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Mit dreizehn Jahren sah ich dann endlich meine erste Blues Band live und ich werde nie vergessen, wie ich mit offenem Mund und Ohren und Herzen diese Musik in mich aufsog.
Der Blues mit seinem einzigartigen Facettenreichtum, der gleichzeitig ebenso dilettantisch wie genial in seinem Vortrag sein kann und darf, manchmal sogar muss, stellt für mich alles in den Schatten und es sind immer wieder diese musikalischen Blues-Interpretationen, die mich bis heute buchstäblich umwerfen und mit »Haut und Haaren« ergreifen können.
Diese gierige Lebens-Ur-Kraft besitzt für mich keine andere Musik. Selbst die kitschigsten Melodien und Liedchen lassen sich mühelos im Blues einbetten und bekommen dadurch eine musikalische Qualität, die einem regelrecht das Grinsen ins Gesicht, ins Herz und in die Seele zwingen.
Sogar die oft schräg erscheinende oder klingende Zirkusmusik hat eine unüberhörbare Nähe zum Blues. Polka- und Shuffle-Rhythmen sind musikalisch seelenverwandt, sie werden unterschiedlich phrasiert, transportieren aber klaglos jede noch so schräge Musik oder Melodie und geben ihr Leichtigkeit und Grinsen.
Klar, es gibt und gab immer supergute, oft geniale Musik und Songs aller Stilrichtungen, die mich beglückt haben und auch noch beglücken und die ich nicht missen möchte, aber dennoch kommt irgendwie nichts an den Blues ran. …Warum das so ist? … fragt den Teufel, wenn Ihr ihm bei Neumond an einer einsamen Kreuzung begegnet!

Während diese Treffen ja eher geheimnisvoll, still, manchmal auch unheimlich anmuten können, wurde gegen Ende der Sechziger das laute Schreien in der modernen Musik gesanglich »gesellschaftsfähig«.
Schreien waren wir Kinder und Jugendlichen ja schon gewohnt durch Eltern, Trainer, Lehrer und Priester unserer Kirchengemeinde oder durch schimpfende ältere Leute, wenn sie uns maßregelten. Das Schreien besaß in unserer Welt also schon eine gewisse gesellschaftliche Akzeptanz und souverän gemeisterte Alltags-Routine …, nur eben noch nicht in der Musik.
Joe Cockers legendärer Schrei in seiner genialen Version des Beatles-Songs »with a little help from my friends«, bei seinem Auftritt in Woodstock, zählte noch nicht – denn das waren in den Augen und Ohren der Erwachsenen die Musik der Hippies und Gammler. Wir älteren Kinder und Jugendlichen liebten diesen musikalischen Urschrei und die Jugendlichen und Hippies und Gammler liebten seit diesem Schrei Joe Cocker.
Bei Bühnenshows von Coverbands durfte dieser »Joe Cocker-Urschrei« natürlich nicht fehlen, was aber auch oft für akustische Irritationen unter den Zuschauern und Zuhörern sorgte (»… was …, was war das denn …?) oder aber für Riesenbeifall, wenn ein Sänger diesen Schrei »konnte«.
Little Richard zählte auch nicht zur gesellschaftlich geduldeten Schrei-Fraktion in den biederen, konservativ-bürgerlichen Kreisen, denn der war dort entweder nicht wirklich bekannt oder einfach zu schrill, wild und exzentrisch. Ebenso James Brown, der auf der Bühne mit seinem ekstatischen Tanzen und Schrei-Gesang und Hoch-Geschwindigkeits-Blues-Funk alles gab.
Elvis war einfach zu brav zum Schreien und Könige schreien sowieso nicht, das überlassen sie lieber anderen …
Es war eine Frau, die die Vorlage zur gesellschaftlichen, bürgerlichen Akzeptanz des Schreiens in der Musik gab. Sie hieß »Eloise«.
»Eloise«, komponiert von Paul Ryan, gesungen von seinem Bruder Barry Ryan machte Ende der Sechziger das musikalische Schreien gesellschaftsfähig.
