Notizen eines Sozialarbeiters. Die Essenz. Unerzählte Geschichten

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Vorwort

Sie halten kein Lehrbuch über Soziale Arbeit und auch keine Sammlung dienstlicher Erinnerungen in den Händen. Dieses Buch handelt von Menschen. Von Menschen, deren Schicksale nur selten Schlagzeilen machen oder in offiziellen Berichten erscheinen, die uns jedoch jeden Tag daran erinnern, wie zerbrechlich das menschliche Leben sein kann.
Im Laufe meiner Berufsjahre bin ich den unterschiedlichsten Menschen begegnet: älteren Menschen, die in Einsamkeit leben; Familien, die schwere Krisen durchstehen mussten; Kindern, die besonders auf die Unterstützung von Erwachsenen angewiesen sind; Menschen mit Behinderungen, Migrantinnen und Migranten sowie Menschen, die ihr Zuhause, ihre Gesundheit, nahestehende Angehörige oder den Glauben an sich selbst verloren haben. Jeder von ihnen hatte seine eigene Geschichte. Manche erzählten sich in wenigen Minuten, andere begleiteten mich über viele Monate hinweg. Doch hinter jeder Geschichte stand ein Mensch, den ich nicht nur anhören, sondern auch verstehen wollte.
Die Erzählungen in diesem Buch beruhen auf wahren Begebenheiten. Einige Namen, Einzelheiten und Umstände wurden geändert, um die Privatsphäre der betroffenen Personen zu schützen. Die Gefühle, die Erlebnisse und der Kern des Geschehens sind jedoch so geblieben, wie ich sie in Erinnerung habe.
Der Titel dieses Buches – Aufzeichnungen eines Sozialarbeiters. Das Wesentliche. Geschichten, die niemand erzählt. – wurde nicht zufällig gewählt. Hinter jeder Akte, jedem Sozialbericht und jeder Unterschrift verbergen sich menschliche Schicksale, die sich nicht in Zahlen erfassen lassen. Sie sind es, die weit länger in Erinnerung bleiben als jeder Bericht.
Ich wollte nicht über einen Beruf schreiben, sondern über zwischenmenschliche Beziehungen – über Mitgefühl, Verantwortung, Entscheidungen und Hoffnung. Darüber, wie manchmal ein einziges, zur rechten Zeit gesprochenes Wort das Leben eines Menschen verändern kann und wie aufrichtige menschliche Anteilnahme oft wertvoller ist als jede Vorschrift.
Wenn Sie nach der Lektüre dieses Buches den Menschen in Ihrer Umgebung mit etwas mehr Aufmerksamkeit begegnen, dann hat dieses Buch seinen Zweck erfüllt.
Alexander Arslanov
Das Wesentliche

Manchmal zerbricht eine Familie nicht erst am Tag der Scheidung. Sie zerbricht schon viel früher – in der Stille zwischen den Worten, in den müden Blicken am Küchentisch, in Entscheidungen, die angeblich zum Wohl aller getroffen werden.
Die Zeit vergeht. Es entstehen neue Partnerschaften, neue Familien, neue Kinder und manchmal auch neue Nachnamen. Und irgendwann wird deutlich: Die Vergangenheit verschwindet nicht. Sie lebt weiter – in den Kindern, in den Erinnerungen und in den Fragen, auf die niemand eine einfache Antwort hat.
Das Tragischste an einer Trennung ist oft nicht die Trennung selbst. Tragisch wird es dann, wenn Erwachsene versuchen, ihr eigenes Leben neu zu ordnen, ohne zu bemerken, dass dabei die Welt eines Kindes aus den Fugen gerät.
Sie hatte die Scheidung eingereicht.
Damals war sie überzeugt, dass dies der ehrlichste und richtige Weg sei – für beide.
Er ging.
Schon bald trat ein neuer Partner in ihr Leben. Manchmal beginnt eine neue Beziehung bereits vor dem endgültigen Ende der alten – manchmal erst unmittelbar danach.
Für viele Menschen fühlt sich dieser Neuanfang wie eine Rettung an. Wie ein neuer Halt. Wie die Chance, schneller wieder ein normales Leben zu führen – für sich selbst und für die Kinder. Ein neuer Lebensabschnitt. Die Hoffnung, diesmal alles besser zu machen.
