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So dass sie wüsste, wo Du bist.
Du bist der, der alles Wo umfasst
Bis hin zum Nichtwo! Wo also bist Du?
Mit meinem Entwerden, mit meinem Entwerden gibt es nur
La ´ilāha ´illā llāh, es gibt nichts außer Gott.
Es gibt nichts Existierendes außer Dir.
(Hallaj)
DIE FORMELN
Formeln zu wiederholen ist eine Möglichkeit, um sich selbst und das, was um uns herum geschieht, in die allumfassende Gegenwart Gottes bewusst einzubetten. Durch das daraus resultierende Gedenken an die allumfassende Einheit wird dem Leben eine geistig–spirituelle Richtung gegeben, die uns erlaubt, am Segen und der Gnade bewusst teilzunehmen. Es ist kein moralisches Wiederholen von Formeln, sondern ein Ausdruck der Reinigung des Herzens und der Einigung. Denn Harmonie entsteht, wenn in der Vielfalt die Einheit einfließt und wirkt. Formeln helfen uns, dieses Bewusstsein in unser Leben einzuflechten.
Die Formeln
subḥāna llāh سبحان الله „Ehre sei Gott“,
al–ḥamdu li–llāh الحمد الله „Gepriesen sei Gott“ und
allāhu ‘akbar الله أکبر „Gott ist größer“
werden – einem Hadith entsprechend – oft zusammen aufgesagt.
Durch das Ausrufen von „subḥāna llāh“ سبحان الله „Ehre sei Gott“, wirkt man einem der Göttlichen Majestät entgegenstehenden Fehlurteil bzw. einer Irrlehre entgegen bzw. entkräftet sie.
Ein Dieb stiehlt einer hilflosen alten Frau die Handtasche und rennt davon, er stolpert über einen Stein, fällt hin, wird erwischt und die Handtasche kommt zu ihrer rechtmäßigen Besitzerin zurück, subḥāna llāh!
Doch diese Formel wird auch bei Situationen und Dingen angewendet, die man nicht so offensichtlich nachvollziehen kann, deren Weisheit uns verborgen bleibt. Es ist eine Formel, die Gott betrifft und daher für uns Menschen in ihrer Allumfassenheit oft nicht erklärbar ist. Durch ihr Aussprechen trennen wir uns von den sichtbaren, eingeschränkten Dingen und Sichtweisen und betten uns in das Absolute, den Duft der Ewigkeit einatmend.
Die Formel „al–ḥamdu li–llāh“ الحمد الله „Gepriesen sei Gott“ ist das Erheben einer Tat von der Erde in den Himmel. Sie steht meist nach der Vollendung einer Handlung bzw. nach einer Erkenntnis. Sie ist in gewisser Weise das Pendant zu: „bismillāh ar–raḥmān ar–raḥīm“ بسم الله الرحمن الرحيم „Im Namen Allāh, Der unendlich Gütige, Der immer Barmherzige“.
Jede Handlung wird mit „bismillāh ar–raḥmān ar–raḥīm“, „Im Namen des Allbarmherzigen, Allgütigen, Schöpfer aus Liebe und Erretter aus Erbarmen“, eröffnet. Mit dieser Formel wird ein gütiger himmlischer Strahl auf jede Tat herabgerufen und gesegnet, im Wissen um die Einheit, im Wissen um die Göttliche Liebe und Gnade. Möge sie Widerhall finden in all meinen Taten. Jede Veränderung, jedes Eintreten in einen anderen Raum, jede Absicht wird mit der basmallah, wie diese Formel genannt wird, eröffnet.
Ich beginne mein Essen mit „bismillāh ar–raḥmān ar–raḥīm“ und beende es mit „al– ḥamdu li–llāh“. Mit dem al–ḥamd, dem Göttlichen Namen in dieser Formel, binde ich meine Handlungen und die Dinge an Gott. Ich erhebe sie und bette sie in die Einheit.
Die Formel „allāhu ‘akbar“ الله أکبر „Gott ist größer“, takbīr genannt, eröffnet das Gebet und bezeichnet den Wechsel der Stellung während des Gebetes. Der Komparativ des Wortes kabīr „groß“, der oft für einen Superlativ gehalten wird, bringt in dieser Formel zum Ausdruck, dass Gott stets größer oder der Größte ‘akbar sein wird.
