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Auch der »geborene Verbrecher« ist eine abgetane Kategorie. Man wird zu solchen Irrtümern oder zur Idee des Verbrechers aus Schuldgefühl nur kommen können, wenn man unsere Ermittlungen nicht berücksichtigt, die immer wieder auf das schwere Minderwertigkeitsgefühl in der Kindheit, auf die Ausgestaltung des Überlegenheitskomplexes und auf das mangelhaft entwickelte Gemeinschaftsgefühl hinweisen. Man findet eine große Zahl von Organminderwertigkeitszeichen unter den Verbrechern, und in der Schockwirkung einer Verurteilung stärkere Schwankungen des Stoffgrundumsatzes als Wahrscheinlichkeitszeichen einer Konstitution, die schwerer als andere zum Äquilibrium gelangt. Man findet eine übergroße Zahl von Menschen, die verzärtelt wurden oder sich nach Verwöhnung sehnen. Und man findet ehemals vernachlässigte Kinder unter ihnen. Man wird sich immer von diesen Tatsachen überzeugen können, wenn man nur nicht mit einer Phrase, mit einer engen Formel an die Prüfung geht. Die Tatsache der Organminderwertigkeiten zeigt sich oft auffallend in der gelegentlichen Häßlichkeit von Verbrechern. Der stets zu erhärtende Verdacht auf Verwöhnung wird wach angesichts der vielen hübschen Menschen, die man unter ihnen findet.
N. war solch ein hübscher Bursche, der nach sechsmonatiger Haft auf Bewährung aus dem Gefängnis entlassen wurde. Sein Delikt war Diebstahl. einer ansehnlichen Summe aus der Kasse seines Chefs. Trotz der großen Gefahr, bei einem weiteren Straffall seine dreijährige Haft absitzen zu müssen, stahl er nach kurzer Zeit wieder eine kleine Summe. Bevor die Sache ruchbar wurde, sandte man ihn zu mir. Er war der älteste Sohn einer sehr ehrbaren Familie, der verwöhnte Liebling seiner Mutter. Er zeigte sich äußerst ehrgeizig und wollte überall den Führer spielen. Freunde suchte er nur solche, die unter seinem Niveau standen, und verriet so sein Minderwertigkeitsgefühl. In seinen ältesten Kindheitserinnerungen war er stets der Empfangende. In der Stellung, in der er den großen Diebstahl verübte, sah er die reichsten Leute um sich, in einer Zeit, da sein Vater um seine Stellung gekommen war und für die Familie nicht wie sonst sorgen konnte. Flugträume und geträumte Situationen, in denen er der Held war, kennzeichnen sein ehrgeiziges Streben und zugleich sein Prädestinationsgefühl in bezug auf sicheres Gelingen. Bei einer verlockenden Gelegenheit erfolgte der Diebstahl in dem Gedanken, sich nun dem Vater überlegen zeigen zu können. Der zweite, kleine Diebstahl erfolgte im Protest gegen die Bewährungsfrist und gegen die untergeordnete Stellung, die er nun innehatte. Als er im Gefängnis war, träumte er einst, daß man ihm seine Lieblingsspeise vorgesetzt hätte, erinnerte sich aber im Traume, daß dies doch im Gefängnis nicht möglich sei. Man wird außer der Gier in diesem Traume leicht auch seinen Protest gegen das Urteil wahrnehmen können.
