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Damals schon, als er zum ersten Mal nach Paris gekommen war, war es für Wild unvorstellbar gewesen, dass sie es überhaupt gewagt hatten, die Hauptstadt der Franzosen, die Ville Lumière, zu besetzen. Einen Ort, von dem sie in ihren ernsten Städten nirgendwo auch nur einen Abglanz hatten.
Keinen blassen Schimmer von Charme und Eleganz des Art Déco mit seinen femininen Rundungen, die Deutschen, die mit ihrem Bauhaus die Welt über Schnittkanten definierten und, viel schlimmer, das alte Rom vor Augen, mit dem hitlerischen Nürnberg ihre morose Weltanschauung, ein Wort, das im Französischen bezeichnenderweise nur als «la weltanschauung» existiert, in Sandstein umgesetzt hatten. Oder hatten umsetzen lassen.
Was war das bloß für ein Spuk gewesen, diese Soldaten und Offiziere in Paris, die Wehrmacht samt Gestapo, mit ihrer eng uniformierten, wassergescheitelten, stiefelbewehrten, waffenknarrenden Soldateska?
Bert hatte die Zeit genutzt, um weitere Reisen zu unternehmen. Auch für Bert war die Aare nicht Fluss genug.
Von Basel war er auf dem Rhein mit einem Lastkahn bis Antwerpen gefahren. Wild bekam eine Ansichtskarte des Hafens, die mit einer mäandernden Tintenkrakelei übermalt war.
Bert war Gestalter, Wild eher der Intellektuelle. In den Museen, den Ausstellungen lernte er viel von Bert, vor allem das Sehen. Bert profitierte allenfalls ein wenig von Wilds wachsendem Hintergrundwissen. Als eine einzige Person wären sie vollständig gewesen. Als zwei Freunde teilten sie jede freie Minute.
Bert war einer von vielen jungen Künstlern und Gestaltern, einer jener Fotografen und Grafiker, die Anfang der Sechzigerjahre nach Paris kamen. Bert arbeitete in einer Grafikbude als Sachfotograf, in Montmartre, in der Nähe von Pigalle, Orwell Publicité.
Bert, der große Einzelgänger, hatte nun eine Freundin, Helen. Wild war neugierig.
Aber Bert zeigte Helen nicht vor. Es schien immer einen Grund zu geben oder einen Vorwand, weswegen Helen nicht verfügbar war. Sie war gerade in Deutschland, oder sie arbeitete.
Als Wild nicht nachgab, fuhren sie mit Berts blauem Deux Chevaux an die Rue Eugène Carrière, um sie abzuholen und mit ihr in ein Bistro zu gehen. Berts Bruder hatte ihm das Auto überlassen.
Helen war noch nicht fertig, als sie die Treppen heraufgekommen waren. Sie hatte sich die Haare gewaschen und saß nun, um sie zu trocknen, auf dem Boden, mit dem Rücken zu einem Heizungskörper, ein blaues Tuch wie einen Turban um den Kopf.
Paris war damals voll von Schweizern, Deutschen, Amerikanern, die in den grafischen Berufen, in Werbeagenturen und bei den Zeitschriften arbeiteten. Paris war die Hauptstadt der Kunst. Und die Ausländer beherrschten die Szene der angewandten Künste.
Wild hatte einige von ihnen zusammen mit Bert in der Brasserie Coupole oben am Boulevard Montparnasse kennengelernt. Die Schweizer hatten die Geldscheine locker in der Tasche, die knisternden riesigen Francs-Noten. Bert zog sie lässig aus der Brusttasche seiner Jacke.
So war auch Helen nach Paris gekommen, mit einer Mappe mit Zeichnungen aus ihrer Kunstschule in Wuppertal auf der Suche nach Arbeit. Eine zarte deutsche Blondine, eher klein; die hohen Absätze ihrer ausgesuchten Stöckelschuhe machten sie nicht viel größer. Sie war verletzlich, fraulich und schön, mit einem Augenaufschlag, der ihre blau getönten Lider wie zwei Markisen langsam über den strahlend grünen Augen hochgehen ließ.