Im Alltag wird sie oft ausgerufen, wenn man überrascht oder überwältigt wird. Sie wird aber auch zur Anfeuerung und zur kollektiven Stärkung verwendet.
Eine weitere oft verwendete Formel ist „in šā’a llāh“ إن شاء الله „Wenn Gott es will“. Mit ihr wird die Anlehnung, die Unwissenheit und Abhängigkeit vor Gott formuliert. Sie ist die befreiende Formel von jedweder Selbstgefälligkeit. Sie ist die Formel der Gelassenheit und des Vertrauens auf Gott, dass das, was richtig und gut ist, durch Ihn geschehen wird bzw. nicht eintreten wird – und dann ist es gut so. Allāh ist das Ziel, von Ihm kommt alles und zu Ihm kehrt alles zurück. Es gibt kein Dasein und keine Zukunft außer Ihm.
Im Alltag wird sie nach jeder Aussage, die die Zukunft betrifft ausgesprochen.
„Ich werde morgen in die Stadt fahren, in šā’a llāh!“ „Wir werden in fünf Tagen die Prüfung schaffen, in šā’a llāh!“
Die Formel „mā šā’a llāh“ ما شاء الله „was Gott wollte (ist eingetreten)“ bezieht sich auf die Vergangenheit und die Gegenwart. Die Begebenheit oder der Beginn der Begebenheit ist vergangen, aber die Entfaltung, Wirkung oder unsere Feststellung davon, ist Gegenwart. Die Formel wird auch verwendet, wenn ein Mensch oder eine Sache bewundernswert sind und man dies lobend anerkennen möchte, ohne Neid oder Eifersucht aufkommen zu lassen, allein, wenn man sich durch die Formel daran erinnert, dass alles von Gott abhängt und zu Ihm zurückkehrt. Das hält das Herz frei, macht zufrieden und macht aus uns eine bzw. einen Genießerin der Schönheiten.
Wenn man ein schönes Kind sieht, sagt man: „mā šā’a llāh!“ Wenn jemand schön singt und man die Stimme loben möchte, wenn jemand von schneller Auffassung ist, wenn eine schöne Landschaft auftaucht sagt man: „mā šā’a llāh!“
Alle Handlungen werden in fünf Arten eingeteilt:
das Unerlässliche fard فرض oder wāğib واجب;
das Empfohlene mustahab مستحب;
das Erlaubte, dem freien Ermessen überlassene mubāḥ مباح;
das zu Meidende makrūh مكروہ ;
und das Verbotene ḥarām حرام.
Eines Tages war Nasruddin mit einem Geldbeutel unterwegs zum Eselsmarkt. Als er an einem Bekannten vorbeiging, fragte dieser: „Wo gehst Du hin, Nasruddin?“ „Ich bin unterwegs zum Markt, um einen Esel zu kaufen!“ „Sag stets in šā’a llāh, Nasruddin!“ „Wieso denn, es ist doch klar, ich habe das Geld für den Kauf eines Esels bei mir und der Markt ist vor mir!“ Mit diesen Worten ging Nasruddin weiter. Bevor er allerdings den Markt erreichte, wurde er von Dieben überfallen, auf den Kopf geschlagen und beraubt. Benommen und verwirrt machte er sich auf den Weg nach Hause und wieder ging er an dem Bekannten vorbei. „Was ist passiert, Nasruddin?“, fragte dieser.
„Ich war auf dem Weg zum Markt, in šā’a llāh und da wurde ich von Dieben überfallen, in šā’a llāh, die mich auf den Kopf schlugen, in šā’a llāh und mich meines Geldes beraubten, in šā’a llāh und jetzt bin ich auf dem Weg zurück nach Hause, in šā’a llāh!“
DIE GÖTTLICHEN NAMEN
Vier Mal werden die Vollkommenen Heilenden Namen Allāhs im Koran erwähnt:
„Und Gottes allein sind die Namen der Vollkommenheit, ruft Ihn denn mit diesen an.“
(7:180)
„Gott – es gibt keine Gottheit außer Ihm,
Sein sind die Namen der Vollkommenheit.“
(20:8)
Sag: „Ruft Allāh an, oder ruft den Allergnädigsten an: mit welchem Namen ihr Ihn anruft, Er ist immer der Eine – denn Sein sind alle Namen der Vollkommenheit.“
(17:110)
„Er ist Allāh, der Schöpfer, der Erschaffer, der alle Formen und Erscheinungen gestaltet! Sein allein sind die Namen der Vollkommenheit. Alles, was in den Himmeln und auf Erden ist, lobpreist Ihn, denn Er allein ist allmächtig, wahrhaft weise!“
(59:24)
Der Prophet Muhammad, Allāhs Friede und Heil sei mit ihm, sagte:
„Es gibt neunundneunzig Namen, die Allāh gehören; der sie erlernt, sie kostet, versteht und aufzählen kann, wird eintreten ins Paradies und Seligkeit erlangen.“
اللّٰه
Allāh
Die Ewige Realität, „Das, was Ist“
66 – 264 – 4.356
Allāh ist der allumfassende Name, er ist die Gegenwart aller Namen.
