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Gemeinschaftsgefühl besagt vor allem ein Streben nach einer Gemeinschaftsform, die für ewig gedacht werden muß, wie sie etwa gedacht werden könnte, wenn die Menschheit das Ziel der Vollkommenheit erreicht hat. Es handelt sich niemals um eine gegenwärtige Gemeinschaft oder Gesellschaft, auch nicht um politische oder religiöse Formen, sondern das Ziel, das zur Vollkommenheit am besten geeignet ist, müßte ein Ziel sein, das die ideale Gemeinschaft der ganzen Menschheit bedeutet, die letzte Erfüllung der Evolution. Natürlich wird man fragen, woher ich das weiß. Sicher nicht aus der unmittelbaren Erfahrung, und ich muß schon zugeben, daß diejenigen recht haben, die in der Individualpsychologie ein Stück Metaphysik finden. Die einen loben es, die anderen tadeln. Es gibt leider viele Menschen, die eine irrige Anschauung von der Metaphysik haben, die alles, was sie nicht unmittelbar erfassen können, aus dem Leben der Menschheit ausgeschaltet wissen wollen. Damit würden wir die Entwicklungsmöglichkeiten verhindern, jeden neuen Gedanken. Jede neue Idee liegt jenseits der unmittelbaren Erfahrung. Unmittelbare Erfahrungen ergeben niemals etwas Neues, sondern erst die zusammenfassende Idee, die diese Tatsachen verbindet. Sie können es spekulativ nennen oder transzendental, es gibt keine Wissenschaft, die nicht in die Metaphysik münden müßte. Ich sehe keinen Grund, sich vor der Metaphysik zu fürchten, sie hat das Leben der Menschen und ihre Entwicklung im stärksten Grad beeinflußt. Wir sind nicht mit der absoluten Wahrheit gesegnet, deshalb sind wir gezwungen, uns Gedanken zu machen über unsere Zukunft, über das Resultat unserer Handlungen usw. Unsere Idee des Gemeinschaftsgefühles als der letzten Form der Menschheit, eines Zustandes, in dem wir uns alle Fragen des Lebens, alle Beziehungen zur Außenwelt gelöst vorstellen, ein richtendes Ideal, ein richtunggebendes Ziel, dieses Ziel der Vollendung muß in sich das Ziel einer idealen Gemeinschaft tragen, weil alles, was wir wertvoll finden im Leben, was besteht und bestehen bleibt, für ewig ein Produkt dieses Gemeinschaftsgefühles ist.
Ich habe im vorhergehenden die Tatsachen, die Wirkungen und die Mängel des gegenwärtigen Gemeinschaftsgefühls im Individuum und in der Masse beschrieben und war im Interesse der Menschenkenntnis, der Charakterologie bemüht, meine Erfahrungen darzulegen, wie man das Bewegungsgesetz des einzelnen und der Masse, sowie deren Verfehlungen klarzustellen vermag. In der Individualpsychologie sind alle unwiderleglichen Erfahrungen unter dem Gesichtspunkt dieser Wissenschaft gesehen und verstanden, deren wissenschaftliches System sich unter dem Drucke dieser Erfahrungen entwickelt hat. Die gewonnenen Resultate sind untereinander widerspruchslos und durch den Common sense gerechtfertigt. Was zur Erfüllung der Forderungen einer streng wissenschaftlichen Lehre beigebracht werden muß, ist in der Individualpsychologie erreicht: eine immense Zahl von unmittelbaren Erfahrungen, ein System, das diesen Erfahrungen Rechnung trägt und ihnen nicht widerspricht, und die trainierte Fähigkeit des Erratens im Einklang mit dem Common sense, eine Fähigkeit, die Erfahrungen im Zusammenhang mit dem System diesem einzureihen imstande ist. Diese Fähigkeit ist um so notwendiger, als jeder Fall sich anders darstellt und zu stets neuen Anstrengungen des künstlerischen Erratens Anlaß gibt. Wenn ich nun darangehe, auch das Recht der Individualpsychologie, als Weltanschauung zu gelten, zu verfechten, indem ich sie dazu verwende, den Sinn des menschlichen Lebens verstehen zu lassen, so muß ich mich aller moralischen und religiösen, zwischen Tugend und Laster richtenden Anschauungen entschlagen, obwohl ich seit jeher überzeugt war, daß beide Strömungen, sowie auch politische Bewegungen