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Die Freude wurde indes zur Trauer. Durch einen Unfall brachte die Kronprinzessin am 7. Oktober ein kleines totes Mädchen zur Welt. In der Meinung, die Kronprinzessin sei ausgefahren, hatte man das Kronprinzenpalais einem Fremden gezeigt. Als Luise dem fremden Mann auf der Treppe begegnete, erschrak sie dermaßen, daß sie die Treppe hinunterfiel. Eine Fehlgeburt war die Folge. Erst im nächsten Jahr ging ihr Wunsch in Erfüllung. Am 15. Oktober 1795 gebar sie ihren ersten Sohn, den Prinzen Friedrich Wilhelm, den nachherigen Friedrich Wilhelm IV. Ihr Glück war unbeschreiblich.
Nun folgte fast ein ganzes Jahr stillen Familienlebens. Abgesehen von den üblichen Zerstreuungen und offiziellen Festen, die ein Hof mit sich bringt, lebten sie sehr zurückgezogen meist in Potsdam oder in dem bald darauf erworbenen Paretz.
Luise hatte sich jetzt völlig in ihre Ehe eingefühlt und suchte den Kronprinzen immer besser zu verstehen. Sie sah auch inzwischen einige ihrer Verwandten wieder, besuchte einmal ihren Vater und schien mit ihrem Los zufrieden. Ihre Sorge galt jetzt ihrem Kind. Auch dabei verhielt sie sich wie eine Mutter der Bürgerkreise. Sie kümmerte sich selbst um sein Wohl und Wehe. Und das tat sie nicht nur bei diesem Erstgeborenen, sondern auch später bei allen ihren Kindern. Sie wollte sie, wie sie sich einmal zu Professor Heidenreich in Leipzig äußerte, vor allem zu »wohlwollenden Menschenfreunden« heranbilden. »Meine Sorgfalt ist meinen Kindern gewidmet ... Erhält Gott sie uns, so erhält er meine besten Schätze, die niemand mir entreißen kann.« Wenn sie auf Reisen war, schrieb sie den Kinderfrauen und Erzieherinnen, wie sie die Kleinen pflegen und daß sie sie ja nicht verwöhnen und verziehen sollten. Den Kindern selbst sandte sie lange, ausführliche Briefe und nahm an ihren kleinen Freuden und Leiden teil. Dafür hingen sie alle mit schwärmerischer Liebe an dieser Mutter, die ihnen so viel zu geben hatte.
Der Kronprinz lebte mit Luise wie ein glücklicher Privatmann. Er fühlte sich am wohlsten zu Hause im Familienkreise, denn er haßte das leere, hohle Geschwätz der Hofleute und alles steife Zeremoniell. Da er sehr pedantisch war, führte er ein äußerst gleichförmiges Leben, in dem jede Stunde ihre Bestimmung hatte. Darüber spottete sogar Luise bisweilen ein wenig, wenn sie ihrem Bruder Georg schrieb, daß sie mit »den Hühnern und Kickerikis« zu Bett ginge und mit »Höchstdenselben« wieder aufstünde. Denn der Kronprinz stand jeden Tag früh um sechs Uhr auf, und Luise hielt es in der ersten Zeit ihrer Ehe, wenigstens, wenn sie auf dem Lande waren, ebenso. Zwar kam sie durch diese einfache, aller Etikette entbehrende Lebensweise oft in Widerstreit mit ihrer Oberhofmeisterin, denn Frau von Voß bemühte sich, das steife Hofzeremoniell aufrechtzuerhalten. Sie hatte damit weder bei Luise und noch viel weniger bei Friedrich Wilhelm Glück. Er nannte die alte Voß nur noch »Dame Etiquette«. Besonders empört war Frau von Voß, wenn er unangemeldet bei der Kronprinzessin eintrat. Als sie ihn eines Tages wieder darauf aufmerksam gemacht hatte, daß das nicht üblich sei, erwiderte er: »Nun gut, will mich fügen. Melden Sie mich meiner Gemahlin und fragen Sie, ob ich die Ehre haben kann, Ihre Königliche Hoheit die Kronprinzessin zu sprechen, möchte ihr gern mein Kompliment machen und hoffe, sie wird es gnädigst gestatten.«