Weniger Aktivität wird man in der Regel bei Süchtigen finden. Umgebung, Verleitung, Bekanntschaft mit Giften wie Morphium und Kokain in Krankheiten oder im ärztlichen Beruf finden sich als Gelegenheiten, die sich aber nur in Situationen auswirken, in denen der Betroffene vor einem unlösbar erscheinenden Problem steht. Ähnlich wie beim Selbstmord, fehlt selten der verschleierte Angriff auf andere, denen die Sorge um den Befallenen zufällt. In der Trunksucht dürfte, wie ich gezeigt habe, eine besondere Geschmackskomponente oft eine Rolle spielen, wie ja auch die totale Abstinenz sicherlich durch den Mangel an Wohlgefallen am Alkohol wesentlich erleichtert wird. Der Beginn der Süchtigkeit zeigt recht häufig ein schweres Minderwertigkeitsgefühl, wenn nicht einen entwickelten Überlegenheitskomplex, der sich vorher schon einigermaßen deutlich in Schüchternheit, Alleinsein, Überempfindlichkeit, Ungeduld, Reizbarkeit, in nervösen Symptomen wie Angst, Depression, sexueller Insuffizienz oder in einem Überlegenheitskomplex wie Prahlsucht, boshafter, kritischer Neigung, Machtlüsternheit usw. ausprägt. Auch übermäßiges Rauchen und Sucht nach starkem schwarzen Kaffee kennzeichnen oft die Stimmungslage einer mutlosen Entschlußlosigkeit. Wie mittels eines Tricks wird das lastende Minderwertigkeitsgefühl zeitweise beiseite geschoben oder sogar, wie zum Beispiel bei kriminellen Handlungen, in verstärkte Aktivität um gebaut. Alles Mißlingen kann in allen Fällen von Süchtigkeit dem unbesiegbaren Laster zugeschoben werden, sei es in gesellschaftlicher Beziehung, im Beruf oder in der Liebe. Auch die unmittelbaren Giftwirkungen geben dem Befallenen oft ein Gefühl der Entlastung.
Ein 26jähriger Mann, der acht Jahre nach einer Schwester zur Welt kam, wuchs unter günstigen Verhältnissen, außerordentlich verwöhnt und eigenwillig auf. Er erinnerte sich, daß er oft als Puppe verkleidet von Mutter und Schwester in den Armen gehalten wurde. Als er, vierjährig, für zwei Tage in die strengere Zucht seiner Großmutter kam, schnürte er bei ihrer ersten ablehnenden Bemerkung sein Bündel und wollte sich auf den Heimweg machen. Der Vater trank, worüber sich die Mutter sehr aufregte. In der Schule wirkte sich der Einfluß seiner Eltern allzusehr zu seinen Gunsten aus. Wie er es als vierjähriger Knabe getan, verließ er auch das Elternhaus, als mit der Zeit die Verwöhnung durch die Mutter nachließ. In der Fremde konnte er, wie so oft die verwöhnten Kinder, nicht rechten Fuß fassen und geriet bei gesellschaftlichen Zusammenkünften, im Berufsleben und Mädchen gegenüber stets in ängstliche Verstimmung und Aufregung. Er hatte sich mit einigen Leuten besser verstanden, die ihm das Trinken beibrachten. Als seine Mutter davon erfuhr und besonders davon hörte, daß er in trunkenem Zustand mit der Polizei in Konflikt geraten war, suchte sie ihn auf und bat ihn in bewegten Worten, vom Trinken abzulassen. Die Folge war, daß er nicht nur weiter im Trinken Erleichterung suchte, sondern damit auch die alte Sorge und Verwöhnung durch die Mutter noch über die frühere Höhe hinaus steigerte.
Ein 24jähriger Student klagte über ununterbrochenen Kopfschmerz. Schon in der Schule zeigten sich schwere nervöse Symptome von Platzangst. Es wurde ihm gestattet, das Abitur zu Hause abzulegen. Er war nachher in einem viel besseren Zustand. Im ersten Jahr des Universitätsstudiums verliebte er sich in ein Mädchen und heiratete. Kurz nachher setzten die Kopfschmerzen ein. Als Ursache bei diesem überaus ehrgeizigen, unglaublich verwöhnten Manne fand sich dauernde Unzufriedenheit mit seiner Frau und Eifersucht, die wohl deutlich aus seiner Haltung, auch aus seinen Träumen hervorging, die er sich aber nie recht deutlich gemacht hatte. So träumte er einst, daß er seine Frau wie zur Jagd gekleidet sah. Er hatte als Kind an Rachitis gelitten und erinnerte sich, daß er, wenn sich die Kinderfrau von ihm, der immer andere mit sich beschäftigte, Ruhe verschaffen wollte, ihn noch mit vier Jahren auf den Rücken legte, eine Lage, aus der er sich bei seiner Fettleibigkeit nicht allein erheben konnte. Als Zweitgeborener lebte er immer mit dem älteren Bruder in Konflikt und wollte immer der erste sein. Günstige Umstände verhalfen ihm später zu einer hohen Stelle, der er wohl geistig, aber nicht seelisch gewachsen war. In den unabwendbaren Aufregungen seiner Stellung griff er zum Morphium, dem er, mehrmals davon befreit, immer wieder zum Opfer fiel. Wieder kam als erschwerender Umstand für ihn seine grundlose Eifersucht ins Spiel. Als er in seiner Stellung unsicher wurde, beging er Selbstmord.
