Ich hatte Angst, der Krieg k?nnte zu Ende gehen
 


Matthias ist neun Jahre alt, als Uniformen, M?rsche und gro?e Worte ihm zum ersten Mal das Gef?hl geben, Teil von etwas Bedeutendem zu sein. Er beneidet die Soldaten, die an die Front ziehen, und f?rchtet nur eines: dass der Krieg zu Ende sein k?nnte, bevor er alt genug ist, daran teilzunehmen.

Doch mit jedem Jahr bekommt der Krieg ein anderes Gesicht: ein j?discher Freund verschwindet, der Bruder schreibt verst?rende Briefe von der Front, der Vater nimmt noch einmal ein Gewehr in die Hand. Im Fr?hjahr 1945 ist Matthias f?nfzehn  und pl?tzlich wird er selbst gebraucht.

Ein Roman ?ber Verf?hrung, Zugeh?rigkeit, Schuld und die Frage, wann ein Mensch beginnt, selbst Verantwortung zu tragen.





 

Ich hatte Angst, der Krieg k?nnte zu Ende gehen



Ich hatte Angst, der Krieg k?nnte zu Ende gehen

Axel Panzer

Teil I. Wir

Kapitel 1. Wenn man neun ist

Mit neun Jahren ist die Welt noch ?bersichtlicher als sp?ter. Es gibt Dinge, die richtig sind, und Dinge, die falsch sind. Es gibt Erwachsene, die die Antworten kennen. Einen Vater, der ein T?rschloss, eine Fahrradkette und sogar die Wanduhr reparieren kann, obwohl er jedes Mal behauptet, bei einer kaputten Uhr lohne sich eigentlich nur noch das Wegwerfen. Eine Mutter, die schon aus dem Nebenzimmer h?rt, wann die Milch gleich ?berkocht. Und einen gro?en Bruder, der achtzehn ist und einem deshalb beinahe so erwachsen vorkommt wie der Vater  nur sehr viel gl?cklicher. Und dann gibt es Dinge, ?ber die ein Kind nicht nachdenkt, weil sie einfach schon immer da waren. Die Fahne ?ber der Schule. Das Portr?t des Mannes ?ber der Tafel. Der Morgengru?. Das Radio, das der Vater abends ein wenig lauter stellt.

M?nner in braunen Hemden. Plakate an den Z?unen. Lieder, deren Texte selbst diejenigen kennen, die behaupten, sie s?ngen nicht gern. Und Worte. Vor allem Worte. Matthias Roth wusste noch nicht, dass Worte Menschen ver?ndern k?nnen, lange bevor diese selbst bemerken, was mit ihnen geschieht. Im Fr?hjahr 1938 war er neun Jahre alt. Er lebte mit seinen Eltern und seinem ?lteren Bruder Erich in einer kleinen Stadt, in der fast jeder, wenn schon nicht jeden pers?nlich, so doch wenigstens die Familiennamen kannte. Das Haus der Roths stand an einer Stra?e, die zum Bahnhof hinunterf?hrte. Morgens roch es dort nach Kohlenrauch, feuchtem Stein und dem Brot aus Herrn Bremers B?ckerei. Stand der Wind anders, mischte sich der Brandgeruch aus dem Lokomotivdepot darunter. Matthias liebte den Bahnhof. Er hatte ihn schon geliebt, bevor er ?berhaupt verstand, wohin die Z?ge fuhren.

Er liebte das schwere Atmen der Dampflokomotiven, die kurzen Pfiffe, das Schlagen der Kupplungen und die M?nnerstimmen auf dem Bahnsteig. Am liebsten stand er am Zaun und sah zu, wie sich eine riesige Maschine in Bewegung setzte, zuerst beinahe unmerklich, dann immer schneller, als h?tte sie pl?tzlich selbst beschlossen, nicht l?nger hierbleiben zu wollen. Manchmal dachte er, so m?sse Erwachsensein aussehen. Lange steht man still. Dann gibt jemand ein Zeichen. Und man f?hrt los.

An diesem Morgen war die Stimme seiner Mutter das Zeichen.

Matthias! Du kommst schon wieder zu sp?t!

Er warf noch einen letzten Blick aus dem Fenster auf die Stra?e und l?ste sich widerwillig vom Fensterbrett. Auf dem Bett lag das Hemd, das seine Mutter am Abend zuvor herausgelegt hatte. Daneben kurze Hosen, Str?mpfe und Schuhe. ?ber der Stuhllehne hing Erichs Jacke. Matthias blieb mit dem Blick daran h?ngen. Sein Bruder trug schon lange keine kurzen Hosen mehr, und allein das machte ihn zu einem Wesen aus einer anderen Welt. Erich besa? lange Hosen, einen echten Rasierapparat, den er neben dem Waschbecken liegen lie?, eigene Zigaretten, obwohl die Mutter jedes Mal schimpfte, er ruiniere sich die Lunge, und sogar das Recht, nach neun Uhr nach Hause zu kommen. Matthias versuchte sich manchmal vorzustellen, wie es sich anf?hlte, wenn niemand aus der K?che Nach Hause! hinter einem herrief.

Es gelang ihm nicht besonders gut.

Ich komme ja!

Das hast du vor f?nf Minuten auch gesagt!

Hab ich nicht!

Dann h?re ich offenbar schon deine Stimme aus der Zukunft.

Seine Mutter konnte solche S?tze vollkommen ernst sagen. Matthias zog das Hemd ?ber und rannte in den Flur, w?hrend er im Laufen die Kn?pfe schloss. Anna Roth stand am Herd. Das Haar hatte sie im Nacken zusammengesteckt, die ?rmel ihres Kleides waren hochgekrempelt. Auf dem Tisch lagen Brot und ein Glas Marmelade, daneben stand ein Becher Milch. Karl Roth sa? am Fenster und las Zeitung. Sein Vater las Zeitungen fast immer auf dieselbe Art: Er faltete sie einmal in der Mitte, neigte den Kopf ein wenig und brummte von Zeit zu Zeit missmutig, als w?rden die Artikel eigens gedruckt, um ihn zu ?rgern.

Guten Morgen, sagte Matthias.

Er w?re noch besser, wenn gewisse Leute aufst?nden, sobald man sie weckt, bemerkte seine Mutter.

Der Vater senkte den Rand der Zeitung.

Manche Leute in seinem Alter brauchen ?berhaupt keinen Schlaf.

Wer denn?

Keine Ahnung. Aber es wird sie schon geben.

Matthias begriff, dass es ein Scherz war, und grinste. Erich sa? seinem Vater gegen?ber. Vor ihm stand Kaffee. Kaffee. Ein untr?gliches Zeichen des Erwachsenseins. Matthias hatte einmal aus der Tasse seines Bruders probiert und das Zeug beinahe wieder ausgespuckt. Noch lange danach hatte er sich gefragt, weshalb Menschen freiwillig etwas so Bitteres tranken und dabei auch noch so taten, als w?rde es ihnen schmecken. Erich bemerkte seinen Blick.

Willst du?

Nein.

Hast du es dir mit dem Erwachsenwerden anders ?berlegt?

Ich werde auch ohne Kaffee gro?.

Das werden wir sehen.

Matthias setzte sich. Auf der Titelseite der Zeitung seines Vaters war ein gro?es Foto zu sehen. Ein Mann stand in einem offenen Wagen und hatte den Arm erhoben; rings um ihn ragten unz?hlige Arme in die H?he. Solche Bilder waren Matthias l?ngst nicht mehr ungew?hnlich erschienen. Er strich hastig Marmelade auf sein Brot.

Heute nach dem Unterricht sucht Herr Kr?ger Jungen aus.

Die Mutter drehte sich um.

Wof?r sucht er sie aus?

F?r die Gruppe.

F?r welche Gruppe?

Davon habe ich gestern erz?hlt.

Du hast gleichzeitig mit dem Radio, deinem Vater und einem Kochtopf geredet.

Matthias sah zu Erich hin?ber und hoffte auf Hilfe. Erich grinste.

F?rs Deutsche Jungvolk, Mama.

Matthias gefiel, wie sein Bruder die Worte aussprach. Deutsches Jungvolk. Das klang viel ernsthafter als irgendein gew?hnlicher Jungenverein. Die ?lteren Jungen waren in der Hitlerjugend. Daf?r war Matthias noch zu jung, und vermutlich gerade deshalb ?bte dieses Wort auf ihn eine noch gr??ere Anziehung aus. Das Beste schien aus irgendeinem Grund immer f?r diejenigen bestimmt zu sein, die ?lter waren.

Der Vater hob die Zeitung wieder an.

Er ist erst neun.

In drei Monaten bin ich zehn, sagte Matthias sofort.

Karl sah ?ber den Zeitungsrand hinweg.

Ich kann rechnen.

Herr Kr?ger hat gesagt, man kann sich schon vorher vorbereiten.

Die Mutter stellte ihm die Milch hin.

Was hei?t vorbereiten?

Na ja  Wanderungen. Sport. Knoten. Kartenlesen. Wettk?mpfe. Lagerfeuer.

Matthias z?hlte alles rasch auf, weil Heinz Weber, der Sohn des Apothekers, es am Vortag genauso beschrieben hatte. Heinz war fast ein Jahr ?lter und schon zweimal bei einem Ausflug dabei gewesen. Er erz?hlte davon, als w?re er mindestens von einer Expedition durch Afrika zur?ckgekehrt. Zw?lf Kilometer waren sie gelaufen. Sie hatten selbst gekocht. Selbst Feuer gemacht. Einer der Jungen hatte sich die Ferse wundgelaufen, bis sie blutete, und trotzdem keinem etwas gesagt. Gerade das hatte Matthias besonders beeindruckt. Er stellte sich vor, wie er mit einer blutigen Ferse weiter in der Reihe marschierte. Die Vorstellung war gro?artig.

Und die Uniform, f?gte er hinzu.

Die Mutter seufzte.

Ach so.

Was?

Dann h?ttest du dir Lagerfeuer und Kartenlesen sparen k?nnen.

Erich lachte. Matthias wurde rot. Nat?rlich wollte er die Uniform. Er hatte die Jungen bei den sonnt?glichen Aufm?rschen gesehen. Schwarze kurze Hosen. Braunhemd. Halstuch. Koppel. Sie bewegten sich gemeinsam. Nicht wie Schulkinder, die ein Lehrer paarweise ?ber den Hof f?hrte. Ganz anders. Als w?sste jeder von ihnen genau, wohin er ging, und alle anderen w?ssten es ebenfalls. Und die Passanten sahen ihnen nach. Manche l?chelten. Andere hoben den Arm. Gerade das gefiel Matthias besonders. Man bemerkte sie.

Karl Roth faltete die Zeitung zusammen.

In deinem Alter mochte ich Uniformen auch.

Matthias wurde sofort hellh?rig.

Welche?

Sein Vater antwortete nicht gleich.

Jede.

Er nahm seine Tasse. An der linken Hand fehlte ein Teil des kleinen Fingers. Matthias wusste, dass der Krieg daran schuld war. Nicht irgendein Krieg. Der Krieg. Der erste. Sein Vater sprach nur selten davon. Selbst Erich, der inzwischen Fragen stellen konnte, ohne wie ein Kind behandelt zu werden, erfuhr fast nichts. Einmal hatte Matthias wissen wollen, wie genau Karl den Finger verloren hatte. Der Vater hatte lediglich gesagt:

Die Hand an die falsche Stelle gelegt.

Mehr nicht. Damals hatte Matthias geglaubt, sein Vater mache einen Scherz. Inzwischen war er sich nicht mehr so sicher.

Warst du ein Held?, fragte er.

Seine Mutter h?rte auf, Brot zu schneiden. Erich hob langsam den Kopf. Karl sah seinen j?ngeren Sohn an.

Nein.

Aber du warst im Krieg.

War ich.

Dann 

Das ist nicht dasselbe.

Matthias wollte weiterfragen, doch seine Mutter sagte nur:

Iss.

An ihrem Ton erkannte er, dass das Gespr?ch beendet war. Drau?en klingelten bereits Fahrr?der. Matthias trank die Milch hastig aus, griff nach seinem Schulranzen und ging zur T?r.

Dein Brot!

Die Mutter dr?ckte ihm das P?ckchen in die Hand.

Danke.

Und renn nicht wieder vor ein Auto ?ber die Stra?e.

Ich renne nicht.

Gestern bist du gerannt.

Gestern kam gar kein Auto.

Deshalb hast du es vermutlich auch nicht gesehen.

Er schoss ins Treppenhaus. Hinter ihm h?rte er die Stimme des Vaters.

Matthias.

Der Junge kehrte um. Karl stand in der K?chent?r.

Wenn du da hingehst, mach nichts blo? deshalb, weil die anderen es auch machen.

Matthias sah ihn verst?ndnislos an.

Warum nicht?

Der Vater schien etwas erkl?ren zu wollen, lie? es dann aber bleiben.

Weil du nur einen Kopf hast. Also benutz ihn auch.

Matthias nickte. Der Rat kam ihm derart selbstverst?ndlich vor, dass er ihn f?r vollkommen nutzlos hielt. Dann rannte er die Treppe hinunter.

In der Schule roch es nach Kreide, nassen Jacken und Bohnerwachs auf dem Holzfu?boden. An der Wand neben dem Eingang hing ein gro?es Plakat, das Matthias schon seit Wochen sah. Ein kr?ftiger blonder Junge blickte ?ber die K?pfe der Betrachter hinweg irgendwo in die Ferne. Hinter ihm wehte eine Fahne. Darunter stand: Jugend dient dem F?hrer. Matthias kannte den Satz l?ngst auswendig. Heute las er ihn nicht einmal mehr. Er lief einfach daran vorbei.

Im Klassenzimmer sa? Heinz bereits auf einer Bank, umringt von anderen Jungen.

Ich sag euch doch, nachts durften wir das Feuer nicht ausgehen lassen!

Warum nicht?

Weil wir einen Auftrag hatten.

Was f?r einen?

Einen Nachtauftrag.

Das ist doch kein Auftrag.

Warst du dabei?

Nein.

Dann halt den Mund.

Matthias dr?ngte sich n?her. Heinz bemerkte ihn.

Heute kommt Kr?ger.

Wei? ich.

Du bist erst neun.

Fast zehn.

Fast z?hlt nicht.

Herr Kr?ger hat selbst gesagt 

Ruhe!

Der Lehrer war hereingekommen. Herr Schulze war ein kleiner Mann mit glatt gek?mmtem Haar und schmalen Lippen. Er unterrichtete Rechnen, Geschichte und Naturkunde, und Matthias fand es merkw?rdig, dass ein einziger Mensch sich gleichzeitig mit Br?chen, deutschen K?nigen und dem Innenleben eines Frosches auskennen konnte. Alle standen auf. Der Gru? kam wie aus einem Mund. Drei?ig Kinderstimmen. Der Lehrer erwiderte ihn. Matthias hob den Arm mit den anderen. Er tat das jeden Tag. So geh?rte es sich. Die Lehrer taten es. Der Direktor tat es. M?nner auf der Stra?e taten es, wenn Reden im Radio ?bertragen wurden. Erwachsene auf dem Marktplatz taten es. Wenn man etwas jeden Tag tut, h?rt es sehr schnell auf, wie eine Handlung zu wirken. Dann ist es nur noch eine Bewegung. Wie die M?tze abnehmen. Wie Guten Morgen sagen.

Wie eine T?r schlie?en.

In der ersten Stunde hatten sie Geschichte. Herr Schulze schrieb an die Tafel:

1918

Wer kann mir sagen, wof?r dieses Jahr steht?

H?nde gingen hoch. Matthias meldete sich ebenfalls, obwohl er gar nicht besonders gern antworten wollte. Der Lehrer zeigte auf Kurt.

F?r Deutschlands Niederlage.

Richtig. Was noch?

Verrat.

Gut. Noch etwas?

Heinz stand auf.

Dem?tigung.

Herr Schulze nickte.

Genau.

Matthias schrieb das Wort in sein Heft. Dem?tigung. Er wusste sehr gut, was es bedeutete. Man konnte einen Jungen dem?tigen, indem man vor allen sagte, dass er geweint hatte. Man konnte einen Menschen dem?tigen, indem man ihn zum Betteln zwang. Man konnte Deutschland dem?tigen. Das Letzte verstand Matthias weniger gut, aber er hatte es oft genug geh?rt, um nicht daran zu zweifeln.

Herr Schulze sprach vom Versailler Vertrag, von verlorenen Gebieten, von einem Heer, das die Feinde klein und schwach halten wollten. Matthias sah auf die Karte. Deutschland war in einer Farbe eingezeichnet, die Nachbarl?nder in anderen. Er dachte, die Karte sehe aus wie eine Flickendecke.

Aber ein Staat, sagte der Lehrer, besteht nicht nur aus Land.

Er wandte sich der Klasse zu.

Was ist wichtiger als Land?

Einige Sekunden lang antwortete niemand.

Das Volk, sagte Heinz.

Genau. Das Volk.

Herr Schulze machte eine Pause.

Ein Volk, ein Reich, ein F?hrer.

Die Klasse wiederholte:

Ein Volk, ein Reich, ein F?hrer.

Matthias sprach mit. Ihm gefiel der Rhythmus. Drei Teile. Drei Schl?ge. Der Satz hatte etwas so Geordnetes, dass er allein deshalb richtig zu sein schien, weil er gut klang. Der Lehrer fuhr mit dem Unterricht fort. Zehn Minuten sp?ter dachte Matthias l?ngst wieder an etwas anderes. Nach Schulschluss sollte Herr Kr?ger kommen.

Er kam um drei Uhr. Nicht im Anzug eines Lehrers und auch nicht in gew?hnlicher Stra?enkleidung, sondern in der Uniform eines Jugendf?hrers. Schon deshalb wurde es in der Aula still, noch bevor der Direktor die Jungen zum Hinsetzen aufforderte. Matthias musterte ihn von Kopf bis Fu?. Herr Kr?ger war vielleicht f?nfundzwanzig, gro? und schlank, mit hellem, zur?ckgek?mmtem Haar. Er l?chelte die Jungen an, als kenne er jeden von ihnen pers?nlich.

Wer von euch sitzt gern zu Hause herum?

Ein paar Jungen lachten. Keine Hand ging hoch.

Hab ich mir gedacht. Wer wandert gern?

Jetzt meldeten sich fast alle.

Wer m?chte lernen, wie man sich im Wald orientiert?

H?nde.

Schwimmen?

H?nde.

Schie?en?

Nun meldeten sich sogar diejenigen, die vorher zu bequem gewesen waren. Kr?ger l?chelte.

Bis dahin m?sst ihr noch ein St?ck wachsen.

Ein entt?uschtes Raunen ging durch den Saal.

Ihr wollt alles sofort?

Ja!

Schlecht. Ein Mann muss warten k?nnen.

Matthias merkte sich den Satz. Ein Mann muss warten k?nnen. Er beschloss auf der Stelle, es auszuprobieren. Allerdings rutschte er schon zwei Minuten sp?ter wieder unruhig auf seinem Stuhl hin und her.

Kr?ger erz?hlte von Zeltlagern, Sport und Wettk?mpfen zwischen den F?hnlein. Von Disziplin. Von Kameradschaft. Vor allem von Kameradschaft.

Ein Einzelner kann stark sein, sagte er. Aber ein Volk ist nur gemeinsam stark.

Matthias erinnerte sich an die Aufm?rsche. Genau so hatten die Jungen ausgesehen. Gemeinsam. Kr?ger zeigte Fotos. Jungen vor Zelten. Jungen am Lagerfeuer. Jungen auf Fahrr?dern. Jungen mit einer Fahne auf einer Anh?he. Auf einem Bild stand eine Gruppe am Seeufer, alle mit nacktem Oberk?rper, braun gebrannt und lachend. Pl?tzlich sah Matthias sich so deutlich zwischen ihnen stehen, dass er beinahe die Sonne auf den Schultern sp?rte.

Dann sagte Kr?ger:

Ihr seid Deutschlands Zukunft.

Matthias richtete sich auf. Die Worte galten allen, und doch schien es f?r einen Augenblick, als h?tte Kr?ger sie nur zu ihm gesagt. Er war noch nie jemandes Zukunft gewesen. Nicht einmal zu Hause. Zu Hause war er der J?ngere. Der, dem man sagte, er solle das Messer nicht anfassen. Nicht aufs Dach klettern. Nicht dazwischenreden. Nicht zu sp?t nach Hause kommen. Erichs Rasierzeug nicht anr?hren. Nicht ohne Erlaubnis auf Vaters Fahrrad steigen. Und hier sagte ein erwachsener Mann: Ihr seid Deutschlands Zukunft. Es war beinahe unglaublich.

Nach der Versammlung blieb Kr?ger vor der B?hne stehen. Die Jungen traten einzeln zu ihm. Als Matthias an der Reihe war, wurde er pl?tzlich nerv?s.

Name?

Matthias Roth.

Alter?

Neun. Aber im Juli werde ich zehn.

Kr?ger hob den Blick.

Hast es eilig, was?

Matthias wusste nicht, ob der Mann sich ?ber ihn lustig machte.

Nein.

Gut.

Kr?ger schrieb den Namen auf.

Kannst du schwimmen?

Ja.

Das war ?bertrieben. Matthias schaffte ungef?hr zwanzig Meter, ohne unterzugehen.

Laufen?

Ja.

Pr?geln?

Matthias z?gerte. Kr?ger l?chelte.

Die richtige Antwort lautet: nur wenn es n?tig ist.

Auch das merkte Matthias sich. Er wollte schon gehen, da fragte Kr?ger:

War dein Vater Soldat?

Ja.

Im Gro?en Krieg?

Ja.

Dann wei?t du ja, was Pflicht bedeutet.

Matthias wollte sagen, dass sein Vater so gut wie nie ?ber den Krieg sprach. Aber aus irgendeinem Grund schwieg er. Kr?ger legte ihm f?r einen Augenblick die Hand auf die Schulter. Ganz leicht.

Aus dir wird ein guter Kerl, Roth.

Matthias verlie? die Schule als ein anderer Mensch. Jedenfalls kam es ihm so vor.

Auf dem Heimweg ging er langsam. Nicht weil er m?de war  im Gegenteil. Er wollte den Weg in die L?nge ziehen. Er stellte sich die Uniform vor. Sich selbst in der Reihe. Wie er dieselbe Stra?e entlangmarschierte und Herr Bremer aus seiner B?ckerei trat und ihm nachsah. Dann stellte er sich den Vater am Fenster vor. Ob er wohl stolz sein w?rde? Matthias beschloss, dass er es bestimmt sein musste. Jeder Vater w?re stolz.

An der Ecke beim Tabakladen hing ein neues Plakat. Darauf war ein Soldat abgebildet. Jung. Kr?ftig. Mit einem Gewehr. Er sah in die Ferne, ungef?hr so wie der Junge auf dem Plakat in der Schule. Matthias blieb stehen. Der Soldat wirkte ?lter als Erich, aber nicht viel. Einen Augenblick lang dachte Matthias, dass sein Bruder eines Tages genauso aussehen w?rde. Und er selbst auch. Irgendwann. Der Gedanke gefiel ihm.

Er wusste noch nicht, wie schwer ein Gewehr war. Er wusste nicht, was ein durchn?sster Mantel wog. Wusste nicht, wie ein Mensch schrie, wenn ein Splitter in seinen Bauch drang. Wusste nicht, dass man einem Toten die Stiefel auszog, wenn die eigenen auseinanderfielen. Wusste nicht, wie Kleidung roch, die wochenlang nicht richtig trocknete. Wusste nicht, wie es war, Artilleriefeuer abzuwarten und dabei zu wissen, dass die n?chste Granate n?her einschlagen konnte. Und woher h?tte er es wissen sollen? Auf dem Plakat war nichts davon zu sehen. Dort gab es eine saubere Uniform. Einen geraden R?cken. Ein Gewehr. Den Horizont.

Matthias sah noch einen Moment hin und ging weiter. Vor dem Hauseingang stand Erich und hantierte an seinem Fahrrad.

Wo hast du gesteckt?

Bei der Versammlung.

Aha. Der k?nftige Bezwinger der W?lder.

Matthias stellte den Ranzen auf den Boden.

Sie nehmen mich auf.

Gl?ckwunsch.

Kr?ger hat gesagt, aus mir wird ein guter Kerl.

Tats?chlich?

Ja.

Erich zog eine Mutter fest.

Dann ist ja alles gekl?rt.

Matthias h?rte den Spott heraus.

Du glaubst, ich kann das nicht?

Das habe ich nicht gesagt.

Aber gedacht.

Erich richtete sich auf. Er war ungef?hr einen halben Kopf gr??er als der Vater. Seine Haare waren so dunkel wie die der Mutter.

Matthias.

Was?

Willst du einen Rat?

Der Junge wurde misstrauisch. Ratschl?ge seines Bruders bedeuteten meistens, dass gleich etwas kam wie: Finger weg von meinem Fahrrad.

Was f?r einen?

Wenn dir jemand sagt, aus dir werde ein guter Kerl, dann finde erst heraus, was er ?berhaupt unter gut versteht.

Matthias runzelte die Stirn. Die Erwachsenen schienen sich heute verschworen zu haben, in R?tseln zu sprechen.

Was gibt es da herauszufinden?

Erich sah ihn ein paar Sekunden lang an und zuckte dann mit den Schultern.

Nichts.

Er beugte sich wieder ?ber das Fahrrad. Matthias hob seinen Ranzen auf.

Du wirst schon sehen.

Was?

Ich werde der Beste.

Nat?rlich.

Wirklich.

Glaube ich dir.

Matthias gefiel nicht, wie sein Bruder das sagte. Er ging ins Haus.

Am Abend h?rte die ganze Familie Radio. Karl sa? im Sessel. Anna stopfte einen Strumpf. Erich bl?tterte in einer Zeitschrift. Matthias lag b?uchlings auf dem Teppich, das Kinn auf die H?nde gest?tzt. Aus dem Lautsprecher kam eine Stimme. Gro?e Worte. Deutschland. Volk. Zukunft. St?rke. Einheit. Ehre. Matthias verstand nicht alles, aber einige W?rter kannte er l?ngst.

Als der Satz Ein Volk, ein Reich, ein F?hrer fiel, sprach er ihn lautlos mit.

Der Vater sah zum Radio. Dann stand er auf und drehte es ein wenig leiser.

Erich hob den Kopf.

Warum?

Man h?rt es auch so.

Im Nebenzimmer vielleicht nicht.

Da ist niemand.

Erich grinste. Die Mutter stopfte weiter. Matthias beobachtete beide. F?r einen Augenblick hatte er das Gef?hl, zwischen Vater und Bruder sei etwas geschehen, das er nicht verstand. Doch schon im n?chsten Moment zog ihn die Stimme aus dem Radio wieder in ihren Bann.

Es ging um die Jugend. Um eine neue Generation. Um ein Deutschland, das sich nie wieder auf die Knie zwingen lassen w?rde. Matthias dachte an Herrn Schulze. An Dem?tigung. An die Karte. An Herrn Kr?ger. An die Jungen vor den Zelten. An die Uniform. An den Soldaten auf dem Plakat. Alles f?gte sich pl?tzlich zusammen. Nicht vollst?ndig. Nicht so, dass er es h?tte erkl?ren k?nnen. Aber weit genug, dass er etwas empfand.

Deutschland war etwas Riesiges. Viel gr??er als ihr Haus, die Stadt, die Schule und sogar der Bahnhof. Und er geh?rte dazu. Nicht irgendwann sp?ter. Schon jetzt.

Er war neun Jahre alt.

Er lag auf dem Wohnzimmerteppich, lie? die Beine in der Luft baumeln und glaubte vollkommen aufrichtig, die Erwachsenen h?tten endlich eine Welt gebaut, in der alles seinen Platz hatte. Das Volk. Der Staat. Der F?hrer. Der Vater. Die Mutter. Erich. Er selbst.

Noch war ihm nicht der Gedanke gekommen, zu fragen, was mit denen geschah, f?r die in dieser Welt kein Platz vorgesehen war. Bis zu dieser Frage w?rden noch einige Jahre vergehen.

Vorerst tr?umte Matthias Roth von einer Uniform.

Und er wollte so schnell wie m?glich erwachsen werden.

Kapitel 2. Die Uniform

Die Uniform kam in einem Papierpaket. Matthias hatte fast einen Monat auf diesen Tag gewartet und ihn sich so oft ausgemalt, dass ihn das wirkliche Braunhemd im ersten Augenblick beinahe entt?uschte. Es war eben nur ein Hemd. Es leuchtete nicht. Es machte ihn nicht gr??er. Und es verwandelte ihn auch nicht in einen anderen Menschen, nur weil man das Papier darum entfernte. Seine Mutter legte es auf den K?chentisch, strich den Stoff mit beiden H?nden glatt und begann als Erstes nach Fehlern zu suchen.

Hier h?ngt ein Faden raus.

Wo?

Nicht dran ziehen.

Ich wollte doch nur gucken.

Wenn du mit den Fingern guckst, wird es davon auch nicht sch?ner.

Matthias trat zur?ck. Neben dem Hemd lagen die schwarzen kurzen Hosen, das Koppel und das Halstuch. Das Koppel gefiel ihm am besten. Schwer, richtig, ganz anders als der G?rtel, mit dem er seine Schulhose festhielt. Das Koppelschloss gl?nzte. Matthias strich mit dem Daumen dar?ber. Seine Mutter sah es sofort.

Mach keine Fingerabdr?cke drauf.

Er zog die Hand weg.

Ich wollte nur 

Ich wei?. Du willst immer nur.

Sie hielt das Hemd gegen das Licht.

Ein bisschen gro?.

Das muss so sein.

Wer sagt das?

Heinz.

Heinz ist nat?rlich der gr??te Fachmann f?r Kleidung.

Matthias antwortete nicht. Er stellte sich bereits vor, wie das Hemd an ihm aussehen w?rde, wenn die Mutter die ?rmel zurechtgelegt und alle Falten glattgestrichen hatte. Bis zum ersten Antreten waren es noch zwei Tage. Zwei Tage kamen ihm beinahe wie eine Ewigkeit vor.

Darf ich es anprobieren?

Was meinst du, warum ich es hier ausgebreitet habe?

Er zog sich das Schulhemd so hastig ?ber den Kopf, dass sein Ohr im Kragen h?ngen blieb. Die Mutter verzog das Gesicht.

Wenn du es vor dem ersten Ausflug zerrei?t, gehst du im alten Hemd.

Matthias erstarrte. Die Drohung wirkte. Von da an zog er sich sehr vorsichtig an. Das Hemd war tats?chlich etwas zu gro?. Die ?rmel musste man umschlagen. Die Hose sa? besser. Die Mutter zog das Koppel fest, r?ckte das Halstuch zurecht und trat einen Schritt zur?ck. Matthias stand mitten in der K?che, die Arme steif an den Seiten.

Und?

Anna Roth antwortete nicht sofort. Sie sah ihren Sohn mit einem Ausdruck an, den Matthias nicht deuten konnte. Als l?chle sie schon ein wenig. Oder als wolle sie etwas Ernstes sagen. Schlie?lich l?chelte sie doch.

Siehst gut aus.

Das gen?gte. Matthias ging sofort zum Fenster und versuchte, sich in der Scheibe zu erkennen. Am Tag spiegelte das Glas schlecht. Er sah sein Gesicht, einen dunklen Umriss, die Schultern.

Da sieht man doch nichts.

Ich sehe genug.

Ich will mich selbst sehen.

Im Schlafzimmer ist ein Spiegel.

Er rannte in den Flur.

Nicht rennen!

