KONOSUBA! GOD'S BLESSING ON THIS WONDERFUL WORLD! – Light Novel 01

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Aqua machte Anstalten, mich bei dem Wort »Miststück« zu erwürgen, aber ich ignorierte sie einfach und betrat die Abenteurer-Gilde.
– Die Abenteurer-Gilde –
In jedem Videogame gibt es eine Abenteurer-Gilde. Das ist eine Organisation, die Abenteurern hilft, Arbeit zu finden, und sie anderweitig unterstützt. Im Grunde genommen ist es die Fantasy-Version des Arbeitsamts.
Die Gilde hatte ihren Sitz in einem ziemlich großen Gebäude, und aus dem Inneren drang der Geruch von Essen. Zweifellos würden da zwielichtige Gestalten herumlungern, die ohne mit der Wimper zu zucken Neulinge überfallen würden.
Bevor ich eintrat, bereitete ich mich auf einen Kampf vor …
… und wurde von einer Kellnerin mit kurzem rotem Haar begrüßt, die in einem lieblichen Tonfall sagte: »Oh, willkommen! Wenn ihr nach Arbeit sucht, geht zum Schalter drinnen. Wenn ihr was essen wollt, sucht euch einen freien Tisch.«
Der schummrig beleuchtete Raum schien eine Gaststube zu sein. Leute in Rüstung liefen herum, aber niemand schien auf Ärger aus zu sein. Trotzdem schienen wir eine Menge Aufmerksamkeit zu erregen. Anfangs dachte ich, dass vielleicht nicht viele Neulinge herkamen.
Dann dämmerte es mir.
»Hey, mir gefällt nicht, wie die mich ansehen«, meinte Aqua. »Ich weiß! Es ist die Aura einer Göttin, die ich ausstrahle – sie wissen, wer ich wirklich bin!«
Jeder musterte die Göttin neben mir und gab dumme Kommentare ab. Es ergab Sinn, dass sie Aufsehen erregte. Immerhin wäre sie eine echte Schönheit gewesen, wenn sie nur die Klappe gehalten hätte.
Ich beschloss, die Blicke zu ignorieren und mich meinem eigentlichen Ziel zuzuwenden. »Hör zu, Aqua. Sobald wir uns registriert haben, wird die Gilde uns eine Einführung geben, um uns zu erklären, wie wir als neue Abenteurer überleben können. Sie sollten uns genug Geld geben, um auf ein Abenteuer zu gehen, und uns Arbeit beschaffen, damit wir was zu essen haben, obwohl wir gerade erst anfangen. Vielleicht sagen sie uns auch, welches die besten Herbergen sind. Die meisten Games fangen so an. Normalerweise würde ich sagen, dass es deine Aufgabe ist, sicherzustellen, dass wir alles Nötige zum Leben in dieser Welt haben, aber … Vergiss es. Für heute registrieren wir uns erst mal, stellen sicher, dass wir genug Geld für eine Grundausrüstung haben, und finden einen Platz zum Schlafen.«
»Ich weiß nicht, wovon du redest. Meine Aufgabe ist es, tote Menschen in diese Welt zu schicken. Aber okay. Ich weiß nichts über Videogames, aber so wie ich es verstehe, fängt man in so einer Welt so an, ja? Ich muss mich einfach nur als Abenteurer registrieren lassen, richtig?«
»Ganz genau. Also los!« Ich zog Aqua mit mir zum Schalter.
Es gab vier Rezeptionisten. Zwei davon waren Frauen. Ich ging zur hübscheren der beiden.
»Hey, bei den anderen dreien hätten wir nicht in der Schlange warten müssen«, protestierte Aqua hinter mir. »Warum hast du die hier genommen? Warte, ich weiß schon. Weil sie die Hübscheste ist, richtig? Ts, und da dachte ich grade, dass ich mich auf dich verlassen könnte …«
Die hat ja keine Ahnung. Ich drehte mich zu ihr um und flüsterte: »Lektion eins, stell dich gut mit dem Mädchen von der Gilde. Lektion zwei, die Hübschen haben immer eine Hintergrundgeschichte. Da wartet bestimmt ein Bonusevent. Irgendwann finden wir raus, dass das Mädchen früher mal eine berühmte Jägerin war oder so was.«
»Wenn ich drüber nachdenke, so was habe ich auch schon mal in Manga gesehen. Tut mir leid, ich stell mich einfach hier mit an.«
Die Rezeptionisten an den freien Schaltern funkelten uns böse an, weil wir uns absichtlich an diesem hier anstellten, aber ich ignorierte sie.