9. Die fiktive Welt des Verwöhnten
Inhaltsverzeichnis
Verwöhnte Personen haben keinen guten Ruf. Sie hatten ihn niemals. Eltern lieben es nicht, der Verwöhnung beschuldigt zu werden. Jede verwöhnte Person weigert sich, als solche angesehen zu werden. Man stößt immer wieder auf Zweifel, was man unter Verwöhnung verstehen soll. Aber wie durch Intuition fühlt jeder sie als Last und als Hindernis einer richtigen Entwicklung.
Nichtsdestoweniger liebt es jeder, Objekt der Verzärtelung zu sein. Manche ganz besonders. Viele Mütter können nicht anders als verwöhnen. Glücklicherweise wehren sich viele Kinder so stark dagegen, daß der Schaden geringer ausfällt. Es ist eine harte Nuß mit psychologischen Formeln. Wir können sie nicht als strenge Richtlinien benützen, die blindlings zur Auffindung von Grundlagen einer Persönlichkeit Verwendung finden könnten oder zur Erklärung von Stellungnahmen und Charakteren. Wir müssen vielmehr in jeder Richtung eine Million von Varianten und Nuancen erwarten, und was wir gefunden zu haben glauben, muß stets mit gleichlaufenden Tatsachen verglichen und bestätigt werden. Denn wenn ein Kind sich gegen Verwöhnung stemmt, geht es gewöhnlich zu weit in seinem Widerstand und überträgt seine Gegenwehr auch auf Situationen, in denen freundliche Hilfe von außen einzig vernünftig wäre.
Wenn die Verwöhnung später im Leben Platz greift und nicht, wie so oft in solchen Fällen, mit Knebelung des freien Willens verknüpft ist, kann sie wohl dem Verwöhnten gelegentlich zum Überdruß werden. Aber sein in der Kindheit erworbener Lebensstil wird dadurch nicht mehr geändert.
Die Individualpsychologie behauptet, daß es keinen anderen Weg gibt, einen Menschen zu verstehen als die Betrachtung der Bewegungen, die er macht, um seine Lebensprobleme zu lösen. Das Wie und das Warum sind dabei sorgfältig zu beobachten. Sein Leben beginnt mit dem Besitz menschlicher Möglichkeiten, Entwicklungsmöglichkeiten, die sicherlich verschieden sind, ohne daß wir imstande wären, diese Verschiedenheiten aus anderem als aus seinen Leistungen zu erkennen. Was wir im Beginn des Lebens zu sehen bekommen, ist bereits stark beeinflußt durch äußere Umstände vom ersten Tag seiner Geburt. Beide Einflüsse, Heredität und Umwelt, werden zu seinem Besitz, den das Kind verwendet, gebraucht, um seinen Weg der Entwicklung zu finden. Weg aber und Bewegung können nicht ohne Richtung und Ziel gedacht oder eingeschlagen werden. Das Ziel der menschlichen Seele ist Überwindung, Vollkommenheit, Sicherheit, Überlegenheit.
Das Kind im Gebrauch der erlebten Einflüsse von Körper und Umwelt ist mehr oder weniger auf seine eigene schöpferische Kraft, auf sein Erraten eines Weges angewiesen. Die seiner Haltung zugrunde liegende Meinung vom Leben, weder in Worte gefaßt noch gedanklich ausgedrückt, ist sein eigenes Meisterstück. So kommt das Kind zu seinem Bewegungsgesetz, das ihm nach einigem Training zu jenem Lebensstil verhilft, in dem wir das Individuum sein ganzes Leben hindurch denken, fühlen und handeln sehen. Dieser Lebensstil ist fast immer in einer Situation erwachsen, in der dem Kinde die Unterstützung von außen gewiß ist. Unter mannigfachen Umständen erscheint ein solcher Lebensstil sich nicht als ganz geeignet zu bewähren, wenn draußen im Leben ein Handeln ohne liebevolle Hilfe nötig erscheint.
