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Er schichtete daher ein wenig Holz rund um die Feuerstelle auf, um das Feuer von der Seite abzuschirmen und legte das Feuerholz im Kreise so zusammen, dass lediglich die Enden der Hölzer aneinanderstießen. Fachte man nun das Feuer in der Mitte an, so glomm nur eine kleinere Flamme, deren Höhe man dadurch regulieren konnte, dass man die Hölzer weiter zusammenschob oder auseinanderzog.
Da wir aber nun bald die Hühner zubereiten wollten, die Bulcher und Sanders schon gefiedert hatten, meinte er, könne man zunächst noch ein stärkeres Feuer anmachen. Firehand wollte jedoch erst die nähere Umgebung erkunden und also schauen, ob ein solches Feuer noch möglich sei.
Er bat mich, ihn zu begleiten. Als wir uns einige Schritte entfernt hatten, sagte er:
„Sind noch in ziemlicher Nähe der Siedlungen, daher denke ich, haben wir kaum etwas zu befürchten. Indianer streifen in diesen Gegenden schon seit mehreren Jahren nicht mehr umher und weißes Gesindel ist auch eher nicht in der Nähe von Ansiedlungen anzutreffen. Zumindest nicht, wenn es nichts zu holen gibt. Das Nest da drüben,“ er meinte Jamestown, „scheint mir nicht gerade eines mit goldenen Eiern darin zu seien. Wollen aber keine Vorsicht versäumen und unser Wäldchen und seine Umgebung ein wenig inspizieren.“
Er ging also leisen Schrittes voran und ich folgte ihm drein. Die Dämmerung senkte sich, wie immer in dieser Gegend, recht schnell herab, so dass uns nur wenig Zeit blieb, unsere „Inspektion“ bei Tageslicht durchzuführen.
Wir gingen noch eine gute halbe Meile in Richtung Jamestown, also nach Südost zurück, um uns dann nach Südwest zu wenden und in einem Umkreis von einer halben Meile unseren Lagerplatz im Uhrzeigersinn zu umrunden. Dabei hielt Firehand nach allen Seiten Ausschau. In dem hohen Prairiegras hielten wir uns gebückt, um von weitem nicht sofort gesehen zu werden, sollte sich jemand unserem Wäldchen nähern. Als wir unsere Runde vollendet hatten, war die Dämmerung schon weit fortgeschritten. Wir kehrten jetzt um, um uns dem Wäldchen wieder zu nähern. Nach einigen Schritten blieb Firehand stehen, hielt mich am Arm zurück und bat mich, ebenfalls stehen zu bleiben. Er fragte:
„Kannst du dir denken, weshalb ich hier stehen bleibe?“
Ich antwortete:
„Habe gesehen, wie Ihr die Nase in den Wind hieltet, bevor Ihr stehen bliebt, Mr. Firehand. Ich denke daher, dass auch ich jetzt einmal Witterung aufnehmen sollte.“
„Nun, was witterst du?“
„Ich rieche Rauch. Da der Wind von Nordwest kommt, also aus der Richtung unseres Lagerplatzes, denke ich, dass es sich um unser Feuer handelt.“
„Denke es auch. Da wir den Rauch bereits hier wahrnehmen können, muss es sich um ein größeres Feuer handeln. Also hat Korner, das alte ‘Coon, ohne unsere Rückkehr abzuwarten, das größere Kochfeuer bereits entzündet. Werde ihm dazu wohl noch Bescheid geben.“
Bei diesen Worten machte er auf mich aber nicht den Eindruck, als sollte dieser Bescheid allzu deutlich werden. Dann sagte Firehand:
„Hast übrigens eine gute Nase, mein Junge. Habe den Rauch tatsächlich auch erst an dieser Stelle bemerkt. Musst nur noch lernen, deinen Sinnen zu vertrauen und auf dieselben zu hören. Soll heißen, sie zu deiner Vorsicht zu nutzen.“
„Werde es mir merken“, sagte ich „und bei Gelegenheit meine Schlüsse ziehen.“
„Und welche wären das, in dem Falle, dass du Rauch bemerkst?“
