Mörder sind keine Engel: 7 Strand Krimis

- -
- 100%
- +
„Ja, bitte?“, tönte es aus der Sprechanlage.
„Joyce Finch. Melden Sie mich bitte Mr. Andreous“, sagte die junge Frau.
„Haben Sie einen Termin?“
„Nennen Sie ihm meinen Namen“, sagte Joyce Finch. „Das wird genügen.“
„Moment, bitte.“
Eine Minute später glitt das hohe, schmiedeeiserne Portal fast geräuschlos zur Seite. Joyce Finch kletterte in ihren Wagen und fuhr durch den weitläufigen Park bis vor das große, im Kolonialstil erbaute Haus, dem unschwer anzusehen war, dass es mindestens drei Dutzend Zimmer beherbergte.
Am Eingang des Hauses empfing sie ein Butler. Er führte sie durch eine kühle, riesengroße Halle in ein Arbeitszimmer, dessen Wände deckenhoch mit dicht gefüllten Buchregalen bestückt waren.
Andreous befand sich nicht im Raum, betrat ihn jedoch durch eine Seitentür, als Joyce Finch sich anschickte, einige alte Gemälde zu betrachten, die über dem Kamin hingen.
Konstantin Andreous sah nicht aus wie ein Reeder, zumindest nicht so, wie sich der Durchschnittsbürger einen Mann seiner kommerziellen Statur vorstellen mochte. Er war hochgewachsen und trotzdem bullig, was durch einen etwas kurz geratenen Hals zustande kam, er trug einen schlichten grauen Flanellanzug und hatte ein rundes, glattrasiertes Gesicht mit schütterem Haar und farblosen Augenbrauen. Die Augen waren steingrau, irgendwie flach, wie die eines Fisches.
Er wies auf einen Sessel. „Bitte, Madame.“
Sie setzten sich. Joyce Finch legte die wohlgeformten Beine übereinander und registrierte, dass ihre Gehwerkzeuge von Andreous mit einem prüfenden, fast lüsternen Blick bedacht wurden. „Sie wollten mich umbringen lassen“, kam Joyce Finch geradewegs zur Sache.
Andreous lächelte. „Aber Madame!“
„Das Foto in Hamishs Anzug beweist es.“
„Ich kenne keinen Hamish.“
„Ich habe nicht erwartet, dass Sie sofort die Karten auf den Tisch legen“, sagte Joyce Finch. „Reden wir ganz offen miteinander. In gewisser Weise sind wir quitt. Jetzt geht es darum, zu retten, was noch zu retten ist.“
„Was meinen Sie damit?“
„Ich habe den Mann erledigt, der Ihre Killer tötete“, sagte Joyce Finch. „Sie haben Jessica auf dem Gewissen. In gewisser Weise auch Correggio. Ich weiß, wie alles gekommen ist.“
„Nämlich?“
„Sehen Sie, als es Ihnen gelang, Jessica glauben zu machen, dass Correggio hinter ihre Verschwörung gekommen sei, hatten Leslie und ich unsere Zweifel an dieser Entwicklung. Wir hielten es trotz aller von Ihnen gelieferten Beweise durchaus für denkbar, dass Sie selbst daran interessiert waren, Jessica aus dem Verkehr zu ziehen. Wir brachten Jessica dazu, uns mit Details zu versorgen, gleichsam mit Munition, die dem Zweck dienen sollte. Ihnen notfalls Paroli zu bieten.“
„Ich verstehe kein Wort“, sagte Andreous.
„Jessica war lange Zeit Ihre Vertraute, eine Frau, die aus dem Bankgeschäft stammte und auf deren Rat Sie hörten“, sagte Joyce Finch. „Sie hat nicht nur Latham mit Informationen versorgt, sie hat auch ein paar Fotokopien für uns hinterlassen – für Leslie und mich.“
„In der Tat?“
„Ja. Diese Papiere beweisen, dass Sie mit Correggio krumme Geschäfte gemacht und den Fiskus um ein paar Millionen Dollar betrogen haben. Sie beweisen auch, weshalb Ihnen daran gelegen sein musste, Jessica zu töten, als sie auf den Gedanken gekommen war, sich über Latham Ihrem Geldgeber Correggio mitzuteilen.“
„Kann ich die Kopien einmal sehen?“
„Eine Kopie der Kopie habe ich mitgebracht“, sagte Joyce und öffnete ihre Handtasche. Sie stutzte. „Was ist denn das?“, hauchte sie und brachte eine flache, schwarze Metallkapsel ans Tageslicht.