Barry Ryan hatte zwar lange Haare, wirkte aber äußerlich sehr gepflegt und gut situiert … von ihm ging also keine »Gefahr des Verderbens« aus, außerdem war es ja eine Art »Familien-Musikstück«, beinahe Hausmusik zweier Brüder.
»Eloise« ist eine orchestral geradezu überbordende Klassik-Pop-Rock Nummer mit pompösem Arrangement, an deren Ende die bombastische Schlussdynamik einfach eine gesangliche Steigerung ins Schreien verlangt, was Barry Ryan dann auch tat und er machte das auch richtig gut, deshalb erlangte er sogar bei uns Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen eine recht hohe Akzeptanz.
Eine Schallplatte von ihm habe ich mir jedoch nie gekauft und ins Regal gestellt, aber Barry Ryan's »Eloise« war eines der wenigen Pop-Stücke, das wir Kinder und Jugendlichen gemeinsam mit den Erwachsenen anhören konnten, und zwar ziemlich konfliktfrei.

Das Ende der Sechziger und der Eintritt in die Siebziger waren aber nicht nur durch das Schreien, sondern auch geprägt durch den Tod vieler wichtiger Musiker wie Jimi Hendrix, Brian Jones, Janis Joplin und – durch meinen Schulwechsel aufs Gymnasium.
Als ich am ersten Tag als Schüler-Neuling über den Schulhof meiner neuen Schule ging, waren meine ersten Eindrücke die weit geöffneten Klassenzimmerfenster, aus denen rote Fahnen hingen, einige davon sogar mit Hammer und Sichel versehen und viele der Mädchen trugen sogar Hosen und auch Jeans, was mir richtig gut gefiel. Das kannte ich von meiner bisherigen Volksschule nicht, weil die Mädchen da nur Röcke trugen und auch nur tragen durften.
Die Schüler der oberen Klassen befanden sich im Schulstreik und auch im Wahlkampf für die bevorstehenden Schulsprecherwahlen.
Ich fand das alles unglaublich aufregend und spannend, auch wenn ich gar nicht so recht verstand, worum es überhaupt ging. An unserer Volksschule gab es nie Schulsprecher oder streikende Schüler oder Wahlkampf oder überhaupt irgendeine Art von gelebter Demokratie.
Einer der streikenden, wahlkämpfenden, älteren Schüler stand sogar mitten während des Unterrichts einfach auf und verließ den Klassenraum mit den Worten: »Ich gehe nicht eher wieder zur Schule, bis in Deutschland der Sozialismus eingekehrt ist.« Er blieb dem Unterricht dann tatsächlich zwei Monate fern! Heute ist er selbst Lehrer und als solcher immer noch aktiv im Dienst. Ob er noch dem verpassten Sozialismus-Ultimatum noch nachtrauert, weiß ich nicht.
Das erste Jahr an der neuen Schule begann jedoch bald darauf mit einer Enttäuschung, da für uns Fünftklässler – »die Kleinen« – einfach nicht genügend Klassenräume zur Verfügung standen. Also wurden wir ausgelagert in einen separaten Trakt einer anderen Grundschule – keine Volksschule. Diese Schule, ein altes rotes Backsteingebäude mit Linoleumboden – Klassenzimmern im Erdgeschoß und im ersten Stock, mochte ich von Anfang an nicht. Sie wirkte düster und bedrohlich auf mich – wie die Kirche neben meiner alten Volksschule. In den Gängen roch es nach Farbe und Bohnerwachs, der Klassenlehrer war streng und ich musste neben einem Jungen in der letzten Reihe sitzen, den ich ziemlich doof fand. Eigentlich wollte ich mit meinem Cousin, dem kleinen Bruder meines älteren Cousins mit der guten Musik, an einem Tisch sitzen, aber wir wurden bereits nach einer Viertelstunde in der ersten Unterrichtsstunde an dieser blöden, stinkenden Schule mit einem gestrengen: »Das geht nicht gut mit Euch!« auseinandergesetzt. Dabei sollte es eigentlich auch während der ganzen Schulzeit bleiben, wir saßen nie lange zusammen und wenn, dann als Belohnung für irgendeine schulische Leistung und das auch immer auf Bewährung, die wir schnell verwirkten.
