Mörder sind keine Engel: 7 Strand Krimis

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Bount warf einen kurzen Blick über seine Schulter. Auch der zweite Typ machte nicht den Eindruck, als ob man sich mit ihm gütlich einigen könnte. Er war knapp über die 30 und hatte die platte Nase eines Mannes, der stolz darauf ist, als Schlägertyp eingestuft zu werden.
Bount machte einen raschen Schritt zur Seite und kehrte seinen Rücken zur Wand. Die beiden Männer grinsten. Der Plattnasige baute sich vor der Tür auf und schnitt Bount den Fluchtweg ab. aber Bount hatte keineswegs die Absicht, vor den Männern zu türmen.
„Wir sind Ihre Freunde, Meister“, sagte der Mann, der den Schreibtisch verlassen hatte. Er war ebenfalls um die 30 und hatte ein schmales Gesicht mit einem Menjoubärtchen. Seine fadenscheinige Eleganz und die Art, wie er sich bewegte, ließen ihn noch unsympathischer erscheinen als den Mann mit der Schlägernase.
„Das höre ich gern“, sagte Bount und spannte die Muskeln. Er wusste, dass es Ärger geben würde, sogar großen Ärger, und war entschlossen, daraus die Konsequenzen zu ziehen. Gegen Gangster dieses Schlages empfahl es sich nicht, die Regeln der Fairness zu achten. Hier ging es um Sieg oder Vernichtung, und gewinnen konnte nur derjenige, der schneller, härter und brutaler handelte als der Gegner.
Der Mann blieb stehen, auf wippenden Füßen. „Zur Freundschaft gehört es auch, einprägsame Lektionen zu erteilen – schließlich sind sie das beste Mittel, die beabsichtigte Wirkung zu erzielen“, höhnte der Mann, „es ist wie mit einem Vater, der den Sohn schlägt – gewissermaßen aus Liebe“, fügte er hinzu.
„Mir kommen gleich die Tränen“, sagte Bount und schnellte nach vorn. Seine Faust explodierte wie ein Schuss aus der Hüfte. Sie traf den Solarplexus seines Gegners. Der ging in die Knie. Bount wirbelte herum, gerade rechtzeitig, denn der Schlägertyp hatte sich nicht damit aufgehalten, eine Schrecksekunde zu vergeuden. Er griff mit beiden Fäusten an.
Bount traf sofort ins Schwarze, aber der Plattnasige zeigte keine Wirkung, allenfalls die, dass er wütend schnaufte und die Wucht seiner Schläge steigerte. Es kam, wie Bount es erwartet hatte. Bevorzugtes Ziel der Schlägerfäuste war die Zone unterhalb der Gürtellinie.
Bount blockte die Attacken seines Gegners ab, so gut es ging und schaffte es binnen weniger Sekunden, aus der Defensive in die Offensive zu gehen. Jetzt war der Plattnasige gezwungen, sich zu verteidigen, sichtlich verblüfft, denn er war es offenbar gewohnt, in einer solchen Situation das Geschehen zu diktieren.
Bount setzte ihm erneut die Rechte auf den Punkt. Der Mann mit der flachen Nase wankte, aber seine Fäuste hörten nicht auf, zu wirbeln. Es schien fast so, als könnte ihn nichts und niemand von den Beinen holen. Seine Treffer blieben brandgefährlich und verloren nur wenig von ihrer Brisanz.
Der Gangster mit dem Menjoubärtchen quälte sich auf die Beine. Er ächzte laut, rieb sich den Magen und lehnte sich gegen die Wand. Bount kämpfte weiter, beinahe verzweifelt. Er hatte gehofft, den Plattnasigen erledigen zu können, ehe dessen Komplize erneut in den Kampf einzugreifen vermochte, aber es sah nicht so aus, als ob diese Rechnung aufgehen würde.