Die Voß war selig über diesen Erfolg ihrer Erziehung. Feierlich begibt sie sich zur Kronprinzessin, um ihr in aller Form den Besuch Seiner Königlichen Hoheit zu melden. Wie aber erschrak sie, als sie zu Luise kam und bereits den Kronprinzen bei ihr sitzen sah. Er war durch eine andere Tür eingetreten und rief der bestürzten Oberhofmeisterin lachend entgegen: »Sehen Sie, liebe Voß, meine Frau und ich, wir sehen und sprechen uns unangemeldet, so oft wir wollen und wünschen.«
Friedrich Wilhelm war sparsam und einfach und mied für sich und die Seinen allen Glanz. Im Gegensatz zu seinem Vater, der in seiner Kleidung äußerst elegant war und mit seinen Mätressen, meist untergeordneten Charakteren, sein Geld verschwendete, lebte der Kronprinz nur für seine Familie. Als er sechzehn Jahre alt war, prophezeite ihm Mirabeau eine große Zukunft, und gleichzeitig schilderte er ihn mit wenigen Worten ganz vortrefflich: »Er ist linkisch,« sagte er, »aber alles hat bei ihm ein bestimmtes Gepräge. Er ist unhöflich, aber er ist wahr ... Er ist hart und zäh bis zur Rauheit ... Vielleicht hat dieser junge Mann eine große Zukunft.« Friedrich Wilhelm in seiner Schlichtheit konnte natürlich nicht viel Achtung vor seinem Vater haben. Ja, er haßte und verachtete ihn geradezu und machte auch gar kein Hehl aus seiner Abneigung. Friedrich den Großen hingegen verehrte er über alles. Hatte doch sein großer Oheim einst von ihm gesagt: »Er wird so sein wie ich.« Aber weder Mirabeau noch Friedrich der Große behielten recht. Friedrich Wilhelm hatte weder eine große Zukunft, noch besaß er auch nur annähernd den Verstand und das Genie Friedrichs. Wenigstens aber war er selbst so einsichtsvoll und gab zu, daß er Friedrich nicht gleichkommen könne. Denn, als man ihn bei seiner Thronbesteigung fragte, wie er sich nennen wolle, Friedrich oder Friedrich Wilhelm, soll er gesagt haben: »Friedrich Wilhelm. Friedrich ist mir unerreichbar.«
Der Alte stand ihm noch lebhaft in Erinnerung. Im Park von Sanssouci hatte er oft mit ihm gesprochen. Friedrich Wilhelm war damals noch ein Kind. Einmal begegnete er Friedrich dem Großen ganz unvermutet. Sofort fragte ihn der König über Geschichte und Mathematik aus. »Ich mußte in französischer Sprache mit ihm reden«, erzählte Friedrich Wilhelm III. später seinem Biographen Eylert. »Dann zog er aus der Tasche La Fontaines Fabeln, von denen ich eine übersetzte. Zufällig war es gerade eine, die ich beim Informator eingeübt hatte und die mir sehr geläufig war. Das sagte ich dem König, als er meine Fertigkeit lobte. Darauf erheiterte sich sein ernstes Gesicht. Er streichelte mir sanft die Wangen und setzt« hinzu: »So ist's recht, lieber Fritz; nur immer ehrlich und aufrichtig! Wolle nie scheinen, was Du nicht bist; sei stets mehr, als Du scheinst.« Diese Ermahnung machte auf den jungen Prinzen einen unauslöschlichen Eindruck. Verstellung und Lüge waren ihm stets zuwider, auch in späteren Jahren.