Ein Kriegskind ehedem. Im Nachkriegsdeutschland, aus dem sie kam, hatte sie wohl ihren Willen erworben; sie war aus dem Geschlecht derer, die niemals aufgeben. Zäh, mit einem jederzeit aktivierbaren Potenzial an Verzicht. Es ging bei ihr immer auch ohne, wenn es sein musste; ohne Geld und, wenn es sein musste, ohne den Andern.
Der väterliche Teil ihrer Familie war eine oder zwei Generationen vor ihrer Geburt aus dem slawischen Osten gekommen, der damals noch deutsches Reichsgebiet war. Eigentlich hätte das katzenhafte Elena gut zu ihr gepasst. Später in Rom, als sie die «Signora» geworden war, die sie immer schon gewesen war, wurde sie für die neuen römischen Freunde doch noch eine Elena. Lebenslang blieb ihr im Deutschen aber die Helene erspart.
Manchmal machte einer eine Anspielung auf Faust und die klassische Helena. Darauf wusste sie Entgegnung.
«Finden Sie nicht auch, dass Goethe unendlich überschätzt wird?»
Worauf am Tisch, nach einigem Staunen, sofort die Kontroverse ausbrach.
In ihrer eigenen Familie sagten alle Lena zu ihr. Hatte Wild mit ihr später eine Auseinandersetzung, wollte sie weder Lena noch Helen hören, dann wollte sie eine vollständige Helena sein. Das musste sie nicht aussprechen, klar war das allemal.
Nach ihrer Scheidung von Wild nannte sie sich Helen, nahm aber ihren Mädchennamen nicht wieder an.
Helen war in Paris von Agentur zu Agentur gezogen mit ihrer Mappe. Kreuz und quer durch die Stadt, in der Metro, die riesige Mappe unter dem Arm. Der Untergrundbahn, in der sie angestarrt, angerempelt und angefasst wurde und bald ihr Gesicht mit einem Tuch verhüllte, sich wie eine polnische Magd verkleidete, wie sie sagte.
Sie klapperte die halbe Stadt ab, la sacrée allemande, und sie bekam ihre Stelle, in Montmartre, in einer der Straßen, die vom Pigalle zum Moulin de la Galette hinaufgingen, einer ehemaligen Guingette, einem Tanzlokal, in welchem immer schon Künstler verkehrt hatten, von Renoir und Pissarro zu Van Gogh und Picasso. Da fand Helen Arbeit in jener kleinen Agentur, an jener Rue Germain Pillon, um genau zu sein, für die auch Bert arbeitete, bei Orwell Publicité.
Der Firmeninhaber nannte sie bald «Mademoiselle Outre-Rhin», er mochte sie offensichtlich. Als sie nach eineinhalb Jahren die Agentur verließ, sagte er zu ihr: Elène, ma chère, vous pouvez toujours revenir.
Am Mittag ging man mitunter quer über die Straße in ein Lokal, in dem es einen günstigen Mittagstisch gab, und wo sich, ebenfalls schon am Mittag, eine Stripperin produzierte, der man einen Geldschein zwischen die Brüste oder sonst wohin steckte.
Wild, der Student aus Bern, war nie dabei gewesen –
Mit einer Italienerin, Ida, die von einem Jazzmusiker namens Gerry Mulligan unglücklich und allein in Paris zurückgelassen worden war, wohnte sie zusammen an der Rue Eugène Carrière, gleich hinter dem Cimetière Montmartre.
Es war kalt in Paris, Geld knapp. Helen und Ida steckten ihre Füße gemeinsam in den Gasbackofen, um sie zu wärmen. Ida kochte Spaghetti gegen ihre Einsamkeit, Spaghetti warms the soul, sagte sie. Sie kam aus dem italienischen Süden, aus Salerno.
Auf der Straße standen noch die Vespasiennes, die Pissotières, die Henry Miller so liebte. Und «Black Spring» stand, in der Ausgabe von Olympia Press, bei Ida und Helen, das verbotene Buch eines anderen Amerikaners, der Paris so geliebt und verstanden hatte, wie das nur Zugewanderte können.
Man ging an diesem Abend, als Wild Helen endlich begegnete, zu einem Chinesen.
Wild war noch nie bei einem Chinesen gewesen, er hatte überhaupt noch nie einen Chinesen gesehen.
Aber an diesem Abend war ohnehin alles zum ersten Mal.
