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Im Zeitalter einer entwickelten Technik kam die experimentelle Methode in Schwung. Mit Hilfe von Apparaten und sorgfältig ausgewählten Fragen wurden Prüfungen veranstaltet, die über Sinnesfunktionen, Intelligenz, Charakter und Persönlichkeit Aufschluß geben sollten. Dabei ging die Einsicht in den Zusammenhang der Persönlichkeit verloren oder konnte nur durch Erraten ergänzt werden. Die später in Erscheinung getretene Hereditätslehre gab wohl alle Mühe verloren und fand Genugtuung darin, nachzuweisen, daß es auf den Besitz der Fähigkeiten ankomme und nicht auf den Gebrauch. Dorthin zielte auch die Lehre vom Einfluß der endokrinen Drüsen, die sich bei Spezialfällen von Minderwertigkeitsgefühlen und deren Kompensation im Falle minderwertiger Organe aufhielt.
Eine Renaissance erlebte die Psychologie in der Psychoanalyse, die in der Sexuallibido den allmächtigen Lenker des Menschheitsschicksals wieder aufleben ließ und den Menschen die Schrecken der Hölle im Unbewußten und die Erbsünde im »Schuldgefühl« sorgfältig ausmalte. Die Vernachlässigung des Himmels wurde später in Anlehnung an das »ideale« Ziel der Vollkommenheit der Individualpsychologie in der Erschaffung des »Ideal-Ich« wieder gutgemacht. Immerhin war es ein bedeutsamer Versuch, zwischen den Zeilen des Bewußtseins zu lesen, ein Schritt vorwärts zur Wiederentdeckung des Lebensstils, der Bewegungslinie des Individuums, des Sinns des Lebens, ohne daß dieses vorschwebende Ziel von dem in Sexualmetaphern schwelgenden Autor wahrgenommen wurde. Auch war die Psychoanalyse allzusehr in der Welt der verwöhnten Kinder befangen, so daß die seelische Struktur ihr immer als Abklatsch dieses Typus erschien und die tiefere seelische Struktur als Teil der menschlichen Evolution ihr verborgen blieb. Ihr vorübergehender Erfolg lag in der Disposition der Unmasse verwöhnter Menschen, die willig psychoanalytische Anschauungen als allgemein menschlich vorhanden annahmen und in ihrem eigenen Lebensstil dadurch gestärkt wurden. Die Technik der Psychoanalyse war darauf gerichtet, die Beziehung der Ausdrucksbewegungen und Symptome zur Sexuallibido mit geduldiger Energie darzustellen und das Tun des Menschen als abhängig von einem inhärenten sadistischen Trieb erscheinen zu lassen. Daß letztere Erscheinungen künstlich gezüchtetes Ressentiment verwöhnter Kinder seien, erschien erst in der individualpsychologischen Anschauung genügend klar. Immerhin ist auch dem evolutionären Moment annähernd und spurweise Rechnung getragen, wenn auch verfehlt und in gewohnt pessimistischer Weise durch die Idee des Todeswunsches als Ziel der Erfüllung, nicht aktive Anpassung, sondern ein Hinsterben erwartend, in Anpassung an das immerhin zweifelhafte zweite Grundgesetz der Physik.
Die Individualpsychologie steht ganz auf dem Boden der Evolution und sieht alles menschliche Streben im Lichte derselben als ein Streben nach Vollkommenheit. Körperlich und seelisch ist der Lebensdrang unverrückbar an dieses Streben geknüpft. Für unser Erkenntnisvermögen stellt sich deshalb jede seelische Ausdrucksform als Bewegung dar, die von einer Minussituation zu einer Plussituation führt. Der Weg, das Bewegungsgesetz, das sich jedes Individuum im Beginne seines Lebens selbst gibt, in verhältnismäßiger Freiheit der Ausnützung seiner angeborenen Fähigkeiten und Unfähigkeiten, ebenso seiner ersten Eindrücke aus der Umgebung, ist für jedes Individuum verschieden im Tempo, im Rhythmus und in der Richtung. Im steten Vergleich mit der unerreichbaren idealen Vollkommenheit ist das Individuum ständig von einem Minderwertigkeitsgefühl erfüllt und von diesem angetrieben. Wir dürfen feststellen, daß jedes menschliche Bewegungsgesetz, sub specie aeternitatis und vom fiktiven Standpunkt einer absoluten Richtigkeit gesehen, fehlerhaft ist.
