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Nicht nur am Hofe, sondern auch in Berlin unter der Bevölkerung war das Leben ziemlich demoralisiert. Die Ehen wurden unter der Regierung Friedrich Wilhelms II. außerordentlich leicht geschieden, und die Frauen »waren so verdorben, daß selbst vornehme adlige Damen sich zu Kupplerinnen herabwürdigten, junge Mädchen und Weiber von Stande an sich zu ziehen, um sie zu verführen.« ... Bei Hoffesten plünderten die eingeladenen jungen Offiziere ganz ungeniert die Tafeln und Büfette und benahmen sich wie im Felde vor den Marketenderbuden. »Der Offizierstand, der schon früher ganz dem Müßiggang hingegeben, den Wissenschaften entfremdet war, hat es am weitesten unter allen in der Genußfertigkeit gebracht. Sie treten alles mit Füßen, diese privilegierten Störenfriede, was sonst heilig genannt wurde: Religion, eheliche Treue, alle Tugenden der Häuslichkeit der Alten. Ihre Weiber sind unter ihnen Gemeingut geworden, die sie verkaufen und vertauschen und sich wechselweise verführen.« So die vertrauten Briefe.
Es war kein Wunder, daß man die junge Kronprinzessin in ihrer Unverdorbenheit und Natürlichkeit wie ein vom Himmel gesandtes Wesen betrachtete. Wie aber hat sie sich selbst in dieser Welt zurechtgefunden?
Zunächst half ihr das gesunde fröhliche Naturell, das sie besaß, über alles hinweg. Ferner war ihre große Jugend vielleicht die natürlichste Schranke, die sich zwischen ihr und dem verdorbenen Milieu Friedrich Wilhelms II. aufbaute, ohne daß Luise es selbst wüßte. Wie man vom Salamander annimmt, daß er unbeschädigt durchs Feuer gehen kann, so ging auch Luise in ihrer Unschuld und Unerfahrenheit unberührt durch den Schmutz des sie umgebenden Lebens. Vielleicht erkannte sie es nicht einmal in seinem ganzen krassen Umfang. Ehe es ihr zum vollen Bewußtsein kommen konnte, versank es durch den Tod der Hauptbeteiligten wieder, und vor ihr baute sich ein neues Leben auf, ein Leben, wie sie es verstand und wie es ihrer Wesensart entsprach, denn sie war es, die ihn den Stempel ihrer Persönlichkeit aufdrückte.
Trotz aller Bescheidenheit und Zurückhaltung war sie durchaus nicht fröhlicher Ausgelassenheit und frohen Festen abhold. Im Gegenteil, sie hatte ihre helle Freude daran. Kam sie doch aus dem leichteren Süden von Deutschland, vom Rhein, wo das Blut lebhafter in den Adern fließt, wo die Menschen sich freier und harmloser ihren Vergnügungen und Freuden hingeben, kurz, wo man das Dasein freudiger genießt als im Norden. Luise tanzte für ihr Leben gern und – was man ihr in den schweren Zeiten nicht immer verzieh –, sie ließ sich gern beim Tanzen bewundern und gab deshalb oft zu Veranstaltungen Anlaß, in denen sie in irgendeiner tanzenden Rolle auftrat. Das gehörte zu ihren kleinen Schwächen, richtiger wohl aber zu den Schwächen der Zeit überhaupt, denn an allen anderen Höfen, in Hannover, in Darmstadt, in Weimar, besonders aber später am Hofe Napoleons gehörten Aufführungen dieser Art, an denen sich die Prinzessinnen des Hauses persönlich beteiligten, zum guten Ton. Auch ihre Vorgängerin in der Gunst des preußischen Volkes, die schöne Königin Sophie Charlotte, hatte es getan. Auch deren Feste und Maskenbälle waren berühmt gewesen. Die junge Kronprinzessin gab sich mit rheinischem Übermut den Faschingsfreuden hin. Schon im Jahre 1794 wurde der Karneval am preußischen Hofe zu einem glänzenden Feste. Alle Tanzvergnügen waren sehr beliebt, weil sie eine angenehme Abwechslung in das im großen und ganzen eintönige Hofleben, wie es Friedrich Wilhelm III. einführte, brachten.
