Wie man uns das Sterben beibrachte
 


Fr?hjahr 1945. Der f?nfzehnj?hrige Matthias Kr?ger, Mitglied der Hitlerjugend, ist bereit, f?r Deutschland zu sterben. Verwundet und mit einer letzten Granate in der Hand erwartet er von den sowjetischen Soldaten nur Hass und Rache. Doch einer von ihnen spricht Deutsch und zitiert Goethe.

F?r Matthias beginnt ein anderer Krieg  gegen die ?berzeugungen, mit denen er aufgewachsen ist. Was ist Vaterland? Wo endet Pflicht und wo beginnt Schuld? Und wie lebt man weiter, wenn man erkennt, dass Erwachsene Kinder zum Sterben erzogen haben?

Wie man uns das Sterben beibrachte ist ein historisch-psychologischer Roman ?ber Propaganda, Verantwortung, Erinnerung und den Mut, selbst zu denken  und sich f?r das Leben zu entscheiden.





 

Wie man uns das Sterben beibrachte



AXEL PANZER

WIE MAN UNS DAS STERBEN BEIBRACHTE

Roman

2026

Kapitel 1. Allein

Am 27. April 1945 war gegen Mittag klar, dass in dem Haus an der Kreuzung noch jemand zur?ckgeblieben war. Der vierst?ckige Kasten mit dem eingest?rzten Dach hatte schon am Morgen tot gewirkt. Schwarze Ru?spuren zogen sich ?ber die Fassade, die leeren Fenster?ffnungen starrten wie ausgebrannte Augenh?hlen auf die Stra?e, und das Schild der B?ckerei im Erdgeschoss hing nur noch an einem Haken und zitterte bei jeder fernen Detonation. Die Pioniere hatten den Keller fl?chtig kontrolliert, die Fernmelder ein Kabel an der Mauer entlanggezogen, die Infanterie war weiterger?ckt. Auf der Karte galt das Haus bereits als ges?ubert. Eine halbe Stunde sp?ter krachte aus einem Fenster im zweiten Stock ein Gewehrschuss. Safonow, der gerade am Telegrafenmast vorbeiging, schien zun?chst nur zu stolpern, dann setzte er sich mitten auf das Pflaster und presste die Hand an die Schulter. Der zweite Schuss schlug einen Ziegel ?ber dem Kopf des Sergeanten heraus. Der dritte kam bereits aus einem anderen Stockwerk. Der Sch?tze feuerte selten, pr?zise und ohne nerv?se Hast. Zuerst glaubten sie, im Geb?ude seien zwei oder drei Mann. Dann fanden sie ein leeres Fenster, von dem aus der Sch?tze durch einen Mauerdurchbruch ins Nachbarzimmer verschwunden war. Nach einer Stunde stand fest: Der Gegner war allein, kannte das Haus jedoch gut und wechselte nach jedem Schuss seine Stellung.

Andrej Lebedew lag hinter den Tr?mmern einer Stra?enbahnhaltestelle und beobachtete die Fenster. In den letzten Wochen hatte er gelernt, solche H?user zu hassen  H?user, die nur auf den ersten Blick leer waren. Der Krieg hatte fast aufgeh?rt, eine Bewegung von Frontlinien zu sein, und war zu einer Kette einzelner Zimmer, Treppenh?user, Keller und Menschen geworden, die aus irgendeinem Grund beschlossen, ausgerechnet hier zu sterben. In vier Jahren hatte sich Andrej an vieles gew?hnt, nur an den Gedanken an die letzte Kugel nicht. Je n?her der Sieg r?ckte, desto st?rker wurde der beinahe l?cherliche Wunsch, nicht jetzt noch zu fallen, da man sich ein Leben nach dem Krieg bereits wieder vorstellen konnte. Immer ?fter sprachen sie davon. Leise, als f?rchteten sie, es zu verscheuchen. Der eine wollte zu seiner Frau zur?ck, ein anderer seine Eltern suchen, ein Dritter tr?umte davon, eine Woche lang in einem sauberen Bett zu schlafen. Andrej sprach weder ?ber Leningrad noch ?ber die Universit?t, doch manchmal ertappte er sich dabei, wie er an den H?rsaal mit den hohen Fenstern dachte und an den alten Professor, der ungehalten wurde, wenn ein Student Goethe und Schiller verwechselte. Vor einigen Jahren war ihm das wichtig erschienen. Dann l?cherlich. Jetzt wurde es wieder wichtig.

Ein Deutscher?, fragte Safonow, w?hrend der Sanit?ter den Verband festzog.

Wer sonst?

Er schie?t gut.

Sag es ihm, falls ihr euch kennenlernt.

Safonow verzog das Gesicht, l?chelte aber.

Er soll erst einmal lange genug leben, damit es dazu kommt.

Die Worte klangen leichter, als die Lage es verdiente. Andrej sah dem Sanit?ter nach, der Safonow fortf?hrte, und dachte pl?tzlich, dass vor einigen Monaten niemand so viel Zeit an einen einzelnen Sch?tzen verschwendet h?tte. Man h?tte das Haus umgangen, mit einem Gesch?tz daraufgehalten und w?re weitergezogen. Jetzt, da ringsum immer weniger Krieg ?brig blieb, schien jeder Tod seinen wirklichen Preis zur?ckzubekommen. Der Sch?tze hatte es nicht eilig. Zwischen seinen Sch?ssen lagen zehn, manchmal f?nfzehn Minuten. Er feuerte nicht auf W?nde oder Schatten. Er wartete auf Bewegung. Einmal schlug eine Kugel in eine Kiste neben dem Sanit?tswagen, ein anderes Mal riss sie ein St?ck Putz dicht neben einem Soldaten aus der Wand, der ?ber die Stra?e lief. Danach wurde es still.

Keine Munition mehr?, vermutete der Sergeant.

Oder er wartet, bis wir n?her sind, antwortete Andrej.

Er kannte diese Art von Stille. Friedlich war sie nicht. Manchmal wurde ein Mensch, dem die Patronen ausgegangen waren, erst recht gef?hrlich, weil er nichts mehr zu sparen hatte. Gegen Abend wurde im Nachbarviertel noch gek?mpft, doch dieses Haus schwieg. Die Sonne sank hinter die D?cher und f?rbte den Ziegelstaub in ein weiches Gold, das zu den Ruinen ?berhaupt nicht passen wollte. Von irgendwoher roch es nach Rauch und gekochtem Kohl. Im Kellerfenster des Nachbarhauses erschien eine Frau, sah die Soldaten und verschwand wieder. Dann tauchte sie erneut auf, diesmal mit einem wei?en Tuch in der Hand. Andrej dachte: Die Stadt wei? nicht, was sie mit der Stille anfangen soll. Jahrelang hatte man ihre Bewohner gelehrt, Sirenen, Befehle, Razzien, Luftalarm und fremde Uniformen zu f?rchten. Nun mussten sie sich erst daran gew?hnen, dass der n?chste Laut vielleicht nicht den Tod bedeutete.

Sie gingen zu viert ins Haus. Langsam, ohne Heldenmut zu spielen. Im Erdgeschoss roch es nach Brand, nassem Holz und altem Mehl. In der ehemaligen B?ckerei lagen zerbrochene Gl?ser auf dem Boden, Scherben knirschten unter den Stiefeln. Hinter dem Tresen fanden sie zwei leere Flaschen und einen Kindermantel, ordentlich ?ber einen Hocker gelegt, als wollten die Bewohner in einer Stunde zur?ckkommen. Auf der Treppe lag ein kleiner Schuh. Einer der Soldaten stie? ihn gedankenlos mit der Stiefelspitze beiseite und hielt gleich darauf inne, als sch?mte er sich. An der Wand hing ein umgedrehtes Portr?t in einem zersplitterten Rahmen. Die R?nder des Papiers waren verbrannt, das Gesicht nicht zu erkennen. Im zweiten Stock fanden sie zwei leere H?lsen. Im dritten noch eine. Der Sch?tze bewegte sich tats?chlich durch Mauerdurchbr?che und Zimmer, in denen man stellenweise ?ber zerbrochene Ziegel kriechen musste. An einem Fenster hatte er einen zusammengefalteten Mantel unter die Ellenbogen gelegt, damit kein Blut auf dem Sims zur?ckblieb. Also war er schon eine Weile verwundet.

Stur, fl?sterte der Sergeant.

Andrej antwortete nicht. Das Wort war zu einfach. Stur ist ein Kind, das sich weigert, eine M?tze aufzusetzen, oder ein Erwachsener, der in einem Streit keinen Fehler eingestehen will. Hier schoss ein Mensch weiter, obwohl die Stadt praktisch verloren war, die Front auseinanderfiel, Verbindungen zwischen den Einheiten abrissen und selbst denen, die noch Befehle erteilten, der Sinn der Verteidigung zunehmend entglitt. Im dritten Stock betraten sie ein Zimmer, das einmal einem Kind geh?rt hatte. Helle Streifentapete, ein B?cherregal, die H?lfte eines Holzflugzeugs unter dem Bett. An der Wand hing eine Schulkarte Deutschlands. Daneben ein Klassenfoto: drei Reihen Jugendlicher, der Lehrer in der Mitte. Auf dem Boden lag ein Heft. Andrej hob es auf. Auf der ersten Seite stand in sauberer Handschrift: Matthias Kr?ger.

Ein Sch?ler?, fragte der Soldat hinter ihm leise.

Andrej ?berlief es kalt.

Vielleicht der Bruder des Besitzers.

Er sagte es eher zu sich selbst. Aus dem Nebenzimmer kam ein Rascheln  kaum h?rbar, als streife Stoff ?ber Ziegel. Alle erstarrten. Andrej ging als Erster durch die T?r?ffnung. Hinter einem umgest?rzten Schrank, unter einem St?ck der herabgebrochenen Deckenbalken, lag ein Jugendlicher. Das Gesicht war wei? vor Staub, an der Schl?fe klebte getrocknetes Blut, das rechte Hosenbein war dunkel verf?rbt. Das Gewehr lag neben ihm, der Verschluss offen. Eine Hand ruhte auf seiner Brust. Darin hielt er eine Granate. Lebedew hob die Hand und hielt die anderen zur?ck. Der Junge starrte sie mit einer so konzentrierten Feindseligkeit an, dass Andrej in den ersten Sekunden gar nicht bemerkte, wie jung er war. Dann sah er den schmalen Hals, die schmalen Schultern unter der zu gro?en Jacke, die schmutzigen Kinderfinger um den Metallk?rper. F?nfzehn. Vielleicht sechzehn. Aber eher f?nfzehn.

In ihm verschob sich etwas j?h. Vor einer Minute hatte Andrej noch einen gef?hrlichen Sch?tzen gesucht, der Safonow verwundet hatte. Jetzt lag vor ihm ein Junge, der, dem ge?ffneten Gewehr nach zu urteilen, bereits alles getan hatte, was man ihm beigebracht hatte, und sich die Granate f?r zuletzt aufgehoben hatte. Weniger gef?hrlich machte ihn das nicht. Manchmal klammern sich Kinder fester an eine Waffe als Erwachsene.

Nicht n?her kommen!, brachte der Junge heiser hervor.

Seine Aussprache war rein, eindeutig von hier. Beim letzten Wort brach ihm die Stimme weg.

Gut, antwortete Andrej auf Deutsch. Wir kommen nicht n?her.

Der Blick des Jungen flackerte. Einen Augenblick lang lag darin etwas vollkommen Kindliches  ?berraschung, die er sofort wieder zu verbergen versuchte.

Sie sprechen Deutsch?

Ein wenig.

Woher?

Vor dem Krieg habe ich es gelernt.

Der Junge verzog den Mund beinahe ver?chtlich, doch f?r ein richtiges L?cheln fehlte ihm die Kraft. Offenbar passte die Antwort nicht zu dem, was man ihm erz?hlt hatte. Andrej konnte sich gut vorstellen, was man ?ber die Russen gesagt haben mochte: Asiaten, Barbaren, eine ungebildete Masse. Je furchtbarer der Feind erschien, desto leichter lie? sich einem F?nfzehnj?hrigen erkl?ren, weshalb er lieber sterben m?sse, als ihm lebend in die H?nde zu fallen. An der Wand lag ein Buch, halb unter Putz begraben. Andrej erkannte den Namen auf dem R?cken, beugte sich vorsichtig hinunter, ohne eine abrupte Bewegung zu machen, und hob es auf. Goethe. Eine alte Hausausgabe, an den R?ndern Bleistiftnotizen. Auf dem Vorsatz die Initialen F. K.

Deins?

Der Junge schwieg, doch seine Finger um die Granate spannten sich an.

Nicht anfassen.

Also doch seines. Andrej strich den Staub mit der Handfl?che ab. Er hatte nicht vor, daraus eine Vorstellung zu machen. Er kannte den Text einfach noch. Dort, wo ein schmaler Papierstreifen zwischen den Seiten steckte, schlug er das Buch auf und las einige Zeilen auf Deutsch. Der Junge sah ihn an, als sei etwas Unm?gliches geschehen. F?r ein paar Sekunden gab es in dem Zimmer weder Russen noch Deutsche, weder Sieger noch Besiegte. Da war nur ein Mann in einer schmutzigen Uniform, der ein deutsches Buch in der Hand hielt, und ein Jugendlicher, dem man sein ganzes Leben erkl?rt hatte, dass beides nicht zugleich existieren k?nne. Andrej sp?rte pl?tzlich M?digkeit. Nicht die M?digkeit der Front  die nahm er kaum noch wahr. Eine andere, die sich daraus angesammelt hatte, immer wieder beweisen zu m?ssen, dass der Mensch vor einem nicht mit dem Bild ?bereinstimmte, das man von ihm verbreitet hatte.

Leg die Granate weg, sagte er.

Die Finger des Jungen schlossen sich fester.

Nein.

Dann reden wir.

Ich habe Ihnen nichts zu sagen.

Dann schweigst du eben. Ich rede.

Wozu?

Andrej blickte durch das herausgesprengte Fenster. Dahinter lag eine Stadt, die sich l?ngst nicht mehr dadurch verteidigen lie?, dass noch ein Mensch starb. Irgendwo in der Ferne feuerte Artillerie, dumpf und beinahe schon vertraut.

Wie alt bist du?

Das spielt keine Rolle.

Dann bist du jung.

Selbst unter dem Staub wurde der Junge rot.

F?nfzehn.

Siehst du.

Ich bin Soldat.

Ein Soldat hat normalerweise eine Einheit, einen Vorgesetzten und einen Auftrag. Wo ist deine Einheit?

Der Junge schwieg.

Wo ist dein Kommandeur?

Wieder Stille. Andrej sah, dass die Frage tiefer getroffen hatte, als er erwartet hatte.

Ich habe Befehl, das Haus zu halten.

Von wem?

Das geht Sie nichts an.

Vielleicht. Aber ist dein Kommandeur jetzt hier bei dir?

Der Jugendliche wich seinem Blick aus. Andrej dr?ngte nicht weiter. Er wusste zu gut, wie verzweifelt sich ein Mensch gerade dann an seine letzte St?tze klammert, wenn er sp?rt, dass sie zu wanken beginnt.

Wie hei?t du?

Das wissen Sie.

Andrej sah auf das Heft in seiner Hand.

Matthias Kr?ger.

Der Junge zuckte beim Klang seines eigenen Namens st?rker zusammen als bei dem Wort Deutscher. Bis dahin war er ein Sch?tze gewesen, ein Gegner, ein Ziel. Der Name gab ihm pl?tzlich seine Einzelheit zur?ck.

Matthias, wiederholte Andrej. Warum soll ein f?nfzehnj?hriger Junge in einem Haus sterben, das niemand mehr braucht?

Das ist Deutschland.

Das Haus?

Die Stadt.

Die Stadt wird auch noch da sein, wenn du tot bist.

Das haben nicht Sie zu entscheiden.

Einverstanden.

Matthias sah ihn pl?tzlich direkt an. Wieder die falsche Antwort. Ein Feind h?tte widersprechen, spotten, seine ?berlegenheit beweisen m?ssen. Dieser Russe stimmte dort zu, wo er h?tte Druck machen k?nnen.

Dann gehen Sie.

Kann ich nicht. Du h?ltst eine Granate.

Haben Sie Angst?

Nat?rlich.

Matthias erstarrte. Hinter Andrej war eine kaum merkliche Bewegung zu h?ren  einer seiner Kameraden verlagerte gereizt das Gewicht von einem Fu? auf den anderen. Ein Soldat sagte dem Feind nicht, dass er Angst hatte. Doch Andrej war l?ngst m?de davon, wie viele Menschen nur deshalb starben, weil sie sich sch?mten, Angst auch Angst zu nennen.

Ich kann den Splint ziehen.

Kannst du.

Und Sie t?ten.

Vielleicht. Dich selbst ganz sicher.

Matthias biss die Z?hne zusammen.

Ich habe keine Angst zu sterben.

Andrej sah auf seine Hand. Die Kn?chel waren wei?.

Das habe ich mit neunzehn auch gesagt.

Und?

Ich habe gelogen.