Es war das erste Mal, dass er Helen sah. Er saß ihr gegenüber.
Zum ersten Mal der Geschmack von Soja.
Zum ersten Mal Reis aus einer Tasse.
Zum ersten Mal Bambus.
Glasnudeln.
Kreuzkümmel.
Litschis.
Und Helen, die nach einem unendlich langsamen Augenaufschlag, dem Geschmack der Frucht nachsinnend, sagte: Die Pforte zum Paradies.
Wild fands nicht kitschig.
Der Chinese, als er die Wasserkaraffe brachte, sagte grinsend: Eau de palapluie.
Alle lachten.
Die Zeit wurde sehr jung.
Helen beschwerte sich lachend über Bert, ein Langweiler, sagte sie, weil er nie mit ihr ins Theater gehe.
Bert ging ins Kino. Film, sagte er, ist Kino, Kino ist gemeinsam geteilte, gemeinsam akzeptierte Illusion. Im Theater aber tun sie immer so, als ob das, was sie sagen, wahr wäre. Dabei weiß jeder, dass er im Theater ist.
Da, wo Helen hergekommen war, einer deutschen Provinzstadt, in der Georg Büchner einst gelebt hatte, war Gustav Rudolf Sellner gerade daran, das deutsche Theater neu zu erfinden, mit Franzosen wie Sartre, Audiberti, Beckett und Ionesco.
Helen wollte ins Theater gehen.
Wild bot sich an. Er studiere das, sagte er. Möge Theater.
Aber es brauchte einige Anrufe, bevor sie zusagte. Er spürte, als er wiederholt ihre Nummer einstellte, dass er eine Grenze überschritt, er spürte es an seiner Nervosität.
Er traf Helena gleich vor dem Theater. Sie hatte die Haare am Hinterkopf zu einem Chignon zusammengebunden und mit einer schwarzen Schleife festgesteckt. Sie war sehr schlank, und sie betonte ihre schmale Taille mit einem knapp geschnittenen Mantel.
Wild hatte die Tickets in der Hand, schon seit dem Vortag.
Helen sah einschüchternd fraulich aus und sehr viel erwachsener, als Wild sich fühlte.
Das Théâtre Mouffetard war ein Ort der Avantgarde, ein Stück von Ugo Betti war auf dem Spielplan. Von Ugo Betti wusste er nicht mehr, als dass er ein moderner, vielleicht ein avantgardistischer italienischer Autor war. Im «Pariscope» hatte er gelesen, dass es in dem Stück «Corruption au Palais de la Justice» um einen Richter ging, der im Lauf einer Strafuntersuchung auf seine eigene Schuld stößt. «Pariscope» hatte Ugo Betti mit Kafka in Verbindung gebracht. Zu Kafka hätte Wild etwas sagen können.
Helen wunderte sich, dass der Zuschauerraum mit seinen schräg absteigenden Sitzreihen in einem grauen Halblicht lag. Wild war sofort Fachmann.
Arbeitslicht, sagte er.
Sie hatte sich zu ihm gewandt und ihn fragend angesehen. Es war das erste Mal, dass sie ihn richtig ansah.
Das Bühnenportal stand offen, in das gleiche graue Licht getaucht wie der Saal. Es war, so jedenfalls hat Wild sich immer erinnert, als hätte ein leichter Dunst oder Nebel im Raum gestanden. Ein langer Tisch stand quer zur Bühne, nach vorn an die Rampe gerückt, ein Stuhl war daran gestellt.
So ist das heute, sagte Wild.
Wild wusste das. Man hat heutzutage keine Theaterdekorationen mehr, sagte er, kein Bühnenbild und keinen Vorhang. Alles muss aussehen wie irgendwo. Irgendwo ist überall. Überall ist gemeint. Das ist, vermute ich, seit Becketts Godot so. Dort gibt es einen Baum, oder eher einen Strunk auf leerer Bühne, sonst gar nichts. Im ersten Teil hat der Baum ein Blatt, im zweiten auch dieses nicht mehr.
Es waren wenige Leute im Raum.
Wilds ewige Angst, zu spät zu kommen; sie waren viel zu früh. Die wenigen, die bisher gekommen waren, saßen verteilt über den ganzen Raum, einige einzeln, manche zu zweit, sprachen leise miteinander. Andere schienen zu schlafen.
