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5. Körperform, Bewegung und Charakter
Inhaltsverzeichnis
Hier sollen die drei Erscheinungsformen, wie sie bei der Spezies Mensch sich zeigen, Körperform, Bewegung und Charakter, nach ihrem Wert und in bezug auf ihren Sinn besprochen werden. Eine wissenschaftliche Menschenkenntnis muß natürlich Erfahrungen zu ihrer Grundlage machen. Aber die Sammlung von Tatsachen ergibt noch keine Wissenschaft. Jene ist vielmehr die Vorstufe dieser, und das gesammelte Material bedarf einer zulänglichen Einreihung unter ein gemeinsames Prinzip. Daß die im Zorn erhobene Faust ebenso wie das Knirschen der Zähne, ein wutvoll geschleuderter Blick, laut ausgestoßene Verwünschungen usw. Bewegungen sind, die einem Angriff entsprechen, ist aber so sehr in den Common sense übergegangen, daß dem menschlichen Forschungsdrang, der Wahrheit näher zu kommen � was das Wesen der Wissenschaft ausmacht �, in diesem Bereich keine Aufgabe mehr gesetzt ist. Erst wenn es gelingt, diese und andere Manifestationen in einen größeren, bisher unentdeckten Zusammenhang zu bringen, wo sich neue Gesichtspunkte erschließen, bisherige Probleme gelöst erscheinen oder auftauchen, hat man das Recht, von Wissenschaft zu sprechen.
Die Form der menschlichen Organe sowie die äußere Form des Menschen steht in einem ungefähren Einklang mit seiner Lebensweise und verdankt ihr Grundschema dem Anpassungsprozeß an die für lange Zeitläufe stabilen äußeren Verhältnisse. Der Grad der Anpassung variiert millionenfach und wird in seiner Form erst auffällig, wenn eine gewisse, irgendwie merkliche Grenze überschritten ist. Auf diese Grundlage menschlicher Formentwicklung wirken freilich noch eine Anzahl von anderen Faktoren ein, von denen ich hervorheben will:
1. Den Untergang von bestimmten Varianten, für die vorübergehend oder dauernd keine Lebensmöglichkeiten bestehen. Hier greift nicht bloß das Gesetz der organischen Anpassung ein, sondern auch irrtümliche Formen der Lebensweisen, die größere oder kleinere Gruppenbestände übermäßig belastet haben (Krieg, schlechte Verwaltung, Mangel an sozialer Anpassung usw.). Wir werden demnach außer den starren Vererbungsgesetzen, etwa nach der Mendelschen Regel, auch noch eine Beeinflußbarkeit der Organ- und Formwertigkeit im Anpassungsprozeß zu berücksichtigen haben. Eine Beziehung der Form zu den individuellen und allgemeinen Belastungen wird sich als Funktionswert ausdrücken lassen.
2. Die sexuelle Auslese. Sie scheint infolge der wachsenden Kultur und des gesteigerten Verkehrs auf eine Angleichung der Form, des Typus, hinzuarbeiten und wird mehr oder weniger durch biologisches, medizinisches Verständnis sowie durch das damit zusammenhängende ästhetische Gefühl, wohl Wandlungen und Irrungen unterworfen, beeinflußt. Schönheitsideale wie der Athlet, der Hermaphrodit, Üppigkeit, Schlankheit zeigen den Wandel dieser Einflüsse, der sicherlich durch die Kunst namhaft angeregt wird.
3. Die Korrelation der Organe. Sie stehen zueinander, gemeinsam mit den Drüsen mit innerer Sekretion (Schilddrüse, Sexualdrüsen, Nebenniere, Gehirnanhangsdrüse) wie in einem geheimen Bunde und können sich gegenseitig unterstützen oder schädigen. So kommt es, daß Formen bestehen können, die im einzelnen dem Verfall geweiht wären, in ihrem Zusammenhang aber den Gesamtfunktionswert des Individuums nicht wesentlich stören. In dieser Totalitätswirkung spielt das periphere und zentrale Nervensystem eine hervorragende Rolle, weil es im Bunde mit dem vegetativen System in seinen Leistungen eine große Steigerungsfähigkeit aufweist und im eigenen Training, körperlich und geistig, den Gesamtfunktionswert des Individuums zu erhöhen imstande ist. Diesem Umstand ist es zu verdanken, daß selbst atypische, geradezu fehlerhafte Formen den Bestand von Individuen und Generationen keineswegs bedrohen müssen, da sie aus anderen Kraftquellen eine Kompensation erfahren, so daß sich die Bilanz des Gesamtindividuums im Gleichgewicht, gelegentlich sogar darüber halten kann. Eine unvoreingenommene Untersuchung wird wohl zeigen, daß sich unter den hervorragendsten, leistungsfähigsten Menschen nicht gerade immer die schönsten finden. Dies legt auch den Gedanken nahe, daß eine individuelle Rassen- oder Völker-Eugenik nur in sehr beschränktem Ausmaß Werte schaffen könnte und mit einer solchen Unsumme von komplizierten Faktoren belastet wäre, daß ein Fehlurteil viel wahrscheinlicher wäre als ein gesicherter Schluß. Eine noch so gesicherte Statistik könnte für den Einzelfall keinesfalls ausschlaggebend sein.