Drau?en br?ckelte Putz von einer Mauer. Im Nachbarviertel ratterte kurz ein Maschinengewehr und verstummte wieder. Matthias antwortete nicht. Zum ersten Mal an diesem Tag wartete der Russe von ihm nicht auf Kapitulation, nicht auf das Eingest?ndnis einer Niederlage, nicht auf das Wort ich ergebe mich, sondern auf die Antwort auf eine Frage, die ihm zuvor noch niemand ernsthaft gestellt hatte. Einen Befehl kann man befolgen oder missachten. Einen Slogan kann man lauter wiederholen. Doch eine Frage, die man einmal in der Stille geh?rt hat, l?sst sich nicht so leicht wieder aus dem Kopf treiben. Und zum ersten Mal sp?rte Matthias, dass die Granate in seiner Hand nicht nur eine Waffe war. Sie war auch das Letzte, was ihm erlaubte, nicht antworten zu m?ssen. Andrej dr?ngte ihn nicht. In den Jahren des Krieges hatte er zu oft gesehen, wie ein Mensch, der in die Enge getrieben wurde, die Hast des anderen als Beweis f?r die eigene Richtigkeit nahm. Hinter ihm atmeten die Soldaten leise. Einer fl?sterte, es w?re einfacher, eine Granate durch die T?r?ffnung zu werfen und die Sache zu beenden. Andrej drehte sich nicht um, sondern hob nur die Hand. Er verstand sie: Im Nachbarviertel konnten Kameraden fallen, dieser Sch?tze hatte Safonow bereits verwundet, und vor ihnen lagen noch Dutzende H?user. Niemand war verpflichtet, sein Leben f?r einen Jungen zu riskieren, der selbst eine Granate in der Hand hielt.

Und doch war es gerade das Wort Junge, das ihn daran hinderte, einen Schritt zur?ckzugehen. Matthias hatte das Fl?stern geh?rt und die Bewegung bemerkt. Sofort kehrte die alte Erkl?rung zur?ck: Die Russen t?uschen, sie gewinnen Zeit, gleich greifen sie an. Sie war vertraut und deshalb beinahe beruhigend. Vertrauter Hass beruhigt h?ufig  darin ist alles schon im Voraus verteilt. Dort der Feind. Hier du. Und hier das, was du zu tun hast. Doch der Mensch vor ihm passte nicht in den Platz, den man ihm zugewiesen hatte.

Was haben Sie gelesen?, fragte Matthias pl?tzlich und deutete mit dem Kopf auf das Buch.

Andrej verstand zun?chst nicht.

An der Universit?t?

Ja.

Deutsche Sprache. Literatur. Kulturgeschichte.

Matthias sah ihn misstrauisch an.

Warum sollte ein Russe deutsche Literatur studieren?

Warum liest ein Deutscher Shakespeare?

Das ist etwas anderes.

Warum?

Es gab keine Antwort. Matthias sp?rte, wie ?rger in ihm aufstieg. Wieder tat der Russe etwas, das er nicht tun durfte: Er griff die ?berzeugung nicht frontal an, sondern zwang ihn, nach einer Begr?ndung zu suchen, wo bisher nie eine n?tig gewesen war.

Sie haben alles gestohlen, sagte Matthias. St?dte. Land. Und jetzt auch noch die B?cher.

Andrej strich mit einem Finger ?ber den abgewetzten Buchr?cken.

Das Buch war vor mir hier. Und es wird nach mir hier sein.

Es geh?rt meinem Vater.

Jetzt verstand Andrej die Initialen. Behutsam legte er den Band auf ein St?ck unversehrtes Brett, nicht auf den Boden. Matthias bemerkte es. Eine winzige Bewegung. Nichts, was irgendetwas bewies. Ein Feind konnte ein Buch sorgsam ablegen und einen eine Minute sp?ter trotzdem t?ten. Matthias sagte sich das zweimal. Dann ein drittes Mal. Doch allein die Notwendigkeit, es zu wiederholen, beunruhigte ihn. Die Hand wurde schwer. Seine Finger wurden taub. Sobald er den Griff auch nur ein wenig lockerte, erschrak er davor, dass dies bereits der Anfang von Kapitulation, Schw?che, Verrat sein k?nnte. Fast k?rperlich sp?rte er Becker hinter sich  den F?hrer ihrer Hitlerjugendgruppe , den Schulhof, die Formation, die Gesichter der Kameraden. Als s?hen sie alle zu: H?lt er die letzte Linie?

Daneben tauchte ein anderes Gesicht auf  das seiner Mutter. Nicht feierlich. M?de. Sie hatte nie gesagt, sie wolle ihn als Helden sehen. Sie hatte gefragt, ob er gegessen habe, warum er durchn?sst sei, weshalb er wieder so sp?t nach Hause komme. Als er auf seine Stellung ging, hatte sie die Waffe angesehen, als w?re sie etwas, das man nicht ins Haus lassen durfte. Matthias verscheuchte die Erinnerung. Sie st?rte dabei, richtig zu sterben. Und genau da blitzte zum ersten Mal ein vollkommen unzul?ssiger Gedanke auf: Was, wenn nicht alles, was einen am Sterben hindert, Feigheit ist? Der Gedanke erschreckte ihn so sehr, dass er die Granate fester umklammerte. Das Gespr?ch war noch nicht zu Ende. Aber etwas hatte bereits begonnen. Da h?rte Matthias pl?tzlich hinter der Wand ein Kind weinen. Wahrscheinlich in einem Keller des Nachbarhauses; es dauerte nicht lange, jemand beruhigte es rasch. Trotzdem ging der Laut durch den Raum wie eine fremde Erinnerung.

Seine kleine Schwester Lotta hatte ebenfalls geweint, wenn sie Angst vor Gewittern hatte. Mit acht kroch sie zu ihm unter die Decke, obwohl sie am Tag darauf selbstverst?ndlich behauptete, sie f?rchte sich vor gar nichts. Matthias hatte dar?ber gelacht und sich wie ein gro?er Bruder gef?hlt  stark, allein weil jemand J?ngeres neben ihm war. Nun lie? sich diese Rolle kaum mit der Granate in seiner Hand zusammenbringen. Wenn er das Zimmer in die Luft sprengte, w?rde seine Mutter es irgendwann erfahren? Lotta? Was w?rde man ihnen sagen? Heldentod? Er zog den Tod der Gefangenschaft vor? W?rde Becker eine Rede halten, falls er ?berhaupt noch lebte? Matthias stellte sich seine Mutter mit einem weiteren amtlichen Schreiben in der Hand vor und sp?rte, wie sich in ihm Widerstand regte. Nicht Todesangst  so wollte er es noch immer nicht nennen. Wut ?ber den blo?en Gedanken, dass andere sp?ter mit Worten ?ber seinen Tod verf?gen w?rden.

Wenn ich sterbe, werden Sie dann schreiben, dass Sie mich get?tet haben?, fragte er.

Andrej verstand zun?chst nicht.

Wer ist wir?

Die Russen.

Ich wei? es nicht.

Sie werden sagen, ich sei ein Fanatiker gewesen.

Lebedew sah ihn genauer an.

Vielleicht wird das jemand sagen.

Und Sie?

Ich werde sagen, dass du bewaffnet warst, auf uns geschossen hast und jetzt eine Granate in der Hand h?ltst.

Und das ist alles?

Was wei? ich denn sonst ?ber dich?

Matthias f?hlte sich beinahe beleidigt. Er wollte entweder Hass oder die Anerkennung seines Mutes. Jedes abgeschlossene Bild w?re ihm lieber gewesen als diese n?chterne Genauigkeit.

Ich habe die Stadt verteidigt.

So verstehst du es.

Und Sie?

Ich sehe im Augenblick einen Jungen, der meinen Kameraden verwundet hat und sich jetzt selbst t?ten kann.

Bei dem Wort Junge zuckte Matthias zusammen.

Ich bin Soldat.

Hast du einen Wehrpass?

Er schwieg.

Dienstgrad?

Schweigen.

Einheit?

Hitlerjugend.

Die Antwort klang schw?cher, als er wollte. Andrej l?chelte nicht sp?ttisch.

Eben.

Zum ersten Mal empfand Matthias keinen Stolz auf seine fr?he Reife, sondern eine dumpfe Wut dar?ber, dass Erwachsene ihm tats?chlich die Rolle eines Soldaten ?berlassen hatten, ohne ihm irgendetwas von dem zu geben, was einen Soldaten zu einem Teil einer Armee machte: keine wirkliche Ausbildung, kein klares Kommando, nicht einmal die M?glichkeit, auf Befehl zur?ckzuweichen. Nur eine Waffe und die Forderung, w?rdig zu sterben. Noch war das kein ausformulierter Gedanke. Doch die Granate wurde schwerer. Hinter der T?r schlug wieder jemand leise vor, sich zur?ckzuziehen und die Pioniere zu holen. Andrej h?rte den Sergeant fl?stern: Wir warten. Auch dieses Wir warten war eine Entscheidung, nur eine erwachsene, unspektakul?re, die auf kein Plakat geh?rte. Mehrere M?nner nahmen in Kauf, noch ein paar Minuten l?nger ihr Leben zu riskieren, weil vor ihnen ein Jugendlicher lag.

Matthias wusste davon nichts. Ihm schien, die Feinde wagten sich nur nicht n?her heran, und eine Zeitlang gab ihm dieser Gedanke sogar etwas von seinem Stolz zur?ck. Noch konnte er das Zimmer halten. Noch konnte er die Russen warten lassen. Doch allm?hlich mischte sich in den Stolz ein anderes Gef?hl  L?cherlichkeit. Der Arm war taub. Der Mund trocken. Das Bein unter dem Balken sp?rte er fast nicht mehr. Alles, was man als letzte heldenhafte Linie bezeichnet hatte, war in Wirklichkeit auf ein schmutziges Zimmer, einen Krampf in den Fingern und einen fremden Mann zusammengeschrumpft, der das Buch seines Vaters las. Er erinnerte sich an das Plakat in der Schule: Ein Junge in Uniform stand vor einer Fahne, das Gesicht ins Licht erhoben, keine Tr?mmer, kein Blut, keine Angst, kein Durst. Matthias hatte fr?her nie bemerkt, dass auf Plakaten niemand zur Toilette musste, niemandem etwas weh tat, niemand an seine Mutter dachte und niemand f?rchtete, h?sslich zu sterben. Der wirkliche Tod war viel zu k?rperlich f?r die Worte, mit denen man ihn schm?ckte.

Warum gehen Sie nicht?, fragte er.

Weil du dich umbringen k?nntest.

Was k?mmert Sie das?

Andrej seufzte.

Das wei? ich noch nicht.

Matthias h?tte vor Wut beinahe gelacht. Selbst jetzt weigerte sich dieser Russe, Edelmut zu spielen.

Dann gehen Sie.

Kann ich nicht.

Warum?

Weil ich mich sp?ter daran erinnern w?rde, dass ich h?tte bleiben k?nnen.

Die Antwort war leise. Kein Befehl. Kein Vaterland. Kein Heldentum. Nur die Frage, womit ein Mensch sp?ter leben muss. Matthias verstand noch nicht, dass genau dieser Gedanke einmal zu den schwierigsten seines Lebens geh?ren w?rde: Eine Tat endet nicht in dem Augenblick, in dem sie getan ist. Sie bleibt in der Erinnerung, im K?rper eines anderen Menschen, in der eigenen F?higkeit, sich selbst anzusehen. Im Moment klammerte sich der Junge nur fester an die Granate und versuchte, die alte Klarheit zur?ckzugewinnen. Doch diese Klarheit hatte bereits Risse bekommen.

Kapitel 2. Die Granate

Das Gespr?ch dauerte vielleicht zwanzig Minuten. Sp?ter kam es Matthias vor, als h?tte er eine ganze Nacht unter dem Balken verbracht. Die Zeit war z?h geworden: ein paar Worte, eine lange Pause, Atem, Schmerz, wieder Worte. Staub setzte sich auf sein Gesicht. Das Bein unter den Tr?mmern wurde allm?hlich taub, daf?r begann der R?cken st?rker zu brennen. Irgendwann bemerkte Matthias, dass er die fernen Detonationen nicht mehr h?rte. Nicht weil das Schie?en aufgeh?rt h?tte  der Schmerz nahm nur seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch. Die Granate blieb in seiner Hand. Schwer, zuverl?ssig, verst?ndlich. Das Gewehr lag leer daneben. Die letzte Patrone hatte er, glaubte er, in die ?ffnung des Treppenhauses geschossen; ob er getroffen hatte, wusste er nicht mehr. Das Haus war umstellt. Entkommen konnte er nicht. Also blieb nur das, worauf man sie in den letzten Wochen vorbereitet hatte: nicht in Gefangenschaft geraten, sich nicht lebend nehmen lassen, so sterben, dass der Tod wenigstens etwas wert war.

Er hatte sich diesen Augenblick oft vorgestellt. In seiner Vorstellung war alles sauberer gewesen. Er stand aufrecht, ringsum st?rzten Mauern ein, der Feind r?ckte n?her, und er blieb ruhig. Niemand hatte erz?hlt, dass einem bei einem heldenhaften Tod die Nase unertr?glich jucken konnte, dass man Blut und Ziegelstaub im Mund schmeckte, dass die Finger taub wurden und der qu?lendste Wunsch nicht darin bestand, sch?n zu sterben, sondern einfach darin, dass irgendjemand diesen verdammten Balken vom Bein hob. Der Gedanke kam ihm besch?mend vor. Matthias umklammerte die Granate fester.

Sie werden mich sowieso t?ten, sagte er.

Lebedew hockte jetzt an der Wand, weit genug entfernt, um ihn nicht durch eine Bewegung zu provozieren.

Wenn wir dich nur t?ten wollten, w?re das Gespr?ch k?rzer.

Die Russen foltern Gefangene.

Matthias wartete auf das gewohnte Dementi. In der Schule hatte man ihnen beigebracht, die L?gen des Feindes zu erkennen: Er werde seine eigene Grausamkeit selbstverst?ndlich leugnen, Sicherheit versprechen, Vertrauen verlangen. Doch Lebedew sagte nicht Nein.

Im Krieg tun Menschen viele schreckliche Dinge, antwortete er nach einer Pause. Auch Gefangenen. Ich kann dir nicht versprechen, dass irgendwo auf der Welt nie ein sowjetischer Soldat etwas B?ses getan hat. Aber im Augenblick sitze ich vor dir. Und ich sage: Leg die Granate weg.

Warum sollte ich Ihnen glauben?

Sollst du nicht.

Matthias war verbl?fft. Beinahe f?hlte er sich beleidigt. Sein ganzes Leben hatte darauf beruht, dass Erwachsene Glauben verlangten. Der Lehrer, der F?hrer der Organisation, die Stimme im Radio, der Mann auf der Trib?ne, das Plakat, die Zeitung. Selbst der Vater, der mit vielem gestritten hatte, blieb der Vater  man glaubte ihm, weil er der Vater war. Es gab Menschen, die das Recht zu sprechen hatten, und andere, deren Pflicht es war zuzuh?ren. Dieser Russe schien sich zu weigern, den ihm zugedachten Platz einzunehmen.

Warum reden Sie dann ?berhaupt?

Damit du eine Wahl hast.

Matthias lachte kurz auf. Das Lachen zog schmerzhaft durch seinen R?cken.

Ich habe keine Wahl.

Wer sagt das?

Deutschland ergibt sich nicht.

Ich habe nicht nach Deutschland gefragt. Wer sagt, dass ausgerechnet du heute sterben musst?

Alle.

Alle ist ein bequemer Mensch. Sp?ter kann man ihn f?r nichts zur Verantwortung ziehen.

Der Satz machte ihn w?tender als Spott.

Der F?hrer wei?, was er tut.

Glaubst du noch, dass Deutschland gewinnt?

Ja.

Das Wort klang leiser, als Matthias wollte. Er h?rte es selbst und sch?mte sich. Vor einem Monat h?tte er es ohne Z?gern gesagt. Vor einer Woche noch. Doch seit Tagen wichen die Erwachsenen zur?ck, verbrannten Papiere, nahmen Abzeichen ab, verschwanden nachts. Das Radio sprach weiter von Standhaftigkeit, die Stra?en erz?hlten etwas anderes. Matthias zwang sich, das Kinn zu heben.

Sieg kann unterschiedlich aussehen.

Kann er, stimmte Andrej zu.

Sie glauben also, wir haben verloren?

Ja.

Und Sie freuen sich dar?ber?

Andrej antwortete nicht sofort.

Dar?ber, dass der Krieg zu Ende geht  ja.

Und ?ber Deutschland?

Was ist mit Deutschland?

Dass Sie es vernichtet haben.

Ich sehe kein vernichtetes Deutschland. Ich sehe eine zerst?rte Stadt.

Das ist dasselbe.

Nein.