Aber es kam niemand mehr.
Schlecht besucht, dieses Theäterchen, sagte Wild.
Die leere Bühne, der beinahe leere Zuschauerraum, es hätte tatsächlich ein Gerichtssaal sein können.
Auf der Bühne tat sich nichts. Wild versuchte, ihr zu erklären, dass auch dies durchaus dazugehören könne, ein Spiel mit der Geduld, mit der Aufmerksamkeit des Zuschauers.
Die Inszenierung zeigt zunächst einmal nur: das Vergehen von Zeit, sagte er.
Helen sah ihn an.
Aber es tat sich weiterhin nichts. Wild hatte schon mehrmals auf seine Uhr geschaut. Unpünktlichkeit gehörte offenbar dazu, zum Théâtre d’Essai, zum französischen.
Helena kicherte, wie es Wild schien, grundlos.
Inzwischen waren doch an die zwanzig Personen in dem Raum, der vielleicht an die achtzig Plätze hatte.
Dann betrat ein Mann endlich die Bühne.
Wild und Helen schauten gleichzeitig auf.
Der Herr trug einen Straßenanzug und eine Ledermappe, die er vor sich auf den Tisch gleiten ließ. Er setzte sich auf den bereitstehenden Stuhl, schaute in den Saal, setzte eine Brille auf, schaute wieder in den Saal. Dann legte er ein Bündel Papiere vor sich hin. Dann sagte er:
Chers parents. Liebe Eltern. Helena und Wild sahen sich an. Helen lachte zuerst. Zögernd, immer noch ungläubig erhoben sie sich aus dem Plüsch ihrer Fauteuils und schoben sich durch die Sitzreihe zum Ausgang.
Wild hatte sich im Datum geirrt.
Im Foyer kontrollierten sie den Spielplan. Ugo Betti wäre am nächsten Tag gewesen. An diesem Tag war spielfrei. Das Theater war für einen Elternabend reserviert.
Gehen wir was trinken?, fragte Helen. Wild trabte neben ihr her.
Sie schlugen den Weg Richtung Boulevard Saint-Germain ein, hinaus aus der dunklen Rue Mouffetard und über die Contrescarpe und die Rue Descartes hinunter, dorthin, zum belebten Boulevard, wo das Neonlicht blinkte, ein verwegen geschlungener Schriftzug lockte. Im Innern des Bistro liefen dünne, grellbunte Neonrohre in asymmetrischen Bögen über die ganze Decke, während ein Mosaik von Spiegelchen hinter den mit Flaschen beladenen Regalen das grelle Licht spiegelte.
Ein Flipperkasten scherbelte und klingelte in einer Ecke vor sich hin, mitunter gab er sehnsüchtige Lockrufe von sich.
Wild würde jene Bar, das Bistro, das vielleicht als «Brasserie» angeschrieben war, ein Lokal wie jedes andere, von denen es in Paris Tausende gibt, jederzeit wiederfinden, finden wollen, finden mögen, diese hell erleuchtete, spiegelchendurchblitzte, glänzend-glitzernde Höhle in der Großstadt, in dem er Helen zum ersten Mal ohne weiteren Grund und Vorwand gegenüberstand.
Wir bleiben doch an der Bar, hatte sie gleich gesagt.
Standen am Tresen, tranken ein Bier.
Wild hätte niemals zugeben mögen, dass er erleichtert war. Aber jetzt hatte er Helen für sich.
Sie lachte. Die schwarze Mèche, die sie an ihrem Chignon hatte, verdoppelte sich in dem Mosaikspiegel hinter der Bar. Ihr Rock, schmal, lag an den Oberschenkeln an und endete knapp über den Knien.
Ihr erster Abend. Ein Elternabend.
Wild sah sie später immer wieder so vor sich, in den schönen Zeiten, und in den schwierigen auch. Die aufgesteckten Haare, der schwarze Stoffschmetterling. Das helle, in der Hüfte taillierte Jackett, darüber der Mantel, der dunkle Rock.
Eine Art Netzstrümpfe und schmale Schuhe mit einem schmalen Ristriemchen und hohen Absätzen.
Wild hatte Helen damals nicht wiedergesehen. Er fuhr am nächsten Tag zurück in die Schweiz.
