Der Verleger, der seinen Verstand verlor und sich auf die Suche machte

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Wie es auch sei, die Sache mit dem Gerichtsvollzieher war fruchtlos, unnötig und peinlich. Der Herr war zwar distanziert höflich und mit angemessenen Manieren ausgestattet, aber zugleich erwies er sich auch als insistent und störrisch. Das Recht dazu scheint in den Papieren zu liegen, eines davon eine Vollstreckungsurkunde, ein anderes der mir bekannte Finanzamtsbescheid, auf den ich sofort mit einem Gesprächsangebot reagiert habe.
Ich kann mir nur vorstellen, dass dieses Angebot in der Behörde nicht an die zuständige Stelle gelangt ist. Daher wende ich mich an Sie, werte Frau Heinze. Vielleicht sind Sie so gut und platzieren meine Einwände gegen dieses überhastete Vorgehen bei der richtigen Stelle, zumal ich als Laie in solchen Dingen derzeit nicht von einem Steuerberater vertreten werde, weil diesem wichtige Unterlagen fehlen, die meine Frau Marie – Sie haben sie nie kennengelernt – noch nicht beigebracht hat.
Zum besseren Verständnis: Meine Frau Marie hat mich einige Zeit nach Ihrem Besuch verlassen und wahrscheinlich auch Ordner mit geschäftlichen Unterlagen mitgenommen. Ich stehe mit meiner Frau in Kontakt und erwarte die Rücksendung der Papiere in Kürze. Sie sehen, alles ist in bester Ordnung und so frage ich mich: Warum die Eile?
Den gleichen Eindruck musste auch der Herr Gerichtsvollzieher gewonnen haben, denn als er eine Liste der pfändbaren Gegenstände erstellen wollte, kam er nach einer gründlichen Begehung meines Hauses auf die Zahl Null. Ich habe mich auch keineswegs geweigert, meine Bankdaten herauszugeben. Die Bank wollte ohnehin schon seit Längerem über akute Finanzfragen mit mir sprechen. Einen Verlag zu führen und dabei nicht von höchsten Qualitätsmaßstäben abzuweichen, ist ein ewiges finanzielles Wagnis, das dürfen Sie mir glauben. Bei den titanischen Anstrengungen, die ein Verleger im Kampf um die Literatur als Krone der Kunst zu führen hat, geraten profane Themen wie Steuern, Abgaben oder die Stadtwerke mitunter in den Hintergrund. Das ist vom Schicksal so gewollt und von der Gesellschaft hinzunehmen. Alles geschieht in einem übergeordneten Interesse.
Seien Sie doch bitte so nett und befreien Sie mich aus meiner Zwangslage, indem Sie mein Sprachrohr werden. Als schwaches Zeichen der Würdigung Ihres edlen Gemüts, erlaube ich mir den Aphorismenband eines turkmenischen Schafhirten, von dem nur der Vorname Bülent überliefert ist, beizulegen.
Kleinode, wie diesen Band zu verlegen, ist meine Berufung. Begehrlichkeiten offizieller Stellen abzuwehren ist mein derzeitiges Schicksal.
Mit der Bitte um Verständnis und Hilfestellung verbleibe ich, Ihr sehr ergebener
Peter Korff
Freier Bürger
Sehr geehrte Frau Ogonnek,
wir leben nun schon Tür an Tür, seit ich das Haus von meinem Onkel geerbt und entschieden habe, den Scientia Verlag samt Verwaltung, Lektorat und Vertrieb in dieser Immobilie anzusiedeln.
Ich glaube an viele Dinge. Eines davon ist der Segen, den eine gute Nachbarschaft bringt. Wir sind Nachbarn, geehrte Frau Ogonnek.
Lassen Sie es mich so ausdrücken: Unser nachbarschaftliches Verhältnis scheint getrübt, vielleicht sogar belastet. Um es vorwegzunehmen – dies soll kein Beschwerdeschreiben sein, kein Abwälzen einer vermeintlichen Schuld auf Sie, werte Nachbarin. Das genaue Gegenteil ist der Fall. Ich kann mir vorstellen, dass eine ältere, arbeitsame Dame wie Sie irritiert gewesen sein muss, als in die ruhige, abgeschottete Vorstadtwelt mit ihrem regelmäßigen Rhythmus etwas so paradiesvogelartiges Einzug hielt wie ein Verlag, der Kunst und Literatur nicht nur verlegt, sondern lebt.