Ein paar Sekunden sp?ter stand er bereits vor dem Spiegel. Er war schmal, sodass Matthias sich nie ganz darin sehen konnte. Also trat er zur?ck, beugte sich, drehte sich seitlich. Er gefiel sich sofort. Seine Schultern wirkten breiter. Das Kinn wollte er automatisch etwas h?her halten. Sogar seine Beine sahen aus irgendeinem Grund kr?ftiger aus. Matthias richtete sich auf und versuchte ein strenges Gesicht zu machen. Es gelang nicht. Er grinste. Dann wurde er wieder ernst, hob den rechten Arm, betrachtete sich, lie? ihn sinken und hob ihn noch einmal. Diesmal schneller, entschlossener. So war es besser.

Von der T?r her kam eine Stimme.

?bst du?

Matthias zuckte zusammen. Erich stand im Flur, die Schulter an den T?rrahmen gelehnt.

Nein.

Nat?rlich nicht.

Mama hat gesagt, ich soll es anprobieren.

Und?

Was?

Bist du jetzt ein anderer Mensch?

Matthias h?rte den Spott heraus.

Gef?llt es dir nicht?

Warum? Ist doch ein ordentliches Hemd.

Das ist nicht einfach ein Hemd.

Ach so.

Ja.

Erich kam ins Zimmer und stellte sich hinter seinen Bruder. Nun waren beide im Spiegel zu sehen: Matthias, klein, in der neuen Uniform, und hinter ihm Erich, gro?, in einem gew?hnlichen hellen Hemd mit hochgekrempelten ?rmeln. Ein paar Sekunden schwiegen sie.

Hast du so etwas auch getragen?, fragte Matthias.

Nein.

Warum nicht?

Erich zuckte mit den Schultern.

Hat sich nicht ergeben.

Du warst doch auch mal Jugend.

Stell dir vor, ich bin noch immer kein Greis.

So habe ich das nicht gemeint.

Wei? ich.

Matthias r?ckte sein Koppel zurecht.

Kr?ger sagt, die Uniform erinnert einen daran, wer man ist.

Tats?chlich?

Ja.

Und ohne Uniform vergisst man es?

Matthias runzelte die Stirn. Erich konnte mit einer einzigen Frage eine gute Idee verderben.

Du machst das absichtlich.

Was?

Du drehst alles um.

Erich sah ihn im Spiegel an.

Vielleicht.

Warum?

Diesmal antwortete der ?ltere Bruder nicht sofort.

Weil es manchmal ganz n?tzlich ist, eine Sache auch von der anderen Seite anzusehen.

Matthias schnaubte.

Papa sagt so was auch.

Dann ist Papa ein kluger Mann.

Er sagt, ich soll meinen Kopf benutzen.

Na also.

Matthias drehte sich zu ihm um.

Du magst Kr?ger nicht, stimmts?

Ich kenne ihn kaum.

Aber trotzdem.

Matthias.

Erich h?rte auf zu l?cheln.

Gef?llt dir die Uniform?

Ja.

Dann trag sie.

Das ist alles?

Was m?chtest du denn sonst h?ren?

Matthias wollte h?ren, dass sein Bruder stolz auf ihn war. Aussprechen konnte er es nicht. Er sah wieder in den Spiegel. Erich blieb noch einen Augenblick stehen und ging dann hinaus. Matthias war allein.

Eine Minute sp?ter hob er den Arm noch einmal.

Diesmal l?chelte er nicht.

Am Samstag begann der erste Ausflug um sieben Uhr morgens. Matthias wachte um zwanzig vor sechs auf. Zuerst glaubte er, verschlafen zu haben, dann sah er das dunkle Fenster und die Uhr. Er legte sich wieder hin. Eine Minute sp?ter setzte er sich auf. Dann legte er sich noch einmal hin. Um sechs hielt er es nicht mehr aus und begann sich anzuziehen. Seine Mutter erschien in der T?r, als er gerade das Hemd zukn?pfte.

Was machst du f?r einen L?rm?

Ich bin leise.

Wenn du so leise gegen die M?bel Krieg f?hrst, will ich gar nicht wissen, wie sich laut anh?rt.

Matthias sah schuldbewusst auf den umgesto?enen Stuhl.

Entschuldigung.

Die Mutter seufzte.

Komm in die K?che. Schlafen kann jetzt ohnehin keiner mehr.

Der Vater kam zehn Minuten sp?ter. Er trug Unterhemd und Hose mit Hosentr?gern. Er sah Matthias an.

Brennt es irgendwo?

Wir haben Antreten.

So fr?h?

Um sieben.

Karl sah zur Uhr.

Bis sieben ist noch eine Stunde.

Ich muss fr?her da sein.

Warum?

Weil man nicht zu sp?t kommen darf.

Der Vater kratzte sich am Kinn.

Ein unschlagbares Argument.

Die Mutter stellte Haferbrei auf den Tisch. Matthias a? viel zu schnell.

Langsamer, sagte sie.

Er wurde langsamer. Nach drei L?ffeln beschleunigte er wieder. Karl beobachtete ihn.

Willst du einen Zug erwischen?

Nein.

Dann f?hrt er auch nicht ohne dich ab.

Matthias schwieg. Er hatte Angst, sich die Uniform schmutzig zu machen. Der Brei kam ihm an diesem Morgen besonders gef?hrlich vor. Erich lie? sich nicht blicken. Er war am Abend sp?t nach Hause gekommen und schlief noch. Matthias war fast ein wenig froh dar?ber. Auf weitere Scherze hatte er keine Lust.

Als er endlich gehen wollte, zwang die Mutter ihn, eine Jacke ?ber die Uniform zu ziehen.

Drau?en ist es warm.

Morgens ist es kalt.

Die anderen tragen bestimmt keine Jacke.

Die anderen kommen dann alle mit Schnupfen nach Hause.

Mama.

Was denn?

Dann sieht man die Uniform nicht.

Sie sah ihn einige Sekunden an. Dann half sie ihm ?berraschend, die Jacke wieder auszuziehen.

Na gut.

Matthias l?chelte. Anna nahm ihn an den Schultern, r?ckte den Kragen zurecht und strich den Stoff auf seiner Brust glatt.

Steck blo? nicht deine Nase irgendwo hinein, wo sie nichts zu suchen hat.

Wir sind im Wald.

Eben deswegen.

Da ist doch nichts.

Im Wald ist von allem genug.

Matthias wartete geduldig. Die Mutter r?ckte noch einmal das Halstuch zurecht.

So.

Er ging zur T?r. Karl sagte:

Matthias.

Der Junge drehte sich um. Sein Vater stand am Fenster.

Hab einen guten Tag.

Es war ganz schlicht gesagt. Ohne Spott. Und aus irgendeinem Grund freute Matthias sich gerade dar?ber besonders.

Danke.

Dann lief er hinaus.

Auf dem Platz standen bereits Jungen. Einige kannte Matthias aus der Schule, andere hatte er noch nie gesehen. In Uniform sahen sie einander alle ein wenig ?hnlicher. Und genau das gefiel ihm auf Anhieb. Heinz kam als Erster zu ihm.

Zu sp?t.

Erschrocken sah Matthias zur Rathausuhr.

Es sind noch zehn Minuten.

War nur Spa?.

Matthias stie? ihn mit der Schulter an.

Idiot.

Heinz grinste.

Neues Koppel?

Ja.

Meins ist genauso.

Sie verglichen die Schl?sser. Tats?chlich waren sie gleich. Fr?her hatte Matthias gern Dinge besessen, die besser waren als die der anderen. Jetzt gefiel ihm aus irgendeinem Grund gerade, dass sie dasselbe trugen.

Kr?ger erschien Punkt sieben. Mit ihm kamen zwei ?ltere Jugendf?hrer. Einer trug eine kleine Trommel, der andere die Fahne. Die Gespr?che verstummten allm?hlich. Die Jungen traten an. Zun?chst stellte sich heraus, dass es viel schwieriger war, ordentlich in einer Formation zu stehen, als es von au?en wirkte. Einer stand zu dicht, ein anderer zu weit weg. Einer verwechselte immer wieder rechts und links. Ein anderer drehte st?ndig den Kopf. Kr?ger ging die Reihen entlang.

Gerader.

Er sprach ruhig. Er schrie nicht. Gerade deshalb wollte jeder umso schneller richtig stehen. Vor Matthias blieb er kurz stehen.

Roth.

Ja.

Fersen zusammen.

Matthias stellte sie augenblicklich zusammen.

Und nicht so steif. Du bist nicht aus Holz.

Ein paar Jungen lachten. Matthias wurde rot. Kr?ger l?chelte.

Schon gut. Das lernst du.

Nach einer Viertelstunde sah die Reihe endlich einigerma?en aus wie eine richtige Formation. Matthias sp?rte die Schulter des Jungen rechts neben sich. Hinter ihm h?rte er Heinz atmen. Vor seinen Augen war Kurts Hinterkopf. Normalerweise st?rten Menschen, wenn sie so dicht um einen standen. Sie schubsten, redeten, versperrten die Sicht. Jetzt war es, als w?rden sie ihm helfen, ?berhaupt so gerade zu stehen.

Kr?ger trat vor die Gruppe.

F?r einige unserer neuen Kameraden ist das heute der erste richtige Ausflug.

Das Wort Kameraden klang besonders gut. Matthias f?hlte sich sofort mitgemeint.

Merkt euch eines: Hier ist keiner wichtiger als die Gemeinschaft.

Er lie? den Blick ?ber die Reihen gehen.

Und hier geht keiner allein.

Matthias h?rte sehr aufmerksam zu.

Wenn einer m?de wird, hilft ihm der andere. Wenn einer zur?ckbleibt, lassen wir ihn nicht liegen. Und wenn einer einen Fehler macht, betrifft der Fehler uns alle.

Kr?ger machte eine Pause.

Wir lernen, zusammenzustehen.

Matthias erinnerte sich an Herrn Schulzes Worte: Ein Volk ist nur gemeinsam stark. Schon wieder passte alles zueinander.

Nach dem kurzen Antreten marschierten sie aus der Stadt. Vorn wurde die Fahne getragen. Dahinter kam die Trommel. Dann sie. Die Stra?en waren noch fast leer. Die wenigen Passanten drehten sich um. Vor der B?ckerei stand eine Frau mit einem Korb und l?chelte. Ein Mann neben seinem Fahrrad hob den Arm. Matthias sp?rte eine merkw?rdige W?rme in der Brust. Nicht ihm galt sie. Allen. Aber weil er zu allen geh?rte, eben auch ein wenig ihm.

Sie gingen gleichm??ig. Ein Schritt. Noch einer. Die Trommel gab den Takt vor. Zuerst sah Matthias auf seine F??e. Dann hob er den Kopf. So f?hlte es sich richtiger an. Die H?user wirkten niedriger, die Stra?e breiter. Sogar der Klang der eigenen Stiefel war anders als sonst. Es war das eine, allein zu gehen. Etwas v?llig anderes, wenn zwanzig Paar Schuhe beinahe gleichzeitig auf das Pflaster schlugen.

Zum ersten Mal verstand Matthias, warum es sich gut anf?hlte, im Gleichschritt zu marschieren. Man h?rte den eigenen Schritt nicht mehr. Er ging im gemeinsamen Klang auf.

Hinter der Stadt f?hrte die Stra?e zwischen Feldern hindurch. Der Morgen war k?hl, Feuchtigkeit hing noch ?ber dem Gras, und die Sonne begann die Erde erst langsam zu w?rmen. Nach einer Stunde war Matthias hei?. Nach zwei Stunden taten ihm die Beine weh. Zugeben w?rde er es nicht. Heinz marschierte neben ihm.

M?de?

Nein.

Ich auch nicht.

Beide logen.

Kr?ger lie? die Gruppe immer wieder anhalten. Die Jungen ?bten, mit der Karte die Richtung zu bestimmen, Zeichen zu finden und sich Wegmarken zu merken. Matthias machte mehrere Fehler. Einmal verwechselte er Osten und Westen, ein anderes Mal sch?tzte er die Entfernung bis zum Wald falsch. Das ?rgerte ihn. Er wollte sofort der Beste sein.

Kr?ger bemerkte es.

Roth.

Ja.

?rgerst du dich?

Matthias zuckte mit den Schultern.

Nein.

Du l?gst.

Matthias senkte den Blick. Kr?ger ging vor der Karte in die Hocke.

Ein Fehler ist n?tzlich, wenn du etwas aus ihm machst.

Er zeigte mit dem Finger auf die Karte.

Warum dachtest du, Osten l?ge dort?

Matthias erkl?rte es.

Gut. Dann wei?t du jetzt, wo du falsch abgebogen bist.

Ja.

Und wenn du dich nur ?rgerst?

Matthias schwieg.

Dann machst du denselben Fehler noch einmal.

Kr?ger klopfte ihm auf die Schulter.

Lern daraus.

Solche S?tze mochte Matthias. Sie machten ihn nicht klein. In der Schule bedeutete ein Fehler einen roten Strich im Heft. Hier schien ein Fehler zum Weg dazuzugeh?ren.

Am Nachmittag erreichten sie eine Lichtung im Wald. Dort sollten sie sich etwas zu essen machen. Sie teilten sich in Gruppen. Matthias musste Reisig sammeln. Heinz erkl?rte sofort, er k?nne ein Feuer anz?nden. Er konnte es nicht. Den ersten Versuch blies der Wind aus, der zweite qualmte nur und erlosch wieder.

Kurt Bauer schnaubte.

Gro?er Waldl?ufer.

Mach's doch selber.

Gib her.

F?nf Minuten sp?ter wurde aus dem Streit ein Gerangel. Heinz packte Kurt am Kragen, Kurt stie? ihn weg. Matthias hatte sich schon darauf eingestellt, eine Pr?gelei zu sehen, da erschien Kr?ger.

Was ist hier los?

Beide schwiegen.

Nichts.

Dann sehe ich also Dinge, die gar nicht da sind?

Kurt senkte den Blick. Kr?ger sah auf das nicht brennende Feuer.

Wer war daf?r zust?ndig?

Ich, sagte Heinz.

Hat nicht geklappt?

Der Wind.

Verstehe.

Kr?ger nahm einen trockenen Zweig auf.

Und Bauer wollte mit den F?usten nachhelfen?

Ein paar Jungen lachten.

Einen Kameraden muss man nicht besiegen, sagte Kr?ger. Man muss ihn st?rker machen.

Er zeigte ihnen, wie man den Zunder legt, wie man die kleine Flamme vor dem Wind sch?tzt und warum man nicht gleich zu viel Holz daraufwerfen darf. Wenige Minuten sp?ter brannte das Feuer. Heinz und Kurt sa?en nebeneinander und schwiegen. Kr?ger lie? ausgerechnet die beiden gemeinsam auf die Flammen aufpassen. Am Abend redeten sie l?ngst wieder miteinander.

Matthias merkte sich das alles. Ihm gefiel, dass es hier f?r beinahe alles eine Antwort gab. Streiten war schlecht. Helfen war gut. Vor Schwierigkeiten zur?ckschrecken war schlecht. Durchhalten war gut. Zu sp?t kommen war schlecht. Sich in die gemeinsame Ordnung einf?gen war gut.

Die Welt wurde verst?ndlich.

Zu Hause redeten die Erwachsenen st?ndig von komplizierten Dingen. Preise. Arbeit. Politik. Krieg. Versailles. Arbeitslosigkeit. Partei. Polen. Tschechien. Matthias verstand oft nicht, weshalb sein Vater pl?tzlich ?rgerlich wurde oder warum die Mutter ihn aufforderte, leiser zu sprechen.

Hier war alles einfacher.

Es gab eine Aufgabe. Eine Gruppe. Eine Regel. Man erf?llte sie  gut. Man lie? die anderen im Stich  schlecht.

F?r einen zehnj?hrigen Jungen war eine solche Klarheit beinahe Gl?ck.

Nach dem Essen durften sie sich eine Weile ausruhen. Matthias legte sich auf den R?cken und sah zu den Kronen der Kiefern hinauf. Die Zweige bewegten sich langsam. Irgendwo rief ein Vogel. Neben ihm redeten die Jungen durcheinander. Heinz erz?hlte wieder eine Geschichte ?ber die ?lteren aus der Hitlerjugend.

Die waren im Winter in den Bergen.

In richtigen?

Was soll es denn sonst f?r Berge geben?

Hohe?

Sehr hohe.

Hast du das selbst gesehen?

Mein Bruder hat es erz?hlt.

Heinz' ?lterer Bruder war bereits in der Hitlerjugend. Damit besa? Heinz einen beinahe unersch?pflichen Vorrat an Geschichten.

Einer ist dort abgest?rzt, sagte Heinz.

Matthias drehte den Kopf.

Tot?

Nein. Er ist irgendwo h?ngen geblieben.

Und wenn nicht?

Heinz zuckte mit den Schultern.

Dann w?re er eben gestorben.

Er sagte es ganz beil?ufig. Matthias stellte sich einen Jungen vor, der von einem Felsen st?rzte. Aus irgendeinem Grund setzte seine Fantasie ihm sofort eine Uniform an.

Und der hatte keine Angst?

Wer?

Der Junge.

Wahrscheinlich schon.

Matthias war ein wenig entt?uscht.

Hat dein Bruder Angst?

Heinz sah ihn an, als h?tte Matthias etwas Dummes gefragt.

Der ist doch fast erwachsen.

Die Antwort leuchtete ein. Matthias sah wieder zu den Kiefern. Er dachte ?ber Angst nach. Als er klein gewesen war, hatte er sich vor dem dunklen Flur gef?rchtet. Irgendwann nicht mehr. Vor dem Hund des Fleischers hatte er ebenfalls Angst gehabt. Dann hatte er ihn eines Tages gestreichelt, und auch diese Angst war verschwunden.

Also war Angst vielleicht einfach etwas, das man noch nicht gelernt hatte zu ?berwinden.

Die Vorstellung gefiel ihm. Er beschloss, eines Tages ?berhaupt keine Angst mehr zu haben.

Kr?gers Pfiff beendete die Pause.

Der R?ckweg war schwerer. Matthias' Beine taten nun wirklich weh. An der Ferse begann es unangenehm zu brennen. Er begriff, dass er sich eine Blase gelaufen hatte, und erinnerte sich an Heinz' Geschichte von dem Jungen mit der blutigen Ferse. Geschah das jetzt tats?chlich auch ihm? Der Gedanke freute ihn beinahe.

Die erste halbe Stunde hielt er es problemlos aus. Dann wurde es schlimmer. Jeder Schritt tat weh. Matthias begann leicht zu hinken. Heinz bemerkte es.

Was ist?

Nichts.

Du hinkst.

Ein Stein.

Im Schuh?

Ja.

Dann nimm ihn raus.

Sp?ter.

Ein paar Minuten danach lie? Kr?ger f?r eine kurze Rast halten. Matthias setzte sich nicht. Er hatte Angst, jemand k?nnte seine Ferse sehen, wenn er den Schuh auszog. Kr?ger kam vorbei.

Warum stehst du?

Ich will mich nicht hinsetzen.

Na sch?n.

Er wollte schon weitergehen, sah dann aber nach unten.

Schuh.

Matthias erstarrte.

Was?

Ausziehen.

Wieso?

Roth.

Der Ton blieb ruhig, aber Matthias hatte pl?tzlich keine Lust mehr zu widersprechen. Er setzte sich und zog den Schuh aus. Die Socke war an der Ferse feucht, die Haut aufgescheuert. Kr?ger hockte sich neben ihn.

Seit wann?

Nicht lange.

Wie lange?

Matthias zuckte mit den Schultern.

Eine Stunde?

Vielleicht.

Warum hast du nichts gesagt?

Ich konnte doch weiterlaufen.

Kr?ger sah ihn an. Matthias wartete auf Lob. Jetzt w?rde es kommen. Er hatte durchgehalten. Sich nicht beklagt. Genau wie der Junge aus Heinz' Geschichte.

Doch Kr?ger runzelte die Stirn.

Das ist dumm.

Matthias war verbl?fft.

Warum?

Weil du in einer Stunde vielleicht gar nicht mehr h?ttest laufen k?nnen.

Kr?ger holte Verbandszeug aus seiner Tasche.

Schmerzen auszuhalten kann n?tig sein. Ein Problem zu verstecken ist etwas anderes.

Matthias f?hlte sich betrogen.

Aber ein Mann muss doch etwas aushalten.

Wer hat dir das gesagt?

Sie.

Kr?ger schmunzelte.

Ich rede viel, wenn der Tag lang ist.

Er s?uberte die Ferse. Es tat weh. Matthias biss die Z?hne zusammen.

So. Jetzt darfst du aushalten.

Ein paar Jungen lachten. Diesmal lachte Matthias mit. Kr?ger legte den Verband fertig an.

Merk dir etwas: Stark ist nicht der, der so lange schweigt, bis er umf?llt. Stark ist, wer wei?, wann er weitermachen kann  und wann er mit seinem Starrsinn die anderen belastet.

Er half Matthias auf.

Verstanden?

Ja.

Gut.

Matthias trat wieder in die Reihe. Die Ferse tat noch immer weh, aber jetzt fiel das Aushalten leichter. Er dachte ?ber Kr?gers Worte nach. Ihm gefiel, dass sich sogar Schmerz in eine Regel verwandeln lie?.

Als sie gegen Abend wieder in die Stadt kamen, waren viel mehr Menschen auf den Stra?en. Gerade an diese R?ckkehr erinnerte sich Matthias sp?ter am deutlichsten. Alle waren m?de. Die Hemden waren vom Schwei? dunkel geworden, die Schuhe voller Staub, und bei einigen Jungen stimmte der Schritt l?ngst nicht mehr. Doch vor den ersten H?usern lie? Kr?ger die Reihen wieder straffen. Die Trommel gab erneut den Takt vor.

Matthias richtete sich auf. Die Ferse pochte, doch er beachtete es nicht. Frauen blieben auf dem Gehweg stehen. Jemand winkte. Ein kleiner Junge, vielleicht f?nf Jahre alt, sah sie mit offenem Mund an. Matthias fing seinen Blick auf  und erkannte pl?tzlich sich selbst darin.

So hatte er bis vor Kurzem ebenfalls den vorbeiziehenden Gruppen nachgesehen.

Nur war er jetzt nicht mehr am Rand.

Er war mittendrin.

Die Erkenntnis nahm ihm fast den Atem. Es war schnell gegangen. Nichts Besonderes war geschehen. Er hatte keine Heldentat vollbracht, keinen Wettkampf gewonnen, niemanden gerettet. Er hatte lediglich die Uniform angezogen und war ein paar Kilometer mit den anderen marschiert.

Und trotzdem gab es eine Grenze.

Am Morgen hatte er noch auf dem Gehweg gestanden.

Jetzt ging er auf der Stra?e.

Und andere sahen ihm nach.

Zu Hause fiel seiner Mutter zuerst der Staub auf.

Mein Gott.

Was denn?

Wo bist du ?berall herumgekrochen?

Wir sind gar nicht gekrochen.

Dann ist die Erde vermutlich von allein auf dich geklettert.

Sie lie? ihn die Schuhe an der T?r ausziehen.

Wie war es?

Gut.

Hast du gegessen?

Ja.

Was?

Matthias z?hlte auf, was es gegeben hatte.

Na, immerhin.

Er wartete darauf, dass sie noch etwas fragte. Nach der Karte. Dem Feuer. Dem Marschieren. Doch die Mutter untersuchte bereits seine Socke.

Ist das Blut?

Matthias seufzte.

Nur ein bisschen.

Was hei?t ein bisschen?

Ich habe mir die Ferse wundgelaufen.

Zeig her.

Die ist schon verbunden.

Von wem?

Kr?ger.

Die Mutter sah genauer hin.

Hat er es ordentlich gemacht?

Woher soll ich das wissen?

Eben.

Sie nahm den Verband trotzdem ab und machte einen neuen. Matthias sa? auf dem K?chenhocker.

Mama.

Hm?

Ich bin den ganzen Weg mitgelaufen.

Das sehe ich.

Auch als es wehgetan hat.

Sehr sch?n.

Kr?ger hat gesagt, ich h?tte nicht so lange schweigen sollen.

Ein kluger Mann.

Matthias sah sie erstaunt an.

Du magst ihn?

Ich kenne ihn nicht.

Erich hat dasselbe gesagt.

Dann ist heute offenbar der Tag der vern?nftigen Antworten.

Matthias wollte widersprechen, doch in diesem Moment kam der Vater in die K?che. Karl sah auf die Uniform, die ?ber einem Stuhl lag.

Wieder da?

Ja.

Den Wald besiegt?

Papa.

Was?

Du machst dich extra lustig.

Karl setzte sich ihm gegen?ber.

Na gut. Erz?hl.

Matthias war sofort wieder munter. Er erz?hlte fast alles. Vom Antreten. Von der Karte. Vom Lagerfeuer. Von Heinz und Kurt. Von der Ferse. Davon, wie sie wieder in die Stadt einmarschiert waren. Sein Vater h?rte schweigend zu. Besonders ausf?hrlich gab Matthias wieder, was Kr?ger ?ber Kameradschaft gesagt hatte.

Wenn einer zur?ckbleibt, darf man ihn nicht im Stich lassen.

Karl nickte.

Das stimmt.

Und wenn einer einen Fehler macht, betrifft er alle.

Manchmal.

Wieso manchmal?

Weil es Fehler gibt, f?r die derjenige verantwortlich ist, der sie macht.

Matthias verstand nicht.

Aber wenn die Gruppe 

Ich wei?, was du meinst.

Der Vater strich mit der Handfl?che ?ber den Tisch.

Gew?hn dir nur nicht an zu glauben, ein Mensch h?re auf, er selbst zu sein, blo? weil er zwischen anderen steht.

Matthias zog die Stirn kraus. Schon wieder. Wieder machten die Erwachsenen aus sch?nen, einfachen Dingen etwas Kompliziertes.

Aber zusammen ist man st?rker.

Ist man.

Was ist dann falsch daran?

Karl sah ihn an.

Gar nichts. Solange du noch wei?t, warum du mit den anderen gehst.

Matthias wusste darauf nichts zu sagen. Der Vater l?chelte.

Denk nicht weiter dar?ber nach. Du bist m?de.

Das zumindest stimmte. Matthias konnte die Augen kaum noch offen halten.

Vor dem Schlafengehen legte er die Uniform noch einmal ordentlich auf den Stuhl. So, dass das Hemd keine Falten bekam. Die Hose daneben. Das Koppel dar?ber. Seine Mutter hatte gesagt, sie werde am Morgen alles waschen.

Matthias betrachtete die Sachen lange. Am Morgen waren sie neu gewesen. Jetzt trugen sie Spuren des Tages. Staub. Rauchgeruch. Einen kleinen Erdfleck am ?rmel. Es war, als geh?rten sie ihm jetzt mehr als zuvor.

Er legte sich ins Bett. Das Zimmer war dunkel. Aus dem Nebenzimmer kamen die Stimmen seiner Eltern. Matthias h?rte nicht genauer hin. Er schloss die Augen und sah wieder die Stra?e vor sich. Die Trommel. Das Pflaster. Die Gesichter der Passanten. Den kleinen Jungen am Gehweg. Schritt. Noch ein Schritt. Noch einer. Der Klang seiner eigenen Schritte verschwand zwischen allen anderen.

Und genau das war die sch?nste Erinnerung an diesem Tag.

Matthias konnte noch nicht erkl?ren, warum.

Wenn man allein war, musste man st?ndig wissen, wer man war. In einer Formation wurde alles einfacher. Jemand zeigte einem den Platz. Man stellte sich hin. Jemand gab den Takt vor. Man passte sich an. Rechts und links standen andere. Alle sahen beinahe gleich aus. Alle gingen in dieselbe Richtung. Und wenn einen manchmal doch ein Zweifel beschlich, musste man nur nach rechts und links sehen. Die anderen marschierten weiter.

Also ging auch man selbst richtig.

Matthias schlief schnell ein. Auf dem Stuhl neben dem Bett lag seine erste Uniform. Durch das offene Fenster drang von fern das Ger?usch eines Nachtzuges.

Noch wusste er nicht, dass die Uniform f?r ihn eines Tages aufh?ren w?rde, blo? Kleidung zu sein. Sie w?rde zum Beweis der Zugeh?rigkeit werden. Dann zur Pflicht. Dann zu einem Versprechen.

Und viel sp?ter, wenn die Jungenuniform l?ngst zu klein geworden war und seit Jahrzehnten irgendwo liegen mochte, w?rde ein alter Matthias Roth versuchen, sich an diesen ersten Tag zu erinnern und herauszufinden, in welchem Augenblick es sich so gut angef?hlt hatte, dass sein eigener Schritt nicht mehr nur ihm geh?rte.

Er w?rde es nicht k?nnen.

Solche Dinge haben selten ein genaues Datum.

Manchmal merkt ein Mensch nur irgendwann, dass er schon seit langer Zeit mit allen anderen mitgeht.

Kapitel 3. Der gro?e Bruder

Erich wollte fort.

Matthias erfuhr es zuf?llig. Am Sonntagmorgen ging er ohne anzuklopfen in das Zimmer seines Bruders und sah den offenen Koffer. Auf dem Bett lagen zwei Hemden, ein Pullover, mehrere Paar Str?mpfe, das Rasierzeug und ein sauber gestapelter Packen Briefe. Daneben standen frisch geputzte Schuhe. Erich hockte vor dem Schrank und ?berlegte, welche von zwei Jacken er mitnehmen sollte.

Matthias blieb in der T?r stehen.

Wo f?hrst du hin?

Erich drehte sich um.

Guten Morgen.

Wo f?hrst du hin?

Klopfen w?re auch eine M?glichkeit.

Du f?hrst weg?

Matthias.

Wohin?

Erich seufzte und setzte sich auf die Bettkante.

F?r ein paar Wochen.

Wohin?

In ein Lager.

Matthias wurde sofort hellh?rig.

Milit?r?

Nein.

Was dann?

Arbeitsdienst.

Das klang deutlich weniger spannend. Matthias trat an den Koffer.

Wozu?

Weil man das eben macht.

Wer?

Junge M?nner.

Alle?

Fast alle.

Matthias strich ?ber den Pullover. Erich schob seine Hand sofort beiseite.

Ich packe selbst.

Was macht ihr da?

Arbeiten.

Was denn?

Wei? ich noch nicht.

Bauen?

Vielleicht.

Stra?en?

Vielleicht.

Kriegt ihr Uniformen?

Erich sah ihn an.

Nat?rlich. Das ist ja das Wichtigste.

Matthias konnte nicht erkennen, ob sein Bruder sich ?ber ihn lustig machte.

Was f?r welche?

Matthias.

Was?

Interessiert dich wirklich nichts anderes?

Der Junge zuckte mit den Schultern. In Wahrheit interessierte ihn vieles. Wohin Erich fuhr. Mit wem. F?r wie lange. Was sie essen w?rden. Wo sie schliefen. Ob man eine Uhr mitnehmen durfte. Ob es dort Gewehre gab. Aber nach der Uniform zu fragen war am einfachsten. Eine Uniform bedeutete, dass etwas wichtig war.

Wann kommst du wieder?

Ende des Monats.

Und dann?

Dann nach Hause.

Und das war's?

Erich grinste.

Reicht dir das nicht?

Matthias setzte sich neben ihn. Er sah, dass sein Bruder sich auf die Reise nicht besonders freute. Das verwirrte ihn. Wenn Matthias zu einem Ausflug fuhr, begann er sich schon Tage vorher darauf zu freuen. Erich sollte irgendwohin, wo erwachsene M?nner waren, Disziplin, Arbeit und Uniformen  und er benahm sich, als w?rde man ihn zum Kohleschaufeln schicken.

Ich w?rde gern mitfahren.

Ich wei?.

Wirklich.

Glaube ich dir.

Du sagst das immer so.

Wie?

Als h?tte ich etwas Dummes gesagt.

Erich h?rte auf zu packen.

Du hast nichts Dummes gesagt.

Warum lachst du dann?

Weil du immer dorthin willst, wo du gerade nicht bist.

Matthias dachte dar?ber nach.

Du nicht?

Erich zuckte mit den Schultern.

Manchmal will man lieber dortbleiben, wo man ist.