Der Mann mit dem Menjoubärtchen stieß sich von der Wand ab, torkelte zum Schreibtisch, riss die dort befestigte Schwenklampe ab und kam zurück, sichtlich entschlossen, das Stahlgerüst mit dem scharfkantigen Kopf als Schlagwaffe zu benutzen.
Bount landete einen Karateschlag. Der brachte endlich die erwünschte Wirkung. Der Plattnasige fiel um, kam aber gleich wieder auf die Beine. Noch ehe er erneut in den Kampf eingreifen konnte, zischte der Lampenkopf durch die Luft. Bount wich mit einem Sidestep aus und konterte mit einem linken Haken. Der Gangster nahm ihn hin und holte erneut aus.
Obwohl es in dieser Situation keine Zeit für Überlegungen gab, wunderte sich Bount, dass seine Besucher darauf verzichteten, mit wirkungsvolleren Waffen zu operieren. Sie sahen nicht aus wie Männer, die nur ihre Fäuste zu handhaben wussten.
Bount setzte nach, konnte aber nicht vermeiden, dass die Lampe ihn plötzlich am Kopf traf. Es tat höllisch weh.
..Stop!“, sagte der Plattnasige.
Er hielt eine Pistole in der Hand, sie war auf Bount gerichtet. Der holte tief Luft und fragte sich, warum die Gangster erst jetzt von dieser Möglichkeit Gebrauch machten. Offenbar waren sie der Ansicht gewesen, auch ohne Handfeuerwaffen zum Ziel zu kommen, doch diese Meinung hatten sie revidieren müssen.
„Setz dich, Schnüffler“, herrschte der Plattnasige ihn an.
Bount gehorchte. Es war sinnlos, gegen eine tödliche Waffe kämpfen zu wollen, eine Einladung zum Selbstmord. Der Plattnasige grinste. „Das ist schön“, höhnte er. „Wirklich brav! Gib ihm die Massage, Bud. Er hat sie bitter nötig.“
Der Mann mit dem Menjoubärtchen ließ die Lampe aus der Hand fallen und baute sich neben Bount auf. Dann schlug er zu, hart und gezielt. Bount schloss die Augen. Er hatte keine Wahl. Er musste hinnehmen, was der Gangster abfeuerte, und das war nicht wenig.
Der Gangster legte seine ganze Kraft in die Schläge. Es bereitete ihm ein sadistisches Vergnügen, zuzuschlagen, ohne mit Gegenwehr rechnen zu müssen. Bounts Kopf flog hin und her. Es schmeckte Blut und spürte, wie seine Haut riss. Die Schmerzen nahmen zu, er drohte an seinem Zorn fast zu ersticken, aber gleichzeitig dachte er an June und daran, was sie in diesem Moment wohl tun mochte. War sie von den Gangstern gekidnappt worden, oder hatten sie sich damit zufriedengegeben, das Mädchen gefesselt in dem angrenzenden Apartment abzulegen?
Aber möglicherweise war June auch längst zu Hause und wusste nicht, was hier gespielt wurde. Wamm! Vor Bounts Augen tanzten Sterne. Er kämpfte gegen den Hass, den Schmerz und die aufkommende Bewusstlosigkeit, er wollte nicht ohnmächtig werden, selbst wenn diese Entwicklung eine vorübergehende Pause bedeutete, ein Abschiednehmen von Qual, Schmerzen und Demütigung.
Der Mann stoppte. Er rieb sich die weiß und spitz hervorstehenden Knöchel seiner Faust. An einigen klebte Blut. „Du hättest dich nicht wehren sollen, Schnüffler“, sagte er. „Nicht gegen uns. Wir sind ein Team. Hart und unschlagbar. Das weißt du jetzt. Sag, dass du es weißt!“
Bount schwieg.
Der Mann mit dem Menjoubärtchen schlug so hart zu, dass Bounts Ohren zu summen begannen und er Mühe hatte, die nächsten Worte seines Peinigers zu verstehen.