Jede Kulturepoche formt sich dieses Ideal in der Reichweite ihrer Gedanken und ihrer Gefühle. So wie heute können wir immer nur in der Vergangenheit das vorübergehende Niveau menschlicher Fassungskraft in der Aufstellung dieses Ideals finden, und wir haben das Recht, diese Fassungskraft aufs tiefste zu bewundern, die für unabsehbare Zeiten ein tragfähiges Ideal menschlichen Zusammenlebens erfaßt hat. Das: »Du sollst nicht töten!« oder »Liebe Deinen Nächsten!« kann wohl kaum aus dem Wissen und Fühlen als oberste Instanz mehr verschwinden. Diese und andere Normen menschlichen Zusammenlebens, durchaus Ergebnisse der menschlichen Evolution, verankert in der menschlichen Natur wie das Atmen und das Aufrechtgehen, lassen sich zusammenfassen in der Idee einer idealen menschlichen Gemeinschaft, hier rein wissenschaftlich betrachtet als evolutionärer Zwang und als evolutionäres Ziel. Sie geben der Individualpsychologie die Richtschnur, das »dos pu stô« an dem allein alle anderen, der Evolution widersprechenden Ziele und Bewegungsformen als richtig oder falsch zu bewerten sind. An diesem Punkt wird die Individualpsychologie Wertpsychologie, ebenso wie die medizinische Wissenschaft, Förderin der Evolution, bei ihren Untersuchungen und Feststellungen wertende Wissenschaft ist.
Minderwertigkeitsgefühl, Streben nach Überwindung und Gemeinschaftsgefühl, diese Grundpfeiler in der individualpsychologischen Forschung, sind demnach aus der Betrachtung eines Individuums oder einer Masse nicht wegzudenken. Man kann ihre Tatsächlichkeit umgehen und umschreiben, man kann sie mißverstehen, kann versuchen Haare zu spalten, aber man kann sie nicht auslöschen. Jede richtige Betrachtung einer Persönlichkeit muß diesen Tatsachen irgendwie Rechnung tragen und feststellen, wie es mit dem Minderwertigkeitsgefühl, mit dem Streben nach Überwindung, mit dem Gemeinschaftsgefühl beschaffen ist.
Aber so wie andere Kulturen aus dem Zwang der Evolution andere Vorstellungen und unrichtige Wege abstrahierten, so jedes einzelne Individuum. Der gedankliche und der damit verbundene gefühlsmäßige Aufbau eines Lebensstils im Strom der Entwicklung ist das Werk eines Kindes. Als Maßstab seiner Kraft dient ihm die gefühlsmäßig und ungefähr erfaßte Leistungsfähigkeit in einer durchaus nicht neutralen Umgebung, die nur schlecht eine Vorschule des Lebens abgibt. Aufbauend auf einem subjektiven Eindruck, oft durch wenig maßgebende Erfolge oder Niederlagen geleitet, schafft sich das Kind Weg und Ziel und Anschaulichkeit zu einer in der Zukunft liegenden Höhe. Alle Mittel der Individualpsychologie, die zum Verständnis der Persönlichkeit führen sollen, rechnen mit der Meinung des Individuums über das Ziel der Überlegenheit, mit der Stärke seines Minderwertigkeitsgefühls und mit dem Grade seines Gemeinschaftsgefühls. Bei näherer Einsicht in das Verhältnis dieser Faktoren wird man sehen, daß sie alle die Art und den Grad des Gemeinschaftsgefühls konstituieren. Die Prüfung erfolgt ähnlich wie in der experimentellen Psychologie oder wie in der Funktionsprüfung medizinischer Fälle. Nur daß hier das Leben selbst die Prüfung anstellt, was die tiefe Verbundenheit des Individuums mit den Fragen des Lebens anzeigt. Es kann nämlich das Ganze des Individuums nicht aus dem Zusammenhang mit dem Leben � man sagt wohl besser mit der Gemeinschaft � herausgerissen werden. Wie es sich zur Gemeinschaft stellt, verrät erst seinen Lebensstil. Deshalb kann die experimentelle Prüfung, die bestenfalls nur Anteile am Leben berücksichtigt, nichts über Charakter oder gar über künftige Leistungen in der Gemeinschaft aussagen. Und auch die »Gestaltpsychologie« bedarf der Ergänzung durch die Individualpsychologie, um über die Stellungnahme des Individuums im Lebensprozeß Aussagen machen zu können.
