- -
- 100%
- +
Es wäre nichts vorgegeben, aber da jeder Mensch in unserer Umgebung macht, was er will, wären wir frei, so zu sein, wie wir wollen. Da wir führungslos, orientierungslos und durch nichts gebremst wären, würden wir uns leichter zu extremen Haltungen in jede Richtung hin entwickeln können. Und diese Tendenz zur Beliebigkeit würde sogar noch dadurch verstärkt werden, dass wir fundamental soziale Wesen sind und darum in gewisser Weise nie wirklich völlig frei sein können, denn wir orientieren uns immer irgendwie an unseren Mitmenschen und würden uns in einer solchen Situation planlos eine beliebige Verhaltensweise, die uns ins Auge springt, zum Vorbild nehmen. Wir würden uns, mehr noch als gemeinhin üblich, am lauten Außen, statt an unserem zurückhaltenden Inneren festmachen. Wir wären freier, weil uns alle Entwicklungsmöglichkeiten offen stehen, und gleichzeitig unfreier, weil uns das nötige Urteilsvermögen und eine verlässliche Orientierungshilfe fehlen.
Die soziale Ordnung, in der wir leben, ist so gesehen aus einer sehr rudimentären Kaspar-Hauser-Situation entstanden, in der relativ wenige, noch überwiegend instinktgeprägte Urmenschen die Bezugspunkte und Vorbilder für die Folgegeneration bildeten. Mit zunehmender Zahl und Nähe der Menschen bildeten sich dann Mindestnormen heraus, an denen man sich bei der Ausbildung eines eigenen Wertesystems und einer individuellen Seinsphilosophie orientieren konnte. Durch diese „Unfreiheit“ konnte überhaupt erst eine soziale und philosophische Evolution stattfinden, die in der Folge zu unserem heutigen Sozialwesen führte, das als Orientierungshilfe nicht nur den heranwachsenden Menschen dient.
Doch diese Orientierungshilfe ist nicht wirklich neutral und wertfrei, wie es von einem rein wissenschaftlichen Standpunkt aus vielleicht gewünscht wäre, um unter scheinbar idealen Bedingungen die optimale Persönlichkeitsentfaltung zu fördern, sondern enthält auch ein regelrechtes Wertesystem, eine Ethik. Diese bietet keine neutralen Möglichkeiten, sondern gibt Wertungen vor und liefert Vorstellungen, wie wir uns entwickeln sollen. Sie definiert auf der Grundlage eines gemeinschaftlichen Konsenses, was gut und was böse ist, ohne dabei dem Individuum einen eigenständigen und abweichenden und womöglich höherwertigen Wertekanon zu gestatten. Deshalb ist der Knackpunkt für das Individuum hier der Konsens. Dieser kann, ganz egal, wie weit eine Gesellschaft entwickelt ist, immer nur Mittelmaß sein, denn er ist ein Kompromiss zwischen den tiefsten Niederungen und den Gipfeln menschlicher Errungenschaften, zwischen Rückschritt und Fortschritt, zumindest solange, bis dieser Konsens auf das höchstmögliche Ideal festgelegt wird.
Angesichts dieses Mittelmaßes kommt die Frage auf, wie dabei überhaupt eine gesellschaftliche Weiterentwicklung stattfinden kann und konnte. Hier gab und gibt es zwei Möglichkeiten. Die eine liegt noch im philosophischen Bereich. Wenn wir erst einmal eine Entwicklung im Rahmen der gesellschaftlichen Vorgaben und unseres Bewusstseinspotenzials gemacht haben, haben wir auch die Fähigkeit erlangt, uns von der Welt, in die wir eingebettet sind und die uns treibt und beeinflusst, zu distanzieren, innerlich zurückzutreten und sie quasi von Außen zu betrachten, vorausgesetzt, wir haben es geschafft, uns, unser inneres Selbst, unseren Wesenskern nicht im Getriebe der Welt zu verlieren und ein halbwegs originales Individuum zu bleiben. Bei dieser distanziert-analytischen und versucht-objektiven Betrachtung können wir die Werte und Vorgaben, die den gesellschaftlichen Mittelwert widerspiegeln, neu bewerten und einordnen und mit unserem Wesenskern und unserer Entwicklung bis zurück zu dem ungeformten Bewusstsein, aus dem wir erwachsen sind, abstimmen, wir können die Werte in Betracht ziehen, die über den gesellschaftlichen Median hinausragen oder sich jenseits ihres Höhepunkts befinden und uns auf diese Weise ein höheres, entwickelteres Weltbild erarbeiten und so dabei mithelfen, den Gipfelpunkt der Glockenkurve der gesellschaftlichen Bewusstseinsentwicklung weiter in die Richtung des steigenden Bewusstseins zu bewegen.
