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Trotz des skurrilen Humors meines Bruders hatte er wichtigere Dinge zu erledigen, wenn er den Titel holen wollte. In jenen Jahren hatte das organisierte Verbrechen großen Einfluss auf das Boxgeschäft. Die Mafia hatte einige Boxer fest in der Hand, und der Weltmeistertitel im Schwergewicht – als der prestigeträchtigste im Sport – zog immer wieder das Interesse dieser Organisation auf sich. Und es gab den einen oder anderen, dem das nicht unrecht war. Manche Leute fanden sogar großen Gefallen an der Idee, dass diese kriminelle Vereinigung den Boxsport beherrschte. Ich denke, gewisse Geschäftsleute und Spieler kamen gut damit zurecht, da sie wussten, woran sie an der Mafia waren. Doch in den 1960er-Jahren hatte die Mafia ein Problem: Sie sah sich dem erheblichen Widerstand durch die Black Muslims gegenüber. Schon früh in seiner Karriere, noch bevor Herbert der Louisville Group die Kontrolle komplett entreißen konnte, stand Muhammad unter dem Schutz der Nation of Islam. So sehr sich die Mafia auch darum bemühte, die Kontrolle zu übernehmen, so war es dank der Präsenz der Nation of Islam nicht so leicht möglich, das Trainingscamp zu infiltrieren, wie es sonst bei anderen Boxern der Fall war. Und so war mein Bruder, verglichen mit anderen Boxchampions jener Zeit, ein freier Mann, der tun und lassen konnte, was er wollte. Wer weiß, wie das Schicksal meines Bruders ohne den Schutz der Nation of Islam verlaufen wäre.
Was Angelo betraf, so war er ein Mensch, der es mochte, wenn alles legal ablief. Damals war es Teil des Schwergewichtsboxens, sich zumindest bis zu einem gewissen Grad mit dieser kriminellen Vereinigung auseinanderzusetzen, doch im Falle der Dundees munkelte man, dass Angelos Bruder Chris Kontakte zum organisierten Verbrechen hatte, aber nicht unbedingt Angelo selbst. Also warum sollte Angelo mit der Mafia zu tun haben? Immerhin hätte er alles über seinen Bruder regeln können, wenn er gewollte hätte. Es war also Chris, der die wirklichen Kontakte zur Mafia hatte, doch im Endeffekt kontrollierten sie keinen der beiden Brüder. Zur Zeit des Liston-Kampfes verhandelte Angelo mit den berüchtigten Gangstern, den Nilon-Brüdern (Jack und Bob), und bemühte sich, sie davon abzuhalten, Einfluss auf die Kampfrichter und den Ringrichter zu nehmen. Angelo war clever. Bis 20 Minuten vor dem Kampf hielt er die Namen der Kampfrichter geheim. Das führte zu einem ordentlichen Streit. Die Nilon-Brüder und Persönlichkeiten des organisierten Verbrechens wie Frankie Carlo und sein Partner Blinky waren fest entschlossen, sich den Kampf unter die Nägel zu reißen. Das waren gefährliche Männer. Doch Angelo half ihnen weder direkt noch über seinen Bruder Chris. Muhammad und sein Coach standen für einen sauberen Boxsport und gaben ihr Bestes, um sich dafür einzusetzen.
Es war naheliegend, dass die Mafia Liston unter Kontrolle hatte. Vom Beginn seiner Profikarriere im Jahr 1953 an „gehörte“ Liston einem Gangster namens Joe Vitale aus St. Louis. Ab 1959 besaß Frankie Carlo, der einst als Auftragsmörder für die Mafiagruppierung Murder Inc. tätig war, einen Mehrheitsanteil an Sonny Listons Vertrag, zusammen mit seinem Geschäftspartner in Palermo. Gemeinsam mit einer Gruppe anderer Promoter, die die „Combination“ genannt wurden, hatten sie die komplette Kontrolle über ihn und waren bekannt dafür, wichtige und profitable Boxkämpfe zu manipulieren. Dankenswerterweise war Muhammad bei den Dundee-Brüdern in sicheren Händen. Sie hielten das ganze Mafiagerede von ihm fern, damit er sich mit so wenig Ablenkung wie möglich auf die bevorstehende Aufgabe konzentrieren konnte. Ich half meinem Bruder beim Training, war aber gleichzeitig auch seine moralische Unterstützung. Mein Bruder hielt sich aus allem heraus und überließ die Sache mit den Gangstern einfach den Dundee-Brüdern. Vor dem ersten Kampf gegen Liston bekamen wir einige Drohanrufe, sogar zu Hause, am Morgen des Kampfes, doch wir nahmen sie nicht besonders ernst. In unseren Köpfen dachten wir, dass Gott uns beschützen würde, und wenn er es nicht tat, dann war da noch die NOI, die uns helfen würde.