Es bleibt nicht aus, dass diese andere Lebens- und Ausdrucksform nach außen sichtbar wird und bisweilen Befremden, ja sogar Ängste auslösen kann. Ich habe in meinen Kalendernotizen nachgeforscht und herausgefunden, dass zwischen uns alles in Ordnung war, solange meine Frau Marie noch die täglichen Verrichtungen im Haushalt wahrnahm. Marie war es auch, die mir berichtete, dass Sie, werte Frau Ogonnek, unter Gehbeschwerden und Schwerhörigkeit leiden, ansonsten aber über gesunde und feste Ansichten über den Papst, die polnische Regierung und eine korrekte Lebensführung verfügen. ‚Charakterstark‘ nannte sie Sie und ich glaube, dass ich nun beginne zu verstehen, was sie meinte.
Ich erinnere mich auch daran, dass Sie den Postboten als ‚gottlosen Kommunisten‘ bezeichneten, weil er eine Werbebroschüre der Gewerkschaften austrug. Dann schafften Sie sich ein leistungsstarkes Fernglas an.
Werte Frau Ogonnek, es gibt mehr Skandalöses, als Sie sich vorstellen können und es liegt in der entgegengesetzten Himmelsrichtung meines Hauses: Polenhasser, Sodomiten, böse Menschen, die sich an einer weltweiten Verschwörung beteiligen, die zum Ziel hat, dass Hilfsmittel für das Alter nicht mehr auf Krankenschein erhältlich sein sollen.
Mir fehlt die Zeit, um mich intensiv um derart komplex wuchernde Missstände zu kümmern. Aber Sie, Sie, liebe Frau Ogonnek, auf Sie setze ich meine ganze Hoffnung. Wir sind Verbündete. Sobald Sie über Ergebnisse verfügen, rege ich an, mir diese schriftlich mitzuteilen. Ich sorge für die Veröffentlichung und Verbreitung.
Seien Sie versichert, dass ich unsere Zusammenarbeit vertraulich behandeln werde.
Als kleines Zeichen meiner Hochachtung überreiche ich Ihnen unseren Erfolgsband ‚Würdiges Altern bei den Inuit‘, der reich bebildert ist und von dem bekannten Ethnologen Edgar Cheevers erarbeitet wurde.
In geduldiger Erwartung,
Ihr Nachbar
Peter Korff
Lieber Peter Hetzel,
ohne Zweifel ist Ihnen der Scientia Verlag bekannt, dessen Leiter ich bin. Unser Verlag unternimmt seit Jahren große und von Erfolg gekrönte Anstrengungen, um die Leserschaft mit neuen, außergewöhnlichen Autoren und Kunstprojekten bekannt zu machen. Vielleicht haben Sie auch von dem Unterzeichner als Autor Kenntnis genommen.
Ich wende mich heute an Sie, weil ich eine hochrangige Jury zu besetzen habe, die über den Scribendus-Literaturpreis zu befinden hat, der von unserem Verlag erstmalig ausgelobt wird. Die Verleihung des Preises wird im Herbst dieses Jahres als Höhepunkt eines Kunst- und Literaturfestivals stattfinden, das federführend von unserem Verlagshaus ausgerichtet wird. Weitere Details zu den übrigen Initiatoren und dem Ablauf des Festivals werden rechtzeitig bekannt gegeben. Alle entstehenden Kosten werden selbstverständlich erstattet. Über Honorare erfolgt eine gesonderte Vereinbarung.
Es ist mir persönlich wichtig, dass Sie, lieber Peter Hetzel, als kompetenter und bekannter Literaturkritiker bei diesem einmaligen Ereignis dabei sind.
Bitte kontaktieren Sie mich gerne jederzeit über die im Anhang angegebenen Nummern.
Mit besten Grüßen,
Peter Korff
Verlagsleitung
Zoodirektion
Leiter des Zoos
persönlich, vertraulich
Sehr geehrter Herr Dr. Wimmer,
ich wende mich als Repräsentant und Geschäftsführer des überregional tätigen Scientia Verlages an Sie, um Sie für eine wegweisende Idee zu begeistern.
