- -
- 100%
- +
Aber die erste ausgelobte Gage stand: Ich übte also, bis ich die ersten drei – natürlich einstrophigen, sehr kurzen Lieder – auswendig auf dem Klavier spielen konnte. Nicht, dass es mir besonders Spaß machte, aber ich wollte unbedingt die Uhr haben. Daran war aber auch noch die Bedingung geknüpft, dass ich für zunächst drei weitere Jahre beim Klavierunterricht bleibe. Drei Jahre! Eine endlose Zeit und ich hoffte so sehr auf das Wachsen meiner angeblich zu kleinen Hände und entwickelte später eine Faszination für Knastfilme …Gefangenschaft verbindet eben …
Mein damaliger Klavierlehrer, Herr Mylla, war ein strenger, humorloser, kinderloser, verkniffener, kettenrauchender Mann. Er zündete sich immer mit einer bis zum Filter heruntergerauchten Zigarette die nächste an.
Strenge war in den Sechzigern oft ein pädagogischer Gradmesser für die Eltern, um zu beurteilen, ob der Lehrer denn auch gut war. Je strenger, desto besser und Herr Mylla nahm da einen unangefochtenen Podestplatz ein.
Der Klavierunterricht fand in einem Klassenraum meiner Volksschule statt. Wenn es kalt war, waren die Fenster geschlossen und die Luft im Klassenzimmer verqualmt. War es draußen warm und regenfrei, war ein Fensterflügel geöffnet und die Luft drinnen etwas erträglicher.
Im Grunde genommen hat mich diese verrauchte Luft aber gar nicht so sehr gestört, ich kannte es sowieso nicht anders, da es für mich als Kind in den Sechzigern wie selbstverständlich zur Welt der Erwachsenen dazugehörte, dass alle rauchten.
Bei Familientreffen, Weihnachtsfeiern, Kindstaufen, Beerdigungen, bei uns zu Hause, im Auto, morgens in der Küche, selbst beim Blick in die Baby-Wiege oder den Kinderwagen, immer und überall wurde geraucht. Das Rauchen gehörte für mich zum Erwachsenwerden und Erwachsensein unverknüpfbar dazu.
Man braucht sich nur Filme aus der Zeit anzuschauen, alle rauchen und andererseits sieht man aber auch nie Aschenbecher. Haben die in den Filmen immer auf den Boden oder auf die teuren Teppiche abgeascht?
Wenn Herr Mylla dann nach dem Anzünden der neuen die abgerauchte Zigarette ausmachte, drückte er sie entweder in eine leere Zigarettenschachtel oder er stellte die Zigarettenstummel, mit dem Filter nach unten, feinsäuberlich aufgereiht auf die Fensterbank neben dem Klavier. Ich habe diese Stummel nie gezählt, aber geraucht hat Herr Mylla bestimmt achtzig bis hundert Zigaretten am Tag.
»Wow!«, dachte ich damals wohl leicht bewundernd, – »ein echter Mann!«
Einige Jahre später sollte auch mein jüngerer Bruder Klavierunterricht bekommen. Er wollte nicht und sperrte sich laut weinend gegen den Weg zur Volksschule, aber es gab keinen Weg drum herum.
»Du kommst jetzt mit!« – schließlich musste ich ja auch gegen meinen Willen Klavier spielen.
Gerade deshalb gab‘s für mich keinen Grund, warum ihm dieser Horror erspart bleiben sollte. Begriffe wie »Gnade« oder »Mitleid« blendete mein brüderlicher Gerechtigkeits-Sinn völlig aus. Also brachte ich meinen heulenden, kleinen Bruder zu seiner ersten Klavierstunde. Eigentlich zerrte ich ihn mehr an der Hand dahin und überwachte genau, dass er in den Unterricht reinging.
Er hatte keine Chance zur Flucht. Er ergab sich schluchzend seinem Schicksal und betrat verängstigt den Raum zu seiner ersten Klavierstunde.
