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Die Liebe kam zurück mit dieser Zärtlichkeit: die Liebe, das Fest des Lebens, das Vertrauen in den Augenblick.
An einem solchen Ort spürte er alles wieder, der Ort gab ihm den Augenblick als gelebtes Leben und Vermächtnis zurück. Er hatte geliebt, gelebt; verraten, vergessen; jetzt war es wieder da, und er musste nur stehen bleiben, an dem Ort.
Der neue, der unbetretene Ort aber wurde zu einem neuen Theater seines Lebens, unverbraucht, nur leere Bühne. Blieb Wild stehen, irgendwo, etwa vor diesem vertrockneten Flieder, Syringa vulgaris, atmete er, sog er die Luft ein, dann war es ihm, als wünschte er sich nun, auch diesen neuen Ort mit einem Lebensmenschen, mit ihr, die nun doch fehlte, zu teilen. Das waren auch immer die Helen-Momente.
Die Gegenwart verging, die Orte blieben. Wild, zerstreut, stand vor einer Hinweistafel, die auf einen früheren Mitarbeiter und seine besonderen Verdienste um den Garten aufmerksam machte.
Ein Joseph Decaisne, 1807–1882, hatte hier offenbar sein ganzes Leben verbracht. «Entré à 17 ans comme garçon jardinier au Jardin des Plantes, son zèle et son intelligence furent remarqués: Il fit une belle et longue carrière au jardin où il termina sa vie. Aide naturaliste à la chair de botanique en 1833; professeur à la chair de culture; directeur adjoint.»
Aber was hieß denn dies: «Il s’intéressait plus aux méthodes horticoles et à la structure des plantes qu’à leur classification»? Er habe sich mehr für die Pflege der Pflanzen und ihre Eigenschaften als für ihre Klassifikation interessiert? Also mehr für die Pflanzen selbst als für ihre wissenschaftliche Beschreibung, in welcher die Franzosen als Land der Aufklärung besonders tüchtig waren?
Ganz so wie unser Vittorio in Rom, dachte Wild, unser Gärtner im Park der Contessa. In den ummauerten Gartenpark an der Via Ludovisi gekommen als halbes Kind, und dort geblieben ein langes Leben lang. Nicht besonders an Theorie interessiert, an abstrakter Botanik, umso mehr an der praktischen Arbeit mit seinen Pflanzen. Ein sogenannt einfacher Mann, der seine Gartenweisheit nicht aus den Büchern, sondern direkt aus dem Boden bezog, sozusagen. Bloß bist du, Vittorio, liebster aller Römer, im Unterschied zu deinem Pariser Kollegen Joseph nicht Vize-Direktor geworden. Das hattest du nicht nötig, warst du doch ohnedies der geheime Chef.
Verkehrslärm von der Straße her, von der Rue Cuvier. Dort draußen verkehrte der Autobus und der ganze übrige Parisverkehr, als wüsste man dort nichts von dieser Insel hinter den hohen Gittern, dem Jardin und seinem Arboretum, den Gewächshäusern, Wintergärten, Beeten, Rabatten, dem Labyrinth, dem Amphithéâtre, den Kiesflächen, Alleen, der Gloriette, dem Museum, den Baumveteranen, den spezialisierten Bibliotheken; und nichts von den Skeletten in der Galerie für vergleichende Anatomie und gar nichts von den von einem leisen Wind bewegten Stengeln des Wintermohns, weiß, gelb und rot.
Die großen Gewächshäuser, die Serre de l’histoire des plantes, die Serre de Nouvelle Calédonie und die der Forêts tropicales humides, erst kürzlich restauriert, die Pflanzungen neu hergerichtet, interessierten Wild nicht besonders. Das Äußere, die Stahl-Glas-Konstruktionen enorm; dann bezahlte man seinen Eintritt nur, um sich unbehaglich zu fühlen zwischen den hohen bleichgrünen Tropengewächsen. Ja, Triste Tropiques, das kam einem da in den Sinn.
