?rte keine Angst; dieses Gef?hl hatte er ?berwunden, als er am Rand des Daches sa?. Aufregung  die hatte ihn v?llig ergriffen! Er flog! Und der Trainer stand mit leeren H?nden da. Soll er doch jetzt den Hockeyspieler Platon trainieren. Das Leben war herrlich. Der Kondor sp?rte die F?nge seiner Beute, warf dem Mann einen Seitenblick zu und flog ?ber die K?ste. Er hatte einen Ort im Sinn, wo ihn niemand bei seiner Mahlzeit st?ren w?rde.



Der Hubschrauber kreiste ?ber dem Kondor. Doch der Vogel faltete die Fl?gel zusammen und st?rzte sich f?rmlich in die goldenen Ahornbl?tter. Samson sp?rte, wie sich seine Krallen l?sten, und auch er l?ste die Ringe an seinen F??en. Der junge Mann landete auf den herabgefallenen Ahornbl?ttern und bewunderte den seltsamen Vogel. Der Kondor lie? sich auf einer nahegelegenen Bank nieder und blickte den Mann unschuldig an. Sie mochten einander. Irgendwo dar?ber schrie der Trainer durch ein Megafon, aber es k?mmerte niemanden.



Samson n?herte sich dem Kondor, streichelte sein schwarzes Gefieder und sp?rte eine Seelenverwandtschaft. Nun mussten sie nur noch herausfinden, wie sie ihr Leben gestalten sollten. Aus irgendeinem Grund sp?rte Samson eine gewisse Unsicherheit im Kondor, als w?re es sein erster Tag in Freiheit. Die L?sung kam ihm sofort in den Sinn, doch sie schien absurd. Wo sollte ein Hockeyspieler mit einem Kondor leben? Nat?rlich auf dem Eis! Samson war es gewohnt, das Gewicht einer Hockeyuniform zu tragen. Der Kondor wog nicht weniger. Er streichelte den Vogel und sp?rte, wie dieser ihn im Gegenzug streichelte. Ein Zirkus auf dem Eis! Wenn er schon kein herausragender Hockeyspieler werden w?rde, k?nnte er mit den lebenden Fl?geln eines Kondors auf den Schultern zumindest ein Eiskunstl?ufer werden.



Der Kondor breitete seine drei Meter langen Fl?gel aus und gab den Blick auf seine wei?en Streifen frei. Samson stockte der Atem angesichts dieser Sch?nheit. Wir werden zusammenarbeiten, dachte er. Und der Kondor umarmte ihn zustimmend mit seinen gewaltigen Fl?geln. Eine Verbindung hatte sich zwischen ihnen gebildet, noch unbewusst, zitternd, doch sie wuchs und wurde mit jeder Minute st?rker. Bevor er auch nur daran denken konnte, mit dem Kondor aufzutreten, schlug der riesige Vogel mit den Fl?geln und flog davon.



Die ?berfahrt war kurz gewesen, und nun lag Samson auf einem Drehbett und drehte sich an einer geschlossenen Panoramawand vorbei. Er mochte es nicht, die Kan?le zu wechseln, aber er liebte es, in das Leben anderer einzugreifen. Berge und T?ler, Fl?sse und Wasserf?lle zogen vor ihm vorbei. Er sa? nicht gern, aber er liebte es, sich hinzulegen und die Landschaften der Erde zu betrachten. Er lag da und schaute sich um, bis etwas Unbewusstes in ihm aufstieg, das sich bald zu einem konkreten Gedanken entwickelte.

Egal, was man sagt, um gl?cklich zu sein, braucht man einen Sieg, und sei er noch so klein, aber so notwendig! Dann lastet der graue, undurchdringliche Himmel nicht mehr schwer auf dem Bewusstsein. Und alles ist gut! Samsons Gewissen plagte ihn offensichtlich nicht, aber er stand am Rande des Todes, und so nagte die Schuld langsam an ihm.