Luise tanzte viel, sehr viel. Nach dem Begriff ihrer Oberhofmeisterin und strengdenkender Menschen vielzuviel für eine jungverheiratete Frau. Aber sie war selig, sich diesen Zerstreuungen hingeben zu können, zumal es ihr nach der Verheiratung nicht leicht gefallen war, sich ohne die mütterliche Liebe ihrer Großmutter und ohne die zärtliche Freundschaft aller ihrer Geschwister, mit denen sie bisher in engster Gemeinschaft gelebt hatte, abzufinden. Denn wenn sie auch ihrem Gatten – schon aus Pflichtgefühl und aus innerer Güte ihres unverdorbenen Herzens – sehr zugetan war, so war ihr Friedrich Wilhelm doch noch außerordentlich wesensfremd. Bereits als Braut hatte sie versucht, ihn zu einem höheren geistigen Leben mit fortzureißen. Denn sie selbst war außerordentlich bildungsbedürftig und suchte die Lücken ihres Wissens, so gut sie es vermochte, auszufüllen. Bei Friedrich Wilhelm jedoch scheiterte alle ihre Geschicklichkeit. Er las höchstens sentimentale Moderomane, Räubergeschichten und Bücher über Pferde und Uniformen. Von Musik verstand er nichts. Nur Militärmärsche, Janitscharenmusik und Tänze fanden seinen Beifall. Es war ein Wunder, daß er die kleinen Lieder geduldig und gern anhörte, die Luise ihm bisweilen vorsang. Vielleicht datierte diese Abneigung gegen alle Hausmusik daher, daß er als Kind nur zu oft gezwungen worden war, den Konzerten beizuwohnen, die sein Vater beinahe täglich veranstaltet hatte. Für Kunst hatte er nicht das geringste Verständnis, und seine Kenntnisse in der Malerei beschränkten sich auf rein militärische Bilder, die er nur von diesem Standpunkt aus betrachtete. Selbst die eigenen ungeschickten Zeichenversuche seiner Jugend waren immer nur Karikaturen von Soldaten. Uniformen und alles, was mit seinem Offiziersberuf zusammenhing – ausgenommen der Krieg – interessierten ihn ungemein. Aber für alles Geistige vermochte er nicht das geringste Interesse aufzubringen.
Auch sein Gefühlsleben war grundverschieden von dem seiner Frau. Infolge einer großen Zurückhaltung war es ihm trotz aller Zuneigung und Liebe nicht gegeben, seine Zärtlichkeit für Luise in so reichem Maße zu zeigen, wie es ihrer warmherzigen Natur Bedürfnis war. So fühlte sie sich in der ersten Zeit schrecklich vereinsamt. Ihre Gemütsstimmung kommt besonders in einem Briefe an den Bruder Georg vom 14. Februar 1794 zum Ausdruck, nachdem die Verwandten, vor allem Georg, aus Berlin abgereist waren:
»Nichts kommt dem Schmerz gleich, den Deine Trennung meinem Herzen verursacht. Ich kann mich nicht in den Gedanken finden, daß ich von Dir so weit entfernt leben muß, und dennoch zwingt mich die Wirklichkeit dazu, die mich denn auch alle Bitterkeit dieses Gedankens empfinden läßt. Die Leere in meinem Hause ist wirklich unbeschreiblich, und besonders die Frühstücksstunde ist für mich ganz schrecklich. So ganz allein sitze ich denn da an meinem Fenster, bin aller angenehmen Unterhaltung mit Dir, bester George, beraubt und beschäftige mich allein mit dem Gedanken, wo meine lieben Reisenden sein werden, und alsdann erfolgen tausend heiße Wünsche für Euer Glück, Ruhe und Zufriedenheit. Gestern war ein harter Tag für mich; ich war über alle Beschreibung melancholisch und traurig, kein Mensch von meiner Gesellschaft war heiter, und keiner hatte das Herz, aus Schonung für mich, viel zu sprechen, so daß das Mittagessen in tödlichster Stille vorbeiging. In dem Augenblick, als wir uns setzten, glaubte ich von Tränen erstickt zu werden, wie ich niemand von meinen Verwandten erblickte; ich mußte sie aber ersticken, weil Tränen öfters anders ausgelegt werden können. Genug hiervon, sonst fange ich wieder an zu brüllen, und das wäre sehr zur Unzeit ... Lieber, bester Junge, ich drücke Dich herzlich in Gedanken an mein trauriges Herz und versichere Dich, daß ich Dich mehr liebe als mein Leben.«
