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Wollte Wild damit sagen, angesichts der Kürze und der Einmaligkeit des Lebens könne man sich eine solche Liebesverschwendung gar nicht leisten?
Diego, der den halben Eichendorff auswendig konnte, der der letzte war, der noch Hofmannsthal las, sonst nur bei Lacan zu Hause war und weiter oben in der Philosophie, wo Wild nicht mehr hinaufsah, Diego zitierte ohne weiteres: «Le jour brille un instant, puis c’est la nuit à nouveau.»
Trümmer, sagte Diego, es gibt nur Trümmer.
Er zitierte. «Stechpalmenbeerenpflücken, sagte sie. Die roten. Sei wieder auf dem Hügel, an einem Sonntagmorgen, im Nebel, mit der Hündin, bleib stehen und lausche den Glocken.»
Sei wieder auf dem Hügel, an einem Sonntagmorgen, im Nebel, wiederholte Wild, leise.
Zeit verging. Die Serviertochter hinter dem Tresen las in einer Zeitung.
Merkwürdig, sagte Diego. In der Trauer über den Verlust der geliebten Frau kann der Freund dem anderen Freund nicht helfen. Nur eine andere Frau.
Wild dachte darüber nach, und nickte.
Bemerkenswert, sagte Diego, und zugleich schwer zu verstehen.
Das Bier schmeckte frisch und kräftig in der «Jägerburg». Es wurde hier noch in den alten hohen Gläsern serviert.
Und die Angst vor dem Verlust verliert sich im Alter nicht, sagte Wild.
Vielleicht ist der Tod ein fassbarerer Verlust als das Weggehen, sagte Wild. Helens Weggehen hat mich immer tief verletzt. Na ja, sie konnte jederzeit so weggehen, dass es ungewiss war, ob sie je wieder zurückkommen würde.
Ich weiß das noch gut, wie das früher gewesen ist. Ich wartete auf sie, zu Hause, und wenn sie auch nur eine Stunde später kam als angekündigt, war ich schon völlig aus dem Häuschen, sauer nach der ersten Stunde, verzweifelt bald darauf.
Sie konnte Abwendung, darauf verstand sie sich; ich war einer, der Abwendung nicht ertrug, warum auch immer, die Psychologie dahinter interessiert mich nicht besonders.
Und ich glaube, das verliert sich nicht mit dem Abflauen einer Beziehung, fuhr er fort, der Beruhigung der Liebe auf eine flachere Sinuskurve mit der Gewöhnung, die eigentlich ein Geschenk sein könnte. Mit dem sogenannten Alltag. Im Gegenteil. Die Angst bleibt, vordergründig oder untergründiger.
Ja, sagte Diego. Sie schwiegen. Er war vielleicht bei seiner eigenen Geschichte. Ihre Geschichten verglichen sie mitunter, und beruhigten sich damit.
Und hat sie dich tatsächlich schon einmal verlassen, sagte Wild, dann trägst du die Erinnerung daran wie eine ruhende Infektion in dir, die jederzeit wieder ausbrechen kann.
Ich träume viel davon, wie sie mich abweist, mich stehen lässt, mir die kalte Schulter weist. Diese Träume verfolgen mich seit Jahrzehnten, und ich hatte sie wohl schon vor unserer langen Trennung. Die demonstrative Gleichgültigkeit, die sie so deutlich zeigt und gegen die ich in diesen Träumen vollständig wehrlos bin, das ist für mich das Schlimmste. Also nicht nur ihre Abwendung, sondern meine vollständige Wehrlosigkeit dabei. Ich bin dann nur Schmerz.
Samuel Beckett, dachte Wild, immer noch auf der Contrescarpe. Zwei Kinder waren auf Dreirädern mehrmals um das Rondell gekurvt, und er hatte ihnen dabei zugeschaut. Wären nicht möglich gewesen, damals, vor zwanzig, dreißig Jahren, diese Kinder.
Beckett, auch der hätte in Borbakis’ Inventar gehört. Beckett allerdings zehn Jahre später in Paris angekommen als jene Phalanx der Amerikaner. Hemingway hätte ihm noch begegnen können. Zwei Schriftsteller, die nichts miteinander zu tun haben, aber im Kopf eines Lesers dürfen sie zusammenkommen.