Die Jahre vergingen. Aus einem gemeinsamen Weg wurden zwei völlig unterschiedliche Leben.
Eines Tages sah sie, dass auch er seinen Weg gefunden hatte. Er wirkte ruhig, selbstständig und zufrieden – nicht mehr als der Ex, sondern als eigenständiger Mensch.
Und in ihr entstand ein Gefühl, das sie zunächst selbst nicht einordnen konnte.
Es war keine Liebe.
Es war auch nicht der Wunsch, die Vergangenheit zurückzuholen.
Es war vielmehr das Gefühl, dass er irgendwie noch immer zu ihrer Welt gehören müsste.
An diesem Punkt nehmen manche Geschichten eine unerwartete Wendung.
Nach einer Trennung versuchen manche Menschen – oft unbewusst –, nicht nur einen neuen Partner zu finden, sondern das gesamte Familiensystem möglichst schnell neu zu ordnen.
Der Wunsch dahinter ist verständlich: endlich Ruhe, Stabilität und ein neuer Anfang.
Doch manchmal führt genau dieser Wunsch dazu, dass die gemeinsame Vergangenheit verdrängt werden soll.
Es entstehen Diskussionen über den Nachnamen der Kinder oder über die Rolle des anderen Elternteils. Manchmal entsteht der Wunsch, möglichst viele Erinnerungen an das frühere Familienleben hinter sich zu lassen.
Doch Kinder erleben eine Trennung anders als Erwachsene.
Sie spüren Spannungen selbst dann, wenn niemand darüber spricht.
Versucht ein Elternteil, den anderen aus dem Leben des Kindes zu verdrängen oder möglichst schnell zu ersetzen, gerät das Kind oft in einen inneren Loyalitätskonflikt.
Es sucht nach Erklärungen.
Nicht selten entwickelt es einfache Antworten, um sich selbst zu schützen.
Vielleicht wollte Papa keinen Kontakt.
Vielleicht hat er uns verlassen.
Vielleicht liebt er uns nicht mehr.
Nicht weil Kinder hassen möchten.
Sondern weil eine einfache Erklärung für ihre Seele leichter zu ertragen ist als eine komplizierte und schmerzhafte Wirklichkeit.
Und dennoch bleiben die Fragen.
Und das Gefühl des Verlustes.
Aus wissenschaftlicher Sicht gibt es für ein solches Verhalten keine eigenständige Diagnose. Fachleute sprechen eher von psychischen Schutzmechanismen nach einer Trennung, von Trauerprozessen oder von einer Identitätskrise, in der Menschen nicht nur einen Partner verlieren, sondern auch eine vertraute Rolle in ihrem bisherigen Leben.
Nur selten geschieht all dies aus Bosheit.
Häufig stehen sogar gute Absichten dahinter.
Man möchte den Kindern möglichst schnell wieder Stabilität geben.
Man möchte den Streit beenden.
Man möchte sich selbst vor weiterem Schmerz schützen.
Doch manchmal geschieht genau das Gegenteil.
Die Vergangenheit verschwindet nicht.
Der Schmerz wird nicht verarbeitet, sondern lediglich verdrängt.
Und dort, wo eigentlich ein Neuanfang entstehen sollte, bleibt ein kaum sichtbarer Riss zurück – in der Familie, in den Erinnerungen und manchmal auch im eigenen Selbstbild.
Es gibt eine Frage, die nur selten laut ausgesprochen wird.
Würden Sie sich wünschen, dass Ihr eigener Sohn oder Ihre eigene Tochter eines Tages in einer solchen Situation lebt?
Viele antworten spontan:
Unser Kind wird das nie erleben.
Das ist ein verständlicher Wunsch.
Doch das Leben folgt nur selten unseren Plänen.
Was, wenn das Schicksal einen anderen Weg nimmt?
Was, wenn das eigene Kind eines Tages auf der anderen Seite einer ähnlichen Geschichte steht?
Manchmal genügt diese eine Frage, um eine Situation mit etwas mehr Ehrlichkeit zu betrachten.
Einen Menschen, der einmal Teil des eigenen Lebens war, kann man nicht einfach auslöschen.
Man kann lernen, die Vergangenheit anzunehmen.
Man kann vergeben.
Man kann weitergehen.
Aber man kann Geschichte nicht ungeschehen machen.