Andreous sprang auf. Er riss ihr die Kapsel aus der Hand, warf sie zu Boden und zerstampfte sie mit den Füßen. „Ein Minispion“, keuchte er. „Eine Kombination von Mikrofon, Verstärker und Sender! Woher haben Sie das Ding? Wer hört mit?“
„Ich bitte Sie, ich habe wirklich keine Ahnung, wie das Ding in meine Tasche gekommen sein könnte“, sagte Joyce Finch erregt. „Es sei denn ...“
„Nun?“
„Ich bin bis in die frühen Morgenstunden verhört worden“, sagte Joyce Finch. „Das hat mich ganz schön geschafft. Jemand muss mir dabei dieses Mistding in die Handtasche gezaubert haben.“
„Das wäre ungesetzlich“, sagte Andreous, der es endlich geschafft hatte, den Minispion am Boden zu zerstören.
„Ungesetzlich?“ Joyce Finchs Stimme war ein wütendes Schnarren. „Darum kümmern die sich doch einen feuchten Schmutz! Die wollen nur den Erfolg, um jeden Preis.“
„Den wollen wir alle“, sagte Andreous und setzte sich. „Die Kopien müssen vernichtet werden, und zwar schnellstens.“
„Das erledige ich – vorausgesetzt, dass ich entsprechende Garantien von Ihnen erhalte und dass Sie mir versprechen, Bount Reiniger und Leslie Harper auszuschalten.“
„Bount Reiniger habe ich fest im Griff, der dürfte die ihm erteilte Lektion verstanden haben“, sagte Andreous, „aber was ist mit Leslie?“
„Sie stellte sich mir in den Weg, als ich Reiniger fertigmachen wollte. Ich habe sie niedergeschossen. Sie könnte auf den Gedanken kommen, sich rächen zu müssen. Sie weiß so viel wie ich.“
Die Tür wurde aufgestoßen. Ein paar Männer traten über die Schwelle. Zwei von ihnen trugen Uniform und hielten ihre Dienstwaffen in den Händen, die anderen beiden waren in Zivil.
„Captain Rogers“, sagte einer der Zivilisten. „Dies ist mein Freund Bount Reiniger. Ihnen, Mrs. Finch, brauchen wir uns ja nicht vorzustellen.“
Joyce Finch erhob sich. Sie begann plötzlich zu zittern. Sie wusste, dass es aus war.
Aus und vorbei. Sie blickte hilfesuchend auf Konstantin Andreous. Der erhob sich seltsam langsam und schwerfällig, als sei er sich plötzlich seines Alters und der Last jener Verbrechen bewusst geworden, für die er verantwortlich zeichnete.
„Ich sage kein Wort, ohne vorher meinen Anwalt konsultiert zu haben“, erklärte er spröde.
Bount nahm Joyce Finch die Handtasche ab.
„Das Ganze war meine Idee“, sagte er. „Mir und Captain Rogers war klar, dass Sie versuchen würden, mit Andreous Kontakt aufzunehmen. Wir konnten darauf verzichten, Ihnen mit dem Wagen zu folgen. Es genügte, hier draußen auf Sie zu warten und im richtigen Moment in das Haus einzudringen. Den Anfang Ihres Gespräches mit Mr. Andreous haben wir selbstverständlich über den Minispion mitgehört.“ Er entnahm der Handtasche eine zusammengefaltete Fotokopie und überreichte sie dem Captain. „Verstehen Sie etwas davon?“, fragte er.
Toby Rogers schüttelte den Kopf. „Das ist etwas für unsere Wirtschaftsexperten“, sagte er. „Ich kümmere mich nur um mein Geschäft, und das besteht nach wie vor darin. Killern das Handwerk zu legen.“
Joyce Finch streckte den Männern mit trotziger Miene die Arme entgegen. „Wollen Sie mir keine Handschellen anlegen?“, fragte sie.
Captain Rogers verzog keine Miene. „Mit Ihnen werden wir auch so fertig“, sagte er.



16

Lenny Burkhart konnte wegen der Ermordung von Dennis Brother und Clark Latham nicht zur Rechenschaft gezogen werden. Obwohl es ein Dutzend Hinweise auf seine mutmaßliche Täterschaft gab, war kein Zeuge bereit, die Anklage zu stützen.
