Mörder sind keine Engel: 7 Strand Krimis

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„Ich bin Leslie Harper geschlagene drei Stunden durch die Stadt gefolgt“, berichtete June und schilderte den chronologischen Ablauf dieses Unternehmens. „Es begann damit, dass sie den Coiffeur aufsuchte, Ashleys in der 5th Avenue, dann schaute sie sich in einigen Boutiques um, und schließlich speiste sie – allein bei Hammond & Eagle zu Abend. Sie hat sich mit niemand getroffen und wurde, soweit ich das beurteilen kann, von niemand verfolgt. Sie machte auch keineswegs den Eindruck, sich zu fürchten oder gar an Leib und Leben bedroht zu sein. Sie bewegte sich mit kühler, damenhafter Gelassenheit. Jetzt ist sie zu Hause, nehme ich an. Bis dahin habe ich sie jedenfalls begleitet. Hätte ich vor dem Hause darauf warten sollen, dass sie nochmals auftaucht?“
„Nein“, sagte er. „Vermutlich hat sie gewusst oder gespürt, dass wir sie beschatten. Sie hat sich dementsprechend 'normal' verhalten.“
Er schilderte, was sich inzwischen ereignet hatte. Dann hängte er auf und fuhr nach Queens.
Zwanzig Uhr dreißig betrat er das Polizeirevier in der Vernon Street.
„Sicher kennen wir Jerry Winter“, meinte der Sergeant vom Dienst grimmig. „Offen gestanden überrascht es mich nicht, dass er dieses Ende genommen hat. Er war ein Gangster. Leider haben wir vergeblich versucht, ihm das Handwerk zu legen. Er war einfach nicht zu fassen. Er war clever, mit allen Wassern gewaschen. Jetzt haben ihn seine eigenen Leute hochgehen lassen. Oder seine Gegner. Wie dem auch sei, ich bin darüber nicht traurig.“
„Für wen arbeitete er?“
„Jerry war für jeden da, der etwas springen ließ, aber ich bezweifle, dass er einem Syndikat angehörte“, erklärte der Sergeant.
Das Telefon klingelte. Der Sergeant entschuldigte sich, griff nach dem Hörer und notierte, was der Anrufer ihm mitzuteilen hatte. Bount massierte sich den Schädel. Er spürte die Beule, die sich unter seiner Haardecke bildete und war mehr denn je entschlossen. Brother und Latham für dieses Ärgernis zahlen zu lassen.
Der Sergeant legte auf. „Das haut mich um“, sagte er. „Jemand hat Jerry Winters Freund abserviert. Alec Hamish. Erschossen! Hamish ist gerade gefunden worden. Warten Sie, ich muss die Mordkommission verständigen und ein paar Männer zur Tatortsicherung in die Housman Road schicken.“
Während der Sergeant erledigte, was die Situation erforderte, blieb Bount gelassen auf seinem Stuhl sitzen. Er war überzeugt davon, dass es sich bei Alec Hamish um den Boxertyp handelte, der Dr. Stiller in die Toilette gesperrt hatte. Wenn dies zutraf, waren inzwischen beide Zeugen – und Akteure – des Geschehens liquidiert worden, das sich um Jessica Thorpes Tod rankte.
„Erst Winter, jetzt Hamish. was sagen Sie nun?“, seufzte der Sergeant. „Hamish war Winters tumbes, aber loyales Werkzeug. Winter war der Kopf, Hamish die Faust.“
„Wer hat den Toten entdeckt?“ „Dinah Castle. Sie hat mich angerufen.“
Bount stand auf. „Housman Road. sagten Sie?“
„Nummer 23“, nickte der Sergeant „Wenn Sie sich beeilen, sind Sie noch vor der Mordkommission dort.“
Er behielt recht, aber Bount hatte einige Mühe, den Sperrgürtel zu passieren, den die Cops um Haus und Wohnung gelegt hatten. Schließlich gelang es ihm doch, Einlass in das Mansardenapartment zu finden. Dinah Castle saß in der Küche, mit hängendem Kopf, und starrte apathisch ins Leere. Offenbar hatte sie nicht den Wunsch, das Wohnzimmer mit einem Toten zu teilen.