Endlich waren wir dran.
»Hallo, wie kann ich Ihnen behilflich sein?« Die Empfangsdame schien sehr nett zu sein und auf jeden Fall sehr hübsch. Mit ihrem welligen Haar und dem üppigen Busen wirkte sie sehr erwachsen.
»Ähm, wir wollen Abenteurer werden, aber wir sind gerade erst vom Land in die Stadt gekommen und haben keine Ahnung, wie wir das anfangen sollen …«
Wenn ich vorgab, dass wir vom Arsch der Heide kamen, würde die Empfangsdame wahrscheinlich die Initiative ergreifen und uns sagen, was wir wissen mussten.
»Verstehe … Also, erst mal fällt eine Anmeldegebühr an. Das ist doch kein Problem?«
Na bitte. Eine Einführung, einfach so. Jetzt mussten wir nur noch tun, was sie gesagt hatte, und …
Eine Anmeldegebühr?
»Hey, Aqua, hast du Kohle?«
»Was denkst du denn? Als hätte ich die Zeit gehabt, mir mein Portemonnaie zu greifen, als du mich hierhergeschleppt hast!«
Was sollten wir tun? Vielleicht könnten wir einen Anfängerkredit aufnehmen oder die Gebühr später bezahlen?
Aqua und ich traten vom Schalter weg, um uns zu beraten.
»Was machen wir jetzt? Wir sind gerade mal seit fünf Minuten hier, und schon sind wir in eine Sackgasse geraten! In einem Game fängt man normalerweise mit einer Grundausrüstung oder wenigstens ein bisschen Startkapital an.«
»Himmel, was ist nur aus dem männlichen Selbstbewusstsein geworden, das du noch vor ein paar Minuten hattest? Na ja, da lässt sich wohl nichts machen. Du bist nun mal ein Hikikomori. Also schön, überlass das mir. Guck einfach nur zu. Ich zeig dir, wozu eine Göttin fähig ist.«
Ein Mann, der eine Priesterrobe zu tragen schien, auch wenn sie schäbig und abgetragen war, saß in der Nähe. Aqua ging schnurstracks auf ihn zu. »Sie, Priester! Was ist Ihre Konfession? Ich bin Aqua! Genau, die Aqua, die von den Axis-Anhängern angebetet wird! Wenn Sie … ein Gläubiger sind … würde es … wirklich helfen, wenn Sie mir … Geld leihen könnten.«
Ich konnte nicht sagen, ob sie gebieterisch auftrat oder bettelte.
»Ich fürchte, ich bin ein Gläubiger der Eris …«
»Ach, so ist das. Dann entschuldige ich mich für die Störung …«
Er war wohl keiner ihrer Anhänger.
Geschlagen drehte sich Aqua um und wollte gehen, doch der Priester rief ihr hinterher: »Ach, junge Dame … Sind Sie eine Anhängerin der axistischen Religion? In den alten Überlieferungen heißt es, die Göttinnen Aqua und Eris seien wie Schwestern füreinander gewesen. Das Schicksal muss Sie zu mir geführt haben. Ich habe gesehen, dass Sie nicht genug Geld haben, um die Anmeldegebühr zu bezahlen. Hier, lassen Sie mich das übernehmen. Nennen Sie es Eris’ Segen. Aber, junge Dame … egal wie tief Ihr Glaube auch ist, Sie sollten sich nicht als Göttin ausgeben!«
»Ach ja … stimmt. Tut mir leid. Vielen Dank.« Aqua nahm das Geld und kam mit einem Gesichtsausdruck zurück, der mich an einen toten Fisch erinnerte.