Kapitel 4. Das Bernstein-Diadem



Der Sp?therbst brachte dank der kahlen B?ume ein willkommenes Gef?hl von Weite. Die Baumst?mme hoben sich dunkel vom Boden ab, bedeckt mit welkem Laub. In der N?he der H?user wurden die Bl?tter eingesammelt und abtransportiert. Doch im Wald lagen die Bl?tter noch da, wo sie hingefallen waren. Anfisa blickte aus dem Fenster und sah nichts als grauen Himmel. Da betrat eine Frau namens Julia Jurjewna das B?ro und bot Reisen ins Land des Bernsteins an.

Na sch?n, ich gehe, sagte Anfisa zu der Frau, die Pauschalreisen in die Nachbarl?nder verkaufte.



Aber ich gehe nicht, sagte der gutaussehende Rodion, der erst vor Kurzem in Anfisas N?he angefangen hatte, langsam. Anfisa war vor Emp?rung sprachlos. Sie wollte doch mit ihm gehen! Sie hatte sich extra Urlaub genommen, und er hatte sie im Stich gelassen! Doch sie schwieg und trat beiseite. Rodion ging zu seinem Schreibtisch und setzte sich, ohne sie anzusehen. Ein M?dchen namens Polina steckte den Kopf ins Zimmer. Sie blickte zum Schreibtisch des Chefs und fragte: Wo ist Rodion?



Viele haben ihn schon aufgesucht, antwortete der weltgewandte Stepan Stepanovich und drehte einen gelben NV-Bleistift in seinen H?nden.



Wie meinen Sie das?, fragte das M?dchen entr?stet.



Nun, verstehen Sie, junge Dame, es gibt immer eine Schlange von Frauen, die ihn sehen wollen. Er h?rt dich, aber er kann dich nicht sehen, erwiderte er dem M?dchen und wandte langsam den Kopf Rodion zu. Rodion, h?rst du mich denn nicht? Eine Dame ist gekommen, um dich zu sehen, eine weitere deiner Verehrerinnen.



Ich h?re dich, aber ich bin besch?ftigt.



Du bist eine flei?ige Arbeiterin. Fr?ulein, hast du die Antwort geh?rt? Wer besch?ftigt ist, wartet nicht auf dich.



Verstehe. Ich muss im falschen Zimmer sein.



Sowas kommt vor, brummte Stepan Stepanowitsch und vergrub sein Gesicht in den Baupl?nen, die er ohne Freude, aber mit gro?er Expertise pr?fte. Er war ein sehr f?higer Mann.



Anfisa ging allein im Caf zu Mittag essen, ohne Rodion eines Blickes zu w?rdigen.



Er kam mit einem Tablett in der Hand auf sie zu:



Anfisa, ich kann nicht mitkommen! Du verstehst, ich kann nicht!



Wenn du nicht kannst, dann kannst du nicht, aber ich komme mit. Ich war noch nie am Bernsteinmeer. Mein Chef hat mir schon die Erlaubnis gegeben. Tut mir leid, aber dann f?hrst du ohne mich, sagte Rodion und ging, um sich mit seinem Mittagessen an einen anderen Tisch zu setzen.



Eine Gruppe Touristen sa? im Zugwaggon auf dem Weg zum Bernsteinmeer. Die Gruppe bestand aus 28 Frauen und zwei M?nnern. Ein Mann reiste mit seiner Frau, der andere war allein. Anfisa betrachtete die Gruppe und zog ruhig ein Buch hervor. Der einzige Mann unter den 28 Frauen, der noch verf?gbar war, w?hlte es wie aus dem Nichts! Er setzte sich einfach neben ein M?dchen, das im Waggon las, w?hrend sich der Rest der Reisegruppe leise unterhielt.



Anfisa sah den Mann ausdruckslos an, als blicke sie durch ihn hindurch, ihr Blick ruhte auf dem Bernstein-Diadem. Sie wollte das goldene Diadem, das vom Sonnenlicht durch den Bernstein hindurchscheinte.



