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Bei dieser Arbeit erhebt sich bei uns die skeptische Frage, ob wir in der Deutung von Erinnerungen und ihres Zusammenhangs mit dem Lebensstil angesichts der Vieldeutigkeit einzelner Ausdrucksformen nicht leicht fehlgehen können. Freilich, wer die Individualpsychologie mit rechter Künstlerschaft betreibt, dem versagen sich die Nuancen nicht. Aber auch er wird trachten, Irrtümer aller Art auszuschalten. Der Möglichkeiten gibt es genug. Hat er in der Erinnerung eines Individuums das wirkliche Bewegungsgesetz desselben gefunden, dann muß er das gleiche Bewegungsgesetz in allen anderen Ausdrucksformen wieder finden. Soweit es sich um die Behandlung von Fehlschlägen aller Art handelt, wird er so viele Bestätigungen nachweisen müssen, bis auch der Patient von der Richtigkeit des Nachweises überzeugt ist. Der Arzt selbst wird je nach seiner Eigenart bald früher bald später überzeugt sein. Es gibt aber kein anderes Maß, an dem er die Irrtümer, Symptome und den irrtümlichen Lebensgang eines Menschen messen könnte als das ausreichende Maß eines richtigen Gemeinschaftsgefühls.
Wir sind nun imstande, natürlich mit allergrößter Vorsicht und der größten Erfahrung ausgestattet, die fehlerhafte Richtung des Lebensweges, den Mangel an Gemeinschaftsgefühl, oder auch das Gegenteil, zumeist aus den ältesten Erinnerungen herauszufinden. Uns leitet da besonders unsere Kenntnis vom Mangel an Gemeinschaftsgefühl, von dessen Ursachen und dessen Folgen. Vieles leuchtet hervor aus der Darstellung in einer Wir- oder Ich-Situation. Vieles auch aus der Erwähnung der Mutter. Die Mitteilung von Gefahren oder Unfällen, auch von Züchtigungen und Strafen, deckt die übergroße Neigung auf, das Feindliche des Lebens besonders im Auge zu behalten. Die Erinnerung an die Geburt eines Geschwisters deckt die Situation der Entthronung auf, die an den ersten Besuch im Kindergarten oder in der Schule den großen Eindruck anläßlich neuer Situationen. Die Erinnerung an Krankheit und Tod ist oft mit der Furcht davor, öfters mit Versuchen verknüpft, etwa als Arzt oder als Pflegeperson oder ähnlich diesen Gefahren besser gewappnet entgegenzutreten. Erinnerungen an den Landaufenthalt mit der Mutter zeigen oft, ebenso wie Erwähnungen bestimmter Personen wie Mutter, Vater, Großeltern in einer freundlichen Atmosphäre, nicht nur den Vorzug dieser, offenbar verwöhnenden Personen, sondern auch den Ausschluß anderer. Erinnerungen an begangene Untaten, Diebstähle, sexuelle Vorkommnisse weisen gewöhnlich auf die große Anstrengung hin, sie weiterhin aus dem Erleben auszuschalten. Gelegentlich erfährt man auch andere Neigungen, die, wie eine visuelle, akustische, motorische Neigung, recht gut zur Aufdeckung von Schulmißerfolgen und fehlerhafter Berufswahl sowie zur Anweisung eines Berufs Anlaß geben können, der der besseren Vorbereitung fürs Leben besser entspricht.
Einige Beispiele mögen den Zusammenhang ältester Erinnerungen mit dem dauernden Lebensplan zu zeigen versuchen.
