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Noch dreimal sahen sich Luise und Friedrich Wilhelm, ehe der König offiziell bei der Großmutter um die Hand der beiden Prinzessinnen für seine Söhne bat. Das eine Mal auf einem Ball beim Kammerherrn von Wrede, dann an der Tafel des Königs im Hauptquartier auf der Zeil im Roten Haus und ein drittes Mal im Hause des Patriziers Gontard. Eine Annäherung zwischen Luise und Friedrich Wilhelm fand erst am 19. März im »Weißen Schwan« in Frankfurt statt, wo die Landgräfin abgestiegen war. Beide Prinzen brachten an diesem Tage ihre persönlich« Werbung vor, und man ließ jedes Paar allein in einem Zimmer »ohne Etikette«. Lange wußte der von Natur aus unbeholfene und schüchterne Kronprinz nichts zu sagen. Schließlich aber faßte er Mut, denn Luise verhielt sich dabei so natürlich und herzlich, ohne alle Ziererei, daß er seine Schüchternheit überwand. »Ich fragte, ob ich dürfte, und ein Kuß besiegelte diesen herrlichen Augenblick.« So erzählte Friedrich Wilhelm selbst seine Verlobung mit Luise von Mecklenburg-Strelitz. Am 24. April fand dann in Darmstadt im Alten Schloß am Markt die offizielle Verlobungsfeier der beiden Prinzessinnen statt, wobei der König von Preußen den Ringwechsel persönlich vollzog.
Schön, überaus schön muß die Braut des Kronprinzen gewesen sein, denn die Zeitgenossen, ob Feind oder Freund, sind sich darüber einig. »Es war eine Schönheit des Ausdrucks, der stärker fesselt als die Formen. Ihr Auge war sprechend und verriet das lebhafteste Gefühl und die empfänglichste Einbildungskraft, was ihr einen ganz eigentümlichen Reiz verlieh. Sie gehörte zu den Frauen, durch die alle Männer und alle Frauen bezaubert werden.« Goethe war hingerissen von ihrer Anmut, und er verstand gewiß etwas von Frauenliebreiz und Frauenschönheit. Er sah beide Prinzessinnen im Gefolge des Großherzogs von Weimar, am 29. Mai 1793 im Lager vor Mainz. In seinem Tagebuch schildert er den Eindruck, den Luise und Friederike auf ihn machten. »In mein Zelt eingeheftelt, konnte ich sie vertraulich mit den Herrschaften auf und nieder und nahe vorübergehend auf das Genaueste beobachten, und wirklich muß man diese beiden jungen Damen für himmlische Erscheinungen halten, deren Eindruck auch mir niemals erlöschen wird.« ... Frau von Voß, Luises spätere Oberhofmeisterin, notierte in ihr Tagebuch, als sie die Kronprinzessin zum erstenmal sah: »Die Kronprinzessin hat einen wunderschönen Wuchs, ihre Erscheinung war zugleich edel und lieblich, jeder, der sie sah, fühlte sich unwiderstehlich angezogen und gefesselt.«
Auch ganz trockene und nüchterne Männer kamen bei ihrem Anblick in Ekstase. »Sie schwebte«, schrieb der sonst wenig galante und liebenswürdige Ritter von Lang, der sie einige Jahre später als Königin sah, »wie ein überirdische« Wesen vor einem ... Eine Zauberin, wenn ich jemals eine gesehen.« – Männer wie Frauen waren von ihr begeistert. Prinzessin Anton Radziwill, die Schwester des Prinzen Louis Ferdinand, sagte: »Zu jener Zeit (1793) machten der Kronprinz und sein Bruder die Bekanntschaft der Prinzessinnen von Strelitz ... Es war (in Frankfurt) nur noch die Rede von ihrer Schönheit. Der Kronprinz wurde besonders von der schönen Prinzessin Luise gefesselt ... Die zweite der Prinzessinnen, Friederike, war keine so regelmäßige Schönheit wie ihre Schwester, aber sie hatte eine entzückende Gestalt, war äußerst liebenswürdig und immer bemüht zu gefallen, wodurch sie oft der edlen Schönheit ihrer Schwester vorgezogen wurde.« Und später, beim Empfang der Prinzessinnen in Berlin ist sie von neuem entzückt: »Niemals habe ich ein herrlicheres Wesen gesehen als die Kronprinzessin. Ihr sanfter, bescheidener Gesichtsausdruck, vereint mit ihrer edlen Schönheit, gewann ihr alle Herzen.«