Vorab möchte ich nicht versäumen zu erwähnen, dass ich ein treuer Besucher und Förderer des Zoos bin und insbesondere zu dem Elefantenbullen ‚George‘ ein besonderes Verhältnis aufgebaut habe. Möglicherweise ist Ihnen letztens über einen eher ignoranten Tierpfleger zu Ohren gekommen, dass ich durch das Schreiben vertraulicher Briefe an den Adressaten George dessen Gemüt geschadet haben könne. Dieser Vorwurf ist natürlich völlig abwegig. Wahrscheinlich wird mir mein über die Jahre gewachsenes Vertrauensverhältnis zu George geneidet.
Wie Ihnen bekannt sein dürfte, finden in Zoos vermehrt besondere Aktionen wie Nachtzoobegehungen oder Dinnerveranstaltungen in der Naturkulisse des Aquariums statt. Derartige Aktionen haben die Zoos immens aufgewertet und für neues Publikumsinteresse gesorgt.
Ein Verbund von Verlegern und Wirtschaftsförderern hat unter meiner Leitung die Idee entwickelt, in Kooperation mit dem Zoo im nächsten Herbst ein Kunst- und Literaturfestival zu initiieren, das Fauna, Flora, Kunst und Kultur auf eine bisher einmalige Weise miteinander vernetzen soll. Ihr Zoo, werter Herr Dr. Wimmer, ist in der Planungsphase von allen potenziellen Veranstaltungsorten in die engere Wahl gekommen. Hochrangige Persönlichkeiten aus Kunst, Literatur und Gesellschaft wirken bei dem Projekt mit. Wir rechnen mit Galeristen, Literaten und Künstlern aus aller Welt, die dem Ruf der Festivalleitung Folge leisten werden. Dies nicht zuletzt, weil der prestigeträchtige Scribendus vergeben wird, ein Preis, der die Anerkennung des Kunstbetriebes für eine außerordentliche Leistung darstellt. Professionelle Kreise sprechen schon jetzt von dem Scribendus als dem ‚Oscar der schönen Künste‘. Ob sie damit richtig liegen, mag die Nachwelt entscheiden.
Wir treten derzeit mit allen Beteiligten in die engere Planungsphase ein und würden auch gerne kurzfristig mit Ihnen und dem Kuratorium des Zoos in direkten Kontakt treten. Bitte nennen Sie uns doch zwei oder drei mögliche Gesprächstermine in der nahen Zukunft. Wir freuen uns auf Ihre Mitwirkung bei diesem innovativen Projekt.
Mit herzlichen Grüßen,
Peter Korff
Projektkoordinator
PS: Wie kürzlich der Presse zu entnehmen war, sind unflätige Meinungsäußerungen in Briefform, die Haltung des Pandabären Bao Bao betreffend, beim Zoo eingegangen. Ich lege Wert darauf zu bemerken, dass ich nicht der Urheber dieser Briefe war.
Frau Ogonnek,
ich hatte nicht so kurzfristig mit einer Reaktion auf mein Schreiben gerechnet. Vor allem hatte ich nicht mit dieser Reaktion gerechnet, aber vielleicht war ich zu blauäugig.
Ich bin es schlechterdings nicht gewohnt, durch den Briefschlitz des eigenen Hauses von einer gehbehinderten Seniorin als ‚Nichtsnutz‘, ,Störenfried‘, ,Arschkriecher‘ und ,Belästiger‘ beschimpft zu werden. Das waren jedenfalls die Ausdrücke, die ich aufgrund Ihres Akzentes und Ihrer offenbar schlecht sitzenden Zahnprothese verstehen und später notieren konnte.
Um wenigstens einige Ihrer wild in die Gegend gebrüllten Fragen zu beantworten – sofern sie nicht ohnehin rhetorischer Natur waren – bin ich
a) überhaupt nicht der Meinung, dass bei Ihnen im Oberstübchen kein Licht mehr brennt (Zitat Ogonnek)
oder
b) Sie aufgrund Ihres hohen Alters in einen infantilen Geisteszustand zurückgefallen sind (sinngemäße Zusammenfassung Korff).
c) Es liegt mir außerdem fern, Sie zu Straftaten aufzufordern oder Sie dazu zu erpressen.
d) Auch den Vorwurf unschicklicher Annäherung weise ich entschieden zurück.