Borbakis hätte Netze darstellen können, literarisches Spinnweb, von dem das eine das andere durchwob. Fäden, die sich kreuzten, überschnitten, ergänzten, Muster bildeten. Ein unerhörter Reichtum.
Aber Borbakis war ein Schwätzer. Und Wild auf diesem Gebiet nicht einmal ein Amateur. An den «Selected Letters» hatte ihm das Buch gefallen, das Objekt, das er in Händen hielt, und die Beziehung zu Paris.
Warum Selected? Offenbar war auch diese Briefedition unvollständig. Wie alle Dinge, die man sammelt, dachte Wild: Trümmer, Stückwerk, Fetzen, Impromptus, Fragmente. Wie die Erinnerung. Diese Erfindung, die man Erinnerung nennt.
Wollte nun doch bald aufbrechen, Wild. Oder kam noch etwas?
Helen regte das auf, machte sie wütend: Sie saßen irgendwo in Gesellschaft, und Wild, der genug hatte, sagte zu ihr: Wollen wir gehen?
Gleich stand Helen in Hut und Mantel bereit. Aber da hatte Wild schon ein neues Gespräch angefangen.
Nur einen Augenblick, sagte er zu Helen, du wirst doch noch einen Augenblick warten können –
Erinnerung. Das Aufgeschriebene ist nie mehr das, was es noch im Augenblick davor gewesen ist: Das Züngeln einer lebendigen Flamme, und in der ganzen Geschichte des Universums hat eine Flamme nur ein einziges Mal so gezüngelt.
Wie die Zeilen sich aufs Papier niederlegen, enteilt am selben Faden der Augenblick. Aporie des Aufschreibens, Packen; und Verloren gehen. Der Fisch in der Hand zappelt einen Augenblick, du glaubst schon, ihn zu haben, und weg ist er.
«Als wäre jeder Tag ein eigenes kleines Dasein», so hat es ein anderer Amerikaner gesagt.
Man kann versuchen, die Zeit in kleine Zimmer zu sperren. Man wacht auf am Morgen, geht hinaus auf die Straße. Am Abend ist wieder ein Zimmer voll. Und dann?
Zimmer an Zimmer, jedes nur einen Tag bewohnt? Der Summe entrinnst du nicht, Wild, wenn du dich umdrehst und auf dein Hotel Leben zurückblickst … Die Summe heißt: Es ist jetzt so. So und nicht anders. So geworden, und bleibt so.
In dem Alter war er, Wild, dem Alter der Endgültigkeiten. Und einen Schritt weiter …
Wie ist tot sein?, hatte der Vater in seinen letzten Notizen gefragt. Und sich dann diese Antwort gegeben: Bald werde ich es wissen.
Hemingway. Hier um die Ecke, 22 Jahre alt, und in den Startlöchern. Hisste die Segel, ging in Boxerstellung, wollte Flagge zeigen. «Written a chunk of a novel», schrieb er, etwas unvorsichtig, wenn er denn wirklich erst «den Fetzen eines Romans» hatte, an einen Kumpel von der Piavefront.
Vierzig Jahre später, am Ende seines Schriftstellerlebens dann das Buch, das Wild über alles liebte, das Buch, mit dem der Sterbende hierher zurückkam, an die Lemoine, die Place de la Contrascarpe, das Paris seiner Jugend.
«Then there was the bad weather», so fing es an, Wild wusste das auswendig, konnte auch die nächsten paar Zeilen dieses wunderbaren Prosagedichts hersagen: «It would come in one day when the fall was over. You would have to shut the windows in the night against the rain and the cold wind would strip the leaves from the trees in the Place Contrescarpe. The leaves lay sodden in the rain and the wind drove the rain against the big green autobus at the terminal and the Café des Amateurs was crowded and the windows misted over from the heat and the smoke inside.»
«A Moveable Feast», glücklich übersetzt mit dem deutschen «Paris, ein Fest fürs Leben», das war eines der Bücher, die Wild immer wieder hätte lesen wollen. Der Aufbruch darin, die Heiterkeit; Kraft, Saft, der Hunger nach Leben. Dem Atem jedes neuen Morgens, die Durchsichtigkeit der Luft, das Blau über der weißlichen, mit ihren Dächern taubengrau abschließenden Straßenschlucht.
