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Wir spazieren ein wenig durch die Stadt, über den Fokin-Boulevard, den hier alle Arbat nennen. Eine entspannte Wochenendstimmung liegt in der Luft. Alle schlendern gemütlich in der Abendsonne.
Brockmann will zu einem Chinesen. Mir ist egal, wo wir hingehen. Das Essen schmeckt nicht wirklich chinesisch. Alles ist süß, das Fleisch klebt in einer schleimigen Soße, dabei hatte ich extra nichts Süß-Saures bestellt. Dazwischen gekochte Gurken. Reis gibt es nicht dazu. Den hätte man offenbar extra bestellen müssen. Ich schaue in die Karte und tatsächlich, Reis ist in der Rubrik »Salate« aufgelistet. Wir erzählen lange und Manfred Brockmann ist begeistert, dass er endlich mal eine Gesprächspartnerin vor sich hat, die ihn versteht, die auch so manche Probleme mit den Russen hat.

Bummeln in der Abendsonne auf dem Arbat, der direkt auf die Strandprommenade führt
Dann sagt er unvermittelt, dass er von vielem enttäuscht sei. Er war mit so großem Enthusiasmus hierhergekommen. Wenn er daran nur denkt, die Euphorie der Anfangszeit. Aber mit den Jahren … Auch die Russen sieht er, je länger er hier lebt, immer kritischer. Das Emotionale, das ihn früher so begeistert habe, stört ihn mehr und mehr. Aber auch generell zieht er eine ernüchternde Bilanz: Die Männer – immer nur Krieg und Weiber im Kopf und in der ewigen Pubertät stecken geblieben. Die Frauen – leider oft so herrschsüchtig. Alles wollen sie an sich reißen. Und dann verhätscheln sie auch noch ihre Söhne und machen damit alles noch schlimmer. Und die jungen Frauen erst … Würden sie so rumlaufen, wenn sie etwas im Kopf hätten? Brockmann schüttelt den Kopf. Wer habe ihn nicht alles enttäuscht … Geschichten könnte er erzählen … Zum Glück habe er immer auch umwerfende Mitmenschlichkeit erlebt. Szenen und Gesten, die in Deutschland undenkbar wären. Das gebe ihm immer wieder Hoffnung und die nötige Kraft. Vor allem, weil es die Menschen so verdammt schwer hier haben. Ja, dieses Nebeneinander ist wohl das Besondere hier …
Wir erzählen angeregt und verstehen uns auf Anhieb. Deshalb gehen wir nach dem Chinesen noch woanders hin, ans Meer. Es ist fast romantisch. Wir sitzen auf einer Terrasse eines Cafés an der Promenade vor der untergehenden Abendsonne, ich trinke Cappuccino und er raucht Zigarre und isst nebenher ein Eis.
Zwischendurch ruft Brockmann bei seiner Frau an. Ja, die Russen seien oft so schwermütig, da muss man zwischendurch mal aufheitern. Er erzählt vom Leben in der Stadt und seinen Touren aufs Land. Brockmann wandert gern. Erst gestern ist er von einer vorgelagerten Halbinsel vom Zelten zurückgekommen. Er erzählt mir, dass am Morgen eine Frau barfuß und um Hilfe schreiend auf ihn zugerannt kam und sich ängstlich an ihn klammerte. Sie war in der Nacht zuvor mit einer Yacht aufs Meer hinausgefahren, mit zwei Männern. Als sie bemerkte, was die beiden mit ihr vorhatten, sei sie über Bord gesprungen, an Land geschwommen und durch den Wald gerannt, die ganze Nacht, bis sie früh den Rauch seines Feuers entdeckt habe. Brockmann hat sie beruhigt und mitgenommen, zurück zur Fähre. Als sie wieder in der Zivilisation am Bootsanleger waren, schien die Barfüßige wie ausgewechselt. Da sie ohne Schuhe nicht schnell gehen konnte, hatten sie die Fähre verpasst. Aber was hat sie gemacht? Habe ihn stehen lassen und sich mit dem Taxi nach Hause fahren lassen – ein mehrstündiger Weg, einige Tausend Rubel. Er habe dann den ganzen Tag auf die Abendfähre gewartet. Brockmann schaut mich fragend an. »Wissen Sie, ich weiß hier nie, was ich glauben soll. Was ich nicht alles erlebt habe … «
9. September 2013
Heute nun beziehe ich meine Wohnung. Auf dem Weg dorthin komme ich an drei Gullys ohne Deckel vorbei. Die Gullys hier sind deutlich größer als bei uns und mitten auf dem Gehweg. In zwei Löchern steckt ein Ast als Warnung. Da hatte ich vorgestern Abend also Glück. Wladimir wartet mit einem Namensschild vor dem Lebensmittelgeschäft hinter dem Wohnblock. Wir hatten vorher gemailt und den Treffpunkt ausgemacht, weil ich kein Telefon habe. Er wirkte deshalb fast ein bisschen genervt. Die Wohnung habe ich übers Internet gebucht. Es gibt eine Plattform für ganz Russland, wo man Zimmer und Wohnungen für Kurzaufenthalte und sogar stundenweise anmieten kann: www.sutochno.ru. Es ist eine private Wohnungsbörse. Dennoch sind die Preise für das, was angeboten wird, relativ hoch. Russland ist eben kein Schnäppchenparadies, schon seit Jahren nicht mehr. Die Handvoll Anbieter mit halbwegs moderaten Preisen hatte ich alle angeschrieben. Aber entweder blieben die Antworten ganz aus oder waren mehr als knapp. Zwischendurch hatte ich sogar den Eindruck, dass es gar nicht darum ging, etwas zu vermieten. Einmal hatte ich den Hinweis entdeckt: »Wir stellen Mietquittungen aus, auch ohne Übernachtung. Preis: 10 Prozent der Miethöhe.«