Das Leben ähnelt in mancher Hinsicht dem Sport.
Ich bin in einer grünen Stadt aufgewachsen und habe seit meiner Kindheit Eishockey geliebt. Jeder Fan weiß: Eine Mannschaft verliert oft dann, wenn sie beginnt, nach den Regeln ihres Gegners zu spielen. Bleibt sie ihrem eigenen Spiel treu, steigen ihre Chancen erheblich.
Ähnlich ist es nach einer Trennung.
Nicht selten entstehen emotionale Spannungen, gegenseitige Vorwürfe oder Konflikte über die Kinder. Manchmal versucht einer der Beteiligten, den anderen zu provozieren oder in einen Streit hineinzuziehen.
Die wichtigste Regel lautet:
Lassen Sie sich nicht in das Spiel eines anderen hineinziehen.
Unter starkem emotionalem Druck treffen Menschen häufig Entscheidungen, die sie später bereuen.
Nicht jede Provokation verlangt nach einer Antwort.
Manchmal ist Schweigen die stärkste Form der Selbstbeherrschung.
Schützen Sie Ihre seelische Gesundheit.
Schützen Sie Ihren Körper.
Und vergessen Sie dabei nicht sich selbst.
Wahre Stärke zeigt sich nicht darin, einen Konflikt zu gewinnen.
Wahre Stärke zeigt sich darin, die eigene Würde zu bewahren, Verantwortung zu übernehmen und den Kindern den Raum zu lassen, beide Eltern lieben zu dürfen.
Manche Wunden brauchen Zeit.
Doch sie heilen leichter, wenn Erwachsene aufhören, gegeneinander zu kämpfen.
Diese Geschichte beruht auf den persönlichen Beobachtungen eines ehemaligen Sozialarbeiters.
Etwaige Übereinstimmungen mit realen Personen oder Ereignissen sind rein zufällig.
Sollte sich dennoch jemand persönlich angesprochen fühlen, bittet der Autor bereits im Voraus um Entschuldigung.
Ziel dieses Textes ist es nicht, Schuld zuzuweisen, sondern zu zeigen, wie Menschen Schmerz, Trennung und den schwierigen Versuch eines Neuanfangs erleben.
Familienwerte – zwischen Tradition, Religion und Gesellschaft

Über Familienwerte wird seit Langem diskutiert. Die einen sind überzeugt, dass eine Familie vor allem durch Liebe zusammengehalten wird. Andere sehen das Verantwortungsgefühl als entscheidend an. Wieder andere glauben, dass eine Ehe ohne religiöses Fundament kaum von Dauer sein kann. Und manche meinen, letztlich hänge alles allein von den Menschen selbst ab.
Dieses Thema entstand während eines Gesprächs mit einem Kollegen. Nennen wir ihn Ali.
Ohne Religion, sagte er, wären die meisten Ehen längst zerbrochen.
Warum glaubst du das?, fragte ich.
Weil Religion der Familie einen tieferen Sinn gibt. Ohne sie wird die Ehe zu nichts weiter als einem Stück Papier.
Seine Worte brachten mich zum Nachdenken.
Tatsächlich gibt es in der christlichen Tradition Feste, die Familien seit Generationen zusammenführen – Weihnachten, Ostern oder die Taufe. Sie sind weit mehr als Termine im Kalender. Sie erinnern an die eigenen Wurzeln, an gemeinsame Erinnerungen, an Zusammenhalt und an die Verantwortung füreinander.
Eine ähnliche Rolle spielen religiöse Feste auch im Islam. Zum Opferfest (ʿĪd al-Aḍḥā) und zum Fest des Fastenbrechens (ʿĪd al-Fiṭr) besuchen sich Verwandte, kommen zusammen, unterstützen Bedürftige und teilen das gemeinsame Mahl. Solche Traditionen stärken das Gefühl der Zusammengehörigkeit und erinnern daran, dass Familie weit mehr ist als ein gemeinsamer Haushalt – sie lebt von gemeinsamen Werten.
Doch die Familie wird nicht allein von Religion geprägt.