Um es beiläufig zu erwähnen: Meine Hauseingangstür besteht aus gebeiztem Kirschholz, das keine unangemessene Behandlung verzeiht. Unangemessen ist es auf jeden Fall, wenn eine erstaunlich robuste Greisin mit ihrem Gehstock zur Bekräftigung ihres Gebrülls mit aller Kraft im Silbentakt gegen die Tür hämmert. Ich hatte für einen Augenblick daran gedacht, die Tür zu öffnen, sah aber davon ab, weil mein gesundheitlicher Zustand noch fragiler ist als der Zustand der Tür. Ein Schreiner hat bei einer Begutachtung der malträtierten Tür diese als ‚Totalschaden‘ bezeichnet. Außerdem ist der Messingbriefschlitz an der rechten oberen Seite aus der Verankerung gerissen und der Rest eingespeichelt. Ich werde die Angelegenheit meinen Anwälten übergeben.
Den erlittenen seelischen Schaden vermag ich noch nicht zu beziffern, aber ich denke darüber nach. Der Betreiber des Zeitschriftenladens, der auch unser Periodicum Intelligentia im Angebot führt, fragte mich mit besorgter Miene, was in aller Welt ich getan habe, die ,nette, alte Frau Ogonnek‘ derart gegen mich aufzubringen. Meine ausführliche Antwort würdigte er mit skeptischen Blicken und kaum verhohlener Abscheu. Seine Reaktion ist wahrscheinlich stellvertretend für das Meinungsbild in der Siedlung.
So kann es nicht weitergehen, Frau Ogonnek,
P.K.
Kapitel 3
Osterfeiertage
Kreissparkasse
Abt. Kundenbetreuung
Herrn Bobe
Sehr geehrter Herr Bobe,
bitte verzeihen Sie meine verzögerte Reaktion und suchen Sie bitte in dem Umschlag nicht nach all den Unterlagen, die Sie von mir zu erhalten wünschen (Gehaltsnachweise, den letztjährigen Steuerbescheid, eine Vermögensaufstellung und die Trennungsvereinbarung zwischen mir und meiner Frau; außerdem die letzten drei Bilanzen des Verlagshauses Scientia). Ich verspreche, die erbetenen Unterlagen, so gut es geht, nachzuliefern. Meine Buchhaltung wird derzeit modernisiert, um Ihnen und mir die Arbeit zu erleichtern. Bis die Umstellung Früchte trägt, muss allerdings weiterhin mit Verzögerungen gerechnet werden. Bitte nehmen Sie in der Zwischenzeit mit dem zu mehr als einem Drittel wahrheitsgemäß ausgefüllten Selbstauskunftsbogen vorlieb.
Sicher sind das Routinevorgänge und absolut berechtigte Forderungen, die jedoch in meinen Augen, der ich eines der weltweit am meisten beachteten internationalen Kunst- und Literaturfestivals initiiere und koordiniere, ein wenig überzogen sind. Wie Sie sich erinnern, bat ich lediglich um die Aufhebung der Sperre für mein Girokonto und die Einräumung weiterer Kreditlinien für den persönlichen und geschäftlichen Bedarf.
Es ist mir bewusst geworden, dass wir, was meine wirtschaftliche Situation betrifft, diametral entgegengesetzte Ansichten vertreten. Während Sie mit vorsichtig gewählten Worten zu einer Privatinsolvenz rieten und über die Situation des Verlages keine Meinung vertraten, bin ich von optimistischem Gemüt und voller Pläne, die eine fast goldene Zukunft verheißen.