Bei diesem Prozess kann dann auch die zweite Möglichkeit eine Rolle spielen, und diese führt uns über die Ethik zur nächsten Station des Bewusstseinsrades, zur Religion. Die Entwicklung eines gesellschaftlichen Konsenses ist angesichts der großen Bandbreite und unterschiedlichen Intensität menschlicher Charaktere selbst über lange Zeiträume hinweg keine einfache Angelegenheit — zu groß ist die Vielfalt und Eigenwilligkeit und natürliche Divergenz, die unter einen Hut gebracht werden und zu eng das Korsett des gesellschaftlichen und ethischen Standards, in den das Individuum einwilligen muss. Nur rationale Argumente sind hier lediglich bei denen hilfreich und wirksam, die eine gewisse Mindestentwicklung des Geistes und des Bewusstseins durchlaufen haben. Für den Teil der Menschen, der stärker impulsgesteuert ist, ist ein anderer Faktor ausschlaggebender, der aber auch bei der eher rationalen Fraktion unterschwellig wirksam ist.
Dieser Faktor ist das, was man verallgemeinernd als das Übersinnliche bezeichnen könnte. Als Neugeborenes und vielleicht auch schon früher waren wir ein ungeformtes Bewusstsein, das möglicherweise die Empfindung hatte, in ein größeres Bewusstseinsfeld eingebettet zu sein. Mit der Geburt überlagert sich dieses Bewusstseinsfeld zunehmend mit der Wahrnehmung der „realen“ materiellen Welt, die anfänglich ebenfalls als etwas Großes, Gewaltiges und Ehrfurchtgebietendes empfunden wird. Je nach der individuellen Stärke dieser Wahrnehmungsweisen wird man zu einem lauen oder intensiven und zu einem religiösen oder materialistischen Menschen, und je nachdem wird dieses Große Bewusstsein und/oder die Materie zu unserem Gott. Natürlich ist die Materie an sich greifbarer und wird in modernerer Zeit stärker betont, so dass der materielle Gott dominiert; trotzdem sind in ihrer Wesenhaftigkeit beide Gottesbilder kaum greifbar, und nur das große Bewusstseinsfeld wird als Gottheit betrachtet und verehrt, während die materielle Gottheit zwar verehrt, aber weder bewusst erkannt noch formal anerkannt wird.
Aus dieser Empfindung von etwas Größerem hat sich die Vorstellung, das Bild des Göttlichen in all den verschiedenen Äußerlichkeiten entwickelt, und aus der Verwaltung dieses Bildes die Religion. Man könnte die Religion also so definieren, dass sie eine Instanz ist, die sich um die Verwaltung der Empfindungen kümmert, die über die Abläufe des gewöhnlichen Lebens hinausgehen, sowie um die Fragen, die beim Versuch der Erklärung und der Aufarbeitung des Lebens auftauchen. Genau genommen stellt die Philosophie die Fragen: Wer bin ich? Wie bin ich ins Dasein getreten? Gibt es einen Ursprung aller Dinge? Wie ist das Sein ins Sein getreten? Und die Religion versucht darauf Antworten zu finden, was ihr aber nicht wirklich überzeugend gelingt, weil es darauf rational wie mental keine unumstößlichen und allgemeingültigen Antworten geben kann, da hier die Domäne des sinnlich Wahrnehmbaren verlassen und die Domäne der Spekulation betreten wird.
