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«Es war nicht das erste Mal.» Sichtlich beschämt senkt Anna Ritter den Kopf.
«Er ist öfters weggeblieben?»
«Nicht öfters, nein. Aber es kam manchmal vor, wenn er getrunken hatte. Er trinkt nicht oft, aber wenn, dann … Er wusste, dass ich ihn nicht besoffen in der Wohnung will, vor der Kleinen. Er ist jeweils wiedergekommen, wenn er nüchtern war.»
Emil schreibt eifrig mit.
«Wo und mit wem hat er getrunken? Mit Arbeitskollegen vielleicht?»
«Kann sein.» Sie zuckt wieder mit den schmalen Schultern.
«Verkehrte er vor allem mit Deutschen?»
«Mit Deutschen. Mit Schweizern. Ottmar hatte gern Gesellschaft.»
Das klingt fast ein bisschen bitter. Emil schaut Anna Ritter forschend an, aber ihre Miene verrät nichts.
Wunderlin unterdrückt einen Seufzer, streicht über sein lichtes Haar, unter dem die Kopfhaut durchschimmert. Die Frau hat nicht viel zu sagen. Wahrscheinlich der Schock. Er kramt seine Zigaretten hervor. «Darf ich?»
Sie schaut ihn teilnahmslos an, nickt.
«Sie auch?»
Sie verneint. Wunderlin zündet sich eine Zigarette an. Anna Ritter steht auf und holt einen Aschenbecher aus der Kommode, reicht ihn dem Polizisten.
«Paulaner München», liest dieser halblaut den Schriftzug. «War da Ihr Mann her?»
Die Frau schaut verwirrt. Wunderlin deutet auf den Aschenbecher. «München.»
«Nein. Den muss er mal geschenkt bekommen haben.»
«Woher kam denn Ihr Mann?»
«Aus Buch, einem kleinen Dorf, etwa vierzig Kilometer von München entfernt. Aber da war er lange nicht mehr.»
Wunderlin nickt, Emil schreibt.
«Hat Ihr Mann mit den Nationalsozialisten sympathisiert? Wir haben ein entsprechendes Fähnchen bei ihm gefunden und wo München doch die Hauptstadt der Bewegung ist …»
Anna Ritter schaut müde aus, erschöpft, dunkle Ringe zeichnen sich unter ihren Augen ab. «Der Ottmar war kein politischer Mensch. Und ein Fähnchen habe ich nie bei ihm gesehen. Ich verstehe nicht, was das mit dem Tod von Ottmar zu tun haben soll.»
«Vielleicht hat sich ihr Mann durch seine Gesinnung Feinde gemacht. Gerade hier im roten Töss sind Nazis nicht besonders hoch im Kurs.»
«Wie ich bereits sagte: Ottmar hatte mit Politik nichts am Hut.»
«Sonst jemand, der ihm nicht wohlgesinnt war?»
«Ich weiss nicht», murmelt sie. Sie erhebt sich halb vom Sofa. «Ich muss jetzt das Mittagessen kochen für mein Margritli. Die Schule ist bald aus.»
«Nur noch ein, zwei Fragen, Frau Ritter.»
«Ich kann nicht mehr. Bitte.»
Wunderlin merkt, dass es nichts bringt. «Sagen Sie uns noch, wo Ihr Mann gearbeitet hat, Frau Ritter. Dann lassen wir’s gut sein für heute.» Er erhebt sich ebenfalls, Emil tut es ihm gleich.
«Bei Sulzer. Schweisser war er.» Sie trägt den Aschenbecher und das Wasserglas in die Küche. «Was soll ich bloss dem Margritli sagen?», murmelt sie vor sich hin.
Wunderlin geht ihr nach, steht in der Küchentür. «Sie müssen im Spital vorbeigehen.»
«Im Spital?»
«Zur Identifizierung.»
«Oh.» Sie stellt das Glas und den Aschenbecher neben das Spülbecken. «Muss ich?»
Wunderlin nickt.
«Wenn ich muss, dann muss ich wohl», sagt sie und eilt ins Wohnzimmer, öffnet das Fenster, wedelt den Rauch weg.
6«Schon halb zwölf», lässt Wunderlin nach einem Blick auf die Uhr verlauten. «Kein Wunder, knurrt mein Magen.» Emil geht es ähnlich; er hat einen Bärenhunger.