Darf ich mich neben Sie setzen, Fr?ulein? Was ist los?, fragte der junge Mann. Sie warf einen kurzen Blick auf die kurzen Haare ?ber ihrem jungen Gesicht und r?ckte n?her ans Fenster. Es war noch ein Platz frei. Etwa f?nf Minuten sp?ter fuhr ein G?terzug vorbei, und ein Stein flog heraus. Mit hoher Geschwindigkeit krachte der Stein gegen das Fenster neben Anfisa. Das Glas zersplitterte in winzige St?cke, die sie von Kopf bis Fu? mit Glassplittern ?bersch?tteten. Sie stand auf, und ein Hagel aus Glassplittern prasselte auf ihren Kopf herab. Die Leute schnappten nach Luft.



Ich habe ein Glasdiadem bekommen, sagte Anfisa, ohne jemanden Bestimmten anzusprechen.



Entschuldigung, ich wollte Sie nicht ans Fenster setzen, es war ein Versehen, sagte der junge Mann schnell. Der Waggon wirkte wie ein einziger Raum, jeder interessierte sich f?r alles. Anfisa wurde schnell zum Mittelpunkt der Aufmerksamkeit; man konnte also auch ohne Sch?nheitswettbewerb beliebt werden. Der Schaffner fegte die Glassplitter mit einem gew?hnlichen Besen vom Boden. Die restlichen Glassplitter blieben im Holzrahmen des Waggons h?ngen. Eine frische Brise wehte durch den Waggon. Der Schaffner brachte Klebeband und flickte das Loch in der Scheibe, das ein harter Stein hineingerissen hatte.



Ein junger Mann mit kurzem Haarschnitt stellte sich als Samson vor. Sein Name faszinierte sie. Anfisa h?rte auf, w?tend auf ihn zu sein, als ob er die Schuld am Glasbruch tr?ge. Erst jetzt bemerkte sie die Krawatte um seinen Hals mit dem Pferdemotiv. Die Krawatte stand ihm ausgezeichnet: Samson war so gepflegt und elegant wie ein Vollblutpferd. Er verstr?mte den wunderbaren Duft von Herrenparf?m, sehr dezent, und strahlte die Frische seiner Inhaltsstoffe aus.



Anfisa hatte sich nicht ?berlegt, in welchem Waggon sie vom alten, bl?ulichen Bahnhof mit seinen T?rmchen in die Bernsteinhauptstadt fahren w?rde. Normalerweise reiste sie im Abteil, aber hier hatte sich eine fr?hliche Gruppe Touristen in einem reservierten Sitzplatz versammelt. Samson hatte eine Art Schutzwall um Anfisa errichtet, den er besch?tzte. Es war gem?tlich und angenehm mit ihm. Er verw?hnte sie mit dem Essen, das er f?r die Reise eingepackt hatte. Sie hatte nichts au?er belegten Broten mit Wei?brotscheiben, Butter und K?se  das war ihre mitgebrachte Verpflegung. Der Schaffner brachte Tee in Gl?sern mit uralten Haltern und stellte kleine Zuckerw?rfel daneben. Zuhause trank Anfisa nie Tee mit Zucker, aber im Zugabteil ?nderte sich ihr Geschmack; hier sehnte sie sich nach dem Verbotenen. Die weichen, z?rtlichen H?nde des jungen Mannes strichen neben ihr umher, als wollten sie sich mit ihren Zellen an sie klammern, und es gefiel ihr allm?hlich. Bald ging er und kam in einem schicken Trainingsanzug zur?ck, einen Schokoriegel mit N?ssen in der Hand. Sie l?chelte ihn an und legte ihr Buch beiseite.