Man spürt, daß sie noch nicht eingelebt ist, weder in ihrer Ehe noch in ihrer Umgebung. Der König Friedrich Wilhelm II., der seine Schwiegertochter sehr liebte, hatte für sie das kronprinzliche Palais Unter den Linden einrichten lassen. Sie bezogen es gleich am Tage nach ihrer Trauung. Es waren zwanzig bis fünfundzwanzig Zimmer, wovon wohl ungefähr zehn zu Luises und ihres Gatten Privatgebrauch zur Verfügung standen. In den weiten, ziemlich kahlen und kalt ausgestatteten Räumen kam sie sich in der ersten Zeit sehr verlassen vor. Nur ihr Schreib-, Schlaf- und Ankleidezimmer war einigermaßen gemütlich. Hier verweilte sie am liebsten. Bisweilen wurde sie auch zur regierenden Königin gerufen und mußte ihr bei Tisch Gesellschaft leisten; der alte König war höchst selten an der Tafel seiner Frau. Diese Mahlzeiten waren durchaus nicht nach Luises Geschmack, denn die Königin liebte ihre Schwiegertochter anfangs wenig, und auch Luise hatte nicht viel für die Königin übrig. Später hat sich beider Verhältnis etwas freundlicher gestaltet, obwohl Luise stets die Sonntage und Donnerstage fürchtete, an denen die Königin in Monbijou Cour hielt. Bei derartigen Gelegenheiten mußte Luise sich immer Zwang antun. Es war zum Sterben steif und langweilig, weil die Königin auf die strengste Etikette hielt und sehr altmodisch war. Zum Glück wohnte Friederike mit dem Prinzen Louis ganz in der Nähe, im »Kleinen Palais«. »Bald waren wir drüben bei ihnen, oder sie bei uns, aber immer war man beisammen«, schreibt die alte Voß in ihr Tagebuch. Sie besuchten auch zusammen Theater und Oper, Konzerte und Bälle, Abendunterhaltungen bei den verschiedenen Gesandten und Ministern und in dem gastlichen Bellevue des Prinzen Louis Ferdinand. Beide Prinzessinnen tanzten sich manche Nacht fast zu Tode.
Aber der Einfluß der jungen Schwester, die viel oberflächlicher war als Luise und mit ihren sechzehn Jahren vielleicht auch des Ernstes und der Überlegung entbehrte, war nicht immer von Vorteil für die Kronprinzessin. Infolge ihrer inneren Einsamkeit war Luise, obwohl sie von allen bewundert und verwöhnt wurde, den geringsten Liebenswürdigkeiten und Schmeicheleien zugänglich und für die kleinste Aufmerksamkeit, die man ihrer Person entgegenbrachte, dankbar. So kam es wohl, daß sie sich im Frühjahr 1794, mehr, als es sich nach den damaligen Begriffen für eine Neuvermählte schickte und es der strengen Hofetikette entsprach, dem schönen Prinzen Louis Ferdinand anschloß, dem jungen Helden, von dem die ganze Welt begeistert war, der sich aber auch eines sehr galanten Rufes erfreute. Bereits im Lager vor Mainz, 1793, hatten sie und ihre Schwester ihn gesehen, und Louis Ferdinand, ein großer Frauenverehrer, war schon damals von der Lieblichkeit der beiden jungen Mädchen entzückt gewesen. Friederike entgingen seine heißen Blicke nicht. Sie schrieb zu jener Zeit an ihre Schwester Therese von Thurn und Taxis: »Der Prinz Louis Ferdinand betrachtet uns beide mit seinen durchdringenden Blicken; er ist sehr liebenswürdig.«