„Nun, das liegt auf der Hand. Im Zweifel muss ich voraussetzen, dass der Rauch nicht von einem Feuer herrührt, das meine Kameraden unterhalten. Ich würde mich also vorsichtig und möglichst leise dem Feuer nähern und dabei versuchen, zu erkunden, welches die Ursache desselben ist oder wer das Feuer unterhält.“
„Schön und gut,“ meinte Firehand, „ob dies allerdings so gelingen würde, wie du dir das zu denken scheinst, möchte ich doch bezweifeln. Das Annähern oder, notwendigen Falles, das Anschleichen sind dann doch Fertigkeiten, zu denen viel Übung und Erfahrung erforderlich ist.“
„Mr. Firehand,“ unterbrach ich ihn, „mir ist klar, dass ich diese Fertigkeiten noch nicht besitze, aber Ihr wolltet wissen, welche Schlüsse ich ziehen würde. In meiner jetzigen Situation, würde ich also einen Kameraden auf meine Beobachtung aufmerksam machen und ihn bitten, der Quelle nachzugehen.“
„So ist‘s richtig, Junge. Leichtsinn kann hier leicht ins Verderben führen, aber wie ich mir bereits dachte, verschwende ich meine Ermahnungen an den falschen Mann. Es ist immer gut, wenn man seine Möglichkeiten und Fähigkeiten richtig einzuschätzen weiß. Scheint mir bei dir der Fall zu sein. Werde also meine Ermahnungen künftig sparsamer austeilen.“ Er lächelte mich an. „Heute Abend scheinen sie bei Korner auch angebrachter.“
Wir gingen weiter in Richtung des Wäldchens und konnten auch bald das Feuer sehen, das doch weit in die Ebene hineinschien, also tatsächlich recht groß sein musste.
Wir gingen vollends heran und als die Pferde unsere Annäherung bemerkten, schnaubte der Rappe Old Firehands vernehmlich. Clinton, der die Pferde beaufsichtigte, hielt sofort sein Gewehr schussbereit und schaute sich um. Als er uns sah, wollte er uns zunächst zum Stehenbleiben auffordern, konnte aber bereits erkennen, wen er vor sich hatte und ließ das Gewehr wieder sinken.
„Wenigstens einer ist hier wachsam“, meinte Firehand zu Clinton gewandt.
„Komm mit zum Feuer, Frank. Für die nächsten Stunden, ist keine Annäherung irgendwelcher Leute zu befürchten. Unser Freund hier und ich haben die Umgebung eine halbe Meile breit abgesucht. Innerhalb des Kreises waren keine verdächtigen Spuren zu bemerken und, soweit die Sicht reichte, auch keine Annäherung von Menschen.“
Clinton schloss sich uns an, und wir setzten uns zu den anderen an das Feuer. Firehand setzte sich neben Korner und ich sah, dass er diesem etwas zuraunte. Korner senkte ein wenig den Kopf und machte einen etwas betretenen Eindruck. Ich nahm also an, dass Firehand ihn wegen des zu früh entfachten Feuers zurechtgewiesen hatte. Dass er dies aber nicht vor der versammelten Kameradschaft tat, nahm mich noch weiter für ihn ein. Korner machte auch eher einen dankbaren, als einen gekränkten Eindruck.
Als wir die Hühner verspeist hatten, wurden die Wachen verteilt und das Feuer in der vorhin von Korner erklärten Weise weiter unterhalten. Firehand meinte, dass ein solches Feuer in dieser Gegend vertretbar sei. Außerdem seien genug Leute anwesend, um Wachen auszustellen und dennoch einen tüchtigen Schlaf tun zu können.
Diese Voraussetzung erwies sich als richtig. Nachdem meine Wache, die ich zusammen mit Bulcher hielt, vorüber war, legte ich mich schlafen und wurde früh am Morgen vom Kaffeeduft geweckt. Die Nacht war ohne Zwischenfälle verlaufen. Wir frühstückten ein wenig von den Resten des Huhns vom gestrigen Abend, tranken unseren Kaffee und machten uns fertig zum weiteren Ritt, bei dem wir den Bogen, den der Missouri hier nach Westen machte, abzuschneiden gedachten.