Zum ersten Mal lag Festigkeit in der Stimme des Russen. Matthias sp?rte eine merkw?rdige Gereiztheit: Warum weigerte sich der Feind, Deutschland so zu hassen, wie es sich geh?rte? Viel einfacher w?re es gewesen, wenn Lebedew gesagt h?tte: Ja, wir sind gekommen, um euch zu vernichten. Dann w?re die Welt wieder an ihrem Platz gewesen. Und die Granate h?tte wieder einen Sinn gehabt.

Du bist f?nfzehn?, fragte Andrej.

Ja.

Hast du eine Mutter?

Matthias schwieg.

Eine Schwester?

Er hob ruckartig den Blick.

Woher wissen Sie das?

Wei? ich nicht. Geraten.

Sofort sah er Lotta vor sich. Zerzauste Z?pfe, Sommersprossen, die Gewohnheit, seine B?cher ohne Erlaubnis zu nehmen. Zum letzten Mal hatte er sie im Keller gesehen, nachdem die Mutter ihn w?hrend eines Beschusses beinahe mit Gewalt hinuntergezerrt hatte. Lotta hatte gefragt, ob er wirklich k?mpfen werde, und Matthias hatte etwas Feierliches geantwortet. Was, wusste er nicht mehr. Er erinnerte sich nur an ihr Gesicht: Sie hatte ihn nicht stolz, sondern ?ngstlich angesehen. Die Mutter hatte daneben gestanden und geschwiegen. Warum hatte sie geschwiegen? Bisher hatte er dieses Schweigen f?r Zustimmung gehalten. Zum ersten Mal fragte er sich nun, ob sie vielleicht einfach Angst gehabt hatte, etwas zu sagen, das nichts mehr ?ndern konnte.

Mein Vater ist f?r Deutschland gefallen, sagte Matthias.

Er wusste selbst nicht, warum. Der Satz hatte ihm lange als Universalantwort gedient. Wenn ein Gespr?ch zu weit ging, konnte man dem anderen immer den Tod des Vaters entgegenstellen.

Wo?, fragte Lebedew.

Im Osten.

Andrej sah beiseite. Matthias bemerkte es.

Dann muss ich es auch.

Warum?

Weil sonst sein Tod 

Er brach ab. Den Satz zu Ende zu sprechen war erschreckender, als die Granate zu halten. Was, wenn sein Vater f?r einen Irrtum gestorben war? Wenn dieser Krieg keine Verteidigung gewesen war? Wenn ihn dieselben Menschen in den Osten geschickt hatten, die heute vom Sohn dasselbe verlangten? Was blieb dann von den Worten den Heldentod gestorben? Nur ein Mann, dem kalt gewesen war, der nach Hause geschrieben hatte und zur?ckkehren wollte  und dann weit entfernt vom Fluss, vom Haus, vom Klassenzimmer gestorben war? Nein. Matthias sp?rte den Widerstand in sich beinahe k?rperlich. Das durfte nicht sein. Der Vater konnte nicht umsonst gestorben sein. Wenn Matthias das zugab, verschwand nicht nur der Sinn des Krieges. Dann verschwand auch der Vater selbst  jenes Bild, das Matthias zwei Jahre lang aufgebaut hatte, damit er die eigene Ohnmacht nicht f?hlen musste.

Sein Tod h?ngt nicht davon ab, was du jetzt tust, sagte Andrej leise.

Sie haben leicht reden.

Nein.

Warum nicht?

Andrej sah lange zu Boden.

Meine Mutter ist wegen der Deutschen gestorben.

Matthias hob den Kopf.

Dann m?ssen Sie mich hassen.

Manchmal tue ich das.

Die Antwort war erschreckender als jede korrekte G?te. Matthias hatte erwartet: Nein, ich verstehe doch, dass du ein Kind bist. Dann h?tte er den Russen wegen seiner Schw?che verachten oder ihm einfach nicht glauben k?nnen. Doch Lebedew bekannte seinen Hass  und sa? trotzdem da, ohne zu schie?en.

Meine Schwester auch, f?gte Andrej hinzu. Sie war elf.

Wo?

In Leningrad.

Matthias kannte den Namen. Er kannte die Karten, die Wehrmachtsberichte, die Erz?hlungen ?ber die Stadt, die man aushungern m?sse, weil ein Sturmangriff zu viele Kr?fte kosten w?rde. Milit?rische W?rter waren sauber. Blockade. Festung. Milit?rische Notwendigkeit. Ein elfj?hriges M?dchen kam darin nicht vor. Matthias sp?rte den Drang, sich zu verteidigen.

Ich war nicht dort.

Ich wei?.

Und mein Vater vielleicht 

Ich wei? nichts ?ber deinen Vater.

Warum haben Sie es dann erz?hlt?

Du hast gefragt, warum ich dich nicht t?te.

Und warum?

Andrej fuhr sich mit der Hand ?ber das Gesicht. Pl?tzlich wirkte er ?lter, als er war.

Weil ich mir, wenn ich einen f?nfzehnj?hrigen Jungen nur deshalb t?te, weil Deutsche meine Familie get?tet haben, sp?ter erkl?ren m?sste, worin ich besser bin als die Menschen, die ich hasse.

Matthias wollte erwidern: Sie t?ten doch trotzdem Deutsche. Doch den Unterschied begriff er, noch bevor er den Einwand formulieren konnte. Drau?en wurde gek?mpft. Dort schossen Bewaffnete aufeinander. Hier konnte er sich nicht mehr bewegen und hielt die Granate nur fest, weil er Angst hatte, am Leben zu bleiben. Er hasste diesen Unterschied. Er nahm ihm den sch?nen Ausweg.

Leg die Granate weg, sagte Andrej.

Ich ergebe mich nicht.

Gut. Dann nenn es nicht Ergebung.

Wie denn sonst?

Eine Entscheidung, heute nicht zu sterben.

Matthias sah auf das Metall in seiner Hand. Man hatte ihm beigebracht, Mut bedeute, die Faust zu schlie?en, wenn man Angst hatte. Nicht zur?ckzuweichen. Keine Schw?che zu zeigen. Lieber zu sterben, als um Gnade zu bitten. Alle Beispiele f?r Mut f?hrten in dieselbe Richtung  zur ?berwindung der Todesangst. Niemand hatte von der Angst vor dem Leben gesprochen. Und pl?tzlich verstand Matthias, dass er genau davor Angst hatte. Wenn er ?berlebte, musste er seine Mutter wiedersehen. Lotta antworten. Erfahren, was aus den Kameraden geworden war. Damit leben, dass er auf Menschen geschossen hatte. H?ren, dass Deutschland verloren hatte. Vielleicht erfahren, dass sein Vater nicht an alles geglaubt hatte, woran der Sohn sich gezwungen hatte zu glauben. Der Tod war einfacher. Er h?tte Matthias f?r immer recht behalten lassen. Das Leben konnte das Gegenteil beweisen.

Ich bin kein Feigling, fl?sterte er.

Das habe ich nicht gesagt.

Sie denken es alle.

Ich denke, du bist verwundet und hast Angst.

Ich habe keine Angst.

Andrej sah ihm direkt in die Augen.

Warum h?ltst du dann die Granate fest?

Matthias ?ffnete den Mund und fand keine Antwort. Sein K?rper gehorchte ihm l?ngst nicht mehr. Die Finger zitterten. Er sp?rte, dass er weinte, und dar?ber wurde er so w?tend, dass er f?r einen Augenblick tats?chlich den Splint ziehen wollte  nur damit niemand die Tr?nen sah. Andrej sagte nichts. Er wandte den Blick nicht ab und kam nicht n?her. Er wartete einfach. Nach einigen Sekunden begriff Matthias: Niemand w?rde diese Entscheidung mehr f?r ihn treffen. Nicht Becker. Nicht sein Vater. Nicht der F?hrer. Nicht dieser Russe. Wenn er jetzt starb, w?re es kein Befehl mehr. Es w?re seine eigene Wahl. Und genau deshalb konnte er sie nicht treffen. Seine Finger ?ffneten sich. Die Granate fiel mit einem leisen metallischen Schlag zu Boden. Alle erstarrten.

Ich ergebe mich nicht, wiederholte Matthias beinahe fl?sternd.

Ich habe es geh?rt.

Lebedew kam langsam n?her und schob die Granate mit dem Stiefel fort. Erst da merkte Matthias, wie ersch?pft er war. Die Spannung, die ihn seit Stunden aufrechtgehalten hatte, verschwand. Der Schmerz kehrte sofort zur?ck  schwer, hei?, erbarmungslos. Er versuchte sich aufzurichten und konnte es nicht. Andrej war neben ihm.

Sanit?ter hierher!

Matthias wollte ihn wegsto?en, doch sein Arm hob sich nur wenige Zentimeter.

Fass mich nicht an 

Zu sp?t.

In einer anderen Lage h?tte es wie Spott klingen k?nnen. Jetzt lag darin nur M?digkeit. Das Zimmer verschwamm. Matthias sah noch Goethe auf dem Boden, dann Lebedews Gesicht, und dachte noch, er habe das Buch dem Feind ?berlassen. Sein letzter Gedanke war weder Erleichterung noch Angst. Nur kindliches Staunen: Er lebte noch. W?hrend der Sanit?ter und zwei Soldaten ihn unter dem Balken hervorzogen, kam Matthias mehrmals zu sich und versank wieder in Dunkelheit. Jedes Mal kehrte die Welt in Bruchst?cken zur?ck: eine fremde Hand unter seiner Schulter, ein stechender Schmerz im Kreuz, ein deutsches Schimpfwort, von einem Russen mit grauenhaftem Akzent ausgesprochen, der Geruch von Blut und Kalkstaub. Er wartete auf einen Schlag. Niemand schlug ihn. Er wartete darauf, dass man ihm drau?en eine Waffe an den Hinterkopf hielt. Stattdessen schimpfte jemand ungehalten, die Trage solle gef?lligst gerade gehalten werden.

Auf der Treppe ?ffnete Matthias die Augen. ?ber ihm glitt eine verkohlte Wand vorbei, dann ein St?ck Abendhimmel. Pl?tzlich begriff er, dass sie ihn genau denselben Weg hinuntertrugen, den er wenige Stunden zuvor mit dem Gewehr entlanggerannt war. Auf einem Absatz lagen H?lsen. Seine H?lsen. Ihm wurde ?bel bei dem Gedanken. Irgendwo hier hatte er auf Menschen geschossen, die ihn jetzt trugen. Er wollte nach dem verwundeten Russen fragen  nach dem Mann am Telegrafenmast , doch seine Lippen gehorchten kaum. Es kam nur ein heiseres Ger?usch heraus.

Was?, fragte Lebedew und beugte sich zu ihm hinunter.

Matthias schloss die Augen. Zu fragen h?tte bedeutet zuzugeben, dass es ihm nicht gleichg?ltig war. Drau?en traf ihn kalte Luft. ?ber den H?usern hing Rauch, doch der Himmel wurde bereits ruhig und beinahe fr?hlingshaft dunkel. Matthias hatte erwartet, eine gepl?nderte Stadt zu sehen, rasende Soldaten, all das, womit man sie in den Schulungen erschreckt hatte. Er sah einen Sanit?tswagen, Soldaten, eine Frau mit wei?er Armbinde, einen alten Mann an einer Mauer. Gerade diese gew?hnlichen Einzelheiten reizten ihn st?rker als jeder Schrecken. Schrecken h?tten alles best?tigt. Bevor sie ihn in den Wagen hoben, beugte Lebedew sich zu ihm.

Das Buch nehme ich mit. Sp?ter bekommst du es zur?ck.

Matthias ?ffnete die Augen.

Fass es nicht an.

Dann m?sste ich es unter den Tr?mmern liegen lassen.

Es geh?rt meinem Vater.

Das habe ich verstanden.

Sie haben kein Recht dazu.

Andrej schwieg kurz.

Vielleicht nicht. Aber vorl?ufig bewahre ich es auf.

Matthias wollte widersprechen, doch der Wagen setzte sich ruckend in Bewegung. Der Schmerz verdr?ngte die Worte. Im Halbschlaf sah er wieder seinen Vater. Nicht den gefallenen Soldaten auf dem Foto, sondern einen lebenden Mann im Hemd zu Hause, der einmal w?tend geworden war, weil Matthias eine Seite aus einem Buch gerissen hatte. Ein fremder Gedanke wird nicht zu deinem Eigentum, nur weil du das Papier in der Hand h?ltst, hatte der Vater damals gesagt. Nun hielt ein Russe das Buch. Matthias empfand es als letzte Dem?tigung. Und zugleich beruhigte ihn etwas daran: Wenn das Buch weiterexistierte, wenn man es zur?ckgeben konnte, dann musste es irgendein sp?ter geben. ?ber sp?ter wollte er nicht nachdenken. Dem Jungen, dem man das Sterben beigebracht hatte, hatte niemand erkl?rt, was man am Tag danach tun sollte, wenn man sich f?r das Leben entschieden hatte.

Als Matthias f?r einen Moment auf dem Verbandsplatz wieder zu sich kam, sprachen ringsum alle schnell Russisch. Die fremde Sprache floss f?r ihn zu einem einzigen Strom zusammen; er verstand kein Wort. Jemand schnitt sein Hosenbein auf. Kaltes Metall ber?hrte die Haut. Er zuckte zusammen.

Ruhig, ruhig, sagte eine fremde Stimme mit starkem Akzent.

Matthias wollte fluchen: Befehlt mir nicht, ruhig zu sein. Doch dazu fehlte ihm die Kraft. Dann kam der Schmerz  hell, beinahe wei?. Er schrie. So laut, dass er in seiner eigenen Stimme ein Kind h?rte und sich augenblicklich sch?mte.

Schon gut, sagte Lebedew irgendwo neben ihm auf Deutsch. Schrei ruhig.

Diese zwei Worte machten ihn w?tender als der Schmerz.

Tue ich nicht.

Schon geschehen.

Matthias versuchte zu l?cheln, aber es gelang ihm schlecht. Sp?ter w?rde er sich an diese Szene als den ersten Augenblick erinnern, in dem jemand ihm erlaubte, keinem Bild entsprechen zu m?ssen. Nicht Sei ein Mann, nicht Halt durch, nicht Ein deutscher Junge weint nicht. Einfach: Schrei, wenn es weh tut. Damals konnte er das noch nicht begreifen. Er f?rchtete nur, die Russen w?rden sich an seinen Schrei erinnern. Kurz bevor er wieder in die Narkose glitt, fragte er:

Der Soldat  am Mast 

Lebedew beugte sich zu ihm.

Safonow?

Zum ersten Mal machte ein Name aus dem Verwundeten einen Menschen.

Lebt er?

Er lebt.

Matthias schloss die Augen. Die Erleichterung kam schneller, als er sie sich verbieten konnte. Und genau das machte ihm Angst. Wenn es ihn freute, dass der Feind ?berlebt hatte  verriet er dann schon diejenigen, die auf deutscher Seite gefallen waren? Die Logik war kindlich, aber m?chtig. Man hatte ihm beigebracht, Mitgef?hl nach Zugeh?rigkeit zu verteilen: den Eigenen Schmerz, den Fremden h?chstens Verachtung. Nun hatte das Mitgef?hl die Grenze ganz von selbst ?berschritten, ohne um Erlaubnis zu fragen. Mit diesem Versto? schlief Matthias ein. Im Sanit?tswagen war es dunkel. Neben ihm st?hnte jemand schwer, und Matthias hielt ihn zun?chst f?r einen Russen. Dann h?rte er auf Deutsch Mama und begriff, dass der Verwundete ganz in seiner N?he lag, vielleicht in einer Uniform wie seiner. Er versuchte den Kopf zu drehen, doch Gurte hielten seine Schultern fest.

Wo sind wir?, fragte er auf Deutsch.

Niemand antwortete. Der Wagen rumpelte durch einen Granattrichter. Der Schmerz schoss durch seinen R?cken. Matthias biss sich auf die Lippe, um nicht zu schreien. Seit seiner Kindheit hatte man ihm beigebracht, Schmerzen schweigend zu ertragen. Im Lager hatten die Jungen ?ber denjenigen gelacht, der auf einem Marsch als Erster um eine Pause bat. Becker hatte gesagt, der K?rper m?sse dem Willen gehorchen. Nun gehorchte der K?rper nicht. Und das war kein moralisches Versagen, sondern schlicht eine Tatsache. Zum ersten Mal empfand Matthias ein schwaches, beinahe besch?mendes Mitgef?hl mit sich selbst. Kein Selbstmitleid  das h?tte er verachtet. Eher Verwunderung: Warum hatte er von einem f?nfzehnj?hrigen K?rper ?berhaupt verlangt, sich so zu verhalten, als m?sse er einer fremden Legende entsprechen? Als der Wagen anhielt, wurde die T?r aufgerissen. Licht traf ihn in die Augen. Jemand fragte nach seinem Alter. Lebedew antwortete: f?nfzehn. Matthias wollte rufen, dass das Alter nichts bedeute. Er war Soldat. Er hatte gek?mpft. Er war f?r eine Stellung verantwortlich gewesen. Doch er sagte nichts. Das Wort f?nfzehn klang pl?tzlich nicht wie eine Beleidigung, sondern wie eine Zahl, die viel zu vieles erkl?rte.