Drau?en d?mmerte es bereits. Das frisch verliebte Paar trat in den Vorraum  den einzigen unbeobachteten Ort im Zugwaggon. Doch welche Geheimnisse konnten sie wohl vor den anderen verbergen? Wie sich herausstellte, waren beide zu diesem Zeitpunkt Single und hatten keine Familie. Anfisa war ein M?dchen von durchschnittlicher Gr??e mit blonden Haaren und grauen Augen. Samson war etwas gr??er, hatte ein unauff?lliges Gesicht und gro?e braune Augen. Er wirkte sch?chtern und sehr charmant. Nein, von einem solchen Verehrer hatte sie nie getr?umt, obwohl sie wusste, dass die Jahre vergingen. Anfisa hatte ihr Studium abschlie?en wollen, und das hatte sie auch geschafft. Nat?rlich war sie noch Single, wenn man ihre Beziehung zu Rodion au?er Acht lie?, der immer besch?ftigt war: sowohl zu Hause als auch bei der Arbeit. Er war ein Mann, den niemand mochte, und alle fanden ihn angenehm in Gesellschaft  ein Liebling von Frauen aller Art. Die Bernsteinhauptstadt bezauberte die Touristen mit ihren kleinen Gassen, die man so gut aus Filmen kannte und die einem daher nur allzu vertraut waren. Bernstein gab es in vielen L?den; Anfisa betrachtete es, konnte sich aber nicht entscheiden, was sie sich davon erhoffte. Ein Bernstein-Diadem, nat?rlich, aber welches? Bernsteinperlen lagen wie ein sonniger Streusel verstreut in den Regalen, kunstvoll gearbeitet und nach Gr??e sortiert.



Der Reisebus brachte die Gruppe in eine weniger bekannte Stadt mit kleinen, historischen H?usern und einem Witz ?ber eine Familie auf dem Land, die nur aus drei Personen bestand: ihm, ihr und dem Hund. Diese Familienkonstellation gefiel Samson sehr gut, und er erz?hlte den Witz. Ein seltsames Herdentriebgef?hl beim Einkaufen trieb Anfisa schlie?lich dazu, kein Geld mehr f?r Bernstein zu haben. Doch sie erz?hlte Samson nichts von ihrem Wunsch; ein Bernstein-Diadem war nur ein Traum.



Im Museum der Seeleute und Fischer waren sie ?berrascht zu erfahren, dass die Seeleute mehr Geld mit dem Mitbringen von Waren, wie zum Beispiel interessanten Portweinflaschen, verdienten als mit dem Fischfang. Die H?user der Fischer waren ?brigens recht anst?ndig. Das Bernsteinmeer beeindruckte alle mit seiner k?hlen Brise. Samson ging neben Anfisa her; Sie hatten sich erst am Bahnhof verabschiedet  Statt einer Bernsteintiara brachte sie Portwein in einer wundersch?nen Flasche mit nach Hause, der ihr besser gefiel als sein Inhalt. Warum sollte Samson nicht als Bernsteintiara gelten? Beides geh?rte der Gewinnerin. Und endlich hatte Anfisa eine Reisegef?hrtin gefunden.

Samsons Vater, Anton Sidorovich, hatte k?rzlich die Position des Direktors der Firma Mystische Umst?nde ?bernommen. Anfisa hatte den Direktor bisher nur aus der Ferne gesehen, doch nun befand sie sich in einer vertrauten Umgebung. Samsons Mutter entpuppte sich als eine wundersch?ne Frau mit einem riesigen Pferdeschwanz, Julia Jurjewna. Diese taktvoll gesinnte Frau umfing Anfisa mit ihrem nat?rlichen Charme.

Anfisa f?hlte sich in einem festen Netz gefangen und hatte das Gef?hl, ihrer neuen Umgebung nicht so leicht entkommen zu k?nnen. Sie war wie ein Fisch im Meer gefangen. Und sie wollte sich nicht aus Samsons sanfter, einnehmender Umarmung befreien.



Die Angestellten h?rten Anfisas Geschichte ?ber die Reise und ihren Verlobten ruhig zu.



Was habe ich euch erz?hlt?!, fragte Stepan Stepanovich.



Wir mussten auf ihre Hochzeit wetten, antwortete Rodion.



Okay, erz?hlen Sie uns mehr, bitte.



Was soll man dazu sagen? Der Reiseleiter hat als bezahlter Heiratsvermittler fungiert. Sie, Anfisa, wurden gefeuert und haben beschlossen, dass Sie gut zum Sohn des neuen Firmenchefs passen w?rden. Sie arbeiten jetzt in der Firma des Vaters Ihres Verlobten. Sie haben den neuen Firmenchef noch nicht getroffen; das d?rfen Sie laut den Vorschriften auch nicht. Aber der Firmenchef hat von Ihnen erfahren, uns S?nder gefragt und Sie und seinen Sohn auf eine Reise geschickt, erkl?rte Rodion die Umst?nde.