Auch das kam Matthias sonderbar vor. F?r ihn bestand Erwachsensein doch gerade darin, jederzeit irgendwohin gehen zu k?nnen. Sich aufs Fahrrad setzen und losfahren. In einen Zug steigen. Sp?t nach Hause kommen. Arbeiten. Geld verdienen. Niemanden um Erlaubnis fragen. Wenn Erwachsene freiwillig zu Hause bleiben wollten  wozu wurde man dann ?berhaupt erwachsen?

Wei? Mama davon?

Nat?rlich.

Papa?

Auch.

Warum hat mir keiner was gesagt?

Weil es weder ein Staatsgeheimnis noch eine Familientrag?die ist.

Matthias war beleidigt.

Ich habe doch nur gefragt.

Und ich habe nur geantwortet.

Erich legte ihm die Hand in den Nacken und sch?ttelte ihn leicht.

Sei nicht eingeschnappt.

Matthias versuchte sich loszumachen, doch sein Bruder hielt ihn noch eine Sekunde fest.

He!

So, du bist entlassen.

Idiot.

Durchaus m?glich.

Matthias ging aus dem Zimmer. Im Flur h?rte er hinter sich:

Und mach die T?r zu.

Er schloss sie. Dann ?ffnete er sie wieder.

Erich.

Was denn noch?

Wenn es dort interessant ist, erz?hlst du mir davon?

Der ?ltere Bruder sah ihn an. Diesmal ohne Spott.

Mach ich.

Karl Roth mochte die Sonntagsfr?hst?cke nicht. Jedenfalls kam es Matthias so vor. An Werktagen a? sein Vater schnell, las die Zeitung und ging zur Arbeit. Sonntags musste niemand fort, und deshalb wurden die Gespr?che zwangsl?ufig l?nger.

An diesem Morgen ging es um Erich.

Die Mutter fragte, ob er alles eingepackt habe. Erich sagte ja. Sie fragte noch einmal. Er sagte noch einmal ja. Karl h?rte schweigend zu.

Warme Unterw?sche?, fragte Anna.

Hab ich.

Handtuch?

Hab ich.

B?rste?

Hab ich.

Das zweite?

Was f?r ein zweites?

Handtuch.

Erich legte die Hand vors Gesicht.

Mama.

Was?

Ich fahre nicht zum Nordpol.

Ich wei? durchaus, wo Deutschland liegt.

Karl l?chelte. Matthias auch. Anna sah ihren Mann an.

Du k?nntest mich wenigstens unterst?tzen.

Das tue ich.

Wen?

Erich.

Sehr komisch.

Sie wandte sich wieder ihrem ?lteren Sohn zu.

Geld hast du?

Ja.

Tu etwas davon woanders hin.

Wieso?

Falls du deine Brieftasche verlierst.

Die verliere ich nicht.

Niemand nimmt sich vor, seine Brieftasche zu verlieren.

Matthias beobachtete die beiden. Ihm gefiel, dass sogar Erich manchmal wieder zum Kind wurde. Das geschah allerdings fast nur in Gegenwart ihrer Mutter.

Schlie?lich stellte Karl seine Tasse ab.

Lass ihn, Anna.

Ich lasse ihn, sobald er gefahren ist.

Eben.

Die Mutter schwieg. Nicht lange.

Wie viele seid ihr dort?

Erich zuckte mit den Schultern.

Keine Ahnung.

Und wer leitet das Lager?

Wei? ich nicht.

Wo schl?ft ihr?

In Baracken.

Anna zog sofort die Stirn kraus.

Was denn f?r Baracken?

Normale.

Was hei?t normal?

Mama, ich bin kein Barackeninspektor.

Karl sagte leise:

Anna.

Sie seufzte und griff nach ihrer Tasse. Ein paar Minuten a?en alle schweigend. Matthias wollte fragen, ob es im Lager auch Exerzieren gab, sp?rte aber, dass jetzt nicht der richtige Moment war.

Der Vater begann als Erster wieder zu sprechen.

Und du selbst?

Erich sah ihn an.

Was ist mit mir?

Ich frage nicht, ob du gesund bist.

Hab ich verstanden.

Und?

Erich zuckte mit den Schultern.

Was soll sein?

Wei? ich nicht. Deshalb frage ich ja.

Erich drehte seine Tasse zwischen den H?nden.

Ich fahre hin. Ich leiste meinen Dienst. Dann komme ich zur?ck.

Ist es das, was du willst?

Anna blickte sofort zu ihrem Mann. Erich hob die Augen.

Was macht das f?r einen Unterschied?

Einen gro?en.

Es ist ohnehin entschieden.

Das war keine Antwort.

Matthias sah von einem zum anderen. Das Gespr?ch bewegte sich eindeutig in einen Raum, zu dem er keinen Zutritt hatte.

Erich seufzte.

Papa, es sind ein paar Wochen. Nicht die Front.

Nach diesen Worten wurde es still. Nur sehr kurz. Aber Matthias bemerkte es.

Karl sah als Erster weg.

Ich wei?.

Das Wort Front bekam f?r Matthias pl?tzlich ein Gewicht. Er hatte es oft genug geh?rt. In Radiosendungen ?ber den letzten Krieg. In Gespr?chen der Erwachsenen. In Zeitungen. Aber hier am K?chentisch klang es anders. Als h?tte jemand einen schweren Gegenstand darauf abgestellt.

Erich schien es ebenfalls bemerkt zu haben.

Es ist alles in Ordnung.

Karl nickte.

Gut.

Damit war das Gespr?ch beendet. Matthias dachte wieder daran, wie wenig er eigentlich ?ber seinen Vater wusste.

Erich fuhr am n?chsten Tag ab. Zum Bahnhof gingen sie alle mit. Matthias liebte Abschiede am Bahnhof, selbst wenn jemand fortfuhr, den er kannte. Ein Bahnhof machte aus gew?hnlichen Menschen Reisende. Jeder hatte einen Koffer. Eine Fahrkarte. Ein Ziel. Eine Abfahrtszeit. Als geh?rte er schon zur H?lfte einem anderen Ort.

Auf dem Bahnsteig war viel los. Mehrere junge M?nner fuhren gemeinsam mit Erich. Einige trugen bereits die Uniform des Arbeitsdienstes. Matthias musterte sie. Sie wirkten erwachsener als sein Bruder. Nicht weil sie ?lter waren, sondern weil sie gleich aussahen.

Wieder fiel ihm diese merkw?rdige Sache auf: Gleiche Kleidung machte Menschen selbstsicherer. Als m?sste jemand, der so angezogen war wie die anderen, nicht mehr nur f?r sich allein stehen.

Anna hielt Erich an der Hand.

Schreib sofort.

Mach ich.

Nicht erst nach einer Woche.

Sofort.

Wenn du angekommen bist.

Ja.

Damit ich wei? 

Mama.

Sie schwieg. Dann r?ckte sie ihm den Kragen zurecht. Genauso hatte sie es vor kurzem bei Matthias gemacht. Er sah zu und grinste. Erich bemerkte es.

Was ist so lustig?

Nichts.

Sehe ich.

Mama richtet dir den Kragen.

Anna drehte sich zum j?ngeren Sohn um.

Noch ein Wort, und ich richte dir gleich auch etwas zurecht.

Matthias wurde sofort ernst.

Karl gab Erich die Hand. Er umarmte ihn nicht. Nur die Hand.

Pass auf dich auf.

Da gibt es nichts, worauf ich aufpassen m?sste.

Das glaubst du.

Erich wollte etwas erwidern, lie? es aber bleiben. Der Zug gab ein Signal. T?ren schlugen. Die Menschen verabschiedeten sich pl?tzlich schneller.

Erich war schon eingestiegen, als er unerwartet wieder aus dem Wagen sprang. Anna sah erschrocken auf.

Was ist?

Er umarmte seine Mutter. Kurz. Dann seinen Vater. Und bevor Matthias sich darauf vorbereiten konnte, fuhr er ihm durchs Haar.

Benimm dich.

Mach ich doch.

Umso besser.

Erz?hlst du alles?

Wenn es etwas zu erz?hlen gibt.

Erich stieg wieder ein. Eine Minute sp?ter setzte sich der Zug in Bewegung. Matthias lief ein paar Schritte am Bahnsteig mit, solange er konnte. Erich stand am Fenster und hob die Hand. Matthias hob seine. Der Wagen zog vorbei. Dann der n?chste. Dann das Ende des Zuges. Zur?ck blieb Rauch.

Anna sah ihm nach. Karl stand neben ihr.

Matthias sp?rte pl?tzlich Neid.

Nicht auf Erich.

Auf den Zug.

Er hatte den Bruder an einen Ort gebracht, den Matthias selbst noch nicht erreichen konnte.

Der erste Brief kam vier Tage sp?ter. Die Mutter ?ffnete den Umschlag vorsichtig, als f?rchte sie, nicht das Papier, sondern Erich selbst zu besch?digen. Als Karl von der Arbeit kam, setzte sie sofort alle an den K?chentisch.

Ich lese vor.

Lies, sagte der Vater.

Matthias r?ckte n?her.

Der Brief war entt?uschend kurz. Erich schrieb, er sei gut angekommen. Sie wohnten in Baracken. Das Essen sei ertr?glich. Der Weckruf komme fr?h. Sie arbeiteten viel. Das Wetter sei gut. Gr??e an alle.

Das war alles.

Matthias wartete auf die Fortsetzung.

Mehr nicht?

Die Mutter drehte das Blatt um.

Mehr nicht.

Was machen sie denn?

Er schreibt doch: arbeiten.

Was?

Schreibt er nicht.

Warum nicht?

Karl nahm den Brief.

Weil es f?r ihn offenbar nicht das Wichtigste ist.

Matthias war entt?uscht. Er hatte eine Geschichte erwartet. Von Schwierigkeiten. Vorgesetzten. M?rschen. Wenigstens von der Uniform.

Eine Woche sp?ter kam der zweite Brief. Etwas l?nger. Erich schrieb, sie bauten an einem Stra?enabschnitt, befestigten einen Hang und schleppten Erde. Ein Junge aus Hamburg habe sich die Hand verbrannt. Ein anderer schnarche ununterbrochen. Der F?hrer ihrer Gruppe sei der Ansicht, Menschen arbeiteten besser, wenn sie vorher gelaufen seien. Erich teile diese Ansicht nicht.

Am Ende stand ein Nachsatz:

Matthias soll wissen, dass es hier ?berhaupt nichts Romantisches gibt.

Die Mutter lachte. Karl auch. Matthias nicht.

Warum schreibt er mir das?

Weil er dich kennt, sagte der Vater.

Ich habe doch gar nichts gesagt.

Musst du daf?r auch nicht.

Matthias zog ein Gesicht.

Am Abend nahm er ein sauberes Blatt Papier. Lange sa? er davor. Dann schrieb er:

Lieber Erich,



Mama hat deinen Brief vorgelesen. Ich denke nicht, dass es dort romantisch sein muss. Ich wollte nur wissen, was ihr macht. Wir hatten gestern Dienst. Ich war am besten darin, die Richtung mit dem Kompass zu bestimmen. Kr?ger hat mich gelobt. Heinz sagt, dass sie in der Hitlerjugend mit Gewehren schie?en. Stimmt das?

Er hielt inne. Dann f?gte er hinzu:

Wenn du wiederkommst, zeigst du mir deine Uniform?

Er las den Satz noch einmal, strich ihn durch und schrieb stattdessen:

Wenn du wiederkommst, erz?hlst du mir alles.

Das klang erwachsener.

Erich kam braun gebrannt und d?nner zur?ck. Matthias h?rte seine Stimme im Flur und schoss aus seinem Zimmer.

Erich!

Du bist ja immer noch da.

Wo soll ich denn sein?

Keine Ahnung. Ich dachte, inzwischen w?rst du nach Afrika ausger?ckt.

Matthias st?rzte auf ihn zu. Erst hatte er ihm nur die Hand geben wollen. Das w?re erwachsen gewesen. Im letzten Augenblick umarmte er ihn doch.

Erich lachte.

He, vorsichtig.

Du bist d?nner geworden.

Danke.

Das war nicht b?se gemeint.

Dann danke ich ganz besonders.

Die Mutter weinte ein wenig. Gerade genug, um sich st?ndig ?ber die Augen zu wischen und zu behaupten, ihr sei etwas hineingeflogen. Karl nahm den Koffer.

Na?

Erich sah ihn an.

Zu Hause ist besser.

Du wirst kl?ger.

Fang nicht an.

Beim Abendessen musste Erich erz?hlen. Die Mutter wollte wissen, was es zu essen gegeben hatte. Der Vater wollte wissen, wie die Arbeit organisiert gewesen war. Matthias wollte alles andere wissen.

Und die Uniform?

Gab es.

Bequem?

Ging.

Seid ihr marschiert?

Manchmal.

Geschossen?

Nein.

Gar nicht?

Matthias, wir haben eine Stra?e gebaut.

Na und?

Auf wen h?tten wir schie?en sollen? Auf den Kies?

Karl hustete, um sein Lachen zu verbergen. Matthias wurde rot. Erich bekam Mitleid.

Wir hatten ein bisschen Ausbildung. Aber nichts Besonderes.

Was denn?

Das ?bliche.

Was ist das ?bliche?

Matthias.

Du hast versprochen, alles zu erz?hlen.

Erich sah ihn an.

Das habe ich nicht versprochen.

Doch.

Ich habe gesagt: Ich erz?hle dir davon.

Also alles.

Bemerkenswerte Logik.

Die Mutter mischte sich ein.

Lass deinen Bruder wenigstens essen.

Matthias schwieg. Bis zum Nachtisch.

Dann begann er wieder zu fragen.

Am Abend gab Erich auf. Sie gingen in sein Zimmer. Er holte Fotos aus dem Koffer. Matthias setzte sich neben ihn. Auf dem ersten Bild standen mehrere junge M?nner vor einer Baracke. Auf dem zweiten war eine lange Kolonne mit Spaten zu sehen. Auf dem dritten sa? Erich auf einem Stapel Baumst?mme neben einem gro?en blonden Jungen.

Wer ist das?

Willi.

Ein Freund?

Vielleicht.

Was hei?t vielleicht?

Wir haben zusammen gearbeitet.

Kommt der von hier?

Aus Hamburg.

Ist er nett?

Ganz in Ordnung.

Matthias bl?tterte weiter.

Und euer F?hrer?

Da.

Erich zeigte auf einen Mann in Uniform.

Streng?

Er redet gern.

Wor?ber?

?ber Pflicht.

Matthias wurde aufmerksam.

Was sagt er?

Erich nahm ihm das Foto aus der Hand.

Verschiedenes.

Zum Beispiel?

Dass die Jugend Deutschland dienen m?sse.

Stimmt doch.

Erich sah ihn an.

Warum?

Die Frage kam so unerwartet, dass Matthias ins Stocken geriet.

Weil  Deutschland unser Land ist.

Und?

Wir sind Deutsche.

Und?

Na ja 

Er erinnerte sich an den Dienst.

Das Volk muss zusammenstehen.

Den Satz habe ich schon geh?rt.

Warum fragst du dann?

Erich legte das Foto weg.

Weil mich interessiert, was du selbst denkst.

Matthias runzelte die Stirn.

Dasselbe.

Was genau?

Das Gespr?ch begann ihn zu ?rgern.

Machst du das absichtlich?

Nein.

Warum fragst du dann dauernd?

Erich lehnte sich zur?ck.

Weil im Lager einer war, der st?ndig in fertigen S?tzen geredet hat.

Wer?

Ist egal.

Was hat er gesagt?

Alles Richtige.

Matthias verstand nicht.

Wenn es richtig war, was war daran schlecht?

Erich l?chelte. Aber das L?cheln war nicht fr?hlich.

Das frage ich mich auch.

Ein paar Sekunden schwiegen sie. Matthias nahm wieder ein Foto.

Hat es dir gefallen?

Was?

Dort.

Erich dachte nach.

Manches.

Was?

Die anderen. Die Arbeit, wenn etwas gelang. Abends nach Feierabend zusammensitzen.

Und der Rest?

Der Rest war eben der Rest.

Wieder war Matthias entt?uscht. Erich besa? die merkw?rdige F?higkeit, spannende Dinge gew?hnlich klingen zu lassen.

Ich w?rde trotzdem fahren.

Ich wei?.

Du sagst das dauernd.

Weil du es dauernd willst.

Matthias legte die Fotos beiseite.

Wenn ich achtzehn bin, fahre ich auch.

M?glich.

Und danach zur Armee.

Erich sah ihn an.

M?glich.

Du auch?

Der ?ltere Bruder zuckte langsam mit den Schultern.

Wahrscheinlich.

Willst du?

Erich antwortete nicht.

Na?

Ich wei? es nicht.

Matthias lachte.

Jeder will das.

Wer ist jeder?

M?nner.

Woher wei?t du das?

Das muss so sein.

Nun sah Erich ihn sehr aufmerksam an.

Warum?

Matthias wusste bereits, dass er wieder in eine Falle geraten war.

Weil ein Mann sein Land verteidigen muss.

Wenn es angegriffen wird.

Ja.

Und wenn es nicht angegriffen wird?

Matthias schwieg. Mit dieser Frage hatte er nicht gerechnet. In der Schule war alles einfacher. Deutschland war gedem?tigt worden. Deutschland holte sich zur?ck, was ihm zustand. Deutschland wurde st?rker. Es ergab eine gerade Linie.

Trotzdem.

Was hei?t trotzdem?

Wenn es n?tig ist.

F?r wen?

F?r Deutschland.

Und Deutschland sagt dir dann Bescheid?

Matthias stand ver?rgert auf.

Du machst dich ?ber mich lustig.

Nein.

Doch.

Setz dich.

Will nicht.

Matthias.

Er war schon an der T?r, als Erich sagte:

Ich halte dich nicht f?r dumm.

Der Junge blieb stehen.

Warum dann?

Sein Bruder schwieg lange.

Weil ich manchmal selbst nicht wei?, was ich denke.

Dieses Gest?ndnis ersch?tterte Matthias st?rker als jede Antwort. Erich war erwachsen. Erwachsene mussten doch wissen, was sie dachten. Besonders gro?e Br?der.

Wie kann man das nicht wissen?

Sehr leicht.

Ich wei? es.

Du bist neun.

Fast zehn.

Eben.

Matthias war wieder beleidigt.

Wenn ich achtzehn bin, werde ich es wissen.

Erich sah ihn an.

Ich hoffe es.

Im Sommer ver?nderte sich vieles. Nicht auf einmal. Nicht so, dass die Stadt eines Morgens anders aufgewacht w?re. Es gab einfach mehr Fahnen. Mehr Reden. Mehr M?nner in Uniform. Neue Plakate erschienen an den W?nden. Die Lehrer sprachen h?ufiger ?ber Deutschland. Bei den Treffen redete Kr?ger von Disziplin und Zukunft.

Matthias gefiel all das.

Es war, als n?hme das Leben Fahrt auf.

Auch die Gespr?che der Erwachsenen ver?nderten sich. Immer ?fter fielen Namen von Orten, die Matthias auf der Karte suchte. ?sterreich. Sudetenland. Tschechoslowakei. Er fuhr mit dem Finger dar?ber. Karten begannen ihn viel st?rker zu interessieren als fr?her. Bis dahin war eine Landkarte ein Schulgegenstand gewesen. Nun schien sie etwas Lebendiges zu sein. Grenzen konnten sich verschieben. Gebiete wechselten die Farbe. Und jedes Mal erkl?rte das Radio, weshalb alles genau so richtig gewesen war.

Matthias h?rte zu.

Karl schaltete das Radio manchmal vor dem Ende aus. Erich stritt gelegentlich mit dem Vater. Anna bat dann beide, nicht wieder damit anzufangen. Gerade wenn Matthias aus dem Zimmer geschickt wurde, h?rte er besonders aufmerksam hin. Sehr schnell begriff er: Wenn Erwachsene sagten nicht vor dem Jungen, ging es um die wichtigsten Dinge.

Eines Abends h?rte er Karl sagen:

Mir gef?llt nicht, wie leicht inzwischen alle ?ber Krieg reden.

Matthias stand im Flur. Er war gekommen, um ein Buch zu holen, und hatte die Stimme seines Vaters geh?rt. Er ging nicht hinein.

Erich antwortete:

Keiner sagt, dass es Krieg gibt.

Noch nicht.

Warum erwartest du immer das Schlimmste?

Weil ich schon einmal erlebt habe, wie alle das Beste erwartet haben.

Eine Pause. Dann Erich:

Das ist zwanzig Jahre her.

Eben.

Alles hat sich ver?ndert.

Die Menschen auch?

Erich sagte nichts.

Karl fuhr fort:

Als ich j?nger war als du, hat man uns auch erz?hlt, es w?rde schnell gehen.

Matthias dr?ckte das Buch an die Brust. Der Vater sprach ?ber den Krieg. Von selbst. Ohne dass jemand ihn fragte. Das tat er beinahe nie.

Und?, fragte Erich.

Nichts.

Papa.

Was willst du h?ren?

Wie es war.

Karl schwieg lange.

Dreckig.

Matthias erstarrte. Er wartete auf mehr.

Das ist alles?

Reicht dir das nicht?

Ich meine es ernst.

Ich auch.

Wieder Schweigen.

Dann sagte der Vater:

Das Erste, was ein Krieg mit einem Menschen macht, ist, ihm die sch?nen W?rter abzugew?hnen.

Matthias verstand nicht. Erich offenbar ebenfalls nicht.

Welche W?rter?

Alle, mit denen man ihn beschreibt, bevor er angefangen hat.

Das Gespr?ch verlief sich.

Matthias blieb noch einige Sekunden im Flur stehen. Dann ging er absichtlich laut zu seinem Zimmer, damit niemand merkte, dass er gelauscht hatte.

In dieser Nacht lag er lange wach. Immer wieder h?rte er die Worte seines Vaters.

Dreckig.

So einen Krieg gab es auf den Plakaten nicht.

Auf den Plakaten waren die Soldaten immer sauber.

Ende August bekam Erich einen Brief. Einen offiziellen. Der Umschlag lag morgens auf dem K?chentisch. Erich hatte ihn bereits gelesen. Die Mutter stand am Fenster. Der Vater rauchte, obwohl er vor dem Fr?hst?ck sonst nie rauchte.

Was ist passiert?

Zun?chst antwortete niemand.

Matthias sah seinen Bruder an.

F?hrst du wieder weg?

Erich nickte.

Wohin?

Erst einmal zur Ausbildung.

Milit?risch?

Erich nickte wieder.

Matthias sp?rte, wie etwas in ihm hochsprang.

Wirklich?

Die Mutter drehte sich so scharf zu ihm um, dass Matthias sofort begriff, dass er sich im falschen Moment gefreut hatte.

Ich wollte nur 

Anna ging aus der K?che. Die T?r fiel zu.

Karl dr?ckte die Zigarette aus.

Nicht jetzt, Matthias.

Ich wollte nicht 

Ich wei?.

Erich sa? schweigend da.

Matthias sah ihn an. Nun wurde sein Bruder tats?chlich zu dem, was er dem J?ngeren schon immer zu sein schien. Ein Mann. Ein Soldat. Beinahe.

Matthias empfand gleichzeitig Stolz  und Scham dar?ber, stolz zu sein.

Wann?, fragte er leise.

In zwei Wochen.

Wie lange?

Wei? ich nicht.

Und danach?

Erich sah zum Vater. Der wandte den Blick ab.

Dann sehen wir weiter.

Matthias wollte noch mehr fragen. Er traute sich nicht.

Stattdessen setzte er sich an den Tisch. Vor ihm stand ein Becher Milch. Er sah auf die wei?e Oberfl?che.

In zwei Wochen w?rde Erich eine echte Soldatenuniform tragen. Nicht das Braunhemd eines Jungen. Nicht die Uniform des Arbeitsdienstes. Eine richtige. Gewehr. Kaserne. Soldaten.

Matthias stellte sich das alles vor und sp?rte Begeisterung. Dann erinnerte er sich an das Gesicht seiner Mutter, und die Begeisterung f?hlte sich pl?tzlich falsch an.

Er konnte noch nicht zwei widerspr?chliche Gef?hle gleichzeitig in sich tragen. Er wollte eines davon ausw?hlen.

Es gelang ihm nicht.

Am Tisch schwieg man.

Schlie?lich streckte Erich die Hand aus und stupste Matthias mit dem Finger gegen die Schulter.

He.

Der Junge hob den Blick.

Was?

Schau nicht so.

Wie?

Als w?re ich schon weg.

Matthias wurde verlegen.

Tu ich gar nicht.

Doch.

Du kommst doch zur?ck.

Erich l?chelte.

Nat?rlich.

Das Wort klang leicht. So leicht, dass Matthias es sofort glaubte.

Jahre sp?ter w?rde er versuchen, sich genau an diesen Augenblick zu erinnern. Den Tisch. Den Morgen. Den unber?hrten Becher Milch. Die Zigarette des Vaters. Die geschlossene T?r, hinter der die Mutter weinte. Und Erich, der sagte: Nat?rlich.

Damals bedeutete dieses Wort ein Versprechen.

Sp?ter w?rde Matthias begreifen, dass Menschen manche Versprechen nicht geben, weil sie sich der Zukunft sicher sind.

Sondern weil ein Kind neben ihnen sitzt, das noch daran glauben muss.

Kapitel 4. Der erste September

An diesem Morgen sprach das Radio fr?her als sonst.

Matthias wachte weder vom Wecker noch von der Stimme seiner Mutter auf, sondern von einer fremden, metallisch klingenden Stimme aus der K?che. Ein paar Sekunden lag er da und wusste nicht, was ihn geweckt hatte. Dann h?rte er die Schritte seines Vaters. Die T?r ging auf. Karl Roth kam bereits angezogen ins Zimmer.

Steh auf.

Matthias richtete sich auf die Ellbogen.

Was ist passiert?

Sein Vater sah ihn an. Das Gesicht war dasselbe wie immer. Und doch war etwas anders.

Krieg.

Matthias setzte sich ganz auf. Das Wort klang zu schlicht. Wie Regen. Wie Zug. Wie Fr?hst?ck. Er wartete auf mehr.

Was f?r einer?

Karl verzog den Mund zu einem kurzen L?cheln, in dem nichts Heiteres lag.

Wie viele verschiedene Kriege gibt es deiner Meinung nach?

Ich meine  gegen wen?

Polen.

Matthias war mit einem Schlag hellwach.

Wirklich?

Karl sah ihn an. Der Junge bemerkte den Blick und versuchte sofort, die Freude aus seiner Stimme zu nehmen. Zu sp?t.

Ja. Wirklich.

Der Vater ging hinaus. Matthias blieb auf dem Bett sitzen.

Krieg.

Da war er.

Nicht Vergangenheit. Nicht 1914. Nicht Zeichnungen in B?chern. Nicht die Fotos seines Vaters. Nicht die Erz?hlungen des Lehrers. Ein echter Krieg. Jetzt. Heute.

Er sprang auf. Beim Anziehen zitterten seine H?nde. Nicht vor Angst. Vor Aufregung.

In der K?che stand die Mutter am Herd, kochte aber nichts. Das Radio war laut gestellt. Erich sa? am Tisch. Vor ihm lag ein Einberufungsbescheid.

Matthias sah das Papier sofort.

Du hast es auch geh?rt?

Erich nickte.

Alle haben es geh?rt.

Hat es schon angefangen?

Ja.

Unsere sind in Polen?

Karl stand am Fenster und rauchte.

Matthias.

Was?

Iss.

Ich habe keinen Hunger.

Dann trink deine Milch.

Papa, ich habe doch nur gefragt.

Der Vater drehte sich um.

Hast du.

Und?

Karl seufzte.

Ja. Sie sind einmarschiert.

Matthias sah zu Erich.

Dann schicken sie dich jetzt auch?

Die Mutter stellte ihre Tasse hart auf den Tisch.

Genug.

Ich wollte doch nur 

Genug.

In ihrer Stimme lag so viel Schmerz, dass Matthias verstummte.

Erich sah zur Mutter.

Mama.

Lass.

Sie wandte sich ab.

Im Radio war weiter von der Grenze die Rede. Von Angriffen. Von der Verteidigung Deutschlands. Von polnischen Provokationen. Von der Notwendigkeit, zu antworten. Matthias h?rte zu. Die Worte passten bequem ineinander. Wenn jemand angriff, musste man sich verteidigen. Wenn jemand drohte, musste man reagieren. Wenn Deutschland gedem?tigt worden war, musste es sich zur?ckholen, was ihm zustand. Alles war verst?ndlich.

Karl ging pl?tzlich zum Apparat und drehte leiser.

Warum?, fragte Matthias.

Ich habe Kopfschmerzen.

Aber das ist doch wichtig.

Ich habe es geh?rt.

Und wenn sie noch etwas sagen?

Der Vater sah ihn an.

Werden sie.

Dann wandte er sich wieder dem Fenster zu.

Von jetzt an werden sie sehr viel sagen.

In der Schule lernte an diesem Tag niemand etwas. Offiziell fand Unterricht statt. Herr Schulze stand an der Tafel. Das Lehrbuch lag auf seinem Pult. Aber kein Junge h?rte bei Rechnen oder Naturkunde zu. Alle warteten darauf, dass der Lehrer vom Krieg sprach.

Er tat es nach dem zweiten Klingeln.

Er stellte sich vor die Klasse und lie? das Buch geschlossen.

Heute hat f?r Deutschland eine neue Zeit begonnen.

Sofort wurde es still. Matthias setzte sich gerader hin.

Heute Morgen hat die deutsche Wehrmacht den Kampf gegen Polen aufgenommen.

Ein paar Jungen sahen einander an. Heinz grinste. Kurt Bauer fl?sterte:

Hab ich doch gesagt.

Herr Schulze hob die Hand.

Ruhe.

Er sprach von der Grenze. Von Danzig. Von Deutschen, die angeblich unterdr?ckt worden waren. Von Deutschlands Geduld. Vom F?hrer, der keinen Krieg gewollt habe, aber zum Handeln gezwungen worden sei.

Matthias h?rte zu. Jeder Satz best?tigte das, was er ohnehin bereits empfand. Deutschland begann keinen Krieg. Deutschland antwortete. Also war alles richtig.

Der Lehrer ging zur Karte. Polen nahm ?stlich von Deutschland eine gro?e Fl?che ein. Mit dem Zeigestock fuhr er die Grenze entlang.

Hier.

Matthias sah hin. Die Grenze war pl?tzlich keine Linie mehr. Dahinter bewegten sich Soldaten. Panzer. Lastwagen. Flugzeuge. Irgendwo dort geschah in diesem Augenblick etwas, wor?ber er bisher nur gelesen hatte.

Der deutsche Soldat, sagte Herr Schulze, verteidigt heute nicht nur das Gebiet des Reiches.

Matthias wusste schon, was als N?chstes kommen w?rde.

Er verteidigt das Volk.

Die Klasse h?rte zu.

Und jeder von euch muss begreifen: Der Dienst an Deutschland beginnt nicht erst auf dem Schlachtfeld.

Matthias war entt?uscht. Gerade das Schlachtfeld hatte ihn interessiert.

Doch der Lehrer fuhr fort:

Er beginnt hier. In der Schule. Bei der Arbeit. In der Disziplin. In der Bereitschaft, das Gemeinsame ?ber das Eigene zu stellen.

Heinz hob die Hand.

K?nnen sie uns zum Helfen schicken?

Der Lehrer l?chelte.

Eure Aufgabe ist es vorerst, zu lernen und euch als deutsche Jungen w?rdig zu erweisen.

Jemand lachte. Matthias nicht.

Das Wort vorerst gen?gte ihm.

Vorerst.

Es bedeutete, dass sich sp?ter etwas ?ndern konnte.

In der Pause dr?ngten sich die Jungen am Fenster. Heinz hatte bereits Neuigkeiten.

Mein Vater sagt, Warschau h?lt sich nicht lange.

Woher will er das wissen?