Sie trugen ihn hinein. Kurz bevor er erneut das Bewusstsein verlor, sah er, dass Lebedew nebenherging und den Goethe-Band unter dem Arm trug. Sein Vater h?tte sich vermutlich ?ber den Staub auf dem Einband ge?rgert. Dieser absurde Gedanke war sein letzter.

Kapitel 3. Der Gefangene

Matthias kam in einem Klassenzimmer zu sich. Er erkannte es an der Tafel. Unter grauen Schlieren zeichneten sich noch Reste deutscher W?rter ab; daneben hatte jemand mit Kreide ein Schema zur Verbkonjugation begonnen, und ?ber der T?r hing ein Metallhaken, an dem fr?her vermutlich das Schild mit der Klassennummer befestigt gewesen war. Jetzt standen Feldbetten an den W?nden, auf dem Lehrerpult lagen Verb?nde und Instrumente, und statt nach Kreide und nassen M?nteln roch der Raum nach Karbol, Blut, Rauch und feuchter Wolle. Der erste Gedanke war sofort da: Gefangenschaft. Der zweite: die Beine. Er versuchte sich zu bewegen. Der rechte Fu? reagierte, der linke kaum. Matthias hielt inne und versuchte es noch einmal. Die Zehen bewegten sich. Das Knie nicht. Panik erfasste ihn so heftig, dass er f?r einige Sekunden weder an die Russen noch an Deutschland dachte. Sterben war einfach gewesen. Eine Bewegung, ein Blitz, Ende. Wie man als Mensch weiterlebt, der nie wieder gehen kann, konnte er sich nicht vorstellen. Er riss sich st?rker zusammen. Der Schmerz zog vom Kreuz in die Seite, vor seinen Augen wurde es dunkel.

Liegen bleiben!

Die Stimme geh?rte einer Frau. Eine Frau in Uniform trat an sein Bett. Das helle Haar steckte unter einem Kopftuch, die ?rmel waren hochgekrempelt, die Haut ihrer H?nde vom kalten Wasser ger?tet. Matthias spannte sich sofort an. Die Frau kontrollierte seinen Verband, sagte etwas auf Russisch zu einem anderen Sanit?ter  er verstand kein Wort  und zeigte dann auf einen Becher.

Wasser?

Ihr Akzent war so stark, dass das Wort beinahe komisch klang. Matthias wandte sich ab. Von den Russen w?rde er kein Wasser nehmen. Der Gedanke verschaffte ihm eine unerwartete Erleichterung: Solange er noch ablehnen konnte, hatte er wenigstens ?ber irgendetwas Macht. Die Frau versuchte nicht, ihn zu ?berreden. Sie zuckte mit den Schultern, stellte den Becher auf den Hocker und ging zu einem anderen Verwundeten.

Zehn Minuten sp?ter hatte Matthias alles bis auf den letzten Tropfen ausgetrunken. Heimlich, obwohl er genau wusste, dass niemand ihn beobachtete. Das Wasser war lauwarm und schmeckte nach Metall. Nie hatte er etwas K?stlicheres getrunken. Danach sch?mte er sich. Nicht wegen des Durstes. Sondern weil er Gift im Wasser erwartet hatte, Spott, die Forderung nach Dankbarkeit. Nichts davon geschah. Die Frau bemerkte den leeren Becher nicht einmal, bis sie wiederkam, um den Verband zu wechseln.

Noch?, fragte sie und deutete auf das Wasser.

Nach kurzem innerem Kampf nickte Matthias. Das war seine zweite Niederlage an diesem Tag. Lebedew erschien gegen Abend. Er setzte sich auf die Fensterbank, als w?ren nach dem Unterricht nur zwei Sch?ler im Klassenzimmer geblieben und nicht ein sowjetischer Soldat und ein deutscher Gefangener.

Du lebst.

Sehe ich.

Schon mal nicht schlecht.

F?r wen?

Andrej seufzte.

Es geht wieder los.

Matthias hasste diese ruhige Art. Er wollte einen Sieger sehen: selbstzufrieden, grausam, triumphierend. Er wollte einen Beweis daf?r, dass man ihnen alles richtig erz?hlt hatte. Doch Lebedew sah nur m?de aus. Bl?uliche Schatten unter den Augen, die Uniform schmutzig, das Handgelenk verbunden. Er wirkte nicht wie ein Mann, dem soeben eine gl?nzende neue Welt zugefallen war. Eher wie jemand, der sehr lange gegangen war und noch nicht wusste, ob er schon stehen bleiben durfte.

Wo bin ich?

Auf einem Verbandsplatz. Fr?her war das eine Schule. Der Arzt hat dich untersucht.

Matthias sp?rte, wie sein Herz schneller schlug.

Die Beine?

Die Wirbels?ule ist nicht durchtrennt. Ein Splitter und eine schwere Prellung. Die Schwellung dr?ckt auf die Nerven. Der Arzt sagt, die Chancen stehen gut, dass du wieder normal laufen kannst.

Matthias brauchte einen Moment, um die Worte zu begreifen.

Gut?

Das hei?t mehr als f?nfzig Prozent, falls du eine genaue Zahl brauchst.

Ist er ein deutscher Arzt?

Ein sowjetischer.

Matthias schwieg.

Sie behandeln mich?

Wie du siehst.

Warum?

Andrej sah zu den benachbarten Betten. Dort lagen sowjetische Verwundete, zwei deutsche Soldaten und ein ?lterer Zivilist mit verbundenem Kopf. Ein Russe schlief und st?hnte leise. Ein anderer sa? da und versuchte mit der linken Hand Brei zu essen, weil der rechte Arm an die Brust gebunden war.

Weil du verwundet bist.

Ich bin der Feind.

Ein Verwundeter ist zuerst ein Verwundeter. Feind kommt sp?ter.

Matthias hielt das f?r einen sch?nen Satz, den man f?r Verh?re gelernt hatte. Vielleicht arbeitete man so mit Gefangenen: G?te zeigen, den Widerstand brechen, sie zum Reden bringen. Er begann zu beobachten. Stundenlang fragte ihn niemand nach seiner Stellung, seinen Kameraden oder Befehlen. Die Frau mit dem Kopftuch  Andrej nannte sie Anna  wechselte die Verb?nde bei Russen und Deutschen mit derselben Sachlichkeit. Als der ?ltere Deutsche Wasser verlangte, brachte sie welches. Als ein sowjetischer Verwundeter vor Schmerzen fluchte, fuhr sie ihn genauso an wie Matthias, als er aufzustehen versucht hatte. Am meisten ?rgerte ihn das Fehlen jeder Siegespose. Er hatte erwartet, dass die Sieger seine Hilflosigkeit genossen. Daf?r waren sie viel zu besch?ftigt. Der Soldat gegen?ber, der mit dem Verband an der Schl?fe, bemerkte, dass Matthias auf das Brot sah. Er brach die H?lfte ab und hielt sie ihm hin. Matthias wandte den Kopf weg.

Eine Minute sp?ter lag das Brot noch immer am Rand seines Bettes.

Wei? er, wer ich bin?, fragte Matthias Andrej.

Nat?rlich.

Warum dann?

Vielleicht teilt er einfach sein Brot.

Das Wort vielleicht ?rgerte ihn wieder. In der alten Welt hatte alles genau eine Ursache. Ein Russe handelt so, weil er Russe ist. Ein Deutscher, weil er Deutscher ist. Ein Held, weil er mutig ist. Ein Feigling, weil er schwach ist. Ein Jude, weil  Matthias brach den Gedanken ab. Noch nie war ihm aufgefallen, wie bequem es war, einen Menschen mit einem einzigen Wort erkl?ren zu k?nnen. Vielleicht lie? die Grenzen verschwimmen. Es lie? zu viel Luft hinein. Gegen Abend a? Matthias das Brot schlie?lich doch. Nicht aus Dankbarkeit, sagte er sich. Aus Hunger.

In der Nacht schlief er fast gar nicht. Sein R?cken schmerzte. Jemand schrie im Schlaf. Drau?en fuhren Fahrzeuge vorbei, hin und wieder waren Sch?sse zu h?ren. Matthias lag wach und dachte an die Granate. Nicht daran, dass er beinahe gestorben w?re. Daran, dass er sie selbst losgelassen hatte. Das beunruhigte ihn mehr. H?tte Lebedew sie ihm aus der Hand geschlagen oder w?re Matthias vorher bewusstlos geworden, h?tte er sagen k?nnen: Sie haben mich daran gehindert, meine Pflicht zu erf?llen. Aber er selbst hatte die Finger ge?ffnet. Warum? Angst? Dann war es Feigheit. Oder war es dem Russen gelungen, ihn zu t?uschen? Diese Version gefiel ihm besser. Matthias ?berzeugte sich beinahe davon, auf einen psychologischen Trick hereingefallen zu sein. Dann erinnerte er sich daran, dass Lebedew mehrmals gesagt hatte: Glaub mir nicht. Ein Betr?ger, der einen aufforderte, ihm nicht zu glauben, war unbequem.

Am Morgen pr?fte der Arzt die Empfindlichkeit in seinen Beinen. Er stach mit einer Nadel in den Fu? und fragte ?ber Andrej, ob Matthias etwas sp?re.

Hier?

Ja.

Hier?

Schw?cher.

Und hier?

Matthias zuckte mit dem Bein. Der Arzt brummte zufrieden.

Gut.

Was hat er gesagt?

Dass du uns allen zum Trotz leben wirst.

Der Arzt sagte scharf etwas auf Russisch.

Am Ton des Arztes und an Lebedews allzu leichtem Grinsen begriff Matthias nur eines: Andrej hatte sehr frei ?bersetzt.

Fast, gab Andrej zu.

Dann ?bersetz genau.

Andrej sah ?berrascht aus.

Kommandierst du schon deinen Dolmetscher herum?

Ich will es wissen.

Lebedew l?chelte.

Er hat gesagt: Junger Organismus. Das heilt. Mehr nicht.

Matthias nickte. Aus irgendeinem Grund gefiel ihm die genaue, langweilige ?bersetzung besser als der sch?ne Satz. Sp?ter sa? Andrej mit einem Buch am Fenster. Matthias beobachtete ihn lange und hielt es schlie?lich nicht mehr aus.

Haben Sie wirklich an einer Universit?t studiert?

Wirklich.

Wo?

In Leningrad.

Der Name klang jetzt anders.

Was?

Deutsche Sprache, Literatur. Ein wenig Geschichte. Ich wollte Lehrer werden.

Ein Russe studiert deutsche Literatur.

Kommt vor.

Nach allem, was Deutschland Ihrem Land angetan hat, wollen Sie Goethe lesen?

Andrej schloss das Buch.

Goethe ist nicht in die Sowjetunion einmarschiert.

Der Satz war beinahe komisch. Matthias wollte widersprechen: Kultur geh?rt zum Volk, das Volk zum Staat, der Staat f?hrt Krieg. Doch pl?tzlich sah er, wie viele gedankliche Stufen man ?berspringen musste, um einen Dichter f?r den Vormarsch einer Armee verantwortlich zu machen.

Aber er ist Deutscher.

Du auch.

Matthias spannte sich an.

Na und?

Eben.

Andrej schlug das Buch wieder auf. Matthias schwieg einige Minuten.

Hast du Tolstoi gelesen?, fragte Andrej.

Nein.

Schade.

Warum?

Er ist Russe. Am Ende stellt sich noch heraus, dass er ein Mensch ist.

Matthias wollte sich beleidigt f?hlen, doch pl?tzlich l?chelte er. Nur ganz kurz. Sofort verbarg er es wieder. Anna kam, um den Verband zu wechseln. Sie arbeitete schnell und ohne ?berfl?ssige Worte. Matthias sah auf ihre H?nde und dachte, dass sie irgendwo zu Hause Krankenschwester h?tte sein k?nnen, einen Mann haben, Kinder, vielleicht Deutsche hassen. Er wusste nichts davon. Als sie fertig war, rang er einige Sekunden mit sich.

Danke, sagte Matthias leise.

Anna hielt inne und hob ?berrascht die Brauen.

Bitte, antwortete sie mit starkem Akzent.

Dann ging sie. Matthias wurde beinahe w?tend auf sich selbst: Der Dank hatte viel zu einfach geklungen, als l?gen nicht eine Front, Gefangenschaft und alles, was man ihm beigebracht hatte, zwischen ihnen. Dann verstand er  genau deshalb war es wichtig. Ein kurzes Danke ?nderte nichts. Er blieb Gefangener. Die Stadt war eingenommen. Der Krieg war fast verloren. Sein Vater blieb tot. Der sowjetische Soldat gegen?ber blieb ein Mensch, auf den Matthias noch zwei Tage zuvor h?tte schie?en k?nnen. Doch zum ersten Mal begann sich die Welt nicht mehr in die Eigenen und die Fremden zu teilen, sondern in einzelne Menschen, die anders handeln konnten, als die Propaganda es versprochen hatte. Es war nur der erste Zweifel. Und Matthias ahnte noch nicht, wie viel Kraft er darauf verwenden w?rde, ihn wieder loszuwerden.

Nachts wurde das Lazarett zu einem anderen Ort. Am Tag f?llten Schritte, Befehle, Metallklirren, Essensgeruch und die Stimmen der Sanit?ter den Raum. Nachts blieben Husten, St?hnen und das Rascheln der Laken. Matthias lag mit offenen Augen da und versuchte an den Ger?uschen zu erkennen, wer um ihn herum Russe und wer Deutscher war. Nach einer Weile begriff er, dass es sinnlos war. Schmerz klang gleich. Links atmete schwer ein sowjetischer Soldat mit verbundenem Brustkorb. Zwei Betten weiter lag ein ?lterer Deutscher, den man am Abend hereingebracht hatte. Einer murmelte im Schlaf auf Russisch, der andere auf Deutsch. Die Worte verstand Matthias nicht, doch in beiden Stimmen h?rte er dieselbe hilflose, beinahe kindliche F?rbung. Diese absurde Symmetrie machte ihn unruhig. Er drehte sich zur Wand.

Er wollte alles um sich herum hassen. Hass stellte die vertraute Ordnung wieder her. Doch nun stie? er st?ndig auf konkrete Gesichter. Anna. Lebedew. Der Soldat, der sein Brot geteilt hatte. Der Sanit?ter, der Matthias vorsichtig auf die Seite gedreht und ihm mit Gesten den Schmerz angek?ndigt hatte, weil er kein Deutsch sprach. Matthias sagte sich immer wieder: Einzelne Handlungen beweisen nichts. Die Russen bleiben Feinde. Sie sind mit Waffen nach Deutschland gekommen. Und dann tauchte zwangsl?ufig die n?chste Frage auf: War sein Vater ohne Waffe in den Osten gegangen? Bei diesem Gedanken riss Matthias die Augen auf. Nein. Nicht jetzt. Er zwang sich, an die Beine zu denken. Der rechte Fu? gehorchte ein wenig besser. Im linken sp?rte er ein schwaches Kribbeln. Der Arzt hatte ?ber den Dolmetscher gesagt, das sei ein gutes Zeichen, Garantien gebe es aber keine.

Zum ersten Mal hatte Matthias wirkliche Angst vor der Zukunft. Mit der Granate war alles einfach gewesen: Sekunden. Nun dehnte sich die Zukunft ?ber Monate. W?rde er wieder laufen k?nnen? Lebte seine Mutter? Wo war Lotta? Was w?rde mit ihm als Gefangenem geschehen? Was w?rden die Nachbarn sagen, wenn sie erfuhren, dass er sich ergeben hatte? Obwohl er sich doch gar nicht ergeben hatte. Er hatte nur  Er brachte den Satz nicht zu Ende. Auf dem Nachbarbett wachte der Russe auf und bat um Wasser. Keine Krankenschwester war in der N?he. Der Becher stand auf dem Tisch zwischen den Betten, n?her bei Matthias. Er sah ihn lange an. Dann streckte er die Hand aus. Der R?cken antwortete mit Schmerz. Gerade eben erreichte er den Becher und schob ihn an den Rand. Der Russe sagte etwas. Vermutlich bedankte er sich. Matthias verstand es nicht. Und pl?tzlich ?rgerte er sich ?ber sich selbst: Diese kleine Geste bedeutete nichts, aber er f?rchtete bereits, dass der Weg zur?ck in seine alte Welt mit jeder solchen Geste schwerer werden w?rde.

Am Morgen war er Lebedew gegen?ber wieder k?hl. In der Nacht jedoch hatte er einem Feind geholfen zu trinken. Und niemand au?er ihm selbst hatte es bemerkt. Am dritten Tag zwang der Arzt ihn, sich aufzusetzen. Zwei Sanit?ter st?tzten ihn an den Schultern. Sofort schwankte die Welt, in den Ohren rauschte es, doch Matthias war zu stolz, darum zu bitten, wieder hingelegt zu werden.

Genug, sagte der Arzt in einem noch schlechteren Deutsch als Anna.

Ich kann noch.

Wozu?

Matthias verstand die Frage nicht. Der Arzt wiederholte langsamer:

Wozu noch? Was beweisen?