Einfach und gerecht war er in allem, aber auch unfähig zu dem Posten, der ihm bevorstand, besonders in einer Zeit, da es nicht nur überall zu gären begann, sondern auch gegen Preußen sich ein Gegner erhob, dem nur ein ebenso genialer Partner die Wage hätte halten können. Darüber waren sich alle Staatsmänner einig. Der österreichische Gesandte Fürst Reuß sprach sich in einem Briefe an den Baron Thugut vom 8. November 1797 über die Persönlichkeit des Kronprinzen in folgenden Worten aus: »Seine Haltung ist immer etwas verlegen; er ist stets sehr zurückhaltend und keine ausgesprochene Persönlichkeit. Die ihn näher kennen, behaupten, er sei unentschlossen. Und diese Behauptung scheint begründet zu sein. Unter den verschiedenen Ursachen, denen man diese Unentschlossenheit zuschreiben kann, scheint mir besonders die am wahrscheinlichsten, daß der Prinz, der sonst einen gesunden Menschenverstand besitzt, jeden Tag mehr den Mangel an Erziehung fühlt und immer fühlen wird ... Als man diese Erziehung nahezu für beendet hielt, ließ man ihn an den Sitzungen der verschiedenen Ministerien teilnehmen. Er langweilte sich aufs schönste und hinterließ nirgends auch nur eine Spur seines Interesses an den Geschäften, die sich dort abwickelten ... Als er den König ins Feld begleitete, war er nur ganz äußerlich dabei und zeigte keinerlei Lust, sich auszuzeichnen ... Seine größte Sorgfalt beschränkt sich seitdem darauf, daß er sein Regiment gut einexerziert. Und das gelingt ihm ... Er hält auf eiserne Disziplin und liebt die Armee, die er noch vergrößern möchte ...« Und aus Prag schrieb der verbannte Freiherr vom Stein viele Jahre später an die Prinzessin Wilhelm: »Ich verehre den König wegen seiner religiösen Schlichtheit, seiner reinen Liebe zum Guten, ich liebe ihn wegen seines wohlwollenden Charakters und beklage ihn, da er in einem eisernen Zeitalter lebt, wo diese Milde, diese Rechtschaffenheit nur seinen Fall beförderten und in welchem nur eins not tut, um sich zu erhalten: ein überwiegendes Feldherrntalent, verbunden mit rücksichtslosem Egoismus, der alles beugt und niedertritt, um auf Leichen zu thronen.«
Und gerade diese Eigenschaften besaß Friedrich Wilhelm nicht. Als Kronprinz brauchte er sich zu seinem Glück – abgesehen von den verschiedenen Feldzügen, an denen er teilnahm – nicht um die Politik und die Staatsgeschäfte zu kümmern. Sein Leben mit Luise floß sehr ruhig und gleichmäßig dahin. Wenn sie sich in Potsdam aufhielten, war es noch einförmiger, besonders wenn keine Veranlassung zu irgendwelchen Gesellschaften und Festen war. Seine Pferde, sein Regiment und eine Partie Kegel waren ihm, besonders als jungem Mann, die liebste Zerstreuung. Die Jagd liebte er gar nicht. Er fand sie ebenso roh und grausam wie den Krieg. Hingegen konnte er stundenlang mit der Kronprinzessin in der Umgegend von Paretz ober Potsdam reiten. Auch Luise hatte die größte Freude an diesen Spazierritten, denn sie war eine ausgezeichnete Reiterin. Besonders liebte sie diese Ausflüge zu Pferd, weil dann der Kronprinz an ihrer Seite etwas gesprächiger wurde als gewöhnlich zu Hause. In solchen Augenblicken des Alleinseins war es wohl auch, daß er zu ihr sagte: »Gott sei Dank, daß Du wieder meine Frau bist.« – Und wenn dann Luise fragte: »Bin ich denn das nicht immer?« so antwortete er mit sichtlichem Bedauern: »Leider nein; Du mußt nur zu oft Kronprinzessin sein.«
Im Grunde war er ein verschlossener, menschenscheuer Charakter, den alles Öffentliche in eine gewisse Verlegenheit versetzte. Und daran waren wohl seine Kinderjahre, seine ganze Erziehung schuld, denn er besaß keine schlechten Anlagen. Er sprach vorzüglich Französisch und konnte, wenn er diese Sprache anwandte, auch viel beredter sein. Deshalb war es auch Luise am liebsten, wenn er sich mit ihr französisch unterhielt und seine Briefe französisch schrieb. Im Deutschen sprach er kurz und abgehackt, im Französischen fließend und leicht.
