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30 ABENDE

AUF DEUTSCH



Zweisprachige Kurzgeschichten zum abendlichen Lesen (Niveau B1)          B1

30 Abende auf Deutsch    ,   : , ,  ,  ,         B1.      ,       .





01   Der langsame Zug

02   Zwei linke F??e

03   Die Dose mit dem Hahn

04   Vier Fremde, eine Nacht

05   Ein Hund mit zwei Wohnungen

06   Ein Tisch f?r einen

07   Zwei Harlows und ein klappernder Schuh

08   Post aus dem Nirgendwo

09   Elf Mittwoche

10   Verirrt auf Franz?sisch

11   Verse unter der Kapuze

12   Neunzig Sekunden Rom

13   Vier Sekunden Restzeit

14   Der Sommer mit der Despina

15   Der Kommentar in der falschen Zelle

16   Ein Schirm f?r zwei

17   Der Kuchen, der nicht gewinnen durfte

18   Schlafwagen nach Wien

19   Der ungebetene Cousin

20   Ein neuer Blick auf die Dinge

21   Zwei Erwachsene, ein Zelt, ein Waschb?r

22   Eine rote T?r zu viel

23   Marmelade und Misstrauen

24   Vier Reihen Abstand

25   Beton in der Hose

26   Der letzte Bus im Hochland

27   Das Klavier, das niemand spielte

28   Derselbe H?gel

29   Ein Souffl mit Geschichte

30   Willkommen zur?ck, Isla



Wie man dieses Buch benutzt     

Dies ist eine Sammlung von drei?ig Kurzgeschichten, eine f?r jeden Abend eines Monats, geschrieben f?r alle, die Deutsch auf dem Niveau B1 lernen. Jede Geschichte wird zweimal erz?hlt: einmal auf Deutsch und einmal in einer nat?rlichen, literarischen russischen ?bersetzung  keine Wort-f?r-Wort-Eselsbr?cke, sondern ein Text, der so klingt, als h?tte ihn von Anfang an ein russischer Autor erz?hlt.

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Das Buch ist in kurzen, abwechselnden Bl?cken aufgebaut: ein Absatz auf Deutsch, direkt gefolgt vom selben Absatz auf Russisch, kursiv gesetzt. Das bedeutet, dass Sie nie zu einer anderen Seite bl?ttern oder durch einen separaten Abschnitt scrollen m?ssen, um etwas nachzuschlagen  beide Sprachen stehen immer direkt nebeneinander.

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Es gibt nicht den einen richtigen Weg, dieses Buch zu lesen, aber hier ist ein Ansatz, der f?r die meisten Lernenden gut funktioniert. Lesen Sie zuerst den deutschen Absatz ganz durch, auch wenn ein Wort oder eine Satzstruktur unklar ist  versuchen Sie, die Bedeutung aus dem Zusammenhang zu erraten, bevor Sie nach unten schauen. Lesen Sie dann den russischen Absatz darunter, nicht, um Wort f?r Wort zu ?bersetzen, sondern einfach, um zu best?tigen, was Sie verstanden haben, oder um die ein oder zwei Dinge zu kl?ren, die Ihnen entgangen sind. Gehen Sie zum n?chsten Block ?ber und wiederholen Sie das. Am Ende einer Geschichte werden Sie den ganzen Text auf Deutsch gelesen haben  mit einem Sicherheitsnetz direkt unter jedem Absatz, statt eines W?rterbuchs, das Sie erst suchen m?ssten.

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Wenn Sie sich sicherer f?hlen, versuchen Sie, eine ganze Geschichte zuerst auf Deutsch zu lesen, von Anfang bis Ende, ohne ?berhaupt nach unten zu schauen, und gehen Sie erst danach den russischen Text durch, um die Stellen zu pr?fen, bei denen Sie unsicher waren. So oder so: Streben Sie beim ersten Durchgang kein hundertprozentiges Verst?ndnis an  von einem Leser auf B1-Niveau wird erwartet, dass er den groben Sinn und die Stimmung einer Geschichte erfasst, ohne jedes einzelne Wort zu verstehen, und genau auf dieses Niveau sind diese Geschichten geschrieben.