Am Abend des Tages hatten wir, nach einem ebenso weiten Ritt, wie am Vortag, die Gegend von Booneville erreicht. Hier waren wir an einem der letzten Vorposten der Zivilisation angekommen. Es gab hier Salzquellen, die vor allem die Brüder Nathan und Daniel Morgan Boone, Söhne des legendären Pioniers und Waldläufers Daniel Boone, einige Jahre ausgebeutet und das gewonnene Salz nach St. Louis verbracht hatten.
Wir machten an einer der inzwischen verlassenen Salzquellen halt und verbrachten hier die Nacht. Firehand wollte, weiter über Arrow Rock, den nächsten Bogen des Flusses abschneiden, und bei Carrolton am anderen Ufer, an einer ihm bekannten Furt, den Missouri überqueren. Von dort sollte es weiter nordwestlich durch die Prairie in Richtung Saint Joseph gehen. Hier wollten wir dann dem Lauf des Missouri weiter bis zur Mündung des Quicourt29 in den Missouri folgen. Firehand schätzte, dass wir für diesen Ritt ungefähr zwei Wochen brauchen würden.
Über den weiteren Weg entlang des Missouri gibt es im Grunde nicht viel zu berichten. Firehand führte uns durch die Prairie und Flusslandschaften und ich staunte über die Schönheit der Natur entlang der Strecke.
Tagsüber wechselten wir uns mit der Jagd ab und abends wurden am Feuer die erlegten Tiere zubereitet. Waren es zu Beginn unseres Ritts häufig Hühnervögel und Kaninchen, kamen wir später in Gegenden, in denen wir auch auf Elks30 und anderes Wild gehen konnten.
Firehand nutzte jede Gelegenheit, mich weiter zu unterweisen. So nahm er mich jedes Mal zur Seite, wenn wir auf eine Fährte stießen. Dann erklärte er mir, wie solche Fährten zu lesen waren.
Als wir nach ungefähr einer Woche den Nebraska31, einen der größeren Zuflüsse des Missouri überqueren wollten, hielten wir uns weiter westlich des Missouri und befanden uns damit mitten in der hier sanft hügeligen Prairie. Firehand kannte am Nebraska eine Furt. Die Ebene wurde hier durch einen Bach, den Cedar Creek, durchschnitten, der an der Furt in den Nebraska mündete.
Wir waren noch gute vier bis fünf Meilen von der Furt entfernt, als Firehand mich wieder einmal zu sich winkte. Er deutete in Richtung Norden und fragte mich, ob ich dort etwas Auffälliges bemerken würde. Ich sah in die angegebene Richtung und stellte, ungefähr einhundert Schritt voraus, eine Linie im Gras fest, die fast genau von Ost nach West verlief oder umgekehrt.
Ich sagte also:
„Ich sehe dort drüben eine deutliche Linie im Gras, die quer zu der von uns eingehaltenen Richtung verläuft.“
„Und was hältst du davon?“ fragte er.
„Ich denke, dass es sich um eine Fährte handelt.“
„Okay, damit wirst du wohl recht haben. Was für eine Fährte wird das sein?“
„Das kann ich nicht wissen, ohne dass ich sie mir angesehen habe.“
Die Kameraden waren nun auch herangekommen und beobachteten amüsiert, wie ich examiniert wurde. Bulcher lächelte wissend. Er konnte sich wohl denken, wie ich mich fühlte und dass ich einen Fehler unbedingt vermeiden wollte. Wir hatten des Abends, wenn wir uns lagerten und Firehand mich nicht für irgendwelche Übungen in Beschlag nahm, Freundschaft geschlossen.
Er hatte mir erzählt, dass auch er von Firehand in die Fertigkeiten eines Jägers und Prairiemanns eingewiesen worden war und wie sehr er sich noch heute ärgerte, wenn dieser einmal mehr unter Beweis stellte, dass er uns allen haushoch überlegen war. Aber er sagte, das stachele ihn nur an, noch besser zu werden. Er meinte, ich hätte die meisten der Kameraden bereits überflügelt und stelle mich gut an. Nun war er wohl neugierig, wie ich mich heute, bei der neuerlichen Prüfung Firehands, schlagen würde.
