- -
- 100%
- +
Lorch im Freistaat Flaschenhals, 15. Oktober 1921
Dies sind die Aufzeichnungen von Peter Baum und derer, die gewillt sind, unsere Heimat zu schützen und das, was wir entdeckt haben, so lange zu bewahren, bis alle Gefahr gebannt ist.
Arnold rümpfte die Nase und fuhr sich mit der Hand durch das Gesicht, als wolle er den Alkohol aus seinen Sinnen vertreiben. Zu spannend empfand er seinen Fund und wollte mehr aus dem Buch erfahren. Er ging die Treppe nach oben. Gebannt blickte er auf die Buchstaben und versuchte, im schummrigen Licht, mehr zu erkennen, während er weiterlief. Oben angekommen, machte er sich nicht mal die Mühe, die Tür zum Keller zu schließen. Mittlerweile war es komplett finster und die Luft eiskalt geworden. Arnold störte dies nicht. Er war fasziniert von seinem Fund und ging wie in Trance zum Wohnhaus. Seine Blicke wichen keine Sekunde von dem Buch, während er die Küche des Hauses betrat, sich an den Tisch setzte und die kleine Lampe über dem Küchentisch einschaltete. Je länger er sich auf die altdeutschen Zeichen konzentrierte, desto mehr konnte er entziffern.
Wir haben es geschafft, meine mutigen Mitstreiter und ich, konnten die Fundstücke sicher nach Lorch in ein erstes Versteck bringen. Noch immer sind unsere Gedanken vergiftet von dem Grauen, welches wir auf dem Schiff vorgefunden haben. Das Leben, was dort ausgelöscht wurde, tötete auch einen Teil der Unschuld, die wir alle in uns tragen. Das Schicksal hat uns allerdings eine Aufgabe in dieser Nacht erteilt. Wir haben uns gestellt und sind großen Mutes dieser schweren Bürde Herr geworden. Ich danke dem Herrn, dass ich in dieser Nacht nicht allein am Rhein in die tiefschwarzen Fluten stechen musste.
Jetzt ist es wichtig, die Sicherheit unserer Heimat und aller Menschen zu bewahren. Sollten die Franzosen bemerken, was sich in dieser Nacht zugetragen hat, werden sie in unseren Freistaat einmarschieren. Unter fadenscheinigsten Gründen versuchen sie, immer wieder die offiziellen Vereinbarungen zu umgehen. Ein solch grausiges Verbrechen würde ihnen einen Grund liefern, um mit dem Vorwand »zum Schutze aller« die Besetzung vorzunehmen. Diesem Unterfangen werden wir zuvorkommen.
Pfarrer Pfaff kam sofort nach unserem Rufe. Wir brachten die Toten auf den Lorcher Friedhof. Der Pfarrer erteilte ihnen die Sakramente und erbat bei dem Herrn eine verdiente Ruhe für die geschundenen Körper. Nie werde ich das Bild aus meinem Kopfe bekommen, wie drei der vier mit ihren Hälsen an der Reling aufgeknüpft worden waren, die Hände wie zur Buße gefaltet und gezeichnet mit einem blutigen Kreuz, umschlossen von einer Art Pyramide. Es schmerzt meine Seele, dass wir ihnen kein würdiges Andenken errichten können, geschweige ihrer Namen zu gedenken, doch die Sicherheit der Menschen hier in Lorch steht über allem.
So sei es denn, dass wir nun das Wrack vom Rhein bergen und dieses weiter nach Kaub überführen, um es so schnell wie möglich aus dem Staat zu schaffen. Sicherlich werden uns ein paar dankbare Schiffsführer mit ein paar Kisten Wein den Kahn im Schlepptau aus dem Sinne schaffen.
Während ich nun hier auf meinem Weingut sitze und über diese Zeilen sinniere, denke ich an meine geliebte Frau Maria. Nicht ungefährlich war heute diese Situation, und bei all dem, was wir gesehen und erlebt haben, hätte ich sie auch zur Witwe machen können. Ich hätte es mir im Himmelreich nie verzeihen können, meine Familie hier allein zurückzulassen. Umso wichtiger ist die Zukunft, dass diese ein sicherer Hafen für meine Lieben wird. Maria, unsere Tochter, die im Hofe spielt und unser Kind, welches im Januar hoffentlich gesund das Licht der Welt erblickt.