Fehltritt mit Folgen: Im Dunkeln sollte man genau hinsehen, wo man hintritt
Wladimir wollte ich erst nicht anschreiben, obwohl mir die Wohnung direkt am Meer mit Abstand am besten gefiel. Ich wollte nichts mit ihm zu tun haben, weil mir sein Inserat missfiel. Ich fand seine Auflistung, welche Mieter er akzeptieren könne, höchst unsympathisch. Akzeptabel waren Nichtraucher und Menschen mit slawischem Äußeren. Dann waren verschiedene Wohnungsbelegungskombinationen aufgelistet. Erlaubt war:
» ein Mann,
» eine Frau,
» ein Pärchen,
» ein Pärchen mit Kind,
» zwei Frauen.
Zwei Männer galten offenbar als schwules Pärchen und waren deshalb inakzeptabel. Dann ein Hinweis, dass lautes Feiern untersagt sei. Solch schwulenfeindlichen und xenophoben Typen wollte ich nicht noch mit meinem Geld den Rücken stärken. Also schrieb ich wieder andere Anbieter an. Ich stellte sogar selbst ein Inserat ins Netz, aber nichts passierte. Irgendwann schrieb ich Wladimir doch an und er antwortete mehr als umständlich. Einen konkreten Preis wollte er nicht nennen, er müsse erst mehr über mich erfahren, um mir einen personenbezogenen Preisnachlass zu gewähren. Wie komisch war das denn? Ich fand das fast etwas unheimlich und fragte mich, warum er so genau über mich Bescheid wissen wolle. Dennoch antwortete ich und schrieb ihm über meine Pläne in Wladiwostok. Eine Antwort mit meiner persönlichen Preiskalkulation blieb aus. Im Buchungskalender sah ich, dass Wladimir eine seiner zwei Wohnungen unmittelbar nach meiner Antwort vermietet hatte. Ich war entnervt und buchte mich für die ersten zwei Nächte im Hostel ein. Vor Ort würde ich schon etwas finden.
Doch drei Tage vor meinem Abflug überkamen mich doch Zweifel, auch Brockmann hatte auf meine vielen Mails nicht reagiert. Also entschied ich, es noch einmal zu versuchen. Ich war sauer über diese Russen mit ihren unfreundlichen Antworten, die alle nur irgendwelche Neubaubuden loswerden wollten und dabei so taten, als ob sie Paläste an der Côte d’Azur vermieteten. Entsprechend unfreundlich fiel auch meine zweite Anfrage aus. Ich schrieb Wladimir, dass ich mich zum letzten Mal melden würde, dass ich nun klipp und klar wissen wolle, ob er mir die Wohnung vermieten könne und was er dafür haben wolle. Zwei Stunden später hatte ich eine genaue Preisauflistung und die Reservierung. Das also war es. Ich hätte von Anfang an schroffer sein sollen …

