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Meine Aufenthaltsbewilligung wurde jährlich erneuert. Nach zwanzig Jahren, zehn davon im Kanton Zürich, wies mich eine Verwaltungsangestellte darauf hin, dass ich mich nach geltendem Ausländerrecht um die Niederlassung und danach um die Schweizer Staatsbürgerschaft bewerben könne. Das tat ich dann auch. Der zuständige Beamte der Stadt Zürich vertröstete mich jahrelang, genoss aber sehr seine Allmacht, indem er demonstrativ beim routinemäßigen Gespräch mein Dossier, das jeweils schon ganz oben am Stapel lag, herausnahm, um es dann ganz unten wieder einzufügen. Ich müsse noch warten, beschied er mir, natürlich ohne jede Begründung. Es war die reine Willkür. Und es war klar, dass die Verweigerung der baldigen Einbürgerung mit meinem politischen Engagement gegen die Militärdiktatur in Griechenland zu tun hatte. Wäre ich gegen eine linke Diktatur engagiert gewesen, so hätte dies meine Einbürgerung beschleunigt. Aber in Griechenland herrschte eine von der NATO unterstützte rechtsextreme Militärdiktatur. Jeglicher Widerstand wurde blutig niedergeschlagen, die Gefängnisse waren überfüllt mit politischen Gefangenen. Der zivile Widerstand eines Griechen, der seit seinem neunten Lebensjahr in der Schweiz lebt und sich nun um die Schweizer Staatsbürgerschaft bewirbt, war offensichtlich in jener Zeit des Kalten Kriegs Grund genug für politische Missverständnisse in den Beamtenköpfen, um so mein Anliegen auf Einbürgerung auf die lange Bank zu schieben. Ich hätte politischen Verrat an meiner Heimat, aber auch an meinem Schweizer Demokratieverständnis begehen müssen, um schneller Schweizer zu werden. Es gab trotzdem auch Schweizer, die gerade meinen Kampf um die Rückkehr der Demokratie in Griechenland als Beweis für eine genügende Integration in der Schweiz und in ihr politisches System ansahen.
Damals sprach der Philosoph Theodor W. Adorno von der Notwendigkeit einer Entbarbarisierung der Schulen. Denn Europa habe es nach den Schrecken des Zweiten Weltkriegs verpasst, Nationalismus, Intoleranz und Kulturchauvinismus zu überwinden. Er plädierte für eine wertfreie Schule, die allen dieselbe Möglichkeit verschaffe, sich zu entfalten. Ich habe mich später in meiner Tätigkeit als Kantonsschullehrer sehr für eine Schule engagiert, die diese Spaltung für die Ausländer der zweiten Generation verhindert, die es ihnen erlaubt, unverkrampft in beiden Kulturen zu Hause zu sein. Damals ging es unter anderem um einige Unterrichtsstunden in der Muttersprache im Stundenplan der offiziellen Primarschulen, als Anerkennung des Rechts auf kulturelle Gleichberechtigung. Es war ein Anfang. Und auch wenn sich seither viel getan hat, zweifle ich, ob wir auf der politischen Bühne wirklich viel weiter gekommen sind. Denn im Kern geht es doch darum, von den ausländischen Mitbürgern nicht nur zu verlangen, sich zu integrieren, sondern dies auch im Geiste unserer Verfassung zu tun, die gerade die kulturelle Vielfalt zum Maßstab der Gesellschaft macht. Dann sprechen wir nicht mehr von einem Ausländer-, sondern von einem Minderheitenproblem mit ganz anderen Lösungsansätzen. Dazu zählt unter anderem auch die Teilnahme an der Entscheidungsfindung, im Klartext: Es geht um die Bürgerrechte. Sie müssen das Ziel der Integration sein. Integration bedeutet für mich deshalb, diese Bürgerrechte nicht nur zu kennen, sondern sie auch auszuüben. Voraussetzung dafür ist es, sich mit der Politik seiner neuen Heimat praktisch auseinanderzusetzen. Eine wahre Integration kann sich nicht nur auf theoretische Kenntnisse elementarer Gepflogenheiten oder der Landessprache alleine beschränken. Bürgerrechte bedingen auch die Ausübung der Bürgerpflichten.