„Wir hätten dein Flittchen mitgehen lassen können, Miss March, aber wir wollen vorerst auf einschneidendere Maßnahmen verzichten. Wir wollen dich nur warnen. Es wird schlimmer, sehr viel schlimmer kommen, wenn du nicht aufhörst, dich um den Fall Thorpe zu kümmern. Mit allem, was so dazu gehört. Verstehen wir uns?“
Bount starrte ins Leere. Er hatte Angst davor, in den Spiegel zu blicken. Vermutlich war sein Kopf auf dem besten Weg, das Aussehen einer Kartoffel anzunehmen. Einer Kartoffel mit Ketchupsoße.
„Du wirst spuren, nicht wahr?“, fragte der Mann mit dem Menjoubärtchen.
„Komm“, sagte der andere und steckte seine Pistole ein. „Der hat begriffen.“
„Wenn nicht, kommen wir wieder, aber dann geht’s weniger harmlos zu“, drohte der Mann mit dem Menjoubärtchen. Er zog ein Taschentuch aus der Hose und wischte das Blut von seinen Knöcheln. Dann gingen die Männer hinaus. Bount stemmte sich hoch. Er musste sich einen Moment an der Stuhllehne festhalten, in seinen Knien bebte ein Gefühl der Schwäche. Er betrat sein Apartment. Dort lag June auf der Couch, gefesselt und geknebelt. Bount band sie los. Der Zorn in ihm wuchs, aber er verlor seinen Charakter. Vorher war er heiß und impulsiv gewesen, jetzt zeigte er sich eher kalt, wie tiefgefroren. Bount wusste, dass er dieses Gefühl konservieren würde, bis sich ein Ventil fand – die Bestrafung der Gangster.
„Mein Gott, Bount“, stieß June hervor. „Diese Bestien! Wie sehen Sie bloß aus? Legen Sie sich hin, ich besorge Watte, Wasser und Jod.“
Er streifte das Jackett ab, bettete sich auf die Couch und ließ sich von Junes sanften, geschickten Händen behandeln.
June tupfte ihm behutsam das Blut ab. Er schloss die Augen und fragte sich, was besser war: die kühlende Wirkung des Wassers oder Junes sanfte, bewegliche Finger. Seine Unterlippe war aufgeplatzt, er merkte, wie sie langsam anschwoll.
„Was haben diese Gangster von Ihnen gewollt?“, erkundigte sich June.
„Ich soll den Fall Thorpe hinschmeißen. Vermutlich steckt Andreous dahinter. Er hat den Strudel angerührt und muss jetzt vermeiden, von ihm erfasst zu werden.“
Es klopfte an der Tür. June schreckte hoch. Auch Bount schwang die Füße auf den Boden. „Wer ist da?“, rief er.
Die Tür öffnete sich. „Darf ich eintreten?“, fragte der Mann, der sich im Türrahmen zeigte.
Es war James Thorpe.
„Der Zugang stand offen, im Büro brannte Licht, aber nirgendwo war ein Mensch zu sehen“, entschuldigte sich der Besucher. „Ich bin einfach von einem Raum in den anderen gegangen ...“
„Wie Sie sehen können, hatte ich etwas Ärger“, meinte Bount und stand auf. Er gab dem Besucher die Hand. „Lassen Sie uns nach nebenan gehen, bitte.“ Er wandte sich an June. „Vielen Dank. Wenn Sie das Maß Ihrer Güte vollzumachen wünschen, können Sie mir ein Steak in die Pfanne hauen – ich habe seit dem Frühstück keinen Bissen mehr zu mir genommen.“
Das Reden fiel ihm durch die anschwellende Lippe zunehmend schwerer, aber er war es gewohnt, mit derlei Blessuren zu leben.
Sie nahmen im Office Platz, nachdem Bount die zerbrochene Lampe aufgehoben und beiseitegelegt hatte. „Waren Sanders und Kelly bei Ihnen?“, fragte James Thorpe.