Vor allem aber war der alte Frauenkenner Friedrich Wilhelm II. von seinen zukünftigen Schwiegertöchtern begeistert. Er bewunderte sie beide und freute sich, zwei so reizende junge Damen bald an seinem Hofe zu haben. Drei Tage nachdem er sie in Frankfurt gesehen hatte, berichtete er überaus glücklich nach Berlin:
»Seit meinem letzten Brief habe gar kein« Zeit zum Schreiben gehabt, wir haben in lauter Fêten gelebt, die besonders durch die Anwesenheit hoher Fremden veranlaßt wurden, nämlich von der Prinzeß George von Darmstadt und ihren beiden herrlichen Kindeskindern, den Töchtern des Prinzen Karl von Mecklenburg und also der Königin von England ihren Nichten. Wie ich die beiden Engel zum erstenmal sah, es war am Eingang der Komödie, so war ich so frappiert von ihrer Schönheit, daß ich ganz außer mir war, als die Großmutter sie mir präsentierte. Ich wünschte sehr, daß sie meine Söhne sehen möchten und sich in sie verlieben. Den anderen Tag ließen sie sich auf einem Ball präsentieren und waren ganz von ihnen enchantiert. Ich machte mein möglichstes, daß sie sich oft sahen und sich recht kennenlernten. Die beiden Engel sind, so viel ich sehen kann, so gut als schön, nun war die Liebe da und wurde kurz und gut resolviert, sie zu heiraten.«
Der grundehrliche, aber phlegmatische Kronprinz äußerte sich weniger enthusiastisch über seine Braut. Aber sie gefiel ihm doch außerordentlich gut, und Luise konnte überzeugt sein, daß, wenn er sie hübsch fand und er es ihr in einfachen Worten sagte, es auch wirklich so gemeint war, denn schmeicheln konnte er nicht einmal als Bräutigam. Es war keine verliebte Sentimentalität. Auch keim hell auflodernde Leidenschaft, die sich in Sehnsucht verzehrt. Er liebte sie ruhig und aufrichtig, und sie fühlte es wohl. Gerade weil er ihr so einfach und schlicht entgegengetreten war, schien sie ihn zu schätzen. Er gefiel ihr trotz seines linkischen Wesens und trotz seiner äußeren Kälte. Vielleicht war die Sechzehnjährige auch in Liebesangelegenheiten noch zu unerfahren, daß sie für sich und ihre bezaubernde Schönheit keine glühende Leidenschaft, keine allesvergessende Liebesbegeisterung in Anspruch nahm. Ihrem eigenen Wesen lag Leidenschaftlichkeit in jeder Beziehung fern; der Grundzug ihres Charakters war Sanftmut und Weichheit. Jedenfalls schien sie mit ihrem Geschick zufrieden. Denn gleich nach der Werbung des Kronprinzen schrieb sie an ihre Schwester Therese in Regensburg: »Du kannst Dir nicht denken, liebe Therese, wie zufrieden ich bin. Der Prinz ist außerordentlich gut und offen. Kein unnötiger Wortschwall begleitet seine Rede, sondern er ist erstaunlich wahr. Kurz, es bleibt mir nichts zu wünschen übrig. Der Prinz gefällt mir, und wenn er mir zum Beispiel sagt, daß ich ihm gefalle, daß er mich hübsch findet, so kann ich es ihm glauben, denn er hat mir noch nie eine Schmeichelei gesagt.« Auch in Luises Worten über den Bräutigam liegt nichts Himmelhochjauchzendes, keine Begeisterung. Ja, es scheint – wenigstens für eine Sechzehnjährige – als wäre sie fast allzu vernünftig in ihrem Brautglück.