Ich versuche, jetzt zu schlafen, und bete um friedvolle Träume, die sich anstelle der bösen Erinnerungen setzen, die mir die Anblicke auf dem Rhein heute bescherten. Morgen kommen wir wieder zusammen und überlegen, wie wir das, was uns die Dunkelheit offenbarte, einem sicheren Ort zuführen können.
Besuch im Weingut
Arnold ließ ab von den Zeilen und blickte aus dem Fenster hinunter zum Rhein. Er atmete tief durch und versuchte, die Zeilen, die er gerade gelesen hatte, zu verarbeiten. Was wohl damals passiert war? War dies Fiktion oder Wahrheit? Die Gedanken kreisten durch seinen Kopf. Was vor allem bedeutete dieses ominöse »Das, was da vor uns liegt?«
Arnold blätterte etwas weiter nach hinten in dem Tagebuch, wollte weiterlesen. Doch er spürte jetzt, wie die Müdigkeit die Kontrolle übernahm. Er nahm sich vor, gleich am nächsten Morgen zu Willi hinüberzugehen und ihm das Buch zu zeigen. Dann schlug er den Ledereinband zu und legte das Buch beiseite. Auf dem Weg ins Schlafzimmer blickte er in den alten Spiegel im Hausflur, schaute sich in die Augen und wusste selbst nicht genau, was er sich fragen wollte. Die Zeilen in dem Tagebuch lösten eine seltsame Stimmung bei ihm aus. Es fühlte sich bedeutsam an und zugleich beängstigend. Was hatte sich hier in dieser Stadt vor so vielen Jahren zugetragen? Arnold ging weiter ins Schlafzimmer und legte sich in voller Montur auf die Bettdecke. Er starrte noch ein paar Sekunden die Decke an, die durch den Mondschein, der durch das Fenster einfiel, hell erleuchtet war, bis er in einen tiefen Schlaf glitt.
Als die Turmuhr der Sankt-Martins-Kirche 9 Uhr schlug, begann Arnold sich zu regen. Sonnenstrahlen tanzten durch das geöffnete Fenster und er drehte sich nochmals auf die Seite, um dem Lichteinfall auszuweichen. Mit einem lauten Stöhnen griff er sich an den Kopf. Der wenige Schlaf und die paar Liter Wein am Vorabend machten sich deutlich bemerkbar.
Mit lautem Hupen fuhr plötzlich ein Auto durch die Hofeinfahrt. Arnold erschrak und fuhr wie von einer Tarantel gestochen hoch. »Was ist das für ein Krach am Morgen?«, schimpfte er.
Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Arnold rappelte sich hoch und trat ans Fenster. Der elterliche Lieferwagen mit Mutter und Vater darin war vorgefahren. Seine Mutter lehnte sich aus dem Beifahrerfenster und winkte Arnold zu.
»Halllloooo, mein Schatz, wir sind da!«, jubelte sie aus voller Kehle.
Arnold grinste und winkte verhalten zurück. Der Schlaf, gepaart mit dem Riesling, steckte noch in seinen müden Knochen. Er hatte über dem Gelage mit Willi völlig vergessen, dass seine Eltern sich für heute angekündigt hatten. Grundsätzlich war es nichts Schlechtes, denn schließlich wollten sie helfen, sein Weingut auf Vordermann zu bringen. So sehr sich Arnold freute, sie zu sehen, hätte er im Gegenzug gern noch die ein oder andere Stunde länger im Bett gelegen und seinen Kater auskuriert.
Er machte sich auf den Weg nach unten in den Hof. Dabei fiel sein Blick auf das Tagebuch, das noch auf dem Küchentisch lag. Er nahm es zur Hand und ließ einen nachdenklichen Blick darüber schweifen.
»Arnold, kommst du jetzt mal langsam nach unten?«, dröhnte es nochmals von draußen.
»Ja, ja! Ich bin schon auf dem Weg!«, rief Arnold und ging schnell zu seinem Regal, um das Buch zwischen seinen Lehrbüchern über Weinbau zu verstauen.