Was für ein Wunder, oder Geschenk, diese Geschichte der Wiederentdeckung der alten Manuskripte in einem Koffer, den Hemingway jahrzehntelang im Ritz hatte stehen lassen, und dieses Aufbäumen noch des gemütskranken alten Mannes, der das Buch noch so weit brachte, dass es nach seinem Tod, 1964, veröffentlicht werden konnte.
Die jungen Amerikanerinnen waren damals noch ein gutes Vierteljahrhundert von ihrer Geburt entfernt, so lange war das nun schon her. Das ganze Quartier war anders gewesen, eine Gegend für Clochards, ärmliche Leute und ein paar Künstler, die in den Gassen um die Contrescarpe in billigen Hotels und Zimmern hausten. Bohème, das Wort damals noch nicht abgegriffen und verzuckert, Bohème, das sich wie Armut aussprach und anfühlte, selbstgewählte, einem Ziel, einer Sendung dienend, die vielleicht den Künstlern selbst nicht deutlich vor Augen stand. Die Clochards tranken Algerier aus Literflaschen, die neben ihnen auf den Belüftungsgittern der Metro standen, auf denen sie ihre Tücher und Lumpen, dicke Mäntel, Foulards, allerhand Kram ausgebreitet hatten. Die Künstler tranken den günstigen Pinard, den schon Hemingway gerühmt hatte.
Und Wild wollte ihn wieder haben, wieder und wieder haben, den Anblick des Wassergesprudels, der hüpfenden Rinnsale, die die städtischen Angestellten jeden Morgen aus den im Boden versenkten Hydranten rauschen ließen, indem sie mit einem langen T-Eisen den Hahn im Boden aufdrehten und den Bach, mit Lumpen gelenkt und kanalisiert, durch die abschüssigen Straßen der Stadt plätschern ließen, wie zum Vergnügen und ohne dass man irgendwelchen Abfall auf dem Gequirl treiben sah, stundenlang, und manchmal lief das Wasser immer noch, wenn man am Nachmittag wieder vorbei kam.
Hemingway als sein Medium, sein Parisführer und Animator, warum nicht? Er wollte nun wirklich von seinem Stuhl aufstehen vor dem Café Delmas, wollte die Mouffetard unter die Füße nehmen, ihre Straße der Vergangenheit, den steilen Straßenschlauch hinunter, die Schicksalshalde.
Wild, im Berner Inselspital geboren, in der Elfenau in die Schule gegangen; Wild, als «Wild Bill Wild» Trompeter, später auch Flügelhorn bei den Marzili Ramblers, Wild, mit den zeitgerechten Bauhaus-Stirnfransen, eingeschlossen in diesem Bern und wie untergetaucht. Er hatte als Kind einen Kunststofftaucher an Schläuchen besessen, einer seiner gehüteten Schätze, den er an seinen dünnen Plastikröhrchen zu den Goldfischen im Aquarium hinab gelassen hatte, worauf von dort unten Bläschen aufstiegen. Von daher vielleicht seine lebenslange Erstickungsangst. Wild, angepflockt an einem Fluss, der diesen Namen nicht verdiente, da er nicht schiffbar war, die föhnvergrößerte Alpenkette auf der einen, den Faltenjura auf der andern Seite, hatte sich in Bern immer nur gefangen, mit tausend Fäden gefesselt gefühlt.
Sein bester Freund, Bert, war einmal durch die Burgunderpforte und Richtung Rhone abwärts entflohen; Wild konnte nicht mit, Schule. Das war in den Zeiten des «Big Butter and Egg Man» und von Sidney Bechets «Les Oignons». Berts Ziel war die Camargue, Flamingos und wilde Pferde, Tümpel, sogenannte Etangs, struppiges Gras, in dem Sumpfdurcheinander Gebüsch wie bei Werner Bischof, auch Bert wurde Fotograf, und die schwarz-weißen Fotos von Bischof, waren Maßstab geworden oder Ausgangspunkt für alles, was kommen sollte.