Beinahe h?tte Matthias geantwortet: Dass ich nicht schwach bin. Doch pl?tzlich h?rte er den Satz von au?en. Wem wollte er etwas beweisen? Dem russischen Arzt? Sich selbst? Becker, der gar nicht hier war? Er lie? sich wieder hinlegen. Nichts geschah. Niemand nannte ihn einen Feigling. Deutschland verschwand nicht. Die Decke st?rzte nicht ein. So entdeckte er eine merkw?rdige Eigenschaft seines neuen Lebens: Manche Verbote existierten nur in ihm selbst.

Sp?ter h?rte er zwei sowjetische Soldaten streiten. Die W?rter verstand er kaum, der Ton war jedoch vollkommen gew?hnlich  einer ?rgerte sich, der andere lachte. Matthias sah ihnen zu und versuchte, das Geh?rte mit dem Bild einer gesichtslosen Horde zu verbinden. Es gelang ihm nicht. Eine gesichtslose Horde streitet nicht ?ber Stiefel, schimpft nicht ?ber den Brei, erz?hlt der Sanit?terin keine Witze. Er wurde w?tend auf die Einzelheiten, weil sie eine bequeme Verallgemeinerung zerst?rten.

Am Abend fragte er Lebedew:

Lesen bei Ihnen alle deutsche B?cher?

Nein.

Dann sind Sie eine Ausnahme.

Worin?

In Ihrer Bildung.

Andrej grinste.

Sehr schmeichelhaft.

Ich meine es ernst.

Ich nicht. Bei uns gibt es Kluge und Dumme, Gebildete und Analphabeten. Wie bei euch.

Bei uns ist das anders.

Matthias hatte es automatisch gesagt und bereute es sofort.

Nat?rlich, sagte Andrej. Deutsche Dummk?pfe sind organisierter dumm.

Matthias schnaubte. Dann musste er gegen seinen Willen lachen. Das Lachen zog schmerzhaft durch seinen R?cken, und er h?rte sofort auf. Doch die wenigen Sekunden vor dem Schmerz waren beinahe normal gewesen. Das erschreckte ihn: Die Normalit?t kehrte zu schnell zur?ck, als d?rfte der Krieg f?r ihn nicht enden, bevor er irgendeine Strafe getragen hatte. Vor dem Einschlafen erinnerte er sich an sein leises Danke. Noch gestern war es unm?glich gewesen, einem Feind zu danken. Heute war das Unm?gliche bereits geschehen  und die Welt war nicht zusammengebrochen. Matthias begriff nur eines: Ver?nderungen beginnen nicht mit gro?en ?berzeugungen. Manchmal beginnen sie mit einer kleinen Handlung, die ein Mensch noch nicht erkl?ren kann und deshalb besonders gern vergessen w?rde.

Kapitel 4. Die Frage

Drei Tage sp?ter wurde Matthias zu seinem ersten offiziellen Verh?r gebracht. Es war der 30. April, doch das Datum bedeutete ihm nichts. Im Lazarett unterschieden sich die Tage nur durch Verbandswechsel, Schmerzen und die Zahl der Male, die es ihm gelang, das linke Bein zu bewegen. Drau?en ging der Krieg weiter. Manchmal h?rte man Gesch?tze, manchmal wurde es f?r Stunden still, und gerade dann war die Unruhe am gr??ten. Matthias hatte einen Keller erwartet. Eine grelle Lampe im Gesicht, Geschrei, einen Schlag, Drohungen. Man hatte ihnen von sowjetischen Kommissaren erz?hlt, von Folter, davon, dass Gefangene zu unm?glichen Gest?ndnissen gezwungen w?rden. Auf dem Weg hatte er sich vorbereitet: Name, Alter, Nummer der Organisation nennen  und danach schweigen. Schon der erste Blick in das ehemalige B?ro der Stadtverwaltung zerst?rte diesen Plan. Ein kahler Tisch, zwei St?hle, eine Karte an der Wand, ein offenes Fenster. Auf dem Fensterbrett stand eine Tasse mit kaltem Tee. Hauptmann Orlow war ein ruhiger Mann um die vierzig, mit schweren Lidern und einem vollkommen unauff?lligen Gesicht. Er spielte weder den G?tigen noch den Grausamen. Er schrieb einfach auf.

Lebedew sa? seitlich daneben und ?bersetzte.

Name?

Matthias Kr?ger.

Geburtsjahr?

Matthias nannte es.

Alter?

F?nfzehn.

Orlow hob den Blick, als wolle er sich vergewissern, richtig geh?rt zu haben.

Organisation?

Matthias z?gerte.

Hitlerjugend.

Seit wann sind Sie Mitglied?

Er antwortete. Die Fragen kamen eine nach der anderen. Keine Anklagen  Pr?zisierungen. Wo hatten die ?bungen stattgefunden? Wer hatte sie geleitet? Welche Ausbildung hatten sie erhalten? Wann hatte er zum ersten Mal geschossen? Wer hatte im Fr?hjahr die Waffen ausgegeben? Matthias entspannte sich allm?hlich, und gerade das machte ihm Angst. Zuerst Exerzieren, M?rsche, Sportwettk?mpfe. Dann Luftgewehre und Kleinkaliberwaffen, Orientierung, Nachrichtenwesen, das Werfen von ?bungsgranaten. Echte Kriegswaffen waren sp?ter gekommen. In den letzten Monaten Panzerf?uste und ?bungen im Kampf gegen Panzer.

Man hat Ihnen mit f?nfzehn eine Panzerfaust gezeigt?, fragte Orlow nach.

Ja.

Wer?

Matthias nannte Beckers Namen. Der Hauptmann schrieb ihn auf.

Gut.

Dieses gut wirkte beinahe beleidigend.

Was soll daran gut sein?

Lebedew ?bersetzte. Orlow sah Matthias an.

Dass Sie pr?zise antworten. Nicht dass man einem Jugendlichen beibringt, einen Panzer zu vernichten.

Matthias schwieg. Er hatte auf Fallen gewartet, doch der Hauptmann trennte zu oft zwischen Tatsache und Bewertung. Das entzog seiner gewohnten Abwehr den Boden.

Warum haben Sie gek?mpft?, fragte Orlow schlie?lich.

Die Antwort lag l?ngst bereit.

Wir haben Deutschland gegen den Bolschewismus verteidigt.

Deutschland hat sich nur verteidigt?

Ja.

Den ganzen Krieg?

Ja.

Orlow sah in seine Notizen.

Wo ist Ihr Vater gefallen?

Matthias spannte sich an.

Im Osten.

In der Sowjetunion?

Ja.

Was hat er dann dort verteidigt?

Matthias sp?rte K?lte in der Brust.

Es war ein Pr?ventivkrieg.

Gegen welche konkrete Gefahr?

Die Sowjetunion bereitete einen Angriff vor.

Woher wissen Sie das?

Das ist bekannt.

Als Deutschland die Sowjetunion angriff, waren Sie elf?

Ja.

Dann hat man Ihnen die sowjetischen Operationspl?ne wohl kaum gezeigt.

Matthias wurde rot.

Ich habe dar?ber gelesen.

Was genau?

Er versuchte sich zu erinnern. Zeitungsartikel. Brosch?ren. Reden. Kein einziges Dokument. Orlow dr?ngte nicht weiter.

Polen?

Matthias schwieg.

Norwegen? Belgien? Die Niederlande?

Ich kenne die Einzelheiten nicht.

Der Hauptmann nickte unerwartet.

Gut. Dann verlangen wir keine Antwort auf etwas, das Sie nicht wissen.

Der Satz wirkte st?rker als Druck. Matthias war es gewohnt, dass fehlende Antworten Schw?che bedeuteten. Bei Versammlungen, in der Schule, bei Schulungen musste man sicher sprechen, selbst wenn man etwas nicht wusste. Zweifel galten als mangelnde ?berzeugung. Hier erlaubte ein erwachsener Offizier ihm, etwas nicht zu wissen  und nahm ihm damit gewisserma?en die M?glichkeit, sich hinter einer fertigen Formel zu verstecken. Orlow bl?tterte um.

Halten Sie sich f?r einen Soldaten?

Ja.

Dienstgrad?

Keinen.

Milit?rische Einheit?

Matthias schwieg.

Kommandeur?

Becker hat uns gef?hrt.

Ist er Soldat?

Ich wei? es nicht.

Dann noch einmal: Warum halten Sie sich f?r einen Soldaten?

Ich habe gek?mpft.

Das beschreibt eine Handlung. Ich frage, wer Sie zum Soldaten gemacht hat.

Wut stieg in ihm auf.

Ich bin kein Kind.

Orlow legte den Bleistift beiseite.

Wie alt sind Sie?

Das habe ich schon gesagt.

F?nfzehn.

Na und?

Ein Gewehr macht einen Menschen nicht ?lter.

Matthias ballte die F?uste.

Ich habe selbst zugestimmt.

Das ist wichtig.

Er hatte mit Spott gerechnet, doch Orlow sprach ruhig weiter:

Sie tragen Verantwortung f?r das, was Sie getan haben. Aber die Erwachsenen tragen Verantwortung daf?r, dass sie Sie dorthin gestellt haben, wo Sie es tun mussten. Das eine hebt das andere nicht auf.

Matthias war verwirrt. F?r ihn hatte es nur zwei M?glichkeiten gegeben: Entweder war er ein Held, der seine Pflicht bewusst angenommen hatte, oder ein Kind, f?r das keinerlei Verantwortung gelten konnte. Orlow bot eine dritte M?glichkeit an  unangenehm und kompliziert. Matthias konnte zugleich ein Jugendlicher sein, den man benutzt hatte, und ein Mensch, der dennoch selbst den Abzug bet?tigt hatte. Dahinter lie? sich weder das Alter noch Heldentum als Versteck benutzen.

Wenn erwachsene M?nner das Land verteidigten, fuhr Orlow fort, warum brauchte man dann einen f?nfzehnj?hrigen Jungen?

Weil Krieg war.

Das ist keine Antwort.

Jeder muss sein Vaterland verteidigen.

Auch Kinder?

Ich bin kein Kind.

Orlow atmete m?de aus.

Gut. Waren Sie mit zehn ein Kind?

Ja.

Mit zw?lf?

Matthias z?gerte.

Wahrscheinlich.

Mit vierzehn?

Er begriff, wohin die Frage f?hrte, und schwieg. Der Hauptmann l?chelte nicht.

Genau deshalb frage ich nicht nach dem Wort, sondern nach der Grenze. Wer hat sie gezogen? Sie selbst? Becker? Ein Staat, dem die erwachsenen Soldaten ausgingen?

Matthias sp?rte, wie sein Gesicht hei? wurde.

Sie wollen, dass ich sage, ich sei gezwungen worden.

Nein.

Aber genau das wollen Sie beweisen.

Ich beweise Ihnen gar nichts. Ich halte fest, was geschehen ist.

Warum dann die Fragen?

Orlow sah ihn lange an, fast neugierig.

Weil Tatsachen ohne Fragen oft sehr bequem werden.

Matthias sah zu Lebedew. Der schwieg. Das Verh?r endete ohne Gest?ndnisse, ohne Drohungen, ohne die Forderung nach Reue. Niemand zwang Matthias zu sagen, Deutschland sei schuldig. Niemand verlangte von ihm, sich selbst einen Verbrecher zu nennen. Man erlaubte ihm sogar, einen falsch notierten Familiennamen im Protokoll zu korrigieren. Gerade das beunruhigte ihn am meisten. Auf dem R?ckweg holte er Lebedew im Flur ein.

Du hast gesagt, deine Mutter sei wegen der Deutschen gestorben.

Ja.

Wo?

In Leningrad. Verhungert.

Deine Schwester auch?

Ja. Sie war elf.

Matthias blieb stehen. Er hatte von Leningrad geh?rt. Karten, Meldungen, milit?rische Kommentare. Die Stadt war eingeschlossen. Die Versorgung unterbrochen. Der Widerstand ging weiter. Alles war in einer Sprache beschrieben worden, in der Hunger als Mittel erschien, Druck auf eine Garnison auszu?ben.

Dort waren Soldaten, sagte er.

Ja.

Dann war die Stadt ein milit?risches Ziel.

Ja.

Wieder war die Antwort unbequem. Matthias hatte erwartet, Andrej w?rde sagen: Nein, dort waren nur Frauen und Kinder. Dann h?tte man widersprechen k?nnen. Doch Lebedew best?tigte das Offensichtliche und stellte eine zweite offensichtliche Wahrheit daneben.

Und Zivilisten waren auch dort, f?gte er hinzu.

Matthias senkte den Blick.

Erz?hlst du mir das, damit ich mich schuldig f?hle?

Du hast gefragt.

Aber ich bin Deutscher.

Das ist eine Tatsache der Geburt. Kein Urteil.

Und wenn mein Vater dort war?

Dann muss man herausfinden, was dein Vater getan hat.

Und wenn er etwas Schlechtes getan hat?

Lebedew schwieg einen Moment.

Dann w?re das eine Wahrheit ?ber deinen Vater. Nicht ?ber dich.

Matthias sp?rte beinahe k?rperlichen Schmerz.

Du hast leicht reden.

Nein.

Andrej sah aus dem Fenster. Der Hof war voll mit Fahrzeugen, Tragen und Menschen.

Ganz und gar nicht.

Sie erreichten die T?r.

Noch etwas, sagte Andrej. Glaub mir nicht nur deshalb, weil ich sicher klinge.

Matthias runzelte die Stirn.

Warum?

Weil Sicherheit einen Menschen nicht recht haben l?sst.

Wem soll ich dann glauben?

Tatsachen. Zeugen. Mehreren Quellen. Manchmal dir selbst  aber vorsichtig.

Das ist unm?glich.

Ja.

Was hei?t ja?

Es ist unm?glich zu leben, ohne sich je zu irren.

Matthias sah ihn an und verstand nicht, weshalb der Gedanke zugleich fast wie Befreiung und wie eine Drohung klang.

Sieh selbst hin, fuhr Andrej fort. Vergleiche. Pr?fe. Entscheide.

Und wenn ich entscheide, dass du l?gst?

Dann entscheidest du das.

Lebedew ging. Matthias blieb lange auf seinen Kr?cken im Flur stehen, bis ein Sanit?ter ihn aufforderte weiterzugehen. Sein ganzes Leben hatte man ihm beigebracht, nach einem Menschen zu suchen, dem man die richtige Antwort anvertrauen konnte. Zum ersten Mal verzichtete ein Erwachsener auf dieses Recht. Und Matthias wusste noch nicht, dass die Freiheit, selbst zu denken, sich zun?chst nicht wie Freiheit anf?hlt, sondern wie der Verlust einer St?tze. Nach dem Verh?r war er so w?tend, dass er fast zitterte. Er hatte mit Dem?tigungen, Drohungen, mit dem Versuch gerechnet, ihn von Deutschland abzubringen. Stattdessen hatte er ein paar Fragen bekommen, die nun auch ohne Orlow weiterklangen. Warum war sein Vater in der Sowjetunion gewesen? Warum hatte man einem F?nfzehnj?hrigen eine Waffe gegeben? Warum nannte man einen Krieg, der weit jenseits der deutschen Grenzen begonnen hatte, Verteidigung? Matthias legte sich mit dem Gesicht zur Wand und suchte nach Antworten. Nicht f?r die Russen  f?r sich.

Polen hatte Deutschland bedroht. Die Alliierten hatten Deutschland eingekreist. Der Bolschewismus hatte einen Angriff vorbereitet. Pr?ventivkrieg. Europa war vor dem Kommunismus gerettet worden. So hatten Lehrer und Radio gesprochen. Matthias ging die Formeln durch, als bl?ttere er in einem Lehrbuch. Das Problem war, dass nun jeder Satz eine weitere Frage verlangte. Wer sagte das? Woher wusste man es? Wann? Welche Dokumente? Lebedew hatte ihm gewisserma?en die vertraute Sprache verdorben. Fr?her beendete eine Behauptung ein Gespr?ch. Jetzt er?ffnete sie es erst. Matthias hasste diesen Zustand. Sein Kopf schmerzte st?rker als sein R?cken. Wenigstens f?r eine Stunde wollte er seine Gewissheit zur?ck. Er rief Anna und bat um Papier. Oben schrieb er: Warum Deutschland recht hatte. Der erste Satz fiel leicht: Wir verteidigten Europa gegen den Bolschewismus. Darunter stand, beinahe gegen seinen Willen, ein zweiter: Wer hat entschieden, dass man daf?r in die Sowjetunion einmarschieren musste? Matthias strich die Frage durch und schrieb das n?chste Argument.

Einige Minuten sp?ter stand daneben wieder eine Frage. Am Abend war das Blatt von Strichen durchzogen. Matthias zerkn?llte es und warf es zu Boden. Lebedew, der sp?ter hereinkam, hob den Papierball auf.

Lies das nicht.

Andrej legte das zerkn?llte Blatt auf den Nachttisch.

Tue ich nicht.

Ist es dir egal?

Nein.