Lenny Burkhart fand kaum Zeit, sich seines Triumphes zu erfreuen. Eine Woche später wurde er das Opfer einer Messerstecherei, weil man ihn verdächtigt hatte, beim Pokern mit gezinkten Karten gespielt zu haben. Die Summe, um die es ging, betrug neun Dollar.
Das Correggio-Syndikat wurde nahtlos weitergeführt. Die Großfamilie der Mafia sorgte auf diskrete, sehr effiziente Weise für eine Neuverteilung der Bezirke und Interessen, das .Personal' wurde übernommen.
Leslie Harper zeigte sich bereit, gegen Joyce Finch auszusagen und Konstantin Andreous trug es mit Fassung, ein Opfer dieser Aussage zu werden.
Joyce Finch wurde im Gefängnis zur grauen Maus, zu einem verbitterten, von ihren Mitgefangenen gemiedenen Wesen, das nicht verwinden konnte, ihre glänzende Mittelpunktrolle verloren zu haben.
James Thorpe blieb, was er immer gewesen war: der tüchtige Bankmanager, der um seine Verantwortung wusste und bereit war, sie auszudehnen.
Vier Monate nach Jessicas Tod heiratete er ein junges, schönes Mädchen aus gutem Hause und schwor sich, sie glücklich zu machen.
Seine Freunde behaupten, er sei damit gescheitert, jedenfalls begann seine enttäuschte, attraktive Frau schon bald, sich nach Zerstreuung umzusehen.
James Thorpe versucht, diese Tatsache zu ignorieren, aber er befürchtet, eines Tages wieder die Dienste von Bount Reiniger in Anspruch nehmen zu müssen.
ENDE



Anita Berber - eine Todesgöttin?

Krimi von Tomos Forrest
Fräulein Dr. Dorothee Keller & Thomas E. Faust ermitteln
––––––––

Klappentext:
Das hat es in der langen Familiengeschichte der Fausts noch nicht gegeben: Seit dem 19. Jahrhundert werden die männlichen Mitglieder Polizisten in Braunschweig und es war der erste Thomas Faust, der zusammen mit Sherlock Holmes einen hochpolitischen Fall löste und auch den Mordanschlag auf den Fußballpionier Konrad Koch aufdeckte. Jetzt, in den Zwanzigerjahren des 20. Jahrhunderts, sind drei dieser Namensträger noch aktiv. Da ist zum einen der Großvater, der, fast hundertjährig, noch regen Anteil an den Verbrechen seiner Heimatstadt nimmt sowie der ehemalige Polizeipräsident und dessen aktiver Sohn Thomas E. Faust.
Die aus Chicago nach Braunschweig übergesiedelte Dr. Dorothee Keller verblüfft jedoch alle Generationen nicht nur mit ihren außergewöhnlichen Methoden und ihrem Wissen bei der Aufklärung von Verbrechen. Man stelle sich vor: Eine Frau mit einem Bubikopf-Haarschnitt und in Hosen!
Und gemeinsam machen sie sich daran, einen in aller Öffentlichkeit verübten Mord aufzuklären ...
***

Copyright
Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker
© Roman by Author
© Cover: Kathrin Peschel, 2021
Lektorat/Korrektorat: Kerstin Peschel
© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.
Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.
Alle Rechte vorbehalten.
www.AlfredBekker.de
postmaster@alfredbekker.de



1.

Der junge Polizeiagent Thomas Edward Faust sprang die steinernen Treppen im Polizeipräsidium hinunter, und zwei ältere Polizisten in Uniform, die ihm entgegenkamen, schüttelten nur die Köpfe, kaum dass er mit einem fröhlichen Gruß an ihnen vorüber war.
„Kennst du den?“, erkundigte sich der eine, ein rotgesichtiger, etwas korpulenter Wachtmeister, der vom Treppensteigen bereits hörbar außer Atem gekommen war. Er blieb auf dem Absatz stehen, um tief Luft zu holen.