Schließlich kam es zum Aufeinandertreffen zwischen meinem Bruder und Liston in Miami, doch bevor Muhammad in den Ring stieg, musste er noch eine Sache über sich ergehen lassen. Am gleichen Abend gab ich mein Debut als Profiboxer in einem harten Schlagabtausch gegen Chip Johnson. Mein Gegner hatte bereits sechs Profikämpfe bestritten und damit einiges mehr an Erfahrung als ich. Er hatte sogar mehr Amateurkämpfe als ich auf dem Buckel. Es war ein harter Kampf, und ich musste einige deftige Schläge einstecken. Wie ich später herausfand, hatte sich Muhammad während meines Kampfes aus seiner Umkleidekabine geschlichen, um mir vom Korridor aus zuzusehen. Der immer besorgte ältere Bruder, er wollte, dass ich mit so wenig Schaden wie möglich aus diesem Kampf herauskam. Das bedeutete mir sehr viel mehr als der Kampf selbst. Das Gefühl, zu wissen, dass mein Bruder sich mehr Sorgen um meine Gesundheit machte als um seine eigene – und das am wichtigsten Abend seiner Karriere, habe ich niemals vergessen.
Wie auch immer, ich bekam ordentlich was ab, doch ich schaffte es bis ans Ende der vier Runden und wurde sogar zum Sieger erklärt. Meinen ersten Kampf als Profi zu gewinnen, versetzte mich in einen Glücksrausch, der allerdings nicht lange anhalten sollte. Der Ringsprecher stellte mich als Muhammads Bruder vor, worauf die Menge mich ausbuhte. Sie waren noch immer nicht besonders angetan von Muhammad und drückten dieses Gefühl jedem gegenüber aus, der seinen Namen mit ihm teilte. Während das Publikum mich weiter auspfiff, rief mir mein Bruder zu, ich solle aus dem Ring steigen, und sagte mir, dass er für mich kämpfen würde. Nach dem Kampf ging ich zurück in die Kabine, wo er den Arm um mich legte und mir deutlich sagte, dass ich nicht mehr kämpfen müsste und er an diesem Abend zum Weltmeister gekrönt werden würde.
„Rudy, das war dein letzter Kampf“, sagte er einfühlsam. „Ich werde für den Rest deines Lebens für dich sorgen, mach dir also keine Gedanken darüber.“
Ich ging schnell unter die Dusche und zog mich um. Dann eilte ich zurück in die Arena, um von meinem Platz in der vordersten Reihe meinem Bruder zuzusehen. Als er den Gang zum Boxring hinunterging, war die Spannung in der Arena nicht mehr auszuhalten – vor jedem Kampf gibt es da dieses Dröhnen, diese Energie, diese aufgeladene Atmosphäre, doch diesmal war es anders. Auch wenn er sich immer wie ein Clown aufführte und Späße machte, so wussten wir beide, dass dies ein äußerst gefährlicher Kampf für ihn sein würde, und es war, um ehrlich zu sein, angsteinflößend. Mein Magen fühlte sich ganz flau an, ein Gefühl, das ich nie wirklich ablegen konnte, wenn ich ihm im Ring zusah, doch in dieser Nacht war es besonders schlimm.
Vielleicht hätte ich mir nicht so viele Sorgen machen müssen. Gleich von Anfang an bewies mein Bruder, dass er jedes Wort, das er zur Presse, zu Liston und gleichwohl zu seinen Fans und Gegnern gesagt hatte, auch mit boxerischem Können untermauern konnte. Leichtfüßig wich er Listons Schlägen aus, duckte sich und glitt gewandt aus der Reichweite seines Kontrahenten mit Bewegungen, von denen die meisten Kommentatoren meinten, dass sie zu seinem Verhängnis werden würden. Unterdessen deckte er Liston aus der Distanz mit Schlägen ein. Runde um Runde. Liston konnte sich kaum noch auf den Beinen halten und Treffer landen, und schon gar nicht diese Schläge, für die er so berühmt war.