Da taucht nun die Frage auf, welche Haltung im Leben richtig ist, welche Lösung der Lebensfragen erwartet werden muß. Die Individualpsychologie trachtet soviel als möglich zur Lösung dieser Frage beizutragen. Niemand ist mit der absoluten Wahrheit gesegnet. Eine konkrete Lösung, die allgemein als richtig befunden werden müßte, muß wenigstens in zwei Punkten stichhaltig sein. Ein Gedanke, ein Gefühl, eine Handlung ist nur dann als richtig zu bezeichnen, wenn sie richtig ist sub specie aeternitatis (= auf ewige Sicht). Und ferner muß in ihr das Wohl der Gemeinschaft unanfechtbar beschlossen sein. Dies gilt sowohl für Traditionen, als für neu auftauchende Probleme. Und gilt auch für lebenswichtige wie für kleinere Fragen des Lebens. Die drei großen Lebensfragen, die jeder zu lösen hat und in seiner Art lösen muß, die Fragen der Gemeinschaft, der Arbeit und der Liebe, können nur von solchen Menschen annähernd richtig gelöst werden, die in sich das lebendig gewordene Streben nach einer Gemeinschaft tragen. Keine Frage, daß in neu auftauchenden Problemen eine Unsicherheit, ein Zweifel bestehen kann. Aber nur der Wille zur Gemeinschaft kann vor großen Fehlern bewahren.
Wenn wir bei solcher Untersuchung auf Typen stoßen, so sind wir nicht der Verpflichtung enthoben, das Einmalige des Einzelfalles zu finden. Dies gilt auch für verwöhnte Kinder, dieser sich auftürmenden Bürde für Elternhaus, Schule und Gesellschaft. Wir haben den Einzelfall zu finden, wenn es sich um schwererziehbare Kinder handelt, um nervöse oder wahnsinnige Personen, um Selbstmörder, Delinquenten, Süchtige, Perverse usf. Sie alle leiden an einem Mangel des Gemeinschaftsgefühls, der fast immer auf Verwöhnung in der Kindheit oder auf einen extremen Wunsch nach Verwöhnung und Erleichterung zurückzuführen ist.
Die aktive Haltung eines Menschen kann nur aus der richtig verstandenen Bewegung gegenüber den Lebensfragen erkannt werden. Ebenso ihr Mangel. Es bedeutet nichts für den Einzelfall, wenn man, wie es die Besitzpsychologen tun, irgendwelche fehlerhafte Symptome auf die dunklen Regionen einer unsicheren Erblichkeit zurückzuführen trachtet oder auf allgemein als ungeeignet angesehene Einflüsse der Umwelt, die das Kind ja doch mit einer gewissen Willkür aufnimmt, verdaut und beantwortet. Die Individualpsychologie ist die Psychologie des Gebrauches und betont die schöpferische Aneignung und Ausnützung aller dieser Einflüsse. Wer die stets verschiedenen Fragen des Lebens als gleichbleibend ansieht, ihre Einmaligkeit in jedem Falle nicht wahrnimmt, kann leicht dazu verleitet werden, an wirkende Ursachen, Triebe, Instinkte als dämonische Lenker des Schicksals zu glauben. Wer nicht wahrnimmt, daß für jedes Geschlecht stets neue Fragen auftauchen, die niemals vorher bestanden haben, kann an die Wirksamkeit eines erblichen Unbewußten denken. Die Individualpsychologie kennt zu genau das Tasten und Suchen, die künstlerische Leistung des menschlichen Geistes bei der Lösung seiner Probleme, sei sie richtig oder unrichtig. Es ist die Leistung des Einzelmenschen aus seinem Lebensstil heraus, die eine individuelle Lösung seiner Probleme bedingt. Viel von dem Wert der Typenlehre fällt hinweg, wenn man die Armut der menschlichen Sprache kennt. Wie verschieden sind die Beziehungen, die wir mit »Liebe« bezeichnen. Sind zwei in sich gekehrte Menschen jemals gleich? Ist es denkbar, daß das Leben zweier identischer Zwillinge, die � nebenbei � sehr oft den Wunsch und das Streben haben, identisch zu sein, hier unter dem wechselnden Mond je gleichförmig verlaufen kann? Wir können das Typische benützen, müssen es sogar, ebenso wie die Wahrscheinlichkeit, dürfen aber selbst bei Ähnlichkeiten nicht vergessen, welche Verschiedenheit das ja doch einmalige Individuum aufweist. Wir können uns in unserer Erwartung der Wahrscheinlichkeit bedienen, um das Gesichtsfeld zu beleuchten, in dem wir das Einmalige zu finden hoffen, müssen aber auf diese Hilfe verzichten, sobald uns Widersprüche entgegentreten.