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Jede Geschichte dauert auf Deutsch etwa zwanzig bis f?nfundzwanzig Minuten zu lesen  ungef?hr die L?nge eines Abends, daher auch der Name des Buches. Es ist nicht n?tig, mehr als eine Geschichte pro Tag zu lesen, und es macht auch nichts, wenn es seltener ist. Die Geschichten sind nicht miteinander verbunden und k?nnen in beliebiger Reihenfolge gelesen werden, auch wenn sie daf?r geschrieben wurden, einen Abend nach dem anderen, der Reihe nach gelesen zu werden, wie es der Titel nahelegt.

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Das ist eigentlich schon alles. Suchen Sie sich einen bequemen Sessel, w?hlen Sie einen Abend  und beginnen Sie mit Tag 1.

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TAG 1   Der langsame Zug



Ich hatte genau vier Minuten Zeit, um meinen Zug zu erreichen, und drei davon rannte ich.

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Der Bahnhof Edinburgh Waverley ist freitagnachmittags kein guter Ort zum Rennen. ?berall waren Menschen  Touristen mit Koffern, ein Mann, der Blumen verkaufte, eine Gruppe Schulkinder, die einfach nicht zur Seite gehen wollte. Ich rannte an ihnen allen vorbei, meine Tasche schlug mir gegen den R?cken, und der Kaffee spritzte aus dem kleinen Loch im Deckel. Am Bahnsteig 3 kam ich genau in dem Moment an, als sich die T?ren des 14:32-Zugs nach London vor meiner Nase schlossen.

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Nein, nein, nein, sagte ich vor mich hin.

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Der n?chste direkte Zug nach London fuhr erst in zwei Stunden. Zwei Stunden bedeuteten, dass ich das Geburtstagsessen meiner Schwester komplett verpassen w?rde, und Ellie w?rde mir das nie vergessen. Ich stand einen Moment da und ?berlegte, als ein Schaffner vorbeikam und sagte: Wenn Sie nach S?den wollen, f?hrt gerade ein Zug von Bahnsteig 5 ab. Er ist langsam, aber er bringt Sie hin.

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Ich stellte keine Fragen. Ich rannte einfach los.

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Ich sprang mit etwa zehn Sekunden Vorsprung in den Zug, und die T?ren schlossen sich hinter mir mit einem lauten Piepen. Ich stand im Gang, au?er Atem, und hielt meinen Kaffee fest, als w?re er das Einzige, das mich am Leben hielt. Ich dachte: gut, ich habe es geschafft.

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Erst nach fast zwanzig Minuten verstand ich meinen Fehler.

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Entschuldigung, fragte ich eine Frau mir gegen?ber, nachdem ich endlich einen Platz gefunden hatte, f?hrt dieser Zug nach London?

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Irgendwann schon, sagte sie und lachte ein bisschen. Er h?lt vorher noch an etwa zehn Stationen. Berwick, Newcastle, York... Wussten Sie das nicht?

     ,      .        . , , ...    ?

Ich schaute auf den kleinen Bildschirm ?ber der T?r. N?chster Halt: Dunbar. Ankunft in London: 22:41 Uhr.

      .  : .   : 22:41.

Ich war losgefahren, damit ich um sechs ankomme. Jetzt war es halb drei.

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Ich lehnte meinen Kopf gegen die R?ckenlehne und schloss die Augen. Es gab nichts mehr zu tun  der Zug fuhr schon, und beim n?chsten Halt auszusteigen, h?tte alles nur schlimmer gemacht. Ich nahm mein Handy und schrieb meiner Schwester: *Ellie, es tut mir so leid, ich bin in den falschen Zug eingestiegen, ich komme vielleicht sehr sp?t.* Sie antwortete fast sofort: *Du Dummerchen. Ist doch egal, komm einfach, wann du kannst. Kuchen gibt es sowieso.*

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Ich steckte das Handy weg und sah mich zum ersten Mal richtig um. Der einzige freie Platz im Wagen war neben einem Mann mit Rucksack und einem Taschenbuch. Die Kopfh?rer hingen ihm um den Hals statt in den Ohren. Er schaute auf, als ich mich setzte.

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Falscher Zug?, fragte er.

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Sieht man das so deutlich?

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Sie haben das Gesicht daf?r, sagte er. Alle, die aus Versehen in diesen Zug steigen, haben denselben Gesichtsausdruck. Ich sehe das oft.