«Ich nehme an, du warst auch noch nie da drin?» Wunderlin deutet auf die «Braustube».
Emil schüttelt den Kopf.
«Dann lass uns testen, wie das Essen hier schmeckt.»
Im Inneren des Lokals ist es düster, es riecht nach abgestandenem Rauch und Bratfett, aber es ist gut besucht. Die meisten Gäste sind Blaumacher und ältere Männer im Ruhestand. Sie sitzen zu dritt oder viert an den eckigen Tischen, vor ihnen Biergläser, volle Aschenbecher, manche jassen, manche essen zu Mittag.
Wunderlin lässt sich an einem Vierertisch am Fenster nieder. «Fräulein», ruft er lautstark. «Zwei Stangen und zwei Mal Mittagsmenu.»
«D Schmier», murmelt einer.
«Was wollen die Schugger hier?», ein anderer.
Die Bedienung, eine füllige Blondine, mustert die Neuankömmlinge über den Zapfhahn hinweg, stellt dann zwei Gläser mit einer schönen Schaumkrone vor sie.
«Ah, das tut gut!» Wunderlin nimmt einen grossen Schluck. «Das lässt einen den unerträglichen Anblick eines Ermordeten schneller vergessen, ist es nicht so, Kern?», sagt er und spricht viel lauter als zuvor. Der eine oder andere Kopf dreht sich verstohlen in seine Richtung.
Dä Lappi, was soll das?, schimpft Emil innerlich, greift nach seinem Bierglas. Sollen gleich alle wissen, dass ein Toter quasi vor der Haustür gelegen hat?
Wunderlin scheint seine Gedanken zu erraten, zwinkert ihm zu. «Die arme Frau», fährt er in der gleichen Lautstärke fort. «Noch keine dreissig und schon muss sie den Mann zu Grabe tragen.» Nun hat er die Aufmerksamkeit der ganzen Gaststube.
Emil verschluckt sich, hustet.
«Geht’s?» Die Serviertochter stellt zwei dampfende Teller vor ihnen ab, klopft Emil auf den Rücken. Der nickt, seine Wangen haben sich gerötet.
«Der Schock, Fräulein, der Schock. Mein junger Kollege hat so einen Anblick noch nie ertragen müssen.» Wunderlin nimmt die Gabel zur Hand und spiesst munter gebratene Kartoffelscheiben auf. «Grausig sag ich nur, grausig», meint er mit vollem Mund.
Das Fräulein ringt mit sich. Die Neugier obsiegt schliesslich über das Misstrauen gegenüber der Polizei. «Wer ist’s denn?»
«Das dürfen wir nicht sagen, solange die offizielle Identifizierung aussteht», meint Emil. Er macht sich ebenfalls an die Kartoffeln. Eigentlich hat er auf etwas anderes gehofft. Hörnli zum Beispiel. Oder Reis. Kartoffeln, die gibt’s bei seiner Vermieterin zuhauf. Gebratene Kartoffeln, gekochte Kartoffeln, ab und zu Kartoffelstock. Aber so ist es nun mal. Im Herbst werden hundert Kilogramm Kartoffeln bestellt und die reichen dann für ein Jahr, so hat es schon seine Mutter gehandhabt. Bis vor Kurzem musste man froh sein, hatte man überhaupt Kartoffeln zu essen.
«Mein Kollege hat natürlich recht, eigentlich dürften wir nichts sagen. Aber die Neuigkeit wird sowieso bald die Runde machen. Deswegen unter uns», Wunderlin senkt die Stimme, das Fräulein beugt den Kopf zu ihm hinunter, «es ist Ottmar Ritter von nebenan.»
«Ottmar!», ruft das Fräulein entsetzt und schlägt sich die Hand vor den Mund.
«Sie kannten ihn?»
Sie nickt. Ihre vormals rosige Gesichtsfarbe ist einer fahlen Blässe gewichen. «Wir alle hier kennen ihn. Er ist ein Stammgast.» Sie lässt sich auf einen freien Stuhl fallen. «Das ist ja schrecklich. Der Ottmar.» Sie wischt sich mit der Hand über die Augen.
Wunderlin säbelt an seinem Kotelett. «Schrecklich, Sie sagen es.» Er schiebt sich ein Stück Fleisch in den Mund. «Wie war er denn so, der Ottmar?»