„Hm“, machte Firehand, „das kann man in diesem Falle schon wissen, ohne dass man hinüberreitet, um sich die Spur näher anzusehen, strenge mal deinen gar nicht so dummen Kopf an, Junge.“
So durch Firehand darauf aufmerksam gemacht, dass die Spur etwas an sich hatte, dass weitere Schlüsse zuließ, dachte ich nach und mir kam ein Gedanke.
„Nun, ich denke, es handelt sich um eine Fährte, die durch Menschen verursacht wurde, entweder um Fußgänger oder Reiter.“
„Wie kommst du darauf?“
„Die Spur verläuft schnurgerade. Ein einzelnes Tier, welches nicht von einem Menschen geführt wird, würde eine solch gerade Linie nicht einhalten, jedenfalls nicht über einen so langen Abschnitt.“
Die Fährte war in beiden Himmelsrichtungen weit sichtbar. Im Osten verlor sie sich am Horizont und im Westen überquerte sie eine der erwähnten weitläufigen Erhebungen.
„Kein schlechter Gedanke“, meinte Firehand, „sehe das auch so. Was glaubst du, in welcher Richtung sie verläuft.“
Jetzt war ich auf der Hut. War ich auf seine erste Frage nicht vorbereitet gewesen und hatte daher zunächst eine wenig geistreiche Antwort gegeben, sollte mir dies nicht noch einmal passieren. Ich überlegte also kurz und sagte dann:
„Ich denke, sie verläuft von West nach Ost.“
„Wieso das?“
„Seit einigen Stunden wehte uns der Wind von Osten um die Ohren, so dass er schon fast stürmisch genannt werden musste. Das hohe Gras hat sich daher nach Westen geneigt. Der Wind hat gerade vor etwa einer halben Stunde nachgelassen. Eine aus dieser Entfernung so deutliche Fährte kann eigentlich nur entstanden sein, wenn sich der oder die Menschen gegen den Wind bewegt haben, damit gegen die Neigungsrichtung der Halme, also nach Osten.“
Firehand schaute zu Bulcher hinüber, der breit grinste und nickte. Als ich wieder zu Firehand hinübersah, nickte der nur knapp, tippte anerkennend an seine Fellmütze und sagte:
„Alright, hast gerade wieder unter Beweis gestellt, dass man mit ein bisschen Grütze im Kopf eine ganze Menge anstellen kann. Werden uns jetzt aber diese Fährte doch einmal genauer ansehen, auch wenn ich denke, dass hier keine Gefahr vorliegt.
Wir befinden uns in der Nähe von The Barracks, einem Handelsposten an der Mündung des Nebraska, der ja inzwischen auch Platte River genannt wird, in den Missouri. Soll sich inzwischen zu einer echten Ansiedlung gemausert haben und heißt seit kurzer Zeit, ganz nach seiner Lage, Plattsmouth. Die Anwesenheit von Menschen in dieser Gegend ist also ganz natürlich und wird wohl keinen für uns gefährlichen Grund haben.“
Firehand sagte den Kameraden, sie sollten schon einmal weiter vorausreiten, immer am Cedar Creek entlang, in Richtung der Furt über den Nebraska, er werde mit mir die Spur noch weiter in Augenschein nehmen. Niemand hatte etwas dagegen. Nur Bulcher begleitete uns. Wir ritten also vollends zur Spur hinüber und konnten jetzt erkennen, dass sie nicht von Fußgängern ausgetreten worden war.
„Eindeutig Pferdespuren!“, meinte Bulcher, „was meinst du, Leo? Wie viele Tiere?“
Man konnte sehen, dass zwei Pferde nebeneinander geritten waren und mindestens ein weiteres Pferd dahinter oder davor geführt worden war. Ich schaute näher hin und stellte fest, dass die Eindrücke der Tiere von beschlagenen Hufen herrührten. Die Kanten der Beschläge waren eindeutig in dem saftigen Gras erkennbar. Die Spuren deuteten darauf hin, dass der einzelne Reiter den beiden nebeneinander geführten Pferden voraus war.