Er war nicht nur sehr liebenswürdig, sondern auch einer der schönsten und gefährlichsten Männer seiner Zeit. Die Frauen rissen sich um ihn. Überall hatte er Liebschaften. Zur Hochzeit der Kronprinzessin war er nicht eingetroffen, obwohl man auch ihn erwartet hatte, weil er, wie seine Schwester erzählt, »nur ungern das Heer und die Vicomtesse von Contade« verließ, mit der ihn sehr enge Bande verknüpften. Aber gerade zum Geburtstag der Kronprinzessin, am 10. März 1794, traf er am Hofe ein. »Er war noch größer und schöner geworden.« Mit den nach neuester Mode ungepuderten Haaren, die ihm in weichen Wellen in die Stirn fielen, in seinem außerordentlich eleganten Reiseanzug sah er so eigenartig aus, daß seine Schwester ihn kaum erkannte. Aber nicht nur sie sah die Schönheit und erlag dem außerordentlichen Zauber, den der Prinz um sich verbreitete. Luise mit ihrem für alles Schöne und Edle empfänglichen Herzen, mit ihrer rheinischen Natürlichkeit war sofort von seiner Persönlichkeit gefangen, um so mehr, da der Prinz sich sichtlich bemühte, Eindruck auf sie zu machen. Louis Ferdinand war feurig und leidenschaftlich, ein Charmeur, ein Frauenverführer. Er hatte viele Frauen gekannt, und keine hatte ihm widerstehen können. Außer seiner männlichen Schönheit war es sein genialer, hinreißender Charakter, der ihm alle Frauenherzen im Sturme eroberte. Der Prinz merkte gleich, daß die junge, reizende Kronprinzessin nicht ganz am richtigen Platze am der Seite jenes steifen, ungelenken Mannes war, der kaum die bezaubernde Schönheit und Lieblichkeit seiner Gattin zu bemerken schien oder zu schüchtern und ungeschickt war, um ihr alles zu sagen, was er empfand.
In seiner feurigen, aber zügellosen Art versuchte der Prinz sofort Vorteil daraus zu ziehen und der seiner Meinung nach wenig glücklichen jungen Frau den Hof zu machen. Luise nahm die leidenschaftliche Huldigung, die etwas ganz Neues für sie war, wohl zögernd, aber doch nicht ungern entgegen, zumal Friederike sie im gewissen Sinne dazu aufmunterte. Die junge Kronprinzessin sah wohl anfangs nur Freundschaft darin. Aber sie achtete weder der Etikette noch der öffentlichen Meinung. Sie fuhr aus, wann es ihr einfiel, ohne Hofmeisterin, nur mit Friederike, nahm Einladungen an, ohne ihren Mann oder die Gräfin Voß um Rat zu fragen, und lud ebenso unbefangen Personen ein, die am Hofe nicht gern gesehen waren. Sie tanzte die Nächte hindurch, ohne auf ihre Gesundheit und die Ermahnungen des Kronprinzen zu achten. Sie schonte sich in keiner Weise. Dabei war sie körperlich nicht widerstandsfähig. Sie neigte leicht zu Erkältungen. Halsentzündungen waren nichts Seltenes bei ihr. Nach durchtanzten Nächten war sie matt und erschöpft. Oft hatte sie Fieber. Dann lag sie bis Mittag im Bett. Aber alle Ermahnungen fruchteten nichts. Ihre Jugendlust mußte sich austoben.
Nicht nur in den Hofkreisen erregte sie dadurch Anstoß, sondern auch die Berliner Bevölkerung fing an, mit der von ihr anfangs vergötterten Kronprinzessin unzufrieden zu sein, besonders, als sich das Gerücht verbreitete, sie schenke dem leichtlebigen Prinzen Louis Ferdinand ein Ohr. Der Prinz kam oft schon morgens zu ihr, um, wie er sagte, mit ihr irgendein Detail wegen eines stattfindenden Festes oder wegen eines Maskenkostüms zu besprechen. Kurz, es entwickelte sich zwischen beiden ein sehr freundschaftlicher Verkehr, der besonders von Luise ganz rein empfunden wurde. Anders stand es mit den Gefühlen des leicht entflammenden jungen Mannes. Seiner Freundschaft lagen durchaus andere Absichten zugrunde, und da er schließlich seine Annäherungsversuche nicht von Erfolg gekrönt sah, versuchte er, Friederike zu gewinnen, damit sie als Fürsprecherin bei ihrer Schwester eintrete. Aber Friederike selbst erlag einige Monate später seinem unwiderstehlichen Zauber.