Als er den Hof betrat, nahmen seine Eltern ihn in freudiger Erwartung in Empfang.
»Komm´ her mein Schatz, ich hab´ dich so vermisst.«
»Mensch Mutti, ich bin doch erst ein paar Tage weg, außerdem solltest du dich doch langsam daran gewöhnen.«
»Eine Mutter gewöhnt sich nie daran, jetzt komm´ her, mein Kind und lass dir einen Kuss geben.«
Mit diesen Worten zog sie ihn heran und drückte ihm einen lauten Schmatzer auf die Wange. Arnold machte dabei ein Gesicht, als ob er in eine reife Zitrone gebissen hatte. Sein Vater schritt ein und kam seinem Sohn zu Hilfe.
»Jetzt lass´ doch mal den Jungen los, der kriegt ja einen Schaden von deinem Geknutsche.«
Er legte den Arm um seinen Sohn und drückte ihn ebenfalls.
»Hui, mein Junge, da hat aber einer tief ins Glas geschaut, duftest wie ein ganzes Weinfass«, bemerkte Arnolds Vater treffend.
»Ich hab´ gestern neue soziale Kontakte geknüpft.«
»Aha, müssen wir da was wissen, ist vielleicht schon eine Winzerin am Horizont zu sehen?«, fragte der Vater mit einem Augenzwinkern.
»Oh ja, eine sehr schicke Winzerin, fast siebzig Jahre alt und sie heißt Willi«, antwortete Arnold.
»Du hattest schon immer einen guten Geschmack«, konterte der Vater.
Seine Mutter schaltete sich dazwischen. »Jetzt lass´ den Jungen. Wer Wein machen will, muss auch probieren können.«
Arnold nickte zustimmend.
Er freute sich natürlich über den Besuch der Eltern. Allein wäre er dem Chaos nur sehr schwer Herr geworden. Bevor es an die Arbeit ging, fuhr Arnold zum Bäcker, um etwas fürs Frühstück zu holen. Die Fahrt von Mecklenburg nach Lorch war nicht einfach mal eben zu bestreiten. Knapp 900 km hatten die Eltern in der Nacht vom heimischen Hof auf der Insel Usedom nach Lorch zurückgelegt, um ihrem Sohn in seiner neuen Heimat unter die Arme zu greifen. Während des Frühstücks erzählte Arnold von seinem neuen Nachbarn Willi Laggei. Die Eltern freuten sich, dass ihr Sohn gleich Anschluss gefunden und einen guten Draht zur Nachbarschaft entwickelt hatte.
Seinen Fund im Weinkeller erwähnte Arnold mit keiner Silbe. Irgendwie schien ihm das, was er gefunden hatte, noch nicht ganz real zu sein, zudem war der Anfang von Baums Tagebuch alles andere als eine Gute-Nacht-Geschichte. Seine Mutter war eine recht weiche Seele, und wenn er mit solch´ dramatischen Geschehnissen aus der Vergangenheit am Frühstückstisch aufwartete, wäre dies alles andere als gut für die psychische Verfassung seiner Mutter, die sowieso schon damit zu kämpfen hatte, dass ihr Sohn fast 900 km von der Heimat entfernt nach Lorch gezogen war. Also beschränkte er sich darauf, ihnen von seinem neuen Nachbarn, der Stadt und der wunderschönen Region, die er bereits zu seinen Studienzeiten lieben gelernt hatte, zu berichten.
Anschließend starteten sie mit den Aufräumarbeiten. Arnolds Mutter nahm sich das Wohnhaus vor, Vater und Sohn suchten sich gröbere Aufgaben und widmeten sich dem Mammutprojekt, Hof und Keller zu entrümpeln.
Während sie bei der Arbeit waren, schallte durch das Hoftor ein lautes »Ei Gude«. Arnold konnte den Ausruf gleich zuordnen, drehte sich um und erblickte einen grüßenden Nachbarn Willi im Torbogen.
»Na Bub, geht´s gut?«, wollte Willi wissen. Er zwinkerte und lächelte dabei. Natürlich spielte er auf den gestrigen Abend und den zünftigen Weinverzehr an.