Ich fehlte während der ersten Zeit in dieser ungeliebten Auslagerschule einige Wochen, weil ich nicht hingehen mochte und immer Bauchschmerzen oder sonst was hatte.
Das war bestimmt keine einfache Zeit für meine Eltern, aber sie mussten ja auch nicht dorthin.
Als es dann endlich soweit war und wir endgültig Anfang der Siebziger in das richtige Schulgebäude einzogen, lag unser Klassenraum gegenüber einer Klasse der »Großen«, eine zehnte oder elfte Klasse. Die Mädchen sahen schon aus wie richtige Frauen und die Jungs grinsten viel, waren frech, manchmal auch unverschämt gegenüber den Lehrern und machten ständig irgendwelche Witze. Die meisten von ihnen trugen lange Haare und Jeans. Einer lief sogar immer in einer braunen Fransen-Lederjacke herum. Ein schlaksiger Typ, mit langen, etwas staksig wirkenden Beinen, leicht fettigen, langen Haaren und einem Dauergrinsen im Gesicht. Er war eigentlich an jedem Mist oder Streich beteiligt. Nach dem Ende des Schuljahres war er aber verschwunden – keine Ahnung, was aus ihm geworden ist. Die erste Schulwoche hier startete jedoch für mich auch wieder rumpelig. Unser neuer Klassenlehrer betrat morgens das Klassenzimmer und nach der Begrüßung im Stehen wollte ich mich auf meinen Stuhl setzen, als mir mein Hintermann einfach so schmerzhaft in den Rücken kniff. Ich drehte mich reflexartig um und boxte ihm auf den Arm. Das – und natürlich nur das (!) – sah der Lehrer und ich musste vor die Tür, wo ich dann wütend im Flur stand.
Ich fühlte mich unschuldig, hatte mich doch nur gewehrt, es war Notwehr gewesen, Notwehr im Reflex, aber Petzen ging ja gar nicht!
Die gegenüberliegende Klassenzimmertür öffnete sich und einer der großen Schüler, der mit der Fransenjacke, kam grinsend zu mir. »Na, Kleiner? Bist du rausgeflogen, weil du Mist gemacht hast?« Ich war immer noch wütend, aber auch etwas kleinlaut und schilderte, den Tränen nahe, die Situation, die zu meinem Rausschmiss geführt hatte. Fransenjacke meinte daraufhin: »Ooch, ist doch gar nicht so schlimm …Du gehst nach der Stunde am besten zum Lehrer, entschuldigst dich und alles ist wieder in Ordnung …« – Ich war entrüstet: »Entschuldigen? Ich? Ich hatte doch gar nicht angefangen! Ich entschuldige mich doch nicht dafür, wenn ich im Recht war!«
Fransenjacke lachte und meinte: »Du bist in Ordnung, Kleiner … und du hast ja Recht. Mach's halt das nächste Mal besser und lass dich nicht wieder erwischen …!«
Das tat gut und ich fühlte mich auf einmal viel besser und vor allen Dingen größer!
Ich fühlte mich nicht nur, sondern wurde auch größer und die Musik, meine Musik, die ich hörte und hören wollte, bedeutete oft zu Hause viel Unruhe und nicht nur manchmal nervige Auseinandersetzungen.
Auch die unterschiedlichen Generationswünsche zur Haarlänge und Kleidung passten hervorragend in die Auseinandersetzungen. Lange Haare besaßen in der Welt der Erwachsenen ja eher den Status eines Gammlers, aber ich fand lange Haare gut. Es war nur nicht so einfach, sie länger wachsen zu lassen, wenn einen zu Hause der elterliche Widerstand oder auch mal die Haarschere der Mutter traf (»… nur 'n bisschen, damit es nicht so verboten aussieht …«) und alles musste wieder von vorne losgehen. Als ich dann eines Tages den ersten Soldaten in Uniform mit langen, schulterlangen Haaren und Barett auf dem Kopf vorbeilaufen sah, wirkte es schon höchst merkwürdig auf mich.