Er ging rasch und unaufmerksam durch die badezimmerwarmen Feuchtgebiete und künstlichen Savannen, den schweigenden Blätterwald, nur um im dritten Gebäude, er war hier der einzige Besucher, auf einen jungen Gardien zu stoßen, der auf Arabisch auf sein Handy einredete, der laut und vulgär die Stille des Raums zerstörte. Wieder einmal ein ungeniert parlierender Wächter, die Pest aller Museen der Welt.
Wozu braucht es in solchen Instituten überhaupt einen Direktor, wütete Wild, wenn dieser nicht einmal in der Lage ist, das Personal in die Schranken zu weisen.
Braucht es nicht eher einen Oberaufseher als den Direktor? Einen Wächterswächter, Sittenhüter, der diesen Typen bei der ersten Verlautung aufs Maul haut? Sind wir denn nicht hier, wir alle, mit Bedacht allein hergekommen, «Figures in a Landscape», ausser den Belles-Mères natürlich mit ihren quengelnden Enkeln, um dem Gerede dort draußen zu entgehen, dem ewigen Geschwätz, vor dem mit der Erfindung des Handys die letzte Schranke fiel?
Unrettbar, diese Menschheit.
Die farbigen Bilder von Leopard, Papagei, Orang Utan und Wasserbüffel lockten Wild schließlich in die Ménagerie. Und das Schweigen der Tiere. Und natürlich auch: die Mitteilung, der Tiergarten im Jardin des Plantes sei der zweitälteste der Welt, 1794 begründet.
Ein Produkt der Revolution offenbar. Und die Kehrseite ihrer Grausamkeit. Der Tiergarten verdankte seine Existenz nämlich der Weichherzigkeit der damaligen Verantwortlichen des Jardin, der als Jardin royal des plantes médicinales schon seit 1635 bestanden hatte.
Und nun, 18. und 19. Jahrhundert in Frankreich; die Luft schwirrte von Neugier und Erkenntnissen; mit Daubenton und Thouet war Frankreich führend in Zoologie und Botanik, mit den Forschungsreisen von Tournefort, Adanson, Bougainville, La Pérouse, Entrecasteaux und der Bonapartischen Expedition nach Ägypten kamen neue Bilder aus der Welt hinter dem europäischen Horizont. Aufklärung, im weitesten Sinn. War es ihr, einem neuen Verständnis für die belebte Welt um den Menschen zu verdanken, dass die Tiere hier in dieser frühen Ménagerie überlebt hatten? Dass man sie lieber lebendig als tot sah?
Die zur Schlachtung oder Ausstopfung bestimmten Tiere, die aus Beständen privater Schausteller kamen und von den Revolutionswächtern den Wissenschaftlern zur Erforschung überstellt worden waren? Später, las Wild, seien auch die Tiere aus der ehemaligen königlichen Menagerie in Versailles in den demokratisierten Tiergarten gekommen, und noch später schließlich viele Tiere aus den Kolonien als Geschenke von Forschungsreisenden, Kolonialbeamten und Privatleuten.
Vorübergehend machte die Ménagerie mit einer Giraffe von sich reden. Zarafa ihr Name, sie war am 30. Juni 1827 in den Zoo gekommen und hatte noch achtzehn Jahre lang dort gelebt.
«Begründet im Jahr 1794, beherbergte die Menagerie einst Tiere aller Größen», sagte das schmale Büchlein in Wilds Hand, sein Itinéraire, «Elefanten, Giraffen, Bären, Löwen in den Gebäuden, die heute als historische Bauten geschützt sind. Besorgt um das Wohlergehen ihrer Schützlinge, behütet der Tierpark heute vor allem kleinere Tiere und solche, die vom Aussterben bedroht sind.»
Tatsächlich konnte von Elefanten und Bären, von Giraffen und anderem Großwild keine Rede mehr sein. In den vielleicht historischen, gewiss aber heruntergekommenen Käfigen, Gehegen, Pavillons, Volieren standen, verloren und als ob sie frieren würden, vor allem Ziegen, Schafe, Steinböcke, die Schraubenziege, das Blauschaf, das Steppenwildschaf, der westkaukasische Steinbock. Ein riesiger alter Esel kaute an einer Futterkrippe, da standen Wildschweine exotischer Art. Dik-Dik, Känguru und Emu, Nandu und Lama, Gazellen und das Gau, eine große Büffelart, kleinere Büffel und jede Menge Vögel, eingesperrte und frei fliegende, Enten, Kraniche, zwischen denen man im Käfig spazieren konnte, manche Nachtvögel wie Eule und Uhu, von denen nicht eine Feder zu sehen war, und in einer dunklen Voliere die unvermeidlichen Wellensittiche, deren grelles Zwitschern die Leblosigkeit dieses zweitältesten Tiergartens der Welt akzentuierte. Abandonné, dem Verfall überlassen, dem Hinsinken. Du schaust in das Auge des Bisons, und dein Blick fällt in einen Abgrund.
