Mörder sind keine Engel: 7 Strand Krimis

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Sie standen sich in geringer Distanz gegenüber. Bruce Coppers Hand steckte in der Tasche seines Popeline-Lumberjacks. Die großzügig geschnittene Jacke ließ nicht erkennen, ob Copper mit seinen Fingern eine Waffe umschloss oder nur bluffte.
„Gehen wir rein“, sagte Copper. „Aber schön vorsichtig, wenn ich bitten darf. Dir bleiben nur noch ein paar Dutzend Sekunden zum Schnaufen. Du wärest schlecht beraten, diese Gnadenfrist durch eine unbedachte Bewegung oder eine dumme Attacke zu verkürzen.“
Es war sonst nicht Bruce Coppers Art, sich gewählt auszudrücken, aber in einer Situation wie dieser überkam ihn der unwiderstehliche Drang, sich mit dem Flair des großen Agenten auszustatten, oder doch mit dem, was er dafür hielt.
Hamish zog hörbar die Luft durch die Nase. „Was soll der Quatsch?“, fragte er.
„Kehrt marsch!“, befahl Copper und zog die Hand aus dem Lumberjack. Sie umspannte eine Walther Pistole. Hamishs Augen wurden noch schmaler, als sie bereits geworden waren. Er zog die Unterlippe zwischen die Zähne und hob die Schultern. Einen Moment lang schien es so, als wollte er sich auf seinen Gegner stürzen, dann machte er schulterzuckend kehrt und durchquerte die kleine, quadratische Diele.
Copper blieb dicht hinter ihm. Sie betraten das Wohnzimmer. Es war ärmlich möbliert, auf dem Tisch standen die Reste einer Mahlzeit und in der Luft hing der Geruch einer Fischspeise.
Hamish ging bis zum Tisch, dort blieb er stehen und wandte sich um. „Kommen wir zur Sache“, sagte er. „Worum geht's?“
„Um nichts Besonderes“, höhnte Copper. „Wir wollen Correggio nur 'ne kleine Lektion erteilen.“
„Das schafft ihr nie – wer immer dich bezahlt“, sagte Hamish.
„Wetten, dass? Winter haben wir bereits hochgehen lassen“, erklärte Copper.
„Das glaube ich dir nicht.“
„Du hättest dir die Nachrichten anhören sollen. Wir haben einen Satelliten aus ihm gemacht.“
„Was heißt wir‘?“, fragte Hamish. Er stützte sich mit beiden Händen auf die hinter ihm liegende Tischplatte. Seine Finger berührten den Griff des mittelgroßen Küchenmessers. Er bewegte es mit der Behutsamkeit des Profis und überlegte, ob er es riskieren durfte, seinen Gegner damit anzugreifen.
„Ich nenne keine Namen“, sagte Copper.
„Du hast schon zwei genannt. Jerry und den Boss. Du behauptest, Correggio treffen zu wollen. Du willst ihm eine Lehre erteilen, indem du mich tötest.“ Er lachte kurz. „Correggio kennt mich kaum. Ich bin bestenfalls einer seiner Handlanger. Ihr müsst euch schon was Besseres einfallen lassen, um den Boss zu schockieren.“
,Jerry Winter war doch sein Lieutenant, oder?“, fragte Copper.
„Das musst du schon selber herausfinden, ich liefere keine Informationen“, sagte Hamish. Er riss abrupt das Messer hoch und jumpte nach vorn, auf seinen Gegner zu.
Hamish war ein schneller Mann, der fast keine Furcht kannte, aber in diesem Moment halfen ihm weder seine Beweglichkeit noch sein Mut. Cooper drückte ab. Er schoss dreimal hintereinander. Die Waffe weckte in dem niedrigen Raum ein hartes, dröhnendes Echo.
Hamish zuckte zusammen wie von epileptischen Anfällen geschüttelt, dann brach er zusammen. Er versuchte noch einmal hochzukommen, aber dieser Reflex zerbrach an der Schwäche und dem gnadenlosen Dunkel, das der Tod über ihn ausbreitete.
Copper schaute sich kurz im Zimmer um, steckte die Waffe zurück in seinen Lumberjack, holte ein Taschentuch aus der Hose und achtete sorgfältig beim Hinausgehen darauf, dass er seine Prints nicht auf den Türklinken der Mansardenwohnung verewigte.
Er war mit sich zufrieden.