Bert reiste per Autostopp, einmal eine Strecke mit einem Fahrrad, das er unterwegs aufgegabelt hatte, wie er krakelig auf einer schwarz-weißen Ansichtskarte aus Marseille, Le Vieux Port, schrieb. Er hatte es geschafft, Bert. Er war in Saintes-Maries gewesen, er hatte Sumpfgrasbüschel im Gegenlicht fotografiert und die ersten Gauloises geraucht, hatte tausend Mücken totgeschlagen, die ihn in seinem Zelt auffressen wollten, und außerdem mit einem Vaquero Wildpferde gehütet. Wild, eingesperrt in der nachmittäglichen Geologiestunde, sah Bert, wie er dort unten in Frankreich stand, die Rolleiflex in der Hand, und wie er die gelbe Zunge des 6x6-Rollfilms sorgfältig in die Transportspule einfädelte.
Es gab im ganzen Land keinen meerferneren Ort als Bern, eine Stadt, die gleichsam die Negation von Ozean war, ein Steindampfer aus Steinhäusern, für alle Zeiten auf seinem Festlandsockel aufgelaufen und festgefahren. Als Wild auf dem Rhein später einen Lastkahn sah, der mit viel Wassergewirbel am Heck langsam flussaufwärts tackerte, und er den Namen am Bug ausmachte, «Bern», glaubte er an ein Versehen.
Das Meer. Als Wild im empfänglichsten Alter war, ein Kind, das sich nicht mehr als Kind fühlte, war Charles Trenets «La Mer» oft aus dem Lautsprecher des Grammophonmöbels gekommen und hatte ihn mit dem Geruch des Wortes «azur», einer Ahnung von «bleu marin» und der Silbenfolge «limpide» bis ins Gymnasiastenmark imprägniert. Dann kamen – Lektüre – Wörter wie «Brise», «Schaluppe», «Segel», «Leine», «Kliff», «Aquamarin», «Schaumkrone», «Brecher». Bei Charles Trenet wiederum der Begriff «le large» für das Riesenwasser, das sich vor deinem Auge dort draußen auf dem offenen Meer erstreckt.
Dann «Käpt’n Bontekoes Schiffsjungen», die Schiffsjungen, die nach dem Brand des Seglers «Nieuw-Hoorn», der sie hätte nach Java bringen sollen, auf Sumatra stranden und sich dort durch den Dschungel nach Bantam durchschlagen. Java-Sumatra-Bantam, und der Name der Schiffsgesellschaft, die Niederländische-Ostindien-Kompanie.
Dann genügte die Wortfolge «Hamburg-Amerika-Linie», und Wild sah Gischt und Nordsturm und schwere Taue im Kampf gegen die Wogen, schräge Riesenkamine, wie davon vier auf der «Titanic» standen.
War Wild zur Landratte verdammt? Hatte sich niemals eingeschifft. Ein Leben als Landratte; eine Süßwasserbiografie anstatt eines Abenteurerlebens. Niemals Malaria, kein Gelbfieber, niemals Kurs auf eine unbekannte Insel genommen. Nie war Wild eine Gangway am Schiffsrumpf steil in die Höhe gestapft, um an der Einstiegsluke sein Ticket abzugeben und in ein Inneres eingelassen zu werden, den Eisenkerl, der ihn in eine andere Welt führen würde.
Einmal fuhr Wild vom Peloponnes nach Athen, also nach Piräus. Konnte das ein Einschiffen genannt werden, dort in Neapolis, wo Wild an Bord ging?
Er verließ am frühesten Morgen, hatte kaum geschlafen, das bienenschwirrende Land, dem Ufersaum zu abwärts durch die kargen Hänge, auf denen alte Olivenbäume ihre schütteren Äste reckten, als würden sie um Wasser flehen, die Füße wie Märtyrer auf dem glühenden Boden, nackte Erde, kalkplattenübersät, mit Eidechsen und Schlangen wohl auch. Er ging über den Pier, eine Tasche über der Schulter, und über eine einfache Brücke geradewegs an Bord des eisernen Kahns, der bewegungslos auf seinem eingedickten Hafenwasser lag, ein Omnibus. Er ging einfach so an Bord, hereinspaziert, aufs Zwischendeck. Das war keine Gangway, das konnte man so nicht nennen.