Militär, Uniform und lange Haare passen irgendwie nicht wirklich zusammen.
Jeans, von uns damals eigentlich immer »Nietenhosen« genannt, waren in den Augen meiner Eltern damals die Hosen der Hippies, Rocker, Beatles (so wurden die Langhaarigen bezeichnet) und Gammler – und als solche erstmal ein Tabu für mich.
Wie glücklich war ich, als ich mit elf Jahren zusammen mit meinem Opa in die Stadt ging und mir eine Cordhose (altrosa) und eine blaue Cordjacke (Jeansjackenschnitt) aussuchen durfte.. »Du siehst aus wie ein Kanarienvogel,« war der kopfschüttelnde Kommentar meines Opas, aber mir war das egal und ich war glücklich damit, auch wenn ich immer noch keine Nietenhose tragen durfte. Mittlerweile hatte ich angefangen, mir mit dem Verteilen neuer und dem Einsammeln alter Adressbücher, die von einem ortsansässigen, großen Verlag herausgegeben wurden, etwas Geld zu verdienen.
Immer wieder kam ich in der Innenstadt am kleinen, etwas versteckt liegenden Musikgeschäft »Tebben« vorbei und blieb sehnsüchtig vor dem Schaufenster, mit der Westerngitarre in der Ecke, stehen.
Es hat lange gedauert, aber schließlich hatte ich genügend Geld zusammen, um mir die Western-Gitarre der Marke »Cimar« zu kaufen und mir das Gitarrespielen beizubringen. Mein Cousin spielte auch etwas Gitarre und ich hörte fortan nicht nur seine Platten, sondern schaute ihm auch auf die Finger, wann immer er auf der Gitarre spielte. Die damals 1974, aus dem Schaufenster erstandene Gitarre begleitet mich heute noch und ich liebe dieses Instrument sehr. Es war so, als ob sie im Schaufenster auf mich gewartet hatte.
Musikalisch entwickelten sich die Zeiten für mich eigentlich immer besser: es liefen im Fernsehen der »Beatclub« oder auch Sendungen mit Alexis Corner oder John Pearse, in denen man Tips und Tricks fürs Gitarre spielen oder Musik machen bekam. Ich durfte zwar keine dieser Sendungen zu Hause sehen, aber die Eltern waren halt manchmal nicht da und ich durfte mich dann eben nicht beim heimlichen Fernsehen erwischen lassen oder ich schlief am besten gleich bei meinem Cousin und schaute da.
Elterliche Abwesenheit erwies sich für mich als eine sehr nützliche Einrichtung, was das Abschalten von Sendungen oder den ungestörten Hörgenuss anging.
Jetzt kann man sich natürlich fragen, wie das Hörerlebnis eines einzigen Gitarren-Intros eine derartige Wirkung oder Bedeutung für das weitere Leben haben kann.
Nun, es ist nicht so, dass man sich danach völlig umgekrempelt, sozusagen innerlich auf »links gezogen« und erleuchtet, als ein neuer Mensch durchs Leben bewegt. Nein, dieses
Gitarren-Intro von »Red House« war vielmehr ein Türöffner. Zugegeben, diese Tür war gigantisch, riesig und auch wohl schon vorhanden, aber sie musste halt erst einmal aufgestoßen werden …und ich hatte wohl den Moment und das Glück des sofort passenden, richtigen Schlüssels erlebt.
Die Magie dieser Musik, die Magie des Blues weckte einfach eine unbändige Neugier und das Interesse nach »noch viel mehr«. Vielleicht hatten ja damals die »Bremer Gänse« des fiesen Herrn Jünter buchstäblich meine Ohren geöffnet.
Heute, über vierzig, fast fünfzig Jahre später, weiß ich, wie sehr und entscheidend mich gerade »Red House« prägte.