Bei dem Suchen nach den Wurzeln des Gemeinschaftsgefühls, die Möglichkeit einer Entwicklung desselben beim Menschen vorausgesetzt, stoßen wir sofort auf die Mutter als den ersten und wichtigsten Führer. Die Natur hat sie dazu bestellt. Ihre Beziehung zu dem Kinde ist die einer innigen Kooperation (Lebens � und Arbeitsgemeinschaft), bei der beide gewinnen, nicht wie manche glauben, eine einseitige, sadistische Ausbeutung der Mutter durch das Kind. Der Vater, die anderen Kinder, die Verwandten und Nachbarn haben dieses Werk der Kooperation zu fördern, indem sie das Kind als einen gleichberechtigten Mitarbeiter zum Mitmenschen, nicht zum Gegenmenschen anleiten. Je mehr das Kind den Eindruck gewinnt von der Verläßlichkeit und Mitarbeit der anderen, um so eher wird es zum Mitleben und zum selbständigen Mitarbeiten geneigt sein. Es wird alles, was es besitzt, in den Dienst der Kooperation stellen.
Wo aber die Mutter allzudeutlich von übertriebener Zärtlichkeit überfließt und dem Kind die Mitarbeit in seinem Verhalten, Denken und Handeln, wohl auch im Sprechen, überflüssig macht, wird das Kind eher geneigt sein, sich parasitär (ausbeutend) zu entwickeln und alles von den anderen zu erwarten. Es wird sich immer in den Mittelpunkt drängen und bestrebt sein, alle anderen in seinen Dienst zu stellen. Es wird egoistische Tendenzen entfalten und es als sein Recht ansehen, die anderen zu unterdrücken, von ihnen immer verwöhnt zu werden, zu nehmen und nicht zu geben. Ein oder zwei Jahre eines solchen Trainings genügen, um der Entwicklung des Gemeinschaftsgefühls und der Neigung zur Mitarbeit ein Ende zu setzen. Einmal in Anlehnung an andere, ein andermal in der Sucht, andere zu unterdrücken, stoßen sie sehr bald auf den für sie unüberwindlichen Widerstand einer Welt, die Mitmenschlichkeit, Mitarbeit verlangt. Ihrer Illusionen beraubt, beschuldigen sie die anderen und sehen im Leben immer nur das feindliche Prinzip. Ihre Fragen sind pessimistischer Art. »Was hat das Leben für einen Sinn?« »Warum soll ich meinen Nächsten lieben?« Wenn sie sich den legitimen Forderungen einer aktiven Gemeinschaftsidee fügen, so nur, weil sie anderseits den Rückstoß, die Strafe fürchten. Vor die Frage der Gemeinschaft, der Arbeit, der Liebe gestellt, finden sie nicht den Weg des sozialen Interesses, erleiden einen Schock, verspüren dessen Wirkung körperlich und geistig und treten den Rückzug an, bevor oder nachdem sie ihre sinngemäße Niederlage erlitten haben. Aber immer bleiben sie bei ihrer von Kindheit an gewohnten Haltung, daß ihnen ein Unrecht geschehen sei.
Man kann nun auch verstehen, daß alle Charakterzüge nicht nur nicht angeboren sind, sondern in erster Linie Beziehungen ausdrücken, die ganz dem Lebensstil eingeordnet sind. Sie sind Mitprodukt aus des Kindes schöpferischem Wirken. Das verwöhnte Kind, zur Selbstliebe verleitet, wird egoistische, neidische, eifersüchtige Züge in höherem, wenn auch verschiedenem Maße entwickeln, wird, wie in Feindesland lebend, Überempfindlichkeit, Ungeduld, Mangel an Ausdauer, Neigung zu Affektausbrüchen und ein gieriges Wesen zeigen. Die Neigung zum Rückzug und eine übergroße Vorsicht sind dabei gewöhnliche Erscheinungen.