Vom Radio.

Mein Onkel sagt, in zwei Wochen ist alles vorbei, erkl?rte Kurt.

In zwei?

H?chstens.

Matthias runzelte die Stirn.

Das kann nicht sein.

Wieso?

Polen ist gro?.

Na und?

Das dauert Monate.

Heinz lachte.

Was ist mit dir? Willst du, dass der Krieg l?nger dauert?

Matthias wurde sofort rot.

Nein.

Klingt aber so.

Ich sage doch nur.

Kurt stie? ihn mit der Schulter an.

In einem Monat sind unsere in Warschau.

Vielleicht.

Ganz bestimmt.

Matthias sah aus dem Fenster. Hinter den D?chern lagen die Gleise. Auf ihnen fuhren Z?ge. Jetzt stellte er sich keine Personenwagen vor. Sonderz?ge. Waggons voller Soldaten. Gesch?tze. Panzer. Uniformen. Nacht. Bahnh?fe. Signale.

Wieder sp?rte er den Neid in sich aufsteigen.

Nicht auf einen bestimmten Menschen.

Auf das Alter.

Auf diejenigen, die schon durften.

Er war zehn. Und der Krieg hatte bereits begonnen.

Es kam ihm beinahe ungerecht vor.

Nach der Schule war der Platz voller Menschen. Vor dem Haushaltswarenladen stand eine Gruppe M?nner. Vor der B?ckerei stritten zwei Frauen. An der Ecke verteilte jemand Flugbl?tter.

Matthias ging nicht sofort nach Hause. Er lief durch die Stra?en. Er wollte alles sehen.

Der Krieg hatte die Stadt in wenigen Stunden ver?ndert, obwohl ?u?erlich fast nichts geschehen war. Es fielen keine Sch?sse. Keine Flugzeuge waren zu sehen. Keine Soldaten standen an den Kreuzungen. Aber die Menschen redeten anders. Schneller. Leiser. Dann wieder lauter. Das Wort Krieg fiel ?berall.

Matthias blieb vor dem Tabakladen stehen. Dort, wo fr?her das Plakat mit dem Soldaten gehangen hatte, war nun ein neues Blatt angeschlagen. Gro?e Buchstaben. Matthias las. Fast alles verstand er. Verteidigung des Reiches. Pflicht. Einigkeit.

Das Wort Einigkeit gefiel ihm.

Es passte zum Gleichschritt. Zu den Liedern. Zur Fahne. Dazu, wie sie gemeinsam marschierten. Zu Hause waren solche W?rter manchmal leer erschienen. Heute nicht. Heute k?mpften irgendwo Menschen.

Die W?rter waren wirklich geworden.

Drei Tage sp?ter wurde Erich einberufen.

Matthias sah, wie seine Mutter den Bescheid las. Sie weinte nicht. Das war schlimmer. Sie las zu Ende, faltete das Papier, legte es auf den Tisch und begann dann, die Tischplatte abzuwischen, obwohl sie sauber war.

Karl stand daneben.

Wann?

Montag.

Anna rieb weiter ?ber dieselbe Stelle.

Wohin?

Erst zur Einheit.

Und danach?

Wei? ich nicht.

Erich.

Ich wei? es wirklich nicht.

Matthias sa? in der Ecke. Er verstand, dass er sich nicht einmischen sollte. Trotzdem hielt er es nicht aus.

Bekommst du ein Gewehr?

Die Mutter schloss die Augen. Karl sah den Jungen an.

Matthias.

Ich wollte doch nur 

Erich antwortete ?berraschend selbst.

Wahrscheinlich.

Matthias drehte sich zu ihm.

Ein echtes?

Bei der Armee gibt es nicht viele andere.

Wieder zuckte etwas in Matthias' Brust. Er wusste, dass er ernst aussehen sollte. Aber allein die Vorstellung von einem Gewehr war st?rker.

Erich bemerkte es.

Wor?ber freust du dich?

Ich freue mich nicht.

Doch.

Nein.

Dein Gesicht leuchtet.

Matthias wusste nicht, wohin mit sich.

Weil du  weil du jetzt Soldat bist.

Erich schwieg einen Moment.

Noch nicht.

Aber du wirst einer.

Ja.

Das ist doch 

Matthias wollte sagen: gut.

Er sagte es nicht.

Die Mutter verlie? die K?che. Karl sah ihr nach.

Pass auf deine W?rter auf, sagte er.

Matthias senkte den Kopf.

Ich wollte nicht 

Ich wei?.

Erich setzte sich ihm gegen?ber.

Du glaubst, das ist so wie bei euch?

Matthias zuckte mit den Schultern.

Nein.

Wie dann?

Er dachte nach.

Ernster.

Viel ernster.

Ich wei?.

Nein.

Erich sagte es ruhig.

Du wei?t es nicht.

Matthias hob den Blick.

Und du?

Erich antwortete nicht. Einige Sekunden sah er auf den Einberufungsbescheid.

Ich auch noch nicht.

Diesen Satz behielt Matthias im Ged?chtnis. Zum ersten Mal schien sein ?lterer Bruder nicht h?her zu stehen als er selbst.

Nur weiter vorn.

Am Abend vor der Abreise packte Erich seine Sachen. Diesmal ging Matthias nicht einfach hinein. Er klopfte.

Ja.

Erich sa? auf dem Bett. Der Koffer stand wieder offen. Und doch sah alles anders aus. Beim letzten Mal war die Reise vor?bergehend gewesen. Arbeit. Ein paar Wochen. R?ckkehr. Jetzt sprach niemand davon, wann Erich zur?ckkam.

Matthias setzte sich neben ihn.

Darf ich?

Setz dich.

Eine Weile schwiegen beide.

Hast du Angst?, fragte Matthias schlie?lich.

Erich sah ihn an.

Ja.

Die Antwort kam sofort. Ohne Scherz. Ohne Z?gern.

Matthias war verbl?fft.

Echt?

Echt.

Aber 

Was?

Matthias wusste nicht, wie er den Satz beenden sollte. Aber du bist erwachsen. Aber du bist ein Mann. Aber Soldaten haben keine Angst. Alle drei S?tze f?hlten sich pl?tzlich falsch an.

Nichts.

Erich l?chelte.

Du dachtest, ich w?rde Nein sagen?

Matthias zuckte mit den Schultern.

Vielleicht.

Dann h?tte ich gelogen.

Erich nahm ein Paar Str?mpfe und legte es in den Koffer.

Angst zu haben ist normal.

Kr?ger sagt das auch.

Na siehst du.

Aber man muss sie ?berwinden.

Erich sah ihn an.

Manchmal.

Was hei?t manchmal?

Manchmal warnt dich die Angst davor, dass etwas nicht stimmt.

Wenn man immer auf die Angst h?rt, macht man ?berhaupt nichts.

Stimmt auch.

Matthias runzelte die Stirn.

Bei dir gibt es auf alles zwei Antworten.

Weil das Leben selten nur einen hat.

Das ?rgerte Matthias. Bei Kr?ger waren die Antworten klarer. Bei Herrn Schulze auch. Richtig. Falsch. Pflicht. Feigheit. Kameradschaft. Verrat.

Bei Erich tauchte st?ndig dieses manchmal auf.

Matthias mochte das Wort nicht.

Es brachte die Ordnung durcheinander.

Willst du fahren?

Erich schloss den Koffer.

Nein.

Matthias war wieder ?berrascht.

Gar nicht?

Gar nicht.

Aber wenn es n?tig ist?

Dann fahre ich.

Also willst du deine Pflicht erf?llen.

Erich sch?ttelte den Kopf.

Verwechsel nicht wollen mit tun.

Matthias schwieg. Er versuchte den Unterschied zu begreifen. Es gelang ihm nicht.

Wenn du zu Hause bleiben d?rftest?

Erich sah ihn an.

Dann w?rde ich bleiben.

Das war beinahe ein Schock.

Wirklich?

Wirklich.

Aber 

Schon wieder dieses aber. Erich grinste schwach.

Sag schon.

Willst du Deutschland nicht verteidigen?

Doch.

Warum w?rdest du dann bleiben?

Erich fuhr sich ?ber das Gesicht.

Matthias, so einfach ist es nicht.

Alle Erwachsenen sagen immer dasselbe.

Weil es stimmt.

Der Junge stand auf.

Nein.

Was nein?

Kr?ger sagt es einfach.

Kr?ger hat mit Zehnj?hrigen zu tun.

Herr Schulze auch.

Eben.

Matthias wurde rot vor ?rger.

Du glaubst, die l?gen?

Erich sah ihn genau an.

Ich glaube, sie sagen das, woran sie selbst glauben.

Was ist dann der Unterschied?

Manchmal glaubt ein Mensch ganz ehrlich an Unsinn.

Matthias blieb stehen.

Der Gedanke f?hlte sich beinahe verboten an. Nicht weil Erich jemanden beim Namen genannt h?tte. Sondern weil die Vorstellung selbst gef?hrlich war. Wenn man sich aufrichtig irren konnte, dann reichte es nicht mehr, einfach fest genug zu glauben.

Matthias wollte das nicht.

Ich verstehe dich nicht.

Wei? ich.

Du machst alles kompliziert.

Wahrscheinlich.

Fr?her warst du normal.

Erich lachte.

Das ist jetzt aber ein ernster Vorwurf.

Matthias l?chelte nicht. Er ging zur T?r.

Matthias.

Der Junge blieb stehen. Erich stand auf.

Komm her.

Wieso?

Komm einfach.

Matthias ging zur?ck. Erich nahm ihn in den Arm. Nicht so wie damals am Bahnhof. Fester. L?nger. Matthias stand erst steif da und umarmte ihn dann ebenfalls.

H?r auf Mama.

Warum sagt das jeder?

Weil du es nicht tust.

Tu ich doch.

Und auf Papa.

Auf dich auch?

Erich lie? ihn ein St?ck los.

Besonders auf mich.

Wie denn, wenn du weg bist?

Ich schreibe.

Alles?

Erich l?chelte.

Nein.

Warum nicht?

Weil es Dinge gibt, die ein kleiner Bruder nicht wissen muss.

Matthias war beleidigt.

Ich bin schon zehn.

Eben deshalb.

Am Morgen war der Bahnhof ein anderer Ort.

Matthias merkte es sofort. Das hier war kein gew?hnlicher Abschied. Keine Reise zur Arbeit. Auf dem Bahnsteig standen Dutzende junge M?nner. Manche waren mit ihren Frauen gekommen, andere mit den Eltern. Einige Kinder waren dabei. Jemand lachte. Zu laut. Jemand rauchte eine Zigarette nach der anderen. Manche M?tter weinten offen, andere hielten die Gesichter vollkommen still.

Erich trug noch Zivilkleidung. Das entt?uschte Matthias ein wenig. Er hatte erwartet, ihn bereits jetzt als Soldaten zu sehen.

Karl gab seinem Sohn wieder die Hand. Dann tat er etwas, das Matthias bei ihm fast nie gesehen hatte. Er umarmte Erich. Zog ihn an sich. Und lie? lange nicht los.

Papa.

Was?

Es ist alles gut.

Karl nickte.

Ich wei?.

Aber er sagte es so, als w?sste er es nicht.

Anna hielt bis zum letzten Augenblick durch. Als der Zug schon bereitstand, begann sie, Erichs Kragen zurechtzur?cken. Ihre H?nde zitterten.

Mama.

Bleib still.

Der sitzt richtig.

Nein.

Doch.

Ich sehe es doch.

Sie richtete weiter. Erich lie? sie. Dann strich die Mutter ihm mit der Hand ?ber die Wange.

Schreib.

Mach ich.

Jedes Mal, wenn du kannst.

Ja.

Und spiel nicht den Helden.

Matthias horchte auf. Das Wort Held klang in ihrem Mund beinahe wie eine Beschimpfung.

Erich l?chelte.

Mach ich nicht.

Ich meine es ernst.

Ich auch.

Anna dr?ckte sich an ihn. Matthias sah weg. Aus irgendeinem Grund war es ihm peinlich zuzusehen.

Als er sich wieder umdrehte, stand Erich vor ihm.

Na?

Was?

Willst du gar nichts sagen?

Matthias wollte vieles sagen. Dass er stolz auf ihn war. Dass er genauso sein wollte. Dass Erich ihm etwas von der Front mitbringen sollte. Ein Foto vielleicht. Dass Matthias auf jeden Brief warten w?rde.

Aber er sah wieder das Gesicht seiner Mutter vor sich.

Also sagte er nur:

Komm zur?ck.

Erich l?chelte.

Ich versuche es.

Nicht ich versuche es.

Was dann?

Versprich es.

Der ?ltere Bruder h?rte auf zu l?cheln. Matthias wartete.

Versprich es.

Erich nickte langsam.

Gut. Ich verspreche es.

Das beruhigte Matthias.

Ein Kind glaubt noch, ein Versprechen k?nne st?rker sein als die Umst?nde.

Der Zug setzte sich in Bewegung. Erich stand am Fenster. Matthias lief neben dem Wagen her. Diesmal l?nger. Bis der Bahnsteig zu Ende war. Er blieb stehen. Der Zug fuhr davon. Vom letzten Wagen winkte jemand. Vielleicht Erich. Vielleicht ein anderer Mann. Matthias winkte trotzdem zur?ck.

Dann war der Zug verschwunden.

Er f?hlte gleichzeitig Leere und Stolz.

Sein Bruder war Soldat.

Fast.

Zwei Wochen sp?ter befand sich die polnische Armee bereits auf dem R?ckzug. Im Radio folgte eine Siegesmeldung der n?chsten. St?dtenamen wurden aufgerufen, einer nach dem anderen. Matthias suchte sie auf der Karte und machte kleine Bleistiftmarkierungen.

Eines Tages bemerkte sein Vater es.

Was soll das?

Da sind unsere.

Mach das weg.

Warum?

Weil das eine Landkarte ist.

Das wei? ich.

Keine Lagekarte des Generalstabs.

Ich male doch ganz ordentlich.

Karl wollte etwas erwidern, lie? es aber bleiben und ging hinaus.

Matthias markierte weiter.

Seine Karte war lebendig geworden. Pfeile r?ckten vor. St?dte wechselten von einem Zustand in den anderen. F?r ihn war es beinahe ein Brettspiel. Er dachte nicht an H?user. Nicht an Menschen in den St?dten. Nicht daran, was es bedeutete, wenn im Radio von einer genommenen Stadt die Rede war.

Auf einer Karte war eine Stadt ein Punkt.

Ein Punkt schrie nicht.

Ein Punkt brannte nicht.

Ein Punkt begrub keine Kinder.

Ein Punkt wechselte lediglich die Farbe.

Ende September kam Erichs erster Brief aus der Einheit. Er schrieb, die Ausbildung gehe schnell. Der Kragen der Uniform scheuere ihm den Hals wund. Die Stiefel seien schwer. Der Unteroffizier br?lle lauter, als Kr?ger es je schaffen werde.

Matthias lachte.

Dann stand da:

Das Gewehr ist tats?chlich echt. Und bevor du fragst: Ja, ich habe damit geschossen. Auf eine Scheibe. Schlecht getroffen.

Matthias las die Zeilen mehrmals.

Ein echtes Gewehr. Erich hatte geschossen.

Dann entdeckte er den Nachsatz:

Sei nicht neidisch. Das Ding ist schwer.

Matthias runzelte die Stirn. Woher wusste sein Bruder das?

Die Mutter fragte:

Was steht da?

Nichts.

Gib her.

Er reichte ihr den Brief. Anna las langsam. Karl stand neben ihr. Als sie am Ende angekommen war, l?chelte sie.

Ein vern?nftiger Junge.

Matthias emp?rte sich.

Wieso Junge?

Weil er mein Sohn ist.

Er ist neunzehn.

Und?

Er ist erwachsen.

Die Mutter faltete den Brief.

F?r dich.

Karl sagte leise:

Und f?r die Armee.

Anna sah ihn an.

Lass es.

Er schwieg.

Der Krieg gegen Polen war schnell zu Ende.

Zu schnell.

Matthias h?tte das niemandem gegen?ber zugegeben. Nicht einmal sich selbst.

Als das Radio vom Sieg sprach, freute er sich. Alle freuten sich. Fahnen erschienen auf den Stra?en. In der Schule war von der Schlagkraft der deutschen Waffen die Rede. Herr Schulze zeigte auf die Karte. Kr?ger sagte, die neue Generation m?sse der Soldaten w?rdig sein.

Matthias h?rte zu.

Und irgendwo sehr tief in ihm entstand ein merkw?rdiges Gef?hl.

Keine Entt?uschung. Das Wort w?re besch?mend gewesen.

Eher Unruhe.

Der Krieg konnte vorbei sein.

So einfach.

Er hatte angefangen. Deutschland hatte gewonnen. Ende.

Am Abend lag Matthias im Bett und rechnete. Er war zehn. Bis zur Hitlerjugend waren es noch vier Jahre. Bis zur Armee viel l?nger.

Wenn alle Kriege so kurz dauerten 

Er drehte sich zur Wand.

Der Gedanke f?hlte sich falsch an. Beinahe verr?terisch.

Matthias vertrieb ihn.

Ein paar Minuten sp?ter war er wieder da.

Was, wenn es keinen Krieg mehr gab?

Nat?rlich wollte Matthias keinen Krieg. Nat?rlich nicht. So musste man denken. Niemand wollte Krieg. Auch der F?hrer nicht  das sagten sie im Radio. Deutschland war gezwungen worden. Die Soldaten taten ihre Pflicht.

Und trotzdem 

Erich war rechtzeitig erwachsen geworden. Genau in dem Alter, in dem die Geschichte Erwachsene brauchte.

Matthias war ein Kind.

Zum ersten Mal in seinem Leben ?rgerte er sich wirklich ?ber sein eigenes Alter. Nicht weil er nicht rauchen durfte. Nicht weil er abends fr?h nach Hause musste. Nicht weil Erich mehr durfte als er.

Sondern weil das gr??te Ereignis ihrer Zeit vielleicht ohne ihn vor?bergehen konnte.

Der Gedanke war noch schwach. Fast formlos. Matthias selbst h?tte ihn nicht in Worte fassen k?nnen.

Vorerst war es nur ein Gef?hl.

Wie wenn irgendwo in der Ferne ein Zug abf?hrt. Man h?rt den Pfiff. Sieht den Rauch. Rennt zum Bahnhof.

Und hat nur vor einem Angst:

Dass, wenn man den Bahnsteig erreicht, der letzte Wagen bereits hinter der Kurve verschwunden ist.

Matthias schloss die Augen. Durch die Wand h?rte er das Radio. Es wurde vom Sieg gesprochen.

Er schlief gl?cklich ein.

Und ein wenig entt?uscht.

Ohne selbst zu wissen, warum.

Kapitel 5. Sieg

Die Karte hing ?ber Matthias' Schreibtisch. Zuerst hatte der Vater gesagt, die Rei?zwecken w?rden die Tapete verderben. Die Mutter hatte erwidert, die Tapete sei ohnehin alt. Darauf hatte der Vater gesagt, darum gehe es gar nicht. Matthias hatte nicht verstanden, worum es sonst gehen sollte, aber er widersprach nicht.

Er dr?ckte zwei kleine Rei?zwecken vorsichtig, beinahe ger?uschlos, in die Wand, strich die R?nder der Karte glatt und trat bis in die Mitte des Zimmers zur?ck.

Nun lag Polen vollst?ndig vor ihm. St?dte. Fl?sse. Eisenbahnlinien. Grenzen. Namen, die er einen Monat zuvor kaum h?tte lesen k?nnen, kannte er inzwischen auswendig. Posen. Lodz. Krakau. Warschau. Manche klangen fremd. Matthias sprach sie mehrmals vor sich hin, bis seine Zunge nicht mehr dar?ber stolperte.

Neben dem Schreibtisch stand eine kleine Schachtel mit roten Stecknadeln. Seine Mutter hatte sie in der N?hschublade gefunden.

Aber sp?ter gibst du sie zur?ck.

Nat?rlich.

Alle.

Alle.

Matthias steckte die Nadeln nicht wahllos in die Karte. Er richtete sich nach den Meldungen. Das Radio nannte eine Richtung  Matthias suchte sie. Die Zeitung berichtete von einem Vormarsch  er versetzte eine Nadel. Manchmal musste er korrigieren. Manchmal war dieselbe Stadt in einer Meldung bereits eingenommen und in einer anderen noch eingekesselt.

Das ?rgerte ihn.

Matthias wollte Genauigkeit. Auf einer Karte sollte Krieg verst?ndlich sein. Ein roter Punkt hier. Der n?chste dort. Dazwischen eine Bewegung.

Er fuhr die Routen mit dem Finger nach und stellte sich Kolonnen vor. Panzer. Motorr?der. Lastwagen. Infanterie. Flugzeuge ?ber den Stra?en.

Auf den Fotos sahen die Soldaten immer gleich sicher aus. Sie standen neben zerst?rtem polnischem Ger?t, rauchten, l?chelten und zeigten auf Wegweiser. Niemand fror auf diesen Bildern. Niemand hatte Angst. Niemand wollte nach Hause.

Matthias sammelte Zeitungsausschnitte. Eines Tages kam seine Mutter ins Zimmer und entdeckte einen ganzen Stapel Zeitungen auf dem Fu?boden.

Was ist das?

Die brauche ich.

Wozu brauchst du drei gleiche Zeitungen?

Die sind nicht gleich.

Auf allen ist dasselbe Gesicht.

Matthias sah hin. Auf den Titelseiten war tats?chlich meistens der F?hrer. Nur die ?berschriften unterschieden sich.

Ich schneide die Meldungen aus.

Welche Meldungen?

Von der Front.

Die Mutter schwieg einen Augenblick.

Matthias.

Was?

Mach aus deinem Zimmer keine Zeitungsredaktion.

Er l?chelte. Sie nicht.

Matthias sah wieder auf die Karte.

Warschau ist fast eingeschlossen.

Anna antwortete nicht.

Mama?

Ich h?re dich.

Dann ist es bestimmt bald vorbei.

Sie blieb an der T?r stehen.

Hoffentlich.

Matthias sagte nichts.

Die Mutter ging hinaus. Er versetzte wieder eine Nadel.

Das Wort hoffentlich blieb aus irgendeinem Grund im Zimmer zur?ck.

In der Schule begannen Wettbewerbe. Keine offiziellen. Niemand hatte sie angek?ndigt. Eines Tages kam Heinz einfach mit einer Zeitung herein und erkl?rte:

Ich kenne alle St?dte, die unsere in der letzten Woche genommen haben.

Kurt glaubte ihm nicht. Also musste man ihn pr?fen. Dann kamen die anderen dazu. Zwei Tage sp?ter konnte die H?lfte der Klasse polnische St?dte auf der Karte schneller zeigen als deutsche Fl?sse.

Herr Schulze tat zun?chst so, als bemerke er nichts. Dann begann er selbst zu fragen.

Wer zeigt mir Warschau?

Zehn H?nde.

Krakau?

Noch mehr.

Danzig?

Fast die ganze Klasse.

Der Lehrer nickte.

Gut. Ein deutscher Junge muss den Raum kennen, in dem sein Volk lebt.

Matthias mochte diese Formulierung. Raum. Das Wort machte aus einer Landkarte mehr als ein Blatt Papier. Als h?tte jede Linie Bedeutung.

Nach dem Unterricht stritten die Jungen ?ber den Krieg. Kurt war sicher, Polen werde in drei Tagen kapitulieren. Heinz gab dem Land f?nf. Matthias sagte sieben.

Warum sieben?, fragte Kurt.

Warschau ist gro?.

Na und?

Da leben viele Menschen.

Unsere nehmen die Stadt trotzdem.

Wei? ich.

Dann f?nf.

Matthias ?berlegte.

Sie redeten ?ber eine Stadt wie ?ber ein Fu?ballspiel. Wer gewinnt. Mit welchem Ergebnis. Wie lange es dauert. Keinem von ihnen kam in den Sinn, sich vorzustellen, was es bedeutete, in einer Stadt zu leben, die genommen wurde. Dazu brauchte man zu viel Vorstellungskraft.

Ein Punkt auf einer Karte war leichter.

Das erste beunruhigende Zeichen war eine Postkarte.

Der Brieftr?ger brachte sie am Morgen. Die Mutter erkannte Erichs Handschrift sofort.

Von ihm.

Matthias lie? den L?ffel fallen.

Gib!

H?nde.

Sind sauber.

Zeig.

Er zeigte die Handfl?chen. Anna las trotzdem zuerst. Es war ungerecht, aber ?ber das m?tterliche Recht, Briefe als Erste zu lesen, lie? sich nicht verhandeln.

Die Karte war kurz.

Mir geht es gut. Bin noch hier. Wir ?ben. Macht euch keine Sorgen. Mama, schick nicht so viel Essen, wir bekommen genug. Matthias soll wissen: Mit dem Schie?en klappt es inzwischen etwas besser.

Matthias strahlte.

Siehst du?

Die Mutter sah noch immer auf die Karte.

Was?

Er hat ?ber mich geschrieben.

Sehe ich.

Also denkt er an mich.

Anna hob den Blick.

Hast du gedacht, er vergisst dich?

Nein.

Warum wunderst du dich dann?

Matthias konnte es nicht erkl?ren. Es war das eine, zu wissen, dass ein Bruder an einen dachte. Etwas anderes, den eigenen Namen auf einer Karte von einem Soldaten zu lesen. Auch wenn Erich noch in der Ausbildung war.

Matthias bat um die Karte. Die Mutter gab sie ihm. Er nahm sie mit in sein Zimmer und legte sie neben die Landkarte.

Jetzt war der Krieg beinahe unmittelbar mit ihm verbunden.

Es gab die Front. Es gab Deutschland. Es gab Erich. Es gab die Postkarte. Es gab Matthias.

Die Kette schien vollkommen klar.

Karl Roth mochte die Karte nicht.

Er verbot sie nicht. Forderte Matthias auch nicht auf, sie abzunehmen. Aber jedes Mal, wenn er ins Zimmer seines Sohnes kam, blieb sein Blick zu lange daran h?ngen.

Eines Abends fand Matthias ihn allein dort. Der Vater stand vor der Karte, die H?nde in den Taschen.

Was machst du?

Karl drehte sich um.

Anschauen.

Die Nadeln stimmen.

Was?

Die Nadeln.

Ach so.

Matthias trat neben ihn.

Hier stehen unsere.

Er zeigte darauf.

Und hier sind die Polen zur?ckgegangen.

Karl nickte.

Das haben sie im Radio gesagt.

Hab ich geh?rt.

Hier ist noch ein Kessel.

Der Vater sah auf die roten Punkte.

H?bsch.

Matthias wurde misstrauisch. Diesen Ton kannte er inzwischen.

Was?

Nichts.

Du schon wieder.

Was schon wieder?

Du sagst das so.

Karl seufzte.

Wie?

Als w?rde dir alles nicht gefallen.

Mir gef?llt vieles nicht.

Sogar der Sieg?

Der Vater sah ihn an. Matthias wusste sofort, dass er die falsche Frage gestellt hatte.

Sieg wor?ber?

?ber Polen.

Das habe ich verstanden.

Warum dann?

Karl trat n?her an die Karte.

Siehst du Warschau?

Nat?rlich.

Was ist das?

Matthias war verbl?fft.

Eine Stadt.

Was ist eine Stadt?

Na ja 

Na?

Matthias zuckte mit den Schultern.

H?user. Stra?en. Menschen.

Noch?

L?den.

Noch?

Schulen.

Krankenh?user.

Ja.

Kinder.

Matthias schwieg einen Moment.

Ja.

Alte Leute.

Ja.

Menschen, die ?berhaupt nicht wissen, wer Matthias Roth ist.

Der Junge zog die Stirn kraus.

Was habe ich damit zu tun?

Nichts.

Karl zeigte auf den Punkt.

Genau darum geht es.

Matthias sah auf die Karte. Der Vater fuhr fort:

Auf Papier ist es sehr bequem.

Was?

Krieg.

Matthias wollte widersprechen.

Ich finde ihn nicht bequem.

Noch nicht.

Nein.

F?r dich ist eine Stadt ein Punkt.

Karl ber?hrte die Karte mit dem Finger.

Einen Punkt verschiebt man leicht.

Dann ging er hinaus.

Matthias blieb zur?ck. Eine Weile sah er auf Warschau. Dann versetzte er eine Nadel um einige Millimeter. Nicht weil er seinem Vater etwas beweisen wollte. Die Meldung hatte sich einfach ge?ndert.

Ende September wurde die Stadt mit Fahnen geschm?ckt. Die Zeitungen erschienen mit riesigen ?berschriften. In der Schule verk?ndete Herr Schulze die Kapitulation Warschaus so feierlich, als h?tte er bei der Unterzeichnung selbst daneben gestanden.

Die Jungen wurden laut. Einer begann zu klatschen. Der Lehrer hielt sie nicht zur?ck. Matthias klatschte ebenfalls.

Heinz beugte sich zu ihm.

Hab ich doch gesagt: f?nf Tage.

Es waren mehr.

Ist doch egal.

Dann lag ich n?her dran.

Du hast sieben gesagt.

Eben.

Das ist trotzdem mehr.

Fast h?tten sie mitten in der Rede angefangen zu streiten. Herr Schulze sah her?ber. Beide schwiegen.

Auf der Tafel stand ein Datum. Der Lehrer zog einen Kreidestrich darum.

Merkt euch diesen Tag.

Matthias schrieb ihn auf. Er mochte Daten, an die man sich erinnern sollte. Sie machten aus Geschichte eine Kette fester Punkte. 1918. 1933. 1938. 1939. Ein Jahr. Ein Ereignis. Eine Bedeutung. So war es einfacher.

Herr Schulze sprach von der Standhaftigkeit der Armee, vom K?nnen der F?hrung, von der Einigkeit des Volkes. Dann sagte er:

Deutschland hat bewiesen, dass es nie wieder andere ?ber sein Schicksal entscheiden lassen wird.

Matthias empfand Stolz. Echten Stolz. Einen Stolz, bei dem man automatisch gerader sitzt. Er hatte an diesem Sieg nicht mitgewirkt. Und trotzdem geh?rte er ein wenig auch ihm.

Weil er Deutscher war.

Das gen?gte.

Nach der Schule wurde die Gruppe auf dem Platz zusammengerufen. Kr?ger stand vor den Jungen. An diesem Tag war er besonders ernst.

Ein Sieg ist kein Grund, bequem zu werden.

Matthias wunderte sich. Er hatte gedacht, gerade heute k?nnte man einmal auf das Exerzieren verzichten.

Ein Sieg verpflichtet uns, derer w?rdig zu sein, die ihn errungen haben.

Kr?ger sprach mit fester Stimme.

W?hrend deutsche Soldaten ihre Pflicht tun, m?sst ihr eure tun.

Matthias h?rte zu.

Lernen. ?ben. Diszipliniert sein.

In der hinteren Reihe bewegte sich jemand. Kr?ger bemerkte es sofort.

F?r manche scheint schon zehn Minuten stillstehen eine Heldentat zu sein.

Die Jungen lachten. Matthias ebenfalls.

Danach ?bten sie. Laufen. Werfen. Antreten. Auf dem R?ckweg stellte Kr?ger Matthias zum ersten Mal an die Spitze einer kleinen Gruppe.

Roth.

Ja.

Du f?hrst bis zur Br?cke.

Matthias verstand zuerst nicht.

Ich?

Nein, der Mann hinter dir.

Ein paar Jungen kicherten. Matthias richtete sich auf.

Ja.

Dann kommandier.

Und pl?tzlich hatte er Angst. Nur ein wenig.

Bis jetzt hatte er immer ausgef?hrt. Nun musste er den anderen etwas sagen. Wenden. Den Schritt halten. Das Kommando nicht verwechseln.

Matthias holte Luft und gab den Befehl. Zu leise.

Lauter, sagte Kr?ger.