„Natürlich!“, antwortete der andere, der optisch das genaue Gegenteil seines Kameraden war, lang und dürr und mit einem geradezu wachsbleichen Gesicht, in dem der schwarze Schnurrbart wie ein Fremdkörper unter der Nase hing. „Das war der junge Faust, der neulich Aufsehen erregte, als er die Bande mit den Falschmünzern auffliegen ließ!“
„Der ist das?“, stöhnte der andere und beugte sich etwas über das Treppengitter, um noch einen Blick auf den Beamten zu werfen. „Und das ist der Sohn des alten Faust – oder ist der Name nur ein Zufall?“
Der Hagere schüttelte lächelnd den Kopf. „Wen bezeichnest du als den ‚alten‘ Faust? Sein Vater steht kurz vor der Pensionierung, aber sein legendärer Großvater lebt auch noch, ist aber schon fast einhundert Jahre! Verwechselst du die beiden vielleicht?“
Der Rotgesichtige machte eine Abwehrbewegung mit der rechten Hand.
„Mach mich doch nicht irre, Kollege! Ich werde doch wohl den ehemaligen Polizeipräsidenten meinen, der trotz seines hohen Alters immer mal wieder bei uns in der Münzstraße hereinschaut. Ich meine natürlich den Vater, der so zahlreichen Halunken das Handwerk gelegt hat! So alt, dass ich den Großvater noch erlebt habe, bin ich nun auch nicht. Aber dass die Erstgeborenen in der Familie auch alle den Vornamen Thomas bekommen – das ist doch eine Masche!“
„Ja, hat aber seine Bedeutung. Unser ehemaliger Präsident war doch in den Fall verwickelt, in dem sogar Bismarck ...“ Der korpulente Wachtmeister zog die Augenbrauen hoch und verstummte. Aber der Blick, den er seinem Kollegen zuwarf, sprach Bände. Und der Hagere nickte sofort zu den Worten und grinste dabei über das ganze Gesicht.
„Weiß schon, weiß schon!“, beeilte er sich. „Noch heute soll diese Akte unter Verschluss liegen, damit niemand auf dumme Gedanken kommt! ‚Geheimakte Braunschweig!‘ Ha, das ist bestimmt ein brisanter Lesestoff!“
„Und dieser berühmte, englische Detektiv war ja auch dabei und kam später noch einmal in unsere schöne Stadt!“, ergänzte der andere.
„Du meinst diesen – Sherlock Holmes? Ich glaube, die Berichte über den Detektiv sind, gelinde gesagt, etwas übertrieben. Aber es war ja der alte Faust, der den Fall löste, oder etwa nicht?“
Der Hagere setzte seinen Weg bereits fort, drehte sich noch einmal kurz um und antwortete: „Du meinst den Fall mit dem ... du weißt schon, wen ich meine – oder den Fall mit dieser Spionin?“
„Ich hörte einmal, dass diese geheimnisvolle Frau gar nicht die Spionin Mata Hari, sondern eine Schwindlerin gewesen sein soll!“
Der rotgesichtige Wachtmeister schnaufte und bemühte sich, dem Kollegen rasch zu folgen, während Thomas Faust die Tür zur Münzstraße aufriss und erstaunt stehen blieb. Eben war eine Landaulet-Kutsche vorgefahren, wie sie nur noch ganz vereinzelt von älteren Droschken-Kutschern in Braunschweig betrieben wurden. Aber als der Blick des Polizeiagenten auf den Herrn fiel, dem eben der Schlag geöffnet wurde, wurde ihm sofort klar, dass sein Vater sich niemals in eine der üblichen Kraftdroschken setzen würde, die von einem Berufskraftfahrer gelenkt wurde. Der ehemalige Polizeipräsident, der Jurist Dr. Thomas Faust, fuhr zwar selbst gern ein Automobil, sowie es aber um eine Benzindroschke ging, erklärte er seiner verblüfften Umwelt kurzerhand, dass er von dem Geruch Kopfschmerzen bekäme, und benutzte weiterhin die guten, alten Pferdedroschken, wenn er in ‚amtlicher Mission‘ tätig war. Ein pensionierter Polizeipräsident war zwar keineswegs mehr in solchen Missionen tätig, aber für Dr. Thomas Faust galten da eigene Regeln.
„Herr Präsident!“, rief Thomas E. Faust überrascht aus und nahm unwillkürlich eine straffe Haltung an. Er hatte sich längst angewöhnt, seinen Vater in der Öffentlichkeit nur mit seinem alten Titel anzureden. Nicht auszudenken, den alten Herrn mit „Herr Vater“ anzureden! Nein, der alte Herr machte noch immer eine tadellose Figur, wie er mit seinem altmodischen Überrock aus der Kutsche stieg und sich den Zylinder wieder fest in die Stirn drückte. In diesem Jahr hatte er bereits seinen 78. Geburtstag gefeiert, aber sein noch dichtes, weißes Haar stand im Kontrast zu den noch immer dunklen Augenbrauen und dem Knebelbart, den er nach Art des flämischen Malers Anthonis van Dyck trug und stets sorgfältig ausrasieren ließ.