Bount stellte sich vor. Dinah Castle lächelte scheu. Sie schien erleichtert zu sein, dass jemand gekommen war und dass sie mit einem Menschen sprechen konnte. Das Mädchen – eine Schwarze – war etwa fünfundzwanzig Jahre alt und gut gewachsen, aber weit davon entfernt, gut auszusehen. Ihre Nase war so platt wie die des Erschossenen, aber die großen, schokoladenbraunen Augen waren von einer stillen, sanften Qualität, die man schön nennen konnte.
„Wie lange kannten Sie ihn?“, fragte Bount und setzte sich dem Mädchen gegenüber.
„Drei Monate. Er war immer nett zu mir, obwohl ...“ Sie fischte nach Worten, dann sagte sie entwaffnend: „Er lebte von krummen Sachen. Ich habe das gewusst. Es war mir egal. Mir genügte, dass er mich liebte.“
„Kannten Sie Jerry Winter, seinen Freund?“
„Sicher. Ein Mistkerl. Er hat sich über Alec lustig gemacht, und über mich. Alec wollte das nicht wahrhaben. Für ihn war Jerry der große Boss, der Unfehlbare. Es ist wirklich zum Lachen!“
„Jerry war nicht ganz unfehlbar. Wäre er das gewesen, würde er noch leben. Jemand hat ihn mitsamt seinem Wagen hochgehen lassen. Er ist tot.“
„Gerechter Himmel!“, hauchte das Mädchen.
„Wann haben Sie zuletzt mit Alec gesprochen?“
„Gestern. Wir waren erst im Kino, dann bei mir. Er sagte, dass er mit Jerry ein tolles Ding drehen würde – aber ich konnte nicht herausbekommen, was sie vorhatten.“
„Sagte er, für wen er arbeitete?“
„Er war nur Jerrys Handlanger, fürchte ich“, meinte das Mädchen bitter. „Jerry nahm die Aufträge an und bestimmte, was Alec zu tun hatte. Meistens war es die Dreckarbeit. Alec war damit zufrieden. Er war stolz darauf, von Jerry als Partner akzeptiert zu werden.“
„Heute war eine Klientin in meinem Office, die sich zu Recht an Leib und Leben bedroht fühlte. Ehe sie sich richtig aussprechen konnte, schluckte sie eine Beruhigungstablette. Diese Tablette war giftig. Die Klientin starb vor meinen Augen. Der sofort herbeigerufene Arzt stellte sich als Dr. Williams vor – aber es war Jerry Winter. Jerry hat gewusst, dass die junge Frau Beruhigungsmittel schluckte, und er hat offenbar fest damit gerechnet, dass sie dies auch in meinem Office tun würde. Jerry hat auch vorausgesehen, dass ich den einzigen Arzt alarmieren würde, der im Hause praktiziert – und Jerry hat schließlich mit Alecs Hilfe dafür gesorgt, dass dieser Arzt, Dr. Stiller, auf dem Wege zu mir gestoppt wurde. Jetzt sind Jerry und Alec so tot wie meine Klientin. Ich muss herausfinden, was dahintersteckt. Wer hat Jerry und Alec bezahlt?“
„Ich weiß es nicht.“
„Denken Sie nach“, drängte Bount. „War Alec in letzter Zeit gut bei Kasse?“
„An Geld hatte er niemals Mangel.“
„Sagt Ihnen der Name Correggio etwas?“
„Sicher. Ein Gangsterboss. Jerry durfte manchmal mit ihm pokern. Das hat Alec schrecklich imponiert.“
„Jerry arbeitete also für Correggio?“
„Kann schon sein, aber ich bezweifle es. Jerry war sein eigener Boss.“
„Versuchen Sie sich zu erinnern. An Gespräche. An Telefonate, die Alec führte. Vielleicht fallen Ihnen Namen und Adressen ein. mit denen Sie nichts beginnen konnten ...“
Dinah Castle biss sich auf die Unterlippe. Ihre großen, dunklen Augen schienen noch sanfter zu werden, als sie bereits waren, sie reflektierten eine seltsame Mischung von Nachgiebigkeit und Angst. „Vielleicht habe ich einen Fehler begangen ...“, murmelte sie. „Vielleicht begehe ich jetzt einen zweiten.“
„Nämlich??'