Der Dollar rollte. Er hatte seinen ersten Mord hinter sich gebracht und glaubte zu wissen, dass es für ihn noch mehr Aufträge dieser Art geben würde.



5

Bill Correggio hatte verblüffende Ähnlichkeit mit jenen Modejournaltypen, die fast immer in dunklen Zweireihern mit Nadelstreifen, graumelierten Schläfen und Borsalinohüten abgebildet werden. Er besaß ein markantes Gesicht mit straffer Haut, deren Bräune einem Solarium entstammte, und helle, harte Augen, die zu dominieren verstanden, Sein schmallippiger Mund konnte charmant lächeln, war aber auch imstande, kalte Brutalität auszustrahlen.
Offiziell war Correggio Chef einer Firma, die sich CONPLASTIC nannte und darauf spezialisiert war, Spraydosen und Zahnpastatuben herzustellen. Die tatsächliche kommerzielle Leitung des Vierhundert-Mann-Betriebes oblag einem geschulten Manager, aber Correggio war fast immer in der Chefetage dieses Betriebes zu finden, sie war sein Hauptquartier und nur über mehrere Vorzimmer zu erreichen. Wer sie passieren durfte, musste es sich gefallen lassen, gründlich durchsucht zu werden: Correggio verspürte keine Lust, in einer Umgebung zu sterben. die er als sein Reich betrachtete.
„Fassen Sie sich kurz“, sagte Correggio, als Bount ihm in dem großen, mahagonigetäfelten Office am Schreibtisch gegenübersaß. „Sie haben zehn Minuten Zeit. Danach muss ich Sie bitten, zu gehen. Ich bin ein beschäftigter Mann.“
Es war für Bount nicht leicht gewesen, dieses Zusammentreffen zu arrangieren. Es hatte einiger taktischer Winkelzüge und versteckter Drohungen bedurft, um das Meeting durchzusetzen, aber jetzt war es soweit, jetzt war er mit Bill Correggio allein. Die Tür zum Sekretariat stand freilich offen: Dort saßen zwei drahtige, muskulöse Männer, denen man ansah und anmerkte, dass sie ihren Boss nicht nur mit den Fäusten zu beschützen wussten.
„Jessica Thorpe ist tot“, sagte Bount. In Correggios hellen Augen rührte sich nichts. Sie hatten gelernt, keine Gefühle zu spiegeln. „Wer ist Jessica Thorpe?“, fragte der Syndikatsboss. „Eine Freundin von Leslie Harper.“ „Sie sprechen in Rätseln. Ich kenne weder die eine noch die andere“, sagte Correggio.
Bount legte das Foto der toten Jessica Thorpe auf den Schreibtisch. „Das ist Jessica“, sagte er.
Correggio hielt sich das Bild dicht vor die Augen. Er war kurzsichtig, aber seine Eitelkeit verbot es ihm, in Gegenwart eines Besuchers eine Brille zu tragen. „Wer ist Jessica Thorpe?“, fragte er. „Und was bringt Sie dazu, mich nach dieser Dame zu fragen?“
Bount lehnte sich zurück. Er war verblüfft. Correggio war kein Mann, der etwas bestritt, was ihm widerlegt werden konnte. Es war durchaus möglich, dass er die beiden jungen Frauen tatsächlich nicht kannte. Aber warum hatte Leslie Harper dann versucht, sich als Correggios Geliebte auszugeben?
„Es gibt Leute“, sagte Bount etwas umständlich, „die behaupten, dass zwischen Leslie Harper und Ihnen bis vor kurzem eine Liaison bestanden habe.“
Correggio lächelte dünn. „Es gibt Leute, die mich für einen Mörder halten, und andere, die mich als Wohltäter preisen“, sagte er. „Ich möchte behaupten, dass beide Parteien unrecht haben, aber ich kann mich schwerlich gegen monströse Erfindungen wehren. Ich will es auch gar nicht. Man hört auf, bedeutend zu sein, wenn man sich um den Klatsch der Unbedeutenden kümmert.“
„Kennen Sie Jerry Winter?“
„Oh ja. Was ist mit ihm?“
„Er ist tot. Er wurde mitsamt seinem Wagen in die Luft gesprengt. Es muss sich um eine Bombe mit Zeitzünder gehandelt haben, vielleicht auch um eine, die durch Funkimpulse ausgelöst wurde. Jedenfalls ging die Ladung mitten in der Stadt hoch. Es ist ein Wunder, dass es dabei keine weiteren Opfer zu beklagen gab – nur eine Handvoll Verwundete.“
„Der arme Jerry. Ich habe ihn geschätzt. Er war ein guter Pokerspieler.“
„Das war sicherlich nicht die einzige Verbindung, die er zu Ihnen hatte.“
„Doch, das war sie. Wir pokerten häufig zusammen, etwa einmal in der Woche.“
„Woher nahm er das Geld für dieses Hobby? Ich gehe doch wohl kaum fehl in der Annahme, dass dort, wo ein Correggio am Tisch sitzt, nicht mit Taschengeldern operiert wird.“
„Hören Sie, Reiniger. Erwarten Sie im Ernst, dass ich einen Mitspieler danach frage, woher er das Geld nimmt, das er auf den Tisch legt?“ „Wer kann ein Interesse daran gehabt haben, Jerry Winter zu töten?“ Correggio zeigte beim Lächeln seine weißen, künstlichen Zähne. „Sie sind Privatdetektiv. Finden Sie es heraus“, spottete er.
„Genau das werde ich tun“, versprach Bount. „Sprechen wir noch einmal von Jessica Thorpe. Sie wurde in meiner Praxis vergiftet, sie starb vor meinen Augen ...“
„Vergiftet?“, unterbrach Correggio. „Von wem?“
„Ich weiß von Jessicas Mann, James Thorpe, dass seine Frau dazu neigte, Beruhigungstabletten einzunehmen. Ihre Mörder haben das gewusst. Sie haben sich diese Eigenart zunutze gemacht und die Tabletten gegen hochgiftige Pillen ausgetauscht.“
„Das müssen Sie beweisen. Es kann auch Selbstmord gewesen sein.“
„Es war Mord“, sagte Bount.
„Wie Sie wollen“, seufzte der Syndikatsboss und stand auf. „Ich darf Sie jetzt bitten, mich entschuldigen zu wollen. Sie können beim besten Willen nicht von mir erwarten, dass ich mich an Ihren Spekulationen beteilige.“
„Sie kannten Winter, und Winter ist in den Mord an Jessica Thorpe verwickelt“, sagte Bount. „Sie können mir nicht weismachen, dass es da keine Zusammenhänge gibt.“
„Dort ist die Tür“, sagte Correggio. „Wir sprechen uns noch“, meinte Bount, stand auf und marschierte ins Sekretariat. Die beiden eleganten Muskelmänner standen am Ausgang. Ihre Gesichter waren hart und scheinbar leer, aber Bount spürte, dass Gefahr in der Luft lag. Er war ohne Waffe gekommen, weil er gewusst hatte, welchen Spielregeln er sieh in diesem Hause unterwerfen musste. Die Männer bewegten sich mit der lasziv anmutenden Trägheit von Leuten, die sich ihrer Kraft und ihrer Überlegenheit bewusst sind. Einer baute sich direkt vor der Tür auf.
Bount stoppte. „Lassen Sie mich vorbei“, sagte er.
„Tut uns leid. Mister“, meinte der Mann, der an der Tür stand. Er war blond und hochgewachsen, nicht älter als 32. Er hätte in jedem Fernsehkrimi den Helden spielen können, aber seine Stimme war kaum geeignet, ihm einen solchen Job zu verschaffen: sie war heiser, brüchig, scharf und sehr unangenehm.
„Was tut Ihnen leid?“, fragte Bount und spannte die Muskeln. Ihm gefiel nicht, dass der zweite Mann, ein Schwarzhaariger, an ihm vorbeiging und hinter ihm Halt machte.
Bount blickte über seine Schulter, aber das hätte er besser bleiben lassen sollen. Der Blonde nutzte seine Chance, riss die Rechte hoch und wuchtete sich mit professioneller Gründlichkeit auf Bounts Solarplexus.
Bount riss den Mund auf und ging in die Knie. Irgendetwas traf ihn am Kopf. Er versuchte zu kontern, aber es war, als hätte er plötzlich einen Körper aus Gummi, gefüllt mit lauer, warmer Luft. Er konnte sich nur schwammig bewegen, gleichsam in Zeitlupe.
Ein Feuerblitz durchzuckte seinen Schädel. Bount war außerstande, den damit verbundenen Schmerz zu registrieren. Sein Bewusstsein stürzte in einen dunklen, scheinbar endlos tiefen Schacht.
Als er erwachte, lag er dort, wo er zusammengeschlagen worden war.
Er richtete sich auf, sehr langsam und leicht benommen. Die beiden Gorillas befanden sich noch im Zimmer. Der Blonde saß auf der Ecke eines Schreibtisches, der Dunkelhaarige lehnte mit vor der Brust verschränkten Armen an der Wand. Die Männer sahen ernst aus, aber auch spöttisch. Bount wischte sich mit dem Handrücken über den Mund. Er war sauer, sogar stocksauer, aber er war weit davon entfernt, sich zu erregen. Es gehörte zu seinem Beruf, gelegentlich verprügelt zu werden. Bis jetzt hatte er es noch immer geschafft, zurückzuschlagen.
„Das war ein hübscher Einfall“, sagte Bount. Er bewegte die Stirnhaut.
In seinem Schädel war ein dumpfer Druck, aber kein Schmerz. Noch fünf Minuten, und er würde wieder topfit sein.
Der Blonde griff mit spitzen Fingern hinter sich. Er hielt einen Revolver hoch, wobei er die Waffe mit einem Taschentuch anfasste.
„Sehen Sie mal, was wir hier haben“, sagte er.
Bounts Augen wurden schmal. „Der gehört mir“, stellte er fest.
„Das sollten Sie lieber in Abrede stellen“, höhnte der Blonde. „Damit haben Sie immerhin einen Menschen erschossen.“



6

Bount kam auf die Beine. Das Gummigefühl verebbte in seinen Knien, wenn auch nicht völlig. Es spielte keine Rolle. Er war plötzlich putzmunter. Ihm war klar, dass er in einer teuflischen Falle saß. Er war hineingetappt, ohne sie zu erkennen, und er wusste jetzt noch nicht, wer sie aufgestellt hatte: Correggio oder Leslie Harper, Jessica Thorpe oder am Ende gar James, ihr so beherrscht wirkender, prominenter Mann?
„Was habe ich getan?“, murmelte Bount, obwohl er den Blonden sehr gut verstanden hatte.
„Einen Menschen getötet“, sagte der Blonde und legte die Waffe behutsam auf den Schreibtisch zurück. „Wir können es bezeugen. Clark und ich. Was sagen Sie nun?“
„Damit kommen Sie nicht durch.“ „Zwei gegen einen“, höhnte der Blonde. „Sie wissen, was das juristisch zu bedeuten hat.“
„Wer glaubt schon einem Gangster?“, fragte Bount.
„Sie sollten in Ihren Äußerungen etwas vorsichtiger sein“, sagte der Blonde. „Clark und ich könnten Strafanzeige wegen übler Nachrede gegen Sie erstatten ...“
„Wo haben Sie meinen Revolver her?“, fragte Bount und gab sich selbst die Antwort: „Sie sind in mein Office eingedrungen, als June unterwegs war. Sie haben die Waffe einfach geklaut!“
„Aber Reiniger!“, höhnte der Blonde. „Damit kommen Sie wirklich nicht weit, Sie sollten sich etwas Besseres und Überzeugenderes einfallen lassen. Die Mordkommission ist übrigens schon unterwegs.“
„Die Mordkommission?“, fragte Bount. „Ja, sie befindet sich auf dem Weg nach hier“, erklärte der Dunkelhaarige. Er hatte die Kinnschatten eines Mannes, der sich am Tage mindestens zweimal rasieren muss.
„Ich verstehe kein Wort“, sagte Bount.
„Hör dir das an“, spottete der Blonde. „Jetzt will er von nichts wissen.“
Die Tür zu Correggios Allerheiligstem stand offen. Bount strebte darauf zu und trat über die Schwelle, weil er hoffte, von dem Syndikatsboss ein klärendes Wort zu erhalten.
Bount stoppte. Ihm schien es so, als sei er gegen eine Glaswand gelaufen.
Bill Correggio lag hinter seinem Schreibtisch auf dem cremefarbigen Teppich. Unter Correggios Brust hatte sich der Teppich verfärbt. Er war blutrot.
Der Kopf des Syndikatsbosses war zur Seite gedreht, Mund und Augen standen offen. Die weißen, künstlichen Zähne hatten nichts von ihrem Glanz verloren, aber in den hellen, harten Augen war das dominierende Leuchten erloschen.
Sie gehörten einem Toten.



7

Die Klimaanlage rauschte leise, aber Bount begann plötzlich zu schwitzen. Er holte tief Luft und wandte sich langsam um. Die beiden Männer standen auf der Schwelle und musterten ihn interessiert.
„Ihr habt ihn umgelegt, einfach abgehalftert“, murmelte Bount. „Und ich soll euch als Sündenbock dienen.“
„Das“, wandte sich der Dunkelhaarige an den Blonden, „wird er versuchen, den Bullen zu erzählen.“
„Sicher“, nickte der Blonde ernst, aber wenig beeindruckt. „Die Sache hat nur einen Haken. Bount Reiniger kann nichts von dem Gesagten beweisen.“
Bount wischte sich die schweißfeuchten Hände an der Hosennaht ab. Seine Gedanken wirbelten durcheinander. Er zwang sich zur Konzentration, es war notwendig, einen kühlen Kopf zu bewahren.
Im Sekretariatszimmer ertönte ein Summer. Der Blonde drehte sich um und verschwand aus Bounts Blickfeld. Bount hörte, wie er in das Mikrofon der Sprechanlage sagte: „Okay, wir warten auf sie. Schicken Sie die Männer hoch.“
Bount biss die Zähne aufeinander, dass es schmerzte. Er fügte in Gedanken die Ereignisse aneinander, er begann dabei mit Jessica Thorpes Tod und fuhr fort mit Leslie Harpers Besuch, jedes Puzzlestück war groß und farbig, aber noch fand er kein System, die einzelnen Elemente zusammenzufügen. Sein Kopf schmerzte, und es gab so unendlich viele Namen: Jerry Winter, James Thorpe, Mrs. Barkley und einen Reeder namens Andreous.
Captain Rogers kreuzte auf, zusammen mit den Männern seines Teams, von dem Bount jedes Gesicht kannte, den Arzt, die Fotografen, die Männer der Spurensicherung, diese eingespielte, verschworene und zuweilen etwas zynisch reagierende Truppe, die sich damit abfinden musste, immer nur mit der hässlichsten und brutalsten Seite des Lebens in dieser Stadt konfrontiert zu werden.
„Hier ist Ihr Mörder, Sir“, sagte der Blonde.
Captain Rogers winkte Bount zu, eher gelangweilt als freundlich, dann herrschte er den Blonden an: „Sie heißen?“
„Dennis Brother. Das ist mein Kollege, Clark Latham. Wir können bezeugen, dass Mr. Reiniger auf Correggio geschossen und ihn getötet hat.“
Toby Rogers schaute sich im Office um. Es schien, als interessierte er sich mehr für dessen luxuriöse Ausstattung als für den Toten, der hinter seinem weit ausladenden Schreibtisch lag.
„Wir hörten den Streit, aber wir achteten nicht weiter darauf“, sagte Dennis Brother. „Wir sind es gewöhnt, das Mr. Correggio mit seinen Besuchern nicht immer höflich umgeht, aber dann wurde es uns doch zu bunt, wir witterten eine Gefahr und eilten zur Tür – und da passierte es auch schon.“
„Was passierte?“, fragte der Captain und steckte sich eine Zigarette an.
„Die beiden waren aufgesprungen. Ich kann nicht mit Sicherheit behaupten. wer sich von wem bedroht fühlte – jedenfalls schoss Reiniger zuerst“, behauptete Brother.
„Das stimmt“, nickte Latham. „Er knallte den Alten einfach über den Haufen.“
„Das haben Sie gesehen?“, fragte Rogers. Er brachte es fertig, ganz sachlich zu fragen. Seine Stimme enthielt keinen Hauch von Spott.
„Aber ja“, meinte Latham ernst. „Wir beide haben es gesehen. Reiniger war mit einem Schlag ernüchtert. Er wollte weglaufen. Da haben wir ihn gestoppt. Mit den Fäusten, versteht sich.“
„Ich habe ihm die Faust in die Magengrube gesetzt, und Latham hat ihm eins auf den Pinsel gegeben“, erklärte der Blonde.
Bount sagte nichts. Er hatte etwas Ähnliches erwartet, hielt es im Augenblick aber für falsch und überflüssig, gegen die unsinnigen Unterstellungen Stellung zu beziehen. Toby Rogers wusste auch so, was gespielt wurde, aber leider zählte seine Meinung nicht viel, wenn der Haftrichter entscheiden musste, was zu tun war.