»Ha ha … Er hat nicht mal geglaubt, dass ich eine Göttin bin … Weißt du, Eris steht unter mir. Ich habe Geld bekommen, weil ein Anhänger einer niederen Göttin Mitleid mit mir hatte …«
»Na ja … Ende gut, alles gut, stimmt’s? Es wäre eher ein Problem gewesen, wenn er dir geglaubt hätte, oder?« Aqua sah aus, als hätte sie etwas Wichtiges verloren, und ich wollte etwas Aufmunterndes sagen.
»Ähm, hier, Fräulein, wir … haben das Geld für die Anmeldung.«
»Mhm … Das macht dann tausend Eris für jeden, bitte.«
Der Priester hatte Aqua dreitausend Eris gegeben. Aqua zufolge entsprach ein Eris etwa einem Yen*, er hatte ihr also dreitausend Yen gegeben.
Das Mädchen am Schalter hatte unseren kleinen Auftritt mit dem Priester nicht weiter kommentiert. Tatsächlich schien sie uns kaum ansehen zu wollen. So viel zu Lektion eins.
»Sie haben gesagt, Sie wollen Abenteurer werden, ich gehe also davon aus, dass Sie eine grobe Ahnung haben, was das beinhaltet. Aber lassen Sie es mich nur für alle Fälle erklären. Zunächst einmal sind Abenteurer diejenigen, die außerhalb der Stadt die Monster – sprich, Kreaturen, die Menschen schaden – bekämpfen. Sie erledigen aber auch sämtliche anderen Aufgaben. Abenteurer ist ein Sammelbegriff für Menschen, die diesen Lebensstil als ihre Berufung angenommen haben. Jeder hat aber auch noch einen Job.«
Da war es also! Endlich!
Das war es, was einen Abenteurer definierte. Ob man es nun Beruf, Job oder Klasse nannte – jetzt würden wir unseren Kampfstil wählen.
Vergesst irgendwelche langweiligen Krieger. Eine strahlende Zukunft als großer Magier lag vor mir!
Die Empfangsdame legte eine Karte vor mich und eine vor Aqua. Sie hatte etwa die Größe eines Führerscheins – wahrscheinlich eine Art Ausweis.
»Sehen Sie die Zeile Level? Wie Sie wissen, trägt jedes Wesen in dieser Welt eine Seele in sich. Wann immer wir ein anderes Wesen essen, töten oder sonst wie sein Leben beenden, absorbieren wir einen Teil seiner Erinnerungen. Die Erinnerungen, die wir absorbieren, nennt man allgemein Skillpunkte. Für gewöhnlich kann man sie nicht sehen. Aber«, sie deutete auf eine andere Stelle der Karte, »dieser Abschnitt zeigt einem Abenteurer, wie viele Skillpunkte er oder sie erlangt hat. Auch das entsprechende Level wird angezeigt. Die Karte verrät also die Stärke eines Abenteurers und auch, wie viele Monster er oder sie getötet hat. Wenn es genug Erfahrung gesammelt hat, verbessern sich die Fähigkeiten eines jeden Lebewesens plötzlich und sprunghaft. Die Leute bezeichnen das oft als Erreichen einer neuen Ebene oder einfach als Aufleveln … Und wenn Sie ein höheres Level erreichen, bekommen Sie Punkte, die Sie gegen neue Skills und eine Vielzahl anderer Boni eintauschen können. Also arbeiten Sie hart, um Ihr Level zu erhöhen.«
Das erinnerte mich daran, was Aqua gesagt hatte. Du magst doch Videogames, stimmt’s?
Jetzt ergab das alles Sinn. Alles, was das Mädchen gerade beschrieben hatte, stammte eins zu eins aus einem RPG.
»Ich möchte Sie beide bitten, dieses Formular auszufüllen. Bitte geben Sie Größe, Gewicht, Alter und besondere körperliche Merkmale an.«
Ich füllte das Formular aus, das sie mir reichte. Größe: ein Meter dreiundsechzig, Gewicht: vierundfünfzig Kilo, sechzehn Jahre alt, braunes Haar, braune Augen …
»In Ordnung, danke. Wenn jeder von Ihnen jetzt bitte eine dieser Karten berühren würde. Sie werden Ihre Parameter anzeigen, sodass Sie einen Job wählen können, der Ihren Fähigkeiten entspricht. Je nach Klasse sind Sie in höheren Leveln dann möglicherweise auch in der Lage, Spezialfähigkeiten zu erlernen, beachten Sie das also, wenn Sie Ihren Job wählen.«
Oh, das ging schnell.