Er wiederholte ihn. Diesmal besser. Die Gruppe setzte sich in Bewegung. Die ersten Schritte waren ungleichm??ig, dann fand sich der Takt.

Matthias ging vorn.

Hinter sich h?rte er die Schritte der anderen. Noch vor kurzem war sein eigener Schritt im gemeinsamen Ger?usch verschwunden. Nun hing der gemeinsame Schritt ein wenig von ihm ab.

Es war ein anderes Gef?hl.

Noch angenehmer.

An der Br?cke lie? Kr?ger einen anderen Jungen ?bernehmen.

Nicht schlecht.

Nur zwei W?rter.

Matthias ging nach Hause und wiederholte sie in Gedanken. Nicht schlecht.

Von Kr?ger bedeutete das beinahe gut.

Am Abend rief Erich an. V?llig unerwartet. Die Roths hatten zu Hause kein Telefon. Der Anruf kam im Postamt an, wo ein Bekannter Karls arbeitete, und von dort wurde ein Junge geschickt.

Herr Roth! Telefon! Ihr Sohn!

Anna lie? das Handtuch fallen. F?nf Minuten sp?ter war die ganze Familie beinahe im Laufschritt unterwegs. Matthias hatte seine Mutter noch nie so schnell gehen sehen. Karl hielt sie am Arm.

Nicht so schnell.

Ich gehe nicht schnell.

Du rennst.

Ich gehe ganz normal.

Am Apparat sprach zuerst der Vater.

Ja.

Pause.

Ich h?re dich.

Noch eine Pause. Karl l?chelte. Wirklich l?chelte.

Wir sind alle hier.

Anna streckte schon die Hand aus.

Gib.

Karl reichte ihr den H?rer.

Erich?

Die Mutter begann sofort zu weinen. Nicht heftig, aber ihre Stimme ver?nderte sich.

Ja  ja  nein, hier ist alles gut  Wir haben sie bekommen  Nat?rlich 

Matthias stand daneben und starrte auf den schwarzen H?rer, als k?nnte er seinen Bruder darin sehen. Endlich hielt die Mutter ihm das Telefon hin.

Kurz.

Er griff danach.

Erich?

Zuerst h?rte er Rauschen. Dann die Stimme. Weit weg. Anders als in Wirklichkeit.

Matthias?

Ja!

Br?ll nicht.

Ich br?lle nicht.

Hier kommt es jedenfalls so an.

Matthias grinste.

Wo bist du?

Bei der Einheit.

Und wohin kommt ihr?

Pause.

Wei? ich nicht.

Hast du schon geschossen?

Interessiert dich wirklich nur das?

Nein.

Du l?gst.

Matthias lachte.

Wir haben Warschau genommen.

Am anderen Ende entstand wieder eine Pause.

Wir?

Na ja  unsere.

Ach so.

Matthias verstand nicht, weshalb Erich so merkw?rdig antwortete.

Alle feiern.

Gut.

?berall h?ngen Fahnen.

Gut.

Kr?ger sagt, wir m?ssen euch w?rdig sein.

Uns?

Den Soldaten.

Ich bin noch kein Soldat.

Du bist in der Armee.

Das ist nicht dasselbe.

Matthias verdrehte die Augen, obwohl sein Bruder es nicht sehen konnte.

Schon wieder.

Was schon wieder?

Du machst immer alles kompliziert.

Erich lachte. Sofort klang die Stimme n?her.

Darin bin ich gut.

Matthias wollte etwas Wichtiges fragen. Was genau, wusste er nicht. Die Worte kamen von selbst.

Wann kommst du an die Front?

Stille.

Dann:

Wei? ich nicht.

Willst du hin?

Diesmal dauerte das Schweigen l?nger. Karl sah seinen Sohn an. Matthias sp?rte, dass er etwas Falsches gefragt hatte.

Erich antwortete:

Ich will nach Hause.

Ganz einfach.

Matthias verstummte.

Mit dieser Antwort hatte er nicht gerechnet.

Na ja  danach.

Nat?rlich.

Ich meine vorher.

Erich schien auszuatmen.

Was vorher?

Na 

Matthias brachte das Wort Krieg nicht heraus.

Zum ersten Mal blieb es ihm im Hals stecken.

Nichts.

Na, dann ist ja gut.

Erich sagte etwas zu jemandem neben sich und f?gte rasch hinzu:

Ich muss aufh?ren. H?r auf Mama. Und lass mein Fahrrad in Ruhe.

Ich fasse es nicht an.

Du l?gst.

Tu ich nicht.

Matthias.

Na gut. Einmal.

Wusste ich's doch.

Nur bis zur Ecke.

Wenn ich zur?ckkomme, kontrolliere ich es.

Wann?

Wei? ich nicht.

Die Leitung knackte.

Erich?

Bin noch da.

Komm bald zur?ck.

Ich versuche es.

Matthias erinnerte sich an den Bahnhof.

Du hast es versprochen.

Am anderen Ende wurde es still.

Ich wei?.

Dann brach die Verbindung ab.

Matthias hielt den H?rer noch einige Sekunden fest. Schlie?lich nahm ihn der Postangestellte vorsichtig aus seiner Hand.

Das war's.

Auf dem Heimweg war die Mutter gl?cklich. Man sah es ihr an. Sie sagte, Erichs Stimme habe gut geklungen. Er sei nicht erk?ltet. Wenn etwas nicht in Ordnung gewesen w?re, h?tte sie es sofort geh?rt. Karl nickte.

Matthias ging hinter ihnen und dachte nur an einen Satz.

Ich will nach Hause.

Warum wollte ein Soldat nach Hause, noch bevor er ?berhaupt im Krieg gewesen war?

Matthias beschloss, dass Erich einfach seine Familie vermisste.

So war es leichter.

Einige Tage sp?ter fand auf dem Platz eine Siegesfeier statt. Eine Kapelle spielte. Es gab Reden. Fahnen. Viele Menschen. Matthias kam mit seiner Gruppe. Sie standen in Reihen. Seine Beine wurden steif, doch heute beschwerte sich niemand.

Auf der Trib?ne wurde vom Sieg gesprochen. Von neuer Gr??e. Vom deutschen Soldaten. Von historischer Gerechtigkeit. Eine Rede klang der anderen ?hnlich, aber Matthias st?rte das nicht. Manche Dinge h?rte man gern mehrmals.

Als die Musik einsetzte, wurde die Menge lebhafter. Jemand setzte ein Kind auf die Schultern. Der Junge lachte.

Matthias dachte, dass er sich an diesen Tag erinnern w?rde. Wenn er einmal erwachsen war, w?rde er sagen k?nnen: Ich war dabei. Nicht an der Front. Aber hier. In dieser Zeit. Unter diesen Menschen.

Er sah auf die Fahnen. Die Gesichter. Die Uniformen seiner Kameraden. Kr?ger. Die erhobenen Arme.

Und wieder sp?rte er diese W?rme.

Wir.

Das Wort wurde immer wichtiger.

Wir haben gesiegt. Wir sind stark. Wir haben uns zur?ckgeholt, was uns geh?rt. Wir haben es nicht zugelassen. Wir haben es bewiesen.

Matthias fragte sich kein einziges Mal, wen dieses wir eigentlich umfasste. H?tte er gefragt, w?re ihm die Antwort selbstverst?ndlich erschienen: uns alle.

Doch gleich neben dem Platz, hinter der Menge, lag ein Gesch?ft, das fr?her der Familie Levi geh?rt hatte. Matthias hatte dort einmal Bleistifte gekauft. Nun war das Schaufenster geschlossen. Das Schild ?ber der T?r war verschwunden.

Als Kind hatte er Herrn Levi hinter der Theke stehen sehen. Manchmal sa? dort auch sein Sohn David, ein Jahr ?lter als Matthias. Ein paarmal hatten sie zusammen im Hof gespielt. David konnte mit zwei Fingern schrill pfeifen. Matthias hatte es nie gelernt.

Jetzt war das Gesch?ft geschlossen.

David kam schon lange nicht mehr zur Schule.

Und Matthias hatte seit Wochen nicht an ihn gedacht.

Auch an diesem Abend dachte er nicht an ihn.

Auf dem Platz war zu viel Musik.

Der richtige Herbst kam schnell. Morgens stand Feuchtigkeit an den Fenstern. Die B?ume in der Stra?e wurden gelb. Der Krieg schien stillzustehen. Polen war besiegt, aber Frieden gab es nicht. Im Radio war weiter von Gro?britannien und Frankreich die Rede. Die Zeitungen brachten Fotos von der Westfront. Doch dort schien fast nichts zu geschehen.

Matthias langweilte sich.

Sich selbst h?tte er das nie eingestanden. Krieg durfte keine Unterhaltung sein. Aber er hatte sich an Meldungen gew?hnt. An Pfeile. An neue Namen. Jetzt standen die Nadeln auf seiner Karte still.

Eines Tages sagte Heinz:

Im Fr?hjahr geht es bestimmt los.

Was?

Im Westen.

Woher wei?t du das?

Mein Vater sagt es.

Wei? dein Vater alles?

Mehr als deiner.

Matthias stie? ihn.

Idiot.

Heinz lachte. Sie rannten los.

Der Krieg wurde wieder etwas Fernes. Man konnte Fu?ball spielen. Zum Dienst gehen. Streiten. Sich pr?geln. Auf Briefe warten.

Nur die Eltern h?rten dem Radio weiterhin anders zu als fr?her.

Der erste richtige Brief von Erich kam im November. Keine Postkarte. Vier Seiten. Anna wartete, bis Karl von der Arbeit zur?ckkam, und ?ffnete den Umschlag nicht vorher. Allein das war ein Ereignis.

Matthias ging mehrmals am Tisch vorbei. Der Umschlag lag da. Grau. Mit Poststempel. Er wollte ihn nehmen. Traute sich nicht.

Als der Vater kam, setzten sie sich alle. Anna ?ffnete vorsichtig den Rand und begann laut vorzulesen.

Erich schrieb von der Kaserne. Von den M?nnern. Von dem Unteroffizier, der tats?chlich so laut br?llen konnte, dass man danach Kopfschmerzen bekam. Von Stiefeln. Vom Exerzieren. Vom Waffenreinigen. Von endlosen Kontrollen. Zwischendurch machte er Witze.

Matthias h?rte sehr aufmerksam zu und wartete.

Jetzt musste doch endlich das Interessante kommen.

Aber der Brief handelte weiter vom Essen, von kalten Waschr?umen, Wachdiensten und einem zerrissenen Handschuh.

Dann endlich:

Es sieht so aus, als w?rden wir bald verlegt.

Die Mutter hielt inne. Karl hob den Blick.

Weiter.

Sie las:

Wohin, sagt uns niemand. Vielleicht nach Westen. Macht euch nicht vorher verr?ckt. Hier wei? keiner etwas, aber jeder tut so, als w?sste er alles.

Karl l?chelte.

Das klingt nach ihm.

Anna las weiter. Am Schluss standen einige Zeilen f?r Matthias.

Matthias, falls du deine Stecknadeln immer noch verschiebst: Glaub nicht jede Zeitung. Die wissen kaum mehr als wir. Sie schreiben nur sicherer.

Matthias runzelte die Stirn.

Warum schreibt er so?

Karl sah ihn an.

Weil er kl?ger wird.

Die Zeitungen melden doch offiziell.

Und?

Dann wissen sie es.

Der Vater zuckte mit den Schultern.

Vielleicht.

Schon wieder.

Was schon wieder?

Du und Erich sagt dauernd vielleicht.

Karl l?chelte.

Ein gutes Wort.

Es bedeutet gar nichts.

Im Gegenteil. Manchmal bedeutet es mehr als ganz bestimmt.

Matthias wandte sich ab.

Er mochte Zweifel nicht.

Zweifel bauten nichts. F?hrten keine Formation. Bewegten keine Stecknadeln. Erkl?rten nicht, wer recht hatte.

Zweifel lie?en einen Menschen nur stehen.

Kapitel 6. Die, die nicht zu uns geh?ren

An David Levi erinnerte Matthias sich wegen eines Pfiffs.

Es war Ende November. Nach mehreren kalten Tagen kam pl?tzlich die Sonne heraus, und der Schnee, der sich gerade erst am Stra?enrand gesammelt hatte, verwandelte sich in grauen Matsch. Matthias ging mit Heinz von der Schule nach Hause. Sie kickten einen kleinen Klumpen festgetretenen Schnee vor sich her und stritten dar?ber, welcher deutsche Fu?baller aus der Distanz am h?rtesten schoss, als Heinz pl?tzlich zwei Finger in den Mund steckte und zu pfeifen versuchte.

Es kam nur ein heiseres Ger?usch heraus.

Matthias lachte.

Was machst du da?

Pfeifen.

So geht das nicht.

Kannst du es etwa?

Matthias wollte schon selbstverst?ndlich sagen, dass er es k?nne, hielt aber inne.

Er hatte es tats?chlich einmal gelernt. Nur eben nie geschafft.

Im Fr?hjahr des vergangenen Jahres hatten sie hinter der Werkstatt von Herrn Krause gestanden  Matthias und David Levi. Die Ziegelmauer war von der Sonne warm geworden, an einem Fallrohr h?pften Spatzen herum, und David zeigte ihm, wo genau die Zunge liegen musste.

Nicht so. Weiter runter.

Matthias versuchte es wieder. Mehr als feuchte Luft kam nicht heraus.

David stie? ihn mit der Schulter an und lachte.

Blas doch nicht wie ein Blasebalg.

Dann nahm er selbst die Finger in den Mund, kniff die Augen zusammen und stie? einen so schrillen Pfiff aus, dass die V?gel vom Dach aufflogen. Matthias war jedes Mal neidisch gewesen.

Nun war die Erinnerung pl?tzlich wieder da. So deutlich, dass er den Pfiff beinahe h?rte.

Was ist?, fragte Heinz.

Nichts.

Sie erreichten die Ecke. Dort sah Matthias den ehemaligen Laden der Levis.

Fr?her hatte ?ber der T?r in goldenen Buchstaben gestanden:

M. LEVI  SCHREIBWAREN UND B?CHER

Matthias hatte dort Bleistifte und Radiergummis gekauft und einmal ein billiges Notizbuch mit blauem Einband. Jetzt war der Name Levi verschwunden. ?ber dem Schaufenster hing ein neues Schild. Ein anderer Besitzer. Ein anderer Name.

Drinnen sah fast alles aus wie fr?her: Hefte, Papier, Schachteln mit Bleistiften, Postkarten auf einem drehbaren St?nder. Nur hinter dem Ladentisch stand ein anderer Mann.

Matthias verlangsamte den Schritt.

Was ist?, fragte Heinz.

Hier waren doch die Levis.

Waren sie.

Und jetzt?

Jetzt nicht mehr.

Das sehe ich selbst.

Heinz zuckte mit den Schultern.

Verkauft.

Matthias sah ihn an.

An wen?

Was wei? ich.

Ich frage doch nur.

An den neuen Besitzer.

Und wo sind sie?

Die wohnen noch irgendwo hier.

Matthias war ?berrascht.

Sind die nicht weggezogen?

Wer sagt das?

Er dachte nach.

Niemand.

David war nur schon lange nicht mehr in der Schule. Der Laden geh?rte nicht mehr seinem Vater. Der Familienname war aus der Stra?e verschwunden. Aus diesen drei Dingen hatte sich in Matthias' Kopf irgendwie von selbst die Vorstellung ergeben, die ganze Familie m?sse ebenfalls verschwunden sein.

Ich dachte, sie w?ren weg.

Mein Vater sagt, sie wollen weg.

Wohin?

Keine Ahnung. Amerika oder sonst wohin.

Heinz sagte es ohne jedes Interesse. Dann versuchte er wieder zu pfeifen. Diesmal gelang es ein wenig besser.

Da.

Matthias grinste.

Immer noch falsch.

Dann zeig du es.

Kann ich nicht.

Wer kann es denn?

Matthias sah auf das neue Ladenschild.

Einer.

Er sagte den Namen nicht.

Er wusste selbst nicht, warum.

Davids Platz im Klassenzimmer war l?ngst nicht mehr Davids Platz.

Seit dem November des Vorjahres kam er nicht mehr zur Schule. Zuerst hatte Herr Schulze erkl?rt, einige Sch?ler w?rden ihren Unterricht in anderer Form fortsetzen. Was diese andere Form bedeutete, erkl?rte niemand den Kindern genauer.

In den ersten Tagen fiel der leere Platz auf. Dann wurde Fritz M?ller dorthin gesetzt. Einige Wochen sp?ter hatte Matthias sich daran gew?hnt. So gr?ndlich, dass ihm manchmal vorkam, Fritz habe schon immer dort gesessen.

Bis Herr Schulze sich eines Tages versprach.

Er kontrollierte die Hausaufgaben, bl?tterte im Klassenbuch und sagte, ohne aufzusehen:

Levi, an die Tafel.

Die Stille war sofort da.

Keine lustige Stille. Nicht die ?bliche Schulpause nach einem Versprecher des Lehrers. Eine andere.

Herr Schulze hob den Kopf. Sah zum Platz. Zu Fritz. Dann ins Klassenbuch.

Sein Gesicht ver?nderte sich nur f?r eine Sekunde.

M?ller.

Fritz stand auf und ging zur Tafel. Niemand lachte.

Matthias sah auf eine Zeile in seinem Heft und f?hlte sich aus irgendeinem Grund unbehaglich, obwohl nicht er den Fehler gemacht hatte.

Nach dem Unterricht sagte Heinz:

Der Alte wird senil.

Wer?

Schulze. Hat es vergessen.

Matthias fragte:

Wo geht David jetzt zur Schule?

Heinz sah ihn an.

Keine Ahnung.

Nirgendwo?

Woher soll ich das wissen?

Kurt Bauer stand daneben und hatte die Frage geh?rt.

Die haben eigene Schulen.

Wer?

Die Juden.

Matthias gefiel nicht, wie das Wort klang.

Nicht weil er es vorher nie geh?rt h?tte. Er h?rte es st?ndig. In Zeitungen. In Reden. Im Unterricht. Auf Plakaten.

Aber bisher hatte es f?r ihn zwei getrennte Dinge gegeben: die Juden, ?ber die Erwachsene redeten, und David, der laut mit zwei Fingern pfeifen konnte und beim Murmelspiel schummelte.

Jetzt waren diese beiden Dinge auf einmal dasselbe.

Er ist doch einfach David, sagte Matthias.

Kurt lachte.

Einfach David Levi.

Na und?

Nichts.

Warum lachst du dann?

Warst du mit ihm befreundet?

Die Frage klang vollkommen gew?hnlich.

Und trotzdem sp?rte Matthias pl?tzlich Gefahr. Nur ein wenig. Fast l?cherlich wenig. Aber genug, um sofort zu antworten:

Nein.

Na also.

Es klingelte. Alle gingen ins Klassenzimmer. Matthias blieb noch einige Sekunden im Flur stehen.

Er hatte David tats?chlich nie als Freund bezeichnet. Sie waren nicht bei einander zu Hause gewesen. Hatten nie nebeneinander gesessen. Verbrachten ihre Sonntage nicht gemeinsam. Manchmal hatten sie gespielt. Geredet. Hinter Krauses Werkstatt das Pfeifen ge?bt.

F?r Freundschaft war das nicht genug.

Also hatte Matthias nicht gelogen.

Der Gedanke beruhigte ihn.

Im Winter ver?nderte sich der Unterricht.

Rechnen blieb Rechnen. Zwei und zwei ergaben immer noch vier, ganz gleich, wer einen Krieg gewann. Auch der Aufbau eines Blattes hing im Naturkundeunterricht nicht von den Schlagzeilen ab.

Aber Geschichte, Erdkunde und nach und nach sogar Stunden, die fr?her ganz anderen Dingen geh?rt hatten, f?llten sich mit Gespr?chen ?ber das Volk. ?ber Abstammung. Blut. Vererbung. Dar?ber, dass Deutschland nicht einfach aus allen Menschen bestand, die innerhalb seiner Grenzen lebten.

Matthias hatte diese W?rter schon fr?her geh?rt. Jetzt wurden sie zu einem System.

Eines Tages brachte Herr Schulze mehrere Schautafeln mit und befestigte sie an der Tafel. Auf einer waren menschliche Profile abgebildet, auf einer anderen eine Folge von Generationen. Die dritte mochte Matthias nicht.

Das Gesicht darauf war absichtlich h?sslich gezeichnet: schwere Lippen, eine ?bergro?e Nase, kleine Augen.

Matthias musste sofort an Herrn Levi denken. Der hatte eine ganz gew?hnliche Nase. David auch.

Der Widerspruch blitzte nur kurz in seinem Kopf auf und verschwand wieder.

Herr Schulze begann den Unterricht.

Ihr h?rt oft das Wort Volk.

Er schrieb es an die Tafel.

VOLK

Was bedeutet es?

H?nde gingen hoch.

Die Menschen in Deutschland.

Die Deutschen.

Alle, die Deutsch sprechen.

Der Lehrer h?rte sich die Antworten an. Dann sagte er:

Das reicht nicht.

Er sprach von Abstammung. Von Generationen. Davon, dass Zugeh?rigkeit nicht allein dadurch entstehe, dass man in einer bestimmten Stadt geboren sei oder eine bestimmte Sprache spreche.

Matthias schrieb mit. Manche S?tze waren kompliziert. Andere sehr einfach.

Es gab die Eigenen.

Und die Fremden.

Man musste den Unterschied erkennen.

Irgendwann sagte Herr Schulze:

Manchmal verstellt ein pers?nlicher Eindruck den Blick auf das Wesentliche. Ihr k?nnt einem einzelnen Menschen begegnen, der euch angenehm erscheint, h?flich, vielleicht sogar gut. Aber die Pflicht gegen?ber dem Volk verlangt, ?ber pers?nliche Sympathie hinauszusehen.

Matthias hob den Kopf.

David erschien wieder in seiner Erinnerung.

Nicht sein Gesicht.

Der Pfiff.

Matthias meldete sich.

Roth?

Und wenn er wirklich gut ist?

Irgendjemand in der Klasse schnaubte. Schulze sah Matthias aufmerksam an.

Wer?

Na  ein Mensch.

Was f?r ein Mensch?

Matthias sp?rte, dass die Frage bereits dumm klang.

Irgendeiner.

Dann musst du zuerst feststellen, was du unter gut verstehst.

Wenn er nichts Schlechtes tut.

Herr Schulze trat n?her.

Es geht nicht immer um die pers?nliche Handlung eines Einzelnen.

Worum dann?

Um Zugeh?rigkeit.

Matthias verstand nicht.

Aber wenn er nichts getan hat?

Schulze zog leicht die Stirn zusammen. Nicht w?tend. Eher wie jemand, der gezwungen war, etwas Selbstverst?ndliches noch einmal zu erkl?ren.

Manchmal liegt die Gefahr nicht in der einzelnen Tat eines Menschen, sondern in dem, wozu er geh?rt.

Matthias schwieg.

Er verstand es noch immer nicht.

Aber etwas anderes verstand er: Er sollte nicht weiterfragen.

Der Lehrer wandte sich wieder zur Tafel. Der Unterricht ging weiter. Zehn Minuten sp?ter ?bertrug Matthias bereits die Generationenfolge in sein Heft.

Seine Frage blieb unbeantwortet.

Und nach und nach kam sie ihm nicht mehr besonders wichtig vor.

Beim Abendessen fragte die Mutter:

Was hattet ihr heute in der Schule?

Nichts.

Gro?artig. F?nf Stunden herumgesessen und nichts gemacht.

Matthias a? Kartoffeln.

Naturkunde.

Was habt ihr gelernt?

Blutkreislauf.

Karl l?chelte.

N?tzliches Thema.

Danach etwas ?ber das Volk.

Der Vater hob den Blick.

Und wie h?ngt das mit dem Blutkreislauf zusammen?

Das war eine andere Stunde.

Wenigstens das.

Anna sah ihren Mann an.

Fang nicht an.

Ich mache doch gar nichts.

Matthias wusste inzwischen, dass ein Ich mache doch gar nichts seines Vaters meistens genau das Gegenteil bedeutete.

Karl fragte:

Und was habt ihr erfahren?

Etwas ?ber Abstammung.

Wessen?

Von Menschen.

Von allen gleichzeitig?

Matthias seufzte.

Papa.

Ich interessiere mich nur f?r deine Bildung.

Wer zum deutschen Volk geh?rt.

Karl legte die Gabel hin.

Und wer geh?rt dazu?

Deutsche.

Hochinteressant.

Matthias wurde ?rgerlich.

Deutsche nach dem Blut.

Die Mutter h?rte auf zu essen. Karl sah seinen Sohn an. Nicht w?tend.

Das war schlimmer.

Was ist ein Deutscher nach dem Blut?

Na 

Matthias versuchte, sich an Schulzes Formulierung zu erinnern.

Jemand mit deutschen Vorfahren.

Wie vielen?

Was wie vielen?

Vorfahren.

Wei? ich nicht.

Einem?

Nein.

Vieren?

Papa, woher soll ich das wissen?

Karl nickte.

Eben.

Was hei?t eben?

Nichts.

Du machst das immer.

Was?

Du fragst so lange, bis ich die Antwort nicht mehr wei?.

Vielleicht ist es manchmal n?tzlich, genau bis zu der Stelle zu gehen, an der es keine Antwort mehr gibt.

Matthias schob den Teller weg.

Herr Schulze wei? es.

Vielleicht.

Schon wieder dieses Wort.

Ein gutes Wort.

Es erkl?rt nichts.

Manchmal ist ein ehrliches vielleicht besser als sicher vorgetragener Unsinn.

Anna sagte leise:

Karl.

Er sah sie an und schwieg. Doch nun wollte Matthias selbst nicht mehr aufh?ren.

Ist Herr Levi Deutscher?

Der Vater drehte sich langsam zu ihm.

Warum fragst du?

Einfach so.

Er ist hier geboren.

Das wei? ich.

In Wahrheit hatte Matthias das erst vor kurzem von seinem Vater erfahren, aber dar?ber wollte er jetzt nicht streiten.

Sein Vater ist, soweit ich wei?, ebenfalls hier geboren. Und sein Gro?vater auch.

Aber sie sind Juden.

Ja.

Dann sind sie keine Deutschen.

Karl sah ihn einige Sekunden an.

Wer hat dir das gesagt?

Das wurde in der Schule erkl?rt.

Warum fragst du dann mich?

Darauf wusste Matthias nichts zu sagen.

Die Mutter versuchte es noch einmal.

K?nnen wir bitte einfach in Ruhe essen?

Doch Karl sah seinen Sohn weiterhin an.

Hast du jemals mit Herrn Levi gesprochen?

Ich habe bei ihm eingekauft.

In welcher Sprache?

Matthias verstand sofort, worauf sein Vater hinauswollte.

Deutsch.

Erstaunlich.

Das hei?t doch nicht 

Er brach ab.

Was hei?t es nicht?

Matthias wurde rot. Er wusste es nicht.

Karl nahm wieder die Gabel.

Dann sei vorsichtig damit, anderen Leuten zu erkl?ren, wer sie sind.

Ich erkl?re gar nichts.

Noch nicht.

Das traf ihn.

Du glaubst, ich bin schlecht?

Der Vater sah ?berrascht aus.

Wie kommst du darauf?

Du redest immer so, als w?re alles falsch, was man uns beibringt.

Karl fuhr sich m?de ?ber die Stirn.

Nein, Matthias. Ich will, dass du dich wenigstens manchmal fragst, warum etwas wahr sein soll, wenn man es dir erkl?rt.

Und wenn es alle wissen?

Wer sind alle?

Schon wieder.

Matthias sprang auf.

Siehst du! Du machst das absichtlich!

Matthias.

Was?

Setz dich.

Er setzte sich nicht.

Ich bin fertig.

Die Mutter sah streng zu ihm. Karl hielt sie mit einer Handbewegung zur?ck.

Lass ihn.

Matthias ging hinaus. Im Flur h?rte er noch die leise Stimme seiner Mutter.

Er ist ein Kind.

Der Vater antwortete:

Eben.

Matthias h?rte nicht weiter zu.

Im Dezember erfuhren sie, dass die Familie Levi tats?chlich versuchte auszureisen.

Die Nachricht kam nicht aus der Schule. Die Mutter brachte sie mit. Anna hatte im Treppenhaus mit Frau Bremer gesprochen und war ungew?hnlich still, als sie in die Wohnung kam. Matthias sa? am Tisch und machte Hausaufgaben.

Was ist?

Nichts.

Du bist traurig.

Red dir nichts ein.

Sie zog den Mantel aus. Dann sagte sie von selbst:

Die Levis sammeln ihre Papiere.

Matthias hob den Kopf.

Welche?

F?r die Ausreise.

Wohin?

Wei? ich nicht.

Heinz sagt, nach Amerika.

Anna sah ihn an.

Vielleicht.

Matthias verzog den Mund.

Du jetzt auch.

Was auch?

Alle sagen neuerdings vielleicht.

Sie l?chelte nicht.

Weil sie es wahrscheinlich selbst noch nicht wissen.

Warum fahren sie nicht einfach?

Anna blieb stehen.

Matthias, ein Mensch packt sein Leben nicht an einem Abend in einen Koffer.

Er zuckte mit den Schultern.

Wenn sie wegwollen 

Zuerst muss es einen Ort geben, der dich hineinl?sst.

Dar?ber hatte Matthias noch nie nachgedacht.

Wo l?sst man sie nicht rein?

An vielen Orten.

Warum?

Weil es so ist.

Das ist keine Antwort.

Die Mutter sah ihn an und sagte pl?tzlich:

Siehst du.

Was?

Dir gef?llt es auch nicht, wenn man statt einer Antwort nur weil sagt.

Sie ging in die K?che.

Matthias blieb ?ber seinem Heft sitzen. Nach einigen Minuten begann er wieder an der Aufgabe zu rechnen.

Doch jetzt stellte er sich einen Koffer vor.

Und fragte sich, wie viele Dinge eine Familie mitnehmen konnte, wenn sie nicht wusste, wohin sie fuhr.

Im Januar traf er David.

Nicht in der Schule. Nicht vor dem ehemaligen Laden. An einem Bahn?bergang.

Der Tag war grau und frostig. Am Stra?enrand lag alter Schnee, schwarz vom Kohlenstaub. Matthias kam zusammen mit zwei Jungen aus seiner Gruppe vom Dienst zur?ck, Otto und Walter. Sie stritten dar?ber, wer im Fr?hjahr als Erster die Laufpr?fung schaffen w?rde.

Die Schranke senkte sich. In der Ferne kam ein G?terzug.

Auf der anderen Stra?enseite standen eine Frau und ein Junge. Die Frau trug zwei schwere Taschen. Der Junge hielt einen kleinen Pappkarton, mit einer Schnur verschn?rt.

Matthias sah nur fl?chtig hin.

Dann noch einmal.

David.

Er hatte sich nicht sehr ver?ndert. Nur das Gesicht war schmaler geworden. Und sein Mantel wirkte erwachsen, zu breit an den Schultern.

Matthias blieb stehen.

David sah ihn fast im selben Augenblick.

Ein paar Sekunden sahen sie einander nur ?ber die Gleise hinweg an.

Dann hob David die Hand.

Ganz gew?hnlich. Ohne L?cheln. So, wie Menschen gr??en, die sich kennen.

Matthias wollte beinahe automatisch zur?ckgr??en. Seine Hand bewegte sich schon ein wenig.

Da fragte Otto:

Wer ist das?

Matthias lie? die Hand sinken.

Niemand.

Der Zug kam n?her.

Kennst du den?

Ein bisschen.

Walter kniff die Augen zusammen.

Ist das Levi?

Matthias sah auf die Schienen.

Vielleicht.

Das Wort kam von selbst.

Der G?terzug fuhr zwischen ihnen hindurch. Der L?rm wurde so stark, dass man nicht mehr sprechen konnte. Matthias sah auf die Wagen. Grau. Braun. Wieder grau. Ein offener Flachwagen. Ein Kesselwagen. Noch ein Waggon.