Das Mädchen öffnete eine Handtasche aus Krokolederimitat und entnahm ihr ein Farbfoto. Es zeigte das Bild einer jungen, strahlendschönen Frau. Sie war blond und lächelte aus langbewimperten, grünschimmernden Augen dem Betrachter geradewegs ins Gesicht. Der etwas verschwommene Hintergrund zeigte den Teil eines Hausaufganges und, ebenfalls abgeschnitten, eine Hausnummer: 1. Dahinter konnten noch ein oder zwei Ziffern stehen. Bount sah das Gesicht zum ersten Mal. „Wer ist das?“, fragte er und warf einen Blick auf die Rückseite des Fotos. Dort befand sich ein Nummernstempel, sonst nichts.
„Ich habe keine Ahnung“, erwiderte Dinah Castle. „Es steckte in Alecs Brusttasche. Es muss sich bei seinem tödlichen Sturz hochgeschoben haben, jedenfalls ragte es zu einem Drittel über den Taschenrand hinweg. Ich sah, dass es ein Foto war und zog es aus dem Jackett, fast gegen meinen Willen, ganz mechanisch.“ Sie schluckte. „Ich weiß, dass ich das nicht hätte tun dürfen“, fügte sie hinzu, „aber nun ist es passiert. Ansonsten habe ich nichts angefasst, mein Wort darauf!“
„Kennen Sie das abgebildete Mädchen?“
„Nein.“
Bount schob die Unterlippe nach vorn. „Nicht gerade Alecs Typ, was?“
„Stimmt“, sagte Dinah Castle. „Die gehört zur High Society, das sieht man.“
Bount gab dem Mädchen das Bild zurück. „Sie müssen das Foto der Polizei überlassen“, sagte er.
Sofort nach dem Gespräch fuhr er zum Battery Park. Er stellte seinen Wagen unweit der City Hall ab und bummelte dann durch die schmale, vornehme Straße, wobei er sich präzise an den verschwommenen Bildhintergrund des Fotos erinnerte, auf dem das blonde, grünäugige Mädchen zu sehen gewesen war.
Er stoppte vor dem Haus Nummer 11. Die Portaleinfassung war identisch mit derjenigen auf dem Farbfoto. Bount trat näher und bewegte dabei unwillkürlich die Nasenflügel. Er war wieder einmal fündig geworden, aber wenn er Pech hatte, würde es ihm wie mit den anderen ‚Erfolgen' dieses Tages ergehen – sie würden sich vor seinen Augen in ein Nichts auflösen oder zum Bumerang entwickeln.
Das blankgeputzte Messingschild trug den Namen Neal Finch. Bount zögerte, als er klingelte. Niemand öffnete. Bount wiederholte das Klingeln.
Endlich ertönten Schritte. Sie kamen zum Stillstand, über der Tür flammte eine Lampe auf. „Sie wünschen?“, ertönte es aus dem Inneren. Die Stimme war weiblich, samtig und angenehm, aber nicht frei von Angst.
„Reiniger, Privatdetektiv. Kann ich Sie einen Moment sprechen, bitte?“ „Wen wünschen Sie zu sprechen?“
„Mrs. Finch“, sagte er.
Eine Kette wurde ausgehängt, die Tür öffnete sich einen Spaltbreit. In ihm zeigte sich ein attraktives Mädchengesicht. Bount hatte es bereits auf dem Farbfoto gesehen. „Ich bin Mrs. Finch“, sagte die Grünäugige. „Worum geht es?“
„Um den Tod von Jessica Thorpe“, sagte er.
Die junge Frau starrte ihm ins Gesicht. „Ich habe davon gehört“, meinte sie nach kurzer Pause. „Deshalb bin ich nicht bereit, zu dieser Stunde noch Besuch zu empfangen. Warum haben Sie sich nicht telefonisch avisiert?“
„Sie kannten Jessica Thorpe?“ „Flüchtig. Hier kennt jeder jeden. Können Sie sich ausweisen?“ „Pardon, ich hätte selbst daran denken sollen“, entschuldigte er sich und reichte der jungen Frau seine Lizenzkarte durch den Türspalt.