„Die Männer sind Ihnen begegnet?“
„Sie kamen durch die Halle, als ich das Haus betreten wollte“, sagte Thorpe. „Ich habe mich rasch abgewandt, um von ihnen nicht bemerkt zu werden.“
„Wie heißt der Plattnasige?“
„Kelly. Der Mann mit dem Bärtchen heißt Sanders. Sie arbeiten für Andreous. Sie sind seine Bodyguards.“
„Woher kennen Sie die beiden?“, wunderte sich Bount.
James Thorpe lehnte sich zurück. „Gestatten Sie, dass ich rauche? Ich muss Ihnen ein Geständnis machen“, sagte er. „Ich bin schuld an Jessicas Tod.“
Bount beugte sich mit einem Ruck nach vorn. „Wie bitte?“, fragte er.
„Sie haben mich richtig verstanden. Natürlich habe ich meine Frau nicht vergiftet, aber ich habe es zugelassen, dass sie auf diesen Weg geriet, den Weg in den Abgrund, in den Tod. Zugegeben, ich habe das nicht gewollt und auch nicht vorausgesehen, sonst hätte ich mich anders verhalten, aber wenn ich das Ganze rückblickend nüchtern und selbstkritisch werte, sehe ich glasklar, dass alles anders gekommen wäre, wenn ich Jessica glücklich gemacht hätte. Aber ich dachte immer nur an das Geschäft, die Bank, meine Karriere, den Erfolg. Für Privates blieb dabei wenig Zeit. Ist es da ein Wunder, dass Jessica Zerstreuung suchte und auf dumme Gedanken kam?“
„Sie wussten, dass sie ein Verhältnis mit Andreous hatte?“, fragte Bount.
„Selbstverständlich wusste ich es. Ich habe mit Jessica niemals darüber gesprochen. Wir behandelten das Ganze wie eines der vielen Tabus, die in unseren Kreisen üblich sind. Ich ließ sie gewähren und erkaufte mir dafür Rückenfreiheit für meine geschäftlichen Interessen.“
„Davon haben Sie mir nichts gesagt.“
„Ich weiß. Ich habe Sie belogen. Das war dumm, aber Sie müssen sich in meine Lage versetzen. Es ist schlimm genug für mich, Jessica auf so schreckliche Weise verloren zu haben. Ich wollte das Ganze nicht noch schlimmer machen, indem ich Jessica als untreue Ehefrau und mich als gehörnten Ehemann darstellte, deshalb blieb ich dem Klischee treu – ich sagte das, was die anderen sehen sollten, ich versuchte die Fassade zu erhalten, die Jessica und ich uns erbaut hatten.“
„Wussten Sie, welche Rolle Latham in Jessicas Leben spielte?“, fragte Bount.
James Thorpe sah verblüfft aus. „Latham? Nein. Wer ist das, bitte?“ „Einer von Correggios Leuten. Möglicherweise sein Mörder, ganz bestimmt aber ein Mittäter.“
James Thorpe befeuchtete sich die Lippen mit der Zungenspitze. „Was ist geschehen?“, fragte er. „Sind Sie inzwischen fündig geworden?“
Bount nickte und berichtete, was er erlebt und herausgefunden hatte. Er ließ nichts aus. James Thorpes Gesicht zeigte keine Gefühlsregung, nur sein Blick wurde seltsam starr. James Thorpe schwieg, nachdem Bount zu Ende gekommen war. Bount spürte, dass es seinen Besucher einige Mühe kostete, das Gehörte mit seinen Ungeheuerlichkeiten zu verdauen.