stets darauf hinzielten, dem Sinn des Lebens gerecht zu werden, und unter dem Druck des Gemeinschaftsgefühls als einer absoluten Wahrheit gewachsen sind. Der Standpunkt der Individualpsychologie ihnen gegenüber ist durch ihre wissenschaftliche Erkenntnis, wohl auch durch ihren direkteren Versuch, das Gemeinschaftsgefühl als Erkenntnis stärker zu entwickeln, gegeben. Er lautet: Ich würde jede Strömung als gerechtfertigt ansehen, deren Richtung den unwiderleglichen Beweis liefert, daß sie vom Ziele des Wohles der gesamten Menschheit geleitet ist. Ich würde jede Strömung als verfehlt erachten, die diesem Standpunkt widerspricht oder durchflossen ist von der Kains-Formel: »Warum soll ich meinen Nächsten lieben?«
Gestützt auf die vorherigen Feststellungen darf ich, wie in einem kurzen Beweis, die Tatsache klarlegen, daß wir bei unserem Eintritt ins Leben nur vorfinden, was unsere Vorfahren als Beitrag zur Evolution, zur Höherentwicklung der gesamten Menschheit fertiggestellt haben. Schon diese eine Tatsache könnte uns darüber aufklären, wie das Leben weiterrollt, wie wir uns einem Zustand größerer Beiträge nähern, größerer Kooperationsfähigkeit, wo sich jeder einzelne mehr als bisher als ein Teil des Ganzen darstellt, ein Zustand, für den natürlich alle Formen unserer gesellschaftlichen Bewegung Versuche, Vorversuche sind, von denen nur diejenigen Bestand haben, die in der Richtung dieser idealen Gemeinschaft gelagert sind. Daß dieses Werk, vielfach von überragender menschlicher Kraft zeugend, sich auch in vieler Hinsicht als unvollkommen, ja auch gelegentlich als verfehlt erweist, deutet nur darauf hin, daß die »absolute Wahrheit«, auf dem Wege der Evolution vorwärts zu schreiten, dem menschlichen Vermögen unzugänglich ist, wenngleich wir ihr näherzukommen imstande sind, und daß es eine ganze Anzahl von Gemeinschaftsleistungen gibt, die nur für eine gewisse Zeit, für eine gewisse Situation vorhalten, um sich nach einiger Zeit sogar als schädlich zu erweisen. Was uns davor bewahren kann, ans Kreuz einer schädlichen Fiktion geschlagen zu sein, das Schema einer schädlichen Fiktion festzuhalten, ist der Leitstern des Wohles der Allgemeinheit, unter dessen Lenkung wir besser und ohne Rückschläge den Weg zu finden vermögen.
Das Wohl der Allgemeinheit, die Höherentwicklung der Menschheit basieren auf den ewig unvergänglichen Forderungen unserer Vorfahren. Deren Geist bleibt ewig lebendig. Er ist unsterblich, wie andere es in ihren Kindern sind. Auf beide gründet sich die Fortdauer des menschlichen Geschlechtes. Sein Wissen darum ist überflüssig. Die Tatsachen gelten. Die Frage des rechten Weges scheint mir gelöst, wenngleich wir oft im dunkeln tappen. Wir wollen nicht entscheiden, nur das eine können wir sagen: eine Bewegung des einzelnen und eine Bewegung der Massen kann für uns nur als wertvoll gelten, wenn sie Werte schafft für die Ewigkeit, für die Höherentwicklung der gesamten Menschheit. Man soll sich, um diese These zu entkräften, weder auf die eigene noch auf die fremde Dummheit berufen. Daß es sich nicht um den Besitz der Wahrheit, sondern um das Streben danach handelt, ist selbstverständlich.
Noch schlagkräftiger, um nicht zu sagen selbstverständlicher, wird diese Tatsache, wenn wir fragen: was geschah mit jenen Menschen, die nichts zum Wohle der Allgemeinheit beigetragen haben? Die Antwort lautet: sie sind bis auf den letzten Rest verschwunden. Nichts ist übrig von ihnen, sie sind leiblich und seelisch ausgelöscht. Die Erde hat sie verschlungen. Es ging mit ihnen wie mit ausgestorbenen Tierspezies, die keine Harmonie mit den kosmischen Gegebenheiten finden konnten. Da liegt doch eigentlich eine heimliche Gesetzmäßigkeit vor, als ob der fragende Kosmos befehlen würde: Fort mit euch! Ihr habt den Sinn des Lebens nicht erfaßt. Ihr könnt nicht in die Zukunft reichen.