Der bekanntermaßen einzige heikle Moment in dem Kampf war, als die Betreuer von Liston auf einen dreckigen Trick zurückgriffen und irgendetwas auf die Handschuhe ihres Boxers schmierten, das die Sicht meines Bruders behinderte und ihm damit beinahe den Sieg kostete. Ich erkannte fast sofort, dass etwas nicht stimmte, und mir schossen zu dem Zeitpunkt alle möglichen Gedanken durch den Kopf. Meine erste Sorge galt natürlich der Gesundheit und Sicherheit meines Bruders, und ich hätte ihn sofort aus dem Ring genommen, wenn ich der Meinung gewesen wäre, dass seine Gesundheit gefährdet wäre. Gleichzeitig wusste ich aber auch, dass dies wahrscheinlich die einzige Chance auf einen Titelkampf war, die er je bekommen würde, und der gedemütigte Liston ihm keinen Rückkampf anbieten würde, wenn Muhammad hier verlor. Verwirrt darüber, was genau passiert war, der Kampf zweier miteinander konkurrierender Gefühle, die Atmosphäre im Publikum, als Liston zu einem vermeintlichen Comeback ansetzte – mein Adrenalinspiegel war vollkommen außer Kontrolle geraten.
Für Angelo war dieser Moment genauso gefährlich wie für Muhammad. Die Black Muslims in der Ecke meines Bruders waren ziemlich aufgebracht und begannen, an Angelos Loyalität zu zweifeln, nahmen sie doch an, dass er etwas mit der Sache zu tun hatte. Während Angelo einerseits versuchte, ihnen zu versichern, dass dem nicht so war, versuchte er gleichzeitig auch, etwas zu unternehmen. Er kannte die Tricks, die Listons Team auf Lager hatte, aus der Vergangenheit und wusch meinem Bruder die Augen zwischen den Runden immer mit Wasser aus.
„Du gibst jetzt nicht auf!“, bellte er ihn an, als er meinen Bruder in die – wie sich herausstellen sollte – letzte Runde schickte.
Angelo war nicht wie einige andere Coaches, die herumschrien und ihre Boxer anwiesen, bestimmte Schläge einzusetzen, und von ihnen erwarteten, die Instruktionen bis ins Detail umzusetzen. Muhammad durfte den Kampf so bestreiten, wie er es für richtig hielt, schließlich hatte er jahrelang dafür trainiert, diese Verantwortung zu übernehmen. Angelos große Stärke lag in dieser Art von Krisen. Er blieb ruhig und fokussiert und bewahrte meinen Bruder wahrscheinlich davor, seine einzige Gelegenheit auf einen Titelkampf zu verlieren. Muhammad war Angelos goldener Junge, und er wusste, dass sein Schützling die Chance hatte, den Weltmeistertitel im Schwergewicht zu holen. Zu dieser Zeit glich das Verhältnis zwischen Muhammad und seinem Coach dem einer Vater-Sohn-Beziehung. Ich wusste, dass er seinen goldenen Jungen nie betrügen würde. Auf keinen Fall.
Nach dem Vorfall mit Muhammads Augen verdoppelten die Black Muslims und ich unsere Anstrengungen in der Ecke und hielten Ausschau nach weiteren illegalen Störversuchen. Als Muhammads persönlicher Bodyguard war ich natürlich immer nahe an ihm dran. Vor dem Kampf hatte ich die strikte Anweisung, die Wasserflaschen in der Umkleidekabine nicht aus den Augen zu lassen, denn es könnte sich jemand hineinschleichen und etwas hineintun. Wenn ich aus irgendeinem Grund auch nur für wenige Minuten nicht auf die Flaschen aufpassen konnte, musste ich Muhammads Flasche ausleeren und mit frischem Wasser füllen, nur für den Fall, dass sich jemand daran zu schaffen gemacht haben könnte. Ich wollte kein Risiko eingehen. Wenn die Kampfrichter über den Ausgang zu entscheiden hatten, dann waren sie vorher sicherlich von Gangstern beeinflusst worden. Das war typisch im Boxsport zu jener Zeit.