Im Juni begann die Belagerung von Mainz, die vier Wochen in Anspruch nahm. Der Kronprinz mußte ins Feld. Ihm war nicht gerade kriegerisch ums Herz, zumal er nicht im geringsten von der Notwendigkeit dieses Feldzugs überzeugt gewesen war. Er stand mit dieser Ansicht auf der Seite der Mehrheit des preußischen Volkes. Nur der alte König und einige seiner Ratgeber stimmten für den Krieg gegen die französische Revolution, der Friedrich Wilhelm II. hauptsächlich durch seine Freunde, die Emigranten und Rosenkreuzler suggeriert wurde. Im Volke selbst war man damals viel mehr für Frankreich und gegen Österreich. Im Widerwillen gegen diesen Krieg und im ersten Rausche seiner Liebe suchte der Kronprinz sich so viel wie möglich von seinen militärischen Verpflichtungen freizumachen. Entweder besuchte er seine Braut, oder sie machte ihm einen Besuch im Felde. Friederike war dann auch immer dabei. Anfangs kamen die jungen Prinzessinnen fast täglich nach Mainz ins Lager, wo sich auch der König befand. Vor allem führte der geniale Prinz Louis Ferdinand dort ein sehr geselliges Leben, ohne seine Rolle als Soldat zu vergessen. Denn er zeichnete sich besonders aus und wurde vor Mainz ziemlich schwer verwundet, worauf er äußerst stolz war. Seine Schwester, Prinzessin Radziwill, sagte: »Man begab sich ins Lager von Mainz wie zu einem Fest ... Die elegantesten Frauen waren dort versammelt.« Die meisten Offizier« hatten ihre Frauen bei sich. Der damalige Oberstleutnant und spätere General von Rüchel ließ außer seiner Frau sogar seine Töchter ins Feldlager kommen. Beinahe wäre damals der Verlobte Friederikes ums Leben gekommen. Prinz Louis hatte sich im Lager an einem Kaminfeuer seines Zeltes niedergelegt und war eingeschlafen. Ein paar überspringende Funken entfachten einen Brand, und bald stand die ganze Einrichtung in Flammen. Des Prinzen Kleider begannen bereits zu brennen. Aber er spürte weder die Glut noch den Rauch, so fest schlief er. Glücklicherweise wurde der vor dem Zelt wachehaltende Soldat auf den Brandgeruch aufmerksam. Er stürzte hinein und rettete Louis vom Flammentod.
Auch außerhalb des Lagers von Mainz trafen sich Luise und ihr Bräutigam: in Großgerau, auf Schloß Kranichstein und bei Onkel Georg in Braunshardt. Als Friedrich Wilhelm dann, nachdem Mainz sich ergeben hatte, in die Pfalz als Befehlshaber des Belagerungskorps von Landau geschickt wurde, entspann sich selbstverständlich ein sehr lebhafter Briefwechsel zwischen den beiden Verlobten. Wie wenig Luise von der Etikette hielt und wie einfach und ganz natürlich sie in ihrem Empfinden war, geht aus einem Zettel hervor, den sie einem der ersten »offiziellen Briefe« an ihren Bräutigam beilegte. Sie mußte nämlich alle Briefe an Friedrich Wilhelm, ehe sie sie abschickte, ihrer Großmutter vorlegen, damit diese sich überzeugte, daß sie nicht gegen den guten Ton verstießen und nicht allzu zärtlich ausfielen. Der jungen Luise waren alle gesellschaftlichen Phrasen und Heucheleien im Innersten zuwider. Sie wollte ihrem Verlobten alles schreiben, was und wie sie für ihn fühlte, besonders ihm aber sagen, wie einfach menschlich sie im Grunde ihres Wesens sei. Und so legt sie, nachdem die Großmama den vorschriftsmäßigen Brautbrief zu ihrer Zufriedenheit gelesen hat, heimlich einen Zettel bei, der aus ihrem guten, liebenden Herzen kommt. »Sie werden vielleicht bemerkt haben, liebster Freund,« schreibt sie ihm, »daß ich viele Dinge in Ihrem Brief mit Schweigen übergehe. Wundern Sie sich nicht darüber. Papa und Großmama haben gewünscht, daß ich ihnen meinen Brief an Sie zeige, und Großmutter vor allem hat mir eindringlich empfohlen, Ihnen nicht zu zärtlich zu schreiben. Gut, daß Gedanken und Empfindungen zollfrei sind und man darüber keim Vorschriften machen kann. Hören Sie, lieber Prinz! Die Namen ›Freundin‹, ›liebe Luise‹ und alles andere hat mich unendlich erfreut. Nennen Sie mich immer wie Sie wollen. In meinem Leben wird es mir nicht in den Sinn kommen, das böse zu finden. Im Gegenteil, es macht mich froh. Da wir vom ersten Augenblick unserer Bekanntschaft an ganz natürlich und ohne Zwang beisammen waren, hielt ich es für meine Pflicht, Ihnen den Grund zu sagen, warum in meinen Briefen ein gewisser gezierter Stil herrscht, der nicht meinem Charakter entspricht. Sie könnten sonst glauben, daß ich gegen Sie