Vielleicht wäre auch Luise erlegen, hätte sie nicht in ihrer alten Hofmeisterin eine so gute Beraterin und wahre Freundin gehabt. Dem Scharfblick der Voß und ihrer Erfahrung an einem Hofe, an dem es an galanten Abenteuern nicht gemangelt hatte, waren die Absichten des Prinzen Louis Ferdinand natürlich nicht entgangen, noch aber besaß sie nicht das ganze Vertrauen ihrer jungen Herrin. Die Voß meint: »Der Unterschied der Jahre war zu groß zwischen ihr und mir, auch hatte sie etwas Verschlossenes in ihrem Charakter, und ich muß sagen, zum Glück und mit Recht eine große Zurückhaltung, die sie abhielt, sich gegen Personen, die sie nicht näher kannte, auszusprechen.« Hätte Luise damals die Großmutter in der Nähe gehabt, sie würde ihr alles gesagt haben und sich vor den Gefahren der Großstadt in ihre schützenden Arme geflüchtet haben. Schreiben mochte sie ihr vielleicht darüber nicht, weil sie fürchtet, brieflich auch von ihr mißverstanden zu werden. Aber den Bruder Georg, der selbst jung und empfänglich war, ließ sie doch in einem Brief vom April 1794 manches durchblicken: »Ach, einige Worte nur haben so viel Trost für mich«, schrieb sie. »Ich brauche ihn mannigmal ... Berlin ist viel größer als Darmstadt, es sind auch vielmehr Leute allerhand Arten darin – das werde ich gewahr – ... Das Gute wird nicht immer erkannt, glaube mir, ich spreche aus Erfahrung; deshalb muß man aber nicht ablassen, gut zu sein. Dies ist und bleibt mein Grundsatz.« Ehe sie zu dieser Einsicht gekommen war, hatte es jedoch manches Opfer gekostet. Es hatte Tränen, viele Tränen in der jungen Ehe gegeben. Luise hatte nicht einsehen wollen, daß ihre Jugendlust, ihr Frohsinn Einschränkungen erfahren sollten und sie am Berliner Hof nicht mehr so ungebunden leben konnte wie als kleine mecklenburgisch« Prinzessin in Darmstadt. »Alle Welt ist mit ihr unzufrieden«, schrieb die alte Voß. Sogar der König, der Luise sonst zärtlich liebte, war böse auf sie und ließ ihr durch Fräulein von Viereck sagen, sie möge sich ändern. Dem Kronprinzen riet er, seiner Frau zu zeigen, daß »wir hier gewohnt find, uns bei unseren Frauen Gehorsam zu verschaffen«.
So starke Mittel waren indes bei Luise nicht nötig. Sie kam selbst bald zur Einsicht, daß ihr Mann ihr bester Freund war, und Frau von Voß wies sie ebenfalls darauf hin, daß »niemand ihr volles Vertrauen besitzen, niemand ihr Ratgeber sein dürfe als ihr Gemahl«. Denn er liebte sie aufrichtig. Das fühlte Luise. Anstatt ebenfalls, wie die andern, der jungen, unerfahrenen Frau die Fehler, die sie begangen hatte, vorzuwerfen, verteidigte er sie sowohl gegen den König als auch gegen die Königin. Er war ihr in dieser Zeit des Schwankens ein wirklicher Freund, und Luise erkannte seinen Wert. Der Rausch, in den sie vielleicht für einen Augenblick die Huldigung Louis Ferdinands versetzt hatte, verflog, zumal sie bald merkte, daß er ihrer Schwester ebenso feurig den Hof machte und schließlich von dieser erhört wurde.
Luise billigte den Leichtsinn ihrer »Englischen Friederike« nicht, aber sie bringt ihr immer die gleiche Liebe entgegen. Mit feinem weiblichen Empfinden verstand sie wohl besser als die andere, wie schwer es war, einem Mann zu widerstehen, der so viele bestechende Eigenschaften besaß wie Louis Ferdinand. Immer hielt sie treu zu dieser Schwester, deren Verhältnis mit dem Prinzen in den Hofkreisen das größte Mißfallen erregte, obwohl man wußte, wie wenig Zuneigung sie bei ihrem Mann gefunden hatte. Es war auch dem Prinzen Louis von Preußen gleichgültig, ob seine Frau andern Männern ihre Liebe schenkte oder nicht.