Es schärfte und lenkte meinen Blick auf die Wahrnehmung sozialer und politischer Missstände und Ungerechtigkeiten. Ich konnte nicht wegschauen und sah die entsetzlichen Bilder der hungernden, afrikanischen Kinder in Biafra, der wirklich unschuldigen, leidtragenden Opfer des grausamen Bürgerkrieges mit Nigeria. Sie schauten einen mit weit aufgerissenen, todgeweihten Augen an. Sie waren so jung, so klein und hatten vor Hunger und Angst die leeren Gesichter von Greisen. Ihre Bäuche waren dick aufgetrieben und hingen an ihren, bis auf die Knochen abgemagerten und ausgemergelten Körpern wie unförmige, zu stramm aufgeblasene Luftballone. In der Kirchen-Kollekte wurde für sie gesammelt und ich bekam immer etwas Geld in die Hand gedrückt, um auch etwas in den Spenden-Korb geben zu können. Später erfuhr ich, dass die katholische Kirche fast nur in christianisierte oder missionierte Gebiete Hilfe spendete – und spendet. Ist das wirkliche, vorbehaltlose Nächstenliebe, wie sie ursprünglich, laut biblischer Überlieferung, gepredigt wurde?
Ich bekam die Tagesschau mit, obwohl ich sie noch gar nicht sehen durfte.
Es waren keine Nachrichten und Bilder für Kinder, da hatten unsere Eltern sicherlich Recht, aber war das gezeigte und berichtete entsetzliche Leiden denn kindgerecht?
Und überhaupt: was ist das für eine eigenartige Welt, in der uns die Kriege und Hungersnöte per Fernsehen ins Haus geliefert werden, während wir betroffen auf dem Sofa oder im Sessel sitzen und Snacks knabbern …
Vollkommen unvorbereitet traf mich im Alter von acht oder neun Jahren -ich ging noch zur Volksschule-, auf einem Ausflug mit meinen Eltern, der Besuch und die Besichtigung der Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrationslagers Bergen-Belsen. Danach konnte ich wegen dieser entsetzlichen Bilder und Eindrücke mehrere Nächte, im festen Griff der Albträume, die ja eigentlich eher eine Verarbeitung der Realität waren, nicht schlafen. Ich kannte bislang nur die für einen Jungen meines Alters spannenden Geschichten vom Krieg, die die alten Leute eigentlich ständig erzählten. Diese Bilder aber, und das alles, was in Bergen-Belsen gezeigt wurde und zu sehen war, waren neu für mich, ganz entsetzlich neu. Es ist so furchtbar, wozu Menschen in der Lage sind. Seit diesem ersten Besuch in Bergen-Belsen hasste und verachte ich Nazis und ihre dumpfe, menschen-, kultur-, lebensverachtende Philosophie aus tiefstem Herzen. Ich fing an, dieses unglaublich düstere, albtraumhaft sich jeder humanen Vorstellung entziehende Kapitel der deutschen Geschichte zu erkennen. Das jedoch auch nur ansatzweise zu verstehen und zu begreifen, ist bis heute unmöglich.
Die damalige rassistische Politik in den USA hatte ihre Höhepunkte in den Attentaten an Martin Luther King und auch an Robert Kennedy gefunden. Robert Kennedy hatte als Justizsenator unter John F.Kennedy, entgegen der massiven Proteste der rassistischen Südstaatler, die gleichen Bildungsrechte für Schwarze, Farbige und Weiße durchgesetzt. Die ersten schwarzen Studenten betraten unter massiven Polizeischutz die Universität, diese Bilder sah ich damals im Fernsehen und ich konnte und kann den blanken Hass der weißen Bevölkerung einfach nicht verstehen. Ich erinnere mich aber auch an weitere, spätere Bilder. Ich erinnere mich an die Bilder im Schwarz-Weiß -Fernseher bei einem Schulkameraden der Volksschule: Robert Kennedy liegt leblos auf dem Rücken auf dem Boden einer Bühne. Eine Hand stützt seinen blutigen, durchschossenen Hinterkopf. Die Fernsehbilder waren grobkörnig, wie fast alle Nachrichtenbilder, die einem im Schwarz-Weiß-Fernseher gezeigt wurden … stark wackelnd, oft hektisch flatternd, aber grobkörnig und dadurch immer irgendwie unwirklich distanziert erscheinend, grausame, aber unwirkliche Bilder … Robert Kennedy, den blutverschmierten Kopf von Händen ohne Gesichtern gestützt, sterbend auf dem Boden liegend, … dieses Bild erinnert mich auch an den ersten, von mir erlebten, wirklich schweren Verkehrsunfall mit Blut und so.