James Thorpe drückte seine Zigarette aus. Er machte plötzlich einen sehr müden, abgeschlafften Eindruck. „Als ich begriff, wie dumm ich Ihnen gegenüber gehandelt hatte, wollte ich mein Gewissen erleichtern“, sagte er. Es klang mechanisch, fast so, als sei er nicht bei der Sache. „Ich versuchte, Sie telefonisch zu erreichen, immer wieder. Als das nicht klappte, machte ich mich schließlich auf dem Weg nach hier, ungeachtet der späten Stunde. Ich muss jetzt nach Hause. Ich muss verdauen, was ich gehört habe.“
„Einen Moment noch. Haben Sie eine Ahnung, wo Sanders und Kelly wohnen?“
„Nein, aber es kann nicht schwer sein, über Andreous an sie heranzukommen. Ich bin jedenfalls bereit, zu bezeugen, dass sie bei Ihnen waren.“ Er erhob sich und ging zur Tür. Dort blieb er stehen und wandte sich nochmals Bount zu. „Sie brauchen mir keine Rechnung zu schicken“, sagte er. „Ich überweise Ihnen einen Betrag, der Ihrem Erfolg gerecht werden wird.“
„Danke“, sagte Bount, „aber es wird keinen Erfolg geben, wenn es uns nicht gelingt, Andreous‘ Schuld zu beweisen. Sie müssen mir dabei helfen.“
„Wie stellen Sie sich das vor?“
„Gibt es im Nachlass Ihrer Frau Briefe, Notizen oder andere Hinweise, die meiner Arbeit frische Impulse geben könnten?“, fragte Bount.
„Ich bezweifle es“, meinte James Thorpe. „Ich kann nur bestätigen, dass sie die Geliebte des Reeders war.“
„Es wird einen Versuch des Reeders geben, Ihnen daraus einen Strick zu drehen.“
„Wieso?“
„Er könnte Jessicas Ermordung als ein Eifersuchtsdrama hinzustellen versuchen, als den Racheakt des betrogenen Ehemannes.“
„Lieber Himmel, daran habe ich noch gar nicht gedacht“, sagte James Thorpe.
„Andreous wird daran denken“, versicherte Bount. „Verlassen Sie sich darauf!“



14

Lenny Burkhart war ein schwergewichtiger Mann. Er liebte es, wenn man ihn als Feinschmecker einstufte, und gab sich alle Mühe, diesem Ruf gerecht zu werden.
Er aß gern und viel, vor allem aber gut, und er war stolz darauf, jedes kleine italienische Restaurant zu kennen, in dem für wenig Geld delikate Spezialitäten zu haben waren. Aber als er ,Gulios‘ in Brooklyns Clinton Street betrat, kam er nicht, um seinen Gaumen zu verwöhnen, sondern um zu töten.
Man kannte ihn hier. ‚Guilios' war ein kleiner Familienbetrieb mit knapp zwei Dutzend Tischen, von denen die meisten zu beiden Seiten des langen Korridors angeordnet waren. Weder der Inhaber noch seine Angehörigen würden es wagen, als Zeugen gegen ihn. Lenny Burkhart, Front zu machen. Sie wussten, dass das ihr sicheres Ende bedeutet haben würde.
Schließlich war er Bill Correggios Vollstrecker.
Bill war tot, aber das Syndikat blieb, und damit blieb auch das erhalten, wovon er seit langem lebte: das Auslöschen von Menschenleben, die die Organisation verraten hatten oder ihr zu schaden versuchten.
Die Großfamilie hatte ihr Urteil gefällt, Latham und Brother waren schuldig gesprochen worden. Sie mussten sterben.
Latham blieb der Bissen im Halse stecken, als er plötzlich Lenny Burkhart am Tisch stehen sah. Dennis Brother sah das Erschrecken im Gesicht seines Gegenübers und wandte den Kopf. Beide Männer starrten schweigend in Burkharts von einer dunklen Sonnenbrille verdeckte Augen.
Der grinste. Latham und Brother hielten ihre Bestecke in den Händen. Selbst wenn sie es gewohnt waren, mit blitzschnellen Reaktionen zu glänzen, konnten sie in dieser Situation nichts anderes tun, als zu passen oder auf einen guten Ausgang zu hoffen. Er, Lenny, behielt die rechte Hand in der Jackentasche. Seine Finger umspannten den kantigen Griff einer 38er Automatic.