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Fahren Sie oft mit diesem Zug?

     ?

Eigentlich fast jede Woche. Er gef?llt mir besser als der schnelle.

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Ich sah ihn an, als h?tte er mir gerade erz?hlt, dass er gerne zum Zahnarzt geht. Wie kann einem der langsame Zug gefallen?

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Er l?chelte und antwortete nicht sofort. Stattdessen drehte er sein Buch um, damit ich das Cover sehen konnte  ein kleines Fotobuch, schwarz-wei?e Bilder von der K?ste. Deshalb, sagte er. Warten Sie noch zwanzig Minuten. Dann verstehen Sie es.

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Er hie? Tom. Unter der Woche arbeitete er in der IT-Branche  das sagte er in einem Ton, der zeigte, dass es nicht besonders interessant war, dar?ber zu reden , und am Wochenende fotografierte er die K?ste zwischen Edinburgh und Newcastle. Das machte er schon seit drei Jahren. Er hatte sogar ein kleines Buch aus den Fotos gemacht, genau dasselbe, das er in der Hand hielt, obwohl er das Wort gemacht so aussprach, als w?re es nichts Besonderes: Eigentlich hatte er nur online jemanden gefunden, der ihm f?nfzig Exemplare drucken konnte.

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Kaufen die Leute es?, fragte ich.

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Meine Mutter hat zehn Exemplare gekauft, sagte er. Statistisch gesehen gibt es also einen Markt daf?r.

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Ich lachte, richtig, zum ersten Mal, seit ich meinen Zug verpasst hatte. Dann kam der Verkaufswagen vorbei, und er kaufte zwei Kaffee, ohne mich wirklich zu fragen, ob ich einen wollte, und ich lie? es zu, denn ?ber Kaffee zu streiten war nach diesem Tag einfach zu viel Aufwand.

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Zwanzig Minuten sp?ter verstand ich, was er gemeint hatte.

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Der Zug fuhr an der K?ste entlang, und pl?tzlich gab es auf einer Seite nichts mehr au?er dem Meer  grau und golden im Nachmittagslicht, mit kleinen Wellen, die weit unten unter den Gleisen brachen. Auf einem H?gel stand eine alte, halb zerfallene Burg, als geh?rte sie nirgendwo sonst hin. Dann ein leerer Strand, dann Felsen, dann wieder Meer. Ich stellte meinen Kaffee ab und schaute einfach nur.

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Sehen Sie?, sagte Tom.

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Okay, gab ich zu. Das ist besser als ein Gesch?ftstermin mit Blick aus dem Fenster am King's Cross.

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Das ist meistens die Reaktion.

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Danach unterhielten wir uns lange  ?ber nichts Besonderes, einfach so, wie man mit jemandem spricht, den man wahrscheinlich nie wiedersieht, und das macht es seltsamerweise leichter, mehr zu erz?hlen.

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Und was machen Sie eigentlich, wenn Sie nicht gerade Ihren Zug verpassen?, fragte er.

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Ich arbeite im Verlagswesen. Ich lese vor allem Manuskripte. B?cher von anderen Leuten, Geschichten von anderen Leuten.

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Gef?llt Ihnen das?

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Meistens schon. Es gibt ein Buch, das ich letztes Jahr gelesen habe und an das ich immer noch denke  ein Roman ?ber eine Frau, die in ein anderes Land zieht und sich nicht entscheiden kann, ob sie nach Hause zur?ck will. Ich habe es bestimmt viermal gelesen, bevor wir es ?berhaupt ver?ffentlicht haben.

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Das klingt nach einem guten Problem. Etwas so oft zu lesen, dass man es einfach nicht leid wird.

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Und Sie? Au?er Z?gen und Keksen?

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Er ?berlegte einen Moment und drehte seinen Becher in den H?nden. Es gibt ein Foto, das ich vor zwei Wintern gemacht habe, sagte er. Ein Fischer, der bei Sturm sein Boot einholt. Furchtbares Wetter  ich h?tte fast die Kamera ins Meer fallen lassen, als ich versuchte, es zu machen. Einmal habe ich es bei einer kleinen Ausstellung in einem Caf gezeigt, und eine Frau, die ich nie getroffen hatte, stand davor und weinte. Nicht traurig. Anders.