Ein etwa 32jähriger Mann, der älteste, verwöhnte Sohn einer Witwe, zeigt sich in jedem Beruf ungeeignet, weil er gleich im Beginne an schweren Angsterscheinungen erkrankt, die sich sofort bessern, wenn man ihn nach Hause bringt. Er ist ein gutmütiger Mensch, der sich aber schwer an andere anschließt. In der Schule zeigte er sich stets vor jeder Prüfung maßlos aufgeregt und blieb oft der Schule fern unter Hinweis auf Müdigkeit und Erschöpfung. Seine Mutter sorgte für ihn in der liebevollsten Weise. Da er nur für diese mütterliche Sorgfalt richtig vorbereitet war, konnte man schon daraus sein Ziel der Überlegenheit erraten, soweit als möglich allen Lebensfragen auszuweichen und damit auch jedem Fehlschlag. Bei der Mutter gab es keinen solchen. Daß er bei seiner Methode blieb, sich in die Obhut der Mutter zu begeben, verlieh ihm das Gepräge eines infantilen Menschen, ohne daß man ihn als körperlich infantil hätte bezeichnen können. Seine seit Kindheit erprobten Mittel des Rückzugs zur Mutter erfuhren eine namhafte Verstärkung, als ihn das erste Mädchen, zu dem er eine Zuneigung gefaßt hatte, abwies. Der Schock, der ihn bei diesem »exogenen« Ereignis überfiel, verstärkte seinen Rückzug, so daß er nirgends mehr Ruhe fand als bei seiner Mutter. Seine älteste Kindheitserinnerung lautete: »Als ich etwa vier Jahre alt war, saß ich am Fenster, während meine Mutter Strümpfe strickte, und beobachtete die Arbeiter, die gegenüber ein Haus bauten.«
Man wird sagen: ziemlich belanglos. Durchaus nicht. Seine Auswahl der ersten Erinnerung � ob es die älteste ist oder nicht, tut nichts zur Sache � beweist uns, daß ihn dabei irgendein Interesse gelenkt haben muß. Die Aktion seiner Gedächtnistätigkeit, geleitet durch den Lebensstil, greift eine Begebenheit heraus, die mit Stärke seine Eigenart verrät. Daß es eine Situation bei der vorsorglichen Mutter ist, zeigt uns das verwöhnte Kind. Aber noch ein Wichtiges verrät er uns. Er schaut zu, wie die anderen arbeiten. Seine Vorbereitung fürs Leben ist die eines Zuschauers. Er hat wenig anderes. Versucht er sich anderswo, so sieht er sich wie vor einem Abgrund und tritt unter der Wirkung eines Schocks � Furcht vor der Tatsache der Wertlosigkeit � den Rückzug an. Läßt man ihn zu Hause bei seiner Mutter, läßt man ihn zuschauen, wie die anderen arbeiten, so scheint ihm nichts zu fehlen. Seine Bewegungslinie zielt auf die Beherrschung der Mutter als das einzige Ziel seiner Überlegenheit. Leider gibt es nur wenig Aussichten für einen Zuschauer des Lebens. Nichtsdestoweniger wird man nach Heilung eines solchen Patienten nach einer Beschäftigung Ausschau halten, in der er seine bessere Vorbereitung im Schauen und Betrachten verwerten kann. Da wir es besser verstehen als der Patient, so müssen wir aktiv eingreifen, soweit, um zu verstehen zu geben: Du kannst ja wohl in jedem Beruf vorwärts kommen, aber wenn du deine bessere Vorbereitung ausnützen willst, so suche einen Beruf, in dem das Betrachten im Vordergrund steht. Er nahm erfolgreich einen Handel mit Kunstgegenständen auf.
Freud beschreibt in verzerrter Nomenklatur stets die Fehlschläge verwöhnter Kinder, ohne auf dieses Geheimnis gekommen zu sein. Das verwöhnte Kind will alles haben, läßt sich nur schwer herbei, die durch die Evolution befestigten normalen Funktionen auszuführen, begehrt die Mutter »in seinem Ödipuskomplex« (wenn auch übertrieben, so doch im seltenen Einzelfall begreiflich, weil das verwöhnte Kind jede andere Person ablehnt). Es hat später allerlei Schwierigkeiten (nicht wegen der Verdrängung des Ödipuskomplexes, sondern wegen der Schockwirkung vor anderen Situationen) und kommt in Ekstase, sogar zu Mordgelüsten gegenüber Personen, die sich seinen Wünschen entgegenstellen. Wie deutlich zu sehen, sind dies Kunstprodukte verfehlter, verwöhnender Erziehung, für ein Verständnis des Seelenlebens nur zu verwenden, wenn man die Folgen der Verwöhnung kennt und berücksichtigt. Sexualität aber ist eine Aufgabe für zwei Personen und kann nur richtig ausgeübt werden, wenn ein genügendes Maß von Gemeinschaftsgefühl vorhanden ist, das den verwöhnten Kindern abgeht. In krasser Verallgemeinerung ist Freud nun gezwungen, die künstlich genährten Wünsche, Phantasien und Symptome sowie deren Bekämpfung durch den verbliebenen Rest des Gemeinschaftsgefühls in angeborene sadistische Triebe zu verlegen, die wie wir sehen, später erst, als Folgen der Verwöhnung, dem Kinde künstlich aufgezüchtet werden. Daß der erste Akt des neugeborenen Kindes, das Trinken an der Mutterbrust, Kooperation ist � und nicht, wie Freud zugunsten seiner vorgefaßten Theorie glaubt, Kannibalismus, ein Zeugnis für den angeborenen sadistischen Trieb -, daß dieser Akt der Mutter ebenso zugute kommt wie dem Kinde, ist hiermit leicht verständlich. Die große Mannigfaltigkeit in den Lebensformen der Menschen verschwindet in der Dunkelheit der Freudschen Auffassung.