Jetzt würden meine unglaublichen verborgenen Talente ans Licht kommen – zweifellos würde die gesamte Gildenhalle in Aufruhr geraten. Ich berührte die Karte mit einer Mischung aus Furcht und Aufregung.
»In Ordnung, danke. Kazuma … Sato, korrekt? Mal sehen … Kraft, Lebensenergie, Mana, Geschicklichkeit … alles durchschnittlich. Ihre Intelligenz ist relativ hoch. Hm? Ihr Glück ist extrem hoch. Ich fürchte allerdings, Glück ist kein sehr nützlicher Wert für einen Abenteurer … Was machen wir denn da? Mit diesen Werten können Sie sich auf nichts spezialisieren. Sie können nur den Anfängerjob Abenteurer wählen. Bei Ihrem Glück würde ich Ihnen sogar empfehlen, das Abenteuer sein zu lassen und stattdessen Händler zu werden … Möchten Sie das?«
Moment, wurde ich gerade als Abenteurer abgelehnt? Was soll das?
Ich konnte mich gerade noch zurückhalten, der kichernden Göttin neben mir keine zu scheuern. Wenn ich schwach war, war das genauso ihr Problem wie meins.
»A… Also schön, dann halt … Abenteurer, bitte.«
»Nun«, meinte das Mädchen mit besorgter Miene, »durch das Aufleveln verbessern sich auch Ihre Werte, und dann können Sie irgendwann den Job wechseln. Und … vergessen Sie nicht, dass Abenteurer alle beschreibt, die auf Abenteuer gehen. Es ist eine Art universeller Job. Nur weil es eine Anfängerklasse ist, ist das nichts Schlechtes. Leute aus der Abenteurer-Klasse können Skills aus allen anderen Bereichen erlernen und einsetzen.«
Natürlich war es Aqua, die mir gleich wieder einen Dämpfer verpasste. »Die schlechte Nachricht ist, dass es Tonnen von Punkten kostet, diese Skills zu lernen, und man kann nicht erwarten, dass sie so wirkungsvoll sind, wie wenn sie jemand aus der entsprechenden Klasse einsetzt. Du kannst alles machen, bist aber in nichts wirklich gut!«
Ich fragte mich, ob ich sie nicht einfach irgendwo loswerden konnte.
Ob nun Anfängerklasse oder »universeller Job«, ich steckte in der Abenteurer-Klasse fest, der schwächsten Klasse überhaupt.
Aber das spielte keine Rolle. Auch der schwächste Abenteurer ist immer noch ein Abenteurer, und meine Entschlossenheit, einer Welt, die meinen Videogames entsprungen war, entgegenzutreten, war ungebrochen. Mit klopfendem Herzen nahm ich die Karte mit meinem Namen und dem Wort Abenteurer …
»Wa… Waaaas?! Wo kommen denn diese Werte her?! Abgesehen von Ihrer unterdurchschnittlichen Intelligenz und Ihrem unterirdischen Glück sind all Ihre Werte weit über dem Durchschnitt! Ihre Magie ist am beeindruckendsten! Wer oder was sind Sie überhaupt?« Die Empfangsdame konnte sich kaum beherrschen, als sie Aquas Karte studierte.
Der Raum war von aufgeregtem Gemurmel erfüllt.
Moment, hätte das nicht mir gelten sollen?
»E… Echt? Ist das … was Besonderes? Tja, ich schätze, so bin ich eben …« Sie mochte nervtötend sein, aber sie war immer noch eine Göttin. Trotzdem war es schwer, sie nicht zu hassen, während sie stolzer und stolzer auf ihre Werte wurde.