Mein anderer Bruder, der Mittlere, lernte inzwischen Akkordeon und eine weitere Fortsetzung des Unterrichts blieb ihm irgendwann, ich glaube nach drei Jahren und einem größeren Akkordeon, mit mehr Bässen, erspart. Diese Entwicklung zeichnete sich eigentlich ganz geschmeidig und stillschweigend ab, nach seinen mehrmaligen, hochkonzentriert und konsequent durchgezogenen musikalischen Vorträgen, anlässlich verschiedener Anlässe. Ich kann mich bei meinem Bruder eigentlich nur an den »Schneewalzer« erinnern, alle drei Strophen des »Schneewalzers« … nur die Melodie – ohne Gesang …, außer beim Refrain, da sangen alle lauthals mit: »… ja den Schnee-, Schnee-, Schnee-, Schnee … Walzer tanzen wir …!« Als der Refrain durch war, dachten alle, mein Bruder war fertig, aber dann kam die zweite Strophe …mein Bruder war erst dabei, so richtig warmzulaufen … »… ja den Schnee-, Schnee-, Schnee-, Schnee … Walzer tanzen wir …« Nach dem zweiten Durchlauf waren alle Zuhörer und Mitsinger am Klatschen, aber dann gab es ja noch die dritte Strophe …Komischerweise hat mein Bruder den Schneewalzer, obwohl er ihn so oft vortrug, nie auswendig gespielt, sondern immer mit großen Augen die Noten runtergespielt … und immer alle drei Strophen … Bei wem mein mittlerer Bruder Akkordeonunterricht hatte, weiß ich nicht, die damalige Klavierlehrerin meines kleinen Bruders war jedoch Frau Mylla, die Schwester meines strengen und kettenrauchenden Klavierlehrers. Im Gegensatz zu ihm war Frau Mylla milde, freundlich, gutmütig und Nichtraucherin. Sie empfahl meinen Eltern sogar irgendwann einen anderen Klavierlehrer, weil sie ihm nicht das zeigen konnte, was er gerne lernen wollte.
Aus meinem kleinen, heulenden Bruder ist schließlich ein professioneller, richtig guter Jazz-Pianist geworden. Herr Mylla war als der ehemalige Leiter des damaligen jugoslawischen, staatlichen Rundfunkorchesters als Lehrkraft zur Musikschule gekommen, und er brachte diese kompromisslose, staatsautoritäre Prägung auch direkt in die Unterrichtsstunden mit ein.
Musikalisch gesehen war er wirklich ein harter Hund, menschlich betrachtet sowieso.
Wie oft stand er hinter mir, verdrehte meine Ellenbogen nach außen, damit die Handrücken-Knöchel der kleinen Finger mit denen der Zeigefinger eine Ebene bildeten, während ich diese doofen Klavieretüden spielte. Ich spielte und lernte Stücke von Strawinsky, Bartok, Mozart, Bach, Beethoven und anderen der großen, klassischen Komponisten, aber diese Musik interessierte mich überhaupt nicht, bis heute noch nicht. Es gibt jedoch einige klassische Melodien, die finde ich richtig, so richtig gut.
Für den Besuch einer ganzen Orchester-Aufführung, beispielsweise im Theater, reicht es aber wiederum nicht, auch bis heute nicht.
Ich nahm später, viele Jahre später wieder Klavierunterricht, gab es aber fluchtartig schnell wieder auf, weil ich das Gefühl hatte, mein Kopf würde zerplatzen, so sehr dröhnte es in mir …
Ich wollte damals nur diese verdammten drei Jahre hinter mich bringen, um mir die Uhr zu verdienen und endlich Gitarre zu lernen. Mein Klavier-Aufgabenheft musste ich jede Woche von meinen Eltern unterschreiben lassen, damit sie die Aufgaben, Noten und Beurteilungen, die mir Herr Mylla nach jeder Klavierstunde schriftlich gab, auch lasen.
Ich habe eines dieser Hefte zufällig später wiederentdeckt, … mannomann …, waren da viele Fünfen und Faulheits-Bemerkungen drin, aber ich musste auch so einen Mist spielen, der mich, neben dem Klavier, ebenfalls nicht die Bohne interessierte oder vielleicht einen Hauch ansprach.
Ich erinnere mich besonders an einen Tag, ich war noch keine zehn Jahre alt.
Herr Mylla war noch nicht anwesend, als ich zur Klavierstunde erschien und ich hatte die seltene Gelegenheit, alleine am Klavier einige, für mich mich neue Akkorde und Melodien auszuprobieren. Es waren Blues-Akkorde und Blues-Melodien, die ich gedankenversunken in meinem sich leise entwickelnden, inneren, musikalischen Gehör, vor mich hinklimperte und ausprobierte.
Bei uns zu Hause hatte sich bis dahin nie die Gelegenheit geboten oder ergeben, einfach mal 'n bisschen rum zu probieren, weil entweder sofort meine Brüder dazwischenhauten oder sonst wie nervten oder einfach Kinder aus der Nachbarschaft zum Spielen da waren. Das besaß immer und unbedingte Priorität. Wir mussten schließlich ständig das Waffenarsenal unserer Bande perfektionieren, im Kampf gegen das ständige, unbefugte Betreten unseres Territoriums oder sogar Angriffe feindlicher Kinder-Banden anderer Straßen! Die Gefangenen wurden als »feindliche Spione« immer in der Gartenlaube, am Birnbaum oder im Schuppen gefesselt und »gemartert«.