Warum liest du es dann nicht?

Weil du gesagt hast, ich soll es nicht lesen.

Matthias starrte ihn an. Selbst der Respekt vor einer Bitte ?rgerte ihn. Alles, was Andrej tat, nahm Matthias auf irgendeine Weise den bequemen Feind.

Ich hasse dich, sagte er.

Vielleicht.

Nicht vielleicht. Ich hasse dich.

Gut.

Das ist alles?

Was soll ich sonst tun?

Matthias wandte sich ab. Einige Minuten sp?ter sagte er leiser:

Wegen dir war vorher alles einfacher.

Andrej schwieg lange.

Ich wei?.

An diesem Abend begriff Matthias zum ersten Mal, dass er sich l?ngst nicht mehr gegen einen Menschen wehrte. Er wehrte sich gegen die Notwendigkeit, selbst zu antworten. Zum n?chsten Verh?r meldete er sich freiwillig. Orlow war ?berrascht, stimmte aber zu.

M?chten Sie etwas erg?nzen?

Nein. Ich m?chte etwas fragen.

Der Hauptmann legte den Bleistift beiseite. Matthias brauchte lange, um die Frage zu formulieren.

Wenn Sie glauben, dass Deutschland angegriffen hat  warum fragen Sie dann mich? Sie kennen die Antwort doch schon.

Orlow sah zu Lebedew, der ?bersetzte, dann wieder zu Matthias.

Ich wei?, wann deutsche Truppen die Grenze der Sowjetunion ?berschritten haben. Das ist eine Tatsache. Ich wei? nicht, was man Ihnen dar?ber erz?hlt hat und warum Sie es geglaubt haben. Das ist eine andere Frage.

Aber es n?tzt Ihnen doch, wenn ich sage, dass man uns belogen hat.

M?glicherweise.

Matthias zuckte ?berrascht zusammen.

Wie soll ich Ihnen dann glauben?

Das m?ssen Sie nicht.

Lebedew l?chelte kaum merklich: eine vertraute Formel. Orlow fuhr fort:

Genau deshalb gibt es Dokumente. Daten. Befehle. Aussagen verschiedener Menschen. Gut ist ein Schluss, den man pr?fen kann, unabh?ngig davon, ob er mir n?tzt oder nicht.

Matthias schwieg. Er hatte Propaganda in umgekehrter Richtung erwartet  einen russischen Becker, nur mit einem anderen Abzeichen. Stattdessen r?umte der Offizier ein, dass auch er Interessen hatte, und forderte ihn auf zu pr?fen. Das machte die Russen nicht automatisch zu den Richtigen. Aber es ver?nderte die Art des Gespr?chs.

Und wenn Ihre Dokumente auch L?gen sind?

Dann suchen Sie andere.

Wo?

Orlow rieb sich m?de den Nasenr?cken.

Nach dem Krieg wird es genug Arbeit f?r Menschen geben, die Archive lesen k?nnen.

Damals kam Matthias der Satz beinahe sinnlos vor. Jahre sp?ter w?rde er sich an der Universit?t daran erinnern. Vorerst kehrte er mit einer neuen Form von ?rger in den Saal zur?ck: Nicht einmal der Feind gab ihm einen bequemen Grund, auf das Denken zu verzichten.

Kapitel 5. Vor dem Krieg

Vor dem Krieg war sein Vater Lehrer gewesen. Matthias brauchte fast zwei Jahre nach dessen Tod, um diese einfache Tatsache zu vergessen und Friedrich Kr?ger in ein Foto mit Trauerrand zu verwandeln. Auf dem Bild sah der Vater viel zu ernst aus. Hohe Stirn, runde Brille, der Kragen geschlossen. Genau so erinnerte Matthias ihn sp?ter am h?ufigsten  als w?rde ein Mensch nach und nach seinem eigenen amtlichen Portr?t ?hnlich werden. In Wirklichkeit war Friedrich Kr?ger unbequem, zerstreut und manchmal komisch. Er verga?, Schrankt?ren zu reparieren, las beim Essen, legte Bleistifte in die Zuckerdose und erschien einmal bei einer Schulversammlung mit zwei verschiedenen Socken, ohne es bis zum Abend zu bemerken. Die Mutter sagte ver?rgert, ein Mensch, der zwei Stunden ?ber die Weimarer Klassik sprechen k?nne, d?rfe ruhig lernen, vor dem Regen das Fenster zu schlie?en. Der Vater unterrichtete Geschichte und Literatur. Manchmal korrigierte er zu Hause Hefte und schimpfte laut ?ber die Floskeln seiner Sch?ler.

Unser gro?er deutscher Geist. Was soll das ?berhaupt hei?en?, sagte er.

Matthias, damals neun oder zehn, lachte.

Dass wir gro? sind.

Eine sehr bequeme Erkl?rung.

Sind wir etwa nicht gro??

Einzelne Deutsche waren gro?. Andere waren dumm. Wieder andere Verbrecher. Ein Land macht nicht alle Menschen gleich.

Damals hielt Matthias das f?r langweilige Erwachsenenklauberei. Sonntags nahm der Vater ihn manchmal mit zum Fluss. Angeln mochte Matthias nicht. Er fand es unsinnig, bewegungslos auf einen Fisch zu warten, den man auch kaufen konnte. Doch auf dem Weg erz?hlte der Vater Geschichten  keine Schuljahreszahlen, sondern Einzelheiten: wie Schriftsteller stritten, wie K?nige Angst hatten, wie Minister sich irrten, wie Revolution?re nach ihrem Sieg zu Beamten wurden.

Warum steht davon so wenig in den Lehrb?chern?, fragte Matthias einmal.

Weil ein Lehrbuch gerade Linien liebt. Das Leben liefert sie selten.

Ein anderes Mal, als eine Kolonne Soldaten an ihnen vorbeimarschierte, sagte der Vater:

Merk dir eines: Ein Land braucht eine Armee. Aber ein Land ist nicht seine Armee. Wenn dir irgendwann jemand sagt, Deutschland existiere nur dort, wo Soldaten marschieren, glaub ihm nicht.

Warum?

Weil Deutschland dann ohne Krieg aufh?ren w?rde zu existieren.

Matthias war zehn. Er behielt nur den letzten Satz und verga? ihn bald. Dann kam die Organisation. Zun?chst war alles einfach und anziehend. Wanderungen. Lagerfeuer. Sport. Wettk?mpfe. Eine neue Uniform. Das Gef?hl, ?lter zu werden und zu einer riesigen Gemeinschaft zu geh?ren, in der jeder seinen Platz kannte. Matthias kam aufgeregt nach Hause und erz?hlte von M?rschen, Liedern, Aufgaben. Der Vater h?rte zu. Er verbot nichts. Einmal fragte die Mutter:

Warum h?ltst du ihn nicht davon ab?

Weil ein Verbot sie interessanter machen w?rde als mich.

Und so?

So wird er wenigstens reden.

Der Vater tat etwas Schlimmeres als jedes Verbot: Er stellte Fragen.

Der F?hrer hat gesagt, die Juden seien schuld an der Niederlage und an der Armut, erz?hlte Matthias einmal.

Welche Juden genau?

Was?

Namen.

Das wei? doch jeder.

Das wei? doch jeder ist ein gef?hrlicher Satz.

Warum?

Weil man danach meistens aufh?rt zu pr?fen.

Matthias wurde w?tend.

Du widersprichst immer.

Berufskrankheit.

Warum kannst du nicht einfach f?r Deutschland sein?

Der Vater nahm die Brille ab.

Wer sagt, dass man gegen Deutschland ist, nur weil man einem Deutschen widerspricht?

Damals glaubte Matthias, sein Vater habe Angst vor der neuen Zeit. Das Land ver?nderte sich rasch: Fahnen, Paraden, Reden, Baustellen, Uniformen, ein Gef?hl von St?rke nach Jahren der Dem?tigung. Die Zweifel eines Lehrers wirkten kl?glich neben der Gewissheit der M?nner auf den Trib?nen. Das Gef?hrlichste geschah beinahe unmerklich. Die W?rter ver?nderten sich. Zuerst Kameradschaft. Dann kam Einheit dazu. Sp?ter Reinheit. Blut. Treue. Feind. Opfer. Matthias erinnerte sich an keinen Tag, an dem er begonnen hatte, sie ernst zu benutzen. Sie waren einfach in seine Sprache eingedrungen wie neue Redewendungen, die man von ?lteren aufschnappt.

Auch in der Schule ver?nderten sich manche Lehrer. Einer verschwand. Man sagte, er sei versetzt worden. Ein anderer begann jede Stunde mit einer politischen Meldung. An den W?nden erschienen Portr?ts. Geschichte wurde nach und nach zum Beweis daf?r, dass die Gegenwart zwangsl?ufig und richtig sei. Der Vater ?rgerte sich immer h?ufiger. Eines Abends riss er einen Artikel aus der Zeitung und legte ihn vor Matthias.

Lies die ?berschrift.

Die j?dische Bedrohung der deutschen Kultur.

Und jetzt den Artikel.

Matthias las.

Wie viele konkrete Tatsachen stehen darin?

Was?

Namen, Daten, Dokumente, Handlungen.

Matthias suchte. Fast nichts.

Warum steht es dann da?

Weil es wahr ist.

Woher wei?t du das?

Jetzt f?ngst du schon wieder an.

Er ging und schlug die T?r zu. Sp?ter sagte die Mutter:

Du k?nntest etwas sanfter sein.

Der Vater antwortete so leise, dass Matthias ihn nur h?rte, weil er hinter der T?r stand:

Ich f?rchte, sp?ter ist es zu sp?t.

Im Sommer 1941 kam genau dieses sp?ter. Am Morgen meldete das Radio den Beginn des Krieges gegen die Sowjetunion. Matthias h?rte zu und empfand zugleich Erregung und Angst. Die Rede war in sich geschlossen: Gefahr aus dem Osten, Pr?ventivschlag, Verteidigung Europas. Der Vater schwieg lange beim Fr?hst?ck. Dann sagte er:

Wir haben angegriffen.

Die Mutter hob ruckartig den Kopf.

Friedrich, nicht vor den Kindern.

Er ist zw?lf. In ein paar Jahren k?nnen sie ihn in den Krieg schicken. Dann soll er wenigstens wissen, wer zuerst die Grenze ?berschritten hat.

Du wiederholst feindliche Propaganda, platzte Matthias heraus.

Der Vater sah ihn ohne Zorn an.

Eine Grenze ist keine Propaganda.

Matthias hasste ihn f?r diese Ruhe. An jenem Tag ging er zur Schulung, ohne sich zu verabschieden. Die ersten Kriegsmonate schienen allen recht zu geben, nur dem Vater nicht. Eine Erfolgsmeldung folgte der n?chsten, auf der Karte r?ckten die St?dte immer weiter nach Osten, die F?hrer sprachen vom nahen Sieg. Abends empfand Matthias beinahe Genugtuung, wenn er den Vater ansah: Siehst du. Friedrich widersprach nicht.

Sp?ter kamen die Briefe von Bekannten seltener. In immer mehr H?usern standen Fotos mit Trauerrand. Die Meldungen ?nderten ihren Ton. Matthias bemerkte es nicht oder wollte es nicht bemerken. Dann wurde der Vater eingezogen. Nicht sofort. Alter, Beruf und irgendwelche Zur?ckstellungen hielten ihn l?nger zu Hause als viele andere. Als der Einberufungsbefehl schlie?lich kam, setzte sich die Mutter an den Tisch und sah lange auf das Papier. Der Vater las es zweimal, faltete es zusammen und sagte:

Nun gut.

Matthias hatte eine andere Reaktion erwartet. Entschlossenheit. Stolze Worte. Stattdessen reparierte der Vater am Abend endlich die seit Monaten kaputte Schrankt?r.

Warum ausgerechnet jetzt?, fragte Matthias.

Damit deine Mutter hinterher nicht schimpft, ich sei gegangen und h?tte sie so zur?ckgelassen.

Du kommst doch zur?ck.

Der Vater sah ihn an.

Ich hoffe es.

Das Wort machte Matthias w?tend.

Nach dem Sieg kommen alle zur?ck.

Matthias.

Was?

Verlange von Menschen keine Versprechen, die sie nicht geben k?nnen.

Vor seiner Abreise holte der Vater den Goethe-Band hervor.

Nimm ihn.

Wozu?

B?cher ?berleben manchmal Menschen.

Nicht schon wieder.

Ich habe nicht vor zu sterben. Aber der Tod fragt nicht nach meinen Pl?nen.

Matthias wollte das nicht h?ren. An der T?r legte der Vater ihm die Hand auf die Schulter.

Merk dir eine Sache. Lass niemanden f?r dich denken.

Ich kann selbst denken.

Dann gib diese F?higkeit nicht ab. Nicht an mich. Nicht an einen Lehrer. Und nicht an einen Mann in der sch?nsten Uniform der Welt.

Matthias nickte nur, damit das Gespr?ch zu Ende war. Die Briefe aus dem Osten kamen unregelm??ig. ?ber K?mpfe schrieb der Vater fast nie. Er fragte nach der Schule, nach der Mutter, nach Lotta. Er klagte ?ber die K?lte, den Schlamm und dar?ber, dass B?cher im Feld schnell verdarben. Einige Male standen merkw?rdige S?tze darin. Hier ist vieles nicht so, wie man es uns zu Hause erz?hlt hat. Menschen bleiben Menschen, auch wenn es f?r uns bequemer w?re, sie nur f?r Feinde zu halten. Manchmal ist es leichter, einen Befehl auszuf?hren, als sich sp?ter an ihn zu erinnern. Matthias hielt sich an diesen Zeilen nicht auf. Sie st?rten das klare Bild. 1943 kam die Todesnachricht. Die Mutter ?ffnete den Umschlag am Fenster. Zuerst las sie schweigend, dann setzte sie sich. Lotta verstand nicht, was geschah. Matthias riss ihr das Papier aus der Hand. Den Heldentod gestorben. Drei Worte. Er las sie immer wieder. Sie wurden zu seiner Rettung.

Wenn der Vater heldenhaft gefallen war, hatte sein Tod einen h?heren Sinn. Wenn er einen Sinn hatte, war der Krieg notwendig. Wenn der Krieg notwendig war, beleidigte jeder Zweifel daran den Vater. Die Logik war einfach, beinahe makellos, und gerade deshalb hielt Matthias so fest an ihr. Schmerz wurde zu Pflicht. Die Organisation griff das rasch auf. Becker fand die richtigen Worte:

Dein Vater hat seine Pflicht erf?llt. Jetzt musst du dich seiner w?rdig erweisen.

Matthias richtete sich auf. Mit jedem Lob wurde der Vater ein wenig weniger lebendig und ein wenig mehr zu einem Denkmal. Matthias h?rte auf, sich daran zu erinnern, wie Friedrich den Regenschirm verga? oder schlecht sang. Er erinnerte sich nur noch an die Uniform, das Foto, die Todesanzeige. Seine Trauer wurde f?r die Ideologie gerade deshalb so brauchbar, weil Matthias selbst diese Brauchbarkeit wollte. Nun, da er im Lazarett zwischen ebenjenen Russen lag, vor denen er angeblich die Erinnerung an seinen Vater sch?tzen musste, fiel ihm pl?tzlich der letzte Satz an der Haust?r wieder ein. Lass niemanden f?r dich denken. Die Erinnerung besch?mte ihn beinahe k?rperlich. Nicht weil er seinen Vater weniger liebte. Im Gegenteil. Zum ersten Mal begriff er: Vielleicht hatte er zwei Jahre lang den Tod des Vaters genau auf die Weise verteidigt, vor der der Vater sich am meisten gef?rchtet hatte. Matthias versuchte den Gedanken zu vertreiben. Am Abend kam er wieder. In der Nacht ebenfalls.

Am Morgen war er auf Lebedew w?tend, obwohl dieser gar nicht gekommen war. So begann der Widerstand. Nicht gegen die Russen. Gegen sich selbst. Am folgenden Tag kamen die Erinnerungen an den Vater ungeordnet. Nicht der Krieg. Nicht die Todesnachricht. Zuerst gew?hnliche Dinge. Friedrich Kr?ger sitzt am Tisch, korrigiert Schulhefte und unterstreicht bei drei Sch?lern mit rotem Stift dasselbe Wort. Er ?rgert sich, dass die Kinder eine fertige Formulierung aus dem Lehrbuch wiederholen. Wenn alle dasselbe geschrieben haben, dann habe entweder ich genial erkl?rt, oder niemand hat gedacht, sagt er zur Mutter. Matthias ist zehn. Er lacht, ohne zu verstehen. Ein anderer Abend. Der Vater h?rt Radio und schaltet pl?tzlich aus.

Warum?

Weil der Mann viel zu sicher ?ber Dinge spricht, die er gar nicht wissen kann.

Aber im Radio wurde es offiziell gesagt.

Offiziell bezeichnet die Herkunft einer Behauptung. Es ist kein Beweis.