»Alles gut, mein Lieber, wir Norddeutschen sind hart im Nehmen.«
»Jo, des hab´ ich gesehe, hast mir de´ halbe Keller ausgetrunke´.«
… Papa Jäger kam um die Ecke, um zu sehen, wer zu Besuch kam.
»Moin, ich bin der Paul, Arnolds Vater.«
»Hallo, freut´ mich, ich bin de´ Willi von nebe´an, de´ neue Nachbar.«
»Ja, die Freude ist ganz auf meiner Seite. Habe schon viel von dir und deinem Weinkeller gehört«, spielte Paul auf den gestrigen Abend an.
»Jo, dein Bub und ich haben ein umfassendes Kennenlernen auf die gute Lorcher Art zelebriert«, sagte Willi lachend und imitierte dabei mit seiner Hand ein Weinglas, welches er zum Mund ansetzte. »Ei, ich würd´ sagen, sechs Händ´ schaffe mehr als vier. Kann ich mit anpacke´?«, fragte Willi.
Arnold nahm das Angebot gern an, schließlich war mehr als ausreichend Arbeit da. »Sei mir willkommen!«, erklärte er freudestrahlend.
Die drei kamen bis zur Dämmerung gut voran, bis Arnolds Mutter sie zum Abendessen rief.
»Das ist doch Musik in meinen Ohren«, erklärte Paul erfreut.
»Kannst du laut sagen, haben wir uns redlich verdient. Willi, kann ich dich davon überzeugen, heute Abend mein Gast zu sein? Ich kann zwar noch nicht mit so einem tollen Weinkeller aufwarten wie du, aber ich hab´ gesehen, dass mein Vater eine Kiste norddeutsches Bier im Kofferraum hierher geschmuggelt hat.«
»Sag´s aber nicht deiner Mutter«, scherzte Paul und zwinkerte dabei schelmisch.
Willi ließ sich das natürlich nicht zweimal sagen. Schließlich war er eine gesellige Frohnatur, die solche Gelegenheiten nicht verstreichen ließ.
»Ei, natürlich erweise ich euch die Ehre meines Besuches. Soll ich mich noch in Schale werfen?«
»Ach was, so weit kommt´s noch. Hier gibt´s kein Garderobenzwang.«
»Na, dann is´ ja gut. Den einzige Anzug den ich hab´, hat ich´s letzte Mal bei meiner Kommunion an«, scherzte Willi.
»Na denn, auf geht´s zum Essen fassen«, forderte Paul die beiden anderen auf.
»Geh´ schon mal vor, Papa, wir kommen gleich. Ich möchte Willi noch etwas zeigen.«
»Geht klar, deine Mutter wird eh Hilfe beim Tisch decken brauchen.« Paul wandte sich um.
Arnold blickte ihm einen Moment hinterher und drehte sich zu Willi. »Ich habe noch eine Frage an dich, weißt du Genaueres über die Familie, denen das Weingut vorher gehört hat?«
»Meinst du die Schmitts, denen du das Gut abgekauft hast?«
»Eventuell. War die Familie schon immer hier?«
»Nee, die kame´ erst in de´ sechziger Jahre her, da war ich noch en junge Bosch.«
»Von wem hatte die Familie Schmitt das Weingut gekauft?«
»Ei, des war die Familie Baum.«
Jetzt wurde Arnold hellhörig. Den Namen Baum hatte er im Tagebuch gelesen.
»Weißt du etwas über die Familie Baum?«
»Nicht viel, ich bin erst Anfang 1980 in das Haus hier gezoge´, kannte daher die Vorbesitzer von den Schmitts nicht so gut. Aber ich geb´ dir en gute Tipp, gehst die Tage mal in unser Museum hier in Lorch.«
»Hier gibt’s ein Museum?«
»Ei sicher, mir sin´ schließlich eine Weltstadt. Sprich doch mal mit unserem Kurator Dr. Josef Meinhaus. Der kennt´ alle Lorcher Leut´ und Familiengeschichten in- und auswendig.«
»Das hört sich nach einer guten Idee an.«
»Wieso fragst du eigentlich und machst auf geheimnisvoll?«
»Ich habe da was im Weinkeller gefunden. Das wollte ich mal jemandem zeigen, der vielleicht was damit anfangen kann.«
»Na, der Dr. Meinhaus ganz sicher, der is´ so was wie en laufendes Lexikon. Jetzt gehn´ mir aber ruff bei dei Eltern, nicht, dass die do obbe verhungern«, sagte Willi und schob Arnold dabei Richtung Treppenaufgang.