Keine Frage, daß dies ein grausames Gesetz ist. Nur vergleichbar mit den grausamen Gottheiten alter Völker und dem Tabugedanken, der allen Untergang drohte, die sich gegen die Gemeinschaft vergingen. So betont sich der Bestand, der ewige Bestand des Beitrags von Menschen, die etwas für die Allgemeinheit geleistet haben. Freilich sind wir besonnen genug, um nicht anzunehmen, daß wir den Schlüssel dazu hätten, in jedem Fall genau zu sagen, was für die Ewigkeit berechnet ist und was nicht. Wir sind überzeugt, daß wir irren können, daß nur eine ganz genaue, objektive Untersuchung entscheiden kann, oft auch erst der Lauf der Dinge. Es ist vielleicht schon ein großer Schritt, daß wir vermeiden können, was nicht zur Gemeinschaft beiträgt.
Unser Gemeinschaftsgefühl reicht heute viel weiter. Ohne es verstanden zu haben, suchen wir in der Erziehung, im Verhalten des einzelnen wie der Masse, in Religion, Wissenschaft und Politik den Einklang mit der zukünftigen Wohlfahrt der Menschheit auf verschiedenen, oft falschen Wegen herzustellen. Natürlich ist der näher der Erfassung künftiger Harmonie, der das bessere Gemeinschaftsgefühl besitzt. Und im großen und ganzen hat sich der soziale Grundsatz Bahn gebrochen, den Strauchelnden zu stützen und nicht zu stürzen.
Wenden wir unsere Anschauung auf unser heutiges Kulturleben an und halten wir fest, daß das Kind bereits das Ausmaß seines Gemeinschaftsgefühls, unveränderlich ohne weiteren bessernden Eingriff, fürs ganze Leben festlegt, dann richtet sich unser Blick auf gewisse allgemeine Zustände, deren Einfluß auf die Entwicklung des kindlichen Gemeinschaftsgefühls verheerend wirken kann. So die Tatsache des Krieges und seine Glorifizierung im Schulunterricht. Unwillkürlich richtet sich das vielleicht noch unfertige, vielleicht im Gemeinschaftsgefühl schwache Kind auf eine Welt ein, in der es möglich ist, Menschen gegen Maschinen und Giftgase kämpfen zu machen, sie dazu zu zwingen, und es als ehrenhaft zu empfinden, wenn man möglichst viele, sicherlich auch für die Zukunft der Menschheit wertvolle Mitmenschen tötet. In kleinerem Maße wirkt sich die Tatsache der Todesstrafe aus, deren Schaden auf das kindliche Gemüt wenig vermindert wird durch die Betrachtung, daß es sich dabei nicht um Mitmenschen, eher um Gegenmenschen handelt. Selbst die brüske Erfahrung des Todesproblems kann Kinder von geringerer Neigung zur Kooperation zum überstürzten Abschluß ihres Gemeinschaftsgefühls veranlassen. Ebenso sind Mädchen gefährdet, die das Liebes-, Zeugungs- und Geburtsproblem von unbedachter Umgebung als schreckhaft erfahren. Mit übergroßer Schwere lastet das ungelöste ökonomische Problem auf dem sich entwickelnden Gemeinschaftsgefühl. Selbstmord, Verbrechen, schlechte Behandlung von Krüppeln, Greisen, Bettlern, Vorurteile und ungerechte Behandlung von Personen, Angestellten, Rassen und Religionsgemeinschaften, Mißhandlungen Schwächerer und von Kindern, Ehestreitigkeiten und Versuche, die Frau in irgend einer Art als minderwertig hinzustellen und anderes mehr, Protzerei mit Geld und Geburt, Cliquenwesen und dessen Auswirkungen bis in die höchsten Kreise setzen neben Verwöhnung und Vernachlässigung der Kinder frühzeitig den Schlußpunkt in der Entwicklung zum Mitmenschen. In unserer Zeit hilft dagegen nur neben Herstellung der Mitarbeit des Kindes die richtige, rechtzeitige Aufklärung darüber, daß wir heute erst ein verhältnismäßig niedriges Niveau im Gemeinschaftsgefühl erreicht haben und daß ein richtiger Mitmensch es als seine Aufgabe erfassen muß, an der Lösung dieser Mißstände zum Wohle der Gesamtheit mitzuarbeiten und diese Lösung nicht von einer sagenhaften Entwicklungstendenz oder von anderen zu erwarten. Versuche, wenn auch in bester Absicht unternommen, die Höherentwicklung durch Verstärkung eines dieser Übel zu erzielen, durch Krieg, durch die Todesstrafe oder durch Rassen- und Religionshaß bringen in der folgenden Generation stets einen Abfall des Gemeinschaftsgefühls und damit eine wesentliche Verschlechterung der anderen Übel mit sich. Interessanterweise führen sie fast regelmäßig zur Bagatellisierung des Lebens, der Kameradschaft und der Liebesbeziehungen, eine Tatsache, an der man deutlich das Sinken des Gemeinschaftsgefühls wahrnehmen kann.