»B… Besonders trifft es nicht mal ansatzweise! Die Magier-Klasse können Sie nicht wählen, die erfordert hohe Intelligenz, aber … sonst können Sie alles werden! Sie könnten ein Paladin werden – ein Ritter, berüchtigt für seine undurchdringliche Verteidigung –, oder Sie könnten ein Schwertmeister werden mit unvergleichlicher Angriffsstärke! Sie könnten ein Hohepriester werden, die höchste Stufe der Priester-Klasse. Sie können mit einem Job der Oberklasse anfangen!«
Aqua schien darüber nachzudenken. »Okay, verstehe … Nur schade, dass Göttin kein Job ist. Na ja, vielleicht sollte ich Hohepriesterin werden.«
»Hohepriesterin also! Eine sehr vielseitige Klasse mit Heil- und Unterstützungszaubern aller Art, aber auch stark genug, um sich tapfer allein an der Front zu behaupten. Mal sehen … Hohepriester … Da. Willkommen in der Abenteurer-Gilde, verehrte Aqua! Ich und die gesamte Belegschaft sind gespannt auf Ihre zukünftigen Heldentaten!« Das Mädchen am Schalter hatte ein breites Lächeln auf dem Gesicht.
Was geht hier vor? Bin ich jetzt die Hauptfigur oder nicht?
Na, auch egal.
Und so begann mein Leben als Abenteurer in einer neuen Welt.
* 1 Yen = ca. 0,75 Cent.
2
»Okaay – gute Arbeit, Leute! Das war’s für heute! Kommt und holt euch euren Lohn!«
»Danke. Schönen Feierabend.«
»Wuhuu, Arbeit!«
Als der Vorarbeiter den Feierabend verkündete, bedankten Aqua und ich uns und verbeugten uns.
»Also, Leute«, sagte ich, »dann bis morgen!«
»Wuhuu, morgen!«, äffte Aqua nach, während ich mich von den anderen verabschiedete.
»Ja, schönen Feierabend. Morgen geht’s weiter.« Während die Stimmen der anderen noch hinter uns nachhallten, verließen Aqua und ich das Gelände.
Puh! Ein weiterer Arbeitstag geschafft.
Selbst ich konnte kaum glauben, dass ich mal ein Hikikomori gewesen war. Unseren Lohn in den Händen, machten Aqua und ich uns auf zum größten Badehaus der Stadt.
Die Badehäuser hier waren im Grunde nicht viel anders als die in Japan. Der Eintritt war im Vergleich zum Durchschnittseinkommen vielleicht ein bisschen teurer, aber ein heißes Bad am Ende eines langen Arbeitstags konnte ich mir nicht entgehen lassen.
»Oh ja … So muss das sein …« Ich sank bis zu den Schultern ins dampfende Bad, damit das warme Wasser meine Erschöpfung wegwaschen konnte.
Diese Welt wirkte ein bisschen mittelalterlich, und ich war immer davon ausgegangen, dass Bäder in einer Fantasy-Welt Luxus sein würden, aber offenbar hatte ich mich getäuscht. Zum Glück!
Aqua verließ das Bad und wartete am Ausgang auf mich. Es ist wahrscheinlich nicht sehr charmant, eine Frau warten zu lassen, während man im Wasser entspannt, andererseits ist das vielleicht auch einfach normal für einen Bäder liebenden Japaner.
»Was willst du heute essen? Ich hab Lust auf einen Rauchechsenburger. Und eine schöne kalte Rote Neroid!«
»Ja, ich hab auch Bock auf Fleisch. Warum lassen wir uns nicht von dem Typ im Gasthaus ein paar von seinen Rauchechsenburger-Sparmenüs braten?«
»Da werd ich nicht widersprechen!«
Aqua und ich schlangen unser Essen runter, und weil wir nichts Besseres zu tun hatten, gingen wir danach in den Stall zurück, in dem wir untergekommen waren.
Ich suchte mir das Heu aus, das am wenigsten nach Pferdemist roch, um mein Bett zu bauen, und legte mich gleich hin.
Aqua hatte sich neben mir zusammengerollt, als sei es das Natürlichste auf der Welt. »Okay, gute Nacht.«
»Nacht. Mann, wir haben heute echt geackert …«
Und so driftete ich in einen tiefen, zufriedenen Schla…
»Halt, Moment mal!« Ich schreckte hoch.