„Das trifft sich gut, mein Junge!“, antwortete er und nickte seinem Sohn aufmunternd zu. „Ich bin auf dem Weg zu dir!“
„Ich habe jetzt dienstfrei und kann dich gern begleiten, wohin du möchtest. Wollen wir eine gute Tasse Kaffee und einen Asbach im Café Wagner zu uns nehmen?“
Der alte Herr lachte kurz, aber herzlich auf.
„Nein, mein Junge, ich wollte dich zu einer Veranstaltung einladen! Komm, steig ein, auch wenn es gleich um die Ecke ist. Wir sind ein wenig spät dran.“ Bei diesen Worten zog er an der Kette, die sich vom Knopfloch über den nicht sonderlich kräftigen Bauch bis zur Uhrenkette spannte, nahm die Taschenuhr in die Hand und ließ den Deckel aufspringen. „Gerade richtig, also – eingestiegen!“
Gehorsam kletterte Thomas E. Faust in die Kutsche, gefolgt von seinem Vater, der sich scheinbar mühelos auf die lederbezogene Sitzbank schwang. Der Kutscher schloss den Schlag, kletterte auf den Bock, und gleich darauf ruckten die Pferde an, die Droschke bewegte sich in Richtung Bohlweg. Der Kutscher musste eine Anweisung erhalten haben, den Weg über die Dankwardstraße und den Bohlweg zu nehmen. Als sie an dem Polizisten vorüberrollten, der auf der Kreuzung Bohlweg/Steinweg stand und den Verkehr regelte, deutete Faust Senior durch das Fenster.
„Die neue Sommeruniform. Möchte mal wissen, wer sich das ausgedacht hat!“
Sein Sohn kannte die Vorliebe seines Vaters für die alten Uniformen. Schon die Einführung des Tschakos als neue Kopfbedeckung im Jahre 1920 missfiel dem alten Herrn. Dann folgten 1924 die schwarzen Uniformen mit den hellblauen Aufschlägen, und im Sommer dieses Jahres die leichten, grauen Uniformen aus Leinen- und Baumwollstoffen. Aber sein Sohn ging auf die Bemerkung nicht ein, sondern war mit seinen Gedanken ganz woanders. An der Ecke befand sich das Geschäft von Johann Suhr, Zigarren-Tabake-Zigareilen, daneben Radatz & Reinecke, Büro-Einrichtungen, Papiere, Zeichen- und Bürobedarf. Ein Griff in seine Jackett-Innentasche erinnerte ihn schmerzlich daran, dass er sich sowohl neue Zigarren wie auch ein Notizbuch kaufen wollte. Mit leisem Seufzer lehnte er sich in das Polster zurück und erkundigte sich: „Brünings Saalbau?“, und sein Vater nickte nur knapp. „Dann willst du mit mir tatsächlich zu dieser ... Amerikanerin?“
Beim Tonfall des jungen Polizeiagenten zog sein Vater erstaunt die buschigen Augenbrauen hoch.
„Was hast du gegen eine amerikanische Wissenschaftlerin? Du wirst dich doch wohl erinnern, dass ich seit gut einem Jahr mit ihr korrespondiere! Sie interessiert sich für lange, zurückliegende Fälle in Braunschweig.“
„Nichts, gar nichts, Herr Präsident, habe ich gegen die Dame. Aber, mit Verlaub gesagt – eine Frau, die einen Vortrag über ein kriminalistisches Thema in unserer Stadt halten will? Ich staune!“
Der alte Herr lächelte, griff in seine Jackentasche, zog ein silbernes, rundes Etui heraus und entnahm ihm eine Zigarre. Die zweite darin reichte er seinem Sohn, dessen vergebliches Kramen in der Rocktasche ihm nicht entgangen war. Wenig später pafften die beiden dicke, blaue Rauchwolken, während sich der alte Herr bequem zurücklehnte und aus dem Fenster auf das Treiben am Bohlweg blickte.