Als das Schiff die weite, flache Bucht von Neapolis verlassen hatte, der nun dunkel und grün erscheinende Ufersaum zurückblieb, die aufragenden Kerzen der Zypressen, die Gärten, die sich bis an die Wasserlinie lagerten, als der Dampfer nun Abstand gewann und das Land langsam zurückblieb, viel langsamer als Wild sich das vorgestellt hatte, besah er Himmel und Meer, als müsste nun etwas geschehen. Aber er spürte keine besondere Bewegung. Er suchte sich zwischen einer Taurolle und einem Lüftungsturm einen Platz auf Deck.
Ganz vorn im Schiff, tief unter dem Bug, befand sich eine enge Bar oder Buvette, die, als Wild sie betrat, schon voll war von Männern, die offenbar an einer früheren Anlegestelle an Bord gekommen waren. Manche hockten einfach da, einige tranken Bier und Ouzo, Gewohnheitspassagiere, die hier ihre sechzehn Stunden Fahrzeit absaßen, Leute vom Peloponnes, die in Athen ihren Geschäften nachgingen oder in der Hauptstadt auch nur einkaufen wollten. Wild fühlte sich als Fremdkörper unter den Männern in dem engen Verschlag aus Stahl, unter den Lampen, die nur ein undeutliches Licht hergaben.
An Deck wurde das Vergnügen an dieser Seefahrt auch nicht größer. Als die Nacht hereingebrochen war und sich Wild daran machte, an seine Taurolle lehnend die Sterne des Himmels zu betrachten, eine Übung, die er auf einer solchen Fahrt als unerlässlich betrachtete, obwohl er die Sterne nicht kannte, ein paar wenige, den Großen Bären, den Orion und ein Vieleck, das wie ein Papierdrachen aussah. Er konnte sich an die Milchstraße halten, die wie ein erleuchteter Karrenweg über den Himmel verlief. Fahrtwind wehte ineins mit Dieselschwaden über das Oberdeck. Wild ging noch einmal zum Bug und stieg in das Eisenfach der Pinte hinunter, machte aber auf der Schwelle kehrt, als er die Männer so laut sah. Einheimische, da hatte er kein Zutrittsrecht.
Die Nacht unter dem Himmel war lang und unbequem. Das Liegen tat weh, Wild fror. So, wie man auf dem Festland nicht frieren kann. Beim ersten Schimmer des Morgengrauens war er auf den Beinen, unausgeschlafen, als er im schwachen Licht, das zwischen Meer und Himmel kaum einen Unterschied ausmachte, ein paar Delfine sah, das heißt mehr ahnte als sah, ihre flachen, pfeilschnellen Flitzer knapp über den Wasserspiegel erhaschte, bevor die Tiere sofort wieder in den tieferen Schichten des Wassers verschwanden; einem Raum, den Wild sich nicht vorstellen konnte oben an seiner Reling, auf diesem Bügeleisen aus Stahl, das die Wasseroberfläche nur auf der dünnen Schicht zu befahren schien, dem Wassertuch über den Tiefen, von denen einer wie Wild nichts wissen konnte. Am Heck zog das Schiff eine Schleppe hinter sich her, auf die ein paar Vögel, wohl Möwen, hie und da niederstießen. Das alles hatte er in den Büchern gelesen, nur viel banaler. Einmal hatte er es nun doch geschafft.
Aber Cook und die Sandwich-Inseln und Gauguin und Tahiti; die «Kon Tiki», Thor Heyerdahl, den Pazifik und die Schwarz-Weiß-Fotos der haushohen Wellen, über die das Balsafloß schieferte hinab in die Wellentäler, jählings hochgehoben vom nächsten Wellenkamm: Das alles gab es nur in den Büchern.
Joseph Conrad, zu seinem Glück und Vorteil las er ihn nicht zu früh. Als er bereit war für Ausfahrt, Flaute, Sturm und Untergang als Gleichnis des Lebens, doch auch für das Versprechen der Ankunft. Das Schiff nicht nur das Zeichen des Aufbruchs, des Raums, das es vor sich hat und erobert, sondern immer auch des Ankommens. Ankunft. Ufer. Der Pier, man legt nicht nur von ihm ab, man kommt an einem Pier an, an einem anderen, Zweck der Reise.