Alle Tierparks, die Wild kannte, hatten ihre eigene Trauer. In dieser Ménagerie war von der Trauer nur die Trostlosigkeit übrig geblieben. Das Büchlein in Wilds Hand nannte den Grund, eher beiläufig: der Schwerpunkt des Zoos war längst umgezogen, déménagé, verlegt worden nach Vincennes, wo die Tiere in einem großzügigeren Umfeld leben dürfen. Das Tier ist nun kein Spektakel mehr, das man ausstellt, es ist nun Ambassadeur de la biodiversité. Und es lebt «in einer natürlichen Umwelt, in der sein Wohlergehen an erster Stelle steht». «Ainsi», schrieb Wilds Guide, «le zoo s’inscrit dans un dispositif de sensibilisation à la conservation de la nature.»
Endlich fand er zu den Toiletten, gleich hinter dem Käfig mit den Sittichen, untergebracht in einem kleinen, am Giebel eingebrochenen Gebäude. Die Frauenseite war mit einem Verschlag versperrt. Wild, es eilte langsam, traf in den Pissoirs der Männerabteilung eine Mutter mit zwei kleinen Mädchen an, die sich vor den Urinoirs, die viel zu hoch waren, mit den Kindern mühte.
Wild zog sich zurück, schlug den Mantelkragen höher, drehte eine Runde, kam wieder, als die Mutter mit ihrem Kinderwagen hinter Buchsbaum verschwand.
Auf einem der nierenförmig geschwungenen Wege kam er zum Raubtierhaus oder vielmehr zu den leeren Käfigen an dessen Außenseite. In einem der Käfige, Eisenbalustrade, Metallstäbe, zusätzliches Drahtgitter, lag hoch auf seinen grünmoosigen Kunstfelsen ein Schneeleopard. Fast hätte Wild ihn übersehen, während der mit einem Auge bewegungslos auf ihn herunterschaute.
Der Eingang zum Raubtierhaus befand sich auf der Rückseite des Gebäudes aus den Dreißigerjahren, der Architekt war auf einer Tafel verewigt, «René Berger, 1935–1937», wie an vielen Häusern der Name des Architekten an der Fassade steht, signierte Architektur. Ein paar Stufen führten ins Innere. Eine gelb erleuchtete Arena tat sich auf, ein großer Raum. Auf einer ausladenden Bank in der Mitte fütterte vor den Käfigen eine Mutter ihr Kind.
Es gab keine Besucher vor den zweigeschossigen Boxen, in denen Stroh lag, die Käfige, bis auf einen einzigen, waren leer. In dem Abteil, das bewohnt war, lag ein Jaguar über einen Baumstrunk ausgestreckt. Sein langer Schwanz hing leblos herab, und auf der Flanke zeigte er eine große kahle Stelle. Er sei jüngst operiert worden, stand auf einem Schild, vielleicht schlief das Tier immer noch eine gewaltige Narkose aus.
Es war warm und ruhig in dem großen, leeren Raum. Wild staunte in die leeren Käfige. Die Wärme, der schöne Raum, seine Großzügigkeit, das gäbe einen schönen Ort zum Wohnen ab, Alterswohnungen vielleicht? Der einsame Jaguar hätte gewiss nichts einzuwenden gegen ein wenig Gesellschaft, und wenn diese netten französischen Familien mit ihren kleinen verwöhnten Kindern ihm am Sonntag einen Besuch abstatteten, konnte es nichts schaden, wenn sie sich dabei auch ein wenig die Alten besahen.