Helen war telefonisch nicht mehr erreichbar gewesen. Er hätte sich ja nur irgendwie bedanken wollen, dachte Wild. Er wusste, das stimmte nicht.
Sie verschwand aus Paris, und sie verschwand auch aus den Briefen, die Bert an Wild schrieb.
Bert hatte noch nie eine solche Freundin gehabt. Wie hatte er das bloß gemacht?
Der Freund kam wenige Monate später bei einem Unfall ums Leben. In Paris. Er hatte sich den Arm gebrochen, als er mit seinem Rennfahrrad gestürzt war. Der Bruch heilte schlecht und musste noch einmal operiert werden. Bert, 24-jährig, starb an einer Embolie, durch ärztlichen Fehler.
Manchmal hat Wild das Gefühl, er lebt mit der Zeit, die Bert ihm überlassen hat. Das meiste davon mit Helen, das sowieso.
Das ist er ihr schuldig. Das ist er ihm schuldig. Das steht ihm zu.
Nun endlich steht er auf, Wild. Erhebt er sich. Die Amerikanerinnen sind längst verschwunden.
Addition! Er zahlt sein Perrier mit Zitronenschnitz, Glas, Löffelchen, Tablett, Papierserviette, zahlt den Weißwein, rafft die Zeitung, überquert den Platz.
Juni. Die Place de la Contrescarpe, liegt im hellen Sonnenlicht. Es ist warm geworden, elf Uhr morgens, die beste Stunde an einem solchen Junitag. Die Blätter der Judasbäume wedeln wie mit tausend Händchen. Zwei junge Männer in Jeans lehnen an dem Geländer, das die kleine Grüninsel umgibt. Sie schauen nicht auf, als Wild an ihnen vorbeigeht. Auf der Bank in der Grüninsel sitzt ein junges Paar, ins Gespräch vertieft. Der junge Mann hat seine Hand auf dem Knie des Mädchens.
Auf den runden, mit einem Messingreif gefassten Tischchen in dem andern großen Straßencafé, gegenüber, liegen schon die Speisekarten, MENU, und je zwei blaue gefaltete Papierservietten, darauf Messer und Gabel.
Wild schwenkt in die Rue Mouffetard, die sich hier gegen Monge zu senken beginnt. Alles ist neu, links und rechts, Supermarché, L’Oulala, La Contrescarpe, Vidéo Club, Aux Fromages, V.O. Boutik, Diwali, Au Piano Muet, Mouffetard Folies, La Maison des Tartes, Bowling.
Die jungen Männer tragen ihre Hemden über den Hosen. Die Mädchen haben kleine Rucksäcke auf dem Rücken, als ob sie Äffchen trügen, kleine Kosetierchen, in denen sich nicht viel mehr als ein Lippenstift befinden kann.
Dann die Nummer 73, der Durchgang zum Theater. Théâtre Mouffetard. Es ist noch da, sieht aber ganz anders aus.
Ein Schaukasten. Mitteilung: Le théâtre a cessé sa programmation.
Las Wild.
Nous vous remercions pour ces années passées à nos côtés.
Die Jahre, die Sie mit uns verbracht haben.
Die Jahre mit uns.
Terminée.
Die Jahre ohne Wiederkehr.
Amitiés à tous.
Und hopp. Und ade.
Jardin des Plantes
Wild kehrte wieder, kam öfter nach Paris. Er kam zurück an einen Schauplatz, wollte es noch einmal betreten, das Theater der Vergangenheit. Als gäbe es etwas zu entdecken, was er damals übersehen hatte. Was er versäumt hatte. Was nicht mehr nachzuholen war –
Um allein dort zu sein, wo Es gewesen war, um Es zu suchen, und, selbstverständlich, nicht wiederzufinden.
Die Reisen der Vergeblichkeit. Die er nicht lassen konnte.
Gibt es einen würdigeren Gegner als die Vergeblichkeit?
Wenigstens noch einmal hinsehen.
Man konnte unter dem kahlen Baum ein gefallenes Blatt umdrehen, das trocken dalag. Schön, die Maserung, wunderbar, darunter war keine Botschaft.
Man konnte in ein Schaufenster sehen, und die Dinge lagen, schön, als hätten sie mit nichts anderem zu tun als mit sich selber.