Der erste Schritt ist „Allāh“ zu sagen und nichts anderes, Der zweite ist Intimität, und der dritte ist zu brennen.
(Attar)
Allāh ist der Name des Absoluten Seins und alle anderen Göttlichen Namen sind in Ihm beinhaltet. Allāh ist die allbeinhaltende Göttliche Realität. Die verschiedenen Göttlichen Namen sind die Ausströmungen aus dem Einen Göttlichen Sein. Sie sind eins mit diesem Sein und die Träger dieses Einen in der Welt der Manifestationen.
Die essenzielle Bedeutung von Allāh ist ergriffene Liebesleidenschaft, und alle anderen Göttlichen Namen sind verschiedene Aspekte dieser Einen Liebe. Alle 99 Göttlichen Namen sind uns geschenkt, um uns zum Durchbruch zu unserer wahren Natur und zur Quelle, zum Ursprung allen Seins, zu verhelfen. So hat jeder Göttliche Name, allgemein gesprochen, zwei Ebenen, mit denen wir konfrontiert werden: Einerseits dienen sie dazu, das Göttliche zu umschreiben und uns Ihm näher zu bringen, andererseits verhelfen sie uns dazu, unserem wahren Selbst, unserer wahren Natur, näherzukommen.
Allāh sehnte sich danach, Sein Wesen in einem allumfassenden Wesen, der Welt, sichtbar zu machen. Aus Seinem Sein strömten die Göttlichen Namen in die Manifestationen und eine Geschichte der Sehnsucht begann. In unserem tiefen Sein ruht ein Göttlicher Funken, in sich alle Göttlichen Namen einnehmend. Es ist der Ort des inneren Friedens und der Ergebung. Doch durch die Entsendung der Göttlichen Namen in die Welt der Manifestationen hat Allāh der Welt die Ruhe genommen. In der Suche nach dem Göttlichen dreht sich die Welt und zwischen den Polen von innerer Ruhe und äußerer Unruhe – äußerer Ruhe und innerer Unruhe ist der Mensch auf der Suche nach dem inneren Frieden. Eine Geschichte der Sehnsucht zwischen Schöpfer und Geschöpf.
Allāh ist jenseits von weiblich und männlich und nicht in Pluralform zu verwenden, und doch zeigt sich in der Gemeinsamkeit des Weiblichen und Männlichen die Göttliche Pracht.
Ibn Al–‘Arabi erläutert:
„Wir selbst sind die Eigenschaften, mit denen wir Gott beschreiben.
Unsere Existenz ist lediglich eine Vergegenständlichung Seiner Existenz.
Gott ist notwendig für unser Sein, während wir erforderlich sind, damit Er sich sichtbar macht für Sich.“
Allāh ist der größte und herrlichste Name des Einen, des Herrn und Schöpfers aller Welten, Dem nichts und niemand gleichkommt, Der Seine Offenbarungen zu den Menschen entsandte, unter ihnen Noah, Abraham, Moses, Jesus und Muhammad – Friede sei mit ihnen allen.
Die verschiedenen Göttlichen Namen, die verschiedenen Eigenschaften entstehen durch unseren unterscheidenden Verstand und doch gibt es nur eine Wahrheit. So finden sich die Qualitäten des einen Namens in irgendeiner Form stets auch in den anderen wieder. Das muss so sein, denn die Wahrheit ist Eins. Diese Einheit hat im Äußeren die Qualität der Unterschiedlichkeit, dennoch besteht eine Gegenseitigkeit, eine Wechselbeziehung, eine Allgegenwart.