Im großen und ganzen war seine Erziehung ziemlich vernachlässigt worden. Sein Vater hatte sich nicht viel um ihn gekümmert. Friedrich Wilhelm II. lagen seine unehelichen Kinder weit mehr am Herzen als seine ehelichen. Um dieselbe Zeit, als der Kronprinz geboren wurde, schenkte auch Madame Ritz einem Sohne vom König das Leben, dem Grafen Alexander von der Mark, und der Vater dieser beiden Kinder war ausschließlich mit dem Bastard beschäftigt, der bereits in seinem neunten Lebensjahr starb und von ihm aufs schmerzlichste betrauert wurde. So sehr trauerte der König um diesen Lieblingssohn, daß er sich den Geist des kleinen Verstorbenen in einer der spiritistischen Sitzungen, welche die Ritz und Bischoffwerder mit Vorliebe für den König veranstalteten, zitieren ließ. Der kleine Geist erschien auch prompt, aber nur, um den König daran zu erinnern, daß dieser Madame Ritz niemals verlassen solle. Und Friedrich Wilhelm II. hat das Versprechen treu gehalten.
Unter solchen Verhältnissen wuchs der Kronprinz Friedrich Wilhelm auf, an der Seite einer oberflächlichen Mutter, die mit ihren eigenen Angelegenheiten beschäftigt war. Die Kinder waren meist der Dienerschaft und nicht immer tüchtigen und geschickten Erziehern überlassen. Sie wuchsen auf ohne Liebe und ohne Herzlichkeit. Als der sechzehnjährige Kronprinz in die Hände des klugen Grafen Karl Brühl, des zweiten Sohnes jenes berüchtigten Ministers Augusts des Starken, kam, war es bereits zu spät. Brühl schien in dieser Beziehung keinen Einfluß auf ihn zu haben. Der gutmütige Köckritz, der ihm nach dem Tode Schacks als Adjutant beigegeben wurde und immer sein Freund blieb, war wohl ein äußerst menschlicher Charakter, aber durchaus nicht geeignet, einem so schwachen Menschen, wie Friedrich Wilhelm III., Selbstvertrauen beizubringen, denn Köckritz besaß zu sich selbst auch keins. Noch unbedeutender war der zweite Adjutant von Jagow.
An der Seite dieses verschlossenen, eigenartigen Gatten baute Luise sich ihr Glück selbst auf, ohne jedoch zu versuchen, seinen Charakter wesentlich zu ändern. Sie war eine mehr passive, weiche Natur, die sich unbedingt dem Manne unterordnete, der ihr vom Gesetz zum Gatten gegeben wurde. Vielleicht wäre eine andere Frau, die weniger auf seine Eigenarten einzugehen verstand, mit Friedrich Wilhelm unglücklich geworden. Luise aber überbrückte alle diese Unebenheiten in ihrer Ehe mit ihrem heiteren Sinn und ihrem großen Feingefühl für alle menschlichen Schwächen. Kleine Rauheiten und Eigenarten ihres Mannes nahm sie mit ihrem biegsamen Wesen immer so auf, daß nie eine Reibung entstehen konnte. Und doch war er nicht immer leicht zu behandeln. Das vertrauliche »Du«, das sie in ihrem Privatleben eingeführt hatten, glättete ebenfalls manche Ungleichheiten. Es war übrigens eine ganz neue Mode, die der preußisch« Hof noch kaum erlebt hatte. Der alte König war aufs höchste darüber erstaunt, als er es hörte. Eines Tages sagte er zu seinem Sohn: »Wie ich höre, nennst du ja die Kronprinzessin du.« – »Geschieht aus guten Gründen«, war die kurze Antwort! Und als der König weiter fragte, sagte der Kronprinz heiter: »Mit dem ›Du‹ weiß man doch immer, woran man ist; dagegen bei dem ›Sie‹ ist immer das Bedenken, ob es mit einem großen S gesprochen wird oder mit einem kleinen!«