Ich habe im vorhergehenden genügend Material beigebracht, um den Leser verstehen zu lassen, daß es sich hier um eine wissenschaftliche Auseinandersetzung handelt, wenn ich betone, daß das Individuum in seiner richtigen Entwicklung nur dann weiterkommt, wenn es als Teil des Ganzen lebt und strebt. Die flachen Einwendungen individualistischer Systeme sind dieser Auffassung gegenüber recht bedeutungslos. Ich könnte noch mehr davon sprechen und zeigen, wie alle unsere Funktionen darauf berechnet sind, die Gemeinschaft der Menschen nicht zu stören, den einzelnen mit der Gemeinschaft zu verbinden. Sehen heißt aufnehmen, fruchtbarmachen, was auf die Netzhaut fällt. Dies ist nicht bloß ein physiologischer Vorgang, er zeigt den Menschen als Teil des Ganzen, der nimmt und gibt. Im Sehen, Hören, Sprechen verbinden wir uns mit den anderen. Der Mensch sieht, hört, spricht nur richtig, wenn er in seinem Interesse mit der Außenwelt, mit den anderen verbunden ist. Seine Vernunft, sein Common sense unterliegt der Kontrolle der Mitmenschen, der absoluten Wahrheit und zielt auf ewige Richtigkeit. Unsere ästhetischen Gefühle und Anschauungen, vielleicht die stärkste Schwungkraft zu Leistungen in sich tragend, haben Ewigkeitswert nur, wenn sie im Strom der Evolution zur Wohlfahrt der Menschheit verlaufen. Alle unsere körperlichen und seelischen Funktionen sind richtig, normal, gesund entwickelt, sofern sie genügend Gemeinschaftsgefühl in sich tragen und zur Mitarbeit geeignet sind.
Wir sprechen von Tugend und meinen, daß einer mitspielt, von Laster und meinen, daß einer die Mitarbeit stört. Ich könnte noch darauf hinweisen, wie alles, was einen Fehlschlag bedeutet, deshalb ein Fehlschlag ist, weil es die Entwicklung der Gemeinschaft stört, ob es sich um schwer erziehbare Kinder, Neurotiker, Verbrecher, Selbstmörder handelt. In allen Fällen sieht man, daß der Beitrag fehlt. In der ganzen Menschheitsgeschichte finden sich keine isolierten Menschen. Die Entwicklung der Menschheit war nur möglich, weil die Menschheit eine Gemeinschaft war und im Streben nach Vollkommenheit nach einer idealen Gemeinschaft gestrebt hat. Das drückt sich in allen Bewegungen, allen Funktionen eines Menschen aus, ob er diese Richtung gefunden hat oder nicht, im Strom der Evolution, der durch das Gemeinschaftsideal charakterisiert ist, weil der Mensch unverbrüchlich durch das Gemeinschaftsideal gelenkt, gehindert, gestraft, gelobt, gefördert wird, so daß jeder einzelne jede Abweichung nicht nur zu verantworten, sondern auch zu büßen hat. Das ist ein hartes Gesetz, grausam geradezu. Diejenigen, die in sich bereits ein starkes Gemeinschaftsgefühl entwickelt haben, sind unentwegt bestrebt, die Härten für den, der fehlerhaft schreitet, zu mildern, als ob sie es wüßten: das ist ein Mensch, der den Weg verfehlt hat, aus Ursachen, die die Individualpsychologie erst nachzuweisen imstande ist. Wenn der Mensch verstünde, wie er, der Seite der Evolution ausweichend, fehlgegangen ist, dann würde er diesen Weg verlassen und sich der Allgemeinheit anschließen.