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Was haben Sie ihr gesagt?

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Eigentlich nichts. Ich stand einfach nur da, mit dem Gef?hl, dass ich nicht st?ren sollte.

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Das ist vielleicht das Netteste, was ich diese Woche geh?rt habe.

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Vorsicht, sagte er. Das war meine Zeile. Von vorhin.

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Ich darf sie stehlen. Sie haben mir vor einer Stunde meine Armlehne gestohlen.

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Habe ich nicht.

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Haben Sie wohl.

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Irgendwann ruckte der Zug heftig  an einer Weiche kurz vor Berwick , und mein Kaffee landete direkt auf seinem Buch.

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Oh Gott, sagte ich. Es tut mir so leid.

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Kein Problem, sagte er und sch?ttelte das Buch leicht, w?hrend braune Tropfen auf den Boden fielen. Auf Seite zw?lf ist schon ein Kaffeefleck. Jetzt hat es auch einen auf dem Cover. Mehr Charakter.

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Sie bleiben dabei erstaunlich ruhig.

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Ich habe f?r ein Foto einmal eine ganze Kamera ins Meer fallen lassen, sagte er. Ein Kaffeefleck ist da kein Vergleich.

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Wir a?en die Kekse vom Verkaufswagen, die kleinen trockenen, die niemand wirklich mag, und irgendwie schmeckten sie besser, als sie sollten. Drau?en ver?nderte sich das Licht, Gold wurde zu einem tiefen Orange, dann wurde das Meer dunkel und der Himmel dar?ber rosa, und eine Weile sagten wir beide nichts. Es war kein unangenehmes Schweigen. Es war die Art, bei der man die Stille nicht mit Worten f?llen muss.

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Darf ich Sie etwas fragen?, sagte ich, irgendwo in der N?he von Newcastle.

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Nur zu.

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Wenn Sie jede Woche nur wegen der Aussicht mit diesem Zug fahren, warum gehen Sie dann nicht einfach... an der K?ste spazieren? W?re das nicht einfacher?

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Er ?berlegte kurz. Mir gef?llt es, irgendwo anzukommen, w?hrend ich etwas Sch?nes ansehe, sagte er. Bei einem Spaziergang muss man irgendwann umdrehen und nach Hause gehen. Im Zug f?hrt man einfach weiter, und es kommt immer etwas Neues.

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Mir fiel keine kluge Antwort darauf ein, also nickte ich nur, und wir sahen zusammen zu, wie das letzte Licht verschwand.

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In York hielt der Zug volle acht Minuten  wegen eines Fahrerwechsels, erkl?rte die Stimme aus dem Lautsprecher, in dem flachen Ton von jemandem, der das schon sehr oft erkl?rt hat. Tom stand auf und griff nach seinem Rucksack.

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Kommen Sie, sagte er. Der Verkaufswagen hat nur noch Chips, und ich weigere mich, in einem Monat zweimal Chips zum Abendessen zu essen.

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Ist das ein pers?nlicher Rekord, den Sie nicht brechen wollen?

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Das ist eine Frage des Prinzips.

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Wir rannten  wirklich rannten, was komisch wirkte, wenn man bedachte, wie der Tag begonnen hatte  den Bahnsteig entlang zu einem kleinen Laden mit Sandwiches und stellten uns in eine Schlange, die viel zu langsam war f?r zwei Leute, die beide irgendwo im Hinterkopf wussten, dass Z?ge auf niemanden warten. Ich kaufte ein Sandwich, das ich gar nicht wollte, nur weil die Frau an der Kasse mein Geld schon in der Hand hatte und keine Zeit blieb, es mir anders zu ?berlegen. Tom schnappte sich zwei Schokoriegel und wartete gar nicht erst auf sein Wechselgeld.

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Wir kamen genau in dem Moment zum Bahnsteig zur?ck, als die T?ren anfingen zu piepen, und sprangen mit derselben Eile hinein, mit der mein ganzer Tag begonnen hatte  nur dass wir dieses Mal dar?ber lachten, statt in Panik zu geraten.

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Wissen Sie, sagte ich au?er Atem und packte mein Sandwich aus, f?r jemanden, der den langsamen Zug nimmt, weil er entspannend ist, schaffen Sie das aber ganz sch?n knapp.