Die Technik der Individualpsychologie zur Erforschung des Lebensstils muß demnach in erster Linie eine Kenntnis der Lebensprobleme und ihrer Forderungen an das Individuum voraussetzen. Es wird sich zeigen, daß ihre Lösung einen gewissen Grad von Gemeinschaftsgefühl voraussetzt, eine Angeschlossenheit an das Ganze des Lebens, eine Fähigkeit zur Mitarbeit und zur Mitmenschlichkeit. Mangelt diese Fähigkeit, so wird man in tausendfachen Varianten ein verstärktes Minderwertigkeitsgefühl und dessen Folgen, im großen und ganzen als »zögernde Attitüde« und als Ausweichung beobachten können. Die dabei auftretenden körperlichen oder seelischen Erscheinungen in ihrem Zusammenhang habe ich als »Minderwertigkeitskomplex« bezeichnet. Das nie ruhende Streben nach Überlegenheit trachtet diesen Komplex durch einen Überlegenheitskomplex zu verdecken, der immer außerhalb des Gemeinschaftsgefühls auf den Schein einer persönlichen Überlegenheit hinzielt. Ist man im klaren über alle im Falle des Versagens auftretenden Erscheinungen, so hat man nach den Ursachen der mangelnden Vorbereitung in der frühen Kindheit zu forschen. Auf diese Weise gelingt es, ein getreues Bild vom einheitlichen Lebensstil eines Individuums zu erlangen, gleichzeitig im Falle eines Fehlschlags den Grad der Abweichung zu erfassen, der sich immer als ein Mangel an Anschlußfähigkeit herausstellt. Die Aufgabe, die dem Erzieher, dem Lehrer, dem Arzt, dem Seelsorger zufällt, ist dabei gegeben: Das Gemeinschaftsgefühl und dadurch den Mut zu heben durch die Überzeugung von den wirklichen Ursachen des Fehlschlags, durch Aufdeckung der unrichtigen Meinung, des verfehlten Sinnes, den das Individuum dem Leben unterschoben hat, um ihn dem Sinne näherzubringen, den das Leben dem Menschen aufgegeben hat.
Diese Aufgabe ist nur zu lösen, wenn eine eingehende Kenntnis der Lebensprobleme vorhanden ist und wenn der zu geringe Einschlag des Gemeinschaftsgefühls im Minderwertigkeits- und Überlegenheitskomplex sowie in allen Typen der menschlichen Fehlschläge verstanden ist. Desgleichen bedarf es einer großen Erfahrung bezüglich jener Umstände und Situationen, die mit Wahrscheinlichkeit in der Kindheit die Entfaltung des Gemeinschaftsgefühls verhindern. Die bis jetzt in meiner Erfahrung am besten bewährten Zugänge zur Erforschung der Persönlichkeit sind gegeben in einem umfassenden Verständnis der ersten Kindheitserinnerungen, der Position des Kindes in der Geschwisterreihe, irgendwelcher Kinderfehler, in Tag- und Nachtträumen und in der Art des exogenen, krankmachenden Faktors. Alle Ergebnisse einer solchen Untersuchung, die auch die Stellung zum Arzt einschließen, sind mit größter Vorsicht zu bewerten und ihr Bewegungsablauf ist stets auf den Gleichklang mit anderen Feststellungen zu prüfen.
3. Die Aufgaben des Lebens
Inhaltsverzeichnis
Hier ist der Punkt, an dem sich die Individualpsychologie mit der Soziologie berührt. Es ist unmöglich, ein richtiges Urteil über ein Individuum zu gewinnen, wenn man nicht die Struktur seiner Lebensprobleme kennt und die Aufgabe, die ihm durch sie gesetzt ist. Erst aus der Art, wie sich das Individuum zu ihnen stellt, was in ihm dabei vorgeht, wird uns sein Wesen klar. Wir haben festzustellen, ob es mitgeht, oder ob es zögert, halt macht, sie zu umschleichen trachtet, Vorwände sucht und schafft, ob es die Aufgabe teilweise löst, über sie hinauswächst, oder sie ungelöst läßt, um auf gemeinschaftsschädlichem Wege den Schein einer persönlichen Überlegenheit zu gewinnen.
