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„Ach, Sie sind ja gar nicht Olga. Wie schade. Ich hatte die Sluchina unten gesehen und gehofft, dass sich alles wieder eingerenkt hätte.“
Eingerenkt? Die Sluchina? Marina hatte in ihrem Brief angedeutet, dass die Vormieterin lange hier gewohnt hatte und unerwartet ausgezogen war. Das Zimmer sah dementsprechend aus. Aber was hatte das „eingerenkt“ zu bedeuten? Vor mir stand eine verzweifelt wirkende Frau, der ich gerade eine Hoffnung genommen hatte. Bei meinem Anblick wurde sie gleich noch krummer.
„Entschuldigen Sie, ich möchte Sie nicht belästigen. Es ist nur so, dass wir gute Freundinnen sind. Plötzlich war Olga weg. Seitdem habe ich nichts mehr von ihr gehört. Ich mache mir einfach Sorgen. Und als die Sluchina, also ich meine Nadezhda Walentinowna, mir über den Weg lief, hatte ich gehofft, alles wäre wieder beim Alten. Aber entschuldigen Sie, ich habe mich ja nicht einmal vorgestellt. Ich heiße Tatjana, Tatjana Petrowna.“
Sie hielt mir ihre Hand hin und ich erwiderte den zarten, fast lapprigen Händedruck. ‚Die bräuchte mal ein richtiges Steak‘, war mein erster Gedanke …
„Und ich bin Anna. Ich habe die Wohnung hier gerade vor einer halben Stunde gemietet, da wusste ich nichts von einer Olga. Und Nadezhda Walentinowna hat auch nichts erwähnt. Nur ihre Nichte hatte angedeutet, dass die bisherige Mieterin Hals über Kopf ausgezogen ist. Was für Probleme gab es denn? Aber setzen Sie sich doch. Wir stehen hier an der Tür herum wie die Möbelpacker … Leider kann ich Ihnen nichts anbieten, nicht einmal einen Tee.“
Tatjana lachte. „Sie sind nicht von hier, stimmt’s? Bei uns sagt das keiner – „herumstehen wie die Möbelpacker“.
Bei uns auch nicht, dachte ich, aber mir fiel gerade nichts Besseres ein. „Ich bin aus Deutschland, aus Berlin. Zuerst habe ich im Hotel gewohnt, im Versal, aber das ist nichts für mich. Ich bin erst seit ein paar Tagen in Wladiwostok. Im Hotel habe ich Marina kennengelernt. Sie arbeitet an der Rezeption und hat mir das Zimmer hier vermittelt.“
„Im Versal?“
Tatjana musterte mich: Schuhe, Fingernägel, Frisur. Wahrscheinlich hätte ich das nicht sagen sollen. Eigentlich war das Hotel nichts Besonderes, aber sein Ruf aus alten Zeiten hing ihm noch an. Jeder, der Versal hörte, dachte Kempinski. Seine Gäste konnten nur reiche Schnösel sein.
„Es war ein Geschenk, eine sentimentale Geste eines älteren Herrn, der besondere Erinnerungen mit dem Haus verbindet. In seinem Auftrag bin ich auch hier.“
Nun hellte sich das Gesicht wieder auf, vielleicht auch, weil ihr taxierender Blick und die Analyse von Schuhwerk, Zwirn und Haarstyling keinen Anhaltspunkt für überbordenden Reichtum geliefert hatten.
„Das hört sich ja aufregend an. Vielleicht mögen Sie mit zu mir kommen. Dann koche ich uns einen Tee und Sie erzählen mir von Ihrer Mission. Ich habe ganz ausgezeichnete Pasteten. Die hat meine Mutter selbst gemacht und heute Morgen erst vorbeigebracht. Sie ist zu Besuch hier. Mögen Sie Pilze? Sie werden sie lieben!“
Ich dachte an das Archiv, an den Rucksack im Hotel, an Nadezhda – keine Gespräche auf dem Flur bitte … Alles sprach dagegen, diese spontane Einladung anzunehmen. Andererseits … Es war genau das, was ich an Russland so mochte.
„Gern, aber ich kann nicht lange bleiben, weil ich einiges zu erledigen habe. Mein Gepäck ist noch im Hotel.“
Zwei Stunden später saßen wir schon beim Cognac – die bürgerliche Alternative zum Wodka. Ich mochte keine harten Sachen, wollte aber nicht unhöflich sein. Früher wurde mir das oft zum Verhängnis. Heute war ich schlauer und nippte nur ab und zu mal am Glas. Tatjanas Wohnung lag gegenüber, nur zwei Türen weiter. Dass sie komplett anders wirkte, lag daran, weil sie zwei Wohnungen zusammengelegt hatte. Die Trennwand war bis zur Mitte herausgerissen, sodass man direkt in einen großen Raum trat, die Küche. Eigentlich ganz gemütlich, wenn es nur ein Fenster gäbe. Von der Küche kam man in ein Schlaf- und Wohnzimmer. Dort waren neue Wände eingezogen. Die zweite Wohnungstür war mit einem Regal zugestellt. Ein Bad konnte ich nicht entdecken. Man sah, dass viel Arbeit im Umbau steckte. Ich fragte mich, ob Tatjana das alles selbst bewerkstelligt hatte oder ob es einen Mann im Haus gab.
Bisher hatte Tatjana nur von Olga erzählt – wie sie ins Haus gekommen war, was sie beruflich machte und warum es Probleme gab. Für mich hörte sich das alles ein bisschen unheimlich an. Wäre Tatjana mir heute beim Frühstück begegnet und hätte ich erfahren, was hier alles passiert war, wäre ich wahrscheinlich nicht eingezogen. Jetzt war es zu spät. Ich tröstete mich damit, dass vielleicht nur die Hälfte ihrer Geschichten stimmte. Um nicht noch mehr zu erfahren, drängte ich zum Aufbruch. Die Arbeit im Archiv konnte ich abhaken, vielleicht würde ich noch kurz vorbeischauen, um wenigstens ein Findbuch durchzugehen. Aber sicher würde man den Cognac riechen. Nein, das konnte ich nicht riskieren. Trotzdem wollte ich los. Obwohl ich aufstand, legte mir Tatjana noch eine Pastete auf den Teller und redete einfach weiter.
„Jetzt habe ich Ihnen so viel von uns hier erzählt, Anna. Dabei habe ich ganz vergessen, Sie auszufragen, was Sie hierher verschlagen hat. Das holen wir nach, ganz bestimmt. Sie müssen unbedingt wieder zu mir kommen. Jetzt, wo Olga weg ist. Und bitte seien Sie nicht allzu besorgt. Hier wohnen ganz anständige Leute. Man muss sie nur zu nehmen wissen.“ Dann zeigte sie auf den Teller. „Und hier nehmen Sie die Pastete mit auf den Weg.“
‚Zu nehmen wissen‘ – ich kannte ihre Sprache nicht einmal richtig, wie sollte ich wissen, wie wer richtig zu nehmen war. Tatjana kam mir ganz recht. Sie könnte mich in die Hausregeln einweihen und mir erklären, wer welche Macke hatte. Wenn ich recht darüber nachdachte, fand ich es eigentlich ganz spannend. Ich war von meinem Heimatstern in ein mir fremdes Universum geknallt und bekam sogar eine Übersetzerin zur Seite gestellt. Alles würde sich fügen.
„Vielleicht haben Sie am Wochenende Zeit und kommen zu mir zum Tee, Tatjana Petrowna? Da habe ich ein paar Tage, um die Wohnung etwas auf Vordermann zu bringen. Wissen Sie, ich würde die Wände gern streichen. Es sieht alles so alt und abgenutzt aus. Vielleicht finde ich irgendwo auch einen Schrank oder ein Regal. Ich möchte es etwas netter machen, habe nur keine Ahnung, wo hier ein Baumarkt in der Nähe ist. Vielleicht ist es Quatsch, den Aufwand zu betreiben. Und Geld kostet es auch. Aber eigentlich ist es schnell gemacht. Nur ein Tag und danach ist es sicher schöner und ich fühle mich wohler.“
Tatjana sprang vom Stuhl auf und klatschte in die Hände, fast wie ein Kind.
„Ich liebe streichen, das erinnert mich an meine Kindheit, als wir selbst gebastelte Zeitungshüte trugen. Lassen Sie mich Ihnen helfen. Hier hat auch garantiert noch jemand die nötigen Utensilien. Das brauchen Sie nicht kaufen, völlig unnötig. Ich höre mich morgen mal um bei den Nachbarn. Und dann gehen wir mit Wolodja runter in den Keller. Wissen Sie, er ist so etwas wie ein Hausmeister, allerdings ein selbst ernannter. Früher wurde er von der Genossenschaft bezahlt, aber nachdem der Block privatisiert wurde, wollte man dafür kein Geld mehr ausgeben. Trotzdem kommen alle, wenn sie etwas zu reparieren haben oder was brauchen. Und er hilft, weil er es nicht anders kennt. Außerdem hat er Zeit, denn er ist Rentner. Dafür bekommt er von jedem etwas geschenkt: Kartoffeln von Irina, Fisch von Wadim und ich fülle ihm Formulare aus, wenn er Ärger mit den Ämtern hat.
Immer wenn jemand auszieht und Möbel dalässt, schaut Wolodja, was noch zu gebrauchen ist. Dann schafft er das Zeug in seine Schatzkammer – im wahrsten Sinne ein Labyrinth. Sie müssen sich das unbedingt ansehen. Ganz hinten ist das Herzstück, seine Werkstatt, wo er Sachen repariert oder ausbessert. Oft sitzt er aber nur da und hört Radio oder löst Kreuzworträtsel. Wolodja hat mir viel geholfen, als ich eingezogen bin, Sie werden ihn mögen. Lassen Sie uns morgen zu ihm gehen, ich stelle Sie ihm vor.“
Hier lief alles in Zeitraffer. Ich dachte daran, dass ich vor wenigen Stunden nicht einmal wusste, wo ich die Nacht verbringen sollte. Jetzt hatte ich eine Wohnung, eine nette Nachbarin, die offenbar der Schlüssel zu einem mir fremden Mikrokosmos war.
Besser hätte es nicht sein können. Wenn da nicht die Geschichte mit Olga gewesen wäre. „Gern. Aber morgen habe ich zu arbeiten. Ich kann erst am Nachmittag, so gegen fünf.“
„Sehr gut, klopfen Sie einfach bei mir, wenn Sie da sind. Rechts neben Wolodja. Ich bin zu Hause. Meist bin ich da, weil ich von zu Hause aus arbeite. Ich bin Übersetzerin.“
Auch darüber hatten wir kein Wort gesprochen. Nachdem ich mich verabschiedet hatte, ging ich noch einmal in mein neues Domizil. Ich setzte mich aufs Fensterbrett und staunte über den Ausblick. Ja, ich hatte mich richtig entschieden und ich hatte Glück, denn das Hochhaus vor „unserem“ Block lag links von mir. Ich konnte aufs Meer blicken, aber meine Nachbarn fünfzig Meter weiter links schauten auf den Zwanziggeschosser. Wer kam nur auf so eine Idee?
Dann fuhr ich zum Hotel. Im Bus dachte ich die ganze Zeit an Olga. Mir ging die Geschichte nicht aus dem Kopf. Eigentlich war es ja gar keine Geschichte, sondern nur Fragmente und Fetzen. Ich war mir nicht einmal sicher, ob das, was Tatjana mir erzählt hatte, überhaupt stimmte.
Marina saß immer noch an der Rezeption, offenbar im Dauerdienst rund um die Uhr. Kein Wunder, dass ihre Freundlichkeit irgendwann erschöpft war.
„Und, wie finden Sie die Wohnung? Ist es nicht ein Schmuckstückchen? Ein richtiges kleines Liebesnest, nicht wahr?“
Ich wunderte mich über ihre Offenherzigkeit, denn heute Morgen lautete die Anweisung noch strikt „im Hotel kein Wort!“.
„Man könnte sicherlich Einiges daraus machen, der Ausblick ist toll“, antwortete ich nicht allzu diplomatisch. Ich hatte keine Lust auf das ewige Süßholzraspeln, bei dem jeder wusste, dass der andere ihm etwas vorlog und trotzdem mitmachte. Mir ging Olga nicht aus dem Kopf, darüber wollte ich mehr erfahren.
„Wissen Sie, warum die Vormieterin ausgezogen ist? Kennen Sie sie vielleicht?“
Marina schaute etwas erschrocken auf. Gleichzeitig überspielte sie ihre Unruhe mit einer etwas zu schnell ausgesprochenen Floskel. „Heute die, morgen jene. Wenn ich mir das alles merken wollte, bräuchte ich einen Elefantenkopf.“
Ich wollte so schnell nicht aufgeben, denn heute Morgen hatte Marina erwähnt, dass Olga drei Jahre dort gewohnt hatte. Nichts Flüchtiges. „Olga, sie hieß Olga. Sie selbst haben mir doch in Ihrem Brief geschrieben, dass sie sehr lange dort gewohnt hat. Und jetzt wissen Sie plötzlich gar nichts von ihr?
Marina schaute nach unten. Das alles war ihr furchtbar unangenehm. Das Gespräch war damit beendet.
Eine Stunde später war ich wieder in meinem Block. Da ich nichts zu essen hatte, zog ich gleich wieder los. Kein zweites Mal wollte ich ohne Tee und Gebäck dastehen, wenn Tatjana käme. Gleich hinter unserem Haus gab es ein Lädchen, wo sich die Studenten mit Wodka, Zigaretten und den nötigsten Lebensmitteln eindeckten. Ich fand, was ich brauchte.
Mir gefiel der weitläufige Campus der Meeres-Universität, überall junge Leute – die Studenten mit ihren Freundinnen, grüppchenweise Matrosen, mal in blauer, mal in weißer Uniform. Mein erster Tag fern der Borneckerschen Obhut ging langsam zu Ende und ich fand, dass er gar nicht schlecht verlaufen war.
Regentin des Lesesaals
Die Lesesaalchefin schaute etwas desinteressiert von ihrem Buch auf. Offenbar hatte ich sie beim Lesen gestört.
„Ihren Passierschein bitte! Und“, sie zeigte auf eine aufgeschlagene Kladde an der Seite ihres Tisches, „tragen Sie sich ins Benutzerbuch ein.“ Sie verschwand in den Hinterraum, holte meine Akten und legte sie genau auf den Tisch, an dem ich vorgestern gesessen hatte. Dann ging sie wieder zu ihrem Platz und sagte fast lautlos: „So dringend scheint es ja doch nicht zu sein …“
Sollte ich darauf reagieren? War sie im Selbstgespräch? Wer wollte dabei schon ertappt werden? Natürlich war es kein Selbstgespräch, sondern ein Seitenhieb, weil ich gestern nicht da war. Ich musste was sagen, denn ich wollte nicht als faul oder unzuverlässig dastehen.
„Ich musste mich gestern um eine Unterkunft kümmern. Das hat sich hingezogen. Tut mir leid.“
Ljudmila saß mittlerweile wieder hinter ihrem Buch und schaute nur kurz auf. Ihr Blick galt jedoch nicht mir, sondern einem imaginären Punkt neben der Eingangstür. Diese gespielte Ignoranz … Ich wusste ganz genau, dass sie zu gern wüsste, was die Neue aus Deutschland zu berichten hatte. Aber auch ich konnte ignorant sein. Also setzte ich mich wortlos an meinen Tisch und begann zu blättern. Die Akten nahmen mich mit in eine andere Welt. Allein das steife Papier, die aufwendigen Briefbögen und die verschnörkelte, mit Federkiel zu Papier gebrachte Schrift, begeisterten mich. Man sah, dass dieser Art Korrespondenz eine hohe Wertschätzung entgegengebracht wurde. Trotzdem war es kompliziert, das alles zu entziffern. Ich war langsam, verstand fast nichts. Erst nach und nach fuchste ich mich ein. Und obwohl ich kaum etwas fand, das mich weiterbrachte, durchblätterte ich mit Vergnügen einen Folianten nach dem anderen. Notizen machte ich kaum welche. So saß ich bis zum Nachmittag da. Nur einmal ließ ich mir ein Findbuch geben, um neue Akten zu bestellen. Mir dämmerte, dass ich auf diese Weise das Tagebuch nie finden würde. Aber ich verstand mehr und mehr, worum es eigentlich ging. Adolph Dattan war jemand, der in der Bürgerschaft der Stadt einen zentralen Platz innehatte. Er war in unzähligen Gremien, engagierte sich für dieses und jenes, hatte Geld und Einfluss. Die dicken Bände verrieten, dass er angesehen war und die Geschicke der Stadt wesentlich mitbestimmte. Was er nicht alles gefördert hatte … Die Universität hätte es ohne sein Zutun sicher so nicht gegeben. Doch war er nicht nur geachtet, sondern auch beliebt. Die Menschen schätzten ihn – nicht nur seine Geschäftspartner, auch seine Mitarbeiter, ja sogar die Kunden.
Ljudmila schaute ab und an hinter ihrer Brille zu mir rüber, immer unauffällig, aber doch wachsam prüfend. Ich war ein Fremdkörper in diesem Lesesaal und sie wusste nicht, wie sie mit mir umgehen sollte. Eine Historikerin, die nichts aufschrieb, die nur blätterte, manchmal schmunzelte, zuweilen sogar lachte. Ja, einmal musste ich wirklich laut lachen. Dattan war zum Schweizer Honorarkonsul berufen worden und hatte zudem einen Verdienstorden erhalten. Nun befand er es als vordringliche Angelegenheit, die Gouvernementverwaltung über diesen Sachverhalt zu informieren, damit diese die Titel bei künftigen Einladungsschreiben bitte entsprechend verwenden möge.
Dass so jemandem von heute auf morgen fast alles genommen wurde, nicht nur der Besitz, sondern vor allem die Ehre, muss ein Schock gewesen sein. Einen kurzen Moment dachte ich an Olga. Auch sie hatte offenbar viel verloren, aber von ihr wusste ich noch viel weniger. Ich hing in Gedanken ihrer Geschichte nach, dann schaute ich wieder in die Akten. Nein, ich durfte mich nicht verzetteln. Nachher würde ich Tatjana sehen, vielleicht würde ich dann mehr erfahren.
Als ich meine Arbeit beendet hatte und die Akten zum Tisch brachte, kam ein kurzes: „Zurück?“. Ich wusste, dass das im Archiv ausgesprochene „Zurück?“ eigentlich ein: „ganz zurück, ins Depot?“ bedeutete. Keiner gab gern Akten „ganz zurück“. Man konnte nie wissen, ob nicht doch noch etwas nachgeschaut werden musste. Ich brauchte aber keine Nachschlagesicherheit und hatte deshalb zwei Stapel vorbereitet. Der Große links konnte ganz zurück, den Kleinen rechts wollte ich behalten.
„Ja.“
„Das alles hier soll zurück? Haben Sie das überhaupt sorgfältig gelesen? Sie hatten den Stapel gerade mal einen Tag. Ich bezweifle, dass Sie das hinreichend gründlich durchgearbeitet haben.“
Diese graue Maus ging mir schon jetzt auf den Geist. ‚Hinreichend gründlich …‘ Aber ich hatte das untrügliche Gefühl, dass es sie am meisten ärgern würde, wenn ich gar nicht erst darauf reagierte.
„Ich glaube schon“, sagte ich deshalb, lächelte sie an und nahm meinen Passierschein. Das heißt, ich wollte es, denn nun schlug die Regentin zurück.
„Erwähnten Sie nicht vorhin, dass Sie eine neue Adresse haben? Da müssen wir einen neuen Passierschein ausstellen.“ Oje, das konnte dauern …
Olgas Verschwinden
Um fünf klopfe ich wie verabredet bei Tatjana. Sie war zwar immer noch blass, wirkte aber nicht mehr ganz so niedergeschlagen wie gestern.
„Da sind Sie ja. Kommen Sie doch bitte herein, ich koche uns einen Tee. Ich habe Neuigkeiten. Stellen Sie sich nur vor, ich habe eine Postkarte von Olga bekommen. Genau heute, wenn das kein Zufall ist. Sie sind mein Glücksbringer! Olga hat geschrieben, dass es ihr gut geht und dass sie mir beizeiten alles erklären wird. Wo sie steckt, hat sie nicht erwähnt, aber schauen Sie mal auf den Stempel. Das ist doch etwas Asiatisches, oder? Entweder China, Japan oder Korea. Ist auch egal, Hauptsache sie lebt.“
Eigentlich wollten wir zu Wolodja runter, in seine Schatzkammer, und uns um die Streichutensilien kümmern. Stattdessen ging es gleich wieder nur um Olga. Leider.
„Wer war denn derjenige, der ihr so zugesetzt hat?“ Ich wollte das wissen, um hier nicht zufällig diesem Typen in die Arme zu laufen.
„Dimitrij. Dimitrij Ibraimowitsch. Er wohnt auf unserer Etage, ganz hinten in der 311.“
Ganz hinten … Ich wohnte in der 321. Wenn ich mir das genau besah, trennten uns nur vier oder fünf Wohnungen.
„Warum ist Olga nicht zur Polizei gegangen. Der Typ gehört doch hinter Gitter.“
Tatjana ließ die Schultern sinken und schaute nach unten. „Ja, da haben Sie recht. Aber bei uns, wer hört da schon auf das Klagen einer Frau? Auf der Wache hätten sie gesagt, wer seine Miete nicht allein zahlen kann, der muss sich eben das eine oder andere gefallen lassen. So sind die Männer. Wissen Sie, bei uns gibt es das Sprichwort ‚Wenn der Mann seine Frau schlägt, so liebt er sie.‘ Es ist nicht so selten, dass Frauen öfter mal eine übergezogen bekommen.“
Tatjana stockte.
„Aber das, was Dimitrij mit Olga angestellt hat, ist auch hier nicht normal, auch wenn wir Russen härter im Nehmen sind. Das Schlimme ist, dass es mitzubekommen war. Ich bin mir sicher, dass alle, die in dieser Etage wohnen, davon wussten. Auf den ersten Blick wirkte er schüchtern, fast zärtlich. Olga ist darauf reingefallen. Auch ich fand ihn toll. Am Anfang war es wie ein Rausch. Sie war wie im siebten Himmel. Endlich hatte sie jemanden gefunden, der sie vergötterte, der ihr zuhörte, der mit ihr lachte. Sie machten Pläne, wollten Kinder. Aber Dimitrij ist sehr eifersüchtig und – was anfangs keiner gesehen hatte – besitzergreifend. Es fing mit Kleinigkeiten an – ein Kinoabend mit ihren Freundinnen, der ihm nicht passte, ein Foto ihres ersten Freundes in ihrer Brieftasche, die Nachtschichten, die ihn störten. Olga erzählte mir davon und zog sich in ihre Wohnung zurück, die sie partout nicht aufgeben wollte. Später offenbarte sie mir, dass sie sich gar nicht zurückgezogen hatte, sondern von Dimitrij in seiner Wohnung festgehalten wurde. Wie ein Tier. Irgendwann wurde er gewalttätig. Zwar kam es nur alle paar Wochen zu einem Ausbruch, aber die Veilchen hätte ich nicht haben wollen. Olga kam zwei Mal mit geschwollenem Auge zu mir, ich hörte mir ihre Geschichten an und verarztete sie. Dimitrij sah ich zu diesem Zeitpunkt nicht mehr. Offenbar schien er allen aus dem Weg zu gehen, um sich nicht erklären zu müssen. Ich war es, die ihr riet, zu verschwinden, denn Dimitrij schien wie besessen. Olga hatte erzählt, dass er sie zum Schluss sogar ans Bett angebunden hatte.
Als sie dann tatsächlich verschwunden war, machte ich mir schreckliche Sorgen, auch weil Dimitrij plötzlich weg war. Vielleicht wusste er, wo sie steckte und war ihr gefolgt? Ich hatte das nicht sofort mitbekommen, weil ich Anfang August eine Woche bei meiner Tante in Chabarowsk war. Olga hatte mir dazu geraten. Ein paar Tage weg, das wäre doch mal etwas Besonderes. Ich hätte damals bemerken müssen, dass sie weg wollte. Sie hatte so ein sündhaft teures Kleid. Und bevor ich los bin zu meiner Tante, kam sie mit diesem Kleid rüber. Es war nicht irgendein Kleid, sondern eins von Prada. Olga hatte drei teure Kleider. Das war das schönste. ‚Hier Tanja, das ist für dich, mir ist es zu knapp geworden.‘ Das stimmte, sie hatte etwas zugelegt in den letzten Wochen, aber kein Grund, mir ihr bestes Stück zu schenken. Es war ihr Abschied, nur wusste ich nichts davon, ich verstand es erst viel später. Als ich wiederkam, merkte ich, dass irgendetwas nicht stimmte. Und dann kam diese SMS von ihr, sie sei weg. Ich bin sofort zu Dimitrij, aber auch er schien verschwunden zu sein. Ihn hatte ich ja ohnehin schon länger nicht gesehen. Ich habe das alles nicht verstanden. Er war kein Schlägertyp oder jemand, der zu tief in Glas guckt. Sonst hätte sich Olga nie darauf eingelassen. Sie hätte alle haben können. Wissen Sie, er hat hier an der Uni unterrichtet, war ein geachteter Forscher. Er hat Olga finanziell unterstützt, alles lief gut, aber irgendetwas hat ihn verrückt gemacht. Ich weiß nicht, was es war. Vielleicht, weil sie nicht schwanger wurde. Olga wollte zwar ein Kind, aber nicht jetzt, weil sie an einem wichtigen Projekt arbeitete, was sie erst abschließen wollte. Sie erzählte, dass er nicht locker ließ. Irgendwann war es kein Bitten und Drängen mehr, sondern Gewalt. Er hat es wieder und wieder versucht, aber Olga wurde einfach nicht schwanger. Ich riet ihr immer wieder, sich zu trennen, woanders hinzuziehen. Ich hatte ihr sogar angeboten mitzugehen, aber ich hatte keinen Erfolg. ‚Dimitrij ist mein Schicksal‘ hatte sie nur gesagt. Ich habe ihn seit Olgas Verschwinden auch nicht mehr gesehen.“
Es war schrecklich. Ich konnte ohnehin nie begreifen, wozu Männer fähig waren, aber dass nun ausgerechnet dort, wo ich wohnte, so ein Typ sein Unwesen hatte treiben müssen und keiner eingeschritten war, lähmte mich. Mir fiel auf, dass ich noch immer an die Tür gelehnt dastand. Ich hatte mich nicht einmal hingesetzt und trotzdem prasselte die volle Ladung auf mich ein. Das gestern schien nur das Präludium. Und schon das hatte mir gereicht.
„Wissen Sie, ob der Kerl einen Schlüssel von Olgas Wohnung hat?“ Mein Magen krampfte sich zusammen. Der Gedanke, dass er von unten Licht in meinem Zimmer sehen könnte, besessen nach oben eilte, um über die zurück geglaubte Olga herzufallen, behagte mir nicht gerade.
„Nein, machen Sie sich keine Sorgen. Die Schlösser hier sind sehr aufwendig, da kann man nicht so einfach einen Schlüssel nachmachen. Olga hatte nur den einen. Und den hat sie bei Wolodja unten versteckt, als sie verschwand. Und überhaupt. Es ist alles ganz friedlich, hier bei uns. Es tut mir so leid. Ich hätte Ihnen das alles gar nicht erzählen dürfen, es belastet Sie nur.“
Tatjana vergrub ihr Gesicht in den Händen und fing an zu weinen.
„Aber ich habe mir so große Vorwürfe gemacht, weil ich zugesehen habe. Ich hätte eingreifen müssen. Aber wie? Es war so schleichend, kaum zu bemerken. Außerdem hatte nur Olga mir das alles erzählt. Dimitrij grüßte mich weiter freundlich, schwatzte sorglos mit mir und den anderen Nachbarn. Kurz, er tat so, als ob nichts sei. Als die Veilchen hinzukamen, sah ich ihn nicht mehr. Aber was hätte ich auch sagen sollen? Es war eine schwierige Situation. Dimitrij war kein Schlägertyp. Wir wollten das nicht wahrhaben, wir alle wollten uns nicht getäuscht haben, nicht sehen, dass der großzügige Intellektuelle zum Tyrannen geworden war. Ja, so war das. Irgendwann war es zu spät. Aber hinterher ist man immer schlauer.“
Tatjana schnäuzte sich laut und rappelte sich auf.
„So, und jetzt ist Schluss mit dem Thema. Sonst denken Sie, dass wir Russen alle so sind. Ich habe uns bei Wolodja angekündigt, aber vorher erzählen Sie mir noch, was Sie hier machen. Das hatten wir das letzte Mal vergessen.“
Mir hatte es die Sprache verschlagen und ich musste mich kurz sammeln. Dann erzählte ich Tatjana vom Archiv, vom alten Bornecker und seinem Großvater und von dem Tagebuch, nach dem ich suchte. Sie saß wie gebannt vor mir, sagte kein Wort, sondern schenkte ab und zu Tee nach. Als ich mit meinem Monolog fertig war, brach es aus ihr heraus.