Mein Vermieter Wladimir quittiert alles ganz genau. Für zehn Nächte zahle ich 15 000 Rubel.
Nun stehe ich mit diesem Wladimir vor dem Lebensmittelgeschäft, an unserem Treffpunkt. Eigentlich sieht er ganz nett aus. Wir gehen zusammen in die Wohnung. Er macht tausend Fotos von meinem Ausweis und schreibt mir Ewigkeiten eine Quittung aus. Seine Frau Olga wundert sich, dass ich keinen Vatersnamen habe. Die Wohnung ist sehr einfach, aber die Aussicht ist toll. Der Zwanzigstöcker steht hundert Meter links von meinem Fenster. Glück gehabt. Der Tisch in der Kochecke ist an der Wand festgeschraubt, nichts soll hier verrückt werden. Zum Glück finde ich unter dem Tisch ein verstecktes Nachtschränkchen. Das wird mein Couchtisch, wenn Wladimir weg ist.
Das Internet funktioniert nicht wirklich. Wladimir fragt, ob mir der kleine Fernseher reicht? Ich antworte, dass der offenbar so klein ist, dass ich ihn nicht einmal sehe. Olga kringelt sich vor Lachen. Wladimir zeigt auf ein Navi-ähnliches Gerät über dem Wasserkocher. Der winzige Monitor ist auch festgeschraubt – direkt neben der Wohnungseingangstür. Ich stelle mir kurz den gemütlichen Fernsehabend zwischen Wohnungseingang, Klotür und Kühlschrank vor. Nein, da lasse ich Wladimir den Fernseher lieber holen, auch auf die Gefahr hin, dass es ihr eigener Fernseher ist, auf den sie dann verzichten müssen. Und ich lasse das Gitterbett wegtragen, das das Zimmer noch kleiner macht und irgendwie für Zellenatmosphäre sorgt. Ein bisschen komme ich mir wie eine Despotin vor, aber ich weiß, dass ich überdurchschnittlich viel für diese Bude bezahle und deshalb soll es wenigstens etwas gemütlich sein.
Wir gehen rüber in seine Wohnung. Hinter der Wohnungstür steht man direkt in der fensterlosen Küche. Dieser Geruch, die Töpfe, ich verlangsame die Atmung, raus. Wir werkeln wieder bei mir, ich am Internet, Wladimir am Fernseher. Er fragt, ob wir zum Du wechseln können. Dann ist er weg. Endlich allein, ich dusche und koche mir einen Tee, der ungenießbar modrig schmeckt. Dabei hatte ich die Kanne so gut ausgewaschen. Putze schnell ein Fenster, damit ich das Meer klarer sehe, und töte zwei kleine Kakerlaken im Klo. Ich ordne Ewigkeiten meine Papiere und vergesse dann doch mein Empfehlungsschreiben.

Mein Zimmer: einfach, aber mit sensationellem Blick aufs Meer
Im Archiv sind trotzdem alle nett. Natürlich will Swetlana vom Lesesaal mein Empfehlungsschreiben sehen. Morgen! Ich muss tausend Formulare ausfüllen, weil ich kein Schreiben habe. Swetlana fragt, ob ich nicht auf Russisch unterschreiben könne. Ich entgegne, dass es dann keine Unterschrift mehr sei, weil Russisch nicht meine Muttersprache ist. Sie lässt sich nicht beirren und besteht auf einer russischen Unterschrift. Swetlana ist ein Riesenweib und erinnert mich an eine Kollegin. Sie hat Monsterbrüste, die sie auf dem Tisch ablegt. Ich weiß nicht, wo ich hinschauen soll, weil ihr Oberteil weit ausgeschnitten ist. Swetlana ist weit über fünfzig, sie ist braun gebrannt und hat straffe Haut. Ihre Fülle verleiht ihr Nachdruck.
Dann erkundige ich mich nach den Kopien. Kopiert wird generell nicht. Man darf fotografieren und bezahlt pro Foto 3,50 Euro. Ich frage mich, wie man die Aufnahmen im Nachhinein zuordnen soll. Man müsste alles minutiös festhalten und am Ende käme man doch durcheinander. Ich denke, dass sie nicht schlecht verdienen, ohne einen Finger krumm zu machen. Dann bekomme ich einen Stapel Akten und versuche, etwas zu finden. Alles schwer zu lesen, alte, schnörkelige Handschriften, mit der Feder zu Papier gebracht, zudem mit Buchstaben, die nach der Oktoberrevolution abgeschafft wurden. Ich schlafe fast ein. Natalja, die stellvertretende Archivleiterin, kommt an meinen Tisch und erkundigt sich, ob alles gut läuft und ich mit den Akten zufrieden sei. Habe gerade erst 20 Seiten dechiffriert und bislang erst ein einziges Mal den Namen Dattan entdeckt. Gut sieht anders aus. Aber ich bin verzückt von den dicken Folianten, den Siegeln und Handschriften. Wahrscheinlich hätte man mir auch einen Stapel Gerichtsakten hinlegen können. Natalja will mich später auf ein Wort sprechen. Nach einer halben Stunde bittet sie mich in ihr Büro. Sie überreicht mir eine Visitenkarte und einen Kalender für 2013, im September. Darauf steht passend zum Archivjubiläum »70 Jahre auf Erinnerungswacht«. Selbst im Archiv geht es militärisch zu.