Ein weiteres Beispiel soll die Brauchbarkeit unseres Verständnisses der ältesten Kindheitserinnerungen aufweisen. Ein 18jähriges Mädchen lebt in stetem Zank mit seinen Eltern. Man will sie studieren lassen, da sie sehr gute Schulerfolge aufweist. Sie weigert sich, wie sich herausstellt, weil sie Mißerfolge fürchtet, die darauf begründet sind, daß sie nicht die erste in ihrem Schulexamen war. Ihre älteste Kindheitserinnerung war folgende: Sie hatte auf einem Kinderfest, als sie vier Jahre alt war, einen riesigen Kinderball in der Hand eines anderen Kindes gesehen. Als sehr verwöhntes Kind setzte sie alles daran, auch einen solchen Ball zu erhalten. Ihr Vater lief in der ganzen Stadt umher, einen solchen zu finden, aber es gelang ihm nicht. Einen kleineren Ball wies das Mädchen unter Schreien und Weinen zurück. Erst als ihr der Vater erklärte, wie seine ganze Mühe umsonst war, beruhigte sie sich und nahm den kleineren Ball. Ich konnte aus dieser Erinnerung schließen, daß dieses Mädchen freundlichen Erklärungen zugänglich sei; man konnte sie von ihrer ehrgeizigen Selbstsucht überzeugen, und man hatte Erfolg.
Wie dunkel oft die Wege des Schicksals sind, zeigt folgender Fall: Ein 42jähriger Mann wird nach langjähriger Ehe mit einer um zehn Jahre älteren Frau impotent. Seit zwei Jahren spricht er kaum mit seinem Weibe und mit seinen zwei Kindern. Vorher einigermaßen erfolgreich in seinem Beruf, vernachlässigt er seither sein Geschäft und bringt die Familie in eine klägliche Lage. Er war der Liebling seiner Mutter und sehr verwöhnt. Als er drei Jahre alt war, kam eine Schwester. Kurz nachher � die Ankunft der Schwester ist seine älteste Erinnerung � begann er das Bett zu nässen. Auch hatte er schreckhafte Träume in seiner Kindheit, wie wir es bei verwöhnten Kindern oft finden. Keine Frage, daß Bettnässen und Angst aus seinen Versuchen stammten, seine Entthronung rückgängig zu machen, wobei wir nicht übersehen wollen, daß das Bettnässen auch der Ausdruck einer Anklage, mehr vielleicht, ein Ak t der Rache gegen seine Mutter war. In der Schule war er ein hervorragend gutes Kind. Er erinnert sich nur ein einziges Mal in eine Rauferei mit einem anderen Knaben, der ihn beleidigt hatte, verwickelt gewesen zu sein. Der Lehrer gab seiner Verwunderung Ausdruck, wie solch ein guter Knabe sich hinreißen lassen konnte.
Wir können verstehen, daß er auf ausschließliche Anerkennung trainiert hatte und sein Ziel der Überlegenheit darin sah, anderen vorgezogen zu werden. Geschah dies nicht, griff er zu Mitteln, die teils Anklage, teils Rache bedeuteten, ohne daß diese Motivation ihm oder anderen klar wurde. In sein egoistisch gefärbtes Ziel der Vollkommenheit war ein großer Anteil eingeflossen, nach außen hin nicht als böse zu erscheinen. Wie er selbst hervorhob, hatte er das ältere Mädchen geheiratet, weil sie ihm wie seine Mutter entgegenkam. Als sie nun über fünfzig Jahre alt war und mehr in der Pflege der Kinder aufging, brach er die Verbindung mit ihnen allen in scheinbar nicht aggressiver Weise ab. In diesen Abbruch war auch seine Impotenz als Organsprache miteinbezogen. Man hätte in seinen Kinderjahren bereits erwarten können, daß er bei Verlust der Verwöhnung, wie damals, als die Schwester kam, seine wenig deutliche, aber deutlich wirkende Anklage immer wieder erheben würde.