Schließlich konnte Muhammad wieder klar sehen, und Liston musste in der sechsten Runde aufgeben, gerade als sich die Stimmung im Publikum aufheizte. Wie ich später herausfand, traten einige Mitglieder der Mafia nach dem Kampf an Herbert heran und drohten damit, ihm 20 Männer auf den Hals zu hetzen, wenn er nicht für sie arbeiten würde. Herbert ignorierte sie an jenem Abend einfach, doch beim nächsten Kampf meines Bruders saßen 2000 Mitglieder der NOI im Publikum. Beide Seiten drohten einander, doch es sollte nie zu irgendwelchen Vorfällen kommen.
Später einmal erfuhr ich, dass mein Bruder nicht einmal Angelo richtig vertraut hatte. Einige Zeit nach dem ersten Kampf gegen Liston hingen wir im Haus von Dr. Ferdie Pacheco ab, und Muhammad verblüffte seine Leute, indem er zugab, dass er niemandem bei diesem Kampf vertraute hatte, weder Angelo noch Ferdie oder irgendjemand anderem. Für einige der Männer, die dachten, dass Muhammad ihnen vollkommen vertraute, kam dies wie ein Schock, andere hingegen verstanden sein Dilemma. Muhammad zweifelte an allen seinen Betreuern: „Die einzigen beiden, denen ich vertraute, waren mein Bruder und Captain Sam“, sagte er vor seiner versammelten Entourage.
Obwohl mein Bruder und ich damals bereits ein sehr enges Verhältnis zu Angelo aufgebaut hatten, hatte er noch immer diesen leichten Zweifel. Man muss bedenken, dass es zu dieser Zeit keine Rolle spielte, wie freundlich und hilfsbereit ein Weißer zu meinem Bruder war, es bestand immer eine Chance, dass er ihn betrügen könnte.
Der Kampf hatte den Boxsport in der breiten Öffentlichkeit in Verruf gebracht. Auf eine gewisse Weise hatte Muhammads Sieg über Liston dabei geholfen, die Mafia aus dem Boxgeschäft zu drängen. Liston, obwohl er nie etwas mit ihnen zu tun haben wollte, war die größte Geldmaschine für die Mafia und besaß den begehrtesten Titel des Sports und hatte das größte Einnahmenpotenzial. Als sein Stern langsam an Glanz verlor, verlor die Mafia immer mehr an Einfluss im Boxen. Der Rückkampf am 25. Mai 1965 machte dies nur noch deutlicher. Übrigens: Die Andeutungen, dass Liston in seinem zweiten Kampf gegen Muhammad freiwillig zu Boden gegangen wäre, sind meiner Meinung nach lächerlich. Das organisierte Verbrechen zählte ja darauf, dass er den Titel wieder zurückgewinnen würde. Sie lebten davon, das Boxen zu kontrollieren und Geld zu scheffeln, indem sie die Boxer dazu zwangen, für sie zu arbeiten. Es ging um Listons Leben und um seinen Lebensunterhalt Boxen – die Mafia hatte nur diese eine Verwendung für ihn. Ich denke, als Muhammad den Titel gewann, begann sich die Mafia etwas zurückzuhalten, denn sie meinten, dass Angelo und Chris für sie arbeiten sollten, und die Dundee-Brüder antworteten: „Sicher nicht!“
Doch bevor man endlich entspannt aufatmen konnte, gab es noch ein anderes Problem, das Mainstream-Amerika beschäftigte.