Die Gangart, bildlich gesprochen, einer verwöhnten Person ist in günstigen Situationen manchmal nicht leicht zu durchschauen. Viel leichter in ungünstiger Lage, wenn das Individuum auf den Bestand seines Gemeinschaftsgefühls einer Prüfung ausgesetzt ist. Dann findet man es in einer zögernden Haltung, oder es macht in einer größeren Distanz zu seinem Problem halt. Das Individuum erklärt diese Distanz mit Scheingründen, die zeigen, daß es sich dabei nicht um die Vorsicht des Klugen handelt. Oft wechselt es seine Gesellschaft, seine Freunde, seine Liebespartner, seinen Beruf, ohne bis zu einem gedeihlichen Ende zu gehen. Gelegentlich stürmen solche Menschen im Beginn einer Aufgabe mit solcher Hast vorwärts, daß der Kenner sofort auf den Gedanken kommt, wie wenig Selbstvertrauen darin steckt und wie bald der Eifer nachlassen wird. Andere von den Verwöhnten werden zu Sonderlingen, möchten sich am liebsten in die Wüste zurückziehen, um allen Aufgaben auszuweichen. Oder sie lösen eine Aufgabe nur teilweise und schränken so ihren Wirkungskreis entsprechend ihrem Minderwertigkeitskomplex stark ein. Wenn sie über einen gewissen Fonds von Aktivität verfügen, der gewiß nicht »Mut« zu nennen ist, so schweifen sie leicht in einer etwas drückenden Lage ins Gebiet des sozial Unnützlichen, ja Schädlichen ab, werden Verbrecher, Selbstmörder, Trinker oder Perverse.
Es ist nicht für jeden leicht, sich mit dem Leben einer sehr verwöhnten Person zu identifizieren, das heißt sie ganz zu verstehen. Man muß schon wie ein guter Schauspieler diese Rolle innehaben und im ganzen Lebenskreis verstehen, wie man sich zum Mittelpunkt macht, wie man nach jeder Situation Ausblick halten muß, in der man andere niederdrückt, niemals Mitarbeiter ist, wo man alles erwarten, aber nichts geben muß. Man muß erkannt haben, wie sie die Mitarbeit anderer für sich auszubeuten trachten, Freundschaft, Arbeit und Liebe, wie sie nur für ihr eigenes Wohl, für ihre eigene, persönliche Überheblichkeit Interesse haben und immer nur an Erleichterungen ihrer Aufgaben zu ungunsten anderer denken, um zu verstehen, daß nicht Vernunft sie leitet. Das seelisch gesunde Kind entwickelt Mut, allgemeingültige Vernunft und aktive Anpassungsfähigkeit. Das verwöhnte Kind hat nichts oder wenig von all diesem, dafür Feigheit und Tricks. Dazu einen außerordentlich eingeengten Pfad, so daß es immer in den gleichen Fehler verfallen erscheint. Ein tyrannisches Kind erscheint immer tyrannisch. Ein Taschendieb bleibt immer bei seinem Handwerk. Der Angstneurotiker beantwortet alle Aufgaben des Lebens mit Angst. Der Süchtige bleibt bei seinem Gift. Der sexuell Perverse zeigt keine Neigung zu Abweichungen von seiner Perversion. In dem Ausschluß anderer Leistungen, in dem engen Pfad, auf dem ihr Leben abläuft, zeigt sich wieder deutlich ihre Lebensfeigheit, ihr mangelndes Selbstvertrauen, ihr Minderwertigkeitskomplex, ihre Ausschaltungstendenz.
Die geträumte Welt verwöhnter Personen, ihre Perspektive, ihre Meinung und Auffassung vom Leben, unterscheidet sich ungeheuer von der wirklichen Welt. Ihre Anpassung an die Evolution der Menschheit ist mehr oder weniger erwürgt, und dies bringt sie unaufhörlich in Konflikte mit dem Leben, an deren schädlichen Resultaten die anderen mitleiden. Wir finden sie in der Kindheit unter den überaktiven und passiven Kindern, später unter den Verbrechern, Selbstmördern, Nervösen und Süchtigen, immer voneinander verschieden. Meist unbefriedigt sehen sie mit verzehrendem Neid auf die Erfolge der anderen, ohne sich aufzuraffen. Immer bannt sie die Furcht vor einer Niederlage, vor der Aufdeckung ihrer Wertlosigkeit, meist sieht man sie auf dem Rückzug vor den Aufgaben des Lebens, für den sie um Ausreden nie verlegen sind.