Ein 30jähriger Mann, der ältere von zwei Kindern, hatte wegen gehäufter Diebstähle eine längere Kerkerstrafe verbüßt. Seine ältesten Erinnerungen stammen aus dem dritten Lebensjahr, aus der Zeit kurz nach der Ankunft des jüngeren Bruders. Sie lauteten: »Meine Mutter hat immer den Bruder vorgezogen. Ich lief schon als kleines Kind immer von Hause weg. Gelegentlich, wenn mich der Hunger trieb, verübte ich kleine Diebstähle in und außer dem Hause. Meine Mutter strafte mich in der grausamsten Weise. Ich lief aber immer wieder davon. In der Schule war ich bis zum 14. Jahre ein mittelmäßiger Schüler, wollte aber nicht weiter lernen und streifte allein auf den Straßen herum. Das Haus war mir verleidet. Ich hatte keinen Freund und habe nie ein Mädchen gefunden, das mich geliebt hätte, wonach ich mich immer sehnte. Ich wollte Tanzlokale besuchen, um Bekanntschaften zu machen, hatte aber kein Geld. Da stahl ich ein Auto und verkaufte es zu billigem Preis. Von dieser Zeit an begannen meine Diebstähle ein größeres Format anzunehmen, bis ich ins Gefängnis kam. Vielleicht hätte ich eine andere Laufbahn eingeschlagen, wenn mir das Haus nicht verleidet gewesen wäre, wo ich immer nur Schimpfe bekam. Meine Diebstähle aber wurden dadurch gefördert, daß ich in die Hände eines Hehlers geriet, der mich zu den Diebstählen aneiferte.«
Ich habe darauf aufmerksam gemacht, daß man in der Kindheit von Straffälligen fast in der Mehrheit der Fälle ehemals verwöhnte oder nach Verwöhnung suchende Kinder findet. Und was ebenso wichtig ist, daß man schon in ihrer Kindheit eine stärkere Aktivität wahrnehmen kann, die aber nicht mit Mut zu verwechseln ist. Daß die Mutter fähig war, ein Kind zu verwöhnen, zeigte sie an; ihrem zweiten Sohn. Aus der erbitterten Haltung dieses Mannes nach Ankunft des jüngeren Bruders können wir schließen, daß auch er vorher Verwöhnung erlebt hatte. Sein weiteres Schicksal stammte aus seiner erbitterten Anklage gegen die Mutter und aus jener Aktivität, für die er, mangels eines Gemeinschaftsgefühls zureichenden Grades � keine Freunde, kein Beruf, keine Liebe � keine andere Verwendung fand als im Verbrechen. Daß man mit einer Anschauung, als ob das Verbrechen Selbstbestrafung sei, verknüpft mit dem Wunsch, ins Gefängnis zu kommen, vor die Öffentlichkeit treten kann, wie dies neuerlich gewisse Psychiater tun, verrät doch eigentlich einen Mangel an geistigem Schamgefühl, insbesondere, wenn es verbunden ist mit einer offenen Verhöhnung des Common sense und mit beleidigenden Ausfällen gegen unsere tief begründeten Erfahrungen. Ob die Entstehung solcher Anschauungen nicht aus dem Geist verwöhnter Kinder geboren ist und auf den Geist verwöhnter Kinder im Publikum zurückwirkt, überlasse ich dem Leser zur Entscheidung.