Ich habe den Schweizer Pass 1973 schließlich doch noch erhalten. Es war für mich auch aus einem ganz anderen Grund eine vitale Frage: Da mein griechischer Pass aus Schikane der Diktatoren seit Jahren nicht mehr verlängert wurde, konnte ich erst jetzt wieder frei reisen. Ich lebe nun gleichzeitig in zwei Welten und in zwei Kulturen: in Griechenland, wo ich geboren bin, wo meine Verwandten leben, und in der Schweiz, dem Land, das mich in kritischer Zeit aufgenommen und mir dieses zweite Leben ermöglicht hat. Es ist nicht unbedingt immer einfach – aber ich möchte keine dieser zwei Welten missen.«
Argyris Sfountouris, geboren 1940 in Distomo, Griechenland, überlebte mit seinen drei Schwestern und den Großeltern als Vierjähriger das Massaker einer Einheit der deutschen Waffen-SS in seinem Heimatdorf, bei dem seine Eltern und viele Verwandte ermordet wurden. 1949 wurde er in die Schweiz ins Kinderdorf Pestalozzi in Trogen aufgenommen, er erwarb die Maturität, wurde später Physiklehrer und Entwicklungshelfer. Er schrieb Gedichte, Essays und Zeitungsartikel und übersetzte moderne griechische Lyrik ins Deutsche. 1994, zum 50. Jahrestag des Massakers, organisierte er eine internationale »Tagung für den Frieden« in Delphi. Später reichte er mit seinen Schwestern verschiedene Klagen in Deutschland ein zur Entschädigung der Opfer und löste damit eine bis heute andauernde Debatte über Kriegsschuld und Verantwortung aus.
Stefan Haupt im Dokumentarfilm Ein Lied für Argyris (2006) und Patric Seibel im Buch Ich bleibe immer der vierjährige Junge von damals (2016) haben seine Lebensgeschichte erzählt.
Shlomo Graber
»Es gab nur die Zwangsarbeit, den Tag und die Nacht. Und den Hunger«
Die Aula des Gymnasiums am Münsterplatz ist bis auf den letzten Platz besetzt. Gymnasiastinnen und Gymnasiasten aus Basel und Lörrach haben sich versammelt. Vorne sitzt Shlomo Graber, ein alter, leicht gebückter Mann mit schlohweißem Haar und wachem Blick. Er wohnt nur einen Steinwurf entfernt. Graber, der bis zur Deportation nach Auschwitz 1944 mit seiner Familie in Ungarn gelebt hatte, spricht in einem weichen Deutsch mit jiddischem Akzent. Mit klarer, nie brechender Stimme erzählt er eine Dreiviertelstunde vom Grauen des Vernichtungslagers, von seiner Mutter und den Geschwistern, die sich vor seinen Augen an sie klammerten, als sie an der Rampe ins Gas geschickt wurden, von seinem Vater, der mit ihm zur Zwangsarbeit nach Görlitz deportiert wurde, wo sie unter entsetzlichen Bedingungen überlebten, und von der jungen deutschen Mutter in der nach Kriegsende praktisch menschenleeren Stadt Görlitz, mit der er sein Brot teilte, weil er, wie er sagt, »nicht hassen wollte«.
Nein, sein Überleben sei weder Schicksal noch Gottes Fügung gewesen, antwortet Graber auf die klugen Fragen der jungen Leute, deren Generation man doch so gern nachsagt, sie sei oberflächlich und desinteressiert. »Ich habe entschieden, mir selbst zu helfen, und so habe ich überlebt.« Er sei streng orthodox erzogen worden. In dieser Welt nahe am Aberglauben habe schon das Fallenlassen eines heiligen Gegenstandes genügt, um einen Tag des Fastens einzulegen. »Als den Juden in unserem Dorf befohlen wurde, das Nötigste zu packen, hat ein gläubiger Jude ein heiliges Gebetstuch eingepackt. Als ein SS-Offizier dies sah, riss er es ihm aus der Hand und warf es auf den Boden. Nichts geschah weiter. Da habe ich zu meinem Vater gesagt: Es kann keinen Gott geben, wenn er das zulässt.« Er sei später aus Tradition regelmäßig in die Synagoge gegangen. Aber die Entscheidung, welchen Glauben seine Kinder annehmen wollen, habe er ihnen überlassen. »Jeder Mensch soll nach seiner Religion leben.«