Ich teilte Firehand und Bulcher meine Beobachtungen mit. Firehand fragte:
„Wieso denkst du, das einzelne Tier sei voran geritten?“
„Nun, die Spur des einen Tieres wird zum Teil überlagert von weiteren Hufabdrücken. Die anderen Spuren, der nebeneinander geführten Tiere, weisen diese Besonderheit nicht auf. Dass es sich bei den überlagernden Abdrücken nicht um die der Hinterhand des voranreitenden Tieres handelt, wird deutlich, wenn man die Spur ein wenig zurück betrachtet, wo die Fährten der Tiere eine Zeit lang parallel verlaufen. Ich denke also, dass zwei Tiere dem voranreitenden Tier gefolgt sind.“
„Sehr schön, sehr schön. Und welche Schlüsse ziehst du nun aus deinen Beobachtungen?“
„Es handelte sich mit einiger Sicherheit um Weiße. Die Pferde von Indianern sind normaler Weise nicht beschlagen. Ebenso ist sicher, dass es sich, wie ich bereits sagte, um drei Tiere handelte. Das ist daran zu erkennen, dass nur zwölf unterschiedliche Hufabdrücke erkennbar sind, wovon vier weniger rund und etwas kleiner sind, als die anderen. Daher denke ich, dass hier zwei weiße Reiter auf Pferden vorüber gekommen sind, wovon einer einen Esel oder ein Maultier am Zügel oder Seil neben sich herführte. Es könnte auch ein Reiter auf dem Esel gesessen haben, ich denke aber, dass dies nicht der Fall war. Der Handelsposten am Missouri, zu dem diese Reiter höchst wahrscheinlich unterwegs waren, spricht dafür, dass der Esel oder das Maultier als Lasttier mitgeführt wurde, um die in Plattsmouth zu verkaufenden Waren zu tragen.“
„Spricht ganz wie ein Alter, meinst du nicht auch, Firehand?“, ließ Bulcher sich nun hören. „Denke aber auch, dass es so gewesen sein wird.“
„Ja, ich stimme euch zu.“, sagte Firehand, „Bin aber doch überrascht, was du schon alles aus diesen Spuren zu lesen vermagst, Leo. Ich sagte es ja vorhin bereits, ein wenig Grütze im Kopf ist doch zuweilen ganz hilfreich. Kann einmal wichtig werden oder sogar das Leben davon abhängen, sich bei solchen Spuren nicht zu irren. Was denkst du, wie alt diese Spur ist?“
„Ich meine, dass sie nicht älter als eine gute Stunde sein kann.“
„Oho,“ machte nun Bulcher, „verrennst du dich da nicht, Leo? Sicher, dass du das so genau weißt?“
„Ich denke schon. Habe schon zuvor gesagt, dass der Wind, der für das Niederdrücken des Grases in Richtung Westen verantwortlich war, vor nun ungefähr einer drei Viertelstunde nachgelassen hat. Wären die Reiter vorher hier entlanggekommen, wäre die Fährte nicht so deutlich gegen den Strich des Grases zu sehen. Der Wind hätte das gegen den Strich durch die Reiter aufgerichtete Gras wieder niedergedrückt. Dann wäre die Spur für uns erst sichtbar gewesen, wenn wir ihr viel nähergekommen wären.“
Bulcher schaute mich zunächst mit großen Augen an, dann fing er lauthals an zu lachen. Firehand sagte gar nichts und ich wollte schon unsicher werden, ob meine Schlüsse vielleicht einen großen Bock enthielten. Da beruhigte sich Bulcher wieder und sagte:
„Ich kann nicht glauben, dass du erst eine Woche mit uns hier draußen unterwegs bist. All deine Beobachtungen treffen den Nagel auf den Kopf. Ich kann Firehand förmlich ansehen, dass er das alles genauso auch beurteilt hat und nun mächtig stolz auf dich ist. Da hat er dich vor wenigen Tagen noch ein Greenhorn genannt und nun läufst du hier draußen rum, und erklärst einem alten Hasen wie mir, so mir-nichts-dir-nichts eine Fährte, ohne dabei auch nur einen kleinen Fehler zu machen. Bin auch vollends davon überzeugt, dass du mit deinen Schlüssen richtigliegst. Lass‘ dir mal von mir ein wenig auf die Schulter klopfen, Junge.“
Er kam auf mich zu und tat ausgiebig, was er angekündigt hatte, indem er klopfte, was das Zeug hielt. Firehand ergriff mich ebenfalls bei der Schulter, sah mich nur an und nickte. Mehr war nicht nötig.