Das mäßig kurzsichtige Auge in seinem langgestreckten Bau ist zumeist in unserer für Naharbeit eingerichteten Kultur ein unzweifelhafter Vorteil, weil eine Ermüdung des Auges nahezu ausgeschlossen ist. Die in fast 40 Prozent verbreitete Linkshändigkeit ist sicher in einer rechtshändigen Kultur von Nachteil. Und doch finden wir unter den besten Zeichnern und Malern, unter den manuell geschicktesten Menschen eine auffallende Zahl von Linkshändern, die mit ihren besser trainierten rechten Händen Meisterhaftes leisten. Die Dicken wie die Dünnen sind von verschiedenen, aber in ihrer Schwere kaum ungleichen Gefahren bedroht, wenngleich sich vom Standpunkt der Ästhetik und Medizin die Waagschale immer mehr zugunsten der Schlanken senkt. Sicherlich erscheint eine kurze, breite Mittelhand wegen der günstigeren Hebelwirkung für Schwerarbeit besser geeignet. Aber die technische Entwicklung durch die Vervollkommnung der Maschinen macht körperliche Schwerarbeit immer mehr überflüssig. Körperliche Schönheit � obwohl wir uns ihrem Reiz nicht entziehen können � bringt ebensooft Vorteile wie Nachteile mit sich. Es dürfte manchem aufgefallen sein, daß sich unter den ehelosen und Nachkommenschaft entbehrenden Personen auffallend viele wohlgestaltete Menschen finden, während oft weniger ansprechende Typen wegen anderer Vorzüge an der Fortpflanzung teilnehmen. Wie oft findet man an einer Stelle andere Typen, als man erwartet hätte, kurzbeinige, plattfüßige Hochtouristen, herkulische Schneider, mißgestaltete Günstlinge der Frauen, wo erst ein näherer Einblick in die psychischen Komplikationen ein Verständnis ermöglicht. Jeder kennt wohl infantile Gestalten von seltener Reife und männliche Typen mit infantilem Gehaben, feige Riesen und mutige Zwerge, häßliche, verkrüppelte Gentlemen und hübsche Halunken, weichlich geformte Schwerverbrecher und hartaussehende Gesellen mit weichem Herzen. Daß Lues und Trunksucht den Keim der Nachkommenschaft schädigt, ihr recht häufig ein erkennbares äußeres Gepräge verleiht, ist eine feststehende Tatsache, sowie auch, daß diese Nachkommenschaft leichter erliegt. Aber Ausnahmen sind nicht selten, und erst in den letzten Tagen machte uns der im Alter noch so rüstige Bernhard Shaw mit seinem trunksüchtigen Vater bekannt. Dem transzendenten Prinzip der Auslese steht das dunkle, weil allzu komplizierte Walten der Anpassungsgesetze entgegen. Wie schon der Dichter klagt: »Und Patroklus liegt begraben und Thersites kehrt zurück.« Nach den männerverzehrenden Schwedenkriegen fehlte es an Männern. Ein Gesetz zwang alle Übriggebliebenen, Kranke und Krüppel zur Ehe. Nun, wenn man völkermäßig vergleichen kann, gehören heute die Schweden zu den besten Typen. Im alten Griechenland griff man zur Aussetzung mißgestalteter Kinder. In der Ödipus-Sage zeigt sich der Fluch der vergewaltigten Natur, vielleicht besser gesagt: der vergewaltigten Logik des menschlichen Zusammenlebens.