Ein paar Häuser von unserem Haus entfernt wurde Anfang/Mitte der Sechziger gegen Abend, es war dunkel und die Straßenlaternen brannten, ein älterer, vielleicht auch alter Mann an einer Straßeneinmündung auf dem Fahrrad von einem Auto erfasst. Der Mann lag blutend und sichtlich schwer verletzt, inmitten vieler kleiner Glassplitter der geborstenen Auto-Windschutzscheibe, seitlich und verkrümmt auf der Straße. Sein Fahrrad lag verbogen neben ihm. Die unzähligen, im Laternenlicht auf der Straße flimmernden Glassplitter hatten sich mit dem Blut zu einer klebrig erscheinenden Glitzermasse vermischt. Viele Anwohner und Passanten standen am Straßenrand und schauten zu. Die ganze Szenerie wirkte auf mich kleinen Jungen gespenstisch und sehr faszinierend zugleich. Motorengeräusche, Blinklichter, Blut, Scherben, das verbogene Fahrrad, das schräg auf der Straße stehende, beschädigte Auto und der regungslos auf dem Boden liegende, röchelnde Mann mit dem kurzärmligen, gemusterten Hemd und den braunen Cordhosen, um den sich irgendwie niemand zu kümmern schien …
Die Leute standen einfach nur sprachlos gaffend da und trotz der ganzen Geräusche war alles seltsam ruhig.
Irgendjemand versuchte noch, mir von hinten die Augen zuzuhalten, aber es war zu spät, ich hatte alles mit meinen Augen gesehen und sollte dieses Bild nie wieder vergessen. Ich weiß bis heute nicht, ob der Mann den Unfall überlebt hat. Ich habe damals aber gespürt und mit meinem kindlichen Geist erfahren und erleben müssen, dass das Nahen des Todes oder seine Gegenwart eine verdammt einsame Sache ist.
Dieses Erlebnis liegt nun schon über fünfzig Jahre zurück – ein über ein halbes Jahrhundert mich begleitendes, unerzähltes Bild …

Meine Tochter wusste nichts von jenem schon so lange zurückliegenden, tragischen Erlebnis, als ich mit ihr in Begleitung ihrer besten Freundin, der schönen holländischen Stadt Groningen einen Besuch abstatte.
Eigentlich heißt es ja korrekterweise »niederländisch«, aber früher nannten wir die Niederlande immer Holland, auch wenn es nicht richtig ist. Ich finde aber, dass »Holland« viel schöner und auch liebevoller klingt als »Niederlande« und irgendwie passt »Holland« meiner Meinung nach auch besser zu unserem kleinen, bunten Nachbarland.
Die Mädchen shoppen und durchforsten fröhlich plappernd die Geschäfte der Groninger Innenstadt und die Verkaufsstände auf dem »grooten Markt«.
Am Rand stehen dort große, treppenartige Sitztribünen. Wir setzen uns auf einer der Stufen hin, essen etwas und beobachten das Treiben um uns herum. Irgendetwas erscheint mir jedoch eigenartig und dann ist es auch schon soweit: zielsicher schweben drei beseelte und selig lächelnde, ja geradezu aufdringlich beseelt lächelnde junge Menschen auf mich zu und begrüßen mich auf Englisch:
»Hi, there is something special in your appearance and we would like to talk with you about God …«
»God? – Oh no! I don't wanna talk about God with you guys! Leave me alone!« (Übersetzung: »Hi, da ist etwas Besonderes in deiner Erscheinung und wir würden gerne mit dir über Gott reden …« – »Gott? – oh nein! Ich will mit Euch nicht über Gott reden! Lasst mich in Ruhe!«)
Die Mädchen lachen sich kaputt beim Erleben dieser Situation.