Wirklich clever, selbst ich bin darauf reingefallen. Er gewinnt ihr Vertrauen und befragt sie, ohne dass es ihr auffällt, denkt Emil, während er sein Fleisch kaut. Es schmeckt gut, besser als er beim Anblick der verrauchten Gaststube vermutet hat. Er legt die Gabel nieder, kramt nach seinem Notizbuch. Das trägt ihm unter dem Tisch einen Tritt ans Schienbein ein. Na gut, dann nicht.
«Ottmar ist…» Sie verstummt. «Ottmar war ein Lebemensch. Hat gern getrunken, gelacht, sich amüsiert.» Sie schluckt leer.
«Christel, bring mir noch eins!» Ein Mann drei Tische weiter hebt sein leeres Glas. Christel ignoriert ihn.
«Er war oft hier, der Ottmar. Da drüben ist er immer gehockt.» Christel deutet auf einen Tisch hinten in der Ecke. «Wenn nichts los war, habe ich mich ab und zu für ein paar Minuten zu ihm gesetzt. Zum Reden», fügt sie schnell an, als könnten die Polizisten etwas anderes vermuten.
«Christel, noch eins!» Der Ruf wird ungeduldiger.
«Worüber haben Sie denn geredet?»
«Ist das wichtig?» Christels Stimme bricht.
«Alles kann wichtig sein.» Wunderlin spiesst Kartoffeln auf die Gabel. Christel sitzt da wie ein Häufchen Elend.
«Er hat von seinen Plänen erzählt. Die Fabrik wollte er hinter sich lassen, er hatte andere Geschäfte in Aussicht, wollte ein besseres Leben. Aber ich kann mich nicht an alles erinnern. Er hatte eine schöne Stimme, wissen Sie. Ich habe ihm gern zugehört», gesteht Christel.
«Christel, wird’s bald. Die Gäste warten.» Ein grosser, bärtiger Mann mit einer Schürze um den dicken Bauch kommt aus der Küche, schaut sich suchend um und tritt dann an den Tisch der Polizisten: Seine Miene ist alles andere als freundlich.
«Wir unterhalten uns gerade mit dem Fräulein Christel.» Wunderlin nimmt den Kotelettknochen in die Hand und nagt das restliche Fleisch ab.
Der Bärtige wirft Wunderlin einen finsteren Blick zu. «Das Fräulein Christel ist meine Frau. Und wenn ihr Schugger euch weiter mit ihr unterhalten wollt, dann macht das, wenn sie keine Gäste zu bedienen hat.» Er fasst Christel unsanft am Oberarm.
Schnell steht sie auf. «Ich komme ja.»
«Nur ein paar Fragen noch, Frau Christel.» Wunderlin wischt sich gelassen die Finger mit der Serviette ab. «War Ritter gestern auch hier?»
Sie schüttelt den Kopf. «Sonntags haben wir geschlossen.»
Wunderlin nickt zufrieden. «Wenn Ritter nicht allein oder mit Ihnen da gesessen hat, mit wem hat er sich dann unterhalten?»
Christel zuckt mit den Schultern. «Wir haben eine Menge Stammgäste, mit denen ist er zusammengehockt.»
«Wir brauchen eine Liste mit Namen.»
«Eine Liste! So weit kommt’s noch.» Der Wirt stemmt die grossen Fäuste in die Seite, auf seiner Stirn bilden sich Schweissperlen. «Damit ihr hernach meine Kunden belästigen könnt?»
«Wir belästigen niemanden nur um der Belästigung willen, dafür haben wir gar nicht die Ressourcen», hält Wunderlin fest. «Aber es gilt, einen möglichen Mord aufzuklären.»
«Ist’s jetzt Mord oder kein Mord? Wenn ihr euch festgelegt habt, reden wir nochmals über diese Liste.» Der Wirt gibt Christel einen Stoss. «Nun mach, Alfons wartet schon lange auf seine Stange. Und ich muss nach hinten, das Bier wird geliefert.» Tatsächlich fährt in diesem Moment ein Zweispänner am Fenster vorbei. Emil schaut interessiert zu, wie die schweren Pferde den mit Holzfässern beladenen Wagen ziehen. Er hat schon vernommen, dass die Haldengut-Rössli eine Winterthurer Tradition sind und das Bier seit über hundert Jahren mit Gespann an die lokalen Gaststätten ausgeliefert wird, auch wenn andere Brauereien sich mittlerweile dem technischen Fortschritt ergeben haben und auf Lastwagen umgestiegen sind.