Offenbar war er nicht bereit, das Gespräch fortzusetzen. Der Polizeiagent hatte genug Erfahrung im Umgang mit seinem Vater gesammelt und hütete sich daher, erneut das Thema aufzugreifen. Wenn der ehemalige Polizeipräsident zu reden wünschte, dann begann er mit einem leisen Brummen den Auftakt, feuerte dann zumeist eine kurze, knappe Bemerkung ab, die wie ein Befehl klang, und wartete auf die Reaktion seiner Mitmenschen. Kurz vor Erreichen des Veranstaltungsraumes, der sich in Brünings Saalbau am Damm befand, zog Faust Senior einen gefalteten Zettel aus der Tasche und reichte ihn seinem Sohn. Der warf nur einen raschen Blick darauf und nickte.
„Ich bin im Bilde. Der Vortrag wurde im Präsidium angemeldet und wir erhielten dazu eine Einladung. Ich habe die Einladung weitergereicht, weil wir Kriminalen ja für derartige Veranstaltungen nicht zuständig sind.“
Bei diesen Worten zog der alte Faust bedeutsam erneut die Augenbrauen hoch und runzelte die Stirn.
„Warum ist die Kriminalabteilung für das Thema nicht zuständig? Ich rede nicht von der Veranstaltung, wohl gemerkt!“, ließ sich der ehemalige Polizeipräsident nach seinem markanten Brummen vernehmen.
„Eine Frau, noch dazu eine Amerikanerin, hält in unserer Stadt einen öffentlichen Vortrag über die Entlarvung eines Mörders im Jahre 1892 in Argentinien. Und, mit Verlaub, Herr Präsident – das soll ein Thema für die Braunschweiger Polizei sein?“
Der alte Herr zog noch einmal an seiner Zigarre, als die Kutsche hielt und ihr Schwanken verriet, dass der Kutscher rasch vom Bock kletterte.
„Ich darf dich korrigieren. Es handelte sich um einen Doppelmord, und der Fall erregte einiges Aufsehen. Man gründete daraufhin in der Stadt La Plata eine Institution zur Erkennung von Verbrechern. Darum geht es, noch präziser: Um die Wissenschaft von der Daktyloskopie, und die, mein Sohn, würde unserer Polizei die Arbeit wesentlich erleichtern, glaube mir!“
- Faust junior musste sich ein Lächeln verkneifen. Er hatte längst Kenntnisse dieses Verfahrens erhalten, denn ein gewisser Paul Koettig arbeitete damit bereits seit Jahren sehr erfolgreich in Dresden. Aber der junge Polizeiagent wollte vor seinem Vater nicht mit den neu erworbenen Kenntnissen prahlen und beschloss, zunächst einmal den Vortrag der Amerikanerin abzuwarten.
Während es sich sein Vater nicht nehmen ließ, den Droschkenkutscher selbst zu entlohnen und ihm dazu noch ein gutes Trinkgeld zusteckte, überquerte sein Sohn den breiten Fußweg und wollte eben zum Türgriff greifen, als jemand die Tür von innen aufzog und der Polizeiagent ins Leere griff.
„Oh, I beg your pardon!“, sagte eine freundliche, helle Stimme und verblüfft schaute Faust in das Gesicht der jungen Frau, die gerade die Tür geöffnet hatte und nun heraustrat.
Faust musste sich zusammenreißen, um nicht einen anerkennenden Pfiff auszustoßen, als er die schlanke Gestalt mit einem raschen Blick musterte, was bei der jungen Frau ein ganz bezauberndes Lächeln erzeugte. Der kurze, modische Haarschnitt, von der spöttischen Presse Bubikopf genannt, ein eleganter Seidenschal um den Hals, dessen Enden im Wind leicht wehten, ein länger geschnittenes Oberteil und dazu – tatsächlich, eine weit geschnittene und über die Taille reichende Hose! Unwillkürlich schluckte Faust, und nun erkundigte sich die junge Frau, noch immer lächelnd: „Nun, genug gesehen? Herr Doktor Faust, ich freue mich sehr, Sie kennenzulernen!“, wandte sie sich gleich darauf zum ehemaligen Polizeipräsidenten um, streckte ihm die Hand entgegen und der alte Herr griff beherzt zu und lächelte sein Gegenüber ebenfalls auf seine gewinnende Art an. Dabei schien es seinem Sohn so, als würden die alten, blauen Augen plötzlich in strahlendem Glanz förmlich zu leuchten beginnen. Mit einer leichten Schulterbewegung deutete er auf seinen Sohn.