Die Vielfalt widerspricht nicht der Einzigkeit des Göttlichen Seins. Zum Verständnis führt Ibn Al–‘Arabi das Feuer an. Das Feuer hat eine bestimmte Natur, dennoch sind seine Auswirkungen verschieden. Feuer verbrennt Holz und Papier zu Asche, bei Wasser wiederum wirkt es anders. Kupfer wird durch Feuer weiß, Gold wird durch Feuer flüssig. Obwohl das Feuer verschiedene Auswirkungen hat, verändert sich seine Natur, sein Wesen nicht. Die verschiedenen Auswirkungen entstehen, je nachdem mit welchen Wesenheiten es zusammentrifft und je nach den verschiedenen Verfassungen der Dinge. So ist auch die Einzigkeit des Göttlichen zu verstehen und die Vielfalt seiner Erscheinungen.
Allāh – es gibt keine Gottheit außer Ihm, dem Immer–Lebendigen, dem Durch–Sich–Selbst–Bestehenden Quell allen Seins.
Ihn ergreift weder Schlummer noch Schlaf. Sein ist alles, was in den Himmeln und was auf der Erde ist. Wen gibt es, der bei Ihm Fürsprache einlegen könnte, es sei denn mit Seiner Erlaubnis? Er weiß alles, was vor den Menschen offen liegt, und alles, was vor ihnen verborgen ist, während sie nichts von Seinem Wissen erlangen können, es sei denn das, was Er will. Weit reicht Sein Thron über die Himmel und die Erde, und es fällt Ihm nicht schwer, sie beide zu bewahren. Und Er ist der Hohe, der Erhabene.
(2:255)
In dem Namen Allāh sind die Aspekte der Transzendenz und der umhüllenden Ganzheit enthalten. Der Name Allāh strömt zugleich Gelassenheit, Erhabenheit und Mysterium aus. Alle Göttlichen Namen sind verschiedene Ausblicke und Einblicke des Namen Allāh, der Einen Allmächtigen Allumfassenden Liebe. Alle Göttlichen Namen verschmelzen und vereinigen sich in diesem Namen.
Sprich: „Mein Gebet und meine Opferung und mein Leben und mein Tod gehören Allāh, dem Herrn der Welten. Er hat niemanden neben Sich. Und so ist es mir geboten worden, und ich bin der erste der Gottergebenen.“ Sprich: „Sollte ich einen anderen Herrn als Allāh suchen, wo Er doch der Herr aller Dinge ist?“
(6:162–164)
Ibn Al–‘Arabi erklärt:
„Die in Ihm verborgenen Namen sehnten sich danach, sich zu manifestieren. So brachen sie infolge ihrer Sehnsucht, erkannt und geliebt zu werden, aus dem verborgenen und niemals zugänglichen Göttlichen Sein hervor, wie zu lange angehaltener Atem aus dem Körper bricht. Das ist es, was als nafas ar–rahmān, der Göttliche Hauch, bezeichnet wird, jener Hauch, der die ganze Schöpfung durchweht und die Göttlichen Worte wirken lässt. Die Namen trafen auf das Nichtsein, das sie, gleichsam wie Spiegelstücke, reflektierte, und so ist die Welt gewissermaßen eine Spiegelung der Göttlichen Namen. Sie existiert nur, solange ihr Gesicht, die Oberfläche des Spiegels, Gott zugewandt ist, sonst verschwindet sie, denn sie ist absolut von Gott abhängig. Gott aber bleibt unverändert von der Welt und ist ausschließlich durch die Spiegelung zu ahnen, und so erkennt Ihn jeder auf seine eigene Weise, je nach dem Namen, der sich in ihm am stärksten manifestiert“.
Sich selbst hören, wenn man „Allāh“ wiederholt, gibt die Kraft, sich aus der Illusion der Trennung, dieser fixen Idee, die uns so oft gefangen nimmt, zu lösen und den Duft der Essenz zu erfassen, die uns mit unserer eigenen Essenz verbindet und die Wunden der Separation und Isolation heilt. Der flüssige Strom der Einheit löst die Schranken der trotzigen Trennung und führt uns zu dem Kern, in dem die Ewigkeit in uns pulsiert, dort, wo wir gefüllt sind mit den Göttlichen Qualitäten. Nichts kann die Illusion der Trennung durch die Kraft der ekstatischen Liebe auflösen wie Allāh.