«Hatte Ritter Feinde, ist er mit jemandem aneinandergeraten?»
«Hier drin ist er nie in eine Schlägerei verwickelt gewesen, falls Sie das meinen», meint der Wirt mürrisch. «Aber ich habe keine Ahnung, was er sonst so getrieben hat.» Er wischt sich mit einem Tuch über die Stirn, dann stampft er davon.
«Das war ja ganz interessant», sagt Wunderlin. Er hat die letzte Kartoffel aufgegessen, legt das Besteck hin und greift nach seinem Bier. Emil macht sich derweil daran, den Knochen abzunagen.
«Was für Schlüsse ziehst du aus unserer kleinen Unterhaltung mit dem Fräulein Christel und ihrem Gatten?»
Emil überlegt. «Christel mochte Herrn Ritter sehr gern. Die Nachricht seines Todes hat sie getroffen, das hat man gemerkt.»
«Der Meinung bin ich auch. Ich denke sogar, diese Nachricht hat sie sehr getroffen. Ich frage mich, ob zwischen den beiden nur eine harmlose Schwärmerei war oder mehr.» Er greift nach einem Zahnstocher, stochert damit in seinen Zähnen. «Der Wirt ist auf jeden Fall nicht gut auf Ritter zu sprechen. Und er hat angefangen zu schwitzen, als er mit uns geredet hat.»
Emil macht sich eifrig Notizen, hält Wunderlins Vermutungen fest.
«Lass uns gehen. Hier werden wir im Moment nichts mehr in Erfahrung bringen können. Am besten wir gehen auf direktem Weg zurück aufs Revier, dann können wir vor der Besprechung mit Schäppi den Papierkram erledigen.»
Dann kann ich noch den Papierkram erledigen, meinst du, denkt Emil, denn die Schreibarbeit bleibt meist an den Dienstjüngsten hängen. Er sagt nichts, nickt nur mit vollem Mund. Wunderlin zieht derweil sein Portemonnaie aus der Tasche und legt ein paar Münzen auf den Tisch.
«Das nächste Mal bist du dran», sagt er zu Emil und zündet sich eine Zigarette an. «Was war eigentlich los vorhin da oben in der Wohnung?», fragt er beiläufig.
«Was meinst du?»
«Jetzt tu nicht so. Zwischendurch hast du ganz schön die Fassung verloren. Als du nach dem Alter von Ritters Tochter gefragt hast.»
«Es war nichts.» Emil schiebt mit dem Messer den Knochen auf dem Teller hin und her. «Nur eine Erinnerung.»
«Ein Elternteil zu verlieren, ist nie einfach. Aber als Kind ist es besonders schwierig.» Wunderlin bläst Rauch aus. «Oder als Jugendlicher.» Nun schaut er Emil an, schiebt das Zigarettenpäckchen in seine Richtung. Der greift dankbar zu. «Die Polizei ist wie eine grosse Familie: Wenn du lange genug dabei bist, erfährst du alles über jeden.» Er nimmt einen Zug. «Die spanische Grippe, hm? Diese verdammte Seuche hat mehr Opfer gefordert als der Krieg. Morgens krank und abends tot. Allein im Kanton Zürich starben jeden Monat über zweihundert Menschen.»
Emil konzentriert sich darauf, das Streichholz an die Zigarette zu halten, verdrängt die Erinnerung an die Mutter, die blass und fiebrig im Bett gelegen und ihm zugeflüstert hat, es werde alles wieder gut. Er nimmt einen tiefen Zug.
«Wenn ich dir einen Rat geben darf, Emil», Wunderlin klopft Asche ab, «vermische nie Berufliches und Privates. Weder bei den Erinnerungen noch bei den Gefühlen. Das trübt dein Urteilsvermögen.» Er schiebt seinen Teller von sich. «Und nun lass uns gehen.»
Sie erheben sich, setzen die Mützen auf. Wunderlin klopft Emil auf die Schulter. Emil ist gerührt. Der Korporal mag behäbig sein und zu viel saufen, fähig ist er aber allemal, das hat er in den letzten Stunden gezeigt. Und das Herz hat er auch auf dem rechten Fleck.