Jedenfalls wurde der Idylle Luises und Louis Ferdinands schon dadurch ein Ende gemacht, daß das kronprinzliche Paar am 1. April 1794 für einige Zeit nach Potsdam übersiedelte. »Das störende Element« dieser jungen Ehe war somit aus dem Wege geräumt, und triumphierend berichtet die alte Voß: »Dem Kronprinzen allem gebührt das Verdienst, sie (Luise) in dem Augenblick der Gefahr, wo fremde Einflüsse sich zwischen ihn und sie einzudrängen drohten, durch seine Treue, seine Wahrhaftigkeit und seine Festigkeit vor denselben bewahrt zu haben.« Vielleicht hatte er den Prinzen Louis Ferdinand auch als »fatalen Menschen« bezeichnet, wie es seine Gewohnheit war, wenn er jemand nicht leiden mochte, besonders Großtuer und »Herren mit breitspurigem Wesen«. Er war dann meist sehr kurz zu ihnen und ließ seine Abneigung deutlich merken.
Überhaupt liebte er wenig Menschen um sich, und der ganze Hoftrubel war ihm schon als jungem Mann zuwider. Aber leider konnte er sich nicht lange des ruhigen Lebens in Potsdam erfreuen, nachdem sie sich, wenn man so sagen will, »gefunden hatten«. Denn erst jetzt schienen sich beide richtig zu verstehen. Seinem Adjutanten und Freund, dem Major Schack, schrieb Friedrich Wilhelm in jenen Tagen voller Zufriedenheit: »Wir leben hier sehr ruhig und für mein Teil sehr angenehm, Berlin regrettiere ich gar nicht und habe mir hier noch nie so gefallen. Alles lebt in Einigkeit, da sich keine fremde Hand ins Spiel mischt, und wir benutzen täglich recht fleißig die schöne Gegend, die so manche anmutige Gegenstände darbietet ... Gott gebe, daß bei unserer Rückkehr nach Berlin nicht neue Mißhelligkeiten und Klatschereien den häuslichen Frieden stören mögen.« Luise aber nennt diese sechs Wochen, die sie in Potsdam verbrachten, die schönsten und glücklichsten ihres Lebens«. Sie gingen rasch dahin. Der Kronprinz mußte im Mai wieder ins Feld. Nach der zweiten Teilung Polens war es im März 1794 unter Kosziusko zu einem Aufstand gekommen. Ihn zu unterdrücken, zogen Russen, Österreicher und Preußen gegen den polnischen Aufrührer. Die völlige Bekämpfung des Aufstandes gelang aber erst im Oktober 1794 durch die Einnahme von Warschau unter Suwarow.
Diese erste Trennung war für Luise und Friedrich Wilhelm ein harter Schlag. Der Kronprinz war so unglücklich darüber, daß er es kaum zu überstehen meinte. Auch diesmal zog er ungern ins Feld. Er sagte zu Schack, es schiene ganz, als wolle dies »der zweite Teil der französischen Revolution werden«. Aber es half nichts. Der König hatte befohlen, und am 15. Mai rückten beide Brüder, der Kronprinz und Prinz Louis, zur Armee ab. Luise, die mit Friederike inzwischen nach Sanssouci übersiedelte, hatte nur Tränen. Der erste Brief, den sie ihrem Mann ins Feld schrieb, ist das beste Zeugnis ihres Seelenzustandes in jener Zeit und zugleich ein Brief so voller Liebe und Leidenschaft, wie man selten Briefe fürstlicher Damen an ihre Gatten findet, höchstens an ihre Geliebten. Den angetrauten Männern stand man in diesen Kreisen meist kühler gegenüber.