verändert wäre. Aber ich schwöre Ihnen, es ist nicht der Fall. Im Gegenteil, Sie sind mir nicht gleichgültig. Sie wissen, was ich für Sie empfinde, und so habe ich nicht nötig, Ihnen zu wiederholen, daß ich Sie recht von Herzen liebe. Seien Sie immer der gleiche gegen mich. Ich gestehe Ihnen: mein Herz ist unfähig, sich zu verändern ... Bitte, lieber Prinz, zeigen Sie diesen kleinen Zettel keinem Menschen, und wenn Sie darauf antworten, so tun Sie es nicht in Ihrem Briefe, sondern auf einem kleinen Blatt für sich, damit Großmutter es nicht merkt, sonst habe ich Unannehmlichkeiten ... Noch eins: Großmutter wünschte, ich sollte vorerst einen Entwurf für meinen Brief an Sie machen, weil ich so unorthographisch schreibe. Ich gestehe, er ist nicht schön, aber Sie sollen auch meine Fehler kennenlernen. Wenn ich als Kind fleißiger gewesen wäre, könnte ich Ihnen jetzt vielleicht ohne Fehler die Empfindungen meines Herzens sagen, so kann ich es immer nur fehlerhaft ...« Später wurden Luises Briefe bedeutend vertraulicher und herzlicher, besonders wenn sie sie in köstlichem Kauderwelsch französisch und deutsch durcheinander schrieb, oder gar, wenn sie pfälzische Sätze mit einflocht wie den: »Die ollen Scharteken, die Wägen fahren vor, die alten metallenen Klocken läuten, und ich, ich habe keine Lust in die Kirche zu gehen. Gott verzeihe mir's. Adieu altesse royale de mon coeur ... Ich muß fort in Kirch gehn, sonst schlägt mich mey alte Großmäme«. Oder: » Je mange depuis sieben weniger un quart des cerises délicieuses noires comme un Hut et je souhaiterais, pour qu'elles me paraissent tout à fait délicieuses, la présence d'un certain Monsieur de votre connaissance.« Mit dem » certain Monsieur« meinte die Schelmin natürlich den Kronprinzen selbst.
Sie sah ihn noch einmal in Mannheim bei der Prinzessin Auguste von der Pfalz wieder. Ende August aber mußten sie sich endgültig trennen, und erst im November sahen sie sich zum letztenmal vor ihrer Hochzeit, in Frankfurt. Nach diesem letzten Beisammensein schrieb sie ihm: »Ich verspreche mir ein vollkommenes Glück, nicht ein romanhaftes Glück, aber sicher werden wir so glücklich sein wie zwei Gatten, die sich lieben können.« Für eine so junge Braut fast allzu vernünftige Worte. Aber ihr gerader Sinn wollte sich nicht etwas einreden, was sie nicht unbedingt glaubte. Das Himmelhochjauchzende wie auch das Zutode-Betrübte waren ihr unbekannt, aller Schein war ihr fremd.
Aber das rein Menschliche und Herzliche war in ihr wunderbar mit Vornehmheit vereint. Sie konnte, im Gegensatz, zu dem nüchternen, trockenen Wesen Friedrich Wilhelms, schelmisch, lustig und ausgelassen wie ein Kind und zu allen bösen und guten Streichen aufgelegt sein. So hatte sie es zum Beispiel ersonnen, die Aufmerksamkeit der guten Großmama während der Besuche des Kronprinzen dadurch von sich abzulenken, daß sie ihr den Adjutanten Schack auf den Hals schickte. Der mußte die alte, sehr redselige Dame unterhalten, während Luise und Friedrich Wilhelm allein im Garten saßen und ihre Herzen sprechen ließen. Wenn die Großmama beschäftigt war, waren sie vor »ihren Geschichten und geistvollen Bemerkungen« sicher, »denn«, schreibt Luise später einmal an ihren Mann in humorvoller Laune: »Ich glaube, sie hätte lieber gesehen, daß Du ihr den Hof machest als mir.«
Dann aber lag auch wieder in Luises Bewegungen, in ihrer Art, sich zu geben, trotz aller Anmut und herzgewinnender Liebenswürdigkeit kühle, vornehme Zurückhaltung, die ihr manche Leute, die sie nicht genau kannten, als Herzenskälte und Hochmut auslegten. Solche Zurückhaltung war jedoch ganz geeignet für eine zukünftige Königin von Preußen an einem Hof, der sich infolge des leichtfertigen Lebens des alten Königs und des wenig vornehmen Regiments der Gräfin Lichtenau eines sehr schlechten Rufs erfreute. Ja, der Ruf war so schlecht, daß die alte Landgräfin und der Vater Luises nicht sofort geneigt waren, ihre Kinder in diesen »Sündenpfuhl« zu verheiraten. Besonders war die Tante, die regierende Landgräfin Luise, ganz gegen diese Verbindung. Und nur der gute Ruf des biederen Charakters des Kronprinzen hatte entschieden. Als die Tante ihn dann persönlich kennenlernte, war sie sogar so entzückt von ihm, daß sie öfter bemerkte: »Ach, es is e gar zu ehrlicher Mann, der gut Kronprinz, ich hab' en gar zu lieb«.