Dann stellte Arnold seiner Mutter Heidi Nachbar Willi vor. Auch sie fand sofort einen Draht zu dem freundlichen Lorcher.
Paul holte für alle ein Bier aus dem Kühlschrank und ließ die Kronkorken mit einem Löffelstiel aufploppen.
Arnold neigte seinen Kopf zu Willi, als Heidi die Soße in ein Kännchen abfüllte und Paul mit dem Öffnen der Flaschen beschäftigt war. »Wäre mir ganz lieb, wenn wir das Thema von eben nicht am Tisch aufkommen lassen«, raunte er.
»Ist das so geheimnisvoll?«, fragte Willi etwas verwundert über die Geheimniskrämerei.
»Nicht wirklich, erzähl´ ich dir später«, wiegelte Arnold ab. Er wollte seine Eltern mit dem verstörenden Bericht aus dem Tagebuch nicht beunruhigen.
Auch ohne das Thema wurde es ein sehr gemütlicher Abend. Arnolds Eltern wurden, wie ihr Sohn, richtig warm mit Willi und erfreuten sich an seinen Geschichten über Land und Leute.
Zum Abschied bot Willi seine Hilfe auch für die kommenden Tage an. Arnold und seine Eltern waren sehr dankbar, da sie jede helfende Hand gut gebrauchen konnten.
Heidi und Paul gingen früh zu Bett. Als sich Stille ins Haus legte, nahm Arnold das Tagebuch aus dem Regal und betrachtete minutenlang nur den Einband. Er spürte eine gewisse Abenteuerlust und Neugier auf den Inhalt in sich, auf der anderen Seite gab es diese verstörenden Passagen, in denen Menschen einen grausamen Tod fanden. Das ließ ihn zögern, das Tagebuch wieder aufzuschlagen.
Kurzerhand stellte er das Buch wieder zurück und nahm sich fest vor, sobald wie möglich den Kurator des Lorcher Museums aufzusuchen. Dieser würde sicherlich mehr zu den Geschehnissen sagen können, die Peter Baum aufgezeichnet hatte.
Neue Erkenntnisse
Eine Woche voller intensiver Aufräum- und Renovierungsarbeiten war vergangen. Arnold und seine Eltern, mit Unterstützung von Nachbar Willi, hatten einiges geschafft. Das ganze Weingut sah aus wie frisch aus dem Ei gepellt - so fasste Willi es treffend zusammen. Doch nun stand der unvermeidbare, große Abschied von Heidi und Paul an, denn in Mecklenburg, auf dem eigenen Hof, wartete ebenfalls viel Arbeit auf sie. Es war auch von vornherein klar gewesen, dass Arnold sein Weingutabenteuer allein bestreiten würde, und er hätte es auch nicht anders gewollt. Sein großer Ehrgeiz erlaubte ihm nicht, die Unterstützung seiner Eltern einzufordern, abgesehen vom ersten großen Reinemachen.
Willi hatte sich gestern Abend bereits von Heidi und Paul bei einem opulenten Abendessen verabschiedet und war deshalb nicht dabei, als die drei Jägers im Hof vor dem Lieferwagen standen.
Sie schauten sich schweigend an. Keiner wollte das erste Wort sprechen, da dies unweigerlich die Abschiedsszene einläuten würde. Paul ergriff nach einigen Minuten die Initiative.
»So, mein Junge, dann ist es soweit. Der Abschied naht.«
Heidis Augen füllten sich sofort mit reichlich Tränen. Sie schluchzte, trat auf ihren Sohn zu und nahm ihn ganz fest in den Arm. Selbst Arnold, der normalerweise nicht sentimental und nah am Wasser gebaut war, konnte sich die ein oder andere Träne nicht verkneifen. Paul legte ebenfalls einen Arm um Arnold und umfasste mit dem anderen seine Frau. So standen sie engumschlungen weitere Minuten da, als wolle keiner den anderen gehen lassen.