Alle Probleme des menschlichen Lebens verlangen, wie ich gezeigt habe, Fähigkeit und Vorbereitung zur Mitarbeit, des sichtbaren Zeichens des Gemeinschaftsgefühls. In dieser Stimmungslage ist Mut und Glück miteingeschlossen, die sonst nicht zu finden sind.
Alle Charakterzüge erweisen den Grad des Gemeinschaftsgefühls, laufen der Linie entsprechend, die nach der Meinung des Individuums zum Ziel der Überlegenheit führt, sind Leitlinien, verwoben mit dem Lebensstil, der sie geformt hat und immer wieder zutage bringt. Unsere Sprache ist zu arm, um feinste Gebilde des Seelenlebens mit einem einzigen Wort auszudrücken, wie wir es Charakterzügen gegenüber tun, dadurch die Mannigfaltigkeit übersehend, die durch diesen Ausdruck verdeckt ist. Daher schimmern für die, die sich an Worte klammern, Widersprüche durch, so daß ihnen die Einheit des Seelenlebens nie klar wird.
Vielleicht wird manchen die einfache Tatsache am stärksten überzeugen, daß alles, was wir als Fehlschlag bezeichnen, den Mangel an Gemeinschaftsgefühl aufweist. Alle Fehler der Kindheit und im Leben der Erwachsenen, alle schlechten Charakterzüge, in der Familie, in der Schule, im Leben, in der Beziehung zu anderen, im Beruf und in der Liebe erweisen ihre Herkunft aus dem Mangel an Gemeinschaftsgefühl, sind vorübergehend oder dauernd, beides in tausend Varianten.
Eine genaue Betrachtung des persönlichen Lebens und des Lebens der Masse, der Vergangenheit und der Gegenwart zeigt uns das Ringen der Menschheit um ein stärkeres Gemeinschaftsgefühl. Es ist kaum zu übersehen, daß die Menschheit um dieses Problem weiß und von ihm durchdrungen ist. Was in der Gegenwart auf uns lastet, stammt aus dem Mangel sozialer Durchbildung. Was in uns drängt, um auf eine höhere Stufe zu kommen, von den Fehlschlägen unseres öffentlichen Lebens und unserer Persönlichkeit frei zu werden, ist das gedrosselte Gemeinschaftsgefühl. Es lebt in uns und sucht sich durchzusetzen, es scheint nicht stark genug zu sein, um sich trotz aller Widerstände zu bewähren. Es besteht die berechtigte Erwartung, daß in viel späterer Zeit, wenn der Menschheit genug Zeit gelassen wird, die Kraft des Gemeinschaftsgefühls über alle äußeren Widerstände siegen wird. Dann wird der Mensch Gemeinschaftsgefühl äußern wie Atmen. Bis dahin bleibt wohl nichts anderes übrig, als diesen notwendigen Lauf der Dinge zu verstehen und zu lehren.
Anhang: Stellung zum Berater
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Unsere Grundanschauung von der in der frühesten Kindheit gestalteten Einheit des Lebensstils, von der ich schon im Beginne meiner Arbeiten gewußt habe, ohne sie verstanden zu haben, ermächtigte mich von vornherein anzunehmen, daß der zu Beratende sich im ersten Moment seines Erscheinens als die Persönlichkeit vorstellt, die er ist, ohne viel davon zu wissen. Die Beratung ist für den Patienten ein soziales Problem. Jede Begegnung eines Menschen mit einem anderen ist ein solches. Es wird sich demnach jeder in seinem Bewegungsgesetz vorstellen. Der Kenner kann oft auf den ersten Blick etwas von dem Gemeinschaftsgefühl des anderen aussagen. Verstellung hilft gegenüber dem erfahrenen Individualpsychologen nicht viel. Der Patient erwartet vom Berater viel Gemeinschaftsgefühl. Da man vom Patienten erfahrungsgemäß nicht viel soziales Interesse erwarten darf, wird man auch nicht viel verlangen. Man wird in dieser Auffassung wesentlich durch zwei Momente unterstützt. Das erste ist, daß der Gemeinschaftspegel im allgemeinen nicht hoch steht, das zweite, daß man es zumeist mit verwöhnten Kindern zu tun hat, die auch später von ihrer fiktiven Welt nicht loskommen. Man darf sich auch gar nicht wundern, wenn viele Leser es ohne Erschütterung aufgenommen haben, daß einer fragt: »Warum soll ich meinen Nächsten lieben?« Schließlich hat ja Kain eine ähnliche Frage gestellt.