Vielleicht trägt jeder von uns ein Idealbild der menschlichen Form in sich und mißt den ändern danach. Wir kommen im Leben ja niemals über die Notwendigkeit des Erratens hinweg. Geister, die einen höheren Flug nehmen, nennen es Intuition. Dem Psychiater und Psychologen stellt sich die Frage, nach welchen uns innewohnenden Normen wir die menschliche Form beurteilen. Hier scheinen Erfahrungen aus dem Leben, oft geringfügigen Umfanges, und stereotype Bilder, meist in der Kindheit festgehalten, den Ausschlag zu geben. Lavater und andere haben ein System daraus gemacht. Entsprechend der ungeheuren Gleichartigkeit solcher Eindrücke, wie wir uns geizige, wohlwollende, boshafte und verbrecherische Menschen vorstellen, ist, trotz aller berechtigter Bedenken, nicht von der Hand zu weisen, daß da unser heimlich abwägender Verstand die Form nach ihrem Inhalt, nach ihrem Sinn fragt. Ist es der Geist, der sich den Körper schafft?
Ich möchte aus den Leistungen auf diesem Gebiet zwei hervorheben, weil sie imstande sind, einiges Licht auf das Dunkel des Problems von Form und Sinn zu werfen. Wir wollen den Beitrag Carus' nicht vergessen, um dessen Wiederbelebung sich Klages sehr verdient gemacht hat. Noch sollen von neueren Forschern Jaensch und Bauer übergangen werden. Aber besonders möchte ich Kretschmers hervorragende Arbeit betreffend »Körperbau und Charakter« sowie meine »Studie über Minderwertigkeit von Organen« heranziehen. Letztere ist weitaus älter. Ich dachte darin die Spuren der Brücke gefunden zu haben, die aus angeborener körperlicher Minderwertigkeit, einer formalen Minusvariante, durch Erzeugung eines größeren Minderwertigkeitsgefühls Anlaß zu einer besonderen Spannung im psychischen Apparat gibt. Die Anforderungen der Außenwelt werden daher als allzu feindlich empfunden, und die Sorge um das eigene Ich erhöht sich bei Mangel eines richtigen Trainings in deutlich egozentrischer Weise. Dadurch kommt es zu seelischer Überempfindlichkeit, Mangelhaftigkeit des Mutes und der Entschlußfähigkeit und zu einem unsozialen Apperzeptionsschema. Die Perspektive zur Außenwelt ist einer Anpassung im Wege und verleitet zu Fehlschlägen. Hier ergibt sich ein Aussichtspunkt, von dem aus man mit allergrößter Vorsicht unter fortwährendem Spähen nach Bestätigungen oder Widersprüchen aus der Form auf das Wesen, auf den Sinn schließen könnte. Ob erfahrene Physiognomiker instinktiv, jenseits der Wissenschaft diesen Weg gegangen sind, muß ich dahingestellt sein lassen. Daß anderseits das psychische Training, aus dieser größeren Spannung entsprungen, zu größeren Leistungen führen kann, konnte ich oft bestätigen. Ich glaube nicht zu irren, wenn ich aus einigen Erfahrungen den Schluß ziehe, daß psychisch und im Verhalten durch ein geeignetes Training endokrine Drüsen, wie zum Beispiel die Sexualdrüsen, gefördert, durch ungeeignetes Training geschädigt werden können. Es dürfte kein Zufall sein, daß ich so oft bei infantilen, mädchenhaften Knaben sowie bei knabenhaften Mädchen gleichzeitig ein Training im verkehrten Sinne gefunden habe, das durch die Eltern angezettelt worden war.
Kretschmer hat durch die Gegenüberstellung des pyknoiden und schizoiden Typus mit ihren äußeren Formverschiedenheiten und ihren besonderen seelischen Prozessen eine Beschreibung gegeben, die schicksalhafte Geltung hat. Die Brücke zwischen Form und Sinn lag außerhalb seines Interesses. Seine glänzende Darstellung dieses Tatbestandes wird sicherlich einst einer der Ausgangspunkte sein, die zur Aufhellung unseres Problems beitragen werden.