Der Zug war lang.

Das gab Zeit.

Zeit zum Nachdenken. Zeit zu entscheiden, was er tun w?rde, sobald der Zug vorbei war.

Er h?tte einfach sagen k?nnen:

Hallo, David.

Mehr nicht.

Zwei W?rter.

Matthias stellte sich schon vor, wie Otto und Walter ihn ansehen w?rden. Vielleicht w?rden sie gar nichts sagen. Vielleicht w?rden sie sp?ter Heinz davon erz?hlen. Vielleicht w?rden sie lachen.

Unsinn.

Was war denn an einem Gru?? Matthias hatte David fr?her gekannt. Alle hatten ihn gekannt.

Und trotzdem blieb Matthias' Hand in der Tasche, als der letzte Wagen vor?ber war und die Sicht wieder frei wurde.

David winkte nicht mehr.

Neben ihm stand seine Mutter. Matthias erinnerte sich nur undeutlich an sie. Fr?her hatte sie manchmal im Laden geholfen. Jetzt wirkte sie sehr m?de.

Die Schranke ging hoch. Beide Gruppen gingen aufeinander zu.

Matthias sah geradeaus.

Sie kamen beinahe Schulter an Schulter aneinander vorbei.

David sagte nichts.

Matthias auch nicht.

Nach ein paar Metern blickte Walter zur?ck.

Wo wollen die hin?

Woher soll ich das wissen?, sagte Otto.

Schleppen Taschen.

Matthias wollte sich ebenfalls umdrehen.

Er tat es nicht.

Vielleicht zum Bahnhof, sagte Walter.

Sollen sie.

Eine Minute sp?ter redeten sie wieder ?ber das Laufen. Matthias redete mit. Er lachte sogar ?ber irgendetwas.

Nur ein wenig lauter, als n?tig gewesen w?re.

Am Abend dachte er mehrmals an die Begegnung zur?ck. Jedes Mal erkl?rte er sich dasselbe.

Er hatte David nichts getan.

Er hatte ihn nicht beleidigt. Nicht geschubst. Nicht beschimpft. Ihn nicht angezeigt. Kein einziges b?ses Wort gesagt.

Nichts.

Der Gedanke h?tte beruhigen m?ssen.

Tat er aber nicht.

Nach dem Essen wusch Matthias lange seine H?nde. Die Mutter sah nach ihm.

Was machst du da?

H?nde waschen.

Zehn Minuten lang?

Die sind schmutzig.

Gleich hast du keine Haut mehr.

Er drehte das Wasser ab und trocknete die H?nde. Die Haut war tats?chlich rot.

In der K?che sa? sein Vater mit der Zeitung. Matthias ging an ihm vorbei. Dann kam er zur?ck.

Papa.

Ja?

Wenn jemand nichts Schlechtes getan hat 

Karl senkte die Zeitung.

Weiter.

Aber trotzdem das Gef?hl hat, er h?tte etwas getan?

Der Vater sah ihn genauer an.

Was ist passiert?

Nichts.

Matthias.

Wirklich nichts.

Gut. Dann frag.

Matthias setzte sich ihm gegen?ber.

Wenn man einfach  etwas nicht getan hat.

Karl wartete.

Z?hlt das?

Als was?

Als etwas Schlechtes.

Der Vater faltete die Zeitung zusammen.

Manchmal.

Warum?

Weil ein Mensch nicht nur f?r das verantwortlich ist, was er tut.

Matthias hatte das Gef?hl, die Fortsetzung schon zu kennen und sie nicht h?ren zu wollen.

Wof?r noch?

F?r das, was er h?tte tun k?nnen und nicht getan hat.

Aber wenn er gar nicht musste?

Wer entscheidet, was man muss?

Wei? ich nicht.

Ich auch nicht immer.

Matthias fragte gereizt:

Wie soll man es dann wissen?

Karl schwieg einen Augenblick.

Manchmal ganz einfach.

Wie?

Stell dir vor, du w?rst der andere.

Sofort sah Matthias die Schranke. David. Die erhobene Hand. Dann sich selbst auf der anderen Seite. Und drei Jungen, die einfach durch ihn hindurchsahen.

Er stand auf.

Ich muss Hausaufgaben machen.

Der Vater fragte nichts weiter. Er sagte nur:

Gut.

Matthias ging hinaus.

An diesem Abend gingen die Hausaufgaben schlecht von der Hand.

In der folgenden Woche ging Matthias absichtlich am Haus der Levis vorbei. Er erkl?rte sich selbst, der Weg sei k?rzer. Das war gelogen.

Das Haus sah gew?hnlich aus. Gardinen in den Fenstern. Eine Pflanze auf dem Fensterbrett. Kein Koffer vor der T?r. Kein Wagen. Keine Abreise.

Matthias war erleichtert.

Also war David noch hier.

Also war noch nichts endg?ltig geschehen.

Beim n?chsten Mal konnte er ihn gr??en.

Auch dieser Gedanke beruhigte ihn.

Man hat immer ein n?chstes Mal.

Jedenfalls glaubt man das, bis es eines Tages keines mehr gibt.

Im Februar sprach Kr?ger wieder ?ber Kameradschaft. Sie sa?en im Gruppenraum, weil drau?en nasser Schnee fiel. An der Wand hingen eine Fahne, eine Deutschlandkarte und mehrere Fotografien.

Je ?lter ihr werdet, sagte Kr?ger, desto besser m?sst ihr verstehen: Man kann nicht allen zugleich angeh?ren.

Matthias h?rte zu.

Ein Mensch hat seine Familie. Seine Kameraden. Sein Volk.

Kr?ger ging langsam an der ersten Reihe entlang.

Treue gibt es gerade deshalb, weil wir zwischen den Eigenen und den Fremden unterscheiden k?nnen.

Heinz nickte, als h?tte er eine l?ngst bekannte Wahrheit geh?rt.

Matthias dachte kurz an David.

Ist ein Fremder dann ein Feind?, fragte jemand.

Kr?ger blieb stehen.

Nicht unbedingt.

Die Antwort ?berraschte Matthias.

Was dann?

Jemand, der nicht zu deinem Kreis der Pflicht geh?rt.

Kr?ger sprach ruhig.

Du kannst nicht f?r alle Menschen auf der Welt gleicherma?en verantwortlich sein. Das klingt sch?n, aber so funktioniert das Leben nicht. Zuerst bist du f?r die Deinen verantwortlich.

Matthias gefiel die Antwort. Sie klang vern?nftig. Wenn die Mutter krank wurde, half man nat?rlich der Mutter und nicht irgendeiner fremden Frau. Wenn ein Kamerad auf einer Wanderung m?de wurde, st?tzte man den Kameraden.

Das war verst?ndlich.

Er versuchte, dieselbe Logik auf David anzuwenden.

Es gelang.

Nicht vollkommen.

Aber ausreichend.

David war einfach keiner von den Eigenen.

Die Worte waren bequem.

Zu bequem.

Nach dem Treffen f?hlte Matthias sich leichter.

Im M?rz war die Familie Levi noch immer nicht fort.

Matthias erfuhr es von seiner Mutter.

Hat man sie nicht reingelassen?, fragte er.

Anna sah ihn scharf an.

Woher hast du diese Formulierung?

Du hast doch selbst gesagt, man m?sse erst irgendwo hineingelassen werden.

Sie seufzte.

Irgendwelche Papiere fehlen noch. Dann gab es wohl einen Platz, dann hat sich wieder etwas ge?ndert.

Wohin wollen sie?

Vielleicht ?ber Verwandte weiter.

Wohin weiter?

Ich wei? es nicht, Matthias.

Amerika?

Kann sein.

Er schwieg kurz.

Und wenn sie nirgendwo hineingelassen werden?

Die Mutter antwortete nicht sofort.

Dann bleiben sie.

Hier?

Wo sonst?

Das erschien ihm selbstverst?ndlich. Deutschland war ihr Zuhause.

Matthias h?tte es beinahe laut gesagt.

Dann erinnerte er sich an Herrn Schulzes Unterricht.

Und schwieg.

Erichs Brief kam Ende M?rz. Seine Einheit befand sich inzwischen im Westen Deutschlands, nicht weit von der franz?sischen Grenze. Einen Ortsnamen nannte er nicht.

Wir stehen herum und warten, schrieb er. Das scheint ?berhaupt die wichtigste milit?rische Besch?ftigung zu sein: auf etwas zu warten, das dir niemand erkl?rt. Alle tun so, als w?ssten sie, was morgen passiert. In Wirklichkeit wei? es keiner.

Karl grinste, als er die Stelle las.

Hat er es gelernt.

Anna fragte:

Was?

Leuten nicht zu glauben, die zu genau wissen, was morgen passiert.

Matthias h?rte weiter zu. F?r ihn hatte Erich noch etwas hinzugef?gt:

Beeil dich nicht zu sehr mit dem Erwachsenwerden. Hier sind genug M?nner, die ihre halbe Jugend darauf gewartet haben, dass man ihnen endlich eine richtige M?nneraufgabe gibt. Jetzt wollen sie vor allem eines: nach Hause.

Matthias las die Zeilen zweimal.

Sie gefielen ihm nicht.

Er schon wieder.

Was?, fragte die Mutter.

Nichts.

Warum machst du dann so ein Gesicht?

Matthias gab ihr den Brief.

Er schreibt wie ein alter Mann.

Karl sah seinen Sohn an.

Manche Dinge machen schnell alt.

Er war doch noch gar nicht im Kampf.

Der Vater schwieg lange.

Glaubst du, nur der Kampf ver?ndert einen Menschen?

Was sonst?

Karl blickte zu Anna. Dann wieder zum Sohn.

Warten auch.

Matthias glaubte ihm nicht.

Wie konnte Warten schlimmer sein als ein Ereignis? Er selbst wartete st?ndig. Auf den n?chsten Dienst. Auf Erichs Briefe. Darauf, ?lter zu werden. Darauf, was im Krieg als N?chstes geschah.

Warten hatte sogar etwas Sch?nes.

Es versprach, dass vor einem noch etwas Wichtiges lag.

Anfang April ging Matthias wieder am Haus der Levis vorbei. Die Fenster waren geschlossen. Die Pflanze auf dem Fensterbrett war verschwunden.

Er blieb stehen.

Vielleicht waren sie nun doch fort.

Etwas zog sich unangenehm in seiner Brust zusammen.

Da ?ffnete sich die Haust?r. Herr Levi kam heraus. Er trug eine Mappe mit Papieren unter dem Arm.

Er sah Matthias.

Blieb stehen.

Matthias ebenfalls.

Ein paar Sekunden sagte keiner etwas.

Dann sagte Herr Levi:

Guten Tag, Matthias.

Nicht Roth. Nicht Junge. Sein Vorname. So wie fr?her im Laden.

Matthias sp?rte, wie ihm das Gesicht hei? wurde.

Guten Tag.

Nur zwei W?rter. Leise ausgesprochen.

Herr Levi nickte und ging weiter.

Matthias blieb stehen.

Merkw?rdig.

Nichts war geschehen.

Niemand hatte geschrien. Niemand hatte es gesehen. Die Welt hatte sich nicht ver?ndert. Er hatte lediglich einen Menschen gegr??t, den er kannte.

Und gerade deshalb f?hlte es sich noch schlimmer an.

Denn nun wusste er ganz genau, wie leicht er am Bahn?bergang dasselbe h?tte tun k?nnen.

Matthias ging nach Hause.

Er versuchte nicht mehr, sich einzureden, damals sei nichts geschehen.

Es war etwas geschehen.

Etwas ganz Kleines.

So klein, dass kein Erwachsener es in eine Chronik des Krieges geschrieben h?tte. Kein Befehl. Keine Verhaftung. Kein Blut.

Ein Junge sah einen anderen Jungen.

Der eine hob die Hand.

Und der andere beschloss, nicht zur?ckzugr??en.

Mehr war es nicht.

Und doch entstand die neue Ordnung des Lebens allm?hlich gerade aus solchen winzigen Entscheidungen.

Zuerst verschwand ein Name von einem Ladenschild.

Dann ein Platz im Klassenzimmer.

Dann ein Gru? auf der Stra?e.

Und erst sehr viel sp?ter begannen die Menschen selbst zu verschwinden.

Im Fr?hjahr 1940 wusste Matthias Roth das noch nicht.

Die Levis lebten noch immer nur ein paar Stra?en entfernt. David ging noch immer durch dieselben Stra?en. Es gab noch die M?glichkeit, sich zu begegnen. Zu reden. Zu gr??en. Zu fragen, wohin sie eigentlich fortwollten.

Diese M?glichkeit bestand noch.

Aber der Abstand zwischen den beiden Jungen war l?ngst sehr viel gr??er geworden als die paar Meter, die sie am Bahn?bergang getrennt hatten.

Kapitel 7. Die richtigen Worte

Seinen ersten Aufsatz schrieb Matthias fast ohne Korrekturen.

Das Thema stand seit dem Morgen an der Tafel:

Was schulde ich meinem Volk?

Herr Schulze zog mit Kreide einen Kreis um die Frage und trat einen Schritt zur?ck.

Lasst euch Zeit. Ich will nicht drei gleiche S?tze lesen, die ihr aus dem Lehrbuch abgeschrieben habt. Denkt nach.

Matthias schlug sein Heft auf. Im Klassenzimmer kratzten die Federn ?ber das Papier. Einige begannen sofort zu schreiben. Kurt kaute lange auf dem Ende seines F?llhalters herum. Heinz sa? mit gerunzelter Stirn da, als m?sse er eine besonders schwierige Rechenaufgabe l?sen.

Auch Matthias schrieb zun?chst nichts. Er sah auf die Frage.

Was schulde ich meinem Volk?

Es gab viele Antworten. Gehorchen. Lernen. Stark sein. Nicht jammern. Den Kameraden helfen. Deutschland keine Schande machen. Dienen. Wenn die Zeit gekommen war: verteidigen.

All diese Gedanken f?hlten sich an wie seine eigenen. Matthias erinnerte sich nicht mehr daran, wo er jeden einzelnen zum ersten Mal geh?rt hatte. In der Schule? Beim Dienst? Im Radio? Von Kr?ger? Auf einem Plakat?

Es spielte keine Rolle mehr.

Die W?rter waren l?ngst in ihm und warteten nur darauf, gebraucht zu werden.

Er schrieb die erste Zeile. Dann die zweite. Nach wenigen Minuten fand seine Hand von selbst die Fortsetzung.

Der Mensch wird nicht nur f?r sich selbst geboren. Jeder Deutsche ist Teil eines gro?en Volkes und erh?lt von ihm Sprache, Heimat, Schutz und Zukunft. Deshalb muss er bereit sein, das Gemeinsame ?ber das Pers?nliche zu stellen.

Matthias las die S?tze noch einmal.

Gut.

Er schrieb weiter. ?ber Disziplin. Arbeit. Kameradschaft. Treue. Dar?ber, dass ein Staat stark werde, wenn jeder seine Aufgabe erf?llte.

Der letzte Satz gefiel ihm besonders:

Wenn jeder nur an sich selbst denkt, wird ein Volk schwach. Wenn alle einem gemeinsamen Ziel dienen, kann ein Volk nicht besiegt werden.

Er setzte einen Punkt und sah zur Uhr.

Noch zwanzig Minuten bis zum Ende der Stunde.

Matthias war ?berrascht. Normalerweise qu?lte er sich viel l?nger mit Aufs?tzen. Er las alles noch einmal durch, ?nderte ein Wort und betrachtete dann erneut den letzten Satz.

Er klang sch?n.

Sicher.

Und vor allem richtig.

Von der Nachbarbank fl?sterte Heinz:

Schon fertig?

Matthias nickte.

Zeig mal.

Darf man nicht.

Nachher.

Mal sehen.

Herr Schulze hob den Kopf.

Weber.

Heinz beugte sich sofort tief ?ber sein Heft. Matthias konnte sich ein Grinsen gerade noch verkneifen.

Zwei Tage sp?ter gab Herr Schulze die Arbeiten zur?ck. Am Rand standen Korrekturen in roter Tinte. Bei Matthias waren es nur wenige. Unten hatte der Lehrer geschrieben:

Sehr gut. Klar und reif formuliert.

Matthias las den Satz mehrmals.

Reif.

Das Wort gefiel ihm noch besser als die Bewertung. Er schob Heinz sein Heft hin.

Sieh.

Heinz las die Bemerkung.

Na und?

Was hast du?

Auch gut.

Zeig.

Keine Lust.

Dann war es schlechter.

Gar nicht.

Matthias wollte nach dem Heft greifen, Heinz stie? seine Hand weg. Beinahe fingen sie noch an, sich direkt an der Bank darum zu balgen.

Roth! Weber!

Beide sa?en augenblicklich still.

Herr Schulze wartete einen Moment.

Wenn ihr ?bersch?ssige Energie habt, finden wir nach dem Unterricht eine Verwendung daf?r.

Danach stritten sie nicht mehr.

Am Ende der Stunde sagte der Lehrer ?berraschend:

Einige Aufs?tze m?chte ich euch vorlesen.

Matthias hatte sofort das Gef?hl, dass seiner dazugeh?ren w?rde.

Und tats?chlich.

Roth.

In seiner Brust wurde es warm.

Herr Schulze nahm Matthias' Heft. Matthias sa? ganz gerade. Der Lehrer begann zu lesen.

Am Anfang war es angenehm. Dann wurde es peinlich. Die eigenen S?tze klangen aus dem Mund eines Erwachsenen vor der ganzen Klasse viel ernster, als sie auf Papier gewirkt hatten.

Als Herr Schulze las: Der Mensch wird nicht nur f?r sich selbst geboren, h?rte irgendwo hinten jemand auf, mit Papier zu rascheln.

Bei dem Satz Wenn alle einem gemeinsamen Ziel dienen, kann ein Volk nicht besiegt werden machte der Lehrer eine kleine Pause.

Seht ihr.

Er hob den Blick.

Ein guter Gedanke.

Matthias wurde rot.

Gerade die Einheit unterscheidet ein starkes Volk von einer schwachen Menge.

Der Lehrer legte das Heft hin.

Roth hat verstanden, worauf es ankommt.

Matthias f?hlte sich gr??er. Nicht k?rperlich. Als h?tte er innen ein paar Zentimeter gewonnen.

Nach dem Unterricht sagte Kurt:

Liebling.

H?ttest du eben selbst so schreiben sollen.

Hab ich.

Warum hat Schulze deinen dann nicht vorgelesen?

Weil er dich mag.

Matthias wollte scharf antworten, lie? es aber bleiben. Das Lob war zu sch?n, um es mit einem Streit zu verderben. Er packte das Heft in den Ranzen.

Am Abend w?rde er es unbedingt dem Vater zeigen.

Karl las den Aufsatz zweimal. Das erste Mal schnell. Das zweite Mal langsamer. Matthias stand neben ihm. Die Mutter kochte Abendessen. Wasser brodelte auf dem Herd. Drau?en regnete es.

Und?, fragte Matthias.

Sein Vater sah noch einmal auf Herrn Schulzes Bemerkung.

Du schreibst ordentlich.

Ich meine nicht die Fehler.

Was dann?

Den Aufsatz.

Karl legte das Heft auf den Tisch.

Gut geschrieben.

Matthias wartete. Der Vater schwieg.

Und sonst?

Was m?chtest du denn?

Wei? ich nicht.

Dann wird das Raten schwierig.

Matthias wurde ?rgerlich.

Herr Schulze hat ihn vor der ganzen Klasse vorgelesen.

Das ist sch?n.

Er hat gesagt, ich h?tte das Wichtigste verstanden.

Karl sah wieder auf das Heft.

Das ist interessanter.

Was?

Das Wichtigste.

Na ja.

Was ist das Wichtigste?

Matthias seufzte.

Steht doch da.

Ich habe es gelesen.

Einheit.

Gut.

Karl schob das Heft n?her zu seinem Sohn.

Und wenn alle gemeinsam in die falsche Richtung gehen?

Matthias spannte sich sofort an. Er wusste, dass das Gespr?ch verdorben war.

Schon wieder.

Was schon wieder?

Warum suchst du immer etwas, das falsch sein k?nnte?

Ich habe nur gefragt.

Niemand geht irgendwo falsch hin.

Ist das eine Antwort?

Ja.

Warum?

Weil 

Matthias brach ab. Karl wartete.

Die Mutter legte den Kochl?ffel hin.

Karl, der Junge wollte dir nur seinen Aufsatz zeigen.

Ich wei?.

Dann sag ihm, dass er gut ist.

Das habe ich.

Nein. Du hast daraus eine Pr?fung gemacht.

Der Vater seufzte.

Gut.

Er sah Matthias an.

Der Aufsatz ist wirklich gut. Formal.

Matthias h?rte sofort die Falle.

Und was ist schlecht daran?

Ich habe nicht gesagt, dass er schlecht ist.

Aber gedacht.

Matthias.

Karl tippte mit dem Finger auf eine Zeile.

Wenn alle einem gemeinsamen Ziel dienen, kann ein Volk nicht besiegt werden.

Ja.

Hast du dir das selbst ausgedacht?

Ja.

Die Antwort kam zu schnell.

Der Vater sagte nichts. Matthias sp?rte ein unangenehmes Z?gern in sich.

Na ja  ich habe es selbst geschrieben.

Danach habe ich nicht gefragt.

Wonach dann?

Woher der Gedanke kommt.

Aus meinem Kopf.

Gut.

Karl nickte.

Warum genau dieser?

Matthias wurde inzwischen richtig w?tend.

Weil er stimmt.

Woher wei?t du das?

Das wei? jeder.

Der Vater schloss f?r einen Augenblick die Augen. Dann ?ffnete er sie wieder.

Schon wieder jeder.

Was ist daran falsch?

Nichts.

Warum hakst du dann dauernd nach?

Karl schwieg.

Weil ich in dir langsam nicht mehr dich h?re.

Matthias verstand nicht.

Was?

Ist nicht wichtig.

Doch. Sag es.

Sp?ter.

Warum sp?ter?

Weil du jetzt nur beleidigt sein wirst.

Bin ich schon.

Die Mutter drehte sich vom Herd um.

Schluss. Es reicht.

Aber Matthias wollte jetzt nicht aufh?ren.

Wessen Stimme h?rst du?

Karl sah ihn m?de an.

Das Radio.

Matthias wurde rot.

Ich habe nichts aus dem Radio abgeschrieben!

Das wei? ich.

Und von Schulze auch nicht!

Vielleicht.

Du h?ltst alle f?r dumm!

Ich halte niemanden f?r dumm.

Was dann?

Der Vater beugte sich etwas vor.

Ich sage nur eines: Wenn ein Mensch denselben Satz hundertmal h?rt, kann er ihm beim hundertundersten Mal wie ein eigener Gedanke vorkommen.

Matthias erstarrte.

Na und?

Nichts. Manchmal sollte man es nur ?berpr?fen.

Wie?

Frag dich: Wenn niemand vor mir diese Worte gesagt h?tte  w?re ich selbst auf diesen Gedanken gekommen?

In der K?che wurde es still.

Matthias sah auf seinen Aufsatz. Die S?tze standen sauber auf dem Papier. Vor ein paar Minuten waren sie ihm noch stark vorgekommen. Nun hatte der Vater sie ihm irgendwie verdorben.

Du glaubst, ich habe keine eigenen Gedanken.

Nein.

Doch.

Matthias 

Du glaubst, ich wiederhole nur!

Manchmal.

Die Antwort kam ruhig. Gerade deshalb traf sie h?rter.

Matthias riss das Heft an sich.

Herr Schulze sagt, ich h?tte reif geschrieben.

Karl nickte.

Vielleicht macht mir genau das Sorgen.

Matthias ging hinaus. Diesmal schlug er die T?r hinter sich zu.

In seinem Zimmer warf er das Heft auf den Tisch. Dann hob er es sofort wieder auf. Zum Kaputtmachen war es ihm zu schade.

Er las den Aufsatz noch einmal und versuchte herauszufinden, woher einzelne Formulierungen kamen.

Das Gemeinsame ?ber das Pers?nliche. Kr?ger hatte so etwas gesagt. Oder Schulze.

Der Mensch ist Teil des Volkes. Das stand im Lehrbuch.

Einheit macht uns stark. Das sagte st?ndig jemand.

Aber was ?nderte das?

Wenn kluge Leute einen richtigen Gedanken schon formuliert hatten, warum sollte man ihm nicht zustimmen? Man musste ja auch nicht die Mathematik neu erfinden, um zu wissen, dass zweimal zwei vier war.

Matthias gefiel der Vergleich. Einen Augenblick lang wollte er zu seinem Vater gehen und ihn damit ?berzeugen. Dann lie? er es bleiben.

Sollte Karl doch selbst darauf kommen.

Einige Tage sp?ter verk?ndete Kr?ger beim Dienst, dass Matthias beim n?chsten Ausflug eine kleine Gruppe der J?ngeren f?hren sollte.

Das war sehr viel wichtiger als irgendein Aufsatz.

Ich?

Kr?ger sah ihn an.

F?ngst du schon wieder an?

Matthias grinste.

Nein.

Sechs Jungen.

Kr?ger nannte die Namen. Zwei davon waren fast ein Jahr j?nger als Matthias.

Du achtest auf die Reihe, kontrollierst die Ausr?stung und meldest mir, wenn etwas nicht stimmt.

Verstanden.

Und noch etwas.

Kr?ger zog leicht die Stirn zusammen.

Spiel nicht den Feldmarschall.

Heinz lachte. Matthias stie? ihn mit dem Ellenbogen.

Hast du geh?rt?, fuhr Kr?ger fort. F?hren hei?t nicht, am lautesten zu br?llen.

Ja.

Wir werden sehen.

Matthias ging nach dem Dienst in bester Stimmung nach Hause. Nun vertraute man ihm wirklich etwas an. Nicht nur f?r ein paar Minuten vorne in einer Reihe stehen. Sechs Jungen. Eine kleine Gruppe, ja. Aber seine.

Zu Hause erz?hlte er es sofort. Seine Mutter freute sich.

Dann machst du deine Sache wohl gut.

Kr?ger hat mich selbst ausgesucht.

Gl?ckwunsch.

Karl nickte ebenfalls.

Das kann eine n?tzliche Erfahrung sein.

Matthias war ?berrascht.

Findest du?

Warum nicht?

Keine Ahnung.

Menschen zu f?hren kann n?tzlich sein.

Matthias sah ihn misstrauisch an.

Kommt jetzt ein Aber?

Karl l?chelte.

Ja.

Wusste ich es doch.

Besonders n?tzlich ist es zu begreifen, dass sie dadurch nicht dein Eigentum werden.

Matthias verdrehte die Augen.

Papa.

Schon gut. Ich schweige.

Vor dem Ausflug kontrollierte Matthias die Jungen mit einem Eifer, als hinge das Schicksal Deutschlands von ihren Rucks?cken ab. Bei Wilhelm war ein Riemen falsch eingestellt.

Mach ihn neu.

Der ist doch in Ordnung.

Mach ihn neu.

Warum?

Matthias wollte schon sagen: Weil ich es sage.

Der Satz lag ihm bereits auf der Zunge.

Dann erinnerte er sich an Kr?ger.

Weil er dir sonst die Schulter wundscheuert.

Wilhelm sah hin und ?nderte den Riemen.

Franz hatte seine Feldflasche vergessen.

Wo ist sie?

Vergessen.

Wie kann man so etwas vergessen?

Einfach.

Lauf zur?ck.

Dann komme ich zu sp?t.

Matthias f?hlte sich bedeutend.

Dann bleibst du hier.

Franz wurde blass.

Aber 

Kr?ger stand in der N?he und h?rte alles. Er griff nicht ein.

Matthias sah den Jungen an. Bis zum Antreten waren noch zehn Minuten. Franz wohnte nicht weit weg.

Lauf. Wenn du in zehn Minuten nicht zur?ck bist, gehen wir ohne dich.

Franz rannte los. Nach sieben Minuten war er wieder da, au?er Atem, aber mit Feldflasche.

Matthias war zufrieden mit sich.

W?hrend des Marsches lief alles gut. Die Gruppe blieb zusammen. An einem Anstieg fiel der kleine Rudi zur?ck. Matthias lie? die anderen halten.

Schneller!

Rudi versuchte sein Tempo zu erh?hen und stolperte. Matthias wollte ihn schon tadeln. Dann sah er das Gesicht des Jungen.

Er war wirklich ersch?pft.

Ist der Rucksack zu schwer?

Geht schon.

Gib her.

Musst du nicht.

Gib ihn.

Matthias nahm ihm einen Teil der Sachen ab.

Heinz, der mit einer anderen Gruppe neben ihnen lief, sah es.

Der Anf?hrer macht jetzt den Gep?cktr?ger?

Matthias wollte zur?ckfahren. Doch Kr?ger, der weiter vorn ging, sagte:

Manchmal besteht F?hren genau darin.

Heinz schwieg.

Matthias merkte sich den Satz.

Am Abend zog Kr?ger Bilanz.

Roth.

Ja.

Nicht schlecht.

Schon wieder dieses Wort. Matthias kannte inzwischen seinen Wert.

Aber.

Was?

Du magst es ein bisschen zu sehr, wenn man dir gehorcht.

Die Jungen in der N?he lachten. Matthias wurde rot.

Was ist daran schlecht?

Kr?ger grinste.

Nichts, solange sie dir gehorchen, weil du recht hast.

Er machte eine Pause.

Schlecht wird es, wenn du irgendwann glaubst, du h?ttest recht, weil sie dir gehorchen.

Matthias verstand den Satz nicht sofort. Kr?ger war bereits beim n?chsten Jungen.

Der Gedanke blieb zur?ck.

Er klang nach etwas, das sein Vater h?tte sagen k?nnen.

Das ?rgerte Matthias ein wenig.

Der Fr?hling r?ckte n?her. An der Westfront geschah noch immer fast nichts. Die Zeitungen schrieben. Das Radio redete. Die Soldaten warteten.

Erich schrieb seltener.

In einem Brief berichtete er, er habe inzwischen gelernt, beinahe ?berall zu schlafen. Auf einer Bank. Auf dem Fu?boden. In einem Lastwagen. Einmal sei er w?hrend einer politischen Belehrung eingeschlafen und habe danach noch eine zweite anh?ren d?rfen  diesmal ganz f?r ihn allein.

Matthias lachte. Karl ebenfalls.

Das ist wirklich ein Talent.

Dann schrieb Erich:

Man erkl?rt uns sehr ausf?hrlich, warum dieser Krieg notwendig ist. Merkw?rdig ist nur: Je l?nger wir warten, desto ?fter muss man es uns erkl?ren.

Karl h?rte auf zu l?cheln.

Anna fragte:

Was meint er damit?

Genau das, was er geschrieben hat.

Matthias las den Satz noch einmal.

Soldaten m?ssen doch wissen, wof?r sie k?mpfen.

Der Vater sah ihn an.

Nat?rlich.

Was?

Nichts.

Du f?ngst schon wieder an.

Ich sage kein Wort.

Matthias gab den Brief gereizt zur?ck. Er hatte diesen Blick seines Vaters satt. Manchmal musste Karl gar nichts sagen. Es gen?gte, wenn er einen ansah, und schon begann ein sicherer Gedanke zu wackeln.

In der Schule wurde unterdessen eine feierliche Veranstaltung vorbereitet. Einige Sch?ler sollten auftreten. Herr Schulze w?hlte Matthias aus.

Du liest einen kurzen Text ?ber die Jugend.

Soll ich ihn schreiben?

Nein. Hier.

Er reichte ihm ein Blatt. Matthias las. Weniger als eine Seite. ?ber Deutschland. ?ber die Pflicht der neuen Generation. ?ber Dankbarkeit gegen?ber den Soldaten. ?ber die Bereitschaft, ihr Werk fortzuf?hren.

Der letzte Satz klang besonders gut:

Wir sind noch jung, aber wir wissen schon, wem unser Leben geh?rt.