Arnold erlangte zuerst die Fassung und unterbrach die rührselige Szene. Er hob den Kopf und sagte scherzend: »Jetzt müssen wir uns aber loslassen. Die Nachbarn denken noch, was ich wohl für ein Weichei bin, bei Vater und Mutter im Arm stehen und rumheulen.«
»Auch ein erwachsener Mann darf ruhig mal weinen«, entgegnete Heidi mit weinerlicher Stimme.
»Der Junge hat recht, jetzt ist mal gut. Wir haben schließlich noch eine weite Fahrt vor uns«, brachte Paul wieder etwas Realismus in die Runde.
»Na, auf dann«, schluchzte Heidi.
Das Gepäck war bereits eingeladen und auf der Rückbank lagen zwei Kisten Wein. Willi hatte es sich nicht nehmen lassen, den Mecklenburgern ein paar Souvenirs aus seinem Weinkeller mitzugeben. Jetzt, wo der Bub ein echter Lorcher Winzer war, müssten auch die Eltern immer mit gutem Wein aus dem Rheingau versorgt sein - so sein Wortlaut.
Heidi und Paul stiegen ein. Sie warf Arnold noch einen Kussmund entgegen, während der Vater den Wagen startete und rückwärts im Hof manövrierte. Beide kurbelten die Fenster herunter, und während Paul aus der Hofeinfahrt auf die Straße abbog, winkten sie ihrem Sohn zum Abschied. Arnold winkte mit einem gezwungenen Lächeln zurück. Als sie außer Sicht waren, rieb er sich die letzten Tränenreste aus den Augen und schnaufte tief durch. Natürlich freute er sich, dass es jetzt endlich losgehen konnte, doch der Abschied setzte ihm richtig zu. Arnold liebte seine Eltern über alles und war endlos dankbar für die großartige Unterstützung, die sie ihm entgegenbrachten. Jetzt aber realisierte er zum ersten Mal bewusst das Loslassen. Ihm wurde klar, dass heute seine neue Zukunft, fern von der Heimat, begann und eine große Aufgabe vor ihm lag. Aber er war Willens und guter Dinge, sie zu bewältigen.
Arnold ging ins Haus zurück und verzog sich in sein Wohnzimmer. Er ließ sich in seinen schweren Ohrensessel fallen, lauschte der Stille und versuchte, seine Gefühle zu verarbeiten.
Das plötzliche laute Donnern eines vorbeifahrenden Güterzuges auf der nahegelegenen Bahnstrecke holte ihn zurück aus seiner Trance. Er atmete noch einmal tief durch und wog seinen Kopf hin und her, als wolle er die letzten wehmütigen Gefühle abschütteln. Dabei fiel ihm das Tagebuch ins Auge. Er stand auf, ging zum Regal und zog das Buch heraus. Wieder schaute er ein paar Augenblicke nur auf den Ledereinband. Kurzerhand lief er zu seinem Schreibtisch und schaltete seinen Laptop ein. Über eine Suchmaschine recherchierte er die Öffnungszeiten des Lorcher Museums. Schnell hatte er sie gefunden. Er schaute auf die Uhr. »10:30 Uhr, das Museum hat jetzt geöffnet«, dachte er sich. Kurz entschlossen schnappte sich Arnold seine Jacke und seinen Rucksack, packte das Tagebuch ein und holte aus dem Weinkeller noch den schweren Becher, den er zusammen mit dem Tagebuch gefunden hatte. Mit den beiden Funden im Rucksack machte er sich auf den Weg zum Lorcher Museum. Es lag nicht sehr weit von seinem Weingut entfernt, sodass er die Strecke zu Fuß zurücklegen konnte. Das Museum befand sich auf dem Marktplatz und war an das Lorcher Rathaus angeschlossen. Daneben prangte die imposante Lorcher Sankt-Martins-Kirche. Arnold hielt kurz inne und schaute sich auf dem Marktplatz um. Er betrachtete seine neuen Mitbürger, die in den kleinen Geschäften ihre Einkäufe erledigten, und genoss einen Moment die friedliche Atmosphäre. Trotz der emotionalen Achterbahnfahrt in den letzten Stunden, die die Abreise seiner Eltern ausgelöst hatte, ließ die Wehmut mehr und mehr nach, und trotz der kurzen Zeit, die er erst in Lorch heimisch war, hatte er das Gefühl, angekommen zu sein. Der Anblick der fröhlichen Menschen, die sich auf dem Markt tummelten, erfüllte ihn mit einer Leichtigkeit, die ihm das Gemüt aufhellte. Er überquerte den Platz und blickte dabei in die Schaufenster der Geschäfte. Aus der Bäckerei drang ein herrlicher Duft nach frischen Brötchen und süßem Gebäck. Dieser Geruch vermischte sich mit dem von Rosen aus dem Blumenladen. Arnold nahm eine tiefe Nase von den Gerüchen und setzte danach ein zufriedenes Lächeln auf. So falsch war es nicht, nach Lorch zu kommen‹, dachte er und erklomm die Stufen zum Rathaus, die an das angrenzende Museum führten. Er blickte zuerst durch die Scheibe an der Tür und erkannte einige Kunstgegenstände. Als sein Blick in die hintere Ecke des Raumes ging, schob sich plötzlich der Kopf eines älteren Herren hinter dem Fenster in sein Blickfeld. Erschrocken machte Arnold zwei Schritte zurück und stolperte dabei fast über einen Bordstein.