Daß manche von ihnen Erfolge im Leben erringen, soll nicht übersehen werden. Es sind diejenigen, die überwunden und aus ihren Fehlern gelernt haben.
Die Heilung und Umwandlung solcher Personen kann nur auf dem Wege des Geistes, durch die wachsende Überzeugung von den Fehlern im Aufbau des Lebensstiles gelingen. Wichtiger wäre die Vorbeugung: Die Familie, besonders die Mutter, müßte es verstehen, ihre Liebe zum Kinde nicht bis zur Verwöhnung zu steigern. Mehr wäre zu erwarten von einer Lehrerschaft, die gelernt hat, diesen Fehler zu erkennen und zu korrigieren. Es wird dann klarer werden als es bis jetzt erscheint, daß kein Übel größer ist als die Verwöhnung der Kinder mit ihren Folgen.
10. Was ist wirklich eine Neurose?
Inhaltsverzeichnis
Wer sich jahrelang mit diesem Problem beschäftigt hat, der wird verstehen, daß man auf die Frage: Was ist nun wirklich Nervosität? eine klare und offene Antwort geben muß. Wenn man die Literatur durchwandert, um Aufschlüsse zu bekommen, so wird man sich vor einem solchen Wirrsal von Definitionen finden, daß man zum Schluß wohl kaum zu einer einheitlichen Anschauung gelangen wird.
Wie immer, wenn in einer Frage Unklarheiten bestehen, gibt es eine Menge von Erklärungen und viel Kampf. So auch in unserem Falle. Neurose ist � Reizbarkeit, reizbare Schwäche, Erkrankung der endokrinen Drüsen, Folge von Zahn-, Naseninfektion, Genitalerkrankung, Schwäche des Nervensystems, Folge einer hormonalen, einer harnsauren Diathese, des Geburtstraumas, des Konfliktes mit der Außenwelt, mit der Religion, mit der Ethik, Konflikt zwischen dem bösen Unbewußten und dem kompromißgeneigten Bewußtsein, der Unterdrückung sexueller, sadistischer, krimineller Triebe, des Lärmes und der Gefahren der Großstadt, einer weichlichen, einer strengen Erziehung, der Familienerziehung überhaupt, gewisser bedingter Reflexe usw.
Vieles aus diesen Anschauungen ist zutreffend und kann zur Erklärung von mehr oder weniger bedeutsamen Teilerscheinungen der Neurose herangezogen werden. Das meiste davon findet sich häufig bei Personen, die nicht an einer Neurose leiden. Das wenigste davon liegt auf dem Wege zu einer Klärung der Frage: was ist wirklich eine Neurose? Die ungeheure Häufigkeit dieser Erkrankung, ihre außerordentlich schlimme soziale Auswirkung, die Tatsache, daß nur ein kleiner Teil der Nervösen einer Behandlung unterzogen wird, sein Leiden aber lebenslang als unerhörte Qual mit sich herumträgt, dazu das große, aufgepeitschte Interesse der Laienwelt für diese Frage, rechtfertigt eine kühle, wissenschaftliche Beleuchtung vor einem größeren Forum. Man wird dabei auch ersehen, wieviel medizinisches Wissen zum Verständnis und zur Behandlung dieser Erkrankung nötig ist. Es soll auch der Gesichtspunkt nicht außer acht gelassen werden, daß eine Verhütung der Neurose möglich und erforderlich ist, aber nur bei klarer Erkenntnis der zugrundeliegenden Schäden erwartet werden kann. Die Maßregeln zur Verhütung, Vorbeugung und Erkenntnis der kleinen Anfänge stammen aus dem ärztlichen Wissen. Aber die Mithilfe der Familie, der Lehrer, Erzieher und anderer Hilfspersonen ist dabei unentbehrlich. Dies rechtfertigt eine weite Verbreitung der Kenntnisse über das Wesen und über die Entstehung der Neurose.