Was die Religion tun kann, ist, diese Urwahrnehmung wieder ins Gedächtnis zu rufen und die Auseinandersetzung mit ihr und den Fragen des Seins zu fördern. Das Motto der Kunst lautet: Ich empfinde und nehme wahr. Das Motto der Wissenschaft lautet: Ich entdecke und weiß. Und die Philosophie sagt: Ich erkenne oder vermute. Die Religion hingegen bringt zum Ausdruck: Ich glaube. Und weil es nicht einfach ist, sich mit abstrakten Gefühlen und Gedankenbildern auseinanderzusetzen, hat sich die Religion personalisiert. Sie stützt sich auf einen Religionsstifter und baut dieses einfache „Ich glaube“ zu einem exklusiven „Ich glaube nur dies“ aus, ergänzt durch ein großes theologisches Gedankengebäude, in dem dieser Glaube detailliert beschrieben und vorgegeben ist. Dadurch ist der Mensch in seinem Glauben nicht mehr frei und spontan. Der Glaube ist wie ein Formular vorkonstruiert und erfordert nur noch eine formelle Zustimmung; seine Essenz ist für die Masse der Gläubigen nicht mehr relevant. Die religiöse Formelwelt enthebt sie der Notwendigkeit, dem Unbekannten, dem Geahnten, dem Glauben nachzuspüren, sich selbst in Bewegung zu setzen, sich um ein wirkliches religiöses Leben zu bemühen und das Eigentliche der Religion zu einem lebendigen Teil seines Lebens zu machen. Wie in der Politik auch, gibt der Mensch das Heft des Handelns aus der Hand und lässt sich verwalten und passiv leben.
Der Gegenstand der Religion ist eine zentrale Urgewalt, eine ursprüngliche Entität, der Quell allen Seins, ein großes, allumfassendes Bewusstsein und, in menschlich fassbare Begriffe übersetzt, eine vermenschlichte, allmächtige Wesenheit, eine Gottheit oder eine Gruppe von Göttern. Im Umgang mit diesem Urgrund des Seins haben sich langsam Gewohnheiten eingeschlichen, Sicht- und Denkweisen fixiert und Rituale etabliert. Die religiöse Praxis wurde dann verallgemeinert, in Form gebracht, de-individualisiert und institutionalisiert. Es entwickelte sich ein vereinheitlichtes Lehrgebäude, das meist an historischen oder imaginären Personen festgemacht ist. Um diese Ansammlung von Geschichte, Ritualen, Auffassungen, Vorgaben und Dogmen formte sich eine Verwaltung, quasi ein Herrscherhaus mit seinem Hofstaat und dessen Abteilungen, das für sich die Gestaltungs- und Interpretationsfreiheit in Anspruch nimmt und diese Macht durch eine hierarchische Abfolge von Vermittlern, Bewahrern, Manipulateuren, Polizisten und Animateuren ausübt und festigt. So entstehen aus einem anfänglichen, rudimentären Wahrnehmen und der interessierten Bemühung der Philosophie die hierarchischen Ebenen und Gesichter der Religion.
Für mich stellen Liebe und Mitgefühl eine allgemeine, eine universelle Religion dar. Man braucht dafür keine Tempel und keine Kirche, ja nicht einmal unbedingt einen Glauben; wenn man einfach nur versucht, ein menschliches Wesen zu sein, mit einem warmen Herzen und einem Lächeln, das genügt.
Dalai Lama
4. Kapitel
Die Religion als Organismus – Der Körper
Wenn wir die Religion mit einem Wesen, mit einem Organismus vergleichen, was durchaus legitim ist, da sie sich entwickeln, wachsen, verändern und sterben kann, dann entspricht der Körper dieses Organismus ihrer äußeren Struktur. Je kraftvoller eine Religion in der Welt in Erscheinung tritt, sei es durch äußeren Einfluss, durch die globale Verbreitung oder durch die schiere Zahl ihrer Anhänger, dann geschieht dies meist durch eine ausgeprägte körperliche Entwicklung und Präsenz.