Auf viel sichererem Boden befindet sich der Untersucher, wenn er an die Sinnfindung der Bewegung geht. Viel bleibt auch hier dem Erraten vorbehalten, und man wird jedesmal aus dem ganzen Zusammenhang Bestätigungen holen müssen, ob man auch richtig geraten hat. Damit sagen wir zugleich, wie es die Individualpsychologie immer betont, daß jede Bewegung der Gesamtpersönlichkeit entspringt und ihren Lebensstil in sich trägt, daß jede Ausdrucksweise der Einheit der Persönlichkeit entstammt, in der es keine Widersprüche gegen sie, keine Ambivalenz, keine zwei Seelen gibt. Daß jemand im Unbewußten ein anderer wäre als im Bewußten � eine künstliche Teilung übrigens, die nur dem Analysenfanatismus entspringt � wird jeder leugnen, der die Feinheiten und Nuancen des Bewußtseins begriffen hat. Wie einer sich bewegt, so ist der Sinn seines Lebens.
Die Individualpsychologie hat versucht, die Lehre vom Sinn der Ausdrucksbewegungen wissenschaftlich auszugestalten. Zwei Abläufe innerhalb dieser sind es, die in ihren tausendfältigen Variationen eine Deutung ermöglichen. Die eine gestaltet sich seit der frühesten Kindheit und zeigt den Drang, aus einer Situation der Unzulänglichkeit zu deren Überwindung zu gelangen, einen Weg zu finden, der aus einem Gefühl der Minderwertigkeit zur Überlegenheit, zur Lösung der Spannung führt. Dieser Weg wird in der Kindheit bereits in seiner Eigenart und Variante habituell und zeigt sich als Bewegungsform in gleichbleibender Art durch das ganze Leben. Seine individuelle Nuance setzt beim Beobachter künstlerisches Verständnis voraus. Der andere Faktor eröffnet uns den Einblick in das Gemeinschaftsinteresse des Handelnden, in den Grad oder in den Mangel seiner Bereitschaft zum Mitmenschen. Unser Urteil über den Blick, über das Zuhören, Sprechen, Handeln und Leisten, unsere Wertung und Unterscheidung aller Ausdrucksbewegungen zielt auf den Wert ihrer Beitragsleistung. In einer immanenten Sphäre des gegenseitigen Interesses herangebildet, beweisen sie bei jeder Prüfung den Grad ihrer Vorbereitung zur Beitragsleistung. Die erstere Bewegungslinie wird immer erscheinen, wohl in tausendfachen Formen, und kann bis zum Tode nicht verschwinden. Im ununterbrochenen Wandel der Zeit lenkt jede Bewegung der Drang nach Überwindung. Der Faktor des Gemeinschaftsgefühls tönt und färbt diese aufwärts strebende Bewegung.
Wenn wir nun im Suchen nach den tiefsten Einheiten mit aller Vorsicht einen Schritt weiter gehen wollen, so gelangen wir zu einer Perspektive, die uns ahnen läßt, wie aus Bewegung Form wird. Die Plastizität der lebendigen Form hat sicher ihre Grenzen, aber innerhalb dieser wirkt sich individuell, in Generationen, in Völkern und Rassen gleichbleibend im Strom der Zeit, Bewegung aus. Bewegung wird gestaltete Bewegung: Form.
So ist Menschenkenntnis aus Form möglich, wenn wir die gestaltende Bewegung in ihr erkennen.
6. Der Minderwertigkeitskomplex
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Ich habe vor langer Zeit hervorgehoben, daß Mensch sein heißt: sich minderwertig fühlen. Vielleicht kann sich nicht jeder dessen entsinnen. Mag sein auch, daß sich manche durch diesen Ausdruck abgestoßen fühlen und lieber einen anderen Namen wählen würden. Ich habe nichts dagegen, um so weniger, als ich sehe, daß verschiedene Autoren es bereits getan haben. Superkluge kalkulierten, um mich ins Unrecht zu setzen, daß das Kind, um zu einem Gefühl der Minderwertigkeit zu kommen, eine Vollwertigkeit bereits empfunden haben müßte. Das Gefühl der Unzulänglichkeit ist ein positives Leiden und währt mindestens so lange, als eine Aufgabe, ein Bedürfnis, eine Spannung nicht gelöst ist. Es ist offenbar ein von Natur aus gegebenes und ermöglichtes Gefühl, einer schmerzlichen Spannung vergleichbar, die nach Lösung verlangt. Diese Lösung muß durchaus nicht lustvoll sein, wie etwa Freud annimmt, kann aber von Lustgefühlen begleitet sein, was der Auffassung Nietzsches entsprechen würde. Unter Umständen kann die Lösung dieser Spannung auch mit dauerndem oder vorübergehendem Leid, mit Schmerz verbunden sein, wie etwa die Trennung von einem untreuen Freund oder eine schmerzhafte Operation. Auch ein Ende mit Schrecken, allgemein einem Schrecken ohne Ende vorgezogen, kann nur durch Rabulistik als Lust gewertet werden.