Der Blick, die Gangart, die Stärke oder Schwäche der Annäherung können viel verraten. Hat man sich an Regeln gewöhnt, etwa einen bestimmten Platz anzuweisen, einen Diwan, eine ganz bestimmte Zeit einzuhalten, so entgeht einem vieles. Die erste Begegnung soll schon eine Prüfung in aller Unbefangenheit sein. Schon die Art des Händedruckes kann den Blick auf ein bestimmtes Problem lenken. Daß verwöhnte Menschen sich gerne irgendwo anlehnen, Kinder an die begleitende Mutter, ist oft zu sehen. Aber so wie alles, was der Fähigkeit des Erratens eine Aufgabe stellt, wird man auch in diesen Fällen von starren Regeln absehen und überprüfen, lieber das, was man denkt, für sich behalten, um es später in geeigneter Form verständlich zu verwenden, ohne die Überempfindlichkeit eines Patienten, die immer vorhanden ist, zu verletzen. Gelegentlich kann man versuchen, dem Patienten nicht einen bestimmten Platz anzuweisen, sondern ihn einzuladen, irgendwo Platz zu nehmen. Die Distanz zum Arzt oder Berater verrät � gerade so wie bei Schulkindern � viel vom Wesen der Patienten. Wichtig ist ferner, die bei solchen Beratungen und sogar in Gesellschaften grassierende »Aha-Psychologie« strenge zu verpönen und im Anfang strikte Antworten an den Beratenen sowie an dessen Angehörige zu vermeiden. Der Individualpsychologe darf nicht vergessen, daß abgesehen von seiner geübten Fähigkeit des Erratens er auch für andere, darin Nichtgeübte, den Beweis erbringen muß. Eltern und Angehörigen des Ratsuchenden soll man nie als Kritiker gegenübertreten, vielmehr den Fall als erwägenswert und nicht als verloren bezeichnen, selbst wenn man nicht geneigt ist, ihn zu übernehmen, es wäre denn, daß wichtige Umstände bei einem absolut verlorenen Fall die Wahrheit erfordern. Ich sehe einen Vorteil darin, die Bewegungen eines Patienten nicht zu unterbrechen. Er kann aufstehen, kommen, gehen, rauchen, wie er will. Ich habe sogar Patienten gelegentlich die Möglichkeit gegeben, in meiner Gegenwart zu schlafen, wenn sie es vorschlugen, um mir die Aufgabe zu erschweren, eine Haltung, die für mich eine ebenso klare Sprache war, als wenn sie sich in gegnerischen Worten geäußert hätte. Der seitwärts gewandte Blick eines Patienten zeigt deutlich seine geringe Neigung zur verbindenden Mitarbeit. In anderer Weise kann dies auffällig werden, wenn der Patient nicht oder wenig spricht, wenn er um den Brei herumgeht oder durch unaufhörliches Sprechen den Berater hindert, zu Worte zu kommen. Im Gegensatz zu anderen Psychotherapeuten wird der Individualpsychologe es vermeiden, schläfrig zu sein oder zu schlafen, zu gähnen, einen Mangel an Interesse zu zeigen, harte Worte zu gebrauchen, voreilige Ratschläge zu geben, sich als letzte Instanz bezeichnen zu lassen, unpünktlich zu sein, sich in Streit einzulassen oder die Heilung, aus welchen Vorwänden immer, als aussichtslos zu erklären. In letzterem Falle, wenn übergroße Schwierigkeiten eintreten, empfiehlt es sich, sich selbst als zu schwach zu erklären und auf andere zu verweisen, die vielleicht stärker sind. Jeder Versuch, sich autoritär zu gebärden, läßt den Mißerfolg heranreifen, jede Großmäuligkeit hindert die Kur. Von allem Anfang an muß der Berater darnach trachten, die Verantwortung für die Heilung als Sache des Beratenen klarzustellen, denn, wie ein englisches Sprichwort richtig sagt: »Du kannst ein Pferd zum Wasser führen, aber du kannst es nicht trinken machen«.