Latham fing sich zuerst. Er grinste, wenn auch nicht ohne Mühe. „Hallo, Lenny“, sagte er. „Es überrascht mich nicht, dich hier zu treffen. Willst du dir mal wieder den Wanst vollschlagen?“
„Ich habe schon gegessen“, erwiderte Lenny Burkhart träge. „Nur eine Kleinigkeit. Bills Ende hat mir den Appetit verdorben.“
Er merkte, wie es im Lokal still wurde. Zwei Pärchen erhoben sich hastig und strebten dem Ausgang zu. Sie zahlten am Tresen. Es schien, als hätten die Gäste eine besondere Antenne für das, was bevorstand. Die einen blieben wie gelähmt an ihrem Tisch sitzen, die anderen flüchteten.
Lenny Burkhart kümmerte sich nicht darum. Er wusste, welche Leute dieses Lokal besuchten. Die meisten stammten aus der Nachbarschaft und hatten gelernt, die Mafiagesetze dieser Stadt zu respektieren: nichts hören, nichts sehen, nichts sagen.
„Ja, es ist schrecklich, aber wir wissen ja, wer’s getan hat“, sagte Brother mit seiner heiseren, brüchig wirkenden Stimme. „Er wird bekommen, was er verdient.“
„Schade, dass ich nicht zugegen war“, sagte Burkhart sanft. „Mir wäre das nicht passiert.“
„Du spinnst“, sagte Latham rüde. „Reiniger ist ein Mann, dem sowas nicht zuzutrauen war. Wir konnten nicht ahnen, was passieren würde.“
„Es ist aber passiert“, sagte Burkhart.
„Willst du dich nicht setzen?“, fragte Latham, der immer noch kaute, wenn auch nur sehr langsam, als würgte er an einem Stück zähem, sehnigen Fleisch.
„Ich hab’ nicht viel Zeit, weißt du“, sagte Burkhart und zog die Automatik aus der Tasche. „Ich will nur ein paar dreckige Verräter erledigen und dann schlafen gehen. Ich werde gut schlafen, verlasst euch darauf.“
Dennis Brother und Clark Latham starrten in die Waffenmündung, als sähen sie so etwas zum ersten Male.
Plötzlich warf Brother sein Besteck beiseite. Seine Rechte zuckte ins Innere seines Jacketts, kam aber nicht mehr dazu, den in der Schulterhalfter steckenden Revolver zu berühren.
Lenny Burkhart zog durch.
Er war ein guter Schütze, von dem es hieß, dass er aus der Hüfte ins Schwarze treffen konnte. Er bewies, dass dies stimmte.
Er schoss zuerst auf Brother, dann auf Latham, dann wiederholte er diese Reihenfolge, bis er das Magazin leergefeuert hatte.
Brothers Kopf fiel auf die vor ihm stehende Pizza, sein Blut vermengte sich mit dem Rot der geschmorten Tomaten. Latham kippte zur Seite und wurde nur von dem Tisch daran gehindert, von der gepolsterten Sitzbank zu rutschen.
Burkhart steckte die Pistole ein.
Er ging zum Ausgang, ohne Eile. Ein Kellner wich devot vor ihm zurück.
„Danke“, sagte Burkhart höflich und verließ das Lokal.



15

Sie hatte Lust, sich zu betrinken, aber sie wusste, dass sie sich das nicht leisten konnte. Sie war hundemüde, die Vernehmungen hatten sie ebenso erschöpft wie die Risiken, die plötzlich an allen Ecken und Enden lauerten, aber sie fühlte sich trotzdem auf seltsame Weise unverwundbar. Sie war für die anderen immer noch Joyce Finch, eine Dame der Gesellschaft, eine junge Schönheit mit erstklassiger Adresse, eine Lady vom Battery Park.