Die vorübergehende Delle in meinen Einkommensverhältnissen ist der schwierigen Abwicklung meiner Ehe und der Tatsache geschuldet, dass meine Frau Marie ihr Gehalt als Sonderpädagogin nicht mehr auf unser gemeinsames Haushaltskonto einzahlt, obwohl ich sie darum gebeten habe. Dafür bleibt mir der Verlag, der – anders als Sie mutmaßen – nicht ‚in höchstem Maße defizitär ist‘, sondern lediglich in einer Phase der Umstrukturierung nicht die prognostizierten Umsätze abwirft. Und bevor Sie wieder in die Diskussion über den Unterschied von Umsätzen und Renditen eintreten, versichere ich, dass ich diese feinen Unterschiede und auch die zwischen ‚vor Steuern‘ und ‚nach Steuern‘ wohl verstanden habe, selbst wenn ich für derartige Erwägungen kein Verständnis aufbringen kann. Wenn profane wirtschaftliche Belange ein wegweisendes künstlerisches Konzept erdrosseln, verlieren betriebswirtschaftliche Sichtweisen ihre Legitimität.
Ich sehe ein, dass ich mich in der jüngsten Vergangenheit zu wenig um die kaufmännischen Aspekte des Verlagshauses gekümmert habe, weil durch die plötzliche Vakanz, die meine Ehefrau Marie hinterlassen hat, die rein künstlerische Seite des Unternehmens durch meine Person eine überproportionale Aufmerksamkeit erfuhr. Daher danke ich Ihnen, dass Sie mir zur Deckung meines Lebensbedarfs eine weitere kleine Überziehungsmöglichkeit für mein Konto eingeräumt haben. Ich werde höchst verantwortungsbewusst davon Gebrauch machen.
Darf ich Ihre Bank auch zu den Sponsoren des Literaturfestivals zählen oder wünschen Sie, das Sponsoring für den Scribendus Award zu übernehmen? Sie werden überrascht sein, welcher
Imagegewinn für die Kreissparkasse dabei entsteht. Ich erlaube mir in dieser Angelegenheit noch einmal auf Sie zuzukommen und verbleibe in der Zwischenzeit
mit freundlichen Grüßen,
Peter Korff
POST VOM NACHBARN
Ich sehe Sie, Frau Ogonnek.
Ihre kleinen, flinken Augen hinter dem Fernglas. Wie Sie in mein Haus und in meine Zimmer spähen.
Ein Tipp: Die Vorhänge bewegen sich und dann weiß ich Bescheid.
Sie vermuten vielleicht, die bunte, überdimensionale Plastikwaffe mit dem Repetiermechanismus und den Reservetanks sei eine Hochleistungswasserpistole. Schauen Sie genau hin, Frau Ogonnek. Sie haben meinen Weg durch den Garten gestern Nacht zuerst aus Ihrer Küche und dann aus dem Bad heraus verfolgt (die Vorhänge, Frau Ogonnek, die Vorhänge). Die Gummistiefel und den Bademantel meiner Frau trug ich gegen Matsch und Kälte, aber den Photonenionenzerstäuber trug ich alleine wegen Ihnen, Frau Ogonnek. Die Badehaube auf meinem Kopf, die mit den Gänseblümchenapplikationen, ist keine Badehaube, sondern ein strahlenabweisender Schutzomat gegen innere und äußere Einflüsse. Böse Gedanken und Flüche können mir nichts mehr anhaben, Frau Ogonnek. Auch meine eigene Strahlenkanone nicht. Besitzen Sie auch einen Schutzomaten, Frau Ogonnek?
Ich bin im Vorteil. Das ist schön. Sie sind am Zug.
Diese Nachricht zerstört sich in zehn Sekunden selbst.
Zoologischer Garten
Elefantengehege/postlagernd
Mein lieber Freund George,
Du fehlst mir und ich weiß, dass ich Dir fehle. Im Moment muss ich allerdings vorsichtig sein und jeden meiner Schritte abwägen. Ich habe Großes vor und Du sollst ein Teil davon sein. Ich sage nur: Kunst- und Literaturfestival!
Diesen und die nächsten Briefe schreibe ich Dir, ohne sie wirklich abzuschicken. Dein Pfleger ist auf unser besonderes Verhältnis eifersüchtig und hat uns bei der Zoodirektion angeschwärzt. Jetzt überlegen alle, ob Du und ich irgendwie unnormal sind, all die Hunde- und Katzenbesitzer, die mit ihren Tieren auf Du und Du stehen und sie Tag und Nacht verhätscheln. Ich möchte behaupten, dass unsere Beziehung im Vergleich nüchtern und gesund ist. Wie siehst Du das, George?