Denkt man an die Zeit der Sowjetunion oder der DDR zurück, wird deutlich, dass auch der Staat der Familie einen hohen Stellenwert beimaß. Es gab verschiedene Formen gesellschaftlicher Kontrolle, Jugend- und Sozialbehörden begleiteten Familien, Eheberatungen gehörten zum Alltag. Manche Maßnahmen erscheinen aus heutiger Sicht problematisch. Damals wurden sie jedoch mit dem Ziel begründet, die Familie als Fundament der Gesellschaft zu erhalten.
Einmal sprach ich mit einem Mitarbeiter des Jugendamtes.
Früher, sagte er, warf man uns vor, wir würden uns zu sehr in das Familienleben einmischen. Das sei ein Überbleibsel aus der Sowjetunion oder der DDR. Heute hat der Gesetzgeber unsere Möglichkeiten deutlich eingeschränkt – und nun heißt es, wir würden nicht genug tun. Offenbar machen wir es immer irgendjemandem falsch. Wo also verläuft die Grenze zwischen notwendiger Hilfe und übermäßiger Einmischung?
Ich fand, dass diese Frage bis heute keine einfache Antwort hat.
Die einen sind überzeugt, soziale Dienste müssten möglichst früh eingreifen, um tragische Entwicklungen zu verhindern. Andere warnen davor, dass der Staat ohne schwerwiegende Gründe nicht in das Privatleben einer Familie eingreifen sollte.
Zwischen dem Schutz des Einzelnen und der Achtung der familiären Selbstbestimmung ein ausgewogenes Verhältnis zu finden, bleibt eine der schwierigsten Aufgaben sozialer Arbeit.
In solchen Diskussionen fällt mir oft ein alter juristischer Witz ein.
Zeuge, was haben Sie am Tatort gesehen?
Nach dem Plädoyer des Anwalts bin ich mir nicht einmal mehr sicher, ob ich überhaupt dort gewesen bin.
Der Humor trifft einen wahren Kern: Je nach Blickwinkel kann dieselbe Situation völlig unterschiedlich bewertet werden.
Trotz aller Meinungsverschiedenheiten organisiert unsere Gesellschaft weiterhin Wettbewerbe wie Familie des Jahres, Feste rund um Familientraditionen und Projekte zur Unterstützung von Eltern und Kindern. Das zeigt, dass die Vorstellung einer starken Familie nach wie vor einen hohen Stellenwert besitzt.
Für mich persönlich ist die Schlussfolgerung einfach.
Religion, Tradition und Kultur geben dem Menschen moralische Orientierung. Sie vermitteln Werte, die oft beständiger sind als gesellschaftliche Strömungen oder politische Veränderungen.
Doch keine Tradition und keine Religion kann eine Familie allein zusammenhalten.
Wo Respekt fehlt, wo Vertrauen verloren geht und niemand mehr bereit ist zuzuhören, helfen auch die schönsten Ideale nicht weiter.
Vielleicht liegt genau darin der wahre Wert einer Familie:
Sich jeden Tag aufs Neue bewusst füreinander zu entscheiden – nicht nur für sich selbst, sondern auch für die Menschen, die das eigene Leben teilen.
Hier bin ich niemand

Das Geständnis einer Frau gegenüber einem Sozialarbeiter
Ich habe lange gezögert, zu Ihnen zu kommen.
Nicht, weil ich nicht wusste, wohin ich musste. Die Adresse hatte ich längst aufgeschrieben. Ich kannte den Tag, ich kannte die Uhrzeit.
Aber zu kommen bedeutete, mir einzugestehen, dass in meinem Inneren etwas zerbrochen war.
Solange ich nicht kam, konnte ich mir einreden, es sei nur Müdigkeit.
Sie stellten damals nur eine einzige, einfache Frage:
Was führt Sie zu mir?
Zunächst antwortete ich so, wie viele antworten.
Wahrscheinlich die Eingewöhnung.
Ein praktisches Wort.
Es enthält keinen Schmerz.
Es klingt vernünftig.
Und es verrät nichts.
Doch Sie griffen nicht sofort zum Stift. Sie schrieben nichts auf.
Sie warteten.
Und dann sagte ich zum ersten Mal laut, was ich schon lange in mir trug.
Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich hier niemand bin.
Als ich diesen Satz aussprach, wurde es still.
Noch stiller als zuvor.
In meiner Heimat war alles anders.
Ich war keine außergewöhnliche Frau. Ich war nicht berühmt und hatte keine bedeutende Stellung.