«Schönen Tag, die Herren», ruft Wunderlin in den Saal. Niemand erwidert seinen Gruss. Er tritt an den Tresen, wo Christel ein Bier zapft, drückt seine Zigarette im Aschenbecher aus. «Auf Wiedersehen, Frau Christel», sagt er, und fügt leise an: «Ich bin Korporal Gottfried Wunderlin vom Kantonspolizeiposten Neumarkt. Nur für den Fall, dass Ihnen noch irgendetwas zu Ottmar Ritter in den Sinn kommen sollte.»
Christel stellt das Glas ab, greift nach dem nächsten und füllt auch das. «Adieu, Herr Korporal Wunderlin», sagt sie, ohne ihn anzuschauen.
7«Wunderlin, Kern, in mein Büro. Es gibt Neuigkeiten.» Schäppi steht unter der Tür, sein Gesichtsausdruck verheisst nichts Gutes. Emil, der gerade konzentriert das Protokoll des Leichenfundes tippt, erschrickt und drückt so fest auf das A, dass der Typenhebel im Papier stecken bleibt.
«Wo ist Wunderlin?» Schäppi schaut sich suchend um.
«Er musste kurz austreten.»
«Sofort zu mir, wenn er auftaucht. Beide.» Schäppi will wieder in seinem Büro verschwinden, hält inne. «Kern, hat Hess etwas zur Todesursache sagen können?»
«Schlag auf den Hinterkopf, meint er. Sturz sei so gut wie ausgeschlossen.»
«Kein Unfall also.» Schäppi seufzt. «Wär auch zu schön gewesen.» Er wirft die Tür hinter sich ins Schloss.
Emil löst den verklemmten Hebel, tippt weiter, aber mit seiner Konzentration ist es dahin. Er schaut auf die Uhr. Es ist eine halbe Stunde her, seit Wunderlin zur Toilette gegangen ist. Lange wird der Leutnant nicht mehr warten wollen. Emil greift zum Telefon und wählt die interne Kurznummer des Bezirksgefängnisses.
«Kern hier. Ist Wunderlin bei euch oben?» Der Gefängnisaufseher erteilt ihm eine abschlägige Antwort. Emil versucht es im Büro des Bezirksanwalts, aber auch da hat keiner seinen Kollegen gesehen. Emil steht seufzend auf. Wohl oder übel muss er sich selbst auf die Suche machen, auch wenn er sich über Wunderlins Verhalten ärgert; er will schliesslich bei Schäppi einen möglichst guten Eindruck hinterlassen. Er verlässt das Zimmer, nimmt den Durchgang nach hinten in den Innenhof und schaut sich suchend um. Kein Wunderlin. Stattdessen trifft er auf den Erkennungsdienstler Hess, der, eine Zigarette im Mund, Löcher in die Luft starrt.
«Hast du Wunderlin gesehen?», fragt er.
Hess wird aus seinen Gedanken gerissen. «Erinnerst du dich an die Hände des Toten, Kern?», fragt er zusammenhangslos. «Da waren keine Abwehrspuren erkennbar. Die Kleidung war nicht zerrissen.» Er schüttelt den Kopf. «Irgendetwas ist merkwürdig an diesem Tatort, das sage ich dir.»
Emil hört nicht richtig zu, murmelt etwas Unverbindliches. «Weisst du, wo Wunderlin ist?», hakt er ungeduldig nach.
«Der wollte in den ‹Metzgerhof›. Hatte Durst.»
Emil macht rechtsumkehrt und geht den Weg zurück, den er gerade gekommen ist, verlässt das Bezirksgebäude über den Vorderausgang. Die Wirtschaft zum Metzgerhof liegt direkt gegenüber; sie ist bekannt für ihre Blut- und Leberwürste. Emil hat da auch schon mit einem Kollegen ein Feierabendbier getrunken. Zügigen Schrittes überquert er den Neumarkt. Heute ist kein Markttag, sonst wäre kein so leichtes Durchkommen. Die Luft im Innern des «Metzgerhofs» ähnelt derjenigen in der «Braustube», aber sie scheint noch verrauchter zu sein. Emils Blick fällt sofort auf Korporal Wunderlin. Er sitzt, die Uniformjacke aufgeknöpft, in Gesellschaft von zwei Männern in Anzügen am runden Tisch in der Mitte, vor sich eine halbvolle Stange und ein leeres Schnapsglas.