Befreiungsversuche waren chancenlos, denn wir schoben äußerst aufmerksam Wache und verfügten über gut ausgebildete Kundschafter in unseren Reihen. Wenn Erwachsenenbesuch da war, dauerte es nie lange bis zur überflüssigsten aller denkbaren Aufforderungen:
»Gottfried, spiel doch mal was vor … Herr oder Frau Müller (oder so) möchten doch so gerne mal hören, wie schön du Klavier spielen kannst …« Das war grauenhaft!
Ich machte zu Hause meistens einen ziemlich großen Bogen um das Klavier herum, allerdings musste ich manchmal »zwangsüben«, um mich verabreden oder draußen spielen zu können. Bei Erwachsenenbesuch blieb mir oft entweder verstecken oder die schnelle, leise und unbemerkte Flucht als letzter, rettender Ausweg.
Eine totale Klavier-Verweigerung ging einerseits nicht wegen des so sehr gewünschten Gitarren-Unterrichts und andererseits spürte ich ja diese unbändige Gier nach dieser anderen, so unglaublich anders klingenden Musik in mir. Warum es also nicht am Klavier versuchen? Zu irgendwas musste das ungeliebte Instrument doch nütze sein. Und genau das probierte ich an jenem Tag, als ich gedankenversunken im Klassenzimmer dem Klavier ganz leise, so ganz andere Töne entlockte.
»Red House« klopfte ganz vorsichtig instrumental in mir an, als ich plötzlich, jäh und gänzlich unvermittelt von hinten angebrüllt wurde. Ich spürte den Windzug sogar an meinem hochrasierten Hinterkopf. Tief erschrocken fuhr ich vom Hocker hoch, drehte mich um. Vor mir stand Herr Mylla, mit wutentbranntem Gesichtsausdruck und hochroten Kopf, noch im braunen, fellkragenbesetztem Mantel und blauen Schal um den Hals und schrie mich an. Er war völlig außer sich: »Ich dulde hier so etwas nicht! Was ist das? Das ist keine Musik! Das will ich hier nicht hören! …«
Den Rest nahm ich schon gar nicht mehr wahr. Herr Mylla brüllte und tobte laut und dabei unkontrolliert Tröpfchen spuckend herum. Nachdem er mich so zusammengeschrien hatte, bog er mir wieder die Ellenbogen auseinander, während ich eingeschüchtert diese Scheiß-Klassik-Etüden spielen musste.
Etwa fünfundzwanzig Jahre später begegnete ich Herrn Mylla zufällig in einem Herren-Friseursalon und er erkannte mich auch gleich wieder. Auf seine Frage, was denn aus mir geworden sei, entgegnete ich: »Musiker.«
»Oh, das ist aber erfreulich! Was für Musik machen Sie denn?«
Als ich ihm erklärte, dass ich Blues, Rock'n'Roll usw. spielte, wandte er sich brüsk mit einem verächtlich geschnauften: »… davon versteh ich nichts!« von mir ab und unser Wiedersehen nach all den Jahren, war schlagartig, nach einigen Sekunden beendet.

Aus den anfänglich drei Jahren Klavierunterricht sollten insgesamt sieben Jahre werden. Jedes weitere Jahr war mit einer »Jahresprämie« in Höhe von fünfzig D-Mark durch meinen Opa erkauft worden. Die Hoffnung auf Gitarren-Unterricht hatte ich inzwischen aufgegeben, den Willen zum Gitarre spielen jedoch nicht. Ich begann, mein musikalisches Schicksal selbst in die Hände zu nehmen: mit dem Geld fürs Verteilen der Adressbücher, plus der jährlichen fünfzig D-Mark Klavier-Bestechungs-Geld, hatte ich mit dreizehn Jahren, beinahe vierzehn, genug Geld zusammen, um mir eine echte Westerngitarre zu kaufen. Mein Cousin besaß auch eine und ich liebte und liebe diesen brillanten Klang – damals und heute – sehr.
Mit dem Klang der klassischen oder spanischen Gitarre mit ihren Nylon- oder Darmsaiten wurde ich nie so richtig warm, obwohl sie gut bespielbar sind. Endlich hielt ich also meine »Cimar«-Westerngitarre in meinen, für Gitarre ja eigentlich viel zu kleinen Händen, und ich übte und spielte eigentlich ständig auf ihr. Ich besorgte mir Liederbücher wie den »Student für Europa« und brachte mir damit Akkorde und Liedbegleitungen bei. Ich schaute viel den älteren Gitarrespielern auf die Finger und begriff nebenbei so auch, dass die Gitarre auch ein echter Türöffner zur Mädchenwelt war oder sein konnte, je nach Auswahl der vorgetragenen Lieder.