Jeder Göttliche Name kann mit Allāh verbunden werden und gemeinsam wiederholt werden. Auch Jesus verwendete das aramäische Wort „Alaha“ für Gott.
Alles beginnt mit den in diesem und aus diesem Namen verborgenen Schätzen: „Der vollkommen Erkennende erkennt Ihn in allen Manifestationen, in denen Er sich offenbart und in jeder Gestalt, in der Er hinabsteigt.”
(Ibn Al–‘Arabi)
„… und wenn die Reise zu Gott beendet ist,
beginnt die unendliche Reise in Gott …“
(Iqbal)
الرحمن
1
Ar–Raḥmān
Der Allbarmherzige, der Allerbarmer, der Segensreiche, der Mitfühlende
298 – 1.192 – 88.804
Ar–Raḥmān ist wie das Meer der unendlichen Güte und Schönheit, Ar–Raḥmān ist die Flut, überschäumend in seiner Gnade, allumfassend in seiner Natur. Es ist das Tor, durch das alle Göttlichen Namen durchfließen.
Die Gebetskette hat 99 Perlen – entsprechend den 99 Schönsten Namen Gottes, die mit den Namen Ar–Raḥmān, Ar–Raḥīm, der Allbarmherzige, der Allgnädige beginnen, also mit jenen beiden Namen der Gnade, mit denen jede Koransure, mit Ausnahme der neunten, anfängt und die auch zu Beginn jeder Handlung verwendet werden sollen.
Ar–Raḥmān beinhaltet Qualitäten der Liebe, der Großzügigkeit, der Barmherzigkeit und des Mitgefühls. Er symbolisiert die ewig fließende Qualität des Mitgefühls für alle Geschöpfe ohne Unterscheidung. Er beinhaltet die Göttliche Qualität der Segnung und der Freude über alle Geschöpfe ohne Unterschied.
Wenn man diesen Namen wiederholt, so hat man das Gefühl, von sanften Wolken der Barmherzigkeit umhüllt zu sein, und die Isolation, das Gefühl der Abgetrenntheit, die uns Menschen so oft begleitet, beginnt sich aufzulösen. Es ist ein Göttlicher Name, der Freude und Zufriedenheit bringt, der Hoffnung und Verbundenheit verbreitet und die Dämonen der Verzweiflung und des Zweifels vertreibt. Die Wiederholung dieses Göttlichen Namens (100 Mal im zweiten Drittel der Nacht) führt zu einer klaren Erinnerungsfähigkeit, zu einem wachen Bewusstsein und befreit von schwer zu ertragendem Kummer und von Kaltherzigkeit gegenüber sich selbst und anderen. Wenn man vom zweiten Drittel der Nacht spricht, so meint man etwa eine Stunde vor der Dämmerung fağr.
Wenn Allāh einen Menschen liebt, so ruft Er den Engel Gabriel herbei und sagt: „Ich liebe diesen Menschen, so liebe du ihn auch.“ Und so liebt ihn Gabriel. Dann ruft Gabriel zu den Wesen des Himmels: „Allāh liebt diesen Menschen, so liebet ihn auch.“ Und die Wesen des Himmels lieben ihn. Dann wird diesem Menschen die Schönheit dieser Erde geoffenbart. Allāh liebt alle Seine Geschöpfe – und da gibt es jene, die sich auf die Suche nach Ihm begeben, um das zu suchen, was nicht durch Suchen gefunden werden kann und doch nur der Suchende findet. Wenn die Suchende einen Schritt zu Gott hinmacht, kommt das Göttliche im laufenden Schritt ihr entgegen. Das ist die Bedeutung, wenn Allāh einen Menschen liebt …
Lass das Erbarmen und die Güte dein Herz berühren und deine Worte und Taten beeinflussen. Denn wer in Güte die Geschöpfe dieser Welt behandelt, sei es Stein, Pflanze, Tier oder Mensch, wird mit der Göttlichen Güte umhüllt und erlebt sie in sich und um sich.
So wiederhole nach jedem Gebet 10 Mal den Göttlichen Namen Ar–Raḥmān, sodass dein Herz sich mit jedem Schlag erweitert und du die Wunder um dich und das Schöne, das in dir selbst liegt, erkennst. Denn wer Güte in seinem Herzen verspürt, kennt keinen Zweifel und keine Sorge. Die Wiederholung dieses Göttlichen Namens bringt Freude und Zuversicht in das Herz und lässt die Illusion des Zweifels und der Verzweiflung dahin schmelzen.