Es war der 6. März, nicht einmal zwei Wochen nachdem mein Bruder den Schwergewichtstitel geholt hatte, als Elijah Muhammad der Welt offiziell verkündete, dass er mit einem neuen Namen geehrt werden würde. Schon vor dem Kampf hatte mein Bruder Fragen zu seiner Verbindung mit der Nation of Islam beantworten müssen, und nun erreichte dieses Thema seinen Höhepunkt. Es gab unzählige Anrufe von Reportern, die ihn als bekennenden Muslim bezeichneten und den Ruf der Organisation infrage stellten. Natürlich hatten wir alle eine gewisse Reaktion erwartet, doch das übertraf sogar unsere schlimmsten Vorstellungen. Einige Farbige meinten, dass Muhammad einen schweren Fehler gemacht habe, sich der Nation of Islam anzuschließen – ein schwerer Fehler sowohl hinsichtlich seiner Karriere als auch in seiner Rolle als Repräsentant und Aushängeschild der afroamerikanischen Gesellschaft. Sofort trudelten die ersten Morddrohungen ein, und es schien fast so, als ob jeder, der einen Stift und ein Blatt Papier besaß, nur darauf gewartet hatte, meinem Bruder auszurichten, dass sie ihn sich vorknöpfen würden. Er bekam Drohungen von Personen, die meinten, sie würden sein Haus anzünden, auf sein Auto schießen oder ihn gar ermorden. Auch Angelo und seine Familie blieben aufgrund ihrer Verbindung zu meinem Bruder nicht vor dem Hass verschont. Jeder, der sich im näheren Umfeld meines Bruders befand, wurde zur Zielscheibe für einige der schlimmsten Menschen Amerikas.
Als Muhammads Bruder war es nicht angenehm für mich, ihn in so einer verwundbaren und gefährlich exponierten Position zu sehen. Meine wichtigste Aufgabe zu jener Zeit war es, meinen Bruder im Auge zu behalten, und ich tat mein Möglichstes, um auf ihn aufzupassen und sicherzustellen, dass ihn keiner vergiftete. Ob mich das ein wenig paranoid machte? Absolut. Hat es mich wütend gemacht? Auf jeden Fall.
Lassen Sie mich klarstellen: Morddrohungen, egal ob regelmäßig oder selten, sind etwas Alltägliches für alle, die sich in der afroamerikanischen Gesellschaft nach oben arbeiten. Es ist egal, ob du Boxer bist oder ein TV-Moderator, der sich kein Blatt vor den Mund nimmt, oder der Präsident der Vereinigten Staaten. Wenn du schwarz bist, wird dir eine gewisse Aufmerksamkeit von politisch bösartigen, degenerierten Menschen zuteil. In der Zeit zwischen 1967, als der politische Aktivist Dr. Harry Edwards das erste olympische Projekt für Menschenrechte vorschlug, und 1972 erhielt er unglaubliche 300 Morddrohungen. Das war einfach ein Teil des Lebens damals für alle von uns, die ihre Stimme erhoben. Als Muhammad der Nation of Islam seine Loyalität aussprach und später den Kriegsdienst verweigerte, gab es unzählige Feiglinge, die zu Hause auf ihrem Sofa saßen und bereit waren, einem Farbigen, der sich für seine konstitutionellen Rechte und Prinzipien in der Gesellschaft einsetzte, einen bösen Brief zu schreiben. Man hatte sich schon daran gewöhnt. Nach einiger Zeit wurde das Ganze eher ermüdend als beängstigend. Doch es hörte nie auf, mich wütend zu machen.
Eine andere Sache – obwohl eher Ärgernis als Gefahr – war, dass, wenn man ein Mitglied der Nation war, das FBI begann, dein Telefon abzuhören, deine Post abzufangen und zu öffnen und dir überall hin folgte. Sieht man sich das FBI-Spionageabwehrprogramm und die Anträge nach dem Gesetz für Informationsfreiheit aus dieser Zeit an, dann findet man Akten über die Nation of Islam, die teilweise Hunderttausende Seiten umfassen. Das FBI beobachtete Moscheen und hörte alle ab – von Malcolm X bis hin zu lokalen Predigern, Offiziellen und Leutnants der Nation of Islam in verschiedenen Städten der USA. Sie sammelten Informationen über die Eltern von Mitgliedern, Autokennzeichen, Treffen. Aus irgendeinem Grund galt die Nation of Islam in ihren Augen als eine Gefahr für Amerika. Diese Bundesbehörde für Sicherheit und Strafverfolgung gab ungeheuer viel Geld für die Beobachtung der Nation of Islam aus, und das meist umsonst. Die NOI war so auf ihren Ruf bedacht, dass sie uns immer davor warnte, eine Waffe mit uns zu führen, und sie wies uns an, uns Gesetzeshütern gegenüber kooperativ zu verhalten. Ich erinnere mich daran, wie Elijah Muhammad uns sagte, dass wir nicht einmal ein Taschenmesser mit uns tragen sollten. Muhammad hatte kein Problem damit und meinte: „Ich glaube nicht an Gewalt … außer man wird überfallen.“
Trotzdem, das FBI war darum bemüht, immer über das, worüber wir sprachen und was wir taten, am Laufenden zu sein, und erwartete sich anscheinend, dadurch eine große Verschwörung gegen Amerika aufzudecken. Wir wussten, dass wir von Spionen umgeben waren, und unsere Privatsphäre wurde auf so viele Arten verletzt, wie man es sich kaum vorstellen kann. Ich erinnere mich, wie Berater und Vertraute zu Muhammad sagten: „Sei immer vorsichtig, was du am Telefon sagst. Wenn du über etwas Bestimmtes reden willst, dann verabrede ein Treffen.“
Es gab bestimmte Dinge und Informationen, über die wir am Telefon nicht sprechen durften, um damit potenzielle Interventionen der Behörden zu minimieren.