Überall wird an das Archivjubiläum erinnert. Seit 70 Jahren ist man hier auf Erinnerungswacht.
Sie entschuldigt sich fast, dass wir uns vorerst nur oberflächlich an das Thema herantasten können, und erkundigt sich, was ich genau wissen will. Natalja outet sich als Expertin, sie hat bereits in Tomsk alles gelesen und lässt sich über die Eigenheiten von Dattans Handschrift aus. Sie erzählt, dass das Archiv 1943 aus Furcht vor einer japanischen Militärintervention nach Tomsk evakuiert wurde und erst seit 1992 wieder am alten Platz ist, auf Veranlassung Jelzins. Dann meint sie, dass morgen der Lesesaal geschlossen sei, weil das 70-jährige Archivjubiläum gefeiert wird, das gilt aber nicht für mich, ich könne trotzdem bis mittags arbeiten, und dann holt sie feierlich einen Umschlag heraus. Der Direktor habe auch mich zum Empfang eingeladen. Ich fühle mich geehrt, gleichzeitig ist mir das ein wenig peinlich. Dann gehe ich wieder in den Lesesaal und vergrabe mich in meine Akten. Dattan wurde zum Ehrenbürger ernannt. Er ersucht darum, dies bescheinigt zu bekommen. Ja, ja, die Deutschen … Ich gebe die Akten ab und Swetlana füllt feierlich meinen Passierschein aus, den Propusk, damit ich das Archiv verlassen kann.

Für vieles braucht man einen Passierschein, auch für den Lesesaal
Danach gehe ich zum Hafen, dorthin, wo die Ausflugsboote und Fähren zu den Inseln ablegen. Am Wochenende möchte ich dorthin. Ich frage die Kartenverkäuferin, welche Insel die schönste sei. Sie antwortet, dass sie noch nie auf einer der Inseln war. Ich frage eine Alte, die vor der Kasse steht und Fahrpläne abschreibt, das Gleiche. Sie meint, dass die Inseln alle sehr unterschiedlich seien. Ich frage sie, worin der Unterschied bestehe? Darauf sie – dass sie eben unterschiedlich seien. Ich hake nach und frage, ob die eine eher felsig, die andere eher flach sei? »Nein, Flaches gibt’s hier nicht.« Damit ist das Thema abgehakt. Sie fängt an, mir eine Rundfahrt über drei Inseln an einem Tag zusammenzustellen. Damit ich nicht so lange auf einer Insel, damit ich überhaupt nicht dort bleiben muss. Sind sie so schrecklich, diese Inseln? Nein, aber man bekommt Angst, wenn man dort steht und die große Stadt in unerreichbarer Ferne sieht … Ich fotografiere die Fahrpläne ab und gehe zurück an die Uferpromenade. Setze mich auf die Nobelterrasse des Festivalpavillons und trinke in gediegenem Ambiente einen Cappuccino. Ich bin der einzige Gast. Dabei ist es nicht einmal besonders teuer. Um mich herum wischt eine alte Frau mit einem Feudel, damit der Boden immer schön in der Sonne spiegelt. Sie ist eine typische Putzfrau, wie zu Sowjetzeiten, nur trägt sie keine graue Schürze, sondern einen weinroten Overall mit einem Aufnäher am Arm »Dr. Best Catering«. Sie kommt mir mit ihrem Wischlappen bedrohlich nahe. Bis zu meinem Fuß sind es nur noch 20 Zentimeter. Ich bin ihre Existenzberechtigung. Säße ich nicht hier, hätte sie keinen Job. Trotzdem wäre es mir lieber, wenn sie verschwände. Ich lese und versuche, sie zu ignorieren, so gut es geht. Ein Pärchen kommt und fragt, ob es mal kurz meinen Platz haben könnte, um ein Foto zu machen. Das Ambiente, so exklusiv … Das Mädchen klagt, dass es mit Buch besser aussehen würde, einfach klüger. Ich überlege kurz, ob ich ihr mein Buch anbieten sollte. Aber was würde sie zu Band 4 des Fernöstlichen Archiv-Boten sagen? Ich lasse ihnen meinen Platz und gehe ins Kino, wo ich mich ohnehin gleich mit Irina treffen will.