Matthias las ihn noch einmal.

Gut.

Lern ihn.

Ganz?

Ganz.

Ich k?nnte es auch mit eigenen Worten sagen.

Schulze sah ihn an.

Wozu?

Matthias wusste keine Antwort.

So ist es genauer formuliert.

Gut.

Er nahm das Blatt mit nach Hause. Am Abend lernte er. Die S?tze gingen leicht ins Ged?chtnis. Sie hatten Rhythmus. Jeder schien schon zu wissen, an welcher Stelle er stehen musste.

Die Mutter h?rte zu, w?hrend sie Kartoffeln sch?lte.

Lauter.

Matthias begann von vorn.

Wir, die deutsche Jugend 

Er sprach. Die Mutter schwieg. Der Vater kam herein und blieb in der T?r stehen. Matthias sah ihn, fuhr aber fort.

 wissen, dass Freiheit und Zukunft unseres Volkes von jedem die Bereitschaft zu Dienst und Opfer verlangen 

Karl zog den Mantel aus.

 wir sind noch jung, aber wir wissen schon, wem unser Leben geh?rt.

Matthias endete.

Anna sagte:

Du liest gut.

Karl hing seinen Mantel auf.

Nichts.

Matthias fragte selbst:

Und?

Was?

Hat es dir gefallen?

Du hast es gut gelernt.

Das meine ich nicht.

Karl sah auf das Blatt.

Wer hat das geschrieben?

Wei? ich nicht.

Genau das interessiert mich.

Wieso?

Weil dieser Mensch offenbar schon entschieden hat, wem dein Leben geh?rt.

In Matthias flammte alles auf.

Papa!

Anna sagte scharf:

Karl, jetzt reicht es.

Er bereute es bereits. Das war ihm anzusehen.

Ich wollte dir den Auftritt nicht verderben.

Hast du aber.

Matthias riss das Blatt an sich.

Du machst immer alles kaputt!

Vielleicht.

Und schon wieder dieses Wort!

Er rannte in sein Zimmer. Diesmal schlug die T?r so hart zu, dass das Glas klirrte.

Matthias sa? lange auf dem Bett. Das Blatt lag in seiner Hand.

Wem unser Leben geh?rt.

Vor wenigen Minuten war der Satz noch kraftvoll gewesen. Jetzt klang er tats?chlich merkw?rdig.

Wem?

Deutschland. Dem Volk. Dem F?hrer.

Das war doch die offensichtliche Antwort.

Aber sein Vater fragte anders. Als w?rde er jedes Wort auseinandernehmen und nachsehen, was darin steckte.

Matthias hasste das.

W?rter waren n?tzlich, solange sie ganz blieben. Wenn man eine Uhr auseinandernahm, zeigte sie keine Zeit mehr. Wenn man ein Gewehr zerlegte und nicht wieder zusammensetzte, konnte es nicht schie?en.

Vielleicht war es mit Gedanken genauso.

Man konnte nicht alles endlos zerlegen.

Manches musste man einfach annehmen.

Er sagte leise:

Wir sind noch jung, aber wir wissen schon, wem unser Leben geh?rt.

Im leeren Zimmer klang der Satz leiser.

Matthias wiederholte ihn. Lauter. Besser.

Beim dritten Mal war das unangenehme Gef?hl verschwunden.

Bei der Veranstaltung waren viele Menschen. Eltern. Lehrer. Parteivertreter. Jugendf?hrer. Auf der B?hne hingen Fahnen. Matthias stand hinter dem Vorhang und wartete.

Vor ihm sprach ein ?lterer Sch?ler. ?ber die Soldaten. Applaus.

Dann wurde Matthias aufgerufen.

Er trat hinaus. Das Licht blendete. In den ersten Sekunden sah er keine Gesichter, nur den dunklen Saal. Dann erkannte er die ersten Reihen. Seine Mutter. Seinen Vater. Kr?ger. Herrn Schulze.

Matthias begann.

Die Stimme zitterte zuerst, dann wurde sie fest. Er kannte den Text genau. Die S?tze stellten sich einer nach dem anderen an ihren Platz. Jugend. Pflicht. Zukunft. Treue.

Als er von Opferbereitschaft sprach, nickte jemand im Saal.

Matthias sah es und sprach sicherer.

Schlie?lich:

Wir sind noch jung, aber wir wissen schon, wem unser Leben geh?rt.

Applaus.

Kr?ftig.

Matthias blieb eine Sekunde stehen und verbeugte sich dann, wie man es ihm gezeigt hatte. Hinter dem Vorhang schlug sein Herz schnell.

Kr?ger wartete auf ihn.

Gut.

Danke.

Kein einziges Wort verschluckt.

Das war Lob.

Auch Herr Schulze gab ihm die Hand.

Siehst du, Roth. Wenn ein Mensch versteht, was er sagt, h?ren die Leute ihm zu.

Der Satz gefiel Matthias.

Er glaubte augenblicklich, dass er tats?chlich verstanden hatte.

Nach der Veranstaltung umarmte ihn die Mutter.

Gut gemacht.

Ich habe mich kein einziges Mal versprochen.

Ich habe es geh?rt.

Auch in der Mitte nicht.

Auch das habe ich geh?rt.

Karl stand daneben. Matthias wartete.

Der Vater sagte:

Du hast gut gesprochen.

Wirklich?

Wirklich.

Und der Text?

Eine kleine Pause.

Heute fange ich nicht damit an.

Matthias musste pl?tzlich lachen. Karl ebenfalls. Die Spannung verschwand.

Sie gingen nach Hause. Drau?en war es k?hl. Die Menschen liefen in kleinen Gruppen auseinander und redeten ?ber die Auftritte. Anna ging ein St?ck vor ihnen. Matthias lief neben seinem Vater.

Einige Minuten schwiegen sie.

Dann fragte Karl:

Hat es dir gefallen?

Was?

Dass sie geklatscht haben.

Ja.

Nat?rlich.

Und?

Nichts.

Matthias wartete schon auf die n?chste Frage. Aber sein Vater sagte nichts mehr. Das ?berraschte ihn.

Du wolltest doch noch etwas sagen.

Wollte ich.

Und?

Karl sah seinen Sohn an.

Darauf kommst du irgendwann selbst.

Schon wieder ein R?tsel.

Genau.

Sie gingen weiter.

Matthias fragte trotzdem:

Hat es dir nie gefallen, wenn Leute dir Beifall gegeben haben?

Karl dachte nach.

Doch.

Warum dann?

Weil man Applaus sehr leicht mit einem Beweis daf?r verwechselt, dass man recht hat.

Matthias schwieg.

Wenn tausend Menschen klatschen, fuhr sein Vater fort, dann bedeutet das zun?chst nur, dass tausend Menschen gern geh?rt haben, was du gesagt hast.

Und wenn sie alle zustimmen?

Dann bedeutet es zus?tzlich, dass sie zustimmen.

Und sonst nichts?

Sonst nichts.

Matthias schnaubte unzufrieden.

Nach dir kann man ?berhaupt nichts sicher wissen.

Manches schon.

Was?

Der Vater l?chelte.

Zum Beispiel, dass deine Mutter sich jetzt umdrehen und sagen wird, wir sollen nicht so tr?deln.

Vorn drehte Anna sich tats?chlich um.

Seid ihr da hinten eingeschlafen?

Matthias lachte.

Karl auch.

Ein paar Tage sp?ter geschah etwas, an das Matthias sich zun?chst kaum erinnerte.

In der Pause standen die Jungen am Fenster. Sie redeten ?ber den Krieg. Wie immer.

Heinz sagte, sein Vater sei sicher, Frankreich werde nicht lange durchhalten. Kurt stimmte zu.

Fritz sagte:

Und wenn doch?

Heinz lachte.

Wird es nicht.

Woher wei?t du das?

Das wei? jeder.

Matthias sagte beinahe automatisch:

Die Einheit unseres Volkes und die ?berlegenheit unserer Armee lassen ihnen keine Chance.

Der Satz kam glatt heraus.

Sehr glatt.

Die Jungen wunderten sich nicht einmal. Kurt nickte.

Genau.

Fritz zuckte mit den Schultern.

Werden wir sehen.

Das Gespr?ch ging weiter. Wenige Minuten sp?ter klingelte es. Matthias war schon im Klassenzimmer, als er pl?tzlich stehen blieb.

Die Einheit unseres Volkes und die ?berlegenheit unserer Armee lassen ihnen keine Chance.

Wo hatte er das geh?rt?

In der Zeitung? Im Radio? Bei Schulze?

Er wusste es nicht genau.

Vielleicht nirgendwo in genau dieser Form. Vielleicht hatte er die W?rter selbst zusammengesetzt.

Er setzte sich, schlug das Buch auf, aber der Satz lie? ihn nicht los.

Sein Vater hatte gesagt: Wenn du etwas hundertmal h?rst 

Matthias wurde w?tend.

Auf sich. Auf den Vater. Auf die ganze Frage.

Was machte es f?r einen Unterschied, woher ein Gedanke kam, wenn er richtig war?

Er zwang sich zu lesen.

An diesem Abend wurde im Radio wieder eine Rede ?bertragen. Die Familie sa? im Wohnzimmer. Die Stimme f?llte den Raum. Sie sprach von Deutschlands Feinden. Von der Notwendigkeit, zusammenzustehen. Von der Jugend. Vom Opfer. Vom Schicksal.

Matthias h?rte zu.

Einige S?tze kamen ihm bekannt vor. Nicht weil er sie schon einmal genau so geh?rt hatte, sondern weil er das n?chste Wort vorauswissen konnte.

Nach Volk kam fast zwangsl?ufig Einheit.

Nach Soldat: Pflicht.

Nach Jugend: Zukunft.

Nach F?hrer: Treue.

Matthias ertappte sich dabei.

Das Wort war noch nicht gefallen, und er wusste es schon.

Es war fast wie bei einem Lied. Kennt man die Melodie, muss man nicht mehr ?berlegen, welcher Ton als N?chstes kommt.

Karl sa? im Sessel. Matthias sah zu ihm. Der Vater h?rte ebenfalls zu. Sein Gesicht zeigte nichts.

Matthias wandte sich wieder dem Radio zu.

Die Stimme sagte:

Deutschland erwartet von jedem 

Matthias beendete den Satz lautlos:

 die Erf?llung seiner Pflicht.

Genau so kam es.

F?r einen Augenblick sp?rte er einen merkw?rdigen Schauder.

Dann war er beinahe zufrieden.

Er hatte richtig geraten.

Anfang Mai schrieb Erich nur einen kurzen Satz:

Es sieht so aus, als m?ssten wir nicht mehr lange warten.

Mehr nicht. Keine Erkl?rung.

Karl las den Brief und legte ihn hin.

Anna fragte:

Was bedeutet das?

Genau das.

Werden sie verlegt?

Vielleicht.

Matthias merkte gar nicht, wie er sagte:

Deutschland muss zu Ende bringen, was es angefangen hat.

Der Vater drehte langsam den Kopf.

Was?

Matthias wiederholte es. Diesmal weniger sicher.

Der Krieg muss beendet werden.

Das war nicht dasselbe, was du eben gesagt hast.

Na und?

Karl sah ihn an.

Nichts.

Matthias wurde gereizt.

H?rst du schon wieder das Radio in mir?

Der Vater war ?berrascht. Matthias selbst hatte nicht erwartet, dass er das sagen w?rde.

Einige Sekunden sahen sie einander an.

Dann antwortete Karl:

Weniger.

Matthias verstand nicht.

Was weniger?

Das Radio.

Der Vater nickte in seine Richtung.

Daf?r immer mehr dich.

Es sollte vers?hnlich klingen.

Aus irgendeinem Grund machte es Matthias noch unruhiger.

In der Nacht konnte er lange nicht schlafen. Drau?en regnete es. Tropfen schlugen gegen das Blech des Fensterbretts. Die Uniform hing ?ber dem Stuhl. Auf dem Tisch lag das Heft mit dem Aufsatz. Daneben der Text seines Vortrags.

Matthias stand auf. Ohne das gro?e Licht einzuschalten, machte er die Schreibtischlampe an und holte den Aufsatz hervor.

Er las den ersten Satz.

Der Mensch wird nicht nur f?r sich selbst geboren.

Das dachte er wirklich.

Wahrscheinlich.

Jeder Deutsche ist Teil eines gro?en Volkes.

Auch das.

Das Gemeinsame ?ber das Pers?nliche.

Nat?rlich.

Matthias nahm einen Bleistift und versuchte, denselben Gedanken mit anderen Worten zu schreiben.

Es ging nicht sofort.

Er sa? eine Weile da. Dann schrieb er:

Manchmal muss ein Mensch auf etwas verzichten, das er selbst will, wenn es dadurch anderen besser geht.

Er sah den Satz an.

Er klang schw?cher.

Aber verst?ndlicher.

Matthias dachte an Rudi, dessen Rucksack er leichter gemacht hatte. Das war wirklich geschehen. Rudi war m?de gewesen. Matthias hatte geholfen. Kein Volk. Kein Schicksal. Nur ein Junge, der einem anderen half.

Dann schrieb er:

Kameradschaft hei?t, dass man einen Menschen nicht im Stich l?sst, der neben einem geht.

Auch das war seins.

Das wusste er.

Weil er das Gewicht eines fremden Rucksacks gesp?rt hatte.

Lange sah Matthias auf beide S?tze. Dann wieder auf den Aufsatz.

Die gro?en W?rter schienen pl?tzlich ein wenig weiter entfernt. Sie waren nicht verschwunden. Er glaubte immer noch an sie.

Aber zum ersten Mal begriff er, dass ein Unterschied bestand zwischen einem Wort, das man erlebt hatte, und einem Wort, das einem nur sch?n erkl?rt worden war.

Matthias klappte das Heft zu und legte sich wieder hin.

Am n?chsten Morgen war das Gef?hl beinahe verschwunden.

In der Schule sprach Herr Schulze von den kommenden Ereignissen im Westen. Am Abend sprach Kr?ger von Disziplin. Das Radio sprach von Entschlossenheit. Die Zeitungen sprachen von einer historischen Stunde.

Die W?rter umgaben Matthias wieder.

Und sie fanden wieder ihre Pl?tze.

Denn es ist anstrengend, jeden Tag neu zu pr?fen, woran man glaubt.

Viel einfacher ist es, etwas Fertiges zu benutzen.

Matthias Roth lernte diese bequeme F?higkeit nach und nach sehr gut.

Noch stritt er. Manchmal zweifelte er. Manchmal erinnerte er sich an die Fragen seines Vaters.

Aber immer ?fter lag der richtige Satz bereits bereit, bevor er ?berhaupt zum Nachdenken kam.

Und jedes Mal, wenn er sicher klang und die anderen zustimmend nickten, fiel es ein wenig leichter zu glauben, dass Matthias schon immer genauso gedacht hatte.

Kapitel 8. Der zehnte Mai

Am zehnten Mai wurde Matthias vom L?uten der Kirchenglocken geweckt. Im ersten Moment dachte er, es sei Sonntag. Dann fiel ihm ein: Freitag. Er lag auf dem R?cken, starrte an die Decke und versuchte herauszufinden, woher das L?uten kam, als drau?en im Flur die schnellen Schritte seines Vaters zu h?ren waren. Wenige Sekunden sp?ter wurde das Radio eingeschaltet. Laut. So laut h?rte Karl es nur an besonderen Tagen.

Matthias sprang aus dem Bett. In der K?che stand seine Mutter bereits im Morgenmantel am Tisch und hielt mit einer Hand das zerzauste Haar zur?ck. Karl beugte sich ?ber den Empf?nger. Es war von der Westgrenze die Rede. Von deutschen Truppen. Von Belgien. Den Niederlanden. Luxemburg. Matthias h?rte mitten im Zukn?pfen seines Hemdes auf.

Es hat angefangen?

Niemand antwortete. Er trat n?her. Aus dem Radio kam eine feierliche Stimme. Deutsche Truppen h?tten die Grenzen ?berschritten. Das Vorgehen sei notwendig gewesen. Deutschland habe gewarnt. Deutschland sei dazu gezwungen worden. Deutschland reagiere auf eine Bedrohung.

Matthias h?rte eine Reihenfolge, die ihm bereits vertraut war. Die W?rter waren andere als im September, doch sie f?gten sich beinahe auf dieselbe Weise zusammen. Bedrohung. Notwendigkeit. Antwort. Verteidigung. Er ertappte sich dabei, dass er manche Wendung vorausahnte, noch bevor der Sprecher sie aussprach.

Karl schaltete das Radio aus. Er drehte es nicht leiser. Er schaltete es aus.

Warum?, fragte Matthias.

Karl sah auf die Uhr. Du musst in die Schule.

Aber gleich kommt bestimmt noch etwas.

Bestimmt.

Und wenn es etwas Wichtiges ist?

Sein Vater nahm eine Zigarette vom Tisch, steckte sie aber nicht an. Von jetzt an wird es eine ganze Weile nur Wichtiges geben.

Anna stand noch immer reglos da. Matthias sah sie an.

Ist Erich dort?

Sie zuckte zusammen. Erst jetzt begriff er, dass sie genau daran gedacht hatte.

Ich wei? es nicht.

Er ist doch im Westen.

Ich wei?, wo er ist.

Es kam sch?rfer heraus, als sie beabsichtigt hatte. Sofort wandte sie sich ab. Karl trat zu ihr und legte ihr eine Hand auf die Schulter.

Seine Einheit kann in Reserve geblieben sein.

Kann sein.

Wir wissen nichts.

Eben.

Matthias schwieg. Die Erregung, mit der er in die K?che gekommen war, war nicht verschwunden. Aber nun stand etwas anderes daneben. Erich. Bis zu diesem Augenblick hatte die Offensive im Westen als ein gro?es Ereignis existiert. Pfeile. Armeen. Staaten. Jetzt befand sich irgendwo in einem dieser Pfeile sein Bruder.

Vielleicht.

Matthias mochte dieses Wort nicht. Aber ein anderes gab es nicht.

Auf den Stra?en summte die Stadt vor Gespr?chen. Nicht laut. Nicht festlich. Die Menschen blieben an Zeitungskiosken stehen, redeten vor Gesch?ften, lasen die ausgeh?ngten Meldungen. Auf dem Weg zur Schule hatte Matthias das Gef?hl, zu etwas viel Wichtigerem zu sp?t zu kommen als zum Unterricht.

Vor Bremers B?ckerei standen f?nf M?nner. Einer hielt eine Zeitung in der Hand.

Durch Belgien, sagte er.

Wie beim letzten Mal.

Nicht ganz.

Durch die Ardennen gehen sie, wirst schon sehen.

Matthias verlangsamte den Schritt. Er wollte mehr h?ren.

Roth!

Er drehte sich um. Heinz winkte von der anderen Stra?enseite.

Hast du es geh?rt?

Matthias lief hin?ber. Nat?rlich.

Mein Vater sagt, jetzt ist alles ganz schnell vorbei.

Das sagt er immer.

Weil er Bescheid wei?.

Was wei? er denn?

Mehr als du.

Matthias schnaubte. Mein Bruder ist dort.

Die Worte klangen gewichtiger, als er erwartet hatte. Heinz h?rte sofort auf zu grinsen.

An der Front?

An der Westgrenze.

Dann kommt er jetzt bestimmt dran.

Matthias versp?rte einen seltsamen Anflug von Stolz. Gleich darauf Sorge.

Nicht unbedingt.

Wieso?

Vielleicht sind sie Reserve.

Er wiederholte die Worte seines Vaters. Heinz zuckte die Schultern.

Trotzdem gro?artig.

Matthias sah ihn an. Vor ein paar Monaten h?tte er selbst genau dasselbe gesagt. Jetzt st?rte ihn das Wort pl?tzlich.

Was soll daran gro?artig sein?

Na ja  dein Bruder ist dort.

Und?

Er ist ein richtiger Soldat.

Das war er vorher auch schon.

Aber jetzt ist der Krieg richtig.

Matthias wollte etwas entgegnen. Ihm fiel nichts ein. Sie gingen weiter.

Herr Schulze kam mit einer Karte ins Klassenzimmer. Damit war sofort klar, dass es keinen gew?hnlichen Unterricht geben w?rde. Die Karte wurde vor die Tafel geh?ngt. Westeuropa. Matthias kannte es schlechter als Polen. Frankreich wirkte riesig. Belgien klein. Die Niederlande noch kleiner.

Der Lehrer nahm den Zeigestock.

Heute Morgen hat eine Operation begonnen, deren Bedeutung ihr erst sp?ter ganz verstehen werdet.

Er sprach feierlich. Nicht wie ein Lehrer. Eher wie ein Rundfunksprecher. Matthias h?rte zu. Die deutsche Armee sei den Gegnern zuvorgekommen. Frankreich und Gro?britannien wollten das Reich erdrosseln. Die kleinen Staaten lie?en zu, dass ihr Gebiet gegen Deutschland benutzt werde. Nun habe die deutsche F?hrung zuerst gehandelt.

Wer kann mir sagen, warum Geschwindigkeit entscheidend ist?

Heinz hob die Hand.

Damit der Feind keine Zeit hat, sich vorzubereiten.

Richtig.

Herr Schulze zeigte auf die Karte. Er sprach ?ber Eisenbahnen. Fl?sse. Befestigungen. Die Maginot-Linie. Es war interessant. Sehr sogar. Der Krieg wurde wieder verst?ndlich. Es gibt ein Hindernis. Man muss es umgehen. Es gibt einen Gegner. Man muss ihm zuvorkommen. Es gibt ein Ziel. Man muss es erreichen.

Matthias betrachtete die Karte und sp?rte, wie die Unruhe des Morgens zur?ckwich. Wenn alles so gr?ndlich geplant war, wusste auch Erich, was er zu tun hatte. Die Armee war gro?. Die Kommandeure wussten Bescheid. Der F?hrer wusste Bescheid. Die Gener?le wussten Bescheid. Jeder war an seinem Platz.

Wie sehr er das glauben wollte.

In der Pause dr?ngte sich die Klasse um die Karte.

Von hier, sagte Kurt.

Nein, weiter n?rdlich.

Bist du jetzt General?

Und du?

Matthias trat dazu. Heinz fragte sofort:

Wo ist Erich?

Ich wei? es nicht genau.

Und der Brief?

Ist schon eine Weile her.

Vielleicht ist er l?ngst in Belgien.

Matthias sah auf die Karte. Belgien. Eine kleine Fl?che. Wie viele Kilometer lagen zwischen diesem Punkt und ihrem Haus? Er versuchte es auszurechnen. Es gelang ihm nicht. Bisher hatte Entfernung einen Weg bedeutet. Mit dem Fahrrad. Mit dem Zug. Zu Fu?. Jetzt bedeutete Entfernung auch die Zeit, die eine Armee brauchte, um sie zur?ckzulegen.

Pl?tzlich sah er Erich nicht auf einem Foto und nicht in einer Kaserne, sondern auf einer fremden Stra?e, das Gewehr in der Hand. Ein echtes Gewehr. Diesmal nicht auf dem Weg zu einer Schie?scheibe.

Matthias trat von der Karte zur?ck.

Was ist?, fragte Heinz.

Nichts.

Die ersten Meldungen waren ?berw?ltigend. Niederlande. Belgien. Luxemburg. ?berg?nge. Luftlandetruppen. Vormarsch. Jeder Morgen begann mit dem Radio. Jeder Abend endete damit. Matthias holte wieder seine Stecknadeln hervor. Die alte Polenkarte reichte nicht mehr. Er bat seinen Vater um eine neue.

Wozu?

Zum Verfolgen.

Was willst du verfolgen?

Die Front.

Karl sah ihn lange an. Dann sagte er: Im unteren Schrankfach liegt ein Atlas.

Matthias fand ihn und breitete ihn aus. Frankreich. Belgien. Niederlande. Am ersten Abend sa? er beinahe eine Stunde dar?ber, h?rte den Wehrmachtbericht, suchte Ortsnamen und versetzte die Nadeln. Karl kam vorbei und blieb stehen.

Schon wieder?

Was?

Generalstab spielen.

Matthias l?chelte nicht.

Ich will wissen, wo Erich ist.

Sein Vater wurde sofort ernst. So findest du das nicht heraus.

Aber wenn seine Einheit 

Wir kennen weder den Verband noch die Richtung noch den Auftrag.

Du wei?t doch, wo er war.

Wo er war. Vor einer Woche.

Matthias stie? eine Nadel gereizt in die Karte.

Wie soll man es dann ?berhaupt erfahren?

Auf einen Brief warten.

Und wenn lange keiner kommt?

Karl schwieg. Die Antwort war offensichtlich. Warten. Matthias hasste es, warten zu m?ssen, wenn nichts von ihm abhing.

Wissen die wenigstens, wo die Soldaten sind?

Wer?

Die F?hrung.

Nat?rlich.

Dann ist doch alles in Ordnung.

Karl sah ihn an. Was genau soll in Ordnung sein?

Sie verlieren die Leute doch nicht einfach.

Sein Vater schloss f?r einen Moment die Augen. Matthias merkte, dass er etwas Falsches gesagt hatte.

So habe ich das nicht gemeint.

Ich wei?.

Karl trat an die Karte.

Die Armee wei? tats?chlich, wo ihre Verb?nde sind. Er fuhr mit einem Finger ?ber das Papier. Das hei?t aber nicht, dass sie jeden einzelnen Mann bewahren kann.

Matthias starrte ihn an.

Wozu ist dann die F?hrung da?

Sein Vater wandte sich zu ihm.

Um einen Auftrag zu erf?llen.

Welchen?

Den, den man ihr gegeben hat.

Und die Menschen?

Karl schwieg kurz. Die f?hren ihn aus.

Es klang zu einfach. Matthias mochte die Antwort nicht.

Erich auch?

Erich auch.

Zum ersten Mal dachte Matthias ?ber den Unterschied zwischen dem Wort Armee und dem Namen Erich nach. Eine Armee konnte erfolgreich vorr?cken. Und gleichzeitig konnte Erich etwas Schlimmes zusto?en. Diese beiden Dinge widersprachen sich nicht.

Bis zu diesem Tag hatte Matthias geglaubt, sie t?ten es.

Neun Tage lang kam kein Brief. Anna z?hlte nur die ersten drei laut. Danach h?rte sie damit auf. Doch jedes Mal, wenn Schritte im Treppenhaus zu h?ren waren, hob sie den Kopf. Jedes Mal. Matthias bemerkte es. Karl auch. Niemand sagte etwas.

Am zehnten Tag kam eine Postkarte.

Matthias kam aus der Schule und sah seine Mutter schon von der Treppe aus. Sie stand in der offenen Wohnungst?r und l?chelte.

Von ihm.

Matthias rannte hinauf.

Wo?

Hier.

Sie hielt die Karte mit beiden H?nden.

Lebt er?

Die Mutter sah ihn seltsam an. Nat?rlich.

Das Nat?rlich kam zu schnell. Matthias bemerkte es nicht. Er nahm ihr die Karte aus der Hand.

Vorsichtig!

Erichs Handschrift. Nur ein paar Zeilen.

Mir geht es gut. Wir sind unterwegs. Wo ich bin, darf ich nicht schreiben. Macht euch keine Sorgen, wenn l?nger keine Post kommt. Hier ?ndert sich alles sehr schnell. Mama, wirklich, mach dir keine Sorgen. Gr??e an Papa. Und Matthias sag, seine Karte wird ihm trotzdem nicht helfen.

Matthias las den letzten Satz noch einmal.

Woher wei? er das?

Anna lachte. Weil er dich kennt.

Matthias musste ebenfalls l?cheln. Zum ersten Mal seit zehn Tagen f?hlte sich die Wohnung wieder leicht an. Sogar die Luft schien anders. Am Abend kochte die Mutter etwas, das es sonst nur sonntags gab. Karl brachte eine Flasche Wein mit.

Wozu die?, fragte Matthias.

Weil wir heute d?rfen.

Erich ist doch noch gar nicht zur?ck.

Sein Vater sah Anna an. Aber er hat geschrieben.

Das gen?gte.

Ein paar Tage sp?ter r?ckte die Front so schnell vor, dass Matthias mit den Stecknadeln kaum noch hinterherkam. Ein Ortsname folgte auf den anderen. Sedan. Maas. Ardennen. Kanal. K?ste. Jeden Tag entstand eine neue Linie.

Heinz war begeistert.

Siehst du?

Er stie? den Finger auf die Schulkarte.

Sie sind schon hier!

Ich sehe es.

Die Franzosen sind abgeschnitten.

Ich sehe es.

Das ist doch genial.

Matthias nickte. Auch ihm kam es genial vor. Keine Verteidigung hatte geholfen. Keine Linie. Die deutsche Armee zog dort hindurch, wo man sie nicht erwartet hatte. Geschwindigkeit. Entschlossenheit. Risiko. Alles, was man ihnen bei Spielen und M?rschen beigebracht hatte, existierte pl?tzlich im riesigen Ma?stab.

Matthias stellte sich die Panzer vor, die nach vorn stie?en. Lastwagen. Kolonnen. Br?cken. Flugzeuge. Er sp?rte beinahe k?rperliche Begeisterung.

Dann erinnerte er sich daran, dass Erich irgendwo darin war.

Die Begeisterung verschwand nicht. Aber sie bekam eine Kante.

Eine scharfe.

Ende Mai fiel im Radio immer h?ufiger der Name D?nkirchen. Matthias suchte die Stadt auf der Karte und legte einen Finger darauf.

Hier?

Karl nickte. Hier.

Sie sind eingekesselt?

Sieht so aus.

Dann ist es vorbei.

Sein Vater sagte nichts.

Was?

Nichts.

Papa.

Ich habe l?ngst gelernt, bei solchen Meldungen ein wenig zu warten.

Warum?

Weil der Krieg selten genau das tut, was man von ihm erwartet.

Matthias betrachtete wieder die Karte. Das Meer. Ein kleiner K?stenstreifen. Sehr viele Truppen. Er kannte nur das Gesamtbild. Nicht die Menschen.

Das Gesamtbild sah gro?artig aus.

Genau das bekam er zu sehen.

Zwei Wochen sp?ter schrieb Erich wieder. Diesmal war der Brief l?nger. Anna las ihn laut vor. Die ersten Zeilen waren gew?hnlich. Er lebte. Es ging ihm gut. Er war m?de. Sie marschierten viel. Schliefen wenig. Das Essen war mal besser, mal schlechter. Die F??e taten weh.

Dann kam der Satz:

Matthias will bestimmt wissen, ob ich inzwischen richtig geschossen habe. Ja. Habe ich.

Die Mutter hielt inne. Matthias sp?rte, wie sein Herz kr?ftiger schlug.

Karl sagte: Lies weiter.

Anna las:

Daran ist nichts Interessantes, also soll er keine Geschichten erwarten.

Matthias runzelte entt?uscht die Stirn. Danach schrieb Erich schon ?ber etwas anderes. ?ber eine Stra?e. Einen verlassenen Bauernhof. Eine Kuh, die niemand melken konnte, bis sich herausstellte, dass einer der M?nner aus Bayern Bauernsohn war. Dar?ber, wie sechs erwachsene M?nner um das Tier herumgestanden und Ratschl?ge gegeben hatten.

Anna l?chelte.

Matthias dachte noch immer an die beiden S?tze.

Ja. Habe ich.

Richtig.

Er wartete, bis der Brief zu Ende gelesen war.

Gib mal.

Anna reichte ihn ihm. Matthias fand die Stelle und las sie selbst. Dieselben Worte. Kein Satz mehr.

Warum schreibt er nichts?

Karl verstand sofort.

Wor?ber?

Na  was passiert ist.

Weil er nicht will.

Warum nicht?

Frag ihn.

Habe ich doch.

Dann hast du deine Antwort bekommen.

Das ist keine Antwort.

Karl sah seinen Sohn an. Manchmal ist auch die Weigerung, ?ber etwas zu sprechen, eine Antwort.