Zweites Kapitel. Als Kronprinzessin am Hofe des alten Königs.

Friedrich Wilhelm II. Radierung von Wilhelm Chodowiecki
Einzug der zukünftigen Kronprinzessin in Berlin – Begeisterung der Bevölkerung – Vorstellung der Prinzessinnen bei Hofe – Die Trauung Luises und Friedrich Wilhelms – Alte Hochzeitsgebräuche am preußischen Hofe – Der verpönte Walzer – Luises Popularität – Szenen aus dem Hofleben des alten Königs Berliner – Sitten – Luise in der neuen Umgebung – Ihre Vorliebe für Tanz und Vergnügen – Sie versucht geistig auf ihren Gatten einzuwirken – Ihre innere Einsamkeit – Friederike – Ihr Einfluß auf Luise – Großstadtgefahren – Louis Ferdinands Annäherung – Seine Persönlichkeit – Das Ende der Idylle – Die Persönlichkeit des Kronprinzen – Luises Ehe – Ihr Privatleben – Tod des Prinzen Louis und der Witwe Friedrichs des Großen – Beginn der Krankheit des Königs – Luise in Pyrmont – Paretz – Der sterbende König – Scharlatane und Abenteurer – Die Lichtenau und ihre Freunde – In der Todesstunde Friedrich Wilhelms II.
An einem wunderschönen Wintermorgen, am 22. Dezember 1793, hielt die siebzehnjährige Prinzessin Luise ihren Einzug in Berlin. Die Landgräfin-Witwe von Darmstadt und ihre Brüder Georg und Karl von Mecklenburg-Strelitz begleiteten sie. Die Großmutter strahlte vor Stolz und Glück. Luise fuhr in der goldenen Karosse, in der alle preußischen Königsbräute eingeholt wurden. Der Kronprinz und Prinz Louis empfingen die Prinzessinnen in Potsdam am südlichen Schloßportal, wo auch der neue Hofstaat der beiden Bräute versammelt war.
Die Berliner Bevölkerung war begeistert von der neuen Kronprinzessin. Alle Straßen waren festlich mit Blumen und Fahnen geschmückt. Eine ungeheure Menschenmenge durchwogte die Stadt. Man war von der Natürlichkeit und Unbefangenheit der hübschen jungen Prinzessin entzückt, und sofort eroberte sie sich alle Herzen im Sturme. Der Zug bewegte sich vom Potsdamer Tor durch die Leipziger und Wilhelmstraße bis zu den Linden, immer an Tausenden von jauchzenden, frohen Menschen vorüber, die sich nicht genugtun konnten in Tücherschwenken und Jubelrufen. Als Luise von einer Reihe weißgekleideter kleiner Mädchen empfangen wurde, beugte sie sich zu der niedlichen Sprecherin, die ihr einen Blumenstrauß mit einem Gedicht überreichte, in spontaner Rührung hinab und küßte das Kind zum großen Erstaunen der alten Voß, die so etwas von Übertreten der Etikette noch nicht erlebt hatte.