Niemand hatte das so zu sagen gewusst wie Conrad, und auch Joseph Conrad schaute schon zurück, als er zu schreiben begann, immer schon zurück, nicht nur auf seine Fahrten und seine See. Er kannte die Bitterkeit einer Ankunft an einem Ort, der nicht mehr der ist, der er einmal gewesen ist. Den scharfen Schmerz des Zu spät, das die des Nachkommen prägt, und sind wir nicht alle zu Nachkommen geworden? Sind wir nicht alle nur noch Spätere?
Mon Dieu, dachte Wild, das wäre noch mal eine andere Bibliothek als die Borbakis’sche: meine Schiffe und ihre Gewässer, Darwins «Endeavour», und Melvilles «Quequod», Conrads «Narcissus», die real existierende «Normandie» und all die Modelle von ihr bis zu Catherine Anne Porters «Ship of Fools», das keinen Namen hat; die schreckliche «Tirpitz» und das Balsafloß «Kon Tiki». Fellinis «Rex» und sein Dampfer in «E la nave va» – wie heißt er denn?
Die Schweizer im Anhang, «Rapperswil» und «Stadt Zürich»; die Blüte des vierwaldstättischen Dampferwesens, «Wilhelm Tell», «Gallia», «Rütli», «Winkelried» und «Stadt Luzern», wenn denn Süßwasserkähne überhaupt erlaubt wären, als Minima Helvetica wenigstens und wegen ihrer Bordrestaurants und Salons. Die «Medusa» samt ihrem Floß, ein Segelschiff, das scheiterte und sein Rettungsboot, das der Toten und gleichzeitig das der 68 Überlebenden, die an die afrikanische Küste kamen. Die «Argos», Medusas Vorläufer, die «Flying Dutchman», und die Gewinner, «Santa Maria» und die «Nieuw Hoorn». Mit einem Sonderdossier über die Arche, na klar, die namenlose Arche.
Die «Biblioteca Theodoriana», vielleicht auch einfach die «Neptuniana» genannt, der Eingang von einem Meeresanrainer, dem Barcelonesen Calatrava gestaltet, als Dampfer-Bug aus Metall und Glas. In ihrem Lesesaal mit der Aufsichtskanzel als Kommandobrücke – an der Wand als Großgemälde und Zentralmetapher Fellinis Filmbild von der vorüberziehenden «Rex», dem Dampfer und den Menschen in den Booten, die zu ihm hinüberwinken –, im Lesesaal würden die Bücher aufliegen, eine nautisch-mariniere Präsenzbibliothek, Auswahlprinzip Wilds Wünsche. «Moby Dick» selbstverständlich, in allen erreichbaren europäischen Ausgaben, auf dem Index aber alle amerikanischen, da die Amerikaner nicht fähig gewesen waren, das Buch bei seinem Erscheinen auch nur im Entferntesten zu würdigen, obwohl es doch die große Meeres-Saga einer nur bedingt seetüchtigen Nation darstellte. Alles von Joseph Conrad, Mirakuli wie Michael Ondaatjes «Katzentisch», und selbstverständlich auch Corréards und Savignys Bericht über Untergang der französischen Fregatte «Méduse» und das Schicksal ihres Floßes.
Schön das, dachte Wild, gut, dass er sein Perrier immer noch nicht bezahlt hatte. Hier, in diesem Lesesaal, in diesem dem großen Salon der «Normandie» nachgebildeten Art-Déco-Lesesaal würden einige der Werke geschrieben werden, die bis heute zu fehlen scheinen:
«Es wird Nacht in den Tropen. Kulturgeschichte eines Mythos.»
«Ablegen. Eine Phänomenologie des Abschiednehmens.»
«Die Ufer bei Joseph Conrad: Das Meer und seine hängenden Gärten & Promenaden.»
«Titanikisch Untergehen. Die Katastrophe als Sehnsucht und Sehnsuchtserfüllung.»
Es reicht wieder mal, Wild! Wild hatte Helens Stimme sofort im Ohr. Ihm wäre allerdings noch einiges in den Sinn gekommen.