So wie der Säugling in seinen Bewegungen das Gefühl seiner Unzulänglichkeit verrät, das unausgesetzte Streben nach Vervollkommnung und nach Lösung der Lebensanforderungen, so ist die geschichtliche Bewegung der Menschheit als die Geschichte des Minderwertigkeitsgefühls und seiner Lösungsversuche anzusehen. Einmal in Bewegung gesetzt, war die lebende Materie stets darauf aus, von einer Minussituation in eine Plussituation zu gelangen. Diese Bewegung, die ich bereits im Jahre 1907 in der bereits zitierten »Studie über Minderwertigkeit der Organe« geschildert habe, ist es, die wir im Begriffe der Evolution erfassen. Diese Bewegung, die durchaus nicht als zum Tode führend angesehen werden darf, ist vielmehr darauf gerichtet, zur Bewältigung der äußeren Welt zu gelangen, keineswegs zu einem Ausgleich, nicht zu einem Ruhezustand. Wenn Freud behauptet, daß der Tod die Menschen anzieht, so daß sie ihn im Traum oder auch sonstwie herbeisehnen, so wäre dies sogar in seiner Auffassung eine voreilige Antizipation. Dagegen kann nicht daran gezweifelt werden, daß es Menschen gibt, die den Tod einem Ringen mit den äußeren Umständen vorziehen, weil sie in ihrer Eitelkeit allzusehr die Niederlage fürchten. Es sind die Menschen, die sich stets nach Verwöhnung sehnen, nach persönlichen Erleichterungen, die durch andere bewerkstelligt sein sollen.
Der menschliche Körper ist nachweisbar nach dem Prinzip der Sicherung aufgebaut. Meltzer hat in »The Harvard Lectures« im Jahre 1906 und 1907, also ungefähr um dieselbe Zeit, wie ich in der oben zitierten Studie, nur gründlicher und umfassender, auf dieses Prinzip der Sicherung hingewiesen. Für ein geschädigtes Organ tritt ein anderes ein, ein geschädigtes Organ erzeugt aus sich heraus eine ergänzende Kraft. Alle Organe können mehr leisten, als sie bei normaler Beanspruchung leisten müßten, ein Organ genügt oft mehrfachen, lebenswichtigen Funktionen usw. Das Leben, dem das Gesetz der Selbsterhaltung vorgeschrieben ist, hat auch die Kraft und Fähigkeit dazu aus seiner biologischen Entwicklung gewonnen. Die Abspaltung in Kinder und in jüngere Generationen ist nur ein Teil dieser Lebenssicherung.
Aber auch die stets steigende Kultur, die uns umgibt, weist auf diese Sicherungstendenz hin und zeigt den Menschen in einer dauernden Stimmungslage des Minderwertigkeitsgefühls, das stets unser Tun anspornt, um zu größerer Sicherheit zu gelangen. Lust oder Unlust, die dieses Streben begleiten, sind nur Hilfen und Prämien auf diesem Wege. Eine Anpassung aber an die gegebene Realität wäre nichts anderes als Ausnützung der strebenden Leistungen anderer, wie es das Weltbild des verwöhnten Kindes verlangt. Das dauernde Streben nach Sicherheit drängt zur Überwindung der gegenwärtigen Realität zugunsten einer besseren. Ohne diesen Strom der vorwärts drängenden Kultur wäre das menschliche Leben unmöglich. Der Mensch müßte dem Ansturm der Naturkräfte unterliegen, wenn er sie nicht zu seinen Gunsten verwendet hätte. Ihm fehlt alles, was stärkere Lebewesen zum Sieger über ihn gemacht hätte. Die Einflüsse des Klimas zwingen ihn, sich vor Kälte mit Stoffen zu schützen, die er besser geschützten Tieren abnimmt. Sein Organismus verlangt künstliche Behausung, künstliche Zubereitung der Speisen. Sein Leben ist nur gesichert bei Arbeitsteilung und bei genügender Vermehrung. Seine Organe und sein Geist arbeiten stets auf Überwindung, auf Sicherung. Dazu kommt seine größere Kenntnis der Gefahren des Lebens, sein Wissen vom Tode. Wer kann ernstlich daran zweifeln, daß dem von der Natur so stiefmütterlich bedachten menschlichen Individuum als Segen ein starkes Minderwertigkeitsgefühl mitgegeben ist, das nach einer Plussituation drängt, nach Sicherung, nach Überwindung? Und diese ungeheure, zwangsweise Auflehnung gegen ein haftendes Minderwertigkeitsgefühl als Grundlage der Menschheitsentwicklung wird in jedem Säugling und Kleinkind aufs neue erweckt und wiederholt.