Näher noch als alles andere brachten sie die gemeinsamen Familiensorgen, die Krankheiten der Kinder, des Kronprinzen und der Verwandten. Das Ende des Jahres 1796 und der Anfang des folgenden bedeuteten für Luise und ihren Gatten schwere, sorgenvolle Zeiten. Im Dezember 1796 starb der Prinz Louis, der Mann der Schwester Friederike, im Alter von fünfundzwanzig Jahren an der Bräune. Der Tod des Bruders erschütterte den Kronprinzen dermaßen, daß er einige Tage selbst ganz krank war. Dazu gesellte sich ebenfalls eine Art Bräune, die ihn binnen kurzer Zeit nahe an den Rand des Grabes brachte. Luise verließ ihn nicht einen Augenblick. Mit größter Liebe und Sorgfalt pflegte sie den Kranken und saß Nächte hindurch an seinem Bett, um ihn durch ihre Gegenwart zu trösten. Endlich, am 3. Januar 1797, wendete sich die Krankheit zum Bessern. Wie froh war Luise, als die Krise überstanden war. An Georg schrieb sie damals: »Meinen Mann in Gefahr zu wissen, ihn leiden zu sehen, das ist furchtbar. Niemals werde ich diese Zeiten des Unglücks vergessen.«
Wenige Tage später, am 13. Januar 1797, starb die 82jährige Witwe Friedrichs des Großen, Elisabeth Christiane. Auch der König Friedrich Wilhelm II. fing in diesem Jahre an zu kränkeln. »Nun komm ich dran«, hatte er zu Bischoffwerder gesagt, als er die Nachricht vom Tod der Königin-Witwe erfuhr. Die Wassersucht machte sich bereits bemerkbar. Der große, starke Mann verfiel sichtlich und mußte die Bäder von Pyrmont aufsuchen. Er reiste ganz offiziell mit der Lichtenau in das damals elegante Modebad ab, während die Königin in dem kleinen bescheidenen Kurort Freienwalde sich aufhielt. Die verwitwete Prinzessin Louis befand sich ebenfalls in der Begleitung des Königs, und einige Wochen später mußte auch das kronprinzliche Paar auf königlichen Befehl nach Pyrmont folgen. Ihnen war inzwischen wieder ein Sohn geboren worden. Am 22. März 1797 hatte Luise dem Prinzen Wilhelm – sein eigentlicher Name war Friedrich Wilhelm Ludwig – das Leben gegeben. Es war der spätere Kaiser Wilhelm I.
In Pyrmont verlebten sie sehr qualvolle Tage. Aber sie hatten sich der Einladung des Königs doch nicht entziehen können. Die Lichtenau hielt dort förmlich Hof und wurde von den anwesenden Reichsfürsten – es waren mehr als zwanzig – mit allen Ehren ausgezeichnet. Auch der Kämmerer Ritz, des Königs Günstling und die niedrigste Kreatur in der Umgebung Friedrich Wilhelms II., wurde sehr ausgezeichnet und gefeiert. Luise sah das alles mit betrübtem Herzen, und doch vermochte weder sie noch ihr Mann etwas gegen des Königs Willen. Kurz vorher hatte man sie gezwungen, der Vorstellung der Mätresse bei Hofe beizuwohnen, worüber der Erzieher des Sohnes der Lichtenau, Dampmartin, berichtet: »Die Königin, der Kronprinz und seine Gemahlin, sowie die anderen königlichen Prinzen und Prinzessinnen bebten vor Ingrimm über den sie erniedrigenden Zwang, sich bei einer Frau als Gäste zu sehen, deren bloße Nähe sie schon aufs tiefste verletzte ... Der Kronprinz konnte seine heftige Gemütsbewegung nicht verbergen, er warf verstohlene Blicke bald der zärtlich geliebten Mutter, bald seiner angebeteten Gemahlin zu, als könne er nicht begreifen, wie es möglich sei, sich mit ihnen in den prächtigen Gemächern der Mätresse seines Vaters zu befinden. Nichts hätte mehr seine beiden vorherrschenden Charaktereigenschaften in Harnisch bringen können: Sparsamkeit und Anständigkeit. Jung, aufrichtig, dabei ein wenig ungesellig, war es ihm unmöglich, seinen Ärger zu verbergen. Die strahlend schöne Kronprinzessin schien zurückhaltend und durch die Aufregung ihres Gatten etwas geängstigt zu sein. Prinzessin Friederike, ihre Schwester, hatte zum erstenmal ihre Trauerkleider als junge Witwe abgelegt und glänzte durch Anmut ... Alle Prinzen und Prinzessinnen konnten ihren Ärger und ihre Verlegenheit nicht verbergen.« – Glücklicherweise gingen auch diese peinvollen Tage bald vorüber.