Diese Analogie wirft natürlich Fragen auf: Was ist Teil dieser körperlichen Ebene? Wie ist sie aufgebaut und organisiert? Was ist ihre Aufgabe? Funktioniert der Körper immer einwandfrei? Wie und durch wen wird dieser Körper gelenkt? Wie sieht die Schnittstelle zur nächsten Ebene aus, zur Ebene des Lebens?
Nun, der Körper ist eine recht äußerliche Angelegenheit, und darum gehört zu ihm alles, was nach außen hin sichtbar ist und ihm Struktur gibt. Dazu zählt die formelle Religionsbezeichnung, durch die sich eine Religion ganz formell von anderen Religionen unterscheidet und die ihr einen Ort im religiösen Beziehungsgeflecht zuweist. Genau genommen gibt es mit der Religion an sich noch einen Superorganismus, der allerdings keine kraftvolle und wohldefinierte Angelegenheit darstellt, sondern eher ein Gebilde mit einer Autoimmunkrankheit.
Der Superorganismus Religion definiert sich durch den Glauben an etwas, das größer ist als wir es sind, dem wir in der ein oder anderen Form unsere Existenz verdanken und das meist auch irgendwie Interesse an uns hat, so wie auch Eltern meist an der Entwicklung ihrer Kinder interessiert sind. Und wie in jeder irdischen Familie, ist auch in dieser die Beziehung von Kindern und Eltern und die Beziehung der Kinder (und Enkel und Urenkel) untereinander individuell sehr unterschiedlich und längst nicht immer spannungsfrei. Das Elter (oder die Eltern) ist die schöpferische Urmacht, das Große Bewusstsein, die Gottheit oder ein Clan von Gottheiten oder übernatürlichen Wesen. Die Kinder in dieser Familie sind die Religionen und die Vorstellungen, die sie von ihrem Elter haben, was ihrer Beziehung zu ihm entspricht. Hier finden sich helfende, gütige, beobachtende, verständnisvolle, neutrale, desinteressierte, fordernde, rachsüchtige, eifersüchtige, grausame und zornige Gottesbilder, die allesamt sehr menschlich geprägt sind. Die Spanne reicht von Gottheiten, die uns die Hand reichen und uns zu sich emporziehen wollen bis zu solchen, die diktatorisch eine absolute Unterwerfung fordern.
Die einzelnen Religionen sind Ausdruck unserer Beziehung zum Göttlichen und in ihrer Ausgestaltung überwiegend menschengemacht, und sie sind Kinder des Superorganismus Religion, der unsere grundlegende und ideale Beziehung zu dieser Urmacht darstellt und dem Göttlichen in seiner Unformuliertheit näher steht als jede Einzelreligion.
Wir haben hier also eine provisorische Hierarchie: Ganz oben befindet sich Gott, dann kommt lange nichts, und dann kommt die Religion als Superorganismus mit den einzelnen Religionen als seinen Kindern. Grob gesagt sind diese Kinder die ethnische oder Naturreligion, der Polytheismus und der Monotheismus, die sich ihrerseits wieder in Kinder (z. B. das Christentum) und Kindeskinder (hier u. a. Orthodoxie, Katholizismus und Protestantismus) usw. verzweigen. Hinzu kommen die Sozialreligion des Konfuzianismus und die eher spirituellen Religionen Buddhismus und Daoismus mit ihren jeweiligen Kindern und Enkeln. Den meisten Unfrieden gibt es hier bei den monotheistischen Religionen.
Wie in nahezu jeder Familie gibt es Zank und Streit, Unverständnis und verschiedene Auffassungen, besorgte Eltern und vor allem zankende Kinder und Kindeskinder. Man kann diese Analogie natürlich nicht allzu weit führen, denn der Abstand zu dieser Urmacht und die augenscheinlichen Unterschiede unserer Natur und der Natur des Göttlichen sind dafür zu groß und ausgeprägt, und es scheint auch nicht vorgesehen oder möglich zu sein, dass die Kinder in einem Ausmaß erwachsen werden, dass sie einen gleichberechtigten Platz als Gott neben Gott einnehmen.