Damals hatte Matthias die Augen verdreht. Sein Vater verstand es, selbst Nachrichten zu verderben. Nach Matthias Eintritt in die Hitlerjugend wurden die Gespr?che h?ufiger. Keine lauten Skandale. Gerade Gespr?che  deshalb nervten sie umso mehr. Friedrich fragte, was ihm an der Schulung gefallen habe, was der F?hrer gesagt habe, weshalb die Jungen den Eid mit genau diesen Worten wiederholten.

Bist du gegen die Organisation?, fragte Matthias einmal.

Der Vater sah ihn aufmerksam an.

Ich bin dagegen, dass irgendeine Organisation gr??er wird als dein Gewissen.

Das sind sch?ne Worte.

Ja. Genau deshalb solltest du ihnen nicht allein wegen ihrer Sch?nheit glauben.

Matthias war hinausgegangen und hatte die T?r zugeschlagen. Jetzt, in der Erinnerung, empfand er beinahe k?rperliche Dem?tigung. Wie oft hatte der Vater ihm Warnungen hinterlassen, und Matthias hatte sie zu l?stigen Eigenheiten eines Erwachsenen erkl?rt. Nach dem Tod war alles Unbequeme verschwunden. ?brig blieb die Figur eines Soldaten, die man neben jeden beliebigen Slogan stellen konnte. Das Schwerste war nicht, dass die Organisation seine Trauer benutzt hatte. Matthias selbst hatte sich benutzen lassen. Er brauchte einen Sinn. Er brauchte einen Grund daf?r, dass der Vater nicht zur?ckgekommen war. Ein zuf?lliger Splitter, ein falscher Befehl, der politische Wille anderer Menschen  all das war unertr?glich. Viel leichter war: Er fiel f?r Deutschland. Dann wurde der Tod zu einem Preis und nicht zu einem Verlust. Matthias lag da und dachte, dass Menschen eine Ideologie manchmal nicht deshalb verteidigen, weil sie ?berzeugend ist, sondern weil sie ohne sie einen alten Schmerz noch einmal von vorn durchleben m?ssten. Dieser Gedanke ersch?pfte ihn st?rker als die ?bungen f?r seine Beine. Als Lebedew kam, fragte Matthias:

Wenn sich herausstellt, dass mein Vater umsonst gestorben ist  was soll ich dann tun?

Andrej antwortete nicht sofort.

Ich wei? es nicht.

Matthias l?chelte ohne Zorn.

Nat?rlich.

Aber ein Mensch hat nicht umsonst gelebt, nur weil der Grund, aus dem er starb, eine L?ge war.

Matthias sah ihn an. Der Gedanke war noch zu schwer, um ihn anzunehmen. Zum ersten Mal versuchte er jedoch nicht, ihn sofort zur?ckzuweisen. In einem der letzten Briefe hatte der Vater von einem russischen Lehrer geschrieben, den er in irgendeinem Dorf getroffen hatte. Der Brief war schlecht erhalten; ein Teil einer Zeile war vom Wasser verwischt. Friedrich nannte keinen Namen und erkl?rte fast nichts. Heute habe ich mit einem Mann gesprochen, der vor dem Krieg Kinder unterrichtete. Wir verstanden einander kaum, aber offenbar ist die M?digkeit eines Lehrers international. Er zeigte mir ein altes Schulbuch. Ich dachte, unter anderen Umst?nden h?tten wir ?ber Unterrichtsmethoden gestritten, statt uns in Uniform gegen?berzustehen. Matthias hatte diesen Absatz fr?her ?berlesen. Nichts daran war heldenhaft. Jetzt las er ihn immer wieder. Sein Vater war im Osten einem Menschen begegnet, der nicht in das Wort Russe passte. Genau wie Matthias Lebedew begegnet war. Die Wiederholung wirkte beinahe unheimlich.

Warum hat er nicht mehr dar?ber geschrieben?, fragte Matthias seine Mutter.

Wahrscheinlich hatte er Angst vor der Zensur.

Oder vor sich selbst.

Die Mutter sah ihn an.

Wie meinst du das?

Wenn man zu viel schreibt, muss man zugeben, dass der Feind einem ?hnlich ist.

Sie schwieg lange.

Vielleicht.

Zum ersten Mal h?rte Matthias dieses Wort von seiner Mutter, ohne dass es ihn ?rgerte. Dann holte sie aus einer Schublade noch zwei Briefe, die sie ihm bisher nicht gezeigt hatte.

Warum?

Nach seinem Tod warst du zu w?tend.

Das sind auch meine Briefe.

Nein. Sie waren an mich.

Matthias wollte widersprechen, hielt jedoch inne. Noch eine Grenze: N?he gibt kein Recht auf alles. Die Mutter reichte ihm die Bl?tter von sich aus. In einem schrieb der Vater, er sei der S?tze ?ber Deutschlands Schicksal m?de. Immer h?ufiger w?nsche ich mir, Deutschlands Schicksal k?me ein paar Tage ohne mich aus, stand dort. Matthias empfand zugleich Erleichterung und Kr?nkung. Warum hatte der Vater ihm das nie gesagt? Warum hatte er den Sohn mit Becker und den sch?nen Worten allein gelassen? Dann begriff er, wie ungerecht die Frage war. Der Vater war an die Front gegangen, als Matthias noch ein Kind gewesen war. Vielleicht hatte er geglaubt zur?ckzukehren und das Gespr?ch sp?ter fortsetzen zu k?nnen. Der Krieg nahm nicht nur den Menschen. Er brach auch ein Gespr?ch mitten im Satz ab.

Jetzt musste Matthias es allein fortf?hren. Einmal, noch vor dem Krieg, hatte die Mutter ihn dabei ertappt, wie er ein Foto einer Hitlerjugendkolonne aus der Zeitung schnitt. Er wollte es ?ber seinen Schreibtisch h?ngen.

Sch?n, hatte sie gesagt.

Er freute sich.

Ja.

Genau deshalb sei vorsichtig.

Matthias verstand nicht.

Womit?

Mit sch?nen Dingen, die dein Einverst?ndnis verlangen.

Er hatte die Schultern gezuckt. Die Mutter sprach selten ?ber Politik, deshalb hatte er die Bemerkung nicht als wichtig behalten. Jetzt tauchte sie mit unangenehmer Klarheit wieder auf. In ihrer Familie hatte es keinen heimlichen Widerstand gegeben. Niemand h?rte nachts verbotene Sender, versteckte Verfolgte oder druckte Flugbl?tter. Der Vater zweifelte und ging trotzdem zum Milit?r. Die Mutter hatte Angst und schwieg. Sie waren gew?hnliche Menschen  und genau das w?rde sp?ter zu dem schwierigsten Material f?r Matthias Nachdenken werden. Das B?se braucht nicht immer Fanatiker. Manchmal gen?gen ihm Millionen Menschen, die ihr gewohntes Leben nicht aufs Spiel setzen wollen. Doch so weit konnte der f?nfzehnj?hrige Matthias noch nicht denken. Zuerst musste er sich etwas anderes erlauben: anzuerkennen, dass sein Vater zweifeln und dennoch gehorchen konnte. Das zerst?rte die bequeme Einteilung in Helden und Feiglinge.

Am Abend bat er darum, den Goethe-Band zur?ckzubekommen. Lebedew brachte ihn. Matthias ?ffnete den Vorsatz. Die Initialen des Vaters waren noch da. Auf einigen Seiten standen alte Fragezeichen, Unterstreichungen und kurze Bleistiftnotizen.

Hast du die Randbemerkungen gelesen?, fragte er.

Einige.

Das ist privat.

Ja. Entschuldige.

Matthias hatte sich schon darauf vorbereitet, ihm Taktlosigkeit vorzuwerfen, doch eine einfache Entschuldigung nahm dem Streit die Energie. Er fuhr mit dem Finger ?ber eine Zeile seines Vaters: Wer im Namen des Volkes spricht, wird dadurch noch nicht zum Volk. Matthias sah lange darauf. Er konnte sich nicht erinnern, dass der Vater diesen Satz je laut gesagt hatte. Zum ersten Mal war das Buch kein Denkmal f?r den Vater, sondern ein Gespr?ch mit einem Menschen, dem Matthias zu Lebzeiten vielleicht zu wenig zugeh?rt hatte. Er schloss den Band und lie? die Hand lange auf dem Einband liegen. Der Vater antwortete nicht und w?rde nie wieder antworten. Auch das musste man annehmen: Kein gefundener Zettel w?rde einen Menschen vollst?ndig erkl?ren. Es blieben Bruchst?cke, Widerspr?che, Erinnerungen anderer  und die Pflicht, daraus kein bequemes Urteil zu bauen. Matthias war noch nicht bereit dazu. Aber zum ersten Mal begriff er, dass Bereitschaft keine Voraussetzung f?r den ersten Schritt ist.

Kapitel 6. Die letzte Mauer

Im Fr?hjahr 1945 h?rte die Propaganda auf, den Sieg zu versprechen. Nun versprach sie dem Tod einen Sinn. Der Wandel geschah nicht an einem einzigen Tag. Noch im Winter sprach das Radio von neuen Waffen, Reservearmeen und einer Wende, die nach dem n?chsten Schlag angeblich kommen werde. In den Zeitungen waren die Pfeile auf den Karten sauber und gro? gezeichnet, sodass selbst ein R?ckzug manchmal fast wie ein Man?ver aussah. Eines Tages nahm der Geografielehrer in der Schule die Wandkarte ab und h?ngte sie nicht wieder auf: Die Frontlinien veralteten schneller, als man sie mit Kreide berichtigen konnte. Dann verschwanden die Versprechen einer neuen Offensive. Andere W?rter blieben: Pflicht, Treue, Ehre, Festung, Opfer. Matthias bemerkte es nicht sofort. Ihm schien, die Sprache sei dieselbe geblieben. Doch fr?her hatte man ihnen erkl?rt, warum sie siegen w?rden. Nun erkl?rte man ihnen, weshalb eine Niederlage nicht bedeuten d?rfe, am Leben zu bleiben.

Becker rief die Jugendlichen immer h?ufiger zusammen. Zuerst fanden die ?bungen auf dem Schulhof statt, dann in der Turnhalle, sp?ter im Keller, als die Luftangriffe h?ufiger wurden. Er sprach mit derselben Sicherheit wie fr?her, doch Matthias begann Kleinigkeiten zu bemerken, die ihm zuvor entgangen waren: Schwei? an den Schl?fen, Hast, gereizte Ungeduld, wenn jemand eine zu konkrete Frage stellte.

Wo sind unsere neuen Panzerverb?nde?, fragte eines Tages J?rgen Scholz, einer von Matthias Kameraden aus der Gruppe.

Becker sah ihn an, als w?re die Frage beinahe unanst?ndig.

Sie erf?llen Aufgaben, ?ber die ihr nichts zu wissen braucht.

Aber die Russen sind schon ganz nah.

Gerade deshalb muss jeder umso genauer seinen Platz kennen.

Die Antwort beantwortete nichts. Sie wurde nur fest genug ausgesprochen, damit alle schwiegen. Auf dem Schulhof stand ein langer Tisch. Darauf lagen Gewehre, Granaten und mehrere Panzerf?uste. Sie waren dreiundzwanzig Jungen. Der J?ngste war vierzehn, der ?lteste sechzehn. Die regul?re Einziehung zum Volkssturm betraf formal M?nner zwischen sechzehn und sechzig, doch in den letzten Kriegsmonaten wurden immer h?ufiger auch j?ngere Angeh?rige der Hitlerjugend zur Verteidigung herangezogen. Vor Ort verschwammen juristische Grenzen schnell. Ein Gewehr fragte nicht nach dem Geburtsdatum. Der vierzehnj?hrige Karl Weber betrachtete die Panzerfaust fast ehrf?rchtig.

Kann man damit wirklich einen Panzer aufhalten?

Der Ausbilder nickte.

Wenn du nicht die Nerven verlierst.

Der Satz blieb ?ber der ganzen Gruppe h?ngen. Nicht: Wenn du richtig schie?t, nicht: Wenn du nahe genug herankommst, sondern: Wenn du nicht die Nerven verlierst. Eine technische Fertigkeit wurde zur Charakterpr?fung. Matthias begriff das erst viel sp?ter. Damals gefiel ihm die Klarheit. Hier die Waffe. Dort der Feind. Hier die Entfernung. Dort die richtige Handlung. Nach Monaten beunruhigender Meldungen und wachsender Ungewissheit wirkte das beinahe beruhigend.

Jedes Haus muss zur Festung werden, sagte Becker. Jedes Viertel zur Linie. Jeder von euch ist die letzte Mauer.

Dreiundzwanzig Jungen richteten sich auf. Matthias ebenfalls. Die Angst kam am Abend, als er zum ersten Mal allein mit einer Panzerfaust im Schulflur stand. Die Waffe lehnte an der Wand neben dem Schrank, in dem fr?her geografische Karten aufbewahrt worden waren. Matthias streckte die Hand aus, ber?hrte das kalte Rohr und stellte sich einen Panzer vor, der direkt auf ihn zufuhr. Wie nah man ihn heranlassen musste. Wie man nicht zur?ckwich. Wie man schoss. In der theoretischen Anleitung geschah nach dem Schuss nichts. In Wirklichkeit konnte der Panzer weiterfahren. Die Infanterie konnte das Feuer er?ffnen. Man konnte daneben schie?en. Man konnte es ?berhaupt nicht mehr schaffen, die Waffe hochzurei?en. ?ber diesen Teil der Anweisung sprach niemand. Als Matthias fragte, wo man nach dem Schuss Deckung nehmen sollte, zeigte der Ausbilder auf einen T?rdurchgang.

Wenn du noch dazu kommst.

Und wenn nicht?

Der Mann zuckte mit den Schultern.

Dann hast du deine Pflicht erf?llt.

Matthias nickte, als h?tte er eine ersch?pfende Antwort bekommen. In der Nacht schlief er lange nicht ein. Seine Mutter ging durch die Wohnung und packte Dinge in eine Tasche f?r den Luftschutzkeller. Lotta sa? auf dem Boden und zeichnete. Matthias reinigte das Gewehr, das er vor der Einteilung mit nach Hause nehmen durfte.

Nimm das vom Tisch, sagte seine Mutter.

Warum?

Hier wird gegessen.

Das ist eine Waffe.

Das sehe ich.

In ihrer Stimme lag keine Angst, sondern Wut.

Du verstehst das nicht. Die Stadt muss verteidigt werden.

Die Mutter sah ihn lange an.

Vor wem?

Vor den Russen.

Und wer verteidigt dich?

Matthias legte den Lappen gereizt hin.

Ich kann mich selbst verteidigen.

Du bist f?nfzehn.

Na und?

Nichts.

Sie wandte sich ab. Dieses nichts verletzte ihn st?rker als ein Streit. Matthias wollte, dass seine Mutter stolz war. Er wollte h?ren: Du bist ein Mann geworden, dein Vater w?re stolz auf dich. Doch sie schwieg. Lotta fragte:

Wirst du auf Menschen schie?en?

Wenn es sein muss.

Und sie auf dich?

Matthias erstarrte.

St?r mich nicht.

Lotta sagte nichts mehr. Am n?chsten Tag h?rte die Schule endg?ltig auf, Schule zu sein. In der Turnhalle stapelte man Munition. Der Geografieraum wurde zum Verbandsplatz. An den W?nden hingen noch die Karten, doch zwischen den Schulb?nken standen Kisten mit Verb?nden. Im Flur roch es nach Kreide, Maschinen?l und Metall. Matthias ging durch das vertraute Geb?ude und war stolz darauf, dass pl?tzlich alles ernst geworden war. Niemand verlangte mehr von ihm, lateinische Endungen zu lernen. Die Geschichte war ins Geb?ude eingebrochen und hatte den Unterricht abgeschafft. Erst Jahre sp?ter w?rde er begreifen, wie leicht sich ein Jugendlicher von dem Gef?hl verf?hren l?sst, das gew?hnliche Leben sei vorbei und nun beginne das wirkliche. Becker verteilte die Stellungen.

Matthias bekam das Haus an der Kreuzung. Mit ihm wurden der Postbote Roth, der zum Volkssturm eingezogen worden war, und der ?rtliche Parteifunktion?r Falk dorthin geschickt, den Matthias von Kundgebungen kannte. Falk trug einen guten Mantel und sprach lauter als alle anderen.

Wir halten durch, bis Verst?rkung kommt.

Welche Verst?rkung?, fragte Roth.

Falk sah ihn ver?rgert an.

Befehl ist Befehl.

Ich habe nach der Verst?rkung gefragt.

Die operative Lage geht Sie nichts an.

Innerlich stand Matthias auf Falks Seite. Roth erschien ihm wie ein unangenehmer alter Mann, der st?ndig nach Gr?nden zum Zweifeln suchte. Stundenlang bereiteten sie das Haus vor. Sie schleppten M?bel, suchten Verbindungen zwischen den Wohnungen und schlugen Teile einer Wand heraus, um die Stellung wechseln zu k?nnen. Matthias arbeitete gewissenhaft, beinahe mit Freude. Handeln war leichter als denken.