Man soll sich strikt daran halten, die Behandlung und Heilung nicht als Erfolg des Beraters, sondern als Erfolg des Beratenen zu sehen. Der Berater kann nur die Irrtümer zeigen, der Patient muß die Wahrheit lebendig machen. Da es sich in allen Fällen von Fehlschlägen, die wir gesehen haben, um einen Mangel an Mitarbeit handelt, so sind alle Mittel in Anspruch zu nehmen, um zuerst die Mitarbeit des Patienten mit dem Berater zu fördern. Daß dies nur dann möglich ist, wenn sich der Patient beim Arzt sicher fühlt, liegt auf der Hand. Deshalb ist diese Gemeinschaftsarbeit, als erster ernster, wissenschaftlich unternommener Versuch zur Erhöhung des Gemeinschaftsgefühls von eminenter Bedeutung. Unter anderem muß aber streng vermieden werden, was von anderen Beratern oft gefordert wird, bei gleichgebliebenem Minderwertigkeitsgefühl und angesichts der geringeren Sicherheit des Patienten gegenüber dem Arzt, ganz besonders durch fortwährenden Hinweis auf unterdrückte sexuelle Komponenten jene seelische Strömung künstlich hervorzurufen, die Freud die positive Übertragung genannt hat, geradezu erfordert in der psychoanalytischen Kur, die aber dadurch nur eine neue Aufgabe bekommt, diesen künstlich hervorgerufenen Zustand im besten Falle wieder zum Verschwinden zu bringen. Hat der Patient gelernt, für sein Verhalten die volle Verantwortung zu übernehmen, so wird der Berater es leicht vermeiden können, das fast immer verwöhnte Kind oder den nach Verwöhnung lechzenden Erwachsenen in jene Falle gleiten zu lassen, die ihm eine leichte und unmittelbar erfüllbare Befriedigung unbefriedigter Wünsche zu versprechen scheint. Da der im großen und ganzen verwöhnten Menschheit jeder unerfüllte oder unerfüllbare Wunsch als Unterdrückung erscheint, möchte ich hier noch einmal feststellen: Die Individualpsychologie fordert weder die Unterdrückung berechtigter noch unberechtigter Wünsche. Aber sie lehrt, daß unberechtigte Wünsche als gegen das Gemeinschaftsgefühl verstoßend erkannt werden müssen und durch ein Plus an sozialem Interesse zum Verschwinden, nicht zur Unterdrückung gebracht werden können. Einmal erlebte ich eine tätliche Bedrohung durch einen schwächlichen Mann, der an Dementia praecox litt und von mir gänzlich geheilt wurde, nachdem er drei Jahre vor meiner Behandlung schon als unheilbar erklärt worden war. Ich wußte zu dieser Zeit schon, daß er mit Sicherheit erwartete, auch von mir abgelehnt und hinausgeworfen zu werden, was ihm seit seiner Kindheit als sein Los vorschwebte. Er hatte drei Monate lang in der Behandlung geschwiegen. Ich nahm dies zum Anlaß, soweit ich sein Leben kannte, ihm behutsam Aufklärungen zu geben. Ich erkannte auch sein Schweigen und ähnlich gerichtete Handlungen als obstruktionistische Neigung und sah mich nun dem Höhepunkt seiner Aktion gegenüber, als er die Hand zum Schlage gegen mich erhob. Ich entschloß mich kurz, mich nicht zur Wehr zu setzen. Es erfolgte ein weiterer Angriff, bei dem ein Fenster in Trümmer ging. Eine kleine blutende Wunde des Patienten verband ich in freundlichster Haltung. Ich darf es meinen Freunden überlassen, auch aus diesem Falle keine Regel zu machen. Als der Erfolg in diesem Falle vollständig gesichert war, fragte ich den Patienten: »Was glauben Sie, wie konnte es uns beiden gelingen, Sie gesund zu machen?« Die Antwort, die ich erhielt, sollte wohl in allen beteiligten Kreisen den stärksten Eindruck machen und hat mich lächeln gelehrt über alle Angriffe minderbemittelter Psychologen und Psychiater, die ihren Kampf gegen Windmühlen führen. Er antwortete: »Das ist ganz einfach. Ich hatte allen Mut zum Leben verloren. In unseren Beratungen habe ich ihn wieder gefunden.« Wer die individualpsychologische Wahrheit erkannt hat, daß Mut nur eine Seite des Gemeinschaftsgefühls ist, wird die Wandlung dieses Mannes verstehen.