Seit jeher habe ich daran festgehalten, alle Lebensfragen den drei großen Problemen unterzuordnen: dem Problem des Gemeinschaftslebens, der Arbeit und der Liebe. Wie leicht ersichtlich, sind es keine zufälligen Fragen, sondern sie stehen unausgesetzt vor uns, drängend und fordernd, ohne irgend ein Entkommen zu gestatten. Denn all unser Verhalten zu diesen drei Fragen ist die Antwort, die wir Kraft unseres Lebensstils geben. Da sie untereinander eng verbunden sind, und zwar dadurch, daß alle drei Probleme zu ihrer richtigen Lösung ein gehöriges Maß von Gemeinschaftsgefühl verlangen, ist es begreiflich, daß sich der Lebensstil jedes Menschen mehr oder weniger deutlich in der Stellung zu allen drei Fragen spiegelt. Weniger deutlich in der, die ihm gegenwärtig ferner liegt oder günstigere Umstände bietet, deutlicher, sofern das Individuum strenger auf seine Eignung geprüft wird. Probleme wie Kunst und Religion, die die durchschnittliche Lösung der Probleme überragen, haben Anteil an allen drei Fragen. Diese ergeben sich aus der untrennbaren Bindung des Menschen an die Notwendigkeit der Vergesellschaftung, der Sorge für den Unterhalt und der Sorge für Nachkommenschaft. Es sind Fragen unseres Erdendaseins, die sich vor uns auftun. Der Mensch als Produkt dieser Erde in seiner kosmischen Beziehung konnte sich nur entwickeln und bestehen in Bindung an die Gemeinschaft, bei körperlicher und seelischer Vorsorge für sie, bei Arbeitsteilung und Fleiß und bei zureichender Vermehrung. In seiner Evolution wurde er körperlich und seelisch dazu ausgestattet durch das Streben nach besserer körperlicher Eignung und besserer seelischer Entwicklung. Alle Erfahrungen, Traditionen, Gebote und Gesetze waren schlecht oder recht Versuche, dauernd oder hinfällig, in dem Streben der Menschheit nach Überlegenheit über die Schwierigkeiten des Lebens. In unserer gegenwärtigen Kultur sehen wir die bisher erreichte, freilich unzulängliche Stufe dieses Strebens. Aus einer Minussituation zu einer Plussituation zu gelangen, zeichnet die Bewegung des einzelnen wie der Masse aus und gibt uns das Recht, von einem dauernden Minderwertigkeitsgefühl beim einzelnen wie bei der Masse zu sprechen. Im Strom der Evolution gibt es keinen Ruhezustand. Das Ziel der Vollkommenheit zieht uns hinan.
Sind aber diese drei Fragen mit ihrer gemeinschaftlichen Basis des sozialen Interesses unausweichlich, dann ist es klar, daß sie nur von Menschen gelöst werden können, die ein zulängliches Maß von Gemeinschaftsgefühl ihr eigen nennen. Es ist leicht zu sagen, daß bis auf den heutigen Tag wohl die Eignung jedes einzelnen zur Erlangung dieses Maßes vorhanden ist, daß aber die Evolution der Menschheit noch nicht genug vorgeschritten ist, um Gemeinschaftsgefühl dem Menschen so weit einzuverleiben, daß es sich automatisch auswirkt, gleich Atmen oder gleich dem aufrechten Gang. Es ist für mich keine Frage, daß in einer � vielleicht sehr späten � Zeit diese Stufe erreicht sein wird, falls die Menschheit nicht an dieser Entwicklung scheitert, wofür heute ein leichter Verdacht vorhanden ist.
Auf die Lösung dieser drei Hauptfragen zielen alle anderen Fragen hin, ob es sich um die Fragen der Freundschaft, der Kameradschaft, des Interesses für Stadt und Land, für Volk und für die Menschheit handelt, um gute Manieren, um Annahme einer kulturellen Funktion der Organe, um Vorbereitung für die Mitarbeit, im Spiel, in der Schule und in der Lehre, um Achtung und Schätzung des anderen Geschlechts, um die körperliche und geistige Vorbereitung zu allen diesen Fragen sowie um die Wahl eines geschlechtlichen Partners. Diese Vorbereitung geschieht richtig oder unrichtig vom ersten Tag der Geburt des Kindes an durch die Mutter, die in der evolutionären Entwicklung der Mutterliebe der von Natur aus geeignetste Partner im mitmenschlichen Erlebnis des Kindes ist. Von der Mutter, die als erster Mitmensch an der Pforte der Entwicklung des Gemeinschaftsgefühls steht, gehen die ersten Impulse für das Kind aus, sich als ein Teil des Ganzen ins Leben einzufinden, den richtigen Kontakt zur Mitwelt zu suchen.