Diese Gottesanbeter hatten mich aber auch wirklich gezielt unter den ganzen anderen Menschen herausgepickt. Ich hatte mein ganzes Leben schon so viel über und von Gott gesprochen, sprechen und hören müssen, das muss dann noch für 'ne ganze Weile reichen. Ich möchte mich dann doch lieber, uneingeschränkt und liebevoll dem höchst Irdischen, teuflischen Blues hingeben, ohne Engelsgeflöte und Glaubensbekenntnisse aus erleuchteten Gesichtern.
Die Gesichtszüge der drei Wander-Prediger entgleisten, aber sie verstanden sofort und vor allen Dingen widerspruchslos und ließen mich augenblicklich in Ruhe, meine irdische Botschaft war – Gott sei Dank! – unmissverständlich ausgefallen.
Die Mädchen beschließen, ihre Shoppingtour fortzusetzen und ich schlendere alleine weiter über den »grooten Markt«.
Von irgendwoher ertönt vom Wind getragene Musik und ich gehe auf die Suche nach der Quelle.
An einer kleinen Verkehrsinsel am Rande des Marktplatzes werde ich fündig.
Ich bleibe eine ganze Weile bei »Moti«, dem Straßenmusiker stehen und höre seinen Song-Interpretationen zu Hank Williams, Bob Dylan, den Eagles, den Beatles und Rod Stewart zu. Moti spielte eine 12-saitige Westerngitarre, die er mittels autobatteriebetriebenen Verstärker elektrisch verstärkt. Moti sitzt auf einem Hocker, mit dem rechten Fuß bedient er eine kleine, offene Bassdrum, mit dem linken Fuß eine HiHat. In einer Hals-Halterung für Mundharmonikas klemmen ein Mikrofon und ein Doppel-Kazou, auf dem er manchmal Solo-Melodien trötet.
Moti hat eine lange, graugelockte Haarmähne, unter der ab und zu ein Ohrring hervorschimmert, und er trägt einen »Musketier-Bart«, mit Schnäuzer und Bartdreieck unter der Unterlippe, wie in den Mantel- und Degen-Filmen.
Moti lächelt mir zu und spielt und spielt und spielt und genießt meinen Einzel-Applaus.
Er freut sich, dass ihm jemand zuhört, sich Zeit für ihn und seine Musik nimmt und nicht einfach an ihm vorbeigeht.
Moti schafft es – wie viele andere Straßenmusiker auch – jedes, aber auch wirklich jedes Lied im gleichen Groove zu spielen … dadda – zzt – dadda – zzt … Aber es klingt nie tölpelhaft, Moti verbreitet einfach eine positive Stimmung um sich herum, die Songs für sich geradezu »skrupellos« passend gemacht.
Mit einem »take care, man …« verabschiede ich mich von Moti, ich treffe die Mädchen wieder und wir betreten das Disco-Hotel-Café »de drie Gezusters«, wo wir das hausgemachte »Appelgebaak met slagroom« genießen.
Nach einer »Chillstunde« bei Smartphone, Cola, Saft, Kaffee und Kuchen, gehen die Mädchen wieder auf Shoppingtour.
Ich stehe auf und wechsel den Tisch und gleichzeitig wechselt auch – endlich! – die Musik.
Aus den Lautsprecher-Boxen an der Decke ertönt »Hound Dog« von Elvis, endlich was zum Versinken oder zumindest zum gerne Hinhören, nachdem mein Kaffee- und Kuchengenuss zuvor über eine Stunde lang mit immer wieder sich wiederholenden Songs aus Stevie Wonders »Songs from the key of life« – Album bearbeitet worden war.