Wir saßen auf, und ritten den anderen, am Creek entlang, hinterher, um sie noch vor der Furt über den Nebraska einzuholen. Ich empfand großen Stolz über das Lob meiner beiden Gefährten und hielt mich hinter ihnen, um das Gefühl noch ein wenig auszukosten.
Eine Verfolgung der Spur war nicht notwendig gewesen, da die Beobachtungen, die wir gemacht hatten, lediglich bestätigten, dass Weiße nach Plattsmouth gegangen waren, um dort Waren an den Mann zu bringen. Eine Gefahr für uns war deshalb nicht zu besorgen und so konnten wir unseren Ritt ohne Unterbrechung fortsetzen.
Bei der Furt gab es ein größeres Zedernwäldchen, nach welchem der Cedar-Creek, der hier in den Nebraska mündete, wohl benannt worden war. In der Nähe dieses Wäldchens machten wir für heute halt.
Firehand hatte eine Stelle zum Lagern ausgesucht, die besser gar nicht geeignet sein konnte. Wir hatten Wasser aus dem Nebraska und jenen Fluss direkt im Rücken. Nach Süden schloss unser Lagerplatz mit einem kleinen Buschwerk ab. Sodass wir nur eine Wache vor diesem Gebüsch abzustellen brauchten, um uns völlig sicher fühlen zu dürfen. Das Buschwerk musste ein von uns angefachtes Feuer weithin gegen Sicht abschirmen. Wir lagerten nicht an der Furt, sondern ein gutes Stück flussaufwärts derselben. Der Nebraska hatte hier eine größere Tiefe und Strömung. Es hätte wohl, zumal bei Nacht, kein Mensch gewagt, den Fluss hier zu durchschwimmen.
Nachdem wir jetzt neun Tage unterwegs waren, waren heute Firehand und ich an der Reihe, die Gesellschaft mit etwas Essbarem zu versorgen. Während unseres heutigen Rittes hatten wir keinerlei Wild oder Geflügel zu Gesicht bekommen. Hier in dieser Gegend konnten wir aber sicher sein, noch erfolgreich bei der Jagd zu sein. Firehand hatte deshalb und wegen des guten Lagerplatzes heute schon früher zum Lagern geraten. In der näheren Umgebung unseres Lagerplatzes hatten wir, außer ein paar Wasservögeln, keinerlei Tiere bemerkt. Es würde noch gute drei Stunden Tageslicht geben und so stiegen wir wieder in die Sättel, um noch ein wenig weiter westlich nach jagdbaren Tieren zu suchen.
Wir waren ungefähr eine halbe Stunde geritten, als Firehand sein Pferd anhielt und das Fernrohr, das er in einer seiner Satteltaschen mitführte, zur Hand nahm. Er richtete es auf eine Baumgruppe, die in südöstlicher Richtung vor uns lag. Als er einige Sekunden hindurchgesehen hatte, reichte er es mir mit den Worten herüber:
„Habe mir doch gedacht, dass wir hier auf größeres Wild treffen würden. Weiß noch von früher her, dass es hier Hirsche gibt. Handelt sich um White-Tails32. Geben einen saftigen Braten ab, denke ich. Sieh mal in Richtung des Wäldchens dort hinten. Wenn du den Rand absuchst, wirst du einen ausgewachsenen Hirsch beim Äsen sehen.“
Ich nahm das Fernrohr vor das Auge und suchte den Waldrand ab. Und …, ja da sah ich den Hirsch. Ich fragte:
„Wie kommen wir an ihn heran, um sicheren Schuss zu haben?“
„Der Wind geht nach wie vor von Osten. Wir kommen von Norden, er wird uns also nicht winden. Werden sicherheitshalber noch einen Bogen nach Südwest schlagen, dass wir gegen den Wind herankommen. Go on!“
Bei diesen Worten gab er seinem Rappen die Fersen in die Weichen und galoppierte in der angegebenen Richtung davon. Ich tat es ihm gleich und holte schnell auf.