Aber ich hatte das Gefühl, ein eigenes Leben zu führen.
Ich wachte morgens auf und wusste, wer ich war.
Ich musste es niemandem beweisen.
Ich lebte, ohne über mein Recht nachzudenken, da zu sein.
Dieses Recht war einfach selbstverständlich.
Ich weiß nicht mehr, wann sich das änderte.
Solche Veränderungen geschehen nicht plötzlich.
Sie kommen leise.
Ganz allmählich.
Zuerst entsteht Unsicherheit in den kleinen Dingen.
Dann Vorsicht.
Und schließlich Schweigen – dort, wo früher Worte waren.
Ich bemerkte, dass ich weniger sprach.
Weniger widersprach.
Weniger lachte.
Es war, als hätte sich in mir ein stiller Beobachter eingenistet, der ständig dieselbe Frage stellte:
Darf ich das überhaupt?
Es ist ein seltsames Gefühl.
Äußerlich scheint nichts zerstört zu sein.
Es gibt ein Zuhause.
Es gibt den Alltag.
Es gibt Menschen.
Doch innerlich fehlt der Boden unter den Füßen.
Sie fragten mich:
Wann haben Sie dieses Gefühl zum ersten Mal bemerkt?
Ich konnte nicht sofort antworten.
Vielleicht in dem Moment, als ich mich selbst in meinen eigenen Reaktionen nicht mehr wiedererkannte.
Als aus Selbstverständlichkeit Vorsicht wurde.
Als aus Sicherheit Erwartung wurde.
Ich begann, vorsichtig zu leben.
Als hätte ich Angst, zu viel Raum einzunehmen.
Manchmal habe ich das Gefühl, ein Teil von mir sei in meiner Heimat geblieben.
Nicht körperlich.
Sondern tief in meinem Inneren.
Dort habe ich nie an mir gezweifelt.
Hier vergleiche ich mich ständig.
Nicht mit anderen.
Mit der Frau, die ich einmal war.
Das ist der schwerste Vergleich überhaupt.
Denn man kann ihn nie gewinnen.
Sie hörten mir ruhig zu.
Sie unterbrachen mich nicht.
Zum ersten Mal seit langer Zeit hatte ich das Gefühl, dass meine Worte nicht einfach in der Luft verschwanden.
Sie blieben bestehen.
Dann sagten Sie:
Was Sie empfinden, ist kein Verschwinden. Es ist der Verlust Ihres inneren Halts. Und dieser Halt kann wieder wachsen.
Damals konnte ich Ihnen noch nicht ganz glauben.
Aber ich hörte Ihnen zu.
Sie erklärten mir, dass Heilung nicht damit beginnt, die Vergangenheit zurückholen zu wollen.
Sie beginnt damit, die Gegenwart anzunehmen.
Damit, wieder über sich selbst in der Gegenwartsform zu sprechen.
Nicht:
Ich war.
Sondern:
Ich bin.
Das war viel schwieriger, als ich gedacht hatte.
Über die Vergangenheit zu sprechen ist leicht.
Sie ist abgeschlossen.
Sie ergibt einen Sinn.
Über die Gegenwart zu sprechen ist schwer.
Sie ist noch nicht fertig.
Und doch findet genau dort das Leben statt.
Sie gaben mir eine einfache Aufgabe.
Jeden Tag sollte ich nach Momenten suchen, in denen ich einfach nur da war – ohne Zweifel, ohne Bewertung.
Nicht analysieren.
Nur wahrnehmen.
Anfangs wusste ich nicht, wie das gehen sollte.
Doch eines Morgens saß ich mit einer Tasse Tee am Fenster.
Für wenige Sekunden spürte ich etwas, das ich lange nicht mehr gekannt hatte.
Ruhe.
In diesem Augenblick verglich ich mich mit niemandem.
Nicht einmal mit meinem früheren Ich.
Ich war einfach da.
Und plötzlich wurde mir klar:
Vielleicht bin ich gar nicht verschwunden.
Vielleicht habe ich nur die vertraute Art verloren, mich selbst zu spüren.
Sie sagten damals:
Das Erste, was zurückkehrt, ist nicht das Selbstvertrauen.
Es ist die Gegenwart.
Die Fähigkeit, sich wieder als Teil des eigenen Lebens zu fühlen.