Matthias war anderer Meinung. Wenn jemand etwas Wichtiges erlebt hatte, warum sollte er es nicht erz?hlen? Vor allem seinem Bruder. Vor allem, wenn der Bruder es unbedingt wissen wollte. Es f?hlte sich beinahe unfair an.

Erich lie? ihn wieder drau?en stehen.

Im Juni kam die Nachricht von Paris. Matthias erfuhr es noch vor der Schule. Zeitungsjungen riefen auf der Stra?e. Die Leute kauften Sonderausgaben. Auf der Titelseite stand ein einziges Wort, das keiner Erkl?rung bedurfte.

PARIS.

Die letzten hundert Meter zur Schule rannte Matthias. Nicht weil er zu sp?t war. Er wollte der Erste sein, der es sagte.

Im Klassenzimmer wussten sie es l?ngst.

Heinz stand auf einer Bank.

Paris geh?rt uns!

Steig da runter, du Idiot.

Uns!

Kurt lachte. Sogar Fritz, der sonst immer ruhig war, grinste.

Herr Schulze kam herein. Heute r?gte er niemanden. Er sagte nur:

Setzt euch.

Alle nahmen Platz. Der Lehrer blieb einen Augenblick vor der Tafel stehen.

Es gibt Tage, an die ein Mensch sich sein ganzes Leben erinnert.

Matthias hielt den Atem an. Einen ?hnlichen Satz hatte er schon geh?rt. ?ber Polen. ?ber andere Ereignisse. Heute klang er ?berzeugend.

Paris. Paris selbst. Eine Stadt aus Schulb?chern und Romanen. Aus der Geschichte. Jetzt waren deutsche Soldaten dort. Vielleicht w?rde auch Erich in Paris einmarschieren. Vielleicht war er schon dort.

Der Gedanke machte es fast unm?glich, ruhig zu sitzen.

Nach dem Unterricht wurde die Gruppe auf dem Platz zusammengerufen. Kr?ger sprach ?ber den Sieg. Selbst er wirkte erregter als sonst.

Ihr erlebt Geschichte.

Matthias liebte diesen Satz.

Ihr erlebt Geschichte.

Genau das geschah. Nicht einfach Tage. Geschichte. Und er befand sich mitten darin. Vielleicht noch am Rand. Vielleicht noch zu jung. Aber er sah sie. Merkte sie sich. Nahm wenigstens dadurch teil, dass er zu diesem Volk geh?rte.

Frankreich kapitulierte schneller, als Matthias es sich hatte vorstellen k?nnen. Als der Waffenstillstand verk?ndet wurde, f?llte sich die Stadt wieder mit Fahnen. Auf dem Platz spielte eine Kapelle. Menschen gratulierten einander. Fremde M?nner sch?ttelten sich die H?nde. Frauen l?chelten. Die Zeitungen schrieben vom gr??ten Sieg. Herr Schulze erz?hlte, Deutschland habe die Dem?tigung der Vergangenheit ger?cht. Kr?ger sagte, die junge Generation m?sse sich diese Stunde einpr?gen.

Matthias pr?gte sie sich ein.

Gern.

Karl ging nicht zur Feier.

Warum?, fragte Matthias.

Ich will nicht.

Alle gehen.

Sein Vater sah ihn an. Matthias h?rte selbst das Wort.

Alle.

Karl sagte nichts. Das ?rgerte ihn nur noch mehr.

Erich hat doch auch gewonnen.

Ja.

Dann musst du dich freuen.

Ich freue mich, dass er lebt.

Nicht nur dar?ber.

Karl schwieg einen Augenblick.

Matthias, ist es dir wirklich so wichtig, dass ich genau das empfinde, was du f?r das Richtige h?ltst?

Der Junge war verunsichert.

Nein.

Dann geh.

Matthias ging mit seiner Mutter.

Auf dem Platz war es wunderbar. Musik. Fahnen. Ein warmer Sommerabend. Offene Fenster. Menschen Schulter an Schulter. Jemand hatte ein kleines Kind auf dem Arm. Neben ihnen wischte sich ein alter Mann ?ber die Augen.

Als die Menge zu singen begann, sang Matthias mit. Laut. So laut, bis seine eigene Stimme nicht mehr einzeln zu h?ren war.

Wie damals sein Schritt.

F?r einen Augenblick sp?rte er wieder diese vollkommene Gewissheit.

Wir haben gewonnen.

Einfache Worte.

Ohne jedes Vielleicht.

Drei Tage sp?ter kam ein Brief von Erich.

Er war nicht festlich. Nicht siegestrunken.

Anna las vor. Erich schrieb, ihm gehe es gut. Sie seien endlich zum Stehen gekommen. Alle seien v?llig ersch?pft. Manche schliefen fast einen ganzen Tag.

Dann kam ein Satz:

Vielleicht ist jetzt alles vorbei.

Matthias hob den Kopf.

Seine Mutter l?chelte. Wenn Gott will.

Karl sagte nichts.

Anna las weiter.

Wenn die Engl?nder das Offensichtliche einsehen, bin ich vielleicht bald wieder zu Hause.

Die Mutter dr?ckte den Brief an die Brust.

Siehst du?

Karl nickte. Ich sehe es.

Er kommt zur?ck.

Ich hoffe es.

Matthias sa? schweigend da.

Auch er wollte, dass Erich zur?ckkam. Sehr sogar. Er stellte sich vor, wie sein Bruder durch die T?r treten w?rde. In Uniform. Gebr?unt. Mit Geschichten. Vielleicht sogar mit einer Auszeichnung. Sie w?rden abends zusammensitzen. Matthias w?rde endlich alles fragen k?nnen.

Er musste sich freuen.

Und er freute sich.

Fast.

Doch der Satz Vielleicht ist jetzt alles vorbei blieb h?ngen.

Am Abend trat er an die Karte.

Frankreich geschlagen. Polen geschlagen. Die Niederlande hatten kapituliert. Belgien ebenfalls. Es blieb Gro?britannien. Matthias betrachtete die Insel. Klein. Vom Wasser getrennt.

Wenn auch sie aufgaben 

Er rechnete.

Er war elf. Bis vierzehn waren es fast drei Jahre. Bis achtzehn eine Ewigkeit.

Pl?tzlich sp?rte Matthias eine unangenehme Leere.

Der Krieg konnte enden.

Der echte, gro?e Krieg.

Jene Geschichte, ?ber die sp?ter B?cher geschrieben w?rden.

Erich hatte es rechtzeitig geschafft. Die M?nner aus ihrer Stadt hatten es geschafft. Kr?ger war alt genug, um im Notfall gehen zu k?nnen. Selbst die Jungen, die ein paar Jahre ?lter waren als Matthias, hatten es wenigstens noch geschafft, sich ernsthaft darauf vorzubereiten.

Und er?

M?rsche. Laufen. Karten. Uniform. Auftritte.

Er sah sein Spiegelbild in der Fensterscheibe.

Ein Junge.

Nur ein Junge.

Der Krieg brauchte ihn nicht.

Und wenn alles jetzt endete, w?rde er ihn niemals brauchen.

Der Gedanke war so falsch, dass Matthias vor sich selbst erschrak. Er trat hastig von der Karte zur?ck.

Was denkst du da?

Mama wartet auf Erich. Papa wartet. Alle Familien warten auf ihre M?nner. Die Menschen wollen Frieden. So ist es richtig. Er will ihn auch.

Nat?rlich.

Matthias legte sich ins Bett. Schloss die Augen. ?ffnete sie wenige Minuten sp?ter wieder.

Im Nebenzimmer sprachen seine Eltern. Seine Mutter sagte:

Wenn es diesen Sommer wirklich vorbei ist 

Ihre Stimme klang gl?cklich.

Stell dir vor. Dann kommt er zur?ck.

Karl antwortete leise. Matthias verstand die Worte nicht.

Anna noch einmal:

Gott, lass es nur endlich aufh?ren.

Matthias lag reglos da.

Er sch?mte sich schon, bevor er den Gedanken ganz zu Ende gedacht hatte. Denn er kam trotzdem. Er versuchte, ihn aufzuhalten. Es gelang ihm nicht.

Ganz kurz.

Fast ohne Worte.

Nur nicht jetzt.

Matthias drehte sich auf die andere Seite und presste das Kissen an sein Ohr.

Er w?rde es niemals jemandem erz?hlen.

Morgen w?rde er es nicht einmal sich selbst eingestehen.

Doch in jener Nacht, im Sommer 1940, f?rchtete sich der elfj?hrige Matthias Roth zum ersten Mal nicht einfach vor dem Krieg.

Er f?rchtete sich davor, dass er ohne ihn zu Ende gehen k?nnte.

Kapitel 9. Briefe

Nach dem Sieg ?ber Frankreich begann Matthias auf zwei Dinge zu warten. Auf Erichs Heimkehr. Und auf den n?chsten Brief.

Das erste erschien ihm wichtiger. Das zweite geschah h?ufiger.

Die Briefe kamen unregelm??ig. Manchmal zwei in einer Woche. Dann zehn Tage lang nichts. Dann gleichzeitig eine Postkarte und ein dicker Umschlag, als w?rde die Feldpost Erichs Worte irgendwo in einem Sack sammeln und sich nur von Zeit zu Zeit daran erinnern, dass sie zur Familie Roth gebracht werden mussten.

Anna lernte, die Feldpost schon von weitem zu erkennen. Der Brieftr?ger war noch nicht einmal am Haus, da stand sie bereits am Fenster.

Von ihm.

Manchmal irrte sie sich. Dann tat sie so, als h?tte sie nur nach dem Wetter gesehen. Matthias sagte nicht, dass er es bemerkte. Karl auch nicht.

Der erste Brief nach dem Frankreichfeldzug war fr?hlich. Zumindest am Anfang. Erich schrieb, sie l?gen jetzt in einer kleinen Stadt, deren Namen er nicht nennen d?rfe. Sie schliefen unter einem richtigen Dach, was inzwischen schon wie Luxus vorkomme. Einer der Kameraden habe irgendwo ein Fahrrad ohne Vorderradbremse aufgetrieben und es geschafft, damit geradewegs in eine Scheune zu fahren. Ein anderer versuche seit einer Woche Franz?sisch zu lernen und k?nne bislang nur Wein bestellen und sich bedanken.

Anna l?chelte.

Siehst du. Dann ist es dort ruhig.

Karl sa? ihr gegen?ber. Sieht so aus.

Nicht sieht so aus. Er schreibt es doch.

Er schreibt es.

Na also.

Sie las weiter. Danach schrieb Erich ?ber das Essen. Matthias begann sich zu langweilen.

Schon wieder Suppe.

Die Mutter hob den Blick. Wor?ber soll er denn schreiben?

Keine Ahnung.

Karl grinste. Doch.

Matthias schwieg. Er wusste es tats?chlich. Er wollte erfahren, was w?hrend des Vormarschs passiert war. Was Erich gesehen hatte. Wann er zum ersten Mal geschossen hatte. Ob Granaten in seiner N?he eingeschlagen waren. Ob er franz?sische Panzer gesehen hatte. Gefangene gemacht hatte.

Ein richtiger Krieg musste aus Ereignissen bestehen.

Erich entschied sich aus irgendeinem Grund f?r Suppe.

Anna las den Brief zu Ende. Matthias streckte die Hand aus.

Gib her.

Warte.

Du hast ihn doch gelesen.

Ich will noch einmal.

Mama.

Matthias.

Karl mischte sich ein. Gib ihn dem Jungen. Sonst gibt er sowieso keine Ruhe.

Anna reichte ihm den Brief. Matthias suchte die Seiten mit den Augen ab. Keine versteckte Fortsetzung. Keine nachtr?gliche Notiz. Nur ganz am Ende stand:

Matthias soll wissen, dass ein echter Soldat viel h?ufiger an trockene Socken denkt als an Ruhm. Das ist ein wichtiges milit?risches Geheimnis.

Matthias schnaubte.

Er macht sich lustig.

Karl nahm seine Tasse. Vielleicht bildet er dich weiter.

Sehr komisch.

Matthias nahm den Brief mit in sein Zimmer und legte ihn zu den anderen. Inzwischen hatte er eine eigene Schachtel daf?r. Auf den Deckel hatte er mit Bleistift geschrieben:

Erich. 1939

Den Strich lie? er offen.

Der Krieg ging schlie?lich weiter.

Im Juli sprach man von England. Matthias gew?hnte sich schnell an den neuen Namen des Krieges. Nun war eine Insel der Hauptgegner. In der Schule sprach man ?ber den englischen Starrsinn. Im Radio wurde erkl?rt, Gro?britannien setze den Kampf sinnlos fort. Die Zeitungen schrieben von einer baldigen Entscheidung.

Matthias breitete die Europakarte aus. Die Insel wirkte tats?chlich klein. Er betrachtete sie und fragte sich, wie lange sie noch durchhalten w?rden.

Eines Tages erwischte ihn sein Vater dabei.

Misst du den Krieg schon wieder mit dem Lineal?

Nein.

Was dann?

Ich schaue nur.

Karl setzte sich auf die Tischkante.

Und?

Was und?

Wie lange hat England noch?

Matthias h?rte den Spott.

Woher soll ich das wissen?

Schon besser.

Was ist besser?

Dass du es nicht wei?t.

Matthias seufzte.

Ist dir eigentlich egal, ob wir gewinnen?

Karl sah ihn an. Nein.

Warum freust du dich dann nie?

Doch, ich freue mich.

Wor?ber?

Wenn Erich schreibt.

Wieder die falsche Antwort.

Ich meine nicht ihn.

Ich schon.

Matthias wandte sich ab. Sein Vater schwieg einen Moment.

F?r dich sind wir haben gewonnen und Erich kommt lebend zur?ck noch beinahe dasselbe.

F?r dich nicht?

Schon lange nicht mehr.

Matthias wollte fragen, warum. Aber er kannte die Antwort. Der Vater w?rde wieder von seinem Krieg anfangen. Schlamm. Angst. Gro?e Worte. Matthias hatte diese Antworten satt. Er wollte wenigstens eine Sache einfach lassen.

Sieg war gut.

Warum konnte sein Vater nicht wenigstens das gelten lassen?

Im Sommer verbrachten die Jungvolkgruppen immer mehr Zeit drau?en. Matthias wurde kr?ftiger. Er lief schneller. Schaffte mehr Klimmz?ge. Beim Orientieren machte er kaum noch Fehler. Kr?ger ?bertrug ihm immer ?fter Verantwortung f?r die J?ngeren. Und immer seltener sprach er mit ihm wie mit einem Kind.

Man h?rte es schon am Ton.

Roth, ?berpr?f die Leute.

Nicht:

Matthias, hilf mal den Jungen.

Sondern:

Roth.

?berpr?fen. Melden. Darauf achten.

Jeder kurze Befehl gefiel Matthias. Darin steckte Vertrauen.

Nach einer ?bung behielt Kr?ger ihn einmal zur?ck.

Du w?chst schnell.

Matthias nahm automatisch die Schultern zur?ck. Ja.

Kr?ger l?chelte. Das war kein Lob. Nur eine Feststellung.

Matthias wurde verlegen. Wei? ich.

Wei?t du nicht.

Kr?ger schloss den Schrank mit der Ausr?stung.

Wie alt bist du inzwischen?

Elf.

Schon?

Im Juli geworden.

Dann nachtr?glich Gl?ckwunsch.

Danke.

Noch drei Jahre.

Matthias verstand sofort.

Bis zur Hitlerjugend.

Genau.

Drei Jahre. Fr?her hatte das unertr?glich lang geklungen. Jetzt nur noch lang.

Kann man nicht fr?her?

Kr?ger sah ihn an. Wohin hast du es eigentlich immer so eilig?

Matthias zuckte die Schultern. Wei? nicht.

Doch.

Ich will zu den ?lteren.

Wozu?

Matthias dachte nach. Weil den ?lteren mehr zugetraut wurde. Weil ihre ?bungen ernster waren. Wegen der Waffen. Weil der Krieg jetzt stattfand.

Den letzten Grund nannte er nicht.

Bei denen ist es interessanter.

Kr?ger schmunzelte. Das denken alle J?ngeren.

Ist es denn nicht so?

Manchmal.

Er nahm seine M?tze.

Aber Altersgrenzen gibt es nicht, um dich zu ?rgern.

Wei? ich.

Gut.

Sie gingen hinaus. Auf der Stra?e dachte Matthias trotzdem:

Drei Jahre.

Wenn der Krieg drei Jahre dauert 

Er brach den Gedanken sofort ab.

Nein.

Nicht.

Aber er war schon da gewesen.

Erich kam im August auf Urlaub. Ohne Ank?ndigung.

Matthias ?ffnete die T?r und erkannte ihn zuerst nicht. Nicht weil sein Bruder sich so stark ver?ndert h?tte. Er rechnete einfach nicht damit, ihn dort stehen zu sehen.

Auf dem Treppenabsatz stand ein Soldat. Staubige Uniform. Tasche ?ber der Schulter. Gebr?untes Gesicht.

Matthias starrte ihn eine Sekunde lang an.

Dann schrie er:

Erich!

Die Mutter kam aus der K?che gelaufen. Sie sah ihn und blieb stehen. Beide H?nde gingen vor den Mund.

Mein Gott.

Erich brachte nur heraus:

Hallo, Mama.

Dann umarmte sie ihn. Fest. Matthias sah, wie sein Bruder zuerst l?chelte und dann die Augen schloss.

Karl kam am Abend nach Hause. Auch er blieb in der T?r stehen. Einige Sekunden sahen die beiden M?nner einander nur an. Erich erhob sich.

Papa.

Karl trat zu ihm. Gab ihm die Hand. Dann nahm er ihn in die Arme.

Wie am Bahnhof.

Nur l?nger.

Matthias stand daneben und f?hlte sich pl?tzlich ?berfl?ssig. Dann streckte Erich ihm die Hand entgegen.

Na, General?

Statt einzuschlagen, umarmte Matthias ihn. Erich lachte.

Du bist gewachsen.

Ein bisschen.

Fast schon ein Mensch.

Das war ich vorher auch.

Dar?ber l?sst sich streiten.

Jetzt war alles wieder wie fr?her.

Fast.

Der erste Abend war laut. Die Mutter kochte. Karl holte Wein. Die Nachbarn kamen vorbei. Jeder wollte Erich sehen. Jeder hatte Fragen.

Warst du in Paris?

Ja.

Am Eiffelturm?

Nur von weitem.

Haben die Franzosen wirklich so schnell aufgegeben?

Manche.

Viele Panzer gesehen?

Nicht gez?hlt.

Und Engl?nder?

Gefangene.

Was f?r welche?

Erich antwortete knapp. L?chelte. Machte Scherze. Doch Matthias bemerkte: Je n?her eine Frage ans K?mpfen kam, desto k?rzer wurde die Antwort.

Herr Bremer fragte:

Und wie sind unsere vorw?rtsgekommen? Wirklich so schnell?

Schnell.

Man sagt, die Franzosen h?tten gar nicht gewusst, wie ihnen geschieht.

Erich nahm sein Glas. Einige wussten es.

Trotzdem  so einen Vormarsch hat die Welt noch nicht gesehen.

Vielleicht.

Matthias h?rte sofort das Wort seines Vaters.

Vielleicht.

Er sah zu Karl. Auch der hatte es bemerkt. Er sagte nichts.

Als die G?ste gegangen waren, wurde es still. Anna r?umte die Teller zusammen. Erich wollte helfen. Sie schob ihn weg.

Sitzen.

Ich kann doch.

Ich habe gesagt, du sollst sitzen.

Jawohl.

Matthias lachte. Ist es beim Milit?r genauso?

Schlimmer.

Er setzte sich und zog die Uniformjacke aus. Unter den Armen war das Hemd dunkel vor Schwei?. Die Mutter bemerkte es.

Du bist d?nner geworden.

Sagen alle.

Ich meine es ernst.

Ich auch.

Bekommst du nicht genug zu essen?

Mama.

Was?

Ich bin lebend nach Hause gekommen. Das reicht f?rs Erste.

Sie erstarrte. Nur f?r einen Augenblick. Dann r?umte sie weiter ab.

Matthias h?rte den Satz. Merkte ihn sich. Ganz verstand er ihn nicht.

F?rs Erste.

In der Nacht sa?en Erich und Matthias allein zusammen. Matthias hatte eigens gewartet, bis die Eltern im Bett waren. Seine Fragen hatte er seit Langem vorbereitet. Fast wie f?r ein Interview.

Erich sa? auf dem Fensterbrett und rauchte. Das Fenster stand offen. Warme Sommerluft kam herein.

Wei? Mama, dass du hier rauchst?

Jetzt wei? sie es.

Sie wird schimpfen.

Morgen.

Hast du auf einen Menschen geschossen?

Erich sah ihn an.

So. Ohne ?bergang.

Matthias merkte selbst, wie abrupt die Frage gekommen war. Zur?cknehmen konnte er sie nicht mehr.

Hast du nur deshalb gewartet, bis alle schlafen?

Nein.

Du l?gst.

Nicht nur deswegen.

Erich zog an der Zigarette und blies den Rauch aus dem Fenster.

Ja.

Matthias sp?rte, wie sich in ihm alles anspannte.

Und?

Was und?

Hast du getroffen?

Wei? ich nicht.

Matthias glaubte ihm nicht.

Wie kann man das nicht wissen?

Ganz einfach.

Du hast doch geschossen.

Sage ich doch.

Aber du hast es gesehen?

Erich blickte weg.

Manchmal.

Matthias r?ckte n?her.

Wann?

Matthias.

Was?

Lass es.

Du hast versprochen, zu erz?hlen.

Nicht alles.

Warum?

Weil eben.

Das ist keine Antwort.

Erich sah ihn direkt an.

Weil du ein Kind bist.

Die Worte trafen h?rter, als sie h?tten d?rfen.

Ich bin elf.

Eben.

Ich verstehe alles.

Nein.

Woher willst du das wissen?

Erich sprang pl?tzlich auf.

Weil ich auch geglaubt habe, ich w?rde alles verstehen!

Matthias verstummte.

Sein Bruder stand mitten im Zimmer. Die Zigarette in der Hand. Sein Gesicht wirkte pl?tzlich fremd. Nicht zornig. M?de. Das Gesicht eines sehr m?den Menschen.

Erich sah als Erster weg.

Entschuldige.

Matthias sagte nichts.

Erich dr?ckte die Zigarette aus.

Ich wollte dich nicht anschreien.

Ich habe doch nur gefragt.

Ich wei?.

Was ist daran schlimm?

Nichts.

Dann antworte.

Erich setzte sich wieder. Lange schwieg er.

Dann sagte er:

Wenn du schie?t, siehst du den Menschen nicht immer.

Matthias h?rte zu.

Manchmal nur die Stelle, an der er war.

Wie?

Weit weg.

Und wenn er nah ist?

Erich sah zum Fenster hinaus.

Das kommt auch vor.

Und dann?

Eine Pause.

Dann siehst du ihn.

Matthias wartete.

Was?

Alles.

Die Antwort entt?uschte ihn und machte ihm aus irgendeinem Grund Angst.

Hat man Angst?

Ja.

Beim ersten Mal?

Erich l?chelte ganz kurz.

Du glaubst immer noch, es g?be diesen ersten Moment, nach dem man ein anderer Mensch ist, oder?

Matthias verstand nicht ganz.

Na ja 

Wie im Kino?

Habe ich nicht gesagt.

Aber du denkst es.

Erich fuhr sich mit der Hand ?bers Gesicht.

Manchmal hat man beim ersten Mal Angst. Manchmal beim zehnten. Manchmal hat man ?berhaupt keine Angst, und hinterher ist genau das noch schlimmer.

Matthias schwieg. Mit dieser Antwort hatte er nicht gerechnet.

Warum schlimmer?

Erich antwortete nicht.

Warum?

Weil man sich an fast alles gew?hnen kann.

Er stand auf.

Und das ist nicht immer gut.

Damit war das Gespr?ch beendet.

Matthias blieb sitzen. Sp?ter legte er sich hin, konnte aber lange nicht schlafen. Ein Satz kreiste in seinem Kopf:

Man kann sich an fast alles gew?hnen.

Das klang ?berhaupt nicht wie Kr?ger. Und auch nicht wie sein Vater. Ganz anders.

Weil Erich nicht aus einem Buch sprach.

Am n?chsten Tag wirkte der Bruder wieder ganz normal. Er machte Scherze. Stritt mit der Mutter dar?ber, dass sie ihm zu viel auf den Teller legte. Reparierte sein Fahrrad. Half dem Vater an der T?r. Matthias beobachtete ihn und war beinahe bereit zu glauben, das Gespr?ch der vergangenen Nacht getr?umt zu haben.

Dann geschah eine Kleinigkeit.

Auf der Stra?e knallte der Auspuff eines Autos. Laut.

Erich duckte sich augenblicklich. Nicht stark. Nur ein wenig. Die Hand zuckte zum G?rtel, wo nichts war. Eine Sekunde sp?ter richtete er sich wieder auf.

Matthias hatte es gesehen.

Erich begriff ebenfalls, dass er es gesehen hatte.

Sie sahen einander an.

Was?

Nichts.

Glotz nicht.

Ich glotze nicht.

Doch.

Matthias wandte den Blick ab. Erich ging weiter.

Keiner der anderen hatte etwas bemerkt. Die Mutter lief ein St?ck voraus. Karl sprach mit einem Nachbarn.

Nur Matthias hatte gesehen, wie ein echter Soldat f?r einen Augenblick vor dem Knall eines Autos erschrak.

Das passte nicht in sein Bild.

Er beschloss, niemandem davon zu erz?hlen.

In den restlichen Urlaubstagen fragte Matthias kaum noch nach dem K?mpfen. Nicht weil sein Interesse nachgelassen h?tte. Im Gegenteil. Er hatte nun noch mehr Fragen. Aber jede davon f?hlte sich gef?hrlich an.

Erich erz?hlte von sich aus. Manchmal.

Von einer Stra?e, auf der sie zwei Tage lang marschiert waren. Vom Regen. Von Stiefeln. Von Kreuzungen, die mit Fahrzeugen verstopft waren. Von einem Pferd, das sie von der Stra?e ziehen mussten. Von einem alten Franzosen, der vor seinem zerst?rten Haus gestanden und immer denselben Satz wiederholt hatte.

Welchen?

Wei? ich nicht mehr.

Auf Franz?sisch?

Ja.

Was hat er bedeutet?

Keine Ahnung.

Warum erz?hlst du es dann?

Erich zuckte die Schultern.

Weil ich mich an ihn erinnere.

Matthias wunderte sich. Von diesem ganzen Krieg erinnerte sich sein Bruder an einen unbekannten alten Mann, dessen Worte er nicht einmal verstanden hatte.

Er wartete auf eine Fortsetzung.

Erich erz?hlte nicht weiter.

Eines Tages holte Matthias die Karte heraus.

Zeig mir, wo ihr lang seid.

Erich weigerte sich zuerst. Dann kam er doch heran.

Ungef?hr.

Er fuhr mit dem Finger ?ber das Papier. Nicht entlang der roten Pfeile. Etwas daneben.

Hier.

Und dann?

Hierhin.

War hier eine Schlacht?

Ja.

Matthias wurde sofort lebhafter. Erich sah es und nahm die Hand von der Karte.

Was?

Nichts.

Zeig weiter.

Will ich nicht.

Warum?

Weil das f?r dich sofort wieder zum Spiel wird.

Matthias wurde rot.

Stimmt nicht.

Doch.

Ich will nur wissen.

Was willst du wissen?

Wo du warst.

Erich sah ihn an.

Das ist eine gute Frage.

Er trat wieder an die Karte und zeigte weiter. Diesmal langsamer. Er sprach nicht ?ber Operationen. Nur ?ber Namen. Stra?en. Fl?sse. W?lder. St?dte.

Hier hatten sie im Regen geschlafen.

Hier hatte sich einer das Bein gebrochen.

Hier gab es kein Wasser.

Hier hatten sie zwei M?nner begraben.

Hier hatten sie zum ersten Mal wieder richtig gegessen.

Hier hatte Erich das Meer gesehen.

Matthias h?rte zu.

Und nach und nach ver?nderte sich die Karte.

Auf einer Karte konnte nicht nur eine Armee existieren.

Auch ein Mensch konnte darin vorkommen.

Am letzten Abend des Urlaubs sa?en Karl und Erich in der K?che. Matthias ging am Flur vorbei und h?rte ihre Stimmen. Er blieb stehen. Nicht absichtlich. Wie immer.

England gibt nicht auf, sagte Erich.

Karl antwortete: Glaube ich auch nicht.

Dann geht es weiter.

Ja.

Mama glaubt, ich bin bald wieder da.

Lass sie.

Und wenn nicht?

Karl schwieg lange.

Dann warten wir.

Noch ein paar Jahre h?lt sie das nicht aus.

Menschen halten mehr aus, als sie glauben.

Erich lachte leise.

Du redest immer wie ein alter Mann.

Danke.

Eine Pause. Dann sagte Erich:

Fr?her dachte ich, du w?rdest einfach nur meckern.

Wor?ber?

?ber den Krieg.

Und jetzt?

Matthias hielt unwillk?rlich den Atem an.

Jetzt wei? ich es nicht.

Karl fragte: Was genau?

Nichts wei? ich.

Matthias runzelte die Stirn. Schon wieder. Ein erwachsener Mann. Ein Soldat. Und er sagte: Ich wei? es nicht.

Fr?her war es einfacher, fuhr Erich fort. Uns wurde alles erkl?rt.

Und jetzt?

Jetzt wird uns noch mehr erkl?rt.

Karl sagte nichts.

Erich f?gte hinzu:

Nur je mehr sie erkl?ren, desto weniger verstehe ich.

Matthias ging von der T?r weg.

Er wollte nicht weiter zuh?ren.

Am Bahnhof hielt die Mutter sich tapfer. Diesmal weinte sie fast gar nicht. Vielleicht hatte sie es gelernt. Vielleicht halfen die Tr?nen ohnehin nicht mehr.

Erich trug wieder Uniform. Tasche. Koppel. M?tze.

Matthias sah ihn nun anders an. Fr?her hatte die Uniform den Menschen darunter verborgen und gr??er gemacht. Jetzt wusste Matthias, was darunter war. Aufgeriebene F??e. M?digkeit. Angst. Ein Mensch, der manchmal vor einem Fehlz?nden im Auspuff zusammenzuckte.

Und seltsamerweise machte das Erich f?r ihn nicht kleiner.

Im Gegenteil.

Die Wirklichkeit war komplizierter geworden, aber wichtiger.

Kurz vor dem Einsteigen legte Erich Matthias eine Hand auf die Schulter.

Na?

Was?

Keine Fragen?

Matthias grinste. Doch.

Wusste ich's doch.

Viele.

Umso schlimmer.

Sp?ter.

Erich sah leicht ?berrascht aus.

Du wirst vern?nftig.

Ich war schon immer vern?nftig.

?bertreib nicht.

Matthias wollte fragen: Hast du Angst, wieder hinzum?ssen?

Er fragte nicht.

Stattdessen sagte er:

Schreib.

Mach ich.

Nicht nur an Mama.

Der Brief ist f?r alle.

Dann ein paar Zeilen extra f?r mich.

Gut.

Versprochen?

Erich l?chelte.

Schon wieder deine Versprechen.

Versprich es.

Er nickte. Versprochen.

Der Zug nahm ihn mit.

Matthias blieb auf dem Bahnsteig stehen. Diesmal lief er nicht hinterher. Er sah dem Zug nach. Bis zum letzten Wagen.

Dann ging er nach Hause.

Im Herbst ver?nderten sich die Briefe. Matthias bemerkte es zun?chst nicht. Erich schrieb weniger ?ber Ereignisse. Mehr ?ber Zeit.




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   ,     (https://www.litres.ru/book/aksel-pantser-34076339/ich-hatte-angst-der-krieg-konnte-zu-ende-gehen-74663713/)  .

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