Der ältere Herr öffnete die Tür.
»Kommen Sie ruhig herein, keine Scheu.«
Arnold zögerte kurz und sagte dann: »Puh, Sie haben mich ganz schön erschreckt.«
»Ich bitte das zu verzeihen, das war nicht meine Absicht. Kommen Sie herein, von drinnen können Sie unsere Schätze besser bestaunen als durch die Scheibe.«
»Gerne, vielen Dank.«
Der ältere Herr lächelte ihn an und machte einen höflichen Schritt zur Seite, damit Arnold an ihm vorbeigehen konnte. Dabei wies er mit dem linken Arm den Weg hinein.
»Darf ich mich vorstellen, mein Name ist Dr. Josef Meinhaus. Ich bin der Kurator hier im Lorcher Museum.«
»Angenehm, Arnold Jäger, frisch zugezogen aus Mecklenburg.«
»Ich bin sehr erfreut, Ihre Bekanntschaft zu machen. Darf ich fragen, was einen Mecklenburger in unser beschauliches Lorch verschlägt?«
Arnold lachte. »Aber natürlich, die Liebe zum Wein hat mich hierhergeführt. Ich habe ein kleines Weingut vorne an der Rheinstraße gekauft.«
»Dann darf ich Sie zu Ihrer weisen Entscheidung beglückwünschen und herzlich willkommen in unserer Gemeinde heißen.«
Dr. Meinhaus reichte Arnold die Hand. Er erwiderte das freundliche Willkommen mit einer kleinen Verbeugung, während er Dr. Meinhaus die Hand schüttelte.
»Nun, mein lieber Herr Jäger, was darf ich für Sie tun? Kann ich Ihnen einen Rundgang mit persönlicher Führung in unserem Museum anbieten?«
»Sehr gerne!«, erwiderte Arnold, der ehrlich interessiert an den Stücken im Museum war.
Dr. Meinhaus ging voran und führte zu jedem Ausstellungsstück eine präzise kleine Expertise an. Arnold war beeindruckt von den vielen historischen Artefakten, die im Lorcher Raum gefunden worden waren und hier in der Ausstellung ein Zuhause gefunden hatten. Besonders die Statue der Traubenmadonna gefiel ihm sehr gut. Sie stellte die Muttergottes mit einem Kind auf dem Schoß und Weintrauben in der Hand dar. Dr. Meinhaus bemerkte Arnolds besonderes Interesse an der Statue, das er wohlwollend aufnahm. Selbstverständlich hatte er auch zu diesem Stück einen ganzen Fundus an Wissen, den er einfach so aus dem Ärmel zu schütteln vermochte.
Arnold war sich sicher, an der richtigen Adresse mit seinem Anliegen zu sein. Dr. Meinhaus war allerdings so tief in seinem Element, dass Arnold sich nicht traute, ihn zu unterbrechen. Geduldig nahm er sich vor, auf eine gute Überleitung zu seinem Anliegen zu warten.