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Ich habe nie gesagt, dass der langsame Zug entspannend ist, sagte er. Ich habe gesagt, dass er mir gef?llt. Das ist nicht dasselbe.

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Als wir uns wieder hinsetzten, war es drau?en schon ganz dunkel, und der Wagen hatte sich stark geleert. Eine Weile redeten wir ?ber Musik  wir mochten fast keine der gleichen Bands, was in einen Streit m?ndete, der fast bis Peterborough dauerte: Er verteidigte einen S?nger, den ich wirklich nicht aushalten konnte, ich verteidigte ein Album, das er Fahrstuhlmusik, nur trauriger nannte. Irgendwann spielte er mir eines seiner Lieder vor und lie? mich ?ber einen gemeinsamen Kopfh?rer zuh?ren, unsere K?pfe nah beieinander ?ber dem kleinen Bildschirm, und ich musste ungern zugeben, dass es eigentlich gar nicht so schlecht war.

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Gut, sagte ich. Es ist nicht schrecklich.

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Das ist das Netteste, was mir diese Woche jemand gesagt hat.

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Irgendwann danach schlief ich f?r etwa zwanzig Minuten ein, den Kopf gegen das Fenster gelehnt, und wachte auf, als der Zug langsamer wurde und drau?en die Lichter von London auftauchten  immer mehr, immer dichter, bis aus den dunklen Feldern Stra?en wurden und dann das helle Durcheinander der Stadt bei Nacht.

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Wir sind gleich da, sagte Tom.

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Ich f?hlte mich seltsam dabei  eine kleine, dumme Traurigkeit dar?ber, dass die Reise zu Ende ging, obwohl ich schon fast f?nf Stunden zu sp?t zu einem Kuchen kam, den ich noch gar nicht gegessen hatte.

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King's Cross war laut und hell nach der Ruhe der letzten Stunden. Wir stiegen zusammen aus, ohne es wirklich geplant zu haben, und gingen nebeneinander den Bahnsteig entlang, jetzt kaum noch redend, beide bewusst, dass wir gleich in verschiedene Richtungen gehen w?rden und das wahrscheinlich alles gewesen w?re.

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An den Sperren blieb er stehen.

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Es ist seltsam, das jemandem zu sagen, den ich seit vier Stunden kenne, sagte er, aber ich hatte einen sch?nen Abend. Besser als die meisten Abende, eigentlich.

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Ich auch, sagte ich, und ich meinte es ernst, was mich selbst ein bisschen ?berraschte.

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Er fragte nicht nach meiner Nummer. Stattdessen riss er eine Ecke von der Zugfahrkarte in seiner Tasche ab, schrieb etwas darauf mit einem Stift aus seinem Rucksack und hielt sie mir hin.

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Falls Sie mal wieder im falschen Zug sitzen, sagte er. Oder im richtigen. Beides geht.

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Ich nahm den Zettel, sagte etwas, das wahrscheinlich nicht besonders klug war, und wir gingen getrennte Wege  er in Richtung U-Bahn, ich zum Taxistand, schon drei?ig Minuten weiter vom Kuchen meiner Schwester entfernt als bei der Ankunft des Zugs.

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Im Taxi schaute ich mir den Zettel an. Nur ein Name und eine Nummer, in leicht unordentlicher Handschrift, daneben eine kleine Zeichnung von einem Zug, ?ber die ich ganz allein auf dem R?cksitz laut lachen musste.

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Ich tippte eine Nachricht, l?schte sie, tippte eine k?rzere, las sie dreimal durch, und bevor ich noch l?nger dar?ber nachdenken konnte, dr?ckte ich auf Senden.

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*Danke f?r die Kekse. Und f?r die schreckliche Musik.*

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Das Taxi bog auf die Br?cke ein, und London ?ffnete sich um mich herum, ganz Licht und L?rm, und irgendwo hinter mir stieg wahrscheinlich gerade ein Mann, den ich seit vier Stunden kannte, in die U-Bahn, und ich hatte absolut keine Ahnung, was als N?chstes passieren w?rde  nur, dass es mir zum ersten Mal seit langer Zeit nichts ausmachte, es nicht zu wissen.

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