Drei Jahre hat Shlomo Graber an seinen Erinnerungen geschrieben. Mehr als dreißig Minuten pro Tag seien nicht möglich gewesen, erinnert sich seine Frau. Dann sei er jedes Mal für einen langen Spaziergang verschwunden. Von einer Gymnasiastin nach den Beweggründen gefragt, berichtet er von einem Zeitungsinterview in Israel, wo er vierzig Jahre gelebt habe, zur Shoa. »Es erschien auf der Titelseite. Meine Kinder warfen mir vor, ich hätte ihnen nie davon erzählt. Das stimmte. Ich hatte wohl nie verschwiegen, dass ich im Konzentrationslager war, aber das Grauen, das wollte ich meinen Kindern ersparen. Ich versprach ihnen, meine Geschichte aufzuschreiben. Das gelang mir erst Jahrzehnte später, in der Schweiz, wohin ich übersiedelt war.«
Nach Israel sei er gegangen, »weil ich ein Staatsbürger sein wollte. Mit allen bürgerlichen Rechten und in Freiheit. Diese Rechte gewährte mir der Staat Israel.« Das hatte seinen Preis. Es galt über Jahre ein »Gebot des Schweigens«. Der Aufbau des Staates sei wichtig gewesen, nicht die Vergangenheitsbewältigung. »Und manchmal sahen wir Überlebenden uns dem Vorwurf ausgesetzt, wir hätten uns nicht gewehrt. Wie hätte ich das tun sollen? Ich war auf dreißig Kilo abgemagert.« Erst der Prozess gegen Adolf Eichmann habe ein großes Umdenken bewirkt. Ein Schüler will wissen, ob es im Lager Freizeit gab. Graber antwortet kurz angebunden. »Nein. Es gab nur die Zwangsarbeit, den Tag und die Nacht. Und den Hunger.«
Ob er seine Jugend nachgeholt habe, möchte ein Schüler wissen. »Nein. Das war gar nicht möglich. Ich hatte nur sechs Jahre eine Schule besucht und musste später alles nachholen. Für anderes gab es gar keine Zeit. Ich hatte ein Ziel: ein normales Leben zu führen.« Er habe keine Jugend gehabt, und darum erzähle er der heutigen Jugend davon. »Die Jugend ist die Zukunft, und ich mag die jungen Leute. Ich wünsche mir, dass ihr es weiter erzählt.«
Ob man sich bei ihm entschuldigt habe, wird Graber gefragt. Seine Antwort ist unmissverständlich. »Offiziell nie, auch der deutsche Bundespräsident Joachim Gauck, der mich zu einer Gedenkveranstaltung eingeladen hatte, entschuldigte sich nicht. Eine junge Frau bat mich um Entschuldigung. Ich wies sie zurecht. Sie habe damit nichts zu tun.«
Shlomo Graber hat die Shoa und die Zwangsarbeit als Jugendlicher überlebt. In seinem Buch Der Junge, der nicht hassen wollte legt er ein erschütterndes Zeugnis ab. Er lebt in Basel.
Ivan Lefkovits
»Du warst als Kind im Konzentrationslager? Das wusste ich nicht«
Gut und gern einen Regalmeter füllen die wissenschaftlichen Publikationen des Immunologen Ivan Lefkovits. Es ist sein Lebenswerk. Der ruhige, sich stets etwas zurückhaltend gebende Mann teilt sein Büro am Basler Institut für Immunologie seit Jahrzehnten mit einem Kollegen. Die beiden haben sich versprochen, dass jener, der zurückbleibt, die Bleistiftskizze des anderen an die Wand des kleinen Büros in der Basler Altstadt hängen wird. Dort reihen sich die anderen Fachkollegen, die den »unvermeidlichen Weg« schon gegangen sind.