»Mein teurer und geliebter Freund,« schreibt sie am 15. Mai 1794, »eine Feder soll Dir nun sagen, was mein Mund Dir schon eine Millionmal gesagt hat: daß ich Dich unsagbar liebe. Wie hart ist es für mich, Dich nicht mehr bei mir zu haben. Einsam und allein überlasse ich mich meinem Schmerz«. Mein einziger Trost ist, auf demselben Sofaplatz zu sitzen, wo Du immer saßest. O Gott, könntest Du mich sehen, könntest Du Deine unglückliche Frau sehen, wie sie über Deine Abreise seufzt, wie unglücklich und verlassen sie ist. Tränen find mein einziger Trost, aber wie bitter ist er ... Vergiß mich nicht, mein teurer Freund. Erinnere Dich Deiner Luise, die nur für Dich lebt, und die ohne Dich unglücklich ist ... Bei Gott, ich schwöre Dir, daß keine Liebe der gleich kommt, die ich für Dich fühle; nicht die Liebe für Vater und Mutter, nicht zu Schwester und Bruder.« Und deutsch fügt sie hinzu: »Du bist mein Alles, Engel meines Herzens. In Dir finde ich all mein Glück. Ohne Dich ist mir alles nichts, und ich bin unglücklich. Ich bitte Dich, um Gottes willen, antworte mir recht aufrichtig, ob Du auch recht innig und wahrhaftig von meiner wahren, reinen Liebe zu Dir überzeugt bist.«
Wenige Prinzessinnen werden so leidenschaftlich und zugleich mit so warmem Gefühl an ihre Gatten geschrieben haben, zuviel alles mit einem gewissen Zeremoniell vorsichgehen mußte, unter dem sich Unaufrichtigkeit und Heuchelei verbarg. Im geheimen gab man sich dann um so zügelloser verbotenen Genüssen hin. Daß Luise sich immer von ihren Gefühlen leiten ließ und ohne Prüderie und ohne Scheu alles sagte, was sie in ihrem Herzen empfand, ohne davor zurückzuschrecken, daß sie vielleicht durch diese schlichte Offenheit in dem verlogenen Hofmilieu Anstoß erregen könnte, gereicht ihr zur Ehre. Für sie gab es nur einen Weg, glücklich zu sein, nämlich »der Stimme ihres Gefühls, ihres Herzens zu folgen«. Außerdem war sie die Gebende, nicht die Nehmende. Es machte sie tausendmal glücklicher, einen Menschen etwas Liebes zu tun, als selbst zu empfangen, obwohl sie auch dafür nicht unempfänglich und für jedes liebe Wort und die geringste Aufmerksamkeit dankbar war. Sie könnte vor Freude außer sich geraten, wenn der sonst schweigsame, ja wortkarge Kronprinz ihr sagte, wie sehr er an ihr hing und wie sehr er ihrer Gesellschaft bedürfe. »So eine Zusicherung,« schrieb sie einmal an ihren Bruder, »macht einen doch wahrhaft glücklich, besonders, wenn man nur den einen Wunsch hat, seinen Mann recht glücklich zu machen.«
Im September, noch vor Beendigung des Krieges, kehrte der Kronprinz wieder zurück. Er war nicht zufrieden, weder mit seiner Verwendung in diesem Feldzug, noch mit diesem überhaupt. Der König hatte ihn fast immer beiseite geschoben, wie er behauptet, um die Thronfolge nicht zu gefährden. Vielleicht sah aber auch Friedrich Wilhelm II. ein, daß sein Sohn kein militärisches Genie war und besser nicht an führender Stelle stand. Als dann die Belagerung von Warschau jählings abgebrochen wurde, billigte der Kronprinz zwar diese Maßnahme, aber er meinte »vor Scham über diesen schmählichen Rückzug sterben zu müssen«.
Die Nachricht von seiner unverhofften Rückkehr versetzte Luise in eine beinahe wahnsinnige Freude. »Ich weiß nicht, wo mir der Kopf steht und was ich tue«, antwortete sie ihm. »Ein freudiges Zittern ergriff mich bei der Lektüre Deines Briefes, mein Atem wurde ganz kurz, ganz kurz ... Ach Gott, was ein Glück, welche Freude erwartet mein, ich zittre an Arm und Bein, wenn ich daran denke! ... Tausendmal habe ich die Stelle vom 7. durchgelesen. Was auch nur der Gedanke quälet, wann ist der Tag, wo er kommen wird ... Ich bitte Dich aber auch recht inständig, mir den Tag Deiner Ankunft zu schreiben, denn ich muß es wahrhaftig wissen, sonst sterbe ich oder erschrecke wenigstens zum Tode, kömmst Du so und machst eine Surprise ...« Und dann war er endlich wieder da, am 21. September! Luise sah im nächsten Monat ihrer ersten Niederkunft entgegen und war glücklich, ihren Mann in dieser Stunde in ihrer Nähe zu wissen. Sie freute sich so auf das Kind, aber es kam ihr so seltsam, so komisch vor, daß sie schon Mutter werden sollte, daß sie an Georg schrieb: »Und Du, Bruder Georg ... wirst Dich freuen und über den Gedanken lachen, daß Luise ein Kind hat.«