„Ich bin allein zu Hause, wissen Sie. Mein Mann ist geschäftlich unterwegs“, sagte sie zögernd und drehte die von Zelluloid ummantelte Karte hin und her. „So ein Ding könnte gefälscht sein, nicht wahr?“ „Ohne Zweifel“, bestätigte Bount, „aber diese ist echt.“
Die junge Frau gab ihm die Karte zurück, hängte die Kette aus und öffnete die Tür. „Kommen Sie in Gottes Namen herein“, seufzte sie. „Jessicas Tod hat mich wirklich geschockt. Sie war so jung, so attraktiv ...“
Bount fiel auf, dass sie es versäumte, die Kette hinter ihm einzuhängen. Sie gingen durch die kleine, elegante Diele in ein mittelgroßes, nicht minder elegant möbliertes Wohnzimmer. Die Häuser am Battery Park kannten keine Weitläufigkeit, sie waren eher nach dem Prinzip ´klein aber fein' erbaut worden und machten den Mangel an Raum durch eine Anhäufung kostbarer Bilder, Teppiche und Möbel wett.
Mrs. Finch war groß und schlank, sie trug einen weitschwingenden, beigefarbigen Leinenrock mit einer buntbedruckten Seidenbluse, die am Hals durch eine Schleife abgeschlossen wurde. Die junge Frau war nicht älter als 24 und zeigte trotz ihrer eingestandenen Angst das gleiche Selbstbewusstsein, das Bount bei einigen anderen Bewohnern der Straße gefunden hatte: bei Jessica Thorpe, Leslie Harper und Mrs. Barkley.
Die Polstergarnitur bildete vor dem Kamin ein bronzefarbiges ,U'. Auf dem niedrigen Klubtisch standen Gläser und Flaschen. Bount wartete, bis die junge Frau sich gesetzt hatte, dann nahm er gleichfalls Platz. „Zigaretten, etwas zu trinken?“, fragte sie.
„Danke, nein. Haben Sie eine Erklärung für Jessica Thorpes Tod?“
„Wie sollte ich? Erlauben Sie bitte, dass ich mir einen Cognac genehmige. Ich muss mich beruhigen. Woher sollte ich eine solche Erklärung nehmen? So gut habe ich Jessica nicht gekannt. Gewiss, wir haben uns hin und wieder getroffen, wir haben sogar eine Zeitlang dem gleichen Bridgezirkel angehört, aber was heißt das schon? Es ist wirklich entsetzlich. Es gibt heute Abend in der Straße kein anderes Thema. Mit ihm ist die Furcht eingezogen, die Angst vor einer Wiederholung dieser Tragödie ...“
Aus dem oberen Stockwerk ertönte ein kurzes, hartes Geräusch.
„Was war das?“, fragte Bount und hob das Kinn.
„Was war was?“
„Sagten Sie nicht. Sie seien allein? Da ist jemand im Obergeschoss.“
„Ausgeschlossen. Ich kenne das schon. Dies ist ein altes Haus mit viel Holz. Es knackt und ächzt, aber wir haben uns längst daran gewöhnt.“
Bount stand auf. „Darf ich mal nachsehen?“
Er sah die jähe Blässe in Mrs. Finchs Gesicht. „Bitte“, sagte sie. „Soll ich mitkommen? Sie kennen sich im Hause nicht aus ...“
Er befand sich bereits auf dem Wege zur Tür. „Es ist besser, Sie bleiben“, entschied er. Aus der Diele führte eine läuferbelegte Treppe nach oben. Die Stufen knarrten unter seinem Gewicht. Im Haus war es jetzt totenstill, nur das Ticken einer in der Diele stehenden Fayence Uhr war zu hören.
Bount betrat die Galerie und öffnete die Tür des Zimmers, das direkt über dem Wohnraum lag und aus dem das verdächtige Geräusch gekommen sein musste.
Es war ein Schlafzimmer.
Der reichlich und luxuriös bestückte Toilettentisch und die betont feminine Einrichtung machten klar, dass hier Mrs. Finch zu schlafen pflegte. Ihr Einzelbett demonstrierte, dass das Ehepaar auf getrennte Schlafzimmer Wert legte.
