Wie Frau Krause die DDR erfand

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Sie überlegte, was der Mann vor dem Mauerfall gemacht haben könnte. Hatte er in einem Büro gearbeitet? War er Parteimitglied gewesen? Nach ersten optischen Schätzungen war er etwa vierzig Jahre alt. In diesem Fall war die Antwort ganz einfach: Er war zur Schule gegangen.
Die fast dreißig Jahre im »Westen« waren nach Isabellas Empfinden ausgesprochen schnell vergangen. Sie hatte fast zehn Jahre mehr im Westen als im Osten verbracht, der Gedanke daran erschien ihr unwirklich. Lag es daran, dass im Alter die Zeit schneller verging? Oder waren DDR-Jahre wie Hundejahre, die mehrfach zählten?
Isabellas Erinnerungen lagen im Ungleichgewicht. Sie stellte es sich als eine Wippe vor. Auf der einen Seite saß das Kind Isabella, das, obwohl es kaum Gewicht hatte, die Wippe nach unten zog. Die Frau Isabella auf der anderen Seite, die deutlich mehr Gewicht aufbrachte, schwebte mit baumelnden Beinen in der Luft. Aber war es nicht generell so, dass die Erinnerung an die Kindheit und Jugend schwerer wog als an alle anderen Zeiten? Hatten sich nicht auch Großmutter Isa und Frau Magdas Erzählungen immer in einer Zeit bewegt, die weit zurücklag? »Das war, als du noch ›Quark im Schaufenster‹ warst«, hatte der Hallodri immer zu Isabella gesagt.
Die beiden jungen Menschen, die sich an der Abteiltür gegenübersaßen, waren in Isabellas Kindheit und Jugend noch nicht einmal »Quark im Schaufenster« gewesen und viel zu jung, um die DDR zu kennen. Wie auch das alte Ehepaar sprachen sie kein Wort miteinander, sondern nestelten nervös an ihren Telefonen, die jetzt nicht mehr Telefon, sondern Phone hießen. Jeder war für sich in seiner Phone-Welt versunken. Für die beiden wäre eine Erzählung über die DDR ebenso eine Märchenstunde gewesen wie für Isabella die Erzählungen von Großmutter Isa und Frau Magda vom Krieg.
Nur Großvater Bruno erzählte nie eine Geschichte. Der einzige Hinweis auf seine Vergangenheit war eine Narbe an seiner rechten Wade, die stets mit dem kurzen Kommentar »ein »Streifschuss« abgetan wurde. Darüber, wer auf Großvater Bruno geschossen hatte, wurde nie gesprochen.
Der Zug setzte sich langsam wieder in Bewegung, und dann tauchte die Vorstadt auf und die Bahnhofsgegend, die wie in allen Städten auf der Welt hässlich war.
Der Büroleiter klappte sein Notebook zusammen. Das beige Ehepaar räumte die Brotbüchsen in die Tasche. Nur die beiden jungen Menschen an der Tür starrten weiter auf ihr Phone und beachteten auch den Schaffner nicht, der über den Gang eilte, wahrscheinlich warteten sie darauf, dass ihnen auf dem Display angezeigt wurde, dass sie angekommen waren.
Kurz darauf kam die Durchsage: »Werte Reisende, in wenigen Minuten haben wir unseren Zielbahnhof erreicht. Unsere Zugfahrt endet hier.«
Es klang, als hätten sie gemeinsam einen Ausflug gemacht.
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