Natürlich spielte auch eine gewisse Vortragsvirtuosität eine Rolle. Minutenlanges, quälendes, verzweifeltes Suchen nach dem richtigen Akkordgriff oder falsche Töne beim Singen der Melodie waren mit Sicherheit eher ein Mädchen-Tür-Zuknaller.
Und es brachte ebenfalls auf keinen Fall den äußerst angenehmen, so manches Mal sehnlichst erwünschten, teilweise beabsichtigten oder zumindest erhofften Effekt, dass da mit verklärtem Blick, verträumt vor sich hinsummend, deine heimlich Angebetete, wie ein strahlender Engel der Liebe, inmitten einer um dich herumsitzenden Gruppe dahinschmolz, während du »Let it be« von den Beatles spielst und singst …
Dazu taugten die Lieder der Beatles wirklich beinahe konkurrenzlos gut. Schnulzen wie »Angie« von den Stones funktionierte auch ganz gut und der Lagerfeuer-Gitarren-Klassiker »House of the Rising Sun« sowieso.
Neben Beate, Elke, Regina, der sehr starken Marie-Louise und Kuschi gab es mittlerweile auch andere Mädchen, die ganz nett waren …
Auf Klassenfahrten, Jugendfahrten, in Zeltlagern mit Kindern und Jugendlichen aus der Gemeinde, auf späteren Ferien- und Urlaubsreisen, meine Gitarre begleitete mich überall hin und sie vermittelte mir gleichzeitig ein kaum zu erklärendes Gefühl der Vollständigkeit, Sicherheit und Geborgenheit. Ohne sie ging eigentlich gar nichts. Mein gesamtes Selbstbewusstsein war tief mit meiner Gitarre verbunden. Ich verabredete und traf mich oft mit Freunden oder auch lockeren Bekannten zum Musik machen. Ganze Nachmittage, manchmal bis tief in die Nacht hinein, verbrachte ich mit Gitarrespielen und dem Singen und Einüben von Liedern aller Art. Alles saugte ich in mich auf und auch etwas anderes wurde mir im Laufe der Zeit immer mehr bewusst, um Musik mit anderen Menschen zu machen, spielen Alter, Herkunft, Geschlecht usw. einfach keine große Rolle, eine tolle Erfahrung!
Später, als Jugendlicher oder junger Mann, finanzierte ich mir sogar Urlaube durch das Singen und Spielen auf Campingplätzen.
Zwischendurch hatte es auch immer mal wieder Begegnungen mit dem Schlagzeug gegeben, die erste mit etwa sieben oder acht Jahren.
Ein Bekannter meines Vaters, ein Tanzmusiker, hatte sein Schlagzeug eines Tages in unserem Badezimmer(!) aufgebaut, wahrscheinlich einfach so aus Spaß. Das Trommelvergnügen war allerdings buchstäblich schlagartig beendet, denn dieses, im gefliesten Badezimmer angeschlagene oder gespielte Schlagzeug entwickelte eine für Kinderohren wirklich gnadenlose Lautstärke und wirkte so eher abschreckend. Der Tanzmucker und mein Vater grinsten nur, aber ich erinnere mich noch sehr genau:
Dieses Instrument sah schon wirklich verdammt cool aus! …Blau glitzernd …
Das Schlagzeug als Instrument besitzt für mich eine hypnotische Faszination, es wirkt irgendwie unzähmbar, unbezwingbar und unspielbar, irgendwie verrückt. Man muss schon komplett einen an der Waffel haben, um sich das anzutun und dieses Instrument spielen zu lernen.
Man schafft sich Probleme, die man ohne das Schlagzeug einfach nicht hätte …
Es ist für mich, optisch betrachtet, das mit Abstand attraktivste Bühnen-Instrument und es geht eine unglaubliche Kraft von ihm aus, wenn man dieses Instrument zu seinem macht und es wirklich liebt.
Noch aber sollte dieser riesiggroße Platz in meinem Herzen, der wohl bereits damals schon fürs Schlagzeug reserviert war, leer und dunkel bleiben.
Конец ознакомительного фрагмента.
Текст предоставлен ООО «ЛитРес».
Прочитайте эту книгу целиком, купив полную легальную версию на ЛитРес.
Безопасно оплатить книгу можно банковской картой Visa, MasterCard, Maestro, со счета мобильного телефона, с платежного терминала, в салоне МТС или Связной, через PayPal, WebMoney, Яндекс.Деньги, QIWI Кошелек, бонусными картами или другим удобным Вам способом.