»Was ist? Hast du vergessen, aufs Klo zu gehen, bevor du dich hingelegt hast? Draußen ist es dunkel. Soll ich mitkommen?«
»Nein! Das ist es nicht. Warum mühen wir uns jeden Tag mit körperlicher Arbeit ab?«
Ja. Aqua und ich hatten in den vergangenen zwei Wochen jeden Tag beim Ausbau der Stadtmauer geholfen, kurz gesagt, wir waren Bauarbeiter. Das war weit entfernt von den Abenteuern, die ich erwartet hatte, als ich hierhergekommen war.
Wenn ich so darüber nachdachte, wie hatte sich Aqua eigentlich so schnell an dieses Leben gewöhnt, ohne sich zu beschweren? Sie war schließlich eine Göttin, oder?
»Na, wer essen will, muss eben arbeiten. Gefällt’s dir auf dem Bau nicht? Ts. Genau deswegen bist du ein Hiki-Neet. Du könntest auch im Handelsviertel Waren verhökern. Wär dir das lieber?«
»Darum geht’s nicht! Ich will … Ich bin für aufregende Kämpfe gegen Monster hergekommen, okay? Ich dachte, die Invasion des Dämonenkönigs bedroht diese Welt. Aber man könnte keinen friedlicheren Ort finden. Es gibt keine Dämonen und so gut wie keine Könige – wozu sind wir überhaupt hergekommen?«
Unsere Stimmen wurden lauter, als die Gemüter erhitzter wurden, bis wir Schreie aus der Nähe hörten: »Hey, ihr! Schnauze! Hier versuchen Leute zu schlafen!«
»Oh! Entschuldigung! Tut uns schrecklich leid …«
Neue Abenteurer sind arm, okay? Sie haben nicht das Geld, um sich jede Nacht ein Zimmer in einem Gasthaus zu leisten. Normalerweise schmeißen sie ihre Finanzen mit anderen Abenteurern zusammen und schlafen in einem großen Schlafsaal, aber im Moment war ein Heuhaufen im Stall alles, was wir uns leisten konnten.
Nein … das war definitiv nicht das Abenteurerleben in einer Fantasy-Welt, das ich mir vorgestellt hatte.
Im Gasthaus zu wohnen, war, als würde man in Japan jede Nacht in einem Hotel schlafen. Ein Lebensstil, den sich Leute ohne festes Einkommen – wie wir zum Beispiel – nicht leisten konnten.
In Videogames gibt es normalerweise einfache Anfängerquests wie Kräutersammeln oder ein paar Monster in der Nähe der Stadt zu jagen. Hier gab es so was nicht. Außerdem spuckten Monster auch nicht einfach Geld aus, wenn man sie besiegte.
Die Monster, die im nahegelegenen Wald gelebt hatten, waren schon vor langer Zeit ausgerottet worden. Und wer würde schon dafür bezahlen, dass jemand Kräuter in einem absolut friedlichen Wald sammelte?
Offensichtlich niemand.
Selbst Kinder konnten ohne Angst die Mauern der Stadt verlassen. Es gab zwar eine Wache am Tor, aber es war nicht so fest verschlossen, dass nicht einmal eine Ameise hineingekommen wäre. Der Wald war nicht groß genug, als dass man sich hätte Sorgen machen müssen – wenn etwas Gefährliches auftauchte, zogen die Leute einfach los und vernichteten es.
Ich schätze, das ergab Sinn, wenn man darüber nachdachte, aber für meinen Geschmack war es doch ein bisschen zu sehr wie die echte Welt.
In einem Game konnte ein grünschnäbliger Abenteurer in den Wald gehen und den halben Tag damit verbringen, leicht zu erkennende Pflanzen und Kräuter zu sammeln, und verdiente damit genug Geld, um sich drei anständige Mahlzeiten und ein weiches Bett leisten zu können.
Aber wann hatte man im echten Leben je so leicht Geld verdient?
Denkt mal darüber nach. Selbst in einem reichen Land wie Japan, ist euch da je ein Arbeiter begegnet, der jeden Tag seines Lebens in einem anständigen Hotel verbracht hätte?
Mindestlohn? Arbeitsrecht? Was ist das denn? Schmeckt das?
Willkommen in deiner RPG-Fantasie!