Als wir gut eine halbe Meile westlich des Wäldchens an einem Gesträuch hielten, dass uns davor schützte, selbst gesehen zu werden, sahen wir den Hirsch, wie er sich äsend weiterbewegte. Wir waren jetzt in seinem Rücken. Firehand stieg ab, hobbelte seinen Rappen hinter dem Gesträuch an und mahnte mich, das Gleiche zu tun. Wir nahmen unsere Gewehre zur Hand und Firehand sagte:
„Kriegt uns nicht in die Nase das Tier, wollen aber nun vorsichtig sein. Wir werden noch ein gutes Stück zu Fuß herangehen und sehen, wie weit wir uns wagen können. Möchte, dass du ihn dann aufs Korn nimmst. Will doch sehen, ob du heute auch noch Jagdglück hast.“
Mit jedem Schritt, den wir uns dem Hirsch näherten, merkte ich, dass mein Puls schneller ging. Ich spürte, dass mich das Jagdfieber packte und muss gestehen, dass es mir schwerfiel, Ruhe zu bewahren. Firehand schritt voran und setzte näherkommend, immer vorsichtiger und geräuschloser einen Fuß vor den anderen. Als er hielt, wäre ich ihm fast in den Rücken gelaufen. Er drehte sich um und raunte mir zu:
„Machst ja einen Lärm, wie eine ganze Büffelherde.“ Er schaute mich an. „Hast einen knallroten Kopf! Sollte dich etwa das Jagdfieber gepackt haben? Atme einmal tief durch, Junge und dann folge mir weiter. Von jetzt an aber, werden wir uns langsam weiter heranrobben. Das Gras ist hier nicht so hoch, dass wir den Hirsch nicht sehen würden.“
Ich versuchte, wieder ruhiger zu werden und hielt mich neben Firehand. Als wir wieder eine ganze Strecke zurückgelegt hatten, konnten wir sehen, wie der Hirsch den Kopf hob und windete. Wir blieben jetzt liegen, wo wir waren und beobachteten weiter. Der Hirsch hatte nichts gewittert und fuhr fort, das Gras abzufressen.
„Sollten uns jetzt nicht mehr weiter heranwagen.“, meinte Firehand, „könnten uns sonst alles verderben. Ist ein vorsichtiger Bursche der Hirsch. Die Entfernung scheint mir auch passabel.“
Mein Puls ging immer noch schneller als gewöhnlich, aber seltsamer Weise merkte ich nun, wie ich immer ruhiger wurde, je näher der Moment kam. Ich nahm also meinen Karabiner vor und lud die Waffe durch. Auch Firehand lud seine Waffe und sagte:
„Liegend hast du hier keine gute Sicht. Ich würde ihn kniend anvisieren. Versuche einen Schuss in die Flanke. Leicht rechts oberhalb des Vorderbeines.“
Ich ging also in die kniende Schussposition und war nun sicher, das Tier nicht zu verfehlen. Als ich soeben den Abzug betätigen wollte, passierten zwei Dinge gleichzeitig. Aus den Wipfeln der Bäume des Wäldchens stoben ein paar Vögel auf, der Hirsch hob den Kopf und schnellte fast augenblicklich vorwärts. Ich versuchte, der Bewegung zu folgen und zog den Hahn durch. Der Schuss knallte und der Hirsch sprang weiter.
Jetzt hob Firehand das Gewehr und schoss. Der Hirsch knickte in den Vorderläufen ein und fiel ins Gras. Ich wollte schon aufspringen und hinübereilen, da hielt Firehand mich zurück und raunte mir zu:



