Love and Crime

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Ich kenne keine Person, die so arrogant ist wie er. Er hört nicht auf damit anzugeben, was er alles beruflich erreicht hat. Dabei ist er nichts anderes als ein Staubsaugervertreter, nur für Autoteile.
Aber vielleicht wird der Abend ja nicht ganz so schlimm, wie ich denke, schießt es mir von einer Sekunde auf die nächste durch den Kopf. Und genau das ist die Hoffnung, an der ich mich den restlichen Tag festhalten werde.
Mit einem genervten Seufzen leere ich meine Tasse und stelle sie in den Geschirrspüler. Dann greife ich nach meiner Tasche und mache mich auf den Weg zur Arbeit. Allerdings kann ich nicht gerade behaupten, dass ich mich nun darauf freue. Die Nachricht, dass ich hier heute Abend mit ihm sitzen werde, hat mir doch ziemlich die Laune verdorben.
Schon von außen kann ich erkennen, dass reges Treiben in dem Haarsalon, in dem ich als Friseurin arbeite, herrscht. Aber wundern tut es mich nicht. Die halbe Belegschaft ist im Urlaub und es wurde die gleiche Menge an Kunden angenommen, wie sonst auch. Außerdem gehört es zu einem der besten Salons in der Stadt.
Während ich in den Aufenthaltsraum gehe, um meine Tasche in meinen Spind zu legen, werde ich von den wenigen Kollegen begrüßt, die sich noch hier befinden. Ein Teil von ihnen wird nächste Woche in den Urlaub gehen und der restliche, zu dem ich auch gehöre, erst übernächste.
„Du kümmerst dich heute bitte um Misses Miller. Sie ist eine neue Kundin und scheint nicht so genau zu wissen, was sie eigentlich möchte. Sie scheint ziemlich unentschlossen zu sein. Wenn ich das richtig mitbekommen habe, hat sie mehrere Ideen. Es kann also sein, dass sie noch ein wenig braucht, bis sie sich für Farbe und Schnitt entschieden hat“, erklärt mir Cindy.
Mit einem Nicken deutet sie in die entsprechende Richtung. Auf dem Stuhl kann ich eine ältere Frau entdecken, die nachdenklichen die Farbproben betrachtet und sich Bilder von verschiedenen Schnitten ansieht.
„Ich habe aber schon einiges von ihr gehört. Wenn es stimmt, dann soll sie sehr rüstig für ihr Alter sein.“ Sie wackelt mit den Augenbrauen, was mich zum Lachen bringt.
„Danke“, murmle ich leise vor mir hin und mache mich auf den Weg zu meiner ersten Kundin heute.
„Guten Tag, Misses Miller. Ich bin Harley“, begrüße ich sie und stelle mich gleichzeitig vor.
„Harley? Wie sind Sie denn zu diesem außergewöhnlichen Namen gekommen?“ Fragend zieht sie die Augenbrauen zusammen.
„Mein Vater wollte immer eine Harley haben und ist meiner Mutter damit ständig auf die Nerven gegangen. Diese hat es ihm verboten und deswegen habe ich diesen Namen bekommen. Man kann also sagen, dass es eine Art Kompromiss zwischen ihnen war“, erkläre ich ihr schnell.
Ihr leises Lachen ertönt. Es lässt sie sympathisch wirken. Ein wenig erinnert sie mich an meine Großmutter, die leider viel zu früh verstorben ist. Sie war genauso offen und für jeden Scherz zu haben. Und auch wenn ich Misses Miller noch nicht so lange kenne, bin ich mir sicher, dass sie auch so ist.
„Ich muss zugeben, dass das wirklich gut ist. Sowas habe ich auch noch nie gehört.“
„Meine Mutter hatte ihm den Vorschlag gemacht, damit er nicht mehr so sauer ist. Er kann wie ein kleines Kind schmollen.“
Ich zucke mit den Schultern, da ich nicht so genau weiß, was ich deswegen von mir geben soll. Ich kann ihr ja schlecht auf die Nase binden, dass meine Eltern sich da noch verstanden haben und meine Mutter bereits drei Jahre später mit mir nach Deutschland gegangen ist.
„Das können alle Männer. Ich war dreimal verheiratet und weiß, wovon ich spreche. Letztes Jahr ist er gestorben und meine Kinder und Enkel wohnen auch nicht hier. Für sie ist die Stadt zu klein. Sie hat es nach Miami und New York verschlagen.“
„Das tut mir leid“, murmle ich.
„Muss es nicht“, winkt sie mit einem breiten Strahlen ab. „Ich sehe sie oft genug und gönne es ihnen. Jeder einzelne von ihnen hat es sich hart erarbeitet, dass sie nun das Leben führen können, was sie sich immer vorgestellt haben. Du kannst mich ruhig Dorothy nennen. Misses Miller werde ich nur von meiner Schwiegertochter genannt. Auf diese Weise will sie mir Respekt erweisen. Allerdings bin ich mir bei ihr manchmal nicht so sicher, ob sie überhaupt weiß, was das ist.“
Dorothy verzieht ein wenig das Gesicht, sodass ich nicht verhindern kann, leise zu lachen. Ich weiß, es ist gemein. Schließlich kenne ich die Frau ihres Sohnes nicht. Doch es ist auch viel mehr die Weise, wie Dorothy es sagt.
„Was kann ich dir denn gutes tun?“, frage ich sie nun und spiele damit auf ihre neue Frisur an.