Kurz nach ihrer Rückkehr aus Pyrmont, wo der alte König eine gewisse Erleichterung seines Leidens gefunden hatte, bezogen Luise und Friedrich Wilhelm Paretz an der Havel, ein sehr einfaches, ganz nach ihrem Geschmack eingerichtetes Schloß, das ihnen der König geschenkt hatte. Von Prunk war darin nichts zu sehen: keine seidenen Möbel, keine kostbaren Teppiche und kein silbernes oder goldenes Tafelgerät. Alles war sehr ländlich und einfach. Äußerlich machte es eigentlich keinen schönen Eindruck, aber Luise fühlte sich hier von allen ihren Schlössern und Landsitzen am wohlsten, weil sie nach ihrem Sinn leben konnte. Hier ruhte sie sich aus, wenn sie in den Zeiten des Glücks allzu viele Gesellschaften in Berlin vertanzt hatte, oder später, wenn die Sorgen und das Unglück allzu stark auf sie einstürmten. Dann war ihr die Einsamkeit in Paretz Bedürfnis. »Ich muß«, sagte sie, »den Saiten meines Gemüts jeden Tag einige Stunden Ruhe gönnen, muß sie dadurch gleichsam von neuem aufziehen, damit sie den rechten Klang behalten. Am besten gelingt mir das in der Einsamkeit; aber nicht im Zimmer, sondern in dem stillen Schatten der schönen, freien Natur.« Leider konnte sie dieses Glück nicht lange genießen, denn es vergingen kaum zwei Wochen, und schon riefen die Ereignisse sie wieder nach Berlin.
Mit dem sorglosen Familien- und Landleben des Kronprinzenpaares war es zu Ende. Friedrich Wilhelm II. lag im Sterben. Seine Brustwassersucht verursachte ihm unsägliche Leiden, und man erwartete täglich die Katastrophe.
Auch in dieser Zeit mußte Luise viel Unschönes sehen und viel Schmerzliches erleben. Der alte König war in der letzten Zeit mit der Gräfin Lichtenau ins Marmorpalais in Potsdam übergesiedelt, während seine Gemahlin, die Königin, in Berlin wohnte. Die Gräfin Lichtenau und ihre Freunde hätten es gar zu gern gesehen, daß er die Krone niederlegte. Sie wollten dann mit ihm nach Italien übersiedeln, aber der Kronprinz sträubte sich energisch gegen die Abdankung seines Vaters. Der sterbende König befand sich ganz in den Händen seiner Freundin. In der letzten Zeit empfing er niemand als die intimen Freunde der Ritz und eine Unmenge französischer Emigranten, die sie ebenfalls bei ihm eingeführt hatte. Sogar seine Kinder, der Kronprinz und seine Gattin, mußten erst bei der Lichtenau oder bei dem Kammerdiener Ritz anfragen, ob sie den kranken König besuchen dürften. Nicht immer wurden sie vorgelassen. Er saß meist mit seinen von der Wassersucht geschwollenen Füßen in Decken und Kissen gehüllt, beim Scheine abgeblendeter Kerzen, die in Alabastervasen steckten, in seinem Zimmer. Die unsteten Augen des Todkranken irrten von einem Gegenstand zum andern und lagen tief in den Höhlen des bleichen, abgezehrten Gesichts. Er bekam keine Luft und konnte kaum mehr sprechen. An seiner Seite saßen die Gräfin Lichtenau und die junge Marquise von Nadaillac, die den König unterhalten mußte, während Madame Ritz ihn streichelte. Im Zimmer spielten und lärmten die beiden Kinder der Dönhoff, was einen Vorleser nicht abhielt, dem König ein Lustspiel von Molière vorzulesen, das ihn erheitern sollte.