Güte im Herzen bedeutet, eine Weichheit im Herzen zu tragen, die das Auge des Herzens öffnet und eine tiefe Verbundenheit mit allen Wesen und ein wahres Verständnis für alle Wesen dieser Welt erzeugt.
Es gibt im Körper einen Teil, wenn dieser heil ist, ist der ganze Körper heil und wenn er krank ist oder schwach, schwächt er den ganzen Körper. Ist es nicht das Herz, das dies verursacht? So lass dein Herz deine Führung werden und lass deinen Verstand sich mit dem Herzen verbinden, sodass du ganz wirst.
„Allāh, lass mich durch Deine Güte ganz werden, durch Deine Güte die innere Sonne erspüren, die ohne Bedingung auf alle gleich scheint. Diese innere Sonne, die wir oft in uns selbst verspüren, ist Teil unseres wahren Wesens.“
Die Wurzel r–ḥ–m, aus der die Göttlichen Namen Ar–Raḥmān und Ar–Raḥīm bestehen, enthält auch die Bedeutungen Gebärmutter, Mutterleib, Verwandtschaft, Mitleid und Mitgefühl. Sie sind besonders heilsam für Beziehungen unter den Menschen und fördern die Liebe und das liebende Mitgefühl unter den Geschöpfen. Menschen, die das Gefühl haben, von Gott verlassen oder vergessen zu sein, finden durch die Wiederholung dieser Namen wieder die Öffnung, von der sie glaubten verschlossen zu sein.
Ar–Raḥmān drückt gemeinsam mit seinem Klangkodex und seiner Bedeutung die ewig seiende Qualität aus, die Qualität der Unendlichkeit und der Endlosigkeit. Es ist die zutiefst innewohnende, ewig seiende Qualität, ohne die nichts ist. Neben Allāh, aus dem alle Namen fließen und die die mannigfaltigen Aspekte des Einen betonen, ist Ar–Raḥmān das Tor bzw. die Mutter, durch die alle Göttlichen Namen erscheinen.
Der Vers „kataba ‘alā nafsihi r–raḥma“ (6:12) „Allāh hat auf das Göttliche Herz, das Wort „raḥma“ Güte, Gnade geschrieben“, zeigt auf, dass alle Göttlichen Namen erst durch dieses Tor fließen, bevor sie in der Welt erscheinen.
Auch der Tod ist mit dieser Wurzel verbunden, im Wort marḥūm, „derjenige mit dem Gott Gnade und Erbarmen hat“, und mit dem die/der Tote bezeichnet wird. Vor unserer Geburt sind wir alle in dieser raḥma und nach dem Tod sind wir in ihr. Wir reisen also als Menschen von einer Gebärmutter der Liebe in eine weitere Gebärmutter der Liebe, dazwischen sind wir in einer Welt, wo wir auf unsere Beine gestellt werden, um diesem Urwissen in unseren Handlungen Ausdruck zu geben. Vertraue und gehe deinen Weg!
Wahrlich schwanger zu sein heißt, die Güte im Herzen zu tragen und alle Geschöpfe zu den eigenen Kindern werden zu lassen.
Den Menschen bessern, ihn in seine Weisheit, sein Wissen, seine Ausgewogenheit und Harmonie zu bringen, heißt, ihn wieder mit dem Himmel zu verbinden, das zerrissene Band wieder neu zu knüpfen und ihm zu helfen, sich von der Beherrschung durch seine Begierden und von seiner Verhaftung in der Materie zu befreien und ihn wieder mit der Welt des Geistes und der frohgemuten Klarheit zu vereinen.
Wenn du diesen Göttlichen Namen wiederholst, dann lege immer wieder deine Hand auf deinen Bauch und atme ruhig in dein Herz hinein, sodass du deine innere Sonne erkennst und sie bedingungslos strahlen lassen kannst. Finde in dir das Licht des Ar–Raḥmān, indem du deinen freien Willen dahingehend verwendest, Gutes für dich und andere zu tun.
Das Wort raḥīm, „sehr barmherzig“ ist die Steigerung von rāḥm, „barmherzig“, und die noch weitere Steigerung ist raḥmān, das „Unendlich Gute“.