Während seines Prozesses wegen Kriegsdienstverweigerung einige Jahre später kam unter anderem heraus, dass eine Unterhaltung meines Bruders mit Dr. Martin Luther King, mit dem er seit dem Vorabend des Liston-Kampfes in Verbindung stand, als dieser ihm alles Gute wünschte, aufgenommen worden war. Die FBI-Akten, die später freigegeben wurden, besagen, dass mein Bruder mit Dr. King darüber sprach, dass er seine Arbeit weitermache und er ihn als Bruder betrachte. Danach begannen die Sicherheitsbehörden, Falschinformationen über meinen Bruder in der Öffentlichkeit zu verbreiten, erfundene Briefe, die sofort zum Fressen für die Presse wurden. Nichts wurde unversucht gelassen, um diesen jungen Farbigen, der begann, Wellen zu schlagen, zu unterminieren. Ich glaube keine Sekunde daran, dass der Direktor des FBI, J. Edgar Hoover, ernsthaft dachte, Muhammad wäre eine Gefahr für Amerika. Aber wie sich herausstellte, durchkämmten die FBI-Agenten sogar die alten Schulakten meines Bruders. So gut wie überall, wo Muhammad hinging, waren auch Agenten zu sehen. Vielleicht wollten sie nur ihre eigene Neugier befriedigen? Denn nur wenig von dem, was sie taten, machte Sinn.
Vor nicht allzu langer Zeit wurde die Behauptung aufgestellt, dass Angelo ein FBI-Spitzel gewesen sein soll. Das ist vollkommen absurd. Es ist allerdings wahr, dass Angelo vor dem ersten Kampf gegen Liston vom FBI befragt wurde, doch das beweist nur, wie loyal er gegenüber Muhammad und seinen Freunden war. Sie zeigten ihm Bilder von der Nation of Islam, Personen, die Angelo leicht wiedererkannt hätte, und fragten: „Angelo, wer ist der Typ? Wer ist das hier?“, und jedes Mal antwortete Angelo: „Ehrlich, diese Muslime sehen alle gleich aus für mich.“
Angelo hätte nie jemanden verraten – schon gar nicht einen Mann, der nicht nur Boxer war, sondern auch ein Teil seiner Familie.
MUHAMMAD & MALCOLM
Lange nachdem Malcolm X das irdische Dasein verlassen hatte, hielt Muhammad eine Rede, bei einem Treffen in Los Angeles, als
ein farbiger Mann, der etwas älter schien als die anderen Anwesenden, aus den hinteren Reihen rief: „Wenn du nicht an das glaubst und das predigst, was Elijah sagt, dann wirst du sterben.“
Der Mann bezog sich dabei auf Malcolms Ermordung.
Muhammad, der nie einen Hehl aus seiner Enttäuschung über seinen verstorbenen Freund gemacht hatte, antwortete: „Nein. Du stirbst nicht, wenn du nicht an das glaubst, was Elijah sagt. Doch ich kenne einige Leute, die dich umbringen würden, wenn du schlecht über mich redest! Und ich muss ihnen das gar nicht erst befehlen.“
Das sorgte für lautes Lachen im Publikum, doch mein Bruder blieb todernst.