Sei es, wie es sei, ich bin auf das Wohlwollen des Zoos angewiesen und möchte das Festival störungsfrei planen und gestalten. Stell Dir vor. Tausende Besucher, Hunderte Exponate, mehrere Bühnen, Literaten und bildende Künstler aus aller Welt. Wettbewerbe, Slam Poetry, Installationen unter Beteiligung des Publikums. Dazu Merchandising, Medien. Als Kulisse das herrliche Zoogelände. Ein Panoptikum im Panoptikum. Internationale Aufmerksamkeit und alle Rechte bei Scientia. Die armseligen, örtlichen Kulturaffen werden schäumen. Sie sind höchstens Zaungäste. Sie denken nicht groß genug. ‚Denken heißt überschreiten‘, um mit Ernst Bloch zu sprechen.
Und Du, mein Freund George, wirst als Exponat der ungezügelten Natur einen Ehrenplatz erhalten. Die Unsterblichkeit und Auszeichnungen winken. Ich kann sie förmlich vor mir sehen. Man wird sich um uns reißen, glaube mir. Nach dem Festival wird es niemand mehr wagen, unsere Kommunikation ins Lächerliche zu ziehen, uns zu demütigen und uns zum Rückzug zu zwingen.
Geld wird auch da sein. Du kannst Dir schon einmal Gedanken für später machen. Festivals unter Wasser, Festivals in der Wüste, ein Festival auf dem Mount Everest. Denk an Christo und daran, was dieser Mann für die Kunst geleistet hat. Ein Meilenstein. Mehr als das. Verfremdung durch Verpackung. Die Schaffung neuer Identität durch Verhüllung. Zuerst verlacht, denn ignoriert, jetzt gefeiert. Ein Titan. Das Gleiche in der Schriftstellerei. Kafka, Benn, Wallace. Verfemte. Außenseiter. Genies allesamt. Und im Herbst wir.
Wenn nur nicht das lästige Problem mit der Finanzierung wäre. Wir brauchen Sponsoren. Ich arbeite bereits Tag und Nacht an meinen Altlasten. An Schlaf ist kaum zu denken, außerdem habe ich kein Bett mehr. Ich habe stark an Gewicht verloren. Wie viel, weiß ich nicht. Ich habe keine Waage mehr. Ich esse Erbsen und Karotten aus Dosen. Die Ravioli sind alle. Das ist schade. Wo ist mein ganzes Besteck, das mir meine Mutter vererbt hat? Ich muss Marie fragen.
Du siehst, es brennt an allen Ecken und Enden, aber das ist gut so. Wenn erst der ganze Behördenkram erledigt ist, komme ich ganz bestimmt vorbei und lese Dir all die Briefe vor, die aus taktischen Gründen erst einmal bei mir lagern. Ganz bestimmt.
Pass auf Dich auf,
Dein Peter
Sehr geehrter Herr Polizeipräsident,
ich kann guten Gewissens sagen, dass ich nicht wusste, dass es diese Photonenionenzerstäuber wirklich gibt und dass bei der Helmholtz-Gemeinschaft eines dieser Geräte bei einem Einbruchdiebstahl entwendet wurde. Ich könnte einen Photo-nenionenzerstäuber noch nicht einmal identifizieren, wenn er ‚La Paloma‘ singend auf meinem Schoß sitzen würde, wenn Sie wissen, was ich meine.
Ich bin in Hausmantel, Gummistiefeln und Badekappe in Begleitung einer Wasserpistole durch meinen eigenen Garten gestapft, um meiner Nachbarin Frau Ogonnek die Absurdität ihrer Überwachung plastisch vor Augen zu führen. Dazu habe ich eine sarkastische Mail verfasst, die als Scherz und nicht als Bedrohung aufzufassen war.
Natürlich können Polizeikräfte jederzeit mein Haus betreten, um nach einem Photonenionenzerstäuber zu suchen. Ich darf lediglich um Diskretion bitten.