13. Gemeinschaftshindernde Kindheitssituationen und deren Behebung
Inhaltsverzeichnis
Man wird bei der Suche nach veranlassenden und verlockenden Situationen in der Kindheit schließlich immer auf jene schweren Probleme stoßen, die ich schon vorher als die bedeutsamsten genannt habe, die geeignet sind, die Entfaltung des Gemeinschaftsgefühls zu erschweren und deshalb auch außerordentlich häufig zu hindern: auf Verwöhnung, angeborene Organminderwertigkeiten und Vernachlässigung. Die Einwirkungen dieser Faktoren sind nicht nur ihrer Ausdehnung und ihres Grades wegen verschieden, auch nicht nur ihrer Dauer, des Beginns und Endes ihrer Wirksamkeit, sondern hauptsächlich der nahezu unausrechenbaren Erregung und Beantwortung wegen, die sie in dem Kinde erzeugen. Die Stellung des Kindes zu diesen Faktoren hängt nicht allein von »trial and error« (Versuch und Irrtum) des Kindes ab, sondern viel mehr noch, wie sich nachweisen läßt, von der Wachstumsenergie des Kindes, seiner schöpferischen Kraft als eines Teiles des Lebensprozesses, deren Entfaltung in unserer, das Kind bedrängenden und fördernden Kultur ebenfalls nahezu unausrechenbar und nur aus den Erfolgen zu entnehmen ist. Will man hier vermutungsweise weitergehen, so hätte man eine Unzahl von Tatsachen ins Auge zu fassen, familiäre Eigenheiten, Licht, Luft, Jahreszeit, Wärme, Lärm, Kontakt mit Personen, die besser oder schlechter geeignet sind, Klima, Bodenbeschaffenheit, Nahrung, das endokrine System, Muskulatur, Tempo der Organentwicklung, embryonales Stadium und noch vieles andere, wie die Handreichungen und Pflege der betreuenden Personen. In dieser verwirrenden Fülle der Tatsachen wird man bald fördernde, bald benachteiligende Faktoren anzunehmen geneigt sein. Wir wollen uns damit begnügen, mit großer Vorsicht statistische Wahrscheinlichkeiten ins Auge zu fassen, ohne die Möglichkeit differierender Resultate zu leugnen. Viel sicherer ist der Weg der Beobachtung der Ergebnisse, zu deren Abänderung große Möglichkeiten vorhanden sind. Die dabei zutage tretende schöpferische Kraft wird sich in einer kleineren oder größeren Aktivität des Körpers und des Geistes hinreichend feststellen lassen.
Aber es kann nicht übersehen werden, daß die Neigung zur Kooperation vom ersten Tage an herausgefordert ist. Die ungeheure Bedeutung der Mutter in dieser Hinsicht tritt klar hervor. Sie steht an der Schwelle der Entwicklung des Gemeinschaftsgefühls. Das biologische Erbe des menschlichen Gemeinschaftsgefühls wartet auf ihre Pflege. In kleinen Handreichungen, beim Bade, in allen Darbietungen, die das hilflose Kind benötigt, kann sie den Kontakt des Kindes verstärken oder hemmen. Ihre Beziehung zu dem Kinde, ihr Verständnis und ihre Geschicklichkeit sind maßgebende Mittel. Wir wollen nicht übersehen, daß auch in dieser Hinsicht die menschliche Evolutionshöhe den Ausgleich schaffen und daß das Kind selbst sich über die vorhandenen Hindernisse hinaus den Kontakt durch Schreien und Widerspenstigkeit erzwingen kann. Denn auch in der Mutter wirkt und lebt der biologische Erwerb der Mutterliebe, eines unbesiegbaren Anteils des Gemeinschaftsgefühls. Er kann durch widrige Umstände, durch übergroße Sorgen, durch Enttäuschungen, durch Krankheit und Leiden, durch auffallenden Mangel an Gemeinschaftsgefühl und seine Folgen brachgelegt sein. Aber der evolutionäre Erwerb der Mutterliebe ist gemeiniglich so stark bei Tieren und bei Menschen, daß er leicht den Nahrungstrieb und den Sexualtrieb überwindet. Man darf wohl feststellen, daß die Bedeutung des mütterlichen Kontakts für die Entwicklung des menschlichen Gemeinschaftsgefühls von allergrößter Bedeutung ist. Ein Verzicht auf diesen übermächtigen Hebel der Entwicklung der Menschheit würde uns in die größte Verlegenheit bringen, einen halbwegs zureichenden Ersatz zu finden, ganz abgesehen davon, daß sich das mütterliche Kontaktgefühl als ein unverlierbarer Besitz der Evolution mit Unerbittlichkeit gegen eine Zerstörung zur Wehr setzen würde. Wahrscheinlich verdanken wir dem mütterlichen Kontaktgefühl den größten Teil des menschlichen Gemeinschaftsgefühls, und damit auch den wesentlichen Bestand der menschlichen Kultur. Freilich genügt die gegenwärtige Auswirkung der Mutterliebe heute oft nicht der Not der Gemeinschaft. Eine ferne Zukunft wird den Gebrauch dieses Besitzes dem Gemeinschaftsideal viel mehr anzugleichen haben. Denn häufig ist der Kontakt zwischen Mutter und Kind zu schwach, noch häufiger zu stark. Im ersteren Falle kann das Kind vom Beginne seines Lebens den Eindruck der Feindlichkeit des Lebens bekommen und durch weitere Erfahrungen ähnlicher Art diese Meinung zur Richtschnur seines Lebens machen.