Von zwei Seiten können Schwierigkeiten entstehen. Von Seiten der Mutter, wenn sie unbeholfen, schwerfällig, unbelehrt dem Kinde den Kontakt erschwert, oder wenn sie sorglos ihre Aufgabe allzu leicht nimmt. Oder, was am häufigsten zutrifft, wenn sie das Kind von jeder Mithilfe und jeder Mitarbeit entbindet, es mit Liebkosungen und Zärtlichkeiten überhäuft, für das Kind ständig handelt, denkt und spricht, ihm jede Entwicklungsmöglichkeit unterbindet und es an eine imaginäre Welt gewöhnt, die nicht die unsere ist, in der alles von anderen für das verwöhnte Kind getan wird. Eine verhältnismäßig kurze Zeitstrecke genügt, um das Kind zu verleiten, sich immer im Mittelpunkt des Geschehens zu sehen und alle anderen Situationen und Menschen als feindlich zu empfinden. Dabei darf die Vielfältigkeit der Ergebnisse nicht unterschätzt werden, die aus dem freien Ermessen und der, Mitwirkung der freien schöpferischen Kraft des Kindes erfließen. Das Kind gebraucht die Einflüsse von außen, um sie in seinem Sinne zu verarbeiten. Im Falle der Verwöhnung durch die Mutter lehnt das Kind die Ausbreitung seines Gemeinschaftsgefühls auf andere Personen ab, trachtet sich dem Vater, den Geschwistern und anderen Personen zu entziehen, die ihm nicht ein gleiches Maß von Wärme entgegenbringen. Im Training dieses Lebensstils, in der Meinung vom Leben, als ob alles leicht, nur durch die Mithilfe von außen, gleich im Beginn zu erreichen sei, wird so das Kind später für die Lösung der Lebensfragen mehr oder weniger ungeeignet und erlebt, wenn diese herantreten, unvorbereitet im Gemeinschaftsgefühl, das sie verlangen, eine Schockwirkung, die in leichten Fällen vorübergehend, in schweren dauernd zur Verhinderung einer Lösung beiträgt. Einem verwöhnten Kind ist jeder Anlaß recht, die Mutter mit sich zu beschäftigen. Es erreicht dieses sein Ziel der Überlegenheit am leichtesten, wenn es der Aufnahme einer Kultivierung seiner Funktionen Widerstand leistet, sei es im Trotz � eine Stimmungslage, die trotz der individualpsychologischen Aufklärung neuerdings von Charlotte Bühler als ein natürliches Entwicklungsstadium betrachtet wird �, sei es in mangelhaftem Interesse, das immer auch als ein Mangel an sozialem Interesse zu verstehen ist. Andere krampfhafte Versuche, die Erklärung von Kinderfehlern, wie Stuhlverhaltung oder Bettnässen, von der Sexuallibido oder von sadistischen Trieben abzuleiten und zu glauben, daß damit primitivere oder gar tiefere Schichten des Seelenlebens aufgedeckt sind, verkehren die Folge zur Ursache, da sie die Grundstimmung solcher Kinder, ihr übertriebenes Zärtlichkeitsbedürfnis, verkannt haben, fehlen auch darin, daß sie die evolutionäre Organfunktion so ansehen, als ob sie stets von neuem erworben werden müßte. Die Entwicklung dieser Funktionen ist ebenso menschliches Naturgebot und menschlicher Naturerwerb wie der aufrechte Gang und das Sprechen. In der imaginären Welt der verwöhnten Kinder können sie freilich, ebenso wie das Inzestverbot, als Zeichen des Verwöhntseinwollens umgangen werden, zum Zwecke der Ausnützung anderer Personen oder zum Zwecke der Rache und Anklage, falls die Verwöhnung nicht erfolgt.