Mit vorzüglicher Hochachtung,
Peter Korff
Unternehmer
Stadtverwaltung
Ordnungsamt
Sehr geehrte Damen und Herren,
Ihrer Aufforderung ‚ein halb verbranntes und geschmolzenes Plastikkamel‘ aus meinem Garten zu entfernen, weil es ‚Abfall sei‘ und sein Anblick im Übrigen ,die öffentliche Sicherheit und Ordnung gefährde‘ werde ich aus den folgenden Gründen nicht nachkommen:
– Das Kamel ist kein Kamel, sondern ein Dromedar. Für die Behörde mag dies ein vernachlässigenswerter Punkt sein, für den Kunstliebhaber jedoch keineswegs.
– Der hochdekorierte Installationskünstler Frank Pesser, ein unangepasster Mahner wider den Missbrauch der Kreatur im Angesicht skrupelloser Ausbeutung natürlicher Ressourcen, hat die Skulptur ‚Dromedar im Vergehen‘ als Kontrapunkt gegen den modernen Rohstoffimperialismus geschaffen und dem Verlagshaus Scientia als Dauerleihgabe mit der Auflage zur Verfügung gestellt, dieses Abbild der geschundenen Kreatur in einem natürlichen Habitat auszustellen.
– Da der Künstler, ebenso wie der Verlag, der Meinung ist, Kunst müsse ohne Diskriminierung ‚künden‘, soll die Installation von der interessierten Bevölkerung wahrgenommen werden können. Wahrnehmung bedeutet Sichtbarmachung im klassischen Sinne. Die Installation wurde daher unter strenger Aufsicht des Künstlers im Garten des Verlagsgrundstücks verankert, weithin sichtbar für alle.
– Was die Auffassung der Behörde betrifft, der Garten sei ‚ein Stück verwildertes Brachgrundstück, bei dem der Verkehrssicherungspflichtige seinen Pflichten nicht nachkomme‘, erwidere ich, dass der Garten ein Garten ist, der offensichtlich nicht brachliegt, sondern im Gegenteil eine üppige Bepflanzung aufweist. Das Grundstück ist als Staudengarten konzipiert und somit von Stauden und Gräsern bewachsen, die im Frühjahr ihre volle Größe erreichen. Der Staudengarten soll mit voller Absicht ein Biotop sein, das der vielfältigen Fauna der Insekten- und Vogelwelt Asyl bietet.
– Mitnichten hat der Verlag Scientia auf seinem Gartengrundstück eine wilde Müllkippe eröffnet oder geduldet. Der rund um die Installation verstreute Plastikmüll ist sorgfältig von dem Künstler Frank Pesser ausgewählt, arrangiert und fixiert worden. Der Müll symbolisiert auf plakative Weise die Tragik der Wohlstandsgesellschaft und die Unfähigkeit des Menschen, die Kreatur vor den negativen Auswirkungen der Wohlstandsgesellschaft zu schützen.
– Es ist nicht zu leugnen, dass eine derartige Kunstperformance auf Widerspruch und Irritation stößt. Kunst ist kein Selbstzweck und hat zum Ziel, Anstöße zu geben, Reibung zu erzeugen und den Diskurs anzuregen. Ich verweise in diesem Zusammenhang auf die Reaktion der örtlichen Presse (‚Das geschmolzene Dromedar – durchgeknallt oder große Kunst?‘), die Formierung der Bürgerinitiative ‚Weg mit dem Müll‘ und die Berichterstattung des Senders RTL (‚Wahnsinn in deutschen Vorgärten‘).
– Ich erlaube mir noch den Hinweis, dass der ausgeschlachtete Kühlschrank, das Gerippe einer nicht identifizierbaren Maschine mit Schleifvorrichtung und das intakte Billy Regal nicht zu der ursprünglichen Installation gehören. Der Verlag verzichtete in Absprache mit dem Künstler auf eine Anzeigenerstattung wegen Sachbeschädigung und auf das Erheben von Schadensersatzansprüchen. Frank Pesser votierte dafür, den aus der Mitte der Bevölkerung hinzugefügten Abfall in das Kunstwerk zu integrieren und somit die Installation ‚Dromedar im Vergehen‘ zu einem wachsenden und sich verändernden Organismus zu machen. Der Verlag ist sich mit dem Künstler einig, dass dieser revolutionär egalitäre Ansatz, den wir in einer ersten, provisorischen Bezeichnung ‚Beteiligungskunst‘ nennen wollen, wegweisend für die Gegenwartskunst sein wird.