In der Mitte dieses Lesesaals, erhöht und in einem Glaskasten, stünde das Boot der letzten Überfahrt. Jedenfalls nannte Wild es so.
Wild hatte es am Tag zuvor hier in Paris gesehen. Es stand in einer Vitrine in dem neuen, von Jean Nouvel direkt an die Seine gebauten Quai Branly, stand also an einem Weg zum Meer, stand in der Ozeanienabteilung des Musée des arts et civilisations d’Afrique, d’Asie, d’Océanie et des Amériques, einer hinreißenden Sammlung, die Wild jedem empfahl, von dem er hörte, er reise demnächst nach Paris.
Obwohl ich Anthropologe bin und ihr mir gerade deswegen misstrauen werdet – geht an den Quai Branly, um Gottes willen.
Das Boot war aus einem einzigen Baumstamm gehauen und an die zwei Meter lang. Die geschwungene Form des Nachens glich einem schmalen Halbmond, der auf dem Rücken lag, so wie bekanntlich in den Tropen auch die Sichel des Mondes als Barke über den Nachthimmel gleitet. In der Mitte des Bootskörpers war eine rechteckige Öffnung ausgespart; in dieser lag ein bleckender Schädel, die Augenhöhlen zum Bug hin gerichtet.
Südsee.
Der Nachen hatte der Überfahrt von diesem Leben in ein anderes gedient. Dieses Leben war nur ein vorübergehendes, auf der andern Seite der See aber warteten die Geister der Ahnen, die, wie diese Seele hier, unsterblich waren. Die Insulaner gaben der Barke mit der Asche des Verstorbenen einen Stoß. Sie trieb aufs Meer hinaus und verschwand, entkam für immer, denn sie fuhr mit ihrem Passagier in eine andere Zeit, in einen andern Raum.
Wild war sitzen geblieben. Es spürte die Eile nicht, die ihn sonst immer weitertrieb, mahnte, obwohl er keine Eile hatte. Das Perrier war ausgetrunken. Sollte er sich, an diesem historischen Ort der Trinker und Chômeurs, nicht ein Glas Weißwein bestellen?
Der Kellner stand mit dem Rücken zu ihm. Als er sich umdrehte, übersah er Wilds erhobene Hand. Dann drehte er sich wieder weg. Wild, ein Gaststättenduckmäuser, wagte nicht, zu rufen.
Monsieur!, das hätte genügt. Aber sein «Monsieur» hätte keine Ausrufezeichen gehabt. Er hätte das gar nicht fertig gebracht, diesen einfachen Ton, der einen französischen Kellner in Bewegung setzt.
Garçon, konnte der Franzmann neben ihm sagen, halblaut bloß, und sofort rief der weit entfernt einen Tisch wischende Kellner: J’arrive!, Monsieur. Wilds «Monsieur?» tönte wohl so ähnlich wie «Lieber Herr Kellner, würde es Ihnen wohl etwas ausmachen, einen Augenblick zu mir herüber zu kommen; ich möchte bloß zahlen, Sie müssen mir nicht noch einmal etwas bringen, bitte sehr, bitte die Störung zu entschuldigen, gewiss haben Sie, und grad in diesem Augenblick, Wichtigeres zu schaffen …»
Die Contrescarpe lag nun im vollen Licht des Juni. Ohne dass Wild weiter etwas gesagt hätte, kam der Kellner an seinen Tisch.
L’addition, Monsieur?
Es ging gegen Elf. Alle Dunkelheit von damals vertrieben, ausgelüftet, verweht. Der Wohlstand, also Geld. Das neue Europa.
Wild bestellte nun doch noch ein Glas Weißwein.
Paris war eine dunklere Stadt gewesen, nicht nur nachts, als es noch finstere Gegenden gab hier, im historischen Zentrum. Es schien auch tagsüber grau zu bleiben. Grau, wo es heute weiß war. Geweißelt.
Ende der Fünfzigerjahre. Nicht viel mehr als zehn Jahre war es her, dass die Deutschen, die Besatzer, die durch die Stadt dröhnende, marschierende, lungernde Wehrmacht abgezogen war. Die Fotos von damals zeigten einen Schmerz im Gewebe der Stadt.