Vor dem Kassenhäuschen der Ménagerie heulten die Turbobläser der Gärtner, die ein bisschen Laub unter den Platanen zusammentrieben, und das Schreien der Sägen, mit denen sie daran waren, die Platanen der Allee, dieser zu einer Armee angetretenen Baumreihe, zu trimmen und ihnen einen militärischen Schnitt zu geben. Schnurgerade folgte der Blick der Baumreihe bis zu ihrem Ende, nach den geometrischen Rabatten und symmetrisch aufragenden Taxus-Türmen ein weiteres Exempel der klassischen französischen Gartenkunst – und merkwürdig unpassend in einem Botanischen Garten, in dem einer das Wuchern freier Natur erwarten durfte. Die Zone, in der das Schneiden und Trimmen tobte, war durch rot-weiße Bänder abgesperrt. Ein Traktor mit aufgepflanztem Arm, gerecktem Ausleger, an dessen Ende fünf Sägeblätter rotierten, schob sich langsam an der Baumreihe entlang und fräste in den Kronen die Ästchen ab, mehrere Turbobläser wehten mit Gedröhn ein paar Reste zusammen, riesiger Aufwand, wenig Effekt.
Wo sind die Gärtner geblieben, fragte sich Wild, die Gärtner in der grünen Schürze oder dem blauen Overall mit dem Rechen in der Hand, wo sind sie, all die Straßenfeger und Hauswarte mit dem Reisbesen, wo bleibt das wunderbare Geräusch eines in der Stille Laub rechenden Menschen? Wo das Hin und Her einer langsam durch einen Ast dringenden Handsäge, wo das Schnappen der großen Heckenschere und wo das Bild jener an die Bäume gelehnten Leitern, auf denen geschickte Arbeiter hoch oben in den Kronen die Bäume fachmännisch beschneiden? «Achtung!» der Ruf, und der große Ast fällt krachend hernieder … Die Würde gut gemachter Arbeit hatte sich in Lärm aufgelöst, in das robotermäßige Hantieren gelb vermummter Männer, ineffizient, grob und unangemessen.
Pelouse interdite.
Pas de flash.
Fermé au public.
Eau non potable.
Stationnement réservé au directeur.
Chantier interdit au public.
Amphithéâtre fermé.
A titre provisoire le jardin des plantes vous ouvre cette pelouse.
Sortie.
Wild hatte den Mantelkragen gerafft, als er durch die Doppeltür hinaus in den Wind getreten war. Hinter den vor kurzem renovierten mächtigen Gewächshäusern aus den Dreißigerjahren begann eine Zone mit älteren Verwaltungs- und Servicegebäuden, die offensichtlich am Zerfallen waren. Das Restaurant «La Baleine» wirkte vernachlässigt und vernutzt, die älteren Gebäude dahinter aber zerfielen schon sichtlich; Putz blätterte, Läden hingen schief in den Angeln. Einige schienen nicht mehr benutzt.
Wild wunderte sich über so viel Verwahrlosung. Den Niedergang dieser schönen Gebäude in einem öffentlichen Park in einer der reichsten Städte der Welt. Verschwendung von so viel bewohnbarem Raum in bester Lage. Hinter dem rückseitigen Parkausgang des Jardin des Plantes kam gleich das Cinquième, das belebte Stadtviertel mit dem Panthéon als Zentrum. Hier hätte er wohnen mögen, dachte Wild. Die Seine war ja auch nur ein paar Schritte entfernt.
Borbakis fiel ihm ein, die Zürcher Gespräche. Des Schwätzers Plan, eine Art Bibliothèque Complète de la Présence Littéraire d’Immigration à Paris einzurichten. Eine der vielen Ideen, die im Nichts verlaufen waren, wie die Menschheitsgeschichte überhaupt nicht in erster Linie die Summe ihrer Erfindungen, sondern vielmehr ihrer aufgegebenen, verratenen, vernachlässigten, gescheiterten Projekte ist. Wäre nicht hier, genau hier, in diesen aus einer anderen Zeit herübergrüßenden alten Häusern Platz für ein solches Institut gewesen, für eine solche Bibliothek?