Wie ich oft genug gesehen habe, genügt da auch der bessere Kontakt mit dem Vater, mit den Großeltern nicht, diesen Mangel auszugleichen. Man kann im allgemeinen feststellen, daß der bessere Kontakt eines Kindes mit dem Vater den Fehlschlag der Mutter erweist, nahezu immer eine zweite Phase im Leben eines Kindes bedeutet, das an der Mutter � mit Recht oder Unrecht � eine Enttäuschung erlebt hat. Daß man häufig bei Mädchen den stärkeren Kontakt zum Vater, bei Knaben zur Mutter findet, kann nicht auf die Sexualität bezogen werden, sondern muß auf die obige Feststellung hin geprüft werden, wobei zweierlei sich zeigen wird: daß Väter den Mädchen gegenüber häufig zart auftreten, wie sie es Mädchen und Frauen gegenüber gewöhnt sind, und daß Mädchen wie Knaben in spielerischer Vorbereitung für ihr künftiges Leben wie auch in Spielen überhaupt diese Vorbereitung auch dem andersgeschlechtlichen Elternteil gegenüber zeigen. Daß da gelegentlich auch der Sexualtrieb hineinspielt, freilich selten in der übertriebenen Art, wie Freud es darstellt, habe ich nur bei sehr verwöhnten Kindern gesehen, die ihre ganze Entwicklung innerhalb der Familie durchführen wollen, oder noch mehr, imausschließlichen Bunde mit einer einzigen, verwöhnenden Person. Was der Mutter entwicklungsgeschichtlich und sozial als Aufgabe obliegt, ist, das Kind so früh als möglich zum Mitarbeiter, zum Mitmenschen zu machen, der gerne hilft und sich gerne, soweit seine Kräfte nicht ausreichen, helfen läßt. Man könnte über das »wohltemperierte Kind« Bände schreiben. Hier muß es genügen, darauf hinzuweisen, daß sich das Kind als gleichberechtigter Partner im Hause mit wachsendem Interesse an Vater und Geschwistern, bald auch an allen Personen seiner Umgebung, fühlen soll. So wird es frühzeitig nicht mehr eine Last, sondern ein Mitspieler sein. Es wird sich bald heimisch fühlen und jenen Mut und jene Zuversicht entwickeln, die ihm aus seinem Kontakt mit der Umgebung erwachsen. Störungen, die es verursacht, sei es in beabsichtigten oder unbeabsichtigten Fehlern seiner Funktionen, Bettnässen, Stuhlverhaltungen, Eßschwierigkeiten ohne krankhafte Ursache, werden ihm selbst eine lösbare Aufgabe sein, wie auch seiner Umgebung, ganz abgesehen davon, daß sie nie in Erscheinung treten werden, wenn seine Neigung zur Kooperation genügend groß ist. Dasselbe gilt vom Daumenlutschen und vom Nägelbeißen, vom Nasenbohren und vom Verschlingen großer Bissen. Alle diese Erscheinungen treten nur auf, wenn das Kind das Mitgehen, die Aufnahme der Kultur verweigert, und zeigen sich fast ausschließlich bei verwöhnten Kindern, die so die Umgebung zu erhöhter Leistung, zu Fleißaufgaben zwingen wollen, und sind immer auch mit Trotz, offen oder heimlich, verbunden, deutlichen Zeichen eines mangelhaften Gemeinschaftsgefühls. Ich habe seit langer Zeit auf diese Tatsachen hingewiesen. Wenn Freud heute die Grundlage seiner Lehre, die Allsexualität, zu mildern trachtet, so haben an dieser Korrektur die individualpsychologischen Erfahrungen wohl den größten Anteil. Die viel jüngere Anschauung Charlotte Bühlers bezüglich eines »normalen« Trotzstadiums des Kindes müssen wohl richtig auf unsere Erfahrungen reduziert werden. Daß die Kinderfehler mit Charakterzügen wie Trotz, Eifersucht, Eigenliebe, Mangel an Gemeinschaftsgefühl, selbstischem Ehrgeiz, Rachsucht usw. verknüpft sind, sie das eine Mal mehr, das andere Mal weniger deutlich zeigen, geht aus der oben geschilderten Struktur hervor, bestätigt auch unsere Auffassung des Charakters als einer Leitlinie zum Ziel der Überlegenheit, als einer Spiegelung des Lebensstils und als einer sozialen Stellungnahme, die nicht angeboren ist, sondern gleichzeitig mit dem vom Kinde geschaffenen Bewegungsgesetz fertiggestellt wird. An den wahrscheinlich kleinen Freuden wie Stuhlverhaltung, Daumenlutschen, kindlichen Spielen am Genitale usw. festzuhalten, die vielleicht gelegentlich durch ein stärkeres, zum Verschwinden bestimmtes Kitzelgefühl eingeleitet werden, zeigt sich die Eigenart verwöhnter Kinder, die sich keinen Wunsch und keinen Genuß versagen können.