Ich kann nicht behaupten, dass alles gut geworden ist.
Manchmal spüre ich die Leere noch immer.
Aber ich sage nicht mehr:
Hier bin ich niemand.
Heute weiß ich, dass dieses Gefühl ein Zustand ist.
Kein Urteil.
Und vielleicht werde ich eines Morgens aufwachen und nicht mehr darüber nachdenken, wer ich einmal war.
Vielleicht werde ich einfach wissen, wer ich bin.
Und das wird genügen.
Narzissmus – Diagnose unserer Zeit oder Etikett für Unbequeme?

Es gibt Begriffe, die früher fast ausschließlich in den Sprechzimmern von Psychologinnen und Psychologen zu hören waren. Heute gehören sie zum Alltag. Man hört sie am Küchentisch, liest sie in sozialen Netzwerken oder in Messenger-Nachrichten.
Narzisst ist eines dieser Worte.
Es dient als Erklärung für gescheiterte Beziehungen, familiäre Konflikte, Enttäuschungen und Verletzungen. Das Urteil scheint schnell gefällt zu sein. Kurz. Hart. Und oft, ohne wirklich verstehen zu wollen.
Während meiner Zeit als Sozialarbeiter kam einmal ein Mann zu mir. Er war etwa vierzig Jahre alt.
Bevor er zu sprechen begann, schwieg er lange.
An ihm war nichts Überhebliches. Nichts Kaltes.
Nur Erschöpfung.
Jene tiefe Erschöpfung, die entsteht, wenn ein Mensch über lange Zeit hört, mit ihm stimme etwas nicht.
Seine Lebensgefährtin hatte ihm gesagt, er sei ein Narzisst.
Und wenn er sich nicht ändere, werde die Beziehung enden.
Er kam nicht, um sich zu verteidigen.
Er kam, um herauszufinden, ob tatsächlich etwas mit ihm nicht stimmte.
Wir begannen mit einer einfachen Frage:
Was bedeutet dieses Wort überhaupt?
In der klassischen Psychologie galt Narzissmus ursprünglich nicht als Krankheit.
Ein gewisses Maß an Narzissmus gehört zur normalen Persönlichkeitsentwicklung.
Ein kleines Kind erlebt sich zunächst als Mittelpunkt seiner Welt. Erst später lernt es, andere Menschen als eigenständige Persönlichkeiten wahrzunehmen – mit eigenen Bedürfnissen, Gefühlen und Rechten.
Das Problem beginnt nicht dort, wo ein Mensch sich selbst achtet.
Es beginnt dort, wo die Achtung vor anderen verloren geht.
Im Alltag ist aus dieser differenzierten Sicht jedoch oft ein einfaches Etikett geworden.
Manchmal genügt es schon, die eigenen Grenzen zu setzen, eine andere Meinung zu vertreten oder Nein zu sagen, um als Narzisst bezeichnet zu werden.
Dabei braucht jeder Mensch Anerkennung.
Nicht als Luxus.
Sondern als Grundlage innerer Stabilität.
Wer sich über lange Zeit nicht gesehen fühlt, versucht oft ein Leben lang zu beweisen, dass er überhaupt das Recht hat, da zu sein.
Die moderne Psychologie unterscheidet verschiedene Ausprägungen narzisstischer Persönlichkeitsmerkmale.
Es gibt einen gesunden Narzissmus – die Fähigkeit, den eigenen Wert zu kennen, ohne andere abzuwerten.
Es gibt einen verletzlichen Narzissmus – Menschen, die stark von der Anerkennung anderer abhängig sind, Kritik nur schwer ertragen und große Angst vor Zurückweisung haben.
Und es gibt den pathologischen Narzissmus, bei dem andere Menschen kaum noch als eigenständige Persönlichkeiten wahrgenommen, sondern vor allem zur Erfüllung eigener Bedürfnisse benutzt werden.
Im alltäglichen Sprachgebrauch verschwinden diese Unterschiede jedoch fast vollständig.
Zurück bleibt nur ein einziges Wort.
Narzisst.
Warum ist das so?
Vielleicht, weil unsere Gesellschaft zu einem Ort permanenter Bewertung geworden ist.
Man soll erfolgreich sein.
Selbstbewusst.
Interessant.
Beliebt.
Möglichst alles gleichzeitig.