Capuccino am Meer. Die Putzfrau macht im Hintergrund ein Päuschen, bevor sie wieder um meine Beine rumwischen wird.

Kinokarte vom Komödienspaß
Wir sind in einem Singapur-Restaurant verabredet, essen aber doch nichts, sondern setzen uns raus auf eine Parkbank. Irina erzählt und erzählt. Es ist unglaublich, eine Geschichte nach der anderen, sie hat lauter Ideen für mein Buch. Im Prinzip reicht ihr die Kunst-&-Albers-Geschichte nicht. Sie hätte gern, dass ich nach den Verbindungslinien suche. Ich soll all die schillernden Gestalten, die das Wladiwostok der Jahrhundertwende so bunt gemacht haben – Brynner, Langelütje, Jankowskij, Eleonor Pray und andere – zusammenbringen. Sie ist so begeistert von meinem Aufenthalt, dass sie mich schon in der Gorkij-Bibliothek, im Deutschen Lesesaal, für eine Autorenlesung und zum Austausch mit interessierten Lesern angekündigt hat. Für sie bin ich DIE Schriftstellerin aus Deutschland, die ein Buch über Wladiwostok schreibt. Wenn sie wüsste, dass sich in Deutschland kaum ein Verlag dafür zu interessieren scheint, was ich schreibe … Ich begleite sie zum Kinosaal, wo sie mit ihrer Familie verabredet ist. Auf dem Weg dorthin treffen wir ständig alte Bekannte. Ich werde jedem als junge deutsche Schriftstellerin, die ein Buch über Wladiwostok schreiben will, vorgestellt. Ich bin 43. Irina rattert jedes Mal den gesamten Inhalt meiner Buchidee runter. Ihre Kolleginnen befinden, dass zwei Wochen in Wladiwostok dafür nicht reichen. Einer befreundeten Journalistin hingegen fällt noch ein anderer interessanter Aspekt ein, den ich auch unbedingt berücksichtigen sollte. In meinem Kopf dreht sich bereits alles. Dann kommen Irinas Mann, ihre Tochter und ihr Schwiegersohn. Ihre Tochter fragt, ob ich schon wisse, dass die alten Fenster bei Kunst & Albers ausgebaut, aber nicht restauriert werden. Mich wundert das nicht. Bevor alle ins Kino verschwinden, wollen wir ein weiteres Treffen verabreden. Irina hat die nächsten Tage bereits verplant. Am Mittwoch habe sie frei, da könnten wir ins Museum, zur Ausstellung von Karl Schulz. Ich sage nicht zu, denn am Mittwoch wollte Manfred Brockmann schon mit mir wandern gehen, auf der Peschchanyj-Halbinsel. Von ihm hatte ich heute früh eine Mail bekommen. Der Film fange gleich an, mahnt eine Lautsprecheransage auf Russisch und Englisch. Nein, ich will nicht den Film »Judas« mit anschauen. »Ein schwerer Film … «, seufzt Irina mit bedeutungsvoller Miene. Ich war gestern in »So sieht Liebe aus«, eine Komödie. Irina und ihre Kolleginnen haben davon gehört. Abwertendes Kopfschütteln. So ein seichter Unterhaltungsfilm. Nein, das sei doch nichts. Ich fand ihn großartig.
Setze mich nach dem Treffen noch einmal ans Meer und wandere dann bei Sonnenuntergang und einsetzender Dämmerung nach Hause. Unterwegs kaufe ich ein, alles teuer. Ich weiß nicht, wie die Leute das hier mit ihren teilweise dürftigen Gehältern stemmen.

Mein Etagenflur: Nur selten begegnet man einem Nachbarn, trotzdem sind sie ständig zu hören
Im Wohnzimmer erlege ich eine Kakerlake, diesmal eine große. Das Internet funktioniert überhaupt nicht mehr, ich bräuchte einen Code, um mich als Nastenka anzumelden … Schaue einen Film, der offenbar in den Achtzigerjahren spielen soll. Eine Heldin trägt unter ihrem Nachthemd einen Tanga – gab es so etwas zu Sowjetzeiten? Solche Filmausstatter hätte es jedenfalls nicht gegeben …
Draußen vor meiner Tür herrscht ständiges Begängnis. Alles ist so hellhörig, dass ich mich wundere, dass meine Nachbarn nicht in meinem Bett liegen. Hinter meinem Kopf zwei Löcher in der Wand aus Spanplatte. Dahinter ist die Dusche. In der Nacht werden sie sicher kommen, die Kakerlakenbrüder – Gute Nacht!
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