„Ich kenne einige Leute, die dich umbringen würden!“, fuhr er fort. „Hört mich an. Lasst es euch von mir sagen, kein mächtiger Mann, der von Hunderttausenden verehrt wird, braucht zu sagen: ‚Holt ihn euch.‘ Du bist nicht sicher, wenn du über ihn sprichst. Ich kenne einige Brüder, die dich töten würden, wenn du schlecht über ihre Mutter redest. Sie würden dich umbringen! Heiße seine Mutter eine Hure und sieh, ob du das überlebst. Ich kenne Leute, die bringen dich für ihre Mutter um! Einer von den Brüdern würde dich so schnell umlegen, da muss gar kein Muhammad dabei sein.“
Der Mann im Publikum wollte es aber nicht dabei belassen und versuchte, Muhammad weiter dazu zu bringen, Malcolms Tod zu rechtfertigen.
Schließlich wurde es Muhammad zu bunt, und er sagte: „Ich habe niemanden umgebracht, was willst du von mir?“
Egal ob er nun aggressiv war oder sich verteidigte, die Fragen zu Malcolms Tod verfolgten ihn für einige Zeit. Es war teilweise auch seine eigene Schuld. Etwa acht Monate nachdem Malcolm einem Attentat zum Opfer gefallen war, war Muhammad zu Gast in der Radiosendung Hotline des Chicagoer Radiosenders WVON, die von Wesley South moderiert wurde, wo er sich kein Blatt vor den Mund nahm und öffentlich sagte, dass sich die Nation of Islam um Malcolm „gekümmert“ hätte. Einige Leute meinten später, dass mein Bruder wegen Mittäterschaft bei der Ermordung des ehemaligen Mitglieds der Nation of Islam verhaftet werden sollte. Mein Bruder sagte vieles in der Öffentlichkeit. Er war einfach so. Und was er damals sagte, wurde wahrscheinlich falsch ausgelegt.
Muhammads Verhältnis zu Elijah Muhammad wurde enger, als Malcolm begann, sich vom Führer der Nation of Islam abzuwenden – die beiden hatten sich heftig zerstritten. Die Nation hatte natürlich ihre Vorteile. Malcolm war allein, wohingegen sich die Nation of Islam zu einem institutionellen Kult entwickelt hatte, der sowohl einen gemeinschaftlichen als auch einen spirituellen Einfluss auf meinen Bruder hatte. Muhammad stand zu dieser Zeit fest hinter Elijah Muhammad und gegen seinen ehemaligen Freund Malcolm. Malcolm, so sagte mein Bruder, hätte behauptet, dass Elijah Muhammad zwölf Frauen geschwängert haben soll und dass er herausgefunden hätte, dass der so hochverehrte spirituelle Führer bei Weitem nicht so heilig war, wie er vorgab zu sein, und ein Dutzend Kinder hätte. Wenn man einigen prominenten Gefolgsleuten glauben darf, dann versuchte Malcolm, Anhänger auf seine Seite zu ziehen und Elijah Muhammad vom Thron zu stoßen – deswegen ließ er sich auch immer wieder zu diesen Hasstiraden gegen den Führer der Nation of Islam hinreißen. Doch mein Bruder hatte noch viel praktischere Gründe, sich auf die Seite von Elijah zu stellen. Wir sprechen hier über die Wahl zwischen einem Individuum, das die Nation of Islam in der Hoffnung verließ, eine neue Organisation für eine afroamerikanische Vereinigung zu gründen, und der Nation of Islam, in der die Söhne von Elijah Muhammad die Geschäfte meines Bruders leiteten, als seine Box- und Marketingmanager fungierten und so weiter, sowie den ganzen geistigen und finanziellen Verpflichtungen nachkamen, denen man nur schwer den Rücken zudrehen konnte. Hätte Muhammad sich dazu entschlossen, zu Malcolm zu stehen, so hätte er einerseits seine religiöse Heimat und gleichzeitig auf Hunderttausende, wenn nicht sogar Millionen von Dollar verzichtet. Das wäre wohl jedem schwer gefallen. Es war ein Gedanke, den einige teilten. Persönlich hatte ich das Gefühl, dass Muhammad die Nation of Islam letztlich nie in Stich gelassen hätte.