„Ich möchte etwas peppiges. Sagt man das noch so? Ich bin zwar schon sechzig, allerdings gehöre ich noch lange nicht zu den alten Schachteln, die ihre Nachmittage mit den Frauen aus der Nachbarschaft beim Kaffeekränzchen verbringen. Um genau zu sein, will ich das auch nicht. Ich will noch Spaß haben.“ Während sie spricht, kann ich im Spiegel das schelmische Grinsen auf ihren Lippen erkennen, sodass ich lachen muss.
Ich mag ihre offene Art. Sie nimmt kein Blatt vor den Mund und hat ihre eigene Ansicht des Lebens. Alleine deswegen frage ich mich schon, was sie den ganzen Tag so macht, wenn sie nicht gerade beim Friseur ist. Doch ich werde sie nicht danach fragen, da ich die Befürchtung habe, dass ich damit eindeutig einen Schritt zu weit gehe.
Ich brauche nicht lange zu überlegen, bis mir etwas einfällt, von dem ich mir sicher bin, dass es ihr gefallen wird.
„Wie wäre es mit blond mit einem Hauch von rot? Und einem frechen Schnitt?“, frage ich sie und lasse sie über den Spiegel keine Sekunde aus den Augen.
Deswegen kann ich genau erkennen, wie sie große Augen bekommt, die zu leuchten beginnen.
„Ich sehe schon, wir verstehen uns.“
Sie zwinkert mir zu und gibt mir so ihr Einverständnis.
Die nächsten drei Stunden zaubere ich ihr eine neue Frisur, von der ich mir sicher, dass sie zu ihr passt.
Als sie endlich fertig ist, kann ich nicht für mich behalten, dass ich nervös bin, was sie von dem Ergebnis hält. Meistens ist es nämlich so, dass die Kunden ihre ganz eigene Vorstellung haben, wie es aussieht, sobald es fertig ist. Doch ich brauche nur einen Blick in ihr Gesicht zu werfen um zu wissen, dass ich mir umsonst Sorgen gemacht habe.
Ein wenig erinnert sie mich an ein kleines Kind an Weihnachten, als sie ihren Kopf von einer Seite zur anderen dreht und sich ausgiebig betrachtet.
„Das ist fantastisch und endlich mal etwas anderes“, jubelt sie und klatscht begeistert in die Hände. Als nächstes umarmt sie mich fest.
„Es freut mich, dass es dir gefällt.“
„Du bist eine wahre Künstlerin. Ich werde dich all meinen Freundinnen empfehlen. Du wirst eine Menge zu tun bekommen.“
„Meine Oma hat immer gesagt, man ist nur in den Dingen gut, die man gerne macht. Was soll ich sagen? Ich habe meinem Vater schon als kleines Kind gerne die Haare geschnitten.“
Dass das nicht immer gut war, behalte ich lieber für mich. Er ist jetzt nämlich wahrscheinlich die einzige Person, die sich nicht mehr von mir die Haare machen lässt.
„Ein wahres Wort.“
Gemeinsam gehen wir zur Kasse, wo sie sich noch ein paar Pflegeprodukte aussucht und ich alles abkassiere.
„Ich bin mir sicher, dass wir uns schon bald wiedersehen werden“, verabschiedet sie sich von mir und verlässt den Laden.
Einige Sekunden bleibe ich noch stehen und schaue ihr nach, bis sie zwischen den parkenden Autos am Straßenrand verschwunden ist.
Eine sehr interessante Frau, denke ich.
Seufzend drehe ich mich um und gehe zur nächsten Kundin, die bereits auf mich wartet.
Als ich um fünf Uhr den Laden verlasse, bin ich müde und hungrig. Ich habe den Tag durchgearbeitet, sodass ich nicht dazu gekommen bin, mir etwas Essbares zu besorgen.
Nachdem ich den Laden verlassen habe, biege ich nach rechts und mache mich auf direkten Weg nach Hause. Doch bereits in der nächsten Sekunde bereue ich es, dass ich nicht in die andere Richtung gegangen bin, auch wenn es einen kleinen Umweg bedeutet hätte.
„Harley“, höre ich Jackson laut meinen Namen rufen. Er breitet seine Arme aus und grinst von einem Ohr bis zum anderen.
Für den Bruchteil einer Sekunde schießt mir der Gedanke durch den Kopf einfach umzudrehen und doch den anderen Weg zu nehmen, aber ich bin chaotisch, nicht kindisch. Hätte ich ihn als erstes gesehen, hätte ich genau das machen können, aber so hat er mich bereits bemerkt.
„Hi, wie geht es dir?“, erkundige ich mich, verdrehe die Augen und gehe an ihm vorbei, ohne ihn weiter zu beachten.
Jackson ist mein Ex-Freund. Die Beziehung ist schon seit drei Jahren vorbei und hat nicht funktioniert, da er von Treue nicht sehr viel gehalten hat, während ich in Deutschland war. Es ist herausgekommen, weil seine heimlichen Affären mir irgendwann Nachrichten geschrieben haben, die weniger schön waren. Noch am Telefon habe ich mich von ihm getrennt, nachdem er es geleugnet hat. Bei einer oder zwei Frauen hätte ich es ihm unter Umständen ja noch geglaubt. Aber bei acht war es dann vorbei.
Mir war von Anfang an klar, dass ich ihm nicