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Ungefähr eine Woche nach der Ankunft Old Firehands in Jefferson City, stießen Bill Bulcher und Harry Korner zu der Gesellschaft. Als diese ankamen, war ich gerade im Schankraum und durfte die Gesellschaft bedienen. Beim Eintritt der beiden gab es erst einmal ein großes Hallo! Old Firehand nahm sie regelrecht an seine mächtige Brust und schlug ihnen so sehr auf die Schultern, dass ich Angst hatte, die zwei könnten ernsthaft Schaden nehmen. Aber sie hielten sich wacker und schlugen kräftig zurück. Dann nahmen sie rechts und links von Firehand Platz und tauschten auch mit den anderen Jägern kurze Begrüßungen und Handschläge aus. Nun schauten sie auf und suchten offenbar jemanden, der ihnen etwas zu trinken bringen konnte.
Ich ging also zu dem Tisch hinüber, um die Bestellung entgegen zu nehmen. Firehand kam meiner Frage aber zuvor und stellte mich seiner inzwischen auf acht Mann angewachsenen Runde vor:
„Mesch‘schurs10“, das hier ist Leo, der Ziehsohn eines alten Bekannten von mir. Dieser hat mir einmal aus einer Misere geholfen, die größer gar nicht hätte sein können. Ohne ihn wäre mein erstes Jagdabenteuer in den Mountains wohl nicht möglich geworden. Aber genug davon …!
Leo hat noch einiges zu lernen, wenn er, wie ich vermute, demnächst in den Westen will. Ich schlage also vor, er setzt sich erst einmal zu uns und wir unterhalten uns ein wenig.“
Hier fiel ihm Korner in die Rede,
„Firehand, alter Waschbär, Bill und ich hätten jetzt gerne erst einmal etwas zu trinken. Leo, bring uns beiden doch einmal etwas gegen die Trockenheit hier drin. Haben tagelang im Sattel gesessen und nur Wasser getrunken, aber jetzt, wo wir hier in der Zivilisation angekommen sind, hätten wir gegen ein gutes Glas Brandy nichts einzuwenden.“
Ich machte mich also daran, die Bestellung zu erledigen. Als ich zum Tisch zurückkam, um die Gläser vor Bulcher und Korner abzustellen, zog Firehand einen freien Stuhl vom Nachbartisch heran und forderte mich auf, mich zu setzen. Bulcher und Korner hoben die Gläser und alle anderen am Tisch taten es ihnen gleich.
„Halt!“, ließ sich eine weibliche Stimme aus der Richtung des Tresens vernehmen. „Ihr könnt doch nicht anstoßen, wenn Leo noch gar nichts zu trinken hat!“, sagte Mrs. Thick.
„Ich übernehme dann wohl mal selbst wieder die Bedienung, da der junge Herr ja hier zu den Prairiejägern aufgerückt ist.“, sie zwinkerte mir vergnügt zu. „Da einige der Herren hier ja sowieso nur noch Reste in den Gläsern haben, mache ich Euch gleich eine neue Runde fertig. Die beiden Neuankömmlinge können den Brandy ja schon hinunterbringen, ich werde indes für ein vernünftiges Glas Bier für alle sorgen. Geht dann aufs Haus, will ich meinen!“
Und so machte sie sich daran, die Runde zu zapfen. Korner und Bulcher „brachten den Brandy hinunter“ und freuten sich schon auf Mrs. Thick’s deutsche Spezialität, die sie ja schon von früheren Besuchen her kannten und schätzten.
Korner sprach mich an:
„So, so, du willst also ins Indianerland gehen. Wie kommt so ein junger Bursche denn auf diesen Gedanken? Scheinst zu glauben, dass man da draußen so mir nichts dir nichts herumstolzieren und Abenteuer erleben kann, ohne dabei Angst haben zu müssen, sein Leben zu riskieren.
Ist aber leider nicht so einfach, mein Junge. Bei den Indianern weiß man nie, woran man ist. Zumal wenn man keinerlei Erfahrung hat, kann man schon bei ersten Kontakt mit den Roten seine Haut zu Markte tragen. Selbst wir, als erfahrene Prairieläufer und Jäger, haben da schon das eine oder andere Mal mehr Glück als Verstand gehabt, wenn ich das so sagen darf, oder Männer?“
Bei den zuletzt gesprochenen Worten schaute er seine Kameraden an, die ihm auch sofort zustimmten. Firehand lächelte nur und ersparte mir, dadurch, dass er nun selbst sprach, eine wahrscheinlich peinliche Antwort.
„Harry, das stimmt natürlich. Aber auch von uns kann keiner sagen, er habe seine ersten Schritte hinter der Grenze allein unternommen. Um Erfahrung zu sammeln, mussten auch wir erst einmal das Gehen lernen. Greenhorns11 waren wir alle mal, der eine wird schneller das nötige Rüstzeug erwerben, als der andere. Manch einer hat‘s versucht und es in unserem Metier zu nichts gebracht. Wenn er Glück hatte, hat er‘s noch rechtzeitig gemerkt. Weniger Glückliche wachten eines Morgens auf, um festzustellen, dass sie tot waren, hatten sie doch wieder einen ihrer unverzeihlichen Fehler gemacht.“
Er schmunzelte über seinen eigenen schlechten Witz. Die anderen taten es ihm gleich. Dann fuhr er fort:
„Deshalb habe ich es mit diesem jungen Mann hier auch anders vor, als du zu denken scheinst. Ich beabsichtige, ihn auf unserem nächsten Jagdzug mitzunehmen und ihm die Grundausbildung zu verpassen, wenn ihr versteht, was ich meine!“
Rums! Da war es raus! Nun kam auch Mrs. Thick und lächelte von einem Ohr zum anderen. Sie hatte alles gehört und stellte das erste Bier vor meine Nase, von den Worten begleitet:
„Wohl bekomm‘s, Leo. Auf den Schreck brauchst du sicher einen Schluck!“
Die anderen lachten aus vollem Halse und nachdem Mrs. Thick die Biere verteilt hatte, prosteten sie mir zu, womit sie wohl auch ihre Zustimmung zu Firehands Plänen erteilten.
Da hatte ich also, ohne etwas sagen oder tun zu müssen, erreicht, was ich nicht zu hoffen gewagt hatte. Ja, ich hatte vor, genau das, was Firehand nun selbst vorgeschlagen hatte, zu erbitten, war aber sicher gewesen, abgewiesen zu werden.
Ich war glücklich. Mein Vorhaben konnte also beginnen. Nur Mr. Wallace musste ich noch überzeugen. Aber der musste einfach zustimmen, es durfte jetzt nicht scheitern. Firehand strahlte mich förmlich an und fragte leise, so dass die anderen am Tisch davon nichts mitbekamen:
„Ich kann wohl annehmen, dass ich mit meinen Plänen deinem Ansinnen zuvorgekommen bin?“
„Mr. Firehand, Ihr ahnt ja nicht, wie glücklich ich bin, dass Ihr mich mit Euch nehmen wollt. Ich kann so vieles von Euch und Euren Kameraden lernen. Mich treibt meine Geschichte, die Ihr ja genau kennt.
Ich muss meine Familie und die Mörder finden und diese ihrer gerechten Strafe zuführen. Das alles bringe ich nur mit Eurer Hilfe fertig. Ich bin Euch also zu Dank verpflichtet und weiß doch nicht, wie ich diesen Dank abstatten soll.“
„Leo, rede bitte nicht von Dankespflichten. Was ich tue, tue ich aus Anteilnahme und meine Kameraden werden dies nicht in Frage stellen, sondern im Gegenteil gerne unterstützen. Wer weiß, ob nicht eines Tages einer von uns Männern hier am Tisch, dir zu noch viel mehr Dank verpflichtet sein wird.
Wie du soeben von Korner gehört hast, ist das Leben da draußen im Indianerland alles andere, als gemütlich und leicht kann der Stock verkehrt den Fluss hinab schwimmen12. Aber wir werden dich schon auf die richtige Fährte setzen und dir helfen, dein Vermächtnis zu erfüllen.“
Jetzt hatte ich einen Kloß im Hals und wusste nicht, was ich sagen sollte. Firehand schaute auf, weil in diesem Moment die Türe ging und jemand eintrat. Ich saß mit dem Rücken dorthin und konnte deshalb nicht sehen, was vorging. Aber ich sah Mrs. Thick, deren Lächeln jetzt, soweit dies überhaupt möglich war, noch breiter wurde und daher drehte ich mich auf meinem Stuhl um.
Und dort stand … Mr. Wallace und an seiner Seite … Mrs. Smith! Beide lächelten mich an. Ich war vor Staunen stumm und mochte wohl einen nicht gerade intelligenten Gesichtsausdruck gemacht haben.
Bulcher klopfte mir fest auf den Rücken und bellte: „Verschluck dich nicht Junge! Stell‘ uns die Leute lieber vor, die du da so geistreich anstarrst!“
Die Männer brachen erneut in Gelächter aus und Mr. Wallace kam auf mich zu, zog mich vom Stuhl zu sich heran drückte mich fest an sich und sagte:
„Leo, mein Junge, diese Überraschung dürfte uns geglückt sein!“
In seinem Rücken stand Mrs. Smith und als ich kurz zu ihr aufblickte, hielt sie ihren rechten Daumen in die Höhe.
Ich antwortete ihm mit einer Frage:
„Du hast das also angezettelt?“
„Lass gut sein, Junge! Mrs. Smith möchte dir auch für deinen Weg alles Gute wünschen.“
Daraufhin nahm auch sie mich einfach in den Arm und drückte mich fest. Sie sagte nichts aber ich konnte ihr ansehen, dass sie sehr bewegt war.
Jetzt fragte ich wieder:
„Habt Ihr Euch denn alle verschworen, um mir diese Überraschung zu bereiten?“
Das darauffolgende Schweigen und die drei lächelnden Gesichter Firehands, Mrs. Smith‘ und Mr. Wallace‘ waren mehr als beredt.
Wir setzten uns alle wieder hin und die neu hinzugekommenen wurden vorgestellt. Dass sich jetzt eine Dame am Tisch befand, war für die ziemlich rauen Burschen etwas Neues, wie es auch überhaupt ziemlich ungewöhnlich war. Aber an diesem besonderen Abend, war das allenfalls eine Randnote.
Ich konnte mein Glück gar nicht fassen und so kam es, dass ich den weiteren Gesprächen nicht richtig folgte. Der Abend verging und ich ging mit Mr. Wallace und ... Mrs. Smith nach Hause.
Anscheinend hatte ich, da ich in den letzten Wochen ausschließlich mit meinen eigenen Problemen beschäftigt war, so einiges nicht mitbekommen. Natürlich in erster Linie, dass Mr. Wallace offensichtlich, seit er mir die Wahrheit über meine Herkunft erzählt hatte, geplant hatte, was heute Abend auch für mich offenbar wurde. Nämlich, dass ich mich auf eigene Faust auf die Suche machen sollte und dazu bei den richtigen Leuten die nötigen Kenntnisse und Fertigkeiten erwerben sollte.
Darüber hinaus hatte ich aber auch nichts davon bemerkt, dass er und Mrs. Smith sich nähergekommen waren. Hatte er doch endlich seine Scheu überwunden? Es musste wohl so sein, denn er führte sie ja soeben am Arm, mich im Schlepptau, die Firestreet entlang. Als wir an unserem Haus ankamen, meinte er, ich solle schon einmal hineingehen, er werde nur noch Mrs. Smith nach Hause begleiten.
Ich verabschiedete mich also von ihr und sie lächelte mir noch einmal zu und sagte:
„Ich freue mich so für dich, Leo, dass du dem so großen Wunsch nun einen Schritt nähergekommen bist, deine Familie suchen zu können. Ich hoffe für dich, dass die Deinen noch am Leben sind und dass du sie findest. Aber bitte pass‘ auf dich auf! Ich würde mich freuen, dich bald gesund und wohlbehalten wieder hier zu haben!“
Ich dankte ihr von ganzem Herzen und hatte auch gar nichts dagegen, dass sie von Mr. Wallace offensichtlich eingeweiht worden war. Ich fragte mich, welchen Anteil sie wohl daran hatte, dass alles so gekommen war. Ich ging also hinein und ließ die beiden allein.
Als ich zu Bett ging, gingen mir doch noch die Gespräche dieses Abends bei Mother Thick‘s durch den Kopf. Ich hatte mich zwar nicht mehr an diesen beteiligt, aber wohl doch alles erfasst.
Jedenfalls konnte ich mich nun, allein in meinem Zimmer, des Inhaltes der Unterhaltung erinnern. Es war auffällig, dass kein Wort über mein „Vermächtnis“, wie Firehand sich ausgedrückt hatte, am Tisch geäußert worden war. Mr. Wallace, Firehand und Mrs. Smith schienen in stillem Einverständnis darüber zu sein, dass die Gründe für meine „Ausbildung“ zum Jäger und Prairieläufer im Privaten bleiben sollten und dafür war ich ihnen dankbar.
Niemand brauchte zu wissen, was in meiner Familie vorgefallen war. Das konnte ich gut mit mir allein ausmachen. Wie ich nun wusste, gab es außer Mr. Wallace, meinem Ziehvater, noch zwei weitere Personen, die in diese Geschehnisse eingeweiht waren und beide hatten schon bewiesen, dass sie diese Dinge für sich behalten würden. Wenn ich darüber reden wollte, hätte ich wohl in allen dreien Menschen, zu denen ich Vertrauen haben konnte.
Des Weiteren war besprochen worden, dass es, bis zu unserem Aufbruch, nur noch wenige Tage sein würden. Firehand wollte noch auf zwei weitere Kameraden warten, deren Kommen für den nächsten Freitag, also in drei Tagen erwartet wurde. Ihnen würde dann noch ein Tag zum Ausruhen gegönnt und dann sollte es losgehen.
Er hatte sich für den nächsten Morgen angekündigt, um mich „standesgemäß“ auszustatten, wie er sich ausdrückte. Ich rechnete damit, dass er früh hier sein werde und zwang mich daher nun endlich zu schlafen.
Wie ich berechnet hatte, so geschah es; Firehand hatte mit Mr. Wallace vereinbart, ein gemeinsames Frühstück einzunehmen und mich dann zum Einkauf mitzunehmen. Also war er bereits gegen sieben Uhr gekommen und so beeilte ich mich, auch fertig zu werden und am Frühstück teilzunehmen.
Als ich den Speiseraum betrat, stand Firehand von seinem Stuhl auf und begrüßte mich mit Handschlag. Als ich mich gesetzt hatte, fragte er:
„Und? Hast du nach diesem sicher aufregenden Abend gut geschlafen?“
Ich bejahte dies und fragte neugierig:
„Was für Einkäufe werden wir denn heute erledigen, Mr. Firehand?“
„Nun das kommt ganz darauf an, mein Junge.“
„Auf was kommt es an?“
„Darauf, ob du Schießen und Reiten kannst. Wir werden dich heute ein bisschen prüfen und nach dem Ergebnis dieser Prüfungen, werden wir handeln. Also, dich ausstaffieren. Lediglich deine Kleidung ist von keiner Prüfung abhängig. Hier brauchen wir etwas Haltbares, Robustes. Also am besten Lederkleidung. So wie meine Kameraden und ich sie auch tragen. Dann siehst du jedenfalls schon mal aus, wie einer von uns.“
„Schießen und Reiten, … nun ich denke, da kann ich es auf eine Probe ankommen lassen. Habe zwar noch keinen Mustang13 geritten, aber die Pferde der hiesigen Farmer haben mich jedenfalls nicht abgeworfen. Das Schießen wird schon werden, habe ein gutes Gefühl für das Zielen. Jedenfalls treffe ich mit meinem alten Bowie-Knife im Wurf jedes erreichbare Ziel. Gleiches gilt für meine alte Zwille, mit der wir immer am Fluss Ungeziefer jagen. Warum sollte es nicht auch mit einem Revolver oder einem Gewehr klappen?“
„Hoho,“ machte Firehand, „willst doch wohl nicht aufschneiden?“ Er sah mich fragend an. „Bisher hatte ich nicht den Eindruck, dass du ein Gernegroß seist. Ich denke also, dass du es Ernst meinst, mit deinen Worten.“
„Mr. Firehand, das Aufschneiden ist nicht meine Sache. Ich habe ja auch nur gemeint, dass ich mit den Waffen, die ich bisher gehandhabt habe, gute Ergebnisse erzielen konnte. Mir ist durchaus bewusst, dass das Schießen mit einem Gewehr oder einem Revolver etwas ganz Anderes ist. Genauso wie das Reiten eines Mustangs gegenüber dem eines Farmergauls.“
„Recht so, Junge! Aber du liegst schon richtig damit, nicht verzagt an diese Prüfungen heranzugehen. Es soll ja auch kein Examen stattfinden, sondern lediglich festgestellt werden, wie du dich mit Schusswaffen und beim Reiten verhältst. Meister fallen selten vom Himmel, was natürlich nicht heißen soll, dass es mich nicht freute, falls du eine gute Probe machtest.“
Mr. Wallace lächelte zu alldem nur und schien zu wissen, dass ich mich vor Old Firehands Augen nicht blamieren würde. Er sagte:
„Mr. Firehand, ich bin sicher, das Leo Euch keine Schande machen wird. Habt Ihr denn schon die passenden Örtlichkeiten für Eure Proben gefunden?“
„Yes, of course. Wenn man die Stadt in nördlicher Richtung durchquert, befindet sich kurz vor dem Stadtrand auf der rechten Seite der Durchgangsstraße ein Pferdehandel, der bei uns Prairieläufern einen guten Namen hat.
Jos Masterson ist zwar ein Schlitzohr, das seinen Vorteil kennt aber er hat gute Ware und ist bereit, Leo einen Proberitt auf einem guten Pferd machen zu lassen.
Sodann werden wir den guten alten Gunsmith14 auf der Highstreet aufsuchen. Mr. Heintz verfügt über die neuesten 1848‘er Sharps-Karabiner. Hinterlader mit Fallblocksystem und papierummantelten Patronen. Sehr gute Jagd- und Verteidigungswaffen. Spiele selbst mit dem Gedanken, mir ein solches Gewehr zuzulegen.“
„Aber wie soll ich das alles denn bezahlen?“, fiel ich ein, „Habe zwar gutes Geld bei Mrs. Thick in den letzten Wochen verdient, aber das reicht höchstens für den Anzug, nicht aber auch noch für eine gute Bewaffnung und dafür, mich beritten zu machen.“
„Junge,“ meinte da Mr. Wallace, „das lass‘ mal mich machen. Du glaubst doch wohl nicht, dass ich dich mit diesen Jägern und Prairieleuten losziehen lasse, ohne dich ordentlich auszustatten.“
Als ich darauf etwas erwidern wollte, bedeutete er mich, zu schweigen.
„Keine Widerrede! Habe so einiges an dir gut zu machen. Habe viel zu lang geschwiegen und bin untätig gewesen, das muss nun anders werden. Zwar wirst du in einigen Monaten erst sechzehn, doch Mr. Firehand und Mrs. Smith meinten, du seist reif genug, es nun selbst in die Hand zu nehmen. Aber wenigstens deine Ausrüstung will ich übernehmen.“
Was sollte ich da noch sagen? Selbst wenn ich noch einiges hätte vorbringen können, was er schon alles Gute an mir getan hatte, so wusste ich doch, dass ich ohne seine Hilfe keine vernünftige Ausrüstung zusammenbringen würde. Also blieb mir nichts Anderes übrig, als mich herzlich bei ihm zu bedanken, was ich nun auch tat.
Firehand machte dem Reden ein Ende, indem er aufstand und sagte:
„Dann ist das ja jetzt auch geklärt und wir sollten uns auf die Beine machen, um zu Masterson, dem Pferdehändler zu kommen. Er wartet sicher schon auf uns.“
Mr. Wallace begleitete uns zur Tür und wünschte mir viel Glück.
Wir schritten kräftig aus, um rechtzeitig zu Masterson zu kommen. Firehand hatte zwar seine alte Rifle übergehängt, sein Pferd aber im Stall gelassen.
Die paar Schritte durch Jefferson, wollte er zu Fuß gehen. Einen Ausritt wollte er seinem Pferd gönnen, wenn wir es heute schafften, für mich einen passenden Gaul zu finden. Er wollte dann sowohl das Pferd, als auch mich ein wenig eingehender prüfen.
Mr. Wallace hatte mir gesagt, ich solle, im Falle eines Abschlusses, beim Händler angeben, dass er die entstandene Rechnung übernähme. Da Mr. Wallace als Bankier in Jefferson bekannt war und so ziemlich jeder Geschäftsmann seine Verbindungen zum Bankhaus Wallace hatte, sollte es damit keine Probleme geben. Außerdem hatte ich einen berühmten Prairie- und Waldläufer bei mir, dessen Name ebenfalls als Bürgschaft dienen konnte.
Nun kamen wir auf dem Hof des Pferdehändlers an. Der Mann schien gute Geschäfte zu machen. Jedenfalls waren mehrere Stallungen vorhanden und es wurden gerade zwei Männern verschiedene Pferde vorgeführt. Es handelte sich bei diesen Kunden um Farmer, die Pferde für die Arbeiten auf ihren Feldern benötigten, nicht also um Leute, denen es um gute, vielseitige und ausdauernde Läufer ging. Und so wandten wir uns zunächst ab, um die Pferde im Corral15 in Augenschein zu nehmen.
Hier wurden, zu Verkaufszwecken, derzeit drei Pferde gehalten. Weitere befanden sich, wie sich später zeigte, weiter draußen vor der Stadt auf einer größeren Weide. Firehand machte mich gleich auf ein mittelgroßes rotbraunes Pferd aufmerksam und meinte, dass dieser Hengst wohl ein gutes Pferd für meine Zwecke sei.
Er schaute sich aber auch die anderen Tiere noch an und winkte, zur näheren Inspektion, eine der Hands16 des Händlers heran, um sich die Pferde einzeln vorführen zu lassen. Nun fing er an, mit dem Burschen zu fachsimpeln, wobei er sein eigentliches Interesse für den Rotbraunen nicht erkennen ließ. Ich war ziemlich sicher, dass dieses Pferd nach wie vor sein Favorit war, als er alle Pferde im Corral begutachtet hatte.
Nachdem er sich bei dem Helfer bedankt hatte, drehte er sich wieder zu mir um und sagte:
„Und? Was meinst du? Welches dieser Tiere sagt dir zu?“
Hier musste ich ehrlicher Weise gestehen, dass ich keinerlei Kenntnisse auf diesem Gebiet hatte und daher keine Präferenz hatte, obwohl auch mir der Rotbraune sehr gut gefiel.
Firehand sagte:
„Macht nichts, Junge. Das kommt schon noch, wenn du einige Zeit mit uns geritten bist, wirst du die Vorzüge gewisser Pferde schon bald ausmachen können. Hier musst du wohl zunächst meinem Sachverstand vertrauen. Ich bleibe bei meiner ersten Wahl, dem rotbraunen Hengst.
Wie du vielleicht bemerkt hast, steht Masterson schon länger dort hinten auf der anderen Seite des Corrals und beobachtet genau, was hier geschieht, obwohl er sich den Anschein gibt, er sei an den Verhandlungen mit den Farmern interessiert.
Da er aber genau weiß, weshalb ich heute mit dir hier bin, wittert er bereits ein gutes Geschäft. Wollen aber zusehen, dass das Geschäft für beide Seiten ein gutes wird. Darum will ich ihn nicht sofort wissen lassen, wie hoch ich diesen einen Hengst bereits einschätze, ohne dass du ihn Probe geritten hast.“
Ich hatte mir so etwas bei dem Gebaren, das Firehand an den Tag gelegt hatte, schon gedacht, nahm mir also vor, ihn in seiner Absicht zu unterstützen.
Masterson, der Pferdehändler, ließ uns noch ein wenig warten, ehe er so tat, als ob er erst jetzt auf uns aufmerksam wurde und mit ausgebreiteten Armen auf Firehand zuschritt, um ihn lautstark zu begrüßen:
„Old Firehand, endlich einmal wieder in meinen Stallungen! Wie schön Euch zu sehen, Ihr Teufelskerl. Habt Euch zuletzt ziemlich rargemacht. Wart wohl länger im Indianergebiet, als Ihr Euch vorgenommen hattet, wie?“
„War wirklich anders geplant,“ erwiderte Firehand, „hatten aber ein wenig Ärger mit den Roten und mussten länger in den Rockies17 bleiben, als uns lieb war. Haben aber alle Felle glücklich herüber und an den Mann gebracht und werden bald wieder losmachen.“
„Weiß es, weiß es, Sir! Habt so einiges durchgemacht da oben in den Felsenbergen. Eure Erlebnisse sind Euch bereits vorausgeeilt. Gibt kaum einen Jäger oder Fallensteller, der hier nicht von Euch zu berichten wusste. Außerdem hat Euer Kamerad Korner schon vieles berichtet, als er Euren Besuch hier gestern angekündigt hat.“
„Gut, dann wisst Ihr ja bereits, weshalb ich Euch aufsuche. Dieses Mal benötigen wir ein Pferd für unseren neuesten Kameraden hier. Ich möchte Euch den jungen Mann vorstellen. Das ist Leo, der Ziehsohn von Mr. Wallace, dem Bankier.“
„Good day, Leo! Also, wie ich gehört habe, gilt es zunächst mal eine Reitprobe zu unternehmen, richtig?“
„Alright“, erwiderte ich, „muss wohl unter Beweis stellen, dass ich nicht so leicht vom Pferd falle. Habt Ihr denn ein geeignetes Tier zu diesem Zweck?“
„Of course, kommt einmal mit Ihr Leute! Hier im Stall habe ich heute einige Gäule, die ich an die hiesigen Farmer zu verkaufen gedenke. Für eine Reitprobe scheinen sie mir aber genau richtig. Sucht euch eines aus, wir werden dann ein Stück hinaus aus dem Ort, zu meiner Weide gehen, damit die Probe auch vernünftig vonstattengehen kann“.
Firehand zwinkerte mir zu und suchte einen starkknochigen Klepper aus, der allerdings mehr zu Feldarbeiten, als zu den von uns vorgesehenen Zwecken geeignet war. Masterson beauftragte den jungen Mann, der uns eben die drei Tiere aus dem Corral vorgeführt hatte, den Klepper aus dem Stall zu holen und zu satteln. Wir gingen inzwischen voraus an den Rand der Stadt, wo sich westlich des Fahrwegs der Überlandkutschen die Weiden Mastersons ausdehnten.
Hier schauten wir uns noch ein wenig um. Masterson hatte da ein riesiges Areal, auf welchem die Pferde frei grasen und sich weitläufig bewegen konnten. Zum Stadtrand hin befanden sich noch einige Stallungen, für alle Tiere. Masterson erklärte mir, dass die derzeit in den Stallungen seiner Offices befindlichen Tiere üblicher Weise auch hier gehalten würden und dass die Pferde jeden Tag erst, abhängig von angekündigter Kundschaft und Bestellungen, ausgewählt und in die Stallungen oder den Corral in der Stadt gebracht würden.
Ich hatte die weidenden Pferde hier schon oft gesehen und gemutmaßt, wem all diese Tiere wohl gehören mochten. Nun hatte ich den Besitzer und Pferdehändler gleich selbst kennengelernt. Mr. Masterson machte einen guten Eindruck auf mich. Freundlich und kernig. Jedenfalls mochte ich keine Falschheit in seinem Blick erkennen. Allenfalls unterstellte ich ihm ein gutes Maß Schalkhaftigkeit und Cleverness. Aber die musste in seinem Geschäft ja auch sein.
Jetzt kam die Hand mit dem gesattelten Ackergaul und Firehand zeigte mir an, aufzusteigen, wobei er das Pferd an den Zügeln hielt. Er fragte mich, ob das Pferd geführt werden solle. Als ich ihn daraufhin anblickte, zwinkerte er mir zu. Ich verstand den Wink und bejahte die Frage, mir einen unsicheren Ausdruck gebend, als ich aufstieg.