Sowohl Ar–Raḥmān als auch Ar–Raḥīm sind beides Göttliche Namen, die unsere tiefsten Wunden, unser Gefühl der Mangelhaftigkeit und Unzulänglichkeit heilen. Sie verbinden uns mit dem Moment der Vorgeburt und schließen uns wieder an den ewigen Puls der gütigen Liebe an. Die Wiederholung dieser beiden Göttlichen Namen bringt nicht nur Stärkung und Kräftigung für die Gebärmutter, die weiblichen und männlichen Geschlechtsorgane, sondern bringt eine allgemeine Aktivierung aller Organe des Körpers mit sich.
„Der Weg des Sufismus liegt darin, aus dem Menschen ein Ganzes zu machen, indem er alle seine Aspekte zusammenfasst und ihn auf sein Zentrum zuführt.“
(Roger Garaudy)
الرحيم
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Ar–Raḥīm
Der Allmitfühlende, der Allgütige, der Barmherzige,
der Erweiser der Wohltaten, der Allgnädige
258 – 1.032 – 66.564
Barmherzigkeit beinhaltet Mitleid, Mitgefühl und die Fähigkeit zu verzeihen. Es gibt eine Form der Barmherzigkeit, die aufsteigt, bevor es eine Notwendigkeit dafür gibt, ein Mitgefühl, ewig fließend vom Göttlichen zu allen Geschöpfen hin, sie beschützend, behütend und sie führend zum Licht und zu einem höheren Leben.
Ar–Raḥīm ist die Ebbe, die den Menschen zu seinem Ursprung zurückführt. Es ist die Gnade, die uns Menschen befähigt, über unsere irdischen und menschlichen Grenzen hinauszuwachsen, um das Paradies der Einheit einzuatmen. Weisheit, Wissen, Ausgewogenheit sind Grundqualitäten unseres tiefen Seins.
Im Sufismus ist der Ozean ein Sinnbild für die Einheit und Ar–Raḥmān und Ar–Raḥīm sind darin wie Flut und Ebbe. Allāh hat uns durch die Offenbarungen seiner Gesandten immer wieder mächtige Flutwellen aus dem Meer der Unendlichkeit an die Ufer unserer endlichen Welt gesandt. Sufismus ist die Sehnsucht, sich in diese Welle zu werfen und sich von ihr zur Unendlichen Quelle, zum Ewigen Ursprung mitnehmen zu lassen. Für die meisten Gläubigen ist nur das Wasser von Bedeutung, das in den Becken zurückblieb, und das die äußere Form der Religion darstellt, doch der sehnsuchtsvoll Suchende, der Sufi, brennt nach dem Ewigen Quell. Der Sufi will verstehen, will erkennen, will bedingungslos lieben. Ein Sufi verwendet die äußere Form, um die innere einende Weisheitslehre zu verstehen.
Wir Menschen tragen viel Schmerz, Einsamkeit und ein tiefes Verlangen, frei zu sein, in uns. Die meisten Menschen reagieren auf unangenehme Erfahrungen, indem sie ihre Gefühle blockieren. Unsere Gefühle sind die Verbindung zwischen Körper und Geist, sie zu blockieren, zur Erstarrung zu bringen, bedeutet, den natürlichen Energiefluss und damit unsere Entwicklung und Reifung zu verhindern.
Mit Ar–Raḥmān und Ar–Raḥīm können wir uns dem schmerzhaften Bereich nähern, die Hoffnung sanft erwecken und die Seele erinnern, wer sie ist und wo sie hingeht.
Die Göttliche Barmherzigkeit ist in allen Dingen und für alle Dinge. Mit jeder weiteren Falte des Vertrauens im unsichtbaren Göttlichen Umhang, den wir vom ersten Atemzug umgelegt bekommen, erkennen wir mehr und mehr die Göttliche Barmherzigkeit, die sich durch alle Geschöpfe manifestiert. Jede Begegnung, die Anwesenheit eines jeden Geschöpfes wird so zur Bereicherung, denn jede Existenz trägt in sich einen Teil der Göttlichen Barmherzigkeit. Wir sind in unserem Leben immer mit verschiedenen Situationen konfrontiert, jede davon dient dazu, ist eine Möglichkeit, tiefere Erkenntnis über uns zu bekommen.