Bezeichnend für die damalige Zeit ist, daß alle möglichen Scharlatane und Quacksalber an den Hof Friedrich Wilhelms II. gezogen wurden. Sie versuchten nicht nur ihre Wunderkuren an ihm, sondern führten auch alle möglichen Geisterbeschwörungen und chemische Experimente vor ihm aus. Die Rosenkreuzler bestärkten ihn in der Neigung zum Mystischen. Er hatte sich mit seiner ganzen Familie verfeindet, die er als Freigeister und Atheisten bezeichnete. Erst die Krankheit seiner Söhne hatte ihn wieder seinen Angehörigen etwas näher gebracht. Aber trotzdem war der Einfluß der Quacksalber noch sehr groß auf ihn, zumal die Gräfin Lichtenau und Bischoffwerder ihn darin bestärkten.
Einer von diesen Leuten, der Bergrat Clemens, riet dem kranken König, die Ausdünstung ungeborener Kälber einzuatmen. Die Ritz ließ sofort von den Gedärmen solcher Kälber Kissen machen, und darauf mußte der alte König sich legen. Magnetiseure, Scharlatane und Ärzte wechselten in der Behandlung des Kranken ab, und alle mußten sich an die allmächtige Freundin oder an den ebenso gewaltigen Ritz wenden, um bis zum König zu gelangen. Sein Zustand verschlimmerte sich bei derartigen Heilmethoden natürlich immer mehr. Er war schließlich so schwach und mit den Nerven herunter, daß ihn eines Tages der Knall eines Sektpfropfens dermaßen erschreckte, daß er ohnmächtig in sein Zimmer getragen werden mußte.
Es ging zu Ende mit ihm. Am 15. November 1797 nahm er Abschied von seiner Familie in Gegenwart der Lichtenau. Er konnte kaum sprechen und war dem Ersticken nahe. Die gutmütige Königin fiel der Mätresse ihres Mannes weinend um den Hals und dankte ihr für die aufopfernde Pflege während seiner Krankheit. Aber der Kronprinz stand finster dabei und sah die Lichtenau nur verächtlich an. Darüber wurde der Kranke so böse, daß er niemand mehr von seiner Familie sehen wollte, und so durfte auch die Kronprinzessin Luise nicht mehr zu ihm. Die Lichtenau und Ritz verweigerten allen den Eintritt.
Friedrich Wilhelm II. erlag erst nach langem, qualvollem Todeskampf seinen Leiden. Er starb allein, nur umgeben von bezahlten Dienern, genau wie achtzig Jahre früher der glänzende Ludwig XIV. Kein Verwandter, kein Freund, kein Geistlicher war bei ihm. Nur der Kammerdiener Ritz, die niedrigste Dienerseele, die es gab, und zwei seiner anderen Bedienten. Die Gräfin Lichtenau war in seiner Todesstunde nicht bei ihm. Sie war selbst erkrankt – man sagt, nach der Szene mit dem Kronprinzen – und erfuhr den Tod ihres Geliebten erst, als sie aus ihrem Fenster in den Garten bückte und die Garde langsamen Schritts nach dem Schlosse ziehen sah, wo sie die Totenwache halten sollte. Da wußte die Lichtenau, daß alles vorüber war. Aber auch für sie. Denn fast im selben Moment wurde sie verhaftet. Ihr bester Freund, der Minister Haugwitz, hatte ihre Verhaftung veranlaßt. Oberst von Zastrow und Major Kleist führten die Gefangene in ihre Wohnung ins Kavalierhaus, wo sie eingesperrt blieb, bis ihr Prozeß im Jahre 1793 begann.
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