In einem schmalen, 2016 erschienen Bändchen erzählt der 80-jährige aus seinem anderen Leben. Es trägt den Titel Bergen-Belsen. Vollendet – unvollendet und ist Teil der 15 Lebensgeschichten umfassenden Reihe »Mit meiner Vergangenheit lebe ich. Memoiren von Holocaust-Überlebenden«. Levkovits hat sie herausgegeben. »Du warst als Kind im Konzentrationslager? Das wusste ich nicht.« Ein Zürcher Kollege schrieb ihm eine E-Mail, nachdem er in einer internen Zeitschrift der Eidgenössischen Technischen Hochschule ETH davon gelesen hatte. »Ich wollte kein Mitleid, gerade in beruflichen Dingen nicht. Meine Leistungen sollten zählen. Und sonst nichts.« Und so schwieg Ivan Lefkovits über die schrecklichen Jahre als Kind mit seiner Mutter im Konzentrationslager, so wie er auch als Jugendlicher verstummte, wenn er in die Augen einer Freundin seiner Mutter sah, deren ganze Familie, auch ihr Sohn, der so alt war wie Ivan, in der Gaskammer ermordet worden war. »Sie war immer höflich, aber es schien mir, dass sie meinen Anblick nicht ertrug. Sie sah ihren Sohn in mir. Und so sprachen wir nie darüber, was geschehen war.« Die Kerzen an den Geburtstagen des Bruders, der ermordet worden war, und am Tag der Befreiung aus dem Konzentrationslager Bergen-Belsen brannten den ganzen Tag. »Diesen Tag beging meine Mutter noch während Jahren zwei Tage später, am 17. April, als wir nach elf Tagen erstmals wieder Wasser tranken und etwas aßen.« Das Unaussprechliche blieb auch bei dieser Gelegenheit ungesagt. Heute werde er bei Schulvorträgen gefragt, was schlimmer gewesen sei, der Hunger oder der Durst. »Das gehört eigentlich in den Biologieunterricht, aber solche Fragen zeigen mir, dass es unmöglich ist, zu begreifen, was damals geschah. Es geht mir, der ich dieses Grauen erlebt und überlebt habe, eigentlich nicht anders. Doch das darf nicht bedeuten, darüber zu schweigen.«
Ivan Lefkovits machte eine feine akademische Karriere. Er begann sie in der kommunistischen Tschechoslowakei und setzte sie später praktisch nahtlos fort, als er 1967 dem Land aus politischen Gründen für immer den Rücken kehrte. Er sei stets ein scharfer Kritiker des Sozialismus gewesen und habe mit dieser Meinung auch nie hinter dem Berg gehalten. Doch über die Shoa, von der er sein erschütterndes Zeugnis hätte ablegen können, schwieg er während Jahrzehnten. Sein glühender Antikommunismus habe es ihm leichter gemacht, den Mantel des Schweigens über die Verbrechen im nationalsozialistischen Deutschland zu legen. Er habe nie Rachegelüste gehabt. Auf der Rückfahrt aus dem Konzentrationslager durch das kriegszerstörte Deutschland in seine Heimat sei ihm bewusst geworden, dass die Gewalt auf deren Urheber zurückgeschlagen habe. Damit sollte es nun genug sein.
Bis sein 16-jähriger Sohn die Familie wachrüttelte: Das war 1978, als der US-amerikanische Vierteiler Holocaust auch im europäischen Fernsehen gezeigt wurde. Wie konnte es sein, dass ihr euch nicht gewehrt habt, euch einfach habt abschlachten lassen, habe sein Sohn die Großmutter gefragt. Da brach als erste Ivan Lefkovits’ Mutter ihr Schweigen. Sie schrieb in hohem Alter ihr Leben auf. Ihr Sohn sollte es ihr Jahre später gleichtun. Doch anders als seine Mutter, die wesentlich genauere Erinnerungen hatte als er, der sie als Siebenjähriger ins Konzentrationslager begleiten musste, widmete und widmet sich Lefkovits vielmehr dem Gedenken und der Frage nach Sühne, nach Schuld und nach Verantwortung. In Heidelberg brach eine Zuhörerin in Tränen aus, als er als Zeitzeuge auf einem Podium über das Konzentrationslager erzählte. Die Frau berichtete, sie habe in den Unterlagen ihres verstorbenen Großvaters gelesen, den sie als warmen, liebevollen Menschen sehr verehrt habe. Doch er sei als Wächter im KZ Bergen-Belsen tätig gewesen. Deshalb sei sie gekommen. Sie habe die Stimme eines Überlebenden hören wollen. Lefkovits sagte zu ihr, sie trage keinerlei persönliche Schuld, aber es sei gut, wenn sie sich mit den Opfern identifiziere. Sie solle ihren Weg gehen und die Geschichte ihres Großvaters loslassen. Andere bäten ihn um Verzeihung. »Ich verzeihe diesen Menschen dann, ihnen zuliebe. Aber es gibt nichts zu verzeihen. Sie sind unschuldig.« Schuld trügen vielmehr die Nationen, die an diesen Verbrechen beteiligt gewesen seien, namentlich die deutsche, aber auch all jene, die kollaboriert hätten. »Daraus erwächst eine historische Verantwortung, die leider nur Deutschland wahrnimmt.« Würde Ivan Lefkovits dem Großvater der Frau verzeihen, die als Enkelin mit Schuldgefühlen kämpft? »Das kann ich nicht sagen. Es hinge vom Grad seiner Schuld ab. Nach der Befreiung gab es in Bergen-Belsen einen sehr fair geführten Prozess. Es gab Todesurteile, Gefängnisstrafen und Freisprüche aus Mangel an Beweisen. Dieses Gericht hat bestraft, aber es hat keine Rache geübt.«
Ivan Lefkovits, Jahrgang 1937, lebt in Basel.