Eine weitere gefährliche Ecke für die Entwicklung des Gemeinschaftsgefühls bildet die Persönlichkeit des Vaters. Die Mutter darf ihm nicht die Gelegenheit nehmen, den Kontakt mit dem Kinde so fest als möglich zu gestalten, wie es im Falle der Verwöhnung oder im Falle des mangelnden Kontaktes, im Falle der Abneigung gegen ihn leicht geschehen kann. Er darf auch nicht zu Zwecken der Drohung oder der Strafe auserkoren werden. Und er muß dem Kinde genügende Zeit und Wärme geben, um nicht durch die Mutter in den Hintergrund gedrängt zu werden. Als besondere Schädlichkeiten kann ich noch anführen, wenn er die Mutter durch übergroße Zärtlichkeit auszustechen trachtet, wenn er zur Korrektur der Verwöhnung durch die Mutter ein strenges Regime einführt und so das Kind noch stärker zur Mutter hindrängt, und wenn er dem Kinde seine Autorität und seine Prinzipien aufzuzwingen versucht. Er kann durch letzteres vielleicht Unterwerfung, niemals aber Mitarbeit und Gemeinschaftsgefühl erzwingen. Insbesondere ist es die Gelegenheit der Mahlzeiten, die in unserer hastenden Zeit von großer Bedeutung für die Erziehung zum Mitleben sind. Eine fröhliche Stimmung dabei ist unerläßlich. Belehrungen über Eßmanieren sollen so spärlich als möglich sein. Man wird sie auf diese Weise am leichtesten erfolgreich machen. Tadel, Zornausbrüche, Verdrossenheit sollen bei diesen Gelegenheiten ausgeschaltet sein. Ebenso muß man sich der Beschäftigung mit Lektüre, mit Grübeleien enthalten. Diese Zeit ist auch die ungeeignetste, um Tadel über schlechte Schulerfolge oder andere Mißstände anzubringen. Und man muß trachten, die Gemeinsamkeit bei den Mahlzeiten durchzuführen, was mir besonders beim Frühstück als wichtig erscheint. Daß Kindern das Reden oder Fragen stets freigestellt sein soll, ist eine gewichtige Forderung. Verlachen, Verspotten, Nörgeln, andere Kinder als gutes Beispiel hinstellen schädigt den Anschluß, kann Verschlossenheit, Scheu und ein anderes schweres Minderwertigkeitsgefühl erzeugen. Man soll Kindern ihre Kleinheit, ihren Mangel an Wissen und Können nicht vorhalten, sondern ihnen den Weg zu einem mutigen Training freilegen, sie auch gewähren lassen, wenn sie an etwas Interesse zeigen, ihnen nicht alles aus der Hand nehmen, immer auch darauf hinweisen, daß nur der Anfang schwer ist, keine übertriebene Ängstlichkeit Gefahren gegenüber, aber richtige Voraussicht und richtigen Schutz bei solchen zeigen. Nervosität der Eltern, eheliche Zerwürfnisse, Uneinigkeiten in Fragen der Erziehung können leicht die Entwicklung des Gemeinschaftsgefühls schädigen. Allzu kategorisches Hinausweisen des Kindes aus der Gesellschaft der Erwachsenen sollte nach Tunlichkeit vermieden werden. Lob und Tadel muß nur dem gelungenen oder mißlungenen Training gelten, nicht der Persönlichkeit des Kindes.