Verwöhnte Kinder lehnen auch in tausend Varianten jede Änderung ihrer zufriedenstellenden Situation ab. Erfolgt sie dennoch, so kann man stets die widerstrebenden Reaktionen und Aktionen beobachten, die in mehr aktiver oder in mehr passiver Art zur Durchführung gelangen. Angriff oder Rückzug, die Ausgestaltung hängt größtenteils vom Grad der Aktivität, doch auch von der Lösung fordernden äußeren Situation (vom exogenen Faktor) ab. Erfolgserfahrungen in ähnlichen Fällen geben später die Schablone ab und werden von manchen in unzulänglicher Erfassung als Regression abgefertigt. Manche Autoren gehen noch weiter in ihren Vermutungen und versuchen den gegenwärtig als festen und dauernden evolutionären Erwerb zu betrachtenden seelischen Komplex auf Rückbleibsel aus Urzeiten zurückzuführen und kommen dabei zu phantastischen Funden von Übereinstimmung. Meist sind sie dadurch irregeführt, daß menschliche Ausdrucksformen, insbesondere wenn man die Armut unserer Sprache nicht in Rechnung setzt, zu allen Zeiten eine Ähnlichkeit aufweisen. Es ist nur eine andere Ähnlichkeit getroffen, wenn versucht wird, alle menschlichen Bewegungsformen auf die Sexualität zu beziehen.
Ich habe begreiflich gemacht, daß verwöhnte Kinder sich außerhalb des Kreises der Verwöhnung stets bedroht, wie in Feindesland fühlen. Alle ihre verschiedenen Charakterzüge müssen mit ihrer Meinung vom Leben übereinstimmen, vor allem ihre oft nahezu unfaßbare Selbstliebe und Selbstbespiegelung. Daß alle diese Charakterzüge Kunstprodukte, daß sie erworben und nicht angeboren sind, geht daraus eindeutig hervor. Es ist nicht schwer einzusehen, daß alle Charakterzüge, entgegen der Auffassung der sogenannten Charakterologen, soziale Bezogenheiten bedeuten und aus dem vom Kinde gefertigten Lebensstil entspringen. So löst sich auch die alte Streitfrage auf, ob der Mensch von Natur aus gut oder böse sei. Der evolutionär wachsende, unaufhaltsame Fortschritt des Gemeinschaftsgefühls berechtigt zur Annahme, daß der Bestand der Menschheit mit dem »Gutsein« untrennbar verknüpft ist. Was scheinbar dagegen spricht, ist als Fehlschlag in der Evolution zu betrachten und läßt sich auf Irrtümer zurückführen, wie es ja auch unbrauchbares körperliches Material in den Tierspezies auf dem großen Versuchsfeld der Natur immer gegeben hat. Die Charakterlehre wird sich aber bald entschließen müssen zuzugeben, daß Charaktere wie »mutig, tugendhaft, faul, feindselig, standhaft usw.« sich immer nach unserer, sich stets verändernden Außenwelt richten und ohne diese Außenwelt einfach nicht existieren.
Es gibt, wie ich gezeigt habe, noch andere Bürden in der Kindheit, die wie die Verwöhnung das Wachstum des Gemeinschaftsgefühls verhindern. Auch in der Betrachtung dieser Hindernisse müssen wir ein waltendes kausales Grundgesetz bestreiten und wir sehen in ihren Auswirkungen nur ein verleitendes Moment, das sich in statistischer Wahrscheinlichkeit ausdrückt. Auch die Verschiedenheit und Einmaligkeit der individuellen Erscheinung darf nie übersehen werden. Sie ist der Ausdruck der nahezu willkürlich schaffenden Kraft des Kindes in der Gestaltung seines Bewegungsgesetzes. Diese anderen Bürden sind Vernachlässigung des Kindes und sein Besitz an minderwertigen Organen. Beide lenken, so wie die Verwöhnung, den Blick und das Interesse des Kindes vom »Mitleben« ab und wenden sie der eigenen Gefährdung und dem eigenen Wohle zu. Daß letzteres nur unter Voraussetzung eines genügenden Gemeinschaftsgefühls gesichert ist, soll weiterhin schärfer bewiesen werden. Aber es kann leicht verstanden werden, daß das irdische Geschehen dem sich entgegenstellt, der allzu wenig mit ihm in Kontakt, in Einklang ist.