Monika Gyr
»Ein Kreis hat sich geschlossen«
»Es war um das Jahresende des Jahres 1946. Unser voll besetzter Zug war nach langer Fahrt in Basel eingetroffen. Wir waren alle Kinder aus Berlin, von Rotkreuz-Helferinnen abgeholt, um ein halbes Jahr in der Schweiz bei einer Gastfamilie zu verbringen. Kaum waren wir ausgestiegen, mussten wir uns nackt ausziehen und wurden in einen Duschraum geführt. Wir sollten uns waschen. Danach wurden wir genau unter die Lupe genommen, ob wir die gefürchtete Krätze hätten. Die Helferinnen achteten dabei sehr darauf, dass unsere Namensschilder nicht verwechselt wurden. Wie ich, das sechsjährige Mädchen, nach St. Gallen gekommen bin, weiß ich nicht mehr. Ich weiß nur noch, dass mein Gastvater Ernst Fick mir sehr sympathisch war, während seine Frau Erika mir etwas Angst einjagte. Doch das legte sich.
Die Zeit verging wie im Flug, ich hatte kaum Heimweh, schon bei der Abreise in Berlin war ich voller Vorfreude gewesen. Ich lebte bei meiner Großmutter in einem hübschen Häuschen in einem Berliner Vorort, praktisch seit meiner Geburt. Meine Mutter war auch da, aber sie hatte kaum Zeit, sie musste arbeiten. Mein Vater war die ganzen Kriegsjahre an der Front. Ich hatte über ihn kaum eine Vorstellung, wusste nicht, wie er aussah oder wie er roch. Er war ein Fremder. Auch mein 1942 geborener Bruder wurde von Oma betreut. Von meiner Mutter sind mir aus diesen Jahren nur die langen Streitereien mit meiner Großmutter in Erinnerung geblieben, die nicht für unsere Ohren bestimmt waren. Aber wir lebten auf engem Raum. In den Kriegsjahren ging es uns vergleichsweise gut, wir hatten dank unseres Gartens genug zu essen, und die von den schweren Erschütterungen der Bombardements geprägten vielen Stunden im Keller verbrachte ich auf Omas Schoß. Mein Bruder quietschte fröhlich, wenn Wände und Decken zitterten. Dabei hatten wir noch Glück. Die Bomber zielten auf das Feuerwehrhaus in dem Vorort, in dem wir lebten. Berlin, das ich trotz der kurzen Entfernung kaum kannte, wurde viel heftiger bombardiert.
Nach dem Krieg wurde es schwieriger. Es fehlte an allem, vor allem aber an Nahrung. Ich weiß nicht, ob wir über die Runden gekommen wären, hätten uns nicht regelmäßig Pakete mit Lebensmitteln aus der Schweiz erreicht. Die Familie Fick aus St. Gallen schickte sie. Sie hatten uns nicht vergessen aus der Zeit der Vorkriegsjahre, als der Textilkaufmann Ernst Fick regelmäßig in Berlin weilte und dabei an einem Badesee Bekanntschaft mit meiner Mutter schloss. Er hatte sich in sie verguckt, machte ihr aber keine Avancen, als er erfuhr, dass sie schon in festen Händen war. Sie wurden Freunde, und Ernst Fick ging bei ihr und meiner Oma ein und aus, wenn er in Berlin war. Er unterstützte jüdische Familien, deren Schmuck und Wertgegenstände er in die sichere Schweiz brachte. Oma und er musizierten gerne zusammen. Im Krieg riss dieser Kontakt gezwungenermaßen ab. Als Fick nach dem Krieg vorschlug, er nehme mich und meinen Bruder für je ein halbes Jahr in die Schweiz auf, schlugen Mutter und Großmutter rasch ein. Es ging uns sehr schlecht, der Alltag war zum Überlebenskampf geworden, auch Vater war damals noch in amerikanischer Kriegsgefangenschaft. Die Eltern waren schon geschieden. So kam ich für ein halbes Jahr in die Schweiz, und als ein Jahr daraus wurde, machte es mir gar nichts aus.