Man konnte vor einem geschlossenen Theater stehen, die alten Spielpläne lesen, und keine Neugier wurde geweckt. Strindberg, Tschechow, Ionesco, große Namen, verwehte Laute. Noch entließen sie einen schwachen Hauch, es war der von «vorbei». Man sah unter den Namen das stumme Papier, das Gilben.
Amitiés à tous.
Küsse, verweht, Umarmungen … Eine Ahnung noch vom Geruch einer Schulter, dieser Schulter. Die Schulter mit den Sommersprossen. Die Wärme von honigfarbener Haut, das Gedächtnis der eigenen Hand. Die Sommersprossen. Alles da, alles wieder einholbar im Netz des Erinnerns. Aber wo ist die Liebe? Sie selbst. In welchen Teil des Weltraums entwichen? Oder in welchem Weltinnenraum?
Es geht nichts verloren, heißt es. Und die Liebe? Riech vielleicht an einem alten, an den Falten angegilbten Linnen. Wenn du es aus dem Schrank nimmst und aufschlägst und daran riechst, wer weiß?
Wild war das kurze Stück zu Fuß gegangen, die Rue Cardinal Lemoine hinunter und hinüber zur Gare d’Austerlitz. Er hatte auf die Stahlbogen der Brücke geschaut, auf der die Metro, Linie 5, als Hochbahn über die Seine herüberkam, hatte zu der luftigen Haltestelle an der Gare d’Austerlitz hinauf gesehen, einer Station, wie Wild sie liebte. Man kam auf der andern Seite des Flusses irgendwo aus dem Boden, fuhr dann auf Augenhöhe mit den Fenstern der Menschenwohnungen durch einen Straßenzug, um unvermittelt über dem Fluss zu sein, Schnattern der Räder, Rasseln, Kreischen in der folgenden Kurve und sekundenkurze Aussicht auf den Fluss und die Stadt, das Blaugrau im Graublau, ein Glaubrau. Die hingebreitete, in die Tiefe gestaffelte Stadt, die Flussufer entlang Richtung Île Saint Louis und Notre-Dame, zwischen Quai de la Rapée und dem neuen Ufer.
Es gab eine Parissehnsucht, die Sehnsucht blieb, obwohl man doch schon da war.
Über den Boulevard de l’Hôpital nun die paar Schritte hinüber zum zaunbewehrten Eingang. Hohe Eisenstaketen mit vergoldeten Spitzen, zwischen zwei Pfeilern und an zwei plaudernden Beamten vorbei in den Jardin des Plantes, der sich wie eine höfisch-herrschaftliche Einladung vor Wild weitete. Das Portal durchschritt er das erste Mal.
Die beiden Platanenalleen links und rechts, das große Feld in der Mitte, mit Rechtecken gestaltet und sich in die Tiefe ziehend, wo der Blick auf das ferne, das riesige Rechteck abschließende Palais stieß, die plumpe, über die Jahrhunderte immer wieder umgebaute «Galerie de l’Évolution», ehemals «Cabinet du Roi», als der Jardin noch zu den königlichen Gärten gehörte.
Bevor Wild langsam und immer nur ein paar Schritte vorrückend die ganze Anlage in den Blick nehmen konnte, oder das, was er von dieser Stelle als ganze Anlage überhaupt erkennen konnte, fand er die großen Gewächshäuser ganz hinten auf der rechten Seite, das lang gestreckte Gebäude zur Linken, welches, wie Wild auf seinem Plan nachprüfen konnte, die Zoologie beherbergte, Skelette, mit denen man die Tierwelt in Klassen ordnete, und sah mit Behagen, wenn auch fröstelnd, über die in die Tiefe gestaffelten bepflanzten Beete, winterlich dürr und kahl, mit Sträuchern ohne Blätter, die mit kahlen Ästen hilflos in die Höhe fingerten. Dagegen die Akzente dunkler Zapfen von hohen, schmalen Taxusbäumen. Und dann wieder das sich flach, geometrisch, französisch oder ganz und gar unenglisch ordnende zentrale Wiesenfeld, blassgrün und in regelmäßigem Muster mit Blumenrabatten gerastert. Wunderbar, großzügig, streng; der große Atem im Körper der großen Stadt.