Zugegeben, der Captain glaubte ihr kein Wort, das hatte sie gespürt, aber er hatte dem Haftrichter gegenüber eher zurückhaltend taktiert und nicht darauf bestanden, sie einzulochen.
Wer weinte schon um Bruce Copper? Und wer um Jessica?
Eine Ratte war vernichtet worden, das war alles. Natürlich waren Folgeerscheinungen zu erwarten, aber die ließen sich managen, wenn man nur den Nerv hatte, das Geschehen im Griff zu behalten. Und diesen Nerv hatte sie! Jessica war tot, und Leslie hatte versagt, aber sie, Joyce Finch, war entschlossen, einigermaßen ungeschoren aus dem Tohuwabohu herauszubekommen, sie hatte jedenfalls bewiesen, dass sie nichts umwerfen konnte.
Ohne Zweifel war es ein Fehler gewesen, Bount Reiniger mit den Details zu versorgen, die er noch nicht gewusst hatte, aber das war eher ein taktisches Versagen gewesen, entstanden aus der Hoffnung, den Detektiv durch rückhaltlose Offenheit für sich gewinnen zu können.
Zum Glück klang die Geschichte so haarsträubend, dass sie am Ende für Reiniger zum Bumerang werden konnte: Niemand würde ihm glauben, und ein paar fixe Jungens von der Presse würden ihm sicherlich unterstellen, das Ganze nur erfunden zu haben, um sich von einer drohenden Mordanklage befreien zu können.
Reiniger befand sich immer noch in der Defensive. Auch wenn Latham und Brother keine Zeugen waren, auf die die Anklage stolz sein konnte, waren sie juristisch eindeutig ihrem Gegner überlegen.
Es war fast Morgen, als Joyce Finch schlafen ging. Sie nahm vorher den Telefonhörer ab, weil sie keine Lust verspürte, vom Klingeln des Apparates gestört zu werden. Als sie sich hinlegte, musste sie daran denken, welches Gesicht Bruce Copper gezogen hatte, als die Waffe in ihrer Hand ihm den Tod signalisiert hatte. Joyce Finch lächelte, grimmig und zufrieden.
Sie erwachte gegen elf Uhr morgens und hörte, dass das Mädchen im Haus war. Mary besaß einen Schlüssel, sie schlief außerhalb und arbeitete täglich von acht bis sechzehn Uhr. Joyce Finch legte den Hörer auf die Gabel zurück und widmete sich ihrer Toilette, danach bat sie Mary darum, das übliche Frühstück zu servieren.
Joyce Finch las die Zeitungen, die Mary ihr bereitgelegt hatte. Correggios Tod hatte für dicke Schlagzeilen gesorgt, während Jessicas Ende nur mit wenigen Zeilen auf den hinteren Seiten kommentiert wurde. Die große Stadt war mit dem großen Morden vertraut und hatte gelernt, ihre Bedeutung nach dem Wertmesser der Verkäuflichkeit einzuordnen.
Joyce Finch verließ das Haus gegen zwölf Uhr dreißig. Sie ging zu der nahen Tiefgarage, in der sie ihren Lancia abgestellt hatte, dann fuhr sie hinaus nach Hillcrest, wo sie gegen dreizehn Uhr vierzig eintraf.
Sie wusste, dass dies keine Besuchszeit war, aber sie hatte nicht die Absicht, in ihrer jetzigen Lage auf Fragen der Etikette zu achten.
Unterwegs hatte sie mehrere Umwege gemacht und sich vergewissert, dass ihr niemand folgte. Als sie auf den Knopf am Portal des Grundstücks Harpers Lane 13 drückte, suchte ihr Blick vergeblich nach einem Namensschild. Konstantin Andreous bewies auch mit diesem Detail, wie wenig er es schätzte, gekannt, begafft oder gar besucht zu werden. Wen er zu sehen wünschte, rief er zu sich, alle anderen taten gut daran, sich seiner Kontaktscheu zu beugen.