Wild setzte sich auf die kreisförmige Ummauerung, die einen uralten Baum umgab. Es war die Platane, die Buffon 1785 gepflanzt hatte, vier Jahre vor der Revolution. Comte Georges Louis Marie Leclerc de Buffon, von 1739 bis zu seinem Tod im Jahr 1788 hier Directeur, 49 Jahre lang, während derer er den Jardin Royale des Plantes prägte und ausbaute, mit Gebäuden für Lehre und Forschung versah, die Fläche des Gartens verdoppelte und bis an die Seine erweiterte, neue Gewächshäuser errichten ließ.
Riesig stieg die Platane hinter Wild in die Höhe, mächtig, kahl. Einen Solitaire nannte man ein solches einzelnes Exemplar von Baum wohl. Und welchen Ahnungen spürte er nach, Wild, ein Anthropologe, der die Menschheit floh? Was, wenn er zu den Gärten strebt, den Parks, den Reservaten, die man mit Hilfe künstlicher Natur aus dem Gewöhnlichen schneidet und damit dem Lärm, der Vulgarität des Lebenskampfs entreißt?
Hinter dem flachen Grundstück, auf dem die alten Häuser standen, erhob sich ein Hügel, an dessen Seite ein bequemer Weg in die Höhe führte, an einer gewaltigen Libanonzeder vorbei, einem Monument, für welches das Wort Pflanze nicht mehr zu genügen schien, an deren Fuß ein Mädchen auf einer Bank saß, während ein junger Japaner, offenbar ihr Freund, ihr merkwürdige Tanzschritte vorführte, so etwas wie den Moonwalk von Michael Jackson. Von Wild nahmen sie keine Notiz.
Ganz offenbar war hier eine Art «englischer» Garten gegen die Geometrie des zentralen Parks gesetzt worden, ein eher rührendes Unterfangen, war doch der Platz für eine nach englischem Muster großzügig gestaltete Natur-in-der-Natur viel zu beengt. Immerhin standen hier außer jener Zeder, die Jussieu 1734 gepflanzt hatte, die Buffon-Platane und, höher am aufsteigenden Hügel, der älteste Baum der Anlage, der kretische Ahorn, Acer sempervirens, den Tournefort 1702 gesetzt hatte.
Von unten sah man einen kleinen, schlanken Pavillon auf der Kuppel des Hügels, der wurde natürlich sogleich Wilds Ziel. Um dorthin zu kommen, musste man die aufwärts führende Spirale benutzen und den Tumulus mehrfach umrunden, einen stumpfen Kegel, der vollständig und dicht mit einer Taxushecke bepflanzt war. Ein Labyrinth sollte das sein, in Wirklichkeit eine Schnecke, die sich, enger werdend, zu dem Pavillon hinaufzog. Der Weg führte zwischen den Hecken mählich in die Höhe, zu langsam offenbar für jene, die quer zum Hang und unter den untersten Ästen des Gestrüpps hindurch sich eine Art Tunnel und Schlupflöcher geschaffen hatten, durch die sie die Kuppe auf direkterem Weg, wenn auch gebückt oder halb kriechend erreichten. Wild hätte eine solche Abkürzung niemals benutzt, auch nicht in jüngeren Jahren. Dass man aufrecht gehen sollte, war einmal mehr als eine gesundheitliche Anweisung gewesen. Und hatte nicht gerade jene französische Revolution, auf die dieser Park zurückging, den Bückling überwunden?
Zum Pavillon ging es noch ein paar Steintritte hinauf. Dann stand Wild in einem kleinen Rund, die Aussicht bescheiden: die Dächer der nächsten Straße, Bäume, er war nun auf der Höhe der Krone der riesigen Schirmpinie; das Palais des Jardin; die großen Gewächshäuser und ein Teil der Plaine des perspectives. Offenbar ging es hier nicht um Aussicht. Der Pavillon, «Gloriette» genannt und damit in guter Gesellschaft ähnlicher Konstruktionen, in Schönbrunn, Eisenstadt, in Muskau, auf der Wilhelmshöhe oder in Karlsbad, markierte zwar den hohen, den erhabenen Punkt, diente aber mindest so sehr der Einsicht wie der Aussicht, und diese Einsicht war die gleiche wie überall: Ich stehe oben. Glorietten dienten ursprünglich auch nicht dem Spaziergänger, sondern der Verherrlichung ihres Erbauers, Denkmäler der Landschaftsarchitektur.