Toll, aber wer hat den Stein nach mir geworfen?



Ein Unfall, antwortete Rodion traurig. Anfisa wohnte in einer Einzimmerwohnung in einem Plattenbau. Samson hatte eine Vierzimmerwohnung in einem sogenannten Nest  so nannte man eine Gruppe von Backsteint?rmen. Samson und Anfisa kauften einen kleinen Welpen und schufen damit den Prototyp der Familie aus seinem Lieblingswitz.

Die Wohnung von Samsons Eltern wurde gegen zwei Zweizimmerwohnungen getauscht, aber  Samson weigerte sich, Anfisa in der Wohnung anzumelden. Ihr wurde der Kontakt zu seinen Eltern untersagt. Sie kehrte in ihre Einzimmerwohnung zur?ck und ging wieder arbeiten, wo sie noch immer ihren Job hatte. Anfisas kurzlebige Ehe kam nur einem zugute  Samson. Unter dem Vorwand der Heirat schnappte er sich die Zweizimmerwohnung von ihren Eltern. Gut, dass sie nie offiziell geheiratet haben!

Rodion und Stepan Stepanovich begr??ten Anfisa mit freudigen Rufen und schwiegen zu ihrer Geschichte ?ber ihren j?ngsten Umzug; es ging sie nichts an. Sie waren taktvoll. Polina, Anfisas Cousine, die von Anfisas Heiratsfehler erfahren hatte, kam zu Samsons Wohnung. Er sa? allein auf einem schwarzen Ledersofa, vor sich ein schwarzer Tisch, und sah fern. Samson war ganz in seinem Element, umgeben von schwarzen Gegenst?nden; das wusste sie genau!



Hallo, Samson! Herzlichen Gl?ckwunsch zu deiner Freiheit!, rief Polina und zog ihren Nerzmantel aus.



Hallo, Polina! Sch?n, dich hier zu sehen, erwiderte Samson. Oh, mein Lieblingspelz ist da!



Warum hast du der Braut keinen Pelzmantel gekauft?



Man muss Anfisa nicht verw?hnen und sie zum Liebling der Reichen machen.



Du h?ltst Anfisa unter Kontrolle. Es ist nicht dein Schicksal, und du wirst mein Gewissen nicht belasten.



Nat?rlich w?re Anfisas Leben ohne dich nicht m?glich gewesen. Du wirkst so sanft und zart, wie dieser Nerzmantel, aber du hast ihn nicht gekauft!



In ihrer Wohnung nahm Julia Jurjewna das klingelnde Handy ab:



Stepan Stepanowitsch, bist du es schon wieder? Ich habe dich gebeten, uns nicht anzurufen!



Julia Jurjewna, erkl?re mir, warum du Anfisa nach Hause geschickt hast?



Misch dich nicht ein, das geht uns nichts an.



Ist das die Devise deines Mannes?



Schmier nicht noch ?l ins Feuer; es ist schon schmerzhaft und beunruhigend genug. Sie halten mich da raus; ich vermisse Anfisa und Samson.



Julia Jurjewna, ich vermisse dich. Werden wir uns sehen?



Warum? Es ist alles vorbei. Warum sitzt du zu Hause? Warum gehst du arbeiten?



In derselben Abteilung wie deine zuk?nftige Schwiegertochter arbeiten?



Was ist denn daran so schlimm?



Okay, du kommst auch ohne mich klar.



Anton Sidorovich rief Polina in sein B?ro.



Polina, warum bist du zu Samson gegangen?



Haben sie es dir schon gesagt? Ich wollte ihm nur sagen, dass er zu hart mit Anfisa umgegangen ist.



Warum mischst du dich in Dinge ein, die dich nichts angehen? Du h?ttest in Samsons B?ro gehen sollen, stattdessen bist du zu ihm nach Hause gekommen. Und was ihr Leben angeht, lass sie in Ruhe mit deinen Ratschl?gen. Alles ist unter Kontrolle.