Das Kind, wenn nicht allzusehr geschädigt wie etwa das idiotische Kind, steht bereits unter dem Zwang dieser Entwicklung nach aufwärts, der seinen Körper und seine Seele zum Wachstum antreibt. Auch ihm ist von Natur aus das Streben nach Überwindung vorgezeichnet. Seine Kleinheit, seine Schwäche, der Mangel an selbstgeschaffenen Befriedigungen, die kleineren und größeren Vernachlässigungen sind individuelle Stachel für seine Kraftentwicklung. Es schafft sich neue, vielleicht nie dagewesene Lebensformen aus dem Druck seines dürftigen Daseins. Seine Spiele, immer auf ein Ziel der Zukunft gerichtet, sind Zeichen seiner selbstschöpferischen Kraft, die man keineswegs mit bedingten Reflexen erklären kann. Es baut ständig ins Leere der Zukunft hinein, getrieben vom Zwang der Überwindungsnotwendigkeit. Vom Muß des Lebens in Bann getan, zieht es seine stets wachsende Sehnsucht zum Endziel einer Überlegenheit über die irdische Stätte, die ihm angewiesen ist, mit allen ihren unausweichlichen Forderungen. Und dieses Ziel, das es hinanzieht, gewinnt Farbe und Ton in der kleinen Umgebung, in der das Kind nach Überwindung strebt.
Ich kann hier nur kurz einer theoretischen Überlegung Raum geben, die ich als grundlegend im Jahre 1912 in meinem Buche »Über den nervösen Charakter« veröffentlicht habe. Gibt es ein solches Ziel der Überwindung, wie es durch die Evolution sichergestellt ist, dann wird für dieses Ziel der erreichte Grad der im Kinde konkret gewordenen Evolution Baumaterial für seine weitere Entwicklung. Mit anderen Worten: seine Heredität, sei sie körperlich oder seelisch, in Möglichkeiten ausgedrückt, zählt nur soweit, als sie für das Endziel verwendbar ist und verwendet wird. Was man später in der Entwicklung des Individuums findet, ist aus dem Gebrauch des hereditären Materials entstanden und dankt seine Vollendung der schöpferischen Kraft des Kindes. Auf Verlockungen dieses Materials habe ich selbst am schärfsten hingewiesen. Ich muß aber eine kausale Bedeutung dieses Materials leugnen, weil die vielgestaltige und sich stets verändernde Außenwelt eine schöpferische elastische Verwendung dieses Materials erfordert. Die Richtung auf Überwindung bleibt stets erhalten, wenngleich das Ziel der Überwindung, sobald es im Strom der Welt konkrete Gestalt angenommen hat, jedem Individuum eine andere Richtung vorschreibt.
Minderwertige Organe, Verwöhnung oder Vernachlässigung verleiten die Kinder häufig, konkrete Ziele der Überwindung aufzurichten, die mit der Wohlfahrt des einzelnen sowie mit der Höherentwicklung der Menschheit in Widerspruch stehen. Aber es gibt genug andere Fälle und Ausgänge, die uns berechtigen, nicht von Kausalität, sondern von statistischer Wahrscheinlichkeit, von einer aus Irrtum entstandenen Verleitung zu sprechen, wobei noch zu überlegen ist, daß jede Bosheit anders aussieht, daß jeder, der einer bestimmten Weltanschauung anhängt, eine andere Perspektive darin zeigt, daß jeder literarische Schmutzfink seine Eigenheiten hat, daß jeder Neurotiker sich vom andern unterscheidet, wie auch jeder Delinquent vom andern. Und gerade in dieser Andersartigkeit jedes Individuums erweist sich die Eigenschöpfung des Kindes, sein Gebrauch und die Benützung angeborener Möglichkeiten und Fähigkeiten.