»D… Das weiß ich selbst. Diese Stadt ist am weitesten vom Schloss des Dämonenkönigs entfernt. Er würde sich nicht die Mühe machen, für einen Angriff bis hier raus zu kommen, vor allem weil es in der Stadt nichts als blutige Anfänger gibt. Du willst mir also sagen, Kazuma, dass du auf ein richtiges Abenteuer gehen willst? Obwohl du nicht mal eine Ausrüstung hast?«
Auf Aquas messerscharfe Analyse konnte ich nichts erwidern. Es stimmte. Aqua und mir fehlte selbst die grundlegendste Ausstattung für ein Abenteuer. Wir hatten unsere schönen, sicheren Jobs auf dem Bau angenommen, in der Hoffnung, so genug Geld für eine Ausrüstung zusammenzukriegen.
»Ich hab es langsam satt, auf dem Bau zu arbeiten … Ich bin nicht den ganzen Weg in ein Land voller Schwerter und Magie gekommen, nur um körperlich zu arbeiten. Ich bin hergekommen, um Abenteuer zu erleben – ohne Computer oder Spielekonsolen. Ich wurde hergeschickt, um den Dämonenkönig zu vernichten, oder nicht?«
Einen Moment lang sah Aqua mich an, als wüsste sie nicht, wovon ich rede. Dann brüllte sie: »Ach, stimmt ja! Da war ja was, was wir tun sollten! Ich war so in die Freuden der Arbeit vertieft, dass ich das doch glatt vergessen hab. Aber wenn du den Dämonenkönig nicht ausschaltest, komme ich auch nicht wieder nach Hause, okay?«
Ich fühlte mich von ihren Worten vor den Kopf gestoßen, bis ich mich erinnerte, dass die Empfangsdame gemeint hatte, Aquas Intelligenz sei unterdurchschnittlich.
»Also schön«, sagte sie, »dann gehen wir und schalten ihn aus! Du hast ja mich, also wird schon alles gut werden. Verlass dich auf mich!«
»Ich hab ein mieses Gefühl bei der Sache … Aber du bist schließlich eine Göttin. Okay, wie du willst. Morgen besorgen wir uns die billigste Ausrüstung, die wir finden können, und dann verbessern wir unsere Level.«
»Überlass das nur mir!«
»Hab ich nicht gesagt, ihr sollt die Schnauze halten?! Wenn ich da rüberkommen muss …«
»’tschuldigung! Wir bitten um Verzeihung!«
Während wir uns bei dem anderen Abenteurer entschuldigten, schlug mein Herz Purzelbäume, und ich lag noch lange aufgeregt wach.
3
Am strahlend blauen Himmel war nicht ein Wölkchen zu sehen.
»Aaaaaaaaaaaaahhh! Hilfe! Aqua, hilf miiir!«
»Pffff! Hi hi hi! Das ist großartig! Kazuma, dein Gesicht ist ganz rot! Die Tränen, die Verzweiflung – ich liebe es!«
Oh ja. Auf dem Rückweg werde ich sie irgendwo verscharren!
Während ich noch darüber nachdachte, Aqua irgendwo im Straßengraben zurückzulassen, rannte ich um Hilfe schreiend vor einer Riesenkröte, einem gigantischen froschartigen Monster, weg.
Wir waren auf dem riesigen Feld, das die Stadt umgab. Hierhin hatte uns die Quest, die wir bei der Gilde abgegriffen hatten, geführt …
Ich hatte ein kurzes Schwert, die minimalste Bewaffnung überhaupt. Aqua dagegen war der dämlichen Meinung gewesen, dass eine Göttin, die ein Schwert schwang, einfach nicht richtig wäre, und hatte demnach überhaupt keine Waffe. Stattdessen sah sie fröhlich zu, wie die Kröte mich jagte.
Ich schätze, man darf seinen Gegner nie unterschätzen, selbst wenn es sich um eine Kröte handelt.
Diese Frösche – Verzeihung, Kröten – waren größer als Kühe. Während der Paarungszeit brauchten sie zum Eierlegen viel Energie und kamen deswegen in die menschlichen Siedlungen, wo es jede Menge zu essen gab … wie die Ziegen der örtlichen Bauern, die die Kröten in einem Happs verschlangen.