Von allen drei Bürden der ersten Kindheit kann gesagt werden, daß die schaffende Kraft des Kindes sie einmal besser, einmal schlechter überwinden kann. Aller Erfolg oder Mißerfolg hängt vom Lebensstil, von der dem Menschen meist unbekannten Meinung von seinem Leben ab. In der gleichen Weise wie wir von der statistischen Wahrscheinlichkeit der Folgen dieser drei Bürden sprachen, müssen wir nun feststellen, daß auch die Fragen des Lebens, die großen wie die kleinen, auch nur eine, wenn auch bedeutende statistische Wahrscheinlichkeit als Schockfragen für die Stellung des Individuums zu ihnen aufweisen. Man kann wohl mit einiger Sicherheit die Folgen für ein Individuum voraussagen, wenn es in Berührung mit den Lebensfragen kommt. Man wird sich aber immer daran halten müssen, erst aus den richtig vorausgesagten Folgen auf die Richtigkeit einer Annahme zu schließen.
Daß die Individualpsychologie wie keine andere psychologische Richtung kraft ihrer Erfahrung und ihrer Wahrscheinlichkeitsgesetze Vergangenes erraten kann, ist wohl ein gutes Zeichen für ihre wissenschaftliche Fundierung.
Es obliegt uns nun, auch jene scheinbar untergeordneten Fragen darauf zu prüfen, ob auch sie zu ihrer Lösung ein entwickeltes Gemeinschaftsgefühl erfordern. Da stoßen wir in erster Linie auf die Stellung des Kindes zum Vater. Die Norm wäre ein nahezu gleiches Interesse für Mutter und Vater. Äußere Verhältnisse, die Persönlichkeit des Vaters, Verwöhnung durch die Mutter, oder Krankheiten und schwierige Organentwicklung, deren Pflege mehr der Mutter zufallen, können zwischen Kind und Vater eine Distanz schaffen und so die Ausbreitung des Gemeinschaftsgefühls hindern. Das strengere Eingreifen des Vaters, wenn er die Folgen der Verzärtelung durch die Mutter verhindern will, vergrößert nur diese Distanz. Ebenso der von der Mutter oft unverstandene Hang, das Kind auf ihre Seite zu ziehen. Überwiegt die Verwöhnung durch den Vater, so wendet sich das Kind ihm zu und von der Mutter weg. Dieser Fall ist stets als zweite Phase im Leben eines Kindes zu verstehen und zeigt an, daß das Kind durch seine Mutter eine Tragödie erlebt hat. Bleibt es als verwöhntes Kind an der Mutter haften, so wird es sich mehr oder weniger wie ein Parasit entfalten, der alle Bedürfnisbefriedigungen, gelegentlich auch sexuelle, von seiner Mutter erwartet. Dies um so eher, als der im Kinde erwachte Sexualtrieb das Kind in einer Stimmungslage findet, in der es sich keinen Wunsch zu versagen gelernt hat, weil es stets nur die Befriedigung aller Wünsche von der Mutter erwartet. Was Freud als den Ödipuskomplex bezeichnet hat, der ihm als die natürliche Grundlage der seelischen Entwicklung erscheint, ist nichts als eine der vielen Erscheinungsformen im Leben eines verwöhnten Kindes, das der widerstandslose Spielball seiner aufgepeitschten Wünsche ist. Dabei müssen wir davon absehen, daß derselbe Autor mit unbeirrbarem Fanatismus alle Beziehungen eines Kindes zu seiner Mutter in ein Gleichnis zwängt, dessen Grundlage für ihn der Ödipuskomplex abgibt. Ebenso müssen wir es ablehnen, was vielen Autoren eine plausible Tatsache zu sein scheint, anzunehmen, daß von Natur aus die Mädchen sich mehr dem Vater, die Knaben mehr der Mutter anschließen. Wo dies ohne Verwöhnung geschehen ist, dürfen wir darin ein Verständnis für die künftige Geschlechtsrolle erblicken, für ein viel späteres Stadium also, in dem das Kind in spielerischer Weise, meist ohne dafür den Geschlechtstrieb in Bewegung zu setzen, sich für die Zukunft vorbereitet, wie es dies ja auch in anderen Spielen durchführt. Frühzeitig erwachter und nahezu unbezähmbarer Sexualtrieb spricht in erster Linie für ein egozentrisches Kind, meist für ein verwöhntes, das sich keinen Wunsch versagen kann.