Am Abend wurden Luise und Friederike bei Hofe vorgestellt, worauf bei der regierenden Königin Friederike Cour stattfand. Man sagte, sie hätte sich ihre Nichten, die Prinzessinnen von Baden oder Homburg, als Schwiegertöchter gewünscht und sei deshalb über die Wahl ihrer Söhne nicht besonders erfreut gewesen. Beim Lottospiel entlud sich dann auch ihre schlechte Laune besonders gegen die Prinzessin Luise. Als die Kronprinzessin naiverweise die Höflinge begrüßte, die an ihr vorbeischritten, sagte ihre Schwiegermutter ziemlich spitz zu ihr: »Wenn bei mir Cour ist, so gilt diese Cour nur mir, und ich allein habe zu grüßen.« Auch Friederike wurde getadelt und ausgescholten.
Am 24. Dezember, abends 6 Uhr, fand im Weißen Saal des Berliner Schlosses die Trauung Luises unter den althergebrachten Zeremonien statt und wurde vom Konsistorialrat Sack vollzogen. Die Braut sah entzückend aus. »Schön wie ein Engel«, meinte Prinzessin Radziwill. »Die diamantene Königskrone auf dem aschblonden Haar stand ihr bezaubernd.« Der Kronprinz war trotz seines kühlen und ernsten Wesens so von seinem Glück durchdrungen, daß man es ihm ansah.
Nach der Trauung fand im Rittersaal ein großes Bankett statt, bei dem nach überlieferter Sitte die Generale Graf Brühl und von der Marwitz di« Speisen auftrugen und Kammerherren und Hofdamen bei Tisch bedienten, bis die königliche Familie den ersten Trunk getan hatte. Dann zogen sich die Höflinge an die Marschallstafel zurück, um dort ebenfalls zu speisen. Nach der Tafel fand der gleichfalls seit alters gebräuchliche Fackeltanz im Weißen Saale statt. Voran schritten zu Paaren die achtzehn Staatsminister, jeder eine Wachskerze in Form von Fackeln in der Hand. König Friedrich Wilhelm II. führte die Braut, der Kronprinz beide Königinnen, seine Mutter und die Witwe Friedrichs des Großen. Danach folgten die übrigen Prinzen und Prinzessinnen mit ihren Hofdamen und Kavalieren.
Luise und ihre Schwester, deren Trauung erst am 26. Dezember stattfand, tanzten den bis dahin am preußischen Hof streng verpönten Walzer, und tanzten ihn mit aller Anmut und Grazie ihrer Jugend. Der König und alle Herren waren entzückt. Es entstanden Parteien, welcher von beiden Prinzessinnen der Preis der Schönheit zukomme. Nur die Königin war empört über die »Indezenz« eines solchen Tanzes, besonders aber, weil ihn ihre Schwiegertöchter am Hofe einführten. Sie verbot ihrer Tochter aufs strengste, Walzer zu tanzen, und wandte sich voll Abscheu ab, um nicht sehen zu müssen, wie die anderen »walzten«. Erst, nachdem die Neuvermählten in ihre Privatgemächer geleitet worden waren und die Oberhofmeisterin von Voß erschien, um jedem Zeugen der Hochzeitsfeier das bewußte Stück Strumpfband der Kronprinzessin zu zeigen, zogen sich die Gäste aus dem Schlosse zurück.
Bei der Trauung hatten in den großen Räumen neben dem Rittersaal alle Klassen der Bevölkerung Zutritt, und es waren viele Menschen versammelt, um die neue Kronprinzessin zu bewundern. Hatte doch der König besonders befohlen, daß »alle zugelassen werden sollten, die einen ganzen Rock anhätten«. Und dabei kam er selbst in die Enge mit seiner großen breiten Gestalt, die mit den Jahren immer mehr an Fülle zugenommen hatte. Durch die Menschenmassen mußte der König sich mit seiner Dame, der Witwe Friedrichs des Großen, durchschlängeln. Er gebrauchte dabei tüchtig seinen linken Ellenbogen, während er am rechten Arm die verwitwete Königin nach sich zog: »Braucht euch nicht zu genieren, Kinder,« rief er den dichtgedrängten Bürgern zu, »der Hochzeitsvater darf sich heute nicht breiter machen als die Brautleute.« Die Illumination hingegen hatte der aller Verschwendung und allem Aufwand abholde Kronprinz in Hinsicht auf die schweren Kriegszeiten abgelehnt. Er hatte es den Berliner Bürgern anheimgestellt, das Geld, das sie zur Erleuchtung ihrer Häuser bestimmt hatten, lieber zur Unterstützung armer Kriegerwitwen und Waisen zu verwenden. Und so geschah es auch. Der Hof selbst beteiligte sich daran, und die Einnahme der Vorstellung im Hoftheater wurde ebenfalls zu diesem Zwecke verwendet.