«Wunderlin!», ruft Emil und hebt die Hand. Der Korporal schaut auf, nickt ihm zu, macht jedoch keine Anstalten aufzustehen. Genervt nähert sich Emil seinem Kollegen. «Du musst sofort mitkommen. Wir sollten längst im Büro vom Chef sein.»
«Ah bah, Rapport ist um zwei. Jetzt haben wir noch nicht mal halb.» Wunderlin schaut Emil mit glasigen Augen an. «Daran erkennst du die Ehrgeizigen», sagt er zu seinen Tischgenossen. «Sie sind nie pünktlich, sondern immer zu früh.» Die beiden lachen.
«Es geht nicht um den Rapport», entgegnet Emil beherrscht und beugt sich vor. «Anscheinend hat es eine neue Entwicklung in unserem Fall gegeben», sagt er leise. «Schäppi will uns sofort sehen.»
«Eine Entwicklung, so, so. Na, dann muss ich wohl.» Wunderlin steht auf, kippt den Rest seines Biers in einem Zug hinunter.
Auf dem Neumarkt wirft Emil einen seitlichen Blick auf den Korporal. «Die Jacke», sagt er leise und bleibt stehen.
Wunderlin schaut an sich hinab und macht sich daran, die Knöpfe zu schliessen. Dann setzt er seine Mütze auf. «Bin ich jetzt präsentabel genug?»
Emil nickt und geht schweigend weiter.
«Also, was will der Adolf?», fragt Wunderlin, als sie das Bezirksgebäude betreten. «Uns den Krieg erklären?» Er kichert vor sich hin.
Emil verzieht keine Miene, zuckt mit den Schultern.
«Bist du eingeschnappt, weil ich dich ehrgeizig genannt habe? Sei ehrlich, Kern, du bist ehrgeizig. Du hast dieses hagere Äussere, diesen gehetzten Blick des ehrgeizigen Mannes. So was erkenne ich sofort.»
Nun bleibt Emil stehen; sie befinden sich im Entrée des Bezirksgebäudes. «Dieser Fall ist wichtig für mich, Wunderlin», sagt er. «Ich will nicht ewig Gefreiter bleiben.»
In diesem Moment reisst Schäppi die Tür auf, sein Gesicht ist gerötet, er mustert Wunderlin mit hochgezogenen Augenbrauen. «Ich muss wohl nicht fragen, wo Sie gesteckt haben, Korporal.» Er schnüffelt. «Das riecht man.»
«Ich habe meine Fühler ausgestreckt», sagt Wunderlin, nicht im Geringsten beschämt. «Ich wollte hören, ob der Tote vom Brühlbergpark schon Thema an den Stammtischen ist.»
Emil wirft Wunderlin einen erstaunten Blick zu. Ist das eine Ausrede, oder steckt tatsächlich mehr hinter dem Beizenbesuch als die Lust auf ein Bier?
«Das Gerücht über einen möglichen Mord macht tatsächlich bereits die Runde.» Wunderlin räuspert sich. «Es wird gemunkelt, dass in der Hitze der gestrigen Auseinandersetzungen an der Zürcherstrasse ein roter Tössemer auf einen Nazi losgegangen sei.»
«War der Ritter ein Nazi?», wirft Schäppi ein.
«Soweit wir wissen nicht. Die Ehefrau meint, er sei kein politischer Mensch gewesen. Aber Ehefrauen wissen nicht immer alles. Oder sie lügt.»
«Gehen Sie dem nach», befiehlt Schäppi, während er sich umdreht und zurück in sein Büro steuert. Wunderlin und Emil folgen. «Das passt zu dem, was mir gemeldet worden ist.» Schäppi lässt sich schwer in seinen Sessel fallen und heisst die beiden Polizisten, ihm gegenüber Platz zu nehmen. «Höchst unangenehme Neuigkeiten.» Er streicht mit Zeigfinger und Daumen über seinen Schnauzbart. «Ein weiterer Deutscher ist angegriffen worden. Er hat zum Glück überlebt und liegt verletzt im Spital.»
«Was?» Emil kann seine Überraschung nicht verbergen.