Dieser Unfrieden rührt daher, dass nahezu jede Religion für sich in Anspruch nimmt, über die einzig legitime und allzeit gültige Verkündung und Interpretation des göttlichen Willens zu verfügen und nicht verstehen kann, dass nicht jedes menschliche Wesen mit Beginn der Bewusstwerdung sofort zu ihr konvertiert. Nun kann man sicherlich Gottes Einfluss bei der Bildung der Religionen nicht gänzlich leugnen, aber da die Religionen ziemlich unterschiedlich ausgefallen sind und noch nie an unterschiedlichen Orten auf der Erde zwei identische Religionen unabhängig voneinander entstanden sind, ist dieser Einfluss eben nur ein Einfluss, beziehungsweise wurde dieser, wie im Kapitel über das Transformsyndrom noch erläutert wird, durch den Menschen entstellt. Und wenn man dann noch bedenkt, dass die menschlichen Völker und Kulturen und Auffassungen sehr unterschiedlich sind und der Mensch an sich im Verlauf seiner Geschichte auch eine bisweilen gewaltige Entwicklung seines Bewusstseins durchlaufen hat und immer noch durchläuft, und Gott vielleicht versucht, uns an jedem Ort, in jeder Kultur und zu jeder Zeit genau das zu vermitteln, was wir für unsere Entwicklung und für unser religiöses Verständnis gerade benötigen, dann ist die Vorstellung einer einzigen und absolut wahren und ewigen Religion schon absurd und genau genommen blasphemisch, da wir dieser göttlichen Urmacht damit praktisch diktieren, wie sie und ihre Beziehung zu uns für immer und ewig zu sein hat. Das ist eine zutiefst menschliche Sichtweise, und darum sind auch die Religionen überwiegend menschliche Gebilde mit einem möglichen göttlichen Kern, der wahrscheinlich in jeder Religion einen anderen Aspekt des Göttlichen widerspiegelt.
Damit die Religion ihre Aufgabe, die darin bestehen müsste, den Menschen näher zu dieser Urmacht zu führen, besser erfüllen kann, müsste sie nach diesem Kern in sich und in den anderen Religionen suchen und auf diese Weise den Superorganismus Religion mit sprudelndem Leben erfüllen. Dann ist die Religion kein Gegeneinander mehr, sondern ein freudiges Miteinander, das bereit ist, die Stagnation hinter sich zu lassen und stattdessen Fortschritte zu machen, die den Menschen individuell und global weiterhelfen werden.
Der körperliche Kern einer Religion wird durch die heiligen Texte gebildet, auf die sich jede Religion beruft, seien sie nun schriftlich fixiert oder mündlich überliefert, wobei vor allem die heiligen Schriften als von Gott inspiriert oder diktiert gelten und somit oftmals einen Nimbus der Unantastbarkeit haben, während Überlieferungen sich im Laufe der Zeit verändern und, im Positiven wie im Negativen, an die Entwicklung anpassen können und so, zumindest potenziell, für den moderierenden Einfluss Gottes offen sind.
Die ältesten dieser Schriften dürften die heiligen Texte des Hinduismus sein, die Veden und die Upanishaden, die als „gehört“ gelten, also als direkt von Gott übermittelt. Sie illustrieren augenfällig die bereits angesprochene Tatsache, dass sich der Mensch und seine Kultur stetig entwickeln und umformen, während das niedergeschriebene Wort unveränderlich bleibt. Diese Schriften sind voller Bilder und Symbole, die vielleicht zur Zeit ihrer Entstehung eine klare Sprache darstellten, weil sie im Bewusstsein der damals aktuellen Kultur verankert waren, nur hat sich das Bewusstsein im Laufe der Jahrtausende gewandelt, und die Bedeutung dieser Bilder wird heute nicht mehr oder nur noch sehr eingeschränkt verstanden, vor allem, was den spirituellen Gehalt angeht. Hier hat Sri Aurobindo mit seinem Verständnis für eine Übersetzung in aktuelle Begrifflichkeiten und Bilder gesorgt.