Am Abend begann der Beschuss. Falk sprach von Standhaftigkeit, solange noch andere dabei waren. In der Nacht verschwand er. Matthias wachte von der Stille auf und begriff zun?chst nicht, was sich ver?ndert hatte. Dann sah er die leere Stelle an der Wand, wo Falks Mantel gelegen hatte. Auch der kleine Koffer, den er st?ndig bei sich behalten hatte, war weg.

Wo ist er?, fragte Matthias.

Roth zuckte mit den Schultern.

Weg.

Wohin?

Er hat keinen Zettel hinterlassen.

Er hat bestimmt einen anderen Auftrag bekommen.

Roth sah ihn an, sagte aber nichts.

Was?

Nichts.

Matthias hasste dieses erwachsene nichts. Tags?ber schossen sie kaum. Sowjetische Verb?nde bewegten sich durch eine andere Stra?e. Manchmal h?rten sie Motoren. Mehrmals pfiffen Granaten ?ber das Haus hinweg. Matthias wartete auf den Angriff und sp?rte, wie die Angst allm?hlich in Ersch?pfung ?berging. Roth sa? an der Wand und versuchte eine Zigarette anzuz?nden. Seine H?nde zitterten so stark, dass das Streichholz immer wieder erlosch.

Hast du Angst?, fragte Matthias.

Sofort bereute er die Frage. Roth bekam die Zigarette endlich an.

Ja.

Ich auch, wollte Matthias sagen.

Er sagte es nicht. Roth zog an der Zigarette.

Mein Sohn war siebzehn.

Matthias sah ihn an.

Gefallen bei K?nigsberg.

Matthias kannte die richtige Formel.

Als Held gefallen?

Roth drehte den Kopf. In seinem Gesicht lag etwas, das Matthias sofort begreifen lie?: Die Antwort war falsch.

Als mein Sohn, sagte Roth. Er ist als mein Sohn gefallen.

Matthias fand keine Worte. Nach einer Weile erz?hlte Roth, sein Sohn habe Tischler werden wollen. Er hatte kleine Modelle aus Holz gebaut. Mathematik schlecht gelernt. Angst vor dem Zahnarzt gehabt. Matthias h?rte zu und f?hlte sich unbehaglich. All das schien neben einem gefallenen Helden fehl am Platz. Ein Held musste stark, ernst und abgeschlossen sein. Roth gab seinem Sohn Kleinigkeiten zur?ck, als st?rte er absichtlich das sch?ne Erinnerungsbild.

Er wollte leben, sagte der Postbote.

Matthias widersprach:

Das will jeder. Aber die Pflicht ist wichtiger.

Roth sah ihn m?de an.

Wer hat dir das gesagt?

Matthias sp?rte den vertrauten ?rger.

Alle.

Roth l?chelte freudlos.

Pass auf mit diesem Wort.

In der Nacht ging er. Matthias wachte auf und sah, dass auch die zweite Matratze leer war. Auf einer Kiste lag Roths zur?ckgelassener G?rtel. Im Haus war es vollkommen still.

Feigling, sagte Matthias laut.

Er sagte es noch einmal, diesmal lauter.

Feigling.

Das Wort sollte alles erkl?ren. Tat es aber nicht. Wenn Roth bereits einen Sohn verloren hatte und nicht wollte, dass seine Frau eine zweite Todesnachricht bekam  warum war das Feigheit? Wenn Falk als Erster verschwunden war  warum sollten ausgerechnet die Jungen bleiben? Wenn man die Stadt nur noch mit dem Tod von Vierzehn-, F?nfzehn- und Sechzehnj?hrigen halten konnte, was genau verteidigten sie dann? Matthias verscheuchte die Fragen.

Am Morgen erschienen sowjetische Soldaten auf der Stra?e. Und Matthias begann zu schie?en. Beim ersten Mal zitterten seine H?nde. Nach dem Schuss wurde es leichter. Er wechselte das Fenster, wie man es ihm beigebracht hatte. Der zweite Schuss ging vorbei. Der dritte traf, glaubte er. Ein Soldat am Telegrafenmast setzte sich auf das Pflaster. Matthias empfand keine Freude. Er empfand Ruhe. Also war es nicht umsonst. Also war er echt. Also war Roth gegangen, weil er schwach war, und Matthias geblieben, weil er treu war. Mit jedem Schuss brauchte er diesen Gedanken dringender. Er schoss nicht mehr nur auf sowjetische Soldaten. Er verteidigte seine Entscheidung zu bleiben gegen den Zweifel.

Gegen Abend waren die Patronen aufgebraucht. Eine Explosion lie? einen Teil der Decke einst?rzen. Ein Splitter traf Matthias in den R?cken. Ein Balken begrub seine Beine. F?r einige Minuten verlor er das Bewusstsein. Als er wieder zu sich kam, pr?fte er als Erstes, ob die Granate noch da war. Die letzte Mauer. So hatte Becker gesagt. Jetzt, im Lazarett, kehrte die Erinnerung anders zur?ck. Falk war gegangen. Roth war gegangen. Becker hatte vermutlich ebenfalls gewusst, dass die Stadt nicht mehr zu halten war. Die Erwachsenen sahen Karten. H?rten Meldungen. Wussten, welche Verb?nde zur?ckwichen und welche Stra?en abgeschnitten waren. Sie besa?en all die Informationen, die dem f?nfzehnj?hrigen Matthias fehlten. Und trotzdem hatten sie dreiundzwanzig Jugendlichen gesagt, sie seien die letzte Mauer. Lange lag er da und starrte an die Decke.

Zuerst versuchte er Becker zu rechtfertigen. Vielleicht hatte er geglaubt, was er sagte. Vielleicht war der Befehl wirklich notwendig gewesen. Vielleicht hatte es Verst?rkung gegeben, die nur nicht gekommen war. Vielleicht hatte Falk tats?chlich einen geheimen Auftrag erhalten. Vielleicht war Roth einfach feige gewesen. Matthias ging die M?glichkeiten durch, bis er m?de wurde. Es brauchte zu viele vielleicht, um das alte Bild zu retten. Zum ersten Mal empfand er keinen Stolz darauf, geblieben zu sein. Er empfand Zorn. Nicht auf die Russen. Auf die Erwachsenen, die mehr gewusst und dennoch entschieden hatten, dass der Tod von Kindern w?rdiger sein k?nne als das Leben von Erwachsenen. Und dieser Zorn erschreckte ihn st?rker als jeder Zweifel. Denn wenn Becker falschliegen konnte, dann konnte es mehr als nur einen falschen Menschen geben.

Am n?chsten Tag war der Zorn nicht verschwunden. Im Gegenteil, er war ruhiger und dadurch schwerer geworden. Matthias ertappte sich dabei, auf Lebedews Kommen zu warten, nur um ihm alles auf einmal zu erz?hlen: von Becker, Roth, Falk, von den Erwachsenen, die mehr gewusst hatten. Doch als Andrej kam, sich wie gew?hnlich auf die Fensterbank setzte und fragte, wie es den Beinen gehe, schwieg Matthias pl?tzlich.

Was ist?, fragte Lebedew.

Nichts.

Daf?r ist dein nichts ziemlich w?tend.

Matthias wandte sich ab. Er hatte Angst, dass die Anklage, sobald er sie laut aussprach, nur zu einer neuen bequemen Antwort werden w?rde. Gestern waren die Russen an allem schuld gewesen. Heute Becker. Morgen lie?e sich wieder jemand finden. Und der eigene Platz in dieser Geschichte bliebe trotzdem leer.

Wenn man mir eine Waffe gegeben hat, hei?t das doch nicht, dass ich schie?en musste, sagte er schlie?lich.

Andrej antwortete nicht sofort.

Nein.

Matthias drehte sich gereizt zu ihm.

Du k?nntest wenigstens einmal sagen, dass ich an nichts schuld bin.

K?nnte ich. Aber es w?re nicht wahr.

Die Worte trafen h?rter, als Matthias erwartet hatte. Eine hei?e Welle stieg ihm ins Gesicht.

Ich bin f?nfzehn.

Ja.

Man hat mich ausgebildet.

Ja.

Man hat mir gesagt, es sei meine Pflicht.

Ja.

Was willst du denn noch?

Lebedew sah ihn ohne Mitleid, aber auch ohne Vorwurf an.

Nichts. Nur k?nnen zwei Dinge gleichzeitig wahr sein. Erwachsene tragen Verantwortung daf?r, dass sie dich dorthin gestellt haben. Und du warst trotzdem der Mensch, der den Abzug gedr?ckt hat.

Matthias umklammerte die Decke.

Bequem.

Im Gegenteil. Unbequem.

Das stimmte, und genau deshalb wollte er widersprechen. Einige Minuten schwiegen sie. Dann fragte Lebedew:

Wann hast du zum ersten Mal gemerkt, dass du Angst hattest?

Matthias l?chelte sp?ttisch.

Ich hatte keine Angst.

Andrej sagte nichts. Matthias hielt vielleicht zehn Sekunden durch.

In der Schule, brummte er. Als sie uns die Panzerfaust gaben.

Und was hast du gemacht?

Nichts.

Hast du es jemandem gesagt?

Nat?rlich nicht.

Warum?

Weil die anderen keine Angst hatten.

Kaum hatte er es gesagt, h?rte er selbst, wie dumm es klang. Karl hatte zu schnell nach dem Panzer gefragt. J?rgen hatte lauter gescherzt als gew?hnlich. Einer der Jungen war vor dem Antreten zweimal zur Toilette gerannt. Dem Ausbilder hatten beim Rauchen die H?nde gezittert. Vielleicht hatten alle Angst. Jeder sah nur den geraden R?cken des anderen und versteckte den eigenen Schrecken. Dieser Gedanke war unangenehmer als jede Anklage. Wenn die Angst allen gemeinsam war, musste Becker keine furchtlosen Kinder erschaffen. Es gen?gte, ihnen beizubringen, sich f?r ihre Angst zu sch?men. Matthias erinnerte sich an seine Mutter, die verlangt hatte, das Gewehr vom Tisch zu nehmen. Damals war ihm ihre Bemerkung fast wie eine Beleidigung der Waffe vorgekommen. Jetzt h?rte er zum ersten Mal etwas anderes darin: Sie hatte wenigstens den K?chentisch als einen Ort bewahren wollen, an dem er ihr Sohn und kein Soldat war.

Am Abend brachte Anna eine Sch?ssel mit warmem Wasser und bedeutete ihm, sich selbst zu waschen. Seine Arme wurden schnell m?de, der R?cken schmerzte, Wasser lief ?ber das Laken. Matthias wurde so w?tend, dass er das Handtuch wegwarf.

Nicht!, sagte Anna scharf.

Er erwartete einen Tadel. Sie hob nur das Handtuch auf, legte es zur?ck und zeigte auf die Sch?ssel.

Noch einmal, sagte Anna und unterstrich die Worte mit einer Geste.

Der Sinn war nicht durch russische Worte klar, sondern durch die Geste und den einzigen deutschen Satz. Matthias nahm das Handtuch wieder. Pl?tzlich sch?mte er sich nicht f?r die schwachen Arme, sondern daf?r, wie selbstverst?ndlich er Mut nur dort gesehen hatte, wo Waffen im Spiel waren. Nach einem ungehorsamen K?rper noch einmal zu versuchen, sich selbst zu waschen, war dem?tigender und schwieriger, als sich fr?her vor Becker gerade hinzustellen. Er schaffte es allein. Anna nickte, nahm die Sch?ssel und ging, ohne ihn zu loben. Matthias sah ihr nach und dachte, dass Erwachsene ihm vielleicht viel zu lange nur eine einzige Art von Standhaftigkeit beigebracht hatten  jene, die auf Plakaten gut aussieht. Leben schien ganz andere F?higkeiten zu verlangen. An die letzte Nacht vor der Einteilung erinnerte er sich wegen des Geruchs von Kaffee, den es eigentlich kaum gab. Seine Mutter hatte Ersatzkaffee aufgebr?ht und ihm eine Tasse hingestellt. Er sa? in Uniform da, das Gewehr lehnte an der Wand. Lotta war ins Bett geschickt worden, schlief aber nicht  Matthias sah den Lichtstreifen unter ihrer T?r. Die Mutter versuchte nicht, ihn zum Bleiben zu ?berreden. Das machte ihn w?tend.

Ist es dir egal?

Sie hob den Blick.

Wenn ich sage, du sollst nicht gehen  bleibst du dann?

Matthias schwieg.

Nein.

Warum soll ich dich dann bitten?

Weil du meine Mutter bist.

Gerade deshalb will ich die letzte Nacht nicht in einen Streit verwandeln, an den du dich sp?ter statt an mich erinnerst.

Diese Worte verstand er erst nach dem Krieg. Damals glaubte er, die Mutter habe kapituliert. Sie holte den Schal seines Vaters hervor.

Nimm ihn mit. Nachts ist es kalt.

Ich brauche ihn nicht.

Matthias.

Er nahm ihn. Einige Minuten sa?en sie schweigend da.

Vater ist auch gegangen, sagte Matthias.

Die Mutter schloss die Augen.

Ja.

Dann muss ich auch.

Nein.

Die Antwort kam so scharf, dass er zusammenzuckte.

Warum?

Weil dein Vater keine Gebrauchsanweisung ist.

Matthias sprang auf.

Du beleidigst ihn.

Ich habe mit ihm gelebt. Du bist nicht der Einzige, der das Recht hat, sich an ihn zu erinnern.

Er ging, ohne sich richtig zu verabschieden. Dieser Streit wurde zu einer seiner qu?lendsten Erinnerungen im Lazarett. In dem zerst?rten Haus war er beinahe gestorben und h?tte seiner Mutter als letzte Worte den Vorwurf hinterlassen, dem Vater nicht treu genug zu sein. Sp?ter w?rde Matthias begreifen: Ideologie kann sogar die Erinnerung einer Familie beschlagnahmen und ein Kind dazu bringen, einen Toten gegen den Menschen zu verteidigen, der ihn lebend geliebt hat. Die Erinnerung an den Schulhof kehrte nun mit Einzelheiten zur?ck, die ihm damals bedeutungslos erschienen waren. Karl, der sich viel zu schnell die Handfl?chen an der Hose abwischte, bevor er die Panzerfaust nahm. J?rgen, der so laut ?ber russische Panzer scherzte, dass Becker ihm das Maul verbot. Ein Junge namens Fritz, der wegen Bauchschmerzen nach Hause wollte und eine Stunde sp?ter mit ger?teten Augen zur?ckkam. Damals hatte Matthias in jedem eine andere Schw?che gesehen. Jetzt lie? er zum ersten Mal die M?glichkeit zu: Vielleicht war es derselbe Schrecken gewesen, nur auf verschiedene Arten versteckt. Wenn das stimmte, funktionierte das System erstaunlich sparsam. Man musste Kinder nicht furchtlos machen. Es gen?gte, jeden Einzelnen davon zu ?berzeugen, dass die anderen keine Angst hatten.

Am Tag zuvor war ein weiterer deutscher Verwundeter in den Saal gekommen. Auf das Nachbarbett brachte man Wilhelm Hartmann, einen Infanteristen um die vierzig mit einem Durchschuss an der Schulter. Die Kugel war glatt hindurchgegangen, Lebensgefahr bestand nicht, doch den Arm trug er vorerst in einer Schlinge. Hartmann sprach wenig, schlief in kurzen Etappen und antwortete anfangs meist nur mit einem Wort. Matthias freute sich ?ber den erwachsenen deutschen Soldaten st?rker, als er zeigen wollte. Er hoffte, jemand, der die Front selbst erlebt hatte, w?rde endlich best?tigen, dass die Dinge nicht so eindeutig waren, wie die Russen behaupteten, und dass sich die alte Welt vielleicht doch retten lie?, ohne vollst?ndig zusammenzubrechen. Doch Hartmann war zu m?de f?r bequeme Antworten. Als er schon wieder sitzen konnte, erz?hlte Matthias ihm von den Jungen auf dem Schulhof.

So ist es in jeder Armee, sagte Hartmann.

Was?

Fast alle haben Angst. Als Erwachsener wei? man eher, dass Angst normal ist. Obwohl selbst uns das nicht immer hilft.

Warum redet man dann von Furchtlosigkeit?

Hartmann grinste.

Weil Handle, obwohl du Angst hast zu lang f?r ein Plakat ist.

Matthias schwieg.

Becker sagte, ein echter deutscher Junge kenne keine Angst.

Dann kannte er deutsche Jungen schlecht.

Der Satz war komisch. Matthias l?chelte trotzdem nicht. Pl?tzlich begriff er, wie viele Jahre er nicht gegen die Angst gek?mpft hatte, sondern gegen die Scham dar?ber, Angst zu haben. Der Unterschied schien klein und zugleich gewaltig. Der Krieg ging nicht nur drau?en zu Ende. Langsam h?rte er auch auf, die innere Pr?fung zu sein, die Matthias in jeder Minute bestehen musste.




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   ,     (https://www.litres.ru/book/aksel-pantser-34076339/wie-man-uns-das-sterben-beibrachte-74651722/)  .

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