Der Pavillon filigran, Grazie aus Eisen. Acht schlanke, gegliederte Eisensäulchen trugen den runden Reif aus Eisen, der in seinem Durchmesser dem Rund des Innenraums und des Geländers entsprach; darüber schwang sich als rhombisches Netzwerk aus Eisen ein pagodenartig geschwungener zylindrischer Strumpf hinauf und wurde zur Stütze einer im Durchmesser reduzierten Laterne, deren wiederum acht Eisensäulchen den Hut trugen – darauf, sich noch einmal aufschwingend, ein Türmchen und darauf wiederum zwei in sich schräg versetzte Reifen, wohl den Umlaufbahnen von Sonne und Mond entsprechend, darauf eine Wetterfahne, die mit einem Pfeil die Herkunft des Windes angab.
Das Interesse der Revolution am Jardin des Plantes war ein populär-wissenschaftliches gewesen, Aufklärung für alle. Aber dieses Lusttempelchen? Es ging auf viel frühere Zeiten zurück. Der Gartenführer gab Auskunft. Bereits im vierzehnten Jahrhundert war an diesem Ort der Bauschutt der eben entstehenden Faubourgs aufgehäuft worden. Der künstliche Hügel wurde im sechzehnten Jahrhundert unter Colbert mit Reben bepflanzt, die im achtzehnten wieder entfernt wurden. Damals nämlich errichtete der Architekt Edmé Verniquet in den immer noch königlichen Gärten das «Labyrinth» und auf seiner Kuppe das Tempelchen, den Kiosk zu Ehren von Buffon. Ganz abgesehen davon, dass schon das Wort Kiosk ein Import aus dem Arabischen war und an den Orientalismus der Zeit erinnerte, war dies, so zart er wirkte, ein kühner Bau. Sechzig Jahre vor Baltard und seinen Eisenstickereien, über ein Jahrhundert vor Eiffel entwarf Verniquet die Gloriette, eine der ältesten Metallkonstruktionen der Welt.
Ausgeführt in schwerer Bronze, mit Bronzeapplikationen und Dekorationen aus Blei, Kupfer und Gold, trug der Pavillon damals auf seiner Spitze einen Gong statt der Wetterfahne, ein Gong, der jeweils am Mittag schlug – sein Klöppel wurde ausgelöst durch das Durchbrennen eines Fadens, der unter einer Lupe barst. Ein Spielzeug der Aufklärung. Doch die Zeit schmolz mit den Jahrzehnten und Jahrhunderten Verniquets polymetallische Konstruktion zu einer Legierung, die der Elektrolyse, dem Wasser und dem Wetter nicht mehr widerstand. Die Erneuerung in den Achtzigerjahren des zwanzigsten Jahrhunderts stellte die Konstruktion des Kiosks wieder her, verzichtete aber auf den Gong.
Wild sah in die Runde wie von einer Kanzel. Die Gloriette stand am Ende des spiralförmigen Wegs, der zu ihr hinaufführte, an dem Punkt, an dem die Spirale ihr Zentrum hatte. Von hier oben, ganz am Rand des Jardin des Plantes, war deutlich zu sehen, wie dieser Park – anders als die klassischen Lustgärten, in denen ein Labyrinth das Geheimnis der Mitte birgt oder ein Hortus conclusus einen geheimen Schwerpunkt bildet, wie dieser Garten ohne Zentrum war. Merkwürdig spannungslos. Groß und ausgebreitet, doch ohne die Balance zwischen Kultur und Wucherung, zwischen Ordnung und Entropie, jenes fragile Gleichgewicht, das den Gartengestalter beflügelt und dem Flaneur die Ruhe gibt, die Gelassenheit, die er an einem solchen Ort sucht.
Warum sonst hätte er herkommen sollen?