Du hast alles streng im Griff.



Und nun zum Gesch?ftlichen  Sprichst du gut Englisch? Soweit ich wei?, hast du Englischkurse besucht.



Das ist schon lange her.



Vor Kurzem. Wir haben ein Angebot, ins Meeresland zu reisen.



Und wie wird Ihre Frau, Julia Jurjewna, darauf reagieren?, fragte Polina. Sie fahren mit mir auf Gesch?ftsreise, und das nennt man Arbeit, erwiderte Anton Sidorowitsch belehrend.



Na gut, Arbeit ist Arbeit, ich fahre, stimmte Polina kleinlaut zu.



Der Badeort lag zwanzig Autominuten von der Firma entfernt und entpuppte sich als gew?hnliches Sanatorium, in dem Polina und Anton Sidorowitsch eine Woche ihrer Gesch?ftsreise verbrachten. Eine Woche sp?ter trafen Stepan Stepanowitsch und Julia Jurjewna im selben Sanatorium ein. Die beiden Paare a?en gemeinsam zu Mittag. Alle vier verhielten sich ?u?erst taktvoll; niemand ?u?erte ein tadelndes Wort. Nach dem Mittagessen kehrten alle in ihre Zimmer zur?ck, so wie sie gekommen waren.

Polina und Anton Sidorowitsch verlie?en das Sanatorium zum Abendessen. Anfisa ging zur Arbeit und war ?berrascht, Rodion am Schreibtisch des Chefs sitzen zu sehen.



Rodion, warum sitzt du auf einem fremden Platz?, fragte sie l?chelnd.



Anfisa, das ist jetzt mein Platz. Anton Sidorovich ist von einer Gesch?ftsreise zur?ck, hat mich bef?rdert und Stepan Stepanovich degradiert.



Interessant. Wie lautet eigentlich Ihr Vatersname, Herr Chef? Sind Sie vielleicht auch mit dem Direktor verwandt?



Nein, ich bin nicht einmal sein Neffe. Ich wurde bef?rdert.



Und Sie sprechen so gelassen dar?ber?



Ich f?hre ein ruhiges Leben, wie ein ganz normaler Single ohne schlechte Angewohnheiten. Anfisa, lass uns heute Abend ins Hotel gehen; ich habe da jemanden im Sinn, wir feiern meine Bef?rderung. Du geh?rst zu uns, du hast dich perfekt in unser eng verbundenes Managementteam eingef?gt, sagte Rodion ironisch.



Und wenn ich nicht mitkomme?



Wir gehen ein anderes Mal; Frauen haben eben ihre Eigenheiten. ?brigens, der Kuchen steht auf dem Teetisch. War nur ein Scherz! Ich bin ja nicht der Chef!

So gef?llt es mir besser. Verschwinde aus diesem seltsamen Ort!, fuhr Anfisa sie an.



Ein Kuchen zu Ehren deiner R?ckkehr aus dem langen Urlaub.



Das ist sehr nett von dir, danke.



Ich will bei dir sein!, sang er die letzte Zeile und blickte zur wei?en Decke.



Du bist ja schon bei mir auf der Arbeit. Samson sa? an seinem Schreibtisch und beobachtete den Raum, in dem Anfisa und Rodion sa?en, auf dem Bildschirm. Ihm gefiel das Verhalten seiner Braut, und er beschloss, sie noch etwas l?nger im Auge zu behalten. Er schaltete den Bildschirm aus und widmete sich wieder seiner Arbeit. Anfisa warf einen Blick durch den T?rspion und bemerkte, dass er ausgeschaltet war, aber Rodion sagte immer noch nichts, und er wusste wahrscheinlich schon alles. Rodion ?ffnete die Schublade seines Schreibtisches. Die LED, die mit der ?berwachungswanze verbunden war, war aus. Er hatte diese informative Hintergrundbeleuchtung vor langer Zeit in seinem Schreibtisch installiert. Wenn die LED im Schreibtisch nicht leuchtete, bedeutete das, dass niemand den Raum kontrollierte, aber dar?ber schwieg er beharrlich.




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