Ich war wohlbehütet in einer kinderlosen, wohlhabenden Familie. Meine Mutter sei schwer krank, sagte man mir, und kurz darauf wurde mir mitgeteilt, sie sei gestorben. Da war ich sieben Jahre alt. Es vergingen nochmals sieben Jahre, ehe ich erfuhr, dass sie sich das Leben genommen hatte, wohl aus Liebeskummer. Ihr Arbeitgeber, ein Zahnarzt, in den sie sich verliebt hatte, erfüllte das Versprechen seines besten Freundes, dessen Frau zu heiraten, sollte er umkommen. So war das damals. Man arrangierte sich, und manche, wie meine zu depressiven Schüben und Hysterie neigende 27-jährige Mutter, blieben auf der Strecke. So lebte ich, als ich aus der Schweiz zurückkam, bei meiner Großmutter, und es war die glücklichste Zeit meines Lebens. Mein Bruder war nun dran, er ging für ein Jahr in die Schweiz, und ich hatte Oma ganz für mich. Doch dieses Glück währte nur kurz, meine Oma starb, auch sie viel zu jung, sie war gerade fünfzig geworden. So kamen ich und mein Bruder zu meinem Vater nach Frankfurt in ein hartes, entbehrungsreiches Leben, wir hatten kaum Platz, mein Bruder schlief auf einem Schrank, ich in der Küche. Die Beziehung zu Vater und seiner Frau war schwierig.
Der Kontakt in die Schweiz blieb, die Ficks besuchten uns, und als Ernst Fick vorschlug, uns Kinder wieder für ein Jahr zu sich zu nehmen, wurde man sich rasch einig. Wir wurden nicht gefragt. Und so waren wir 1950 wieder in der Schweiz, im St. Galler Quartier St. Georgen, und wurden sofort eingeschult. Ich war zehn Jahre alt, mein Bruder acht. Wir lebten uns gut ein, und ich blieb, während mein Bruder nach einem Jahr nach Frankfurt zurückgeschickt wurde. Ich habe bis heute keine Ahnung, wie es möglich war, dass ich bleiben durfte. In den Unterlagen meines Pflegevaters, der mir zum Vater wurde, fand sich nichts dazu. Er muss sie irgendwann entsorgt haben. Man hatte sich wohl mit den Behörden arrangiert.
Ich verbrachte eine glückliche, sorgenfreie Jugend, es fehlte mir an nichts, und ich dachte keine Sekunde daran, nach Deutschland zurückzukehren. Ich habe einen Schweizer geheiratet, ich wurde Schweizer Staatsbürgerin. Wir lebten viele Jahre im Tessin und handelten mit Textilien. Kurz vor meiner Pensionierung kehrte ich allein nach St. Gallen zurück. Wir hatten uns getrennt. Der Kontakt zu meiner Familie in Deutschland war nie ganz abgerissen, aber er beschränkte sich auf das Wesentliche. Man telefonierte ab und zu und traf sich bei Gelegenheit. Als ich meinen Vater kurz vor seinem Tod in seinem 96. Lebensjahr nochmals sah, machte er mir Vorhaltungen, warum ich nicht zurückgekehrt sei, als ich volljährig wurde. Er hätte mir eine Karriere als Schauspielerin ermöglicht. Davon hatte er nie gesprochen. Ich verstand es als eine Art Reuebekenntnis, aber ich wäre auch nicht zurückgegangen, wenn er mich eingeladen hätte.
Ein Kreis hat sich geschlossen. Es war das Rote Kreuz gewesen, das mir meinen ersten Aufenthalt in der Schweiz ermöglicht hatte. Nun bin ich seit bald zwanzig Jahren ehrenamtlich als Fahrerin für das Rote Kreuz unterwegs. Ich bin zufrieden und dankbar. Schweizerin im Herzen bin ich dennoch nicht geworden, auch als Deutsche sehe ich mich nicht. Ich bin Europäerin.«
Monika Gyr, Jahrgang 1940, lebt in Gossau im Kanton St. Gallen.
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