Bount knipste das Licht an. Der Raum war nicht übermäßig groß. Eine offenstehende Balkontür wies in den kleinen, atriumähnlichen Hofgarten. Vor der Tür bauschten sich die Gardinen im Abendwind. Draußen verwandelte sich die Dämmerung allmählich in Dunkelheit. Man hörte das Plätschern eines kleinen Springbrunnens.
Der Raum besaß eine zweite Tür. Sie war geschlossen und führte entweder in Mr. Finchs Schlafgemach oder in ein Badezimmer. Im Raum herrschte peinliche Ordnung, nur die Flaschen, Dosen und Flakons auf dem Toilettentisch zeigten ein sympathisches Durcheinander.
Bount bewegte sich auf die zweite Tür zu. Er hatte bis jetzt nicht viel mehr als das Knacken des Lichtschalters laut werden lassen; seine Schritte wurden von dem dicken Spannteppich mühelos geschluckt.
Er riss die Tür auf und zuckte zurück, als ihn ein harter, scharfer Sprühnebel traf, eine ätzende Flüssigkeit, die ihm den Atem raubte und den Blick trübte.
Er sah nur die Konturen eines Mannes vor sich und riss instinktiv die Arme hoch. Die Rechte benutzte er zum Kontern, die Linke als Abwehr.
Er schlug ins Leere und setzte nach. Diesmal traf er.
Seine Augen tränten und ihm war zumute, als müsste er ersticken. Er kannte diese Gassprühdosen, er hatte sie schon manchen Klienten als Defensivwaffe empfohlen, aber es geschah zum ersten Male, dass er damit attackiert wurde.
Irgendetwas landete knallhart in seiner Magengrube und trug dazu bei, seine Luftzufuhr einzuengen. Er schlug wild um sich und war bemüht, den Gegner auszumachen, aber er war wie blind, er sah nichts mehr.
Ein Handkantenschlag landete auf seinem Hals und holte ihn von den Beinen. Bount sackte in die Knie, würgende Übelkeit und brennenden Zorn im Bauch. Er hatte nachgerade genug von diesem Tag und seiner Eigenschaft, ihn zum Prügelknaben zu degradieren.
Er hustete, versuchte nach seinem Gegner zu greifen und nahm erneut einen Schlag hin. Diesmal auf den Kopf. Seine Augen schmerzten, als würden sie verbrennen. Er gab es auf, kämpfen zu wollen, er musste erst diese Schmerzen loswerden, diese totale Unfähigkeit, sich zu orientieren und mit Luft und Sicht zu versorgen.
Er hörte, wie sich rasche Schritte entfernten und die Treppe hinabeilten, dann ertönte ein langgezogener, hysterisch anmutender Schrei. Er stammte von Mrs. Finch.
Bount quälte sich auf die Beine und tastete sich mit ausgestreckten Armen vorwärts. Er berührte ein Waschbecken, drehte den Wasserhahn auf, füllte seine Hände mit kühlendem Nass und spülte sich Gesicht und Augen. Irgendwo klappte eine Tür.
„Sind Sie okay?“, brüllte Bount.
Er hörte ein Wimmern aus dem Erdgeschoss, sonst nichts. Er fuhr fort, seine Augen zu spülen. Der Schmerz ließ nach, sein Blick fokussierte sich, er konnte wieder sehen und sein Gesicht plötzlich im Spiegel erkennen. Bount griff nach einem Handtuch und rieb sich flüchtig trocken, dann machte er kehrt, rannte ins Schlafzimmer und von hier nach unten ins Erdgeschoss.
Mrs. Finch lag am Fuße der Treppe und rührte sich nicht, aber als Bount sich zu ihr hinabbeugte, schlug sie seufzend die Augen auf. Bount kniff die eigenen zusammen, sie taten immer noch weh, aber was er damit sah, war keineswegs dazu angetan, seinen Beifall zu finden.
Er fand das Geschehen auf seltsame Weise theatralisch, es schien fast so, als spielte ihm die junge Frau eine Komödie vor, jedenfalls waren der vorangegangene Schrei und ihre jetzige Reaktion nicht frei vom Pathos eines Laienschauspielers.
Er half ihr auf die Beine. Sie hielt sich an ihm fest, offenbar mit schwachen Beinen, er spürte den sanften Druck ihres biegsamen Körpers und ihrer festen, jungen Brüste. Wieder hatte er das Gefühl, dass dies alles Mache war, ein Stück Schmiere, aber die Attacke des Unbekannten war real gewesen, so real wie alles andere, was ihm an diesem Tag zugestoßen war.
Er führte die junge Frau ins Wohnzimmer und ließ sie behutsam in den Sessel gleiten. „Mein Gott“, flüsterte sie und griff nach ihrem Cognacglas. „Was für ein Leben!“
Er setzte sich ihr gegenüber. „So schlecht ist es nun wirklich nicht“, stellte er fest, „vor allem dann nicht, wenn man das Glück hat, am Battery Park zu leben.“
Die junge Frau strich sich eine blonde Haarsträhne aus der Stirn. „Ich war unten in der Diele, als Sie sich in meinem Schlafzimmer umschauten“, sagte sie mit schwacher, bebender Stimme. „Plötzlich kam dieser Kerl die Treppe herabgestürmt. Er stieß mich mit der Faust um, dabei stand ich ihm nicht einmal im Wege. Mein Gott, ich werde dieses brutale Gesicht niemals vergessen! Wie ist er bloß ins Haus gekommen?“ „Über den Balkon, nehme ich an.“ „Der Hof hat nur einen einzigen Zugang – und der führt durchs Wohnzimmer“, murmelte die junge Frau. Sie nahm einen Schluck aus dem Glas.
„Das klären wir noch“, sagte Bount.
„Sie sind mir ein schöner Detektiv!“, beklagte sich die junge Frau plötzlich. „Sie stellen einen Einbrecher und lassen ihn laufen!“
„Das war kein gewöhnlicher Einbrecher“, sagte Bount.
„Wollen Sie damit sagen, dass es ein Mörder war?“, hauchte die junge Frau.
Bount lehnte sich zurück. „Es gibt ein Foto von Ihnen, das Sie auf der Treppe vor dem Haus zeigt“, sagte er. „Es muss erst kürzlich gemacht worden sein, denn die abgebildete Frisur entspricht Ihrem jetzigen Haarschnitt. Wer hat das Foto gemacht?“
Mrs. Finch sah verwirrt aus. „Lieber Himmel, ich werde häufig geknipst, vor allem von Neal. Er ist ein Fotofan. Vor dem Haus, im Haus, hinter dem Haus. Er hat immerzu den Finger am Auslöser. Ich weiß nicht, von welchem Bild Sie sprechen. Was ist damit?“
„Die Polizei wird Sie danach fragen. Die von mir erwähnte Aufnahme wurde in der Jackentasche eines Toten gefunden. Eines Ermordeten, um genau zu sein. Er heißt Alec Hamish.“
„Alec ist tot?“, stieß die junge Frau hervor.
Bount hob überrascht die Augenbrauen. „Sie kennen ihn?“
„Ja.“ Das 'ja' klang beinahe trotzig. „Alec ist nicht der Typ von Mann, der in Ihren Kreisen zu verkehren pflegt“, sagte Bount.
„Spielt das eine Rolle?“ Die Stimme blieb trotzig.
„Was band Sie an ihn?“
„Nichts. Es sei denn, seine Vulgarität ...“
„Sie waren seine Geliebte?“
„Muss ich das sagen?“
„Hören Sie, Mrs. Finch ...“
„Sie können mich Joyce nennen“, fiel ihm die junge Frau ins Wort.
„Hören Sie, Joyce“, sagte Bount. „Heute sind drei Menschen eines gewaltsamen Todes gestorben, die Sie kannten. Jessica Thorpe. Alec Hamish und Jerry Winter ...“
„Wer war Jerry Winter? Diesen Namen höre ich zum ersten Mal“, behauptete Joyce Finch.
„Okay, bleiben wir bei Jessica Thorpe und Alec Hamish“, meinte Bount. „Ich muss die Querverbindungen und Hintergründe des Verbrechens ausmachen, ich muss wissen, wie und warum Sie sich mit Alec Hamish einließen, und ich muss herausfinden, was es mit Bill Correggios Tod für eine Bewandtnis hat. Sie können mir dabei helfen. Sie müssen es sogar, sonst landen Sie am Ende selbst in Teufels Küche.“
„Correggio? Das ist schon wieder ein neuer Name“, sagte Joyce Finch verwirrt.
„Ein Syndikatsboss“, erklärte Bount und schilderte kurz, was sich seit seinem Zusammentreffen mit Jessica Thorpe, die sich ihm als Mary Smith vorgestellt hatte, an diesem turbulenten Tag ereignet hatte.
Er verzichtete aus naheliegenden Gründen darauf, Leslie Harpers Namen zu erwähnen und sprach stattdessen von einer jungen Dame der Gesellschaft. Joyce Finch hörte sich schweigend an, was er berichtete. Ihre großen, grünen Augen wichen keine Sekunde von seinem Gesicht, aber Bount bemühte sich vergebens darum, sie auf einen deutbaren Ausdruck festzulegen.
„Okay“, sagte sie. „Die Sache sieht nicht gut aus für mich. Am Ende kommt sogar heraus, dass ich mit Alec ein Verhältnis hatte ...“
„Wie ist es dazu gekommen?“
„Ganz einfach. Er sprach mich eines Tages an, auf offener Straße ...“ Joyce Finch nahm einen weiteren Schluck aus ihrem Glas. „Ich bin es gewohnt, Aufmerksamkeit zu finden“, fuhr sie fort, „aber es passiert selten, dass jemand die Courage hat, mich anzureden. Die meisten haben Angst vor einem Korb. Nicht so Alec. Er war frech und gewöhnlich. Eigentlich hätte ich ihn stehen lassen oder einem Cop überantworten sollen, aber dann bemerkte ich etwas an ihm, das mich reizte. Nennen Sie es meinetwegen pervers – aber mir gefiel seine bärenhafte Gewöhnlichkeit, seine offenkundige Brutalität. Er war so anders als die geschliffenen, gebildeten Gentlemen dieser Straße und meines Bekanntenkreises. Ich war gelangweilt. Vielleicht sogar frustriert. Ich ging mit ihm, ich habe ihm erlaubt, mit mir zu schlafen.“
„Ihr Mann weiß nichts davon?“ „Natürlich nicht“, sagte die junge Frau. „Ich hoffe, die Polizei und auch Sie werden meine Offenheit mit der gebotenen Diskretion honorieren. Ich wäre gesellschaftlich erledigt, zu mindestens in dieser Straße, wenn herauskäme, dass ich Neal mit einem kleinen Ganoven betrogen habe.“ „Wie lange währte das Verhältnis?“
„Keine drei Wochen.“
„Sie haben ihm das Foto geschenkt?“
„Bestimmt nicht. Er muss es aus meiner Handtasche stibitzt haben.“ „Was werden Sie der Polizei erzählen?“
„Die Wahrheit. Genau wie Ihnen. Ich habe nichts zu verbergen.“
„Wenn es stimmt, was Sie sagen, war Alec auf Sie angesetzt, aber das kann nur von Leuten inszeniert worden sein, die Ihre Gewohnheiten und Ihre Vorliebe für Catchertypen kennen ...“
„Durchaus möglich“, sagte Joyce Finch, keineswegs beleidigt.
„Was wollte man von Ihnen?“ „Keine Ahnung!“
„Sie sind jung und intelligent. Sie wissen, dass die Attacke auf Jessica Thorpe einen konkreten Hintergrund hatte, und dass man nicht umsonst meine Klientin und Sie zur Zielscheibe noch recht undurchsichtiger Manöver machte. Warum musste Jessica sterben? Weshalb fühlt meine Klientin sich bedroht? Und wie kommt es, dass ich einen Gangster in Ihrem Haus überraschte?“ „Ich denke darüber nach, aber ich finde keine Antwort auf diese Fragen.“
„Die Antwort heißt Alec Hamish. Was hat er von Ihnen gewollt?“
„Das wissen Sie doch. Meinen Körper!“
„Das kann nur ein Vorwand gewesen sein. Sagt Ihnen der Name Andreous etwas?“
„Nein. Oder doch! Warten Sie – ist das nicht der Name eines bekannten Großreeders?“
„Genau. Kennen Sie ihn persönlich?“
„Nein. Nur durch die Presse.“
„Über ihn ist kaum etwas in den Zeitungen zu lesen. Darauf legt er großen Wert.“