Das Gleiche gilt auch für die Umweltsfaktoren und für die erzieherischen Maßnahmen. Das Kind nimmt sie auf und verwendet sie zur Konkretisierung seines Lebensstils, schafft sich ein Ziel, dem es unentwegt anhängt, demgemäß es apperzipiert, denkt, fühlt und handelt. Hat man einmal die Bewegung des Individuums ins Auge gefaßt, dann kann einen keine Macht der Welt davon entheben, ein Ziel anzunehmen, dem die Bewegung zuströmt. Es gibt keine Bewegung ohne Ziel. Dieses Ziel kann nie erreicht werden. Die Ursache liegt im primitiven Verstehen des Menschen, daß er niemals der Herr der Welt sein kann, so daß er diesen Gedanken, wenn er einmal auftaucht, in die Sphäre des Wunders oder der Allmacht Gottes versetzen muß.
Das Minderwertigkeitsgefühl beherrscht das Seelenleben und läßt sich leicht aus dem Gefühl der Unvollkommenheit, der Unvollendung und aus dem ununterbrochenen Streben der Menschen und der Menschheit verstehen.
Jede der tausend Aufgaben des Tages, des Lebens setzt das Individuum in Angriffsbereitschaft. Jede Bewegung schreitet von Unvollendung zur Vollendung. Ich habe im Jahre 1909 im »Aggressionstrieb im Leben und in der Neurose« versucht, diese Tatsache näher zu beleuchten und kam zu dem Schluß, daß die Art dieser im Zwange der Evolution entstandenen Angriffsbereitschaft aus dem Lebensstil erwächst, ein Teil des Ganzen ist. Sie als radikal böse aufzufassen, sie aus einem angeborenen sadistischen Trieb zu erklären, dazu fehlt jeder Vorwand. Wenn man schon den trostlosen Versuch macht, ein Seelenleben auf Trieben ohne Richtung und Ziel aufzubauen, so dürfte man zumindest nicht den Zwang der Evolution vergessen, auch nicht den im Menschen evolutionär gegebenen Hang zur Gemeinschaft. Daß kritiklose Menschen aus allen Schichten diese unverstandene Erfassung des Seelenlebens verwöhnter und deshalb schwer enttäuschter Menschen, die nie genug haben, für eine grundlegende Lehre des Seelenlebens halten, kann bei der übergroßen Zahl verwöhnter und enttäuschter Menschen nicht wundernehmen.
Die Einordnung des Kindes in seinen ersten Umgebungskreis ist demnach sein erster schöpferischer Akt, zu dem es unter Gebrauch seiner Fähigkeiten durch sein Minderwertigkeitsgefühl getrieben wird. Diese Einordnung, in jedem Falle verschieden, ist Bewegung, die schließlich als Form, gefrorene Bewegung von uns erfaßt wird, Lebensform, die ein Ziel der Sicherheit und Überwindung zu versprechen scheint. Die Grenzen, in denen sich diese Entwicklung abspielt, sind die allgemein menschlichen, durch den Stand der generellen und individuellen Evolution gegebenen. Aber nicht jede Lebensform nützt diesen Stand richtig aus und stellt sich deshalb mit dem Sinn der Evolution in Widerspruch. In den früheren Kapiteln habe ich gezeigt, daß die volle Entwicklung des menschlichen Körpers und Geistes am besten gewährleistet ist, wenn sich das Individuum in den Rahmen der idealen Gemeinschaft, die zu erstreben ist, einfügt als Strebender und Wirkender. Zwischen denen, die, bewußt oder ohne es zu wissen, diesem Standpunkt gerecht werden, und den vielen anderen, die ihm nicht Rechnung tragen, klafft ein unüberbrückbarer Spalt. Der Widerspruch, in dem sie stehen, erfüllt die Menschenwelt mit kleinlichen Zänkereien und mit gewaltigen Kämpfen. Die Strebenden bauen auf und tragen zur Wohlfahrt der Menschheit bei. Aber auch die Widerstrebenden sind nicht durchaus wertlos. Durch ihre Fehler und Irrtümer, die kleinere und größere Kreise schädigen, zwingen sie die anderen, stärkere Anstrengungen zu machen. So gleichen sie dem Geist, »der stets das Böse will und doch das Gute schafft«. Sie erwecken den kritischen Geist der anderen und verhelfen ihnen zu besserer Einsicht. Sie tragen zum schaffenden Minderwertigkeitsgefühl bei.