Vom Augenblick ihres Einzugs in Berlin an gewann Luise eine Popularität, wie sie vor ihr nur noch die erste Königin von Preußen, die reizende Sophie Charlotte, die Gattin Friedrichs I., besessen hatte. Unzufrieden waren die Berliner nur mit der Zusammensetzung des Hofstaats der Kronprinzessin, der hauptsächlich aus Mecklenburgern bestand. Die Oberhofmeisterin Voß verdankte ihre Stellung besonders dem Umstand, daß sie mit der Gräfin Jugenheim, der einen morganatischen Gattin des Königs, verwandt war. Die beiden Fräulein von Viereck, Henriette und Doris, wurden zur ersten und zweiten Ehrendame ernannt. Die eine davon, so hieß es, sei die Mätresse des Königs gewesen. Major von Massow wurde Hofmarschall und Herr von Schilden Kammerherr der Kronprinzessin. Er war früher beim Prinzen Ferdinand von Preußen, dem Vater Louis Ferdinands, ebenfalls Kammerherr gewesen.
Eine solche Wahl fand natürlich die schärfste Kritik im Volke. Aber Luises sympathisches Wesen überbrückte alle Unzufriedenheit. Hauptsächlich war es das glückliche Familienleben, das man am Berliner Hofe seit langem vermißt hatte, das sie dem Volke näherbrachte. Weder in der Ehe Friedrichs des Großen noch Friedrich Wilhelms II. hatte man so etwas erlebt. Im Gegenteil, Eifersuchts- und Skandalszenen waren besonders in der Umgebung des Königs, Luises Schwiegervaters, an der Tagesordnung. Er war zweimal morganatisch verheiratet. Das eine Mal mit Fräulein von Voß, der späteren Gräfin Ingenheim, das zweitemal mit der Gräfin Dönhoff, die ihm zwei Kinder gebar. Und die Ritz, alias Gräfin Lichtenau, führte als Hauptmätresse noch immer das Zepter. Auch sie hatte von ihm zwei Kinder, den Grafen und die Gräfin von der Mark. König und Königin führten getrennte Hofhaltungen, und es herrschte zwischen ihnen ein strenges Zeremoniell.
Es muß für die junge Kronprinzessin nicht leicht gewesen sein, sich in diese, für sie vollkommen neue Welt zu finden. Wenn auch nicht alle Mätressen zu gleicher Zeit im der Umgebung des Königs lebten, so erschien doch immer mal eine und machte ihm eine Szene. Die Dönhoff war zwar nach 1791 in die Schweiz geflohen, aber ab und zu fuhr sie wie der Blitz mitten unter die Gesellschaft des Königs, um ihn wieder für sich zu gewinnen. Ein höchst merkwürdiges Licht wirft folgende Szene auf das Leben am preußischen Hof zur Zeit der jungen Ehe Luises. Eines Tages fand im Marmorpalais von Sanssouci ein Konzert beim König statt, an dem wie immer Madame Ritz und ihre Tochter, die Gräfin von der Mark, teilnahmen. Plötzlich wurden die Türen aufgerissen, und Gräfin Dönhoff, die in der Schweiz einem Mädchen das Leben gegeben hatte, erschien mit ihren beiden Kindern im Salon. Sie wollte sich mit Friedrich Wilhelm II. wieder aussöhnen. Alle Anwesenden waren wie vom Donner gerührt, als sich die aufgeregte Frau mit ihren Kindern dem König zu Füßen stürzte und ihm vor allen Leuten die fürchterlichste Szene machte. Er war in höchster Verlegenheit und hatte die größte Mühe, die Gräfin in ein Nebengemach bringen zu lassen, über diesen kühlen Empfang war die Dönhoff so außer sich, daß sie nichts mehr von ihren Kindern wissen wollte, sie dem König in die Arme warf, wütend hinausstürmte, ihren Wagen bestieg und nach Berlin abfuhr. Darauf reiste sie sogleich auf Nimmerwiedersehen nach Lausanne. Ihre Kinder nahm Madame Ritz in Obhut und erzog sie auf Verlangen des Königs.