Klar, dass Wild sich jetzt an jenen Text erinnerte, den er sich vor einiger Zeit aus dem Englischen übersetzt hatte. Die Exzerpte aus dem Buch eines amerikanischen Philosophen, geboren in Izmir, Lehrstuhlinhaber in Stanford für italienische und französische Literatur, Moderator der Radiosendung «Entitled Opinions» des uni-eigenen Senders, Gitarrist der Rockband Glass Wave, offenbar ein Tausendsassa. Der hatte über Epikur ein paar bemerkenswerte Seiten geschrieben; Wild hatte einiges abgetippt, obwohl er damals keine Verwendung dafür sah. Es ging um Epikurs Garten, gleichzeitig seine Akademie vor den Toren Athens.
«Um zu verstehen, wie der Garten den Kern von Epikurs Philosophie spiegelt oder sogar verkörpert», hatte Robert Pogue Harrison geschrieben, «muss man sich vergegenwärtigen, dass es sich bei diesem Garten zuallererst um einen Pflanzgarten handelte, der von den Schülern gepflegt wurde, welche sich von Früchten und Gemüse nährten, das sie zogen. Und doch war es nicht wegen des Gemüses und der Früchte allein, dass sie den Boden so eifrig bearbeiteten. Ihre Gartenarbeit war zugleich eine Art Erziehung in den Dingen der Natur, den Zyklen des Wachsens und Vergehens, ihrem allgemeinen Gleichmut, dem ausgewogenen Zusammenspiel von Erde, Wasser, Luft und Sonnenlicht. Hier, in der Konvergenz der natürlichen Kräfte im Mikrokosmos des Gartens offenbarte der Kosmos seine großen Harmonien, hier konnte die menschliche Seele ihre essenzielle Verbindung zur Materie wiederentdecken, hier zeigten lebendige Dinge wie dankbar sie antworten auf die Sorgfalt und die Umsicht des um sie besorgten Gärtners. Die wichtigste Lektion jedoch, die der epikureische Garten denen erteilte, die ihn beackerten, war, dass Leben – in all seinen Formen – unausweichlich vergeht und dass die menschliche Seele das Schicksal teilt von allem, was auf der Erde wächst und wieder verschwindet. Damit bestärkte der Garten den fundamentalen epikureischen Glauben daran, dass der Mensch zugänglich ist für moralische, geistige und intellektuelle Zucht, dass er kultiviert werden kann wie ein Garten.»
Wild hatte es gefallen, wie Epikur den abgenutzten Begriff von «Glück» ganz praktisch auffasste und mit der Arbeit im Garten verband.
«Epikur verstand Glück als einen geistigen Zustand und glaubte, er bestehe in erster Linie in der ‹Ataraxia›, was wir als ‹Seelenfrieden› oder als ‹Gemütsruhe› übersetzen könnten (…) Insofern wäre Ataraxia ein in hohem Grad erworbener Geisteszustand.» Ataraxia sei von der gleichen Spannung getragen wie die Heiterkeit des selbst angelegten Gartens, besonders der Spannung zwischen Ordnung und Entropie. Die Epikuräer, die im Hortulus arbeiteten, hätten gewusst, dass unablässige Wachsamkeit und Arbeit nötig war, um die wilden Kräfte der Natur im Zaum zu halten. Ataraxia habe die gleiche Wachsamkeit verlangt, um tief wurzelnden Beunruhigungen wie der Todesfurcht oder der Furcht vor den Göttern die Stirn zu bieten. Mit anderen Worten: Die Furcht sei durch das Leben in der Philosophie nicht überwältigt als vielmehr verwandelt worden, gleich wie Gärten – seien sie nur richtig angelegt – die Natur verwandeln und nicht vergewaltigen.
Für Epikur sei es notwendig gewesen, dass jeder selbst für sein persönliches Glück sorgte. Wie der Garten verlange persönliches Glück nach der eigenen Pflege, der culture de soi, wie Michel Foucault es genannt habe. «Epikurs Rückzug aus der Öffentlichkeit war kein Rückzug ins Private», hatte Harrison geschrieben. «Der Garten war privater Besitz, gewiss, und dieser Privatbesitz war wesentliche Voraussetzung für die Freiheit am Rand der behördlichen Autoritäten. Das intensive gemeinschaftliche Leben innerhalb der Gartenschule straft die Absonderung, die man diesem Rückzug nachsagte, Lügen.»