Unübersehbar nun unmittelbar im Vordergrund auf seinem Steinsockel der Bronzekerl, übergroß, LAMARCK, am Sockel in Majuskeln angeschrieben, Jean-Baptiste Pierre Antoine de Monet, Chevalier de Lamarck, Fondateur de la Doctrine de l’Évolution, 1744–1829, und damit die französisch-nationale Behauptung, einen Darwin vor Darwin gehabt zu haben – mehr als fünfzig Jahre früher.
Interessant, dachte Wild, wie so ein Denkmal einen ganzen großen Raum strukturiert, wie ein Leuchtturm mit seinem drehenden Lichtbündel die umgebende Landschaft in Segmente teilt und gliedert. Und so war schon von hier aus, ganz am Ende der Plaine des Perspectives, die andere, die mit Lamarck über den weiten Raum korrespondierende Zwillingsskulptur zu erkennen, Buffon, wie sich noch herausstellen würde.
Ein paar Schritte an Lamarck vorbei, und Wild erkannte nun zur Rechten die Reihe der instruktiven Lehrbeete bis hin zum Jardin Alpin, wie sich dann herausstellte in dieser Jahreszeit geschlossen, und dahinter die Niere-in-Niere angelegte Ménagerie, die Wild sich für den Schluss aufheben wollte, erst am Ende zurück zu den Tieren – jetzt aber auf in die Pflanzenwelt.
Der botanische Garten schwieg. Aber die einzelnen Pflanzen, oder was von ihnen geblieben war in dem kalten Dezember, kahle Ästchen, feuchte Blätter, dürre Halme, vertrocknetes Laub, waren angeschrieben. Immer lateinisch, und teilweise französisch. Die Herkunft war Wild verständlich, die meisten Pflanzen erriet er aus der Erinnerung. Unwichtig. Schön war der kleine Mohn – Papaver alpinum –, der offenbar erst jetzt zu blühen begann, zartfarben bunt, der blühte gegen jede jahreszeitliche Erwartung.
Der Garten war kurz nach der Revolution angelegt worden, mit aufklärerischem Auftrag, insgesamt wie ein Lehrbuch mit seinen der Klassifizierung der Pflanzen folgenden Anordnung, in seiner Gesamtgeometrie und den einzelnen Teilen die Überzeugung, dass die Natur erst zu sich selbst komme, wenn sie geordnet und für jeden, der die Mühe auf sich nimmt, einsehbar ist. Es schien Wild weise, dass im Hauptteil des Gartens keine Exoten wuchsen, nur das, was Europa schon immer hervorgebracht hatte zusammen mit dem vielen, das, vor allem aus dem Osten, dem Orient und Asien, eingewandert oder eingewandert worden war.
Manchmal waren ihm Orte wichtiger als Menschen. Er wolle keine neuen Menschen mehr kennenlernen, hatte er einmal gesagt; auf Orte blieb er neugierig. Der Jardin des Plantes war ein besonderer Ort, einer, an dem für ihn keine Erinnerung hing, er war noch nie hier gewesen. Das gab dem Garten etwas berührend Unberührtes.
Meist waren die Orte mit Erinnerung verbunden, und er ging an einen Ort, um sich zu erinnern. Solche Orte brachten ihm Menschen zurück, in der Erinnerung liebte er sie. Die Orte, die verlassen waren, gaben ihm für die Menschen, die er dort gekannt hatte, eine Zärtlichkeit. Mehr Zärtlichkeit, als er damals aufgebracht hatte, vielleicht. Dieselbe Zärtlichkeit spürte er dann für den Ort. Eine Zärtlichkeits-Dankbarkeit. Schauplätze, leer nun, an denen das Ereignis vergangen war. Nicht die Erinnerung: Hier habe ich einmal mit Norma ein paar Tage glücklich gewohnt, in diesem Haus Inge kennengelernt, hier mit Emilio im Kino gewesen. Norma und Inge und Emilio waren ihm wieder nahe. Vielleicht näher als damals. Dadurch, dass er nun mit ihnen allein war, sie in der Erinnerung besaß. Damals war nur Gegenwart gewesen, also alles unmittelbar vergänglich. Jetzt blieb die Erinnerung stehen, ein Andachtsbild.