Was den Buddhismus betrifft, so hat Buddha selbst, der ja eine historische Person war, seine Lehre vermutlich nie als Religion bezeichnet, und manche Buddhisten machen das auch heute nicht. Buddha hat sich in seiner Lehre nie auf Gott bezogen, und ihr Gehalt ist trotz vieler ritueller Elemente, die zum Körper einer Religion gehören, überwiegend spirituell. Aber man kann die Erleuchtung, die er am Anfang seines Lebens erfuhr, durchaus als Berührung Gottes betrachten und damit als religiöses Element. Davon abgesehen ist die buddhistische Lehre von vielen Religionen Asiens aufgegriffen und in ihr religiöses Leben integriert worden. Seine Lehrgespräche wurden anfangs auswendig gelernt und mündlich weitergegeben und nach einer vergleichsweise kurzen Zeitspanne nach seinem Tod schriftlich fixiert. Da seine Lehrtätigkeit lange andauerte und es eine große Vielzahl übereinstimmender Überlieferungen gab, sind diese Texte einigermaßen authentisch.
Die Texte des Judentums, die zum Teil auch für das Christentum und den Islam von Bedeutung sind, sind überwiegend Berichte der Geschichte des israelischen Volkes und der Begegnung mit dem Willen Gottes, die irgendwann erlebt, erzählt und aufgezeichnet wurden. Einzig die Zehn Gebote ragen hier als direktes Wort Gottes heraus, wenngleich die fünf Bücher Moses, die Tora, als direkt und vielleicht sogar physisch als von Gott übergeben gelten. Andererseits gibt es mit dem Talmud und einer Tradition der zeitgemäßen Interpretation einen pragmatischen Einfluss, der die nicht-orthodoxen Bereiche des Judentums vor völliger Versteinerung bewahrt.
Die Schriften des Christentums wurden aus einer größeren Sammlung von Texten von einem Konzil Jahrhunderte nach Christus zusammengestellt. Sie enthalten den jüdischen Tanach und im Neuen Testament Erzählungen über das Leben Jesu und das Wirken der Apostel. Die Texte gelten allgemein als von Gott inspiriert, werden aber auch vereinzelt als direktes Wort Gottes gedeutet, wogegen allerdings die Tatsache spricht, dass es von jedem Text verschiedene Versionen gibt. Dadurch gibt es einen gewissen, wenn auch engen Spielraum für abweichende Meinungen und Neubewertungen und somit für Evolution.
Der Islam hat Teile der Bibel übernommen, betrachtet diese allerdings als bisweilen vom Menschen verfälscht. Er stützt sich vor allem auf den vom Propheten Mohammed als direktes Wort Gottes niedergeschriebenen Koran, an dem darum nicht zu rütteln ist. Doch trotz dieses umfassenden Anspruchs auf Allein- und Ewigkeitsgültigkeit, der nur durch die Ankunft des Mahdi in ferner Zukunft etwas relativiert wird, müssen auch die Schriften des Islam interpretiert und ihre Deutung dem Wandel der Zeit und des Bewusstseins angepasst werden, womit er sich manchmal sehr schwer tut.
Ein weiterer Punkt der religiösen Körperlichkeit ist die Religionsfreiheit. Hier muss man zunächst zwischen der Freiheit von Religion und der freien Wahl der Religionszugehörigkeit unterscheiden. Freiheit von Religion bedeutet dabei nicht nur das Freisein von Religion, was nicht automatisch Atheismus oder Antitheismus bedeutet, sondern auch die Möglichkeit, eine Religion ablegen und/oder eine andere Religion wählen zu können. Diese Möglichkeiten bietet eigentlich keine Religion, denn mit der Geburt ist man unweigerlich Mitglied der elterlichen Religion und kann diese auch nicht wirklich ablegen. Einzig beim Christentum und vielleicht der einen oder anderen kleineren Religion gibt es mit der Taufe eine eigene Aufnahmezeremonie, die dem Kind aber für gewöhnlich unmittelbar nach der Geburt angediehen oder auferlegt wird.