«Wann ist das passiert?», fragt Wunderlin. «Und wer hat Bescheid gegeben?»
«Ihr Kollege, Korporal Bischof, ist wegen eines Unfalls – ein Kind ist angefahren worden – im Spital; er hat die Einlieferung des Deutschen mitbekommen und mich sofort angerufen.»
«Hat Bischof mit dem Verletzten gesprochen?»
«Nein», antwortet Schäppi auf Emils Frage. «Ich habe ihn zurückgepfiffen. Besser, das bleibt alles in den gleichen Händen.» Er trommelt mit den Fingerspitzen auf die Tischplatte. «Ich habe Bischof absolutes Stillschweigen verordnet. Das gilt auch für Sie beide! Diese Sache ist explosiv. Wenn bekannt wird, dass in Winterthur jemand Jagd auf Deutsche macht, dann gute Nacht.» Er schüttelt das kahle Haupt. «Deutschland wird so etwas auf keinen Fall auf sich beruhen lassen. Die deutsche Gesandtschaft wird in Bern intervenieren. Und die Schweiz ist auf eine gute Beziehung zum grossen Nachbarn angewiesen, nicht zuletzt wegen der Wirtschaft. Wir müssen die Angelegenheit rasch klären. Sonst haben wir bald die Bundespolizei im Haus. Ich hoffe, ich kann mich auf Sie beide verlassen. Privates muss zurückstehen. Verstanden?»
«Verstanden, Herr Leutnant».
«Also ab ins Spital.» Schäppi entlässt Wunderlin und Emil mit einer Handbewegung. «Ich will über jeden Schritt informiert werden.»
Die Polizisten radeln hintereinander die Stadthausstrasse hinauf, queren die Tramschienen, biegen nach rechts in die Lindstrasse ein. Vom Pausenplatz des Altstadtschulhauses ertönt Geschrei, Buben toben umher, Mädchen sitzen auf der Treppe. Auf der anderen Strassenseite thront das Stadthaus, ein imposantes Sandsteingebäude mit Freitreppe, schräg dahinter das Museum. An dieser Ecke hat Winterthur etwas Grossstädtisches, das Emil an Zürich erinnert. Damit hat es sich aber auch schon mit der Ähnlichkeit.
Auf der Höhe des Bezirksgerichts bremst Emil ab, vor ihnen fährt der Haldengut-Zweispänner; er hat wohl seine Lieferrunde für heute beendet und ist auf dem Weg zurück in die Fabrik. Sie fahren hinter dem Wagen her, bis er in die Haldenstrasse einbiegt. Wunderlin und Emil verlassen die Lindstrasse, nehmen das schmale, von Bäumen gesäumte Strässchen, das quer durch die weitläufige Grünfläche zum Haupteingang des Kantonsspitals führt. Vor dem langgestreckten Gebäude mit dem Giebeldach parkieren sie die Velos.
Im Innern herrscht ein geschäftiges Treiben: Frauen in Schwesterntracht und mit weissen Hauben sind unterwegs, stützen Patienten oder eilen zur nächsten Verpflichtung, dazwischen der eine oder andere Arzt im weissen Kittel. Emil hält Ausschau nach dem Kollegen Bischof, entdeckt ihn in einer Ecke an die Wand gelehnt.
«Wo ist unser Deutscher?»
«Zimmer 207, zweiter Stock», liest Bischof von einem Zettel ab.
«Kannst du uns etwas sagen?»
«Nicht viel. Auf dem Flur habe ich gehört, wie eine Schwester zu einer Kollegin etwas über einen Deutschen mit Kopfverletzung gesagt hat. Auf meine Frage, worum es gehe, meinte sie, er sei wohl angegriffen worden.» Bischof zuckt mit den Schultern. «Ich habe das von eurem toten Deutschen mitbekommen, da habe ich zwei und zwei zusammengezählt und sogleich den Leutnant alarmiert.»
«Name?»
«Schäfer. Bernd Schäfer.»
Wunderlin nickt geschäftig. «Dann schauen wir uns das Opfer mal von Nahem an.»
«Soll ich euch begleiten?»
«Nicht nötig. Sollten wir uns verlaufen, fragen wir eine der netten Schwestern nach dem Weg.» Wunderlin klopft Bischof gönnerhaft auf die Schulter.