„Das muss fabelhaft leicht gewesen sein“, sagte der Captain trocken und ohne eine Miene zu verziehen. „Bount Reiniger hatte ja, Ihren Worten zufolge. nur einen Revolver in der Hand, eine Waffe also, mit der er umzugehen wusste.“
„Reiniger war nach den tödlichen Schüssen total verstört“, meinte Brother. „Ich vermute, er wollte gar nicht auf den Boss schießen. Es war für Reiniger ein Abwehrreflex, er dachte möglicherweise sogar an Notwehr – aber das ändert nichts an der Tatsache, dass er für Correggios Tod geradestehen muss.“
„Nur immer weiter so“, sagte Captain Rogers. „Ich hab's gern, wenn ich einen Fall gleich tischfertig serviert bekomme.“
„Ich sagte nur, was ich denke“, erklärte Brother und schaffte es, beleidigt auszusehen. „Was die Tat selbst betrifft, bin ich jedoch authentischer Augenzeuge, genau wie Clark. Stimmt’s, Clark?“
„Stimmt genau“, bestätigte Latham grimmig. „Wir hätten den Kerl vorher nach Waffen abklopfen sollen. Aber wer traut schon ’nem Private Eye sowas zu? Kommt einfach herein und putzt den Alten weg!“
„Ich denke, die beiden hatten einen Streit?“, fragte der Captain.
„Klar, sie sind richtig aufeinander losgegangen“, meinte Latham.
„Worum ging es?“, fragte der Captain, während sich die Fotografen und die Männer der Spurensicherung mit gewohnter Routine an die Arbeit machten.
„Um einen Mord. Um eine Frau namens Thorne oder Thorpe, glaube ich. Reiniger warf dem Alten vor, an ihrem Tod mitgehäkelt zu haben. Kein Wunder, dass Correggio dabei die Beherrschung verlor und aufsprang“, sagte Dennis Brother.
„Sie haben Correggio abserviert“, stellte Bount gelassen fest. „Ich wüsste wirklich gern, wer Ihnen den Auftrag dazu gab.“
„Hör dir diese Unverschämtheit an“, presste Dennis Brother durch seine Zähne. „Ein Killer hat die Frechheit, uns zu belasten!“
Latham winkte ab. „Das war doch zu erwarten“, meinte er. „Er weiß, dass er keine Chance hat, also versucht er es mit billigen Tricks.“
„Die Sache hat nur einen Haken“, sagte Brother und schaute Bount ins Gesicht. „Sie sind hergekommen, um mit dem Alten zu sprechen, Sie hatten Streit mit ihm, und es ist Ihre Waffe, mit der er erschossen wurde. Clark und ich sind – pardon, waren – Mr. Correggios Mitarbeiter. Er hat uns gut behandelt und noch besser bezahlt. Es gab für uns also nicht den geringsten Grund, ihn zu töten.“ „Warum verteidigst du dich?“, grunzte Latham wütend. „Reiniger hat’s getan! Verdammt, wir haben es miterlebt, wir können es bezeugen!“ „Beschwören, nehme ich an – oder?“, fragte der Captain.
„Worauf Sie sich verlassen können!“, meinte Dennis Brother.
Toby Rogers wandte sich an Bount. „Wie war es wirklich?“, fragte er.
Bount berichtete mit knappen Worten, was er erlebt hatte. Der Captain kratzte sich am Kinn. Er sah nicht gerade glücklich aus. „Du kannst gehen“, sagte er dann. „Aber vorher musst du das Ganze zu Protokoll geben und unterschreiben.“
„He, das ist doch wohl nicht Ihr Ernst“, protestierte Latham. „Sie lassen einen Mörder laufen? Wenn das die Presse erfährt, reißt man Sie in Stücke! Wollen Sie Ihren Job verlieren?“
Der Arzt, der den Toten untersucht hatte, richtete sich auf, rückte seine Brille zurecht und sagte: „Zwei Einschüsse, direkt ins Herz. Der Tod muss auf der Stelle eingetreten sein.“ Toby Rogers zog die Luft durch die Nase. „Ein herber Verlust für die Schickeria der Stadt“, sagte er.
„Mehr haben Sie nicht dazu zu sagen?“, empörte sich Dennis Brother. Bount ging ins Sekretariat. Einer von Rogers' Männern begleitete ihn und nahm zu Protokoll, was Bount diktierte. Bount unterschrieb und ging. Er wusste, dass das Ganze ein auch für ihn unbequemes Nachspiel haben würde, aber, er war frei und konnte dafür sorgen, dass die Falschaussagen von Latham und Brother durch die Fakten zerpflückt wurden. Aber noch stand keineswegs fest, ob er mit seinem Vorhaben Erfolg haben würde. Er rief im Office an.