Es gibt also in dieser Hinsicht keine wirkliche Religionsfreiheit. Man wird in eine Religion hineingeboren und verbleibt in dieser, auch wenn es formell meist die staatliche Möglichkeit gibt, eine Religion zu verlassen und religionslos zu sein. Das ist aber eine Formalität, die nur rechtlich bindend ist. In seltenen Fällen kann die Apostasie, also der Abfall vom Glauben, in Ländern mit einer islamischen Staatsreligion zur Todesstrafe führen, obwohl der Koran diese nicht vorsieht, und obwohl der Islam sogar eine Unterscheidung zwischen der Annahme der Religion und der Annahme des Glaubens kennt. Die meisten Religionen kennen aber Abläufe und Zeremonien für die Aufnahme eines neuen Gläubigen. Hierbei ist zu beobachten, dass Konvertiten häufig besonders eifrige Verfechter ihrer neuen Religion sind, was man bisweilen durchaus darauf zurückzuführen kann, dass man eine bewusste Entscheidung getroffen hat, oder dass sie gar zum Fundamentalismus neigen, was vielleicht Anzeichen von Unsicherheit sind oder das Gefühl, sich beweisen zu müssen.
Dann gibt es in diesem Zusammenhang noch das Phänomen der Staatsreligion. Hier muss man zwischen zwei Formen unterscheiden, eine staatliche Bevorzugung einer Religion, ohne dabei die Religionsfreiheit einzuschränken, wie das bei einigen christlich geprägten Ländern der Fall ist, und eine enge Verknüpfung von Staat und Religion, wobei die Religion einen massiven Einfluss auf die Staatsführung und die Gesetzgebung hat, wie es in einigen islamischen Ländern der Fall ist. Hier begreift die Religion sich als einzige Grundlage des Menschseins und den Staat, die Welt und die gesamte Lebensführung als ihre ureigenste Domäne. Darum gibt es hier keine nennenswerte Religionsfreiheit, und Mitglieder anderer Religionen werden zwar in geringem Maße geduldet, haben aber oft nicht die gleichen Rechte.
Man kann also feststellen, dass es nirgendwo auf der Erde eine wirkliche Religionsfreiheit gibt, denn die verwehende kommunistische Ideologie ist in ihrer Ablehnung der Religion ebenso gefangen wie die Menschen, die in eine Religion und eine religiöse Umgebung hineingeboren werden in dieser gefangen sind. Dadurch ist man immer in der einen oder anderen Richtung voreingenommen, und darum wird man auch nicht angehalten, sich mit der Religion an sich und den Inhalten und dem Charakter der einzelnen Religionen auseinanderzusetzen und eine individuell passende Religion anzunehmen, der Religion an sich gewogen zu sein oder sie abzulehnen und sich dem Atheismus oder der über die Religion hinausweisenden Spiritualität zuzuwenden. Freiheit bedeutet, das Wissen und die Möglichkeit der unvoreingenommenen und uneingeschränkten Wahl zu besitzen.
Um diese Freiheit zu gewährleisten, sollten Kinder von Geburt an religionslos aufwachsen und ein humanistisches Wertesystem vermittelt bekommen, das ja mit den Grundwerten der meisten Religionen einigermaßen konform geht, wenn man mal von der unwürdigen Behandlung der Geschlechtsunterschiede bei vielen Religionen absieht. Außerdem sollten im Ethikunterricht der Atheismus und die einzelnen Religionen mit ihren Stärken und Schwächen ausführlich dargestellt werden, ebenso wie die im Bewusstseinsrad über sie hinausführende Spiritualität und die Bewusstseinsforschung. Dann erst kann der Mensch ab dem Zeitpunkt des Erwachsenwerdens eine einigermaßen informierte und/oder eine Entscheidung des Herzens treffen, die ihn in seiner Entwicklung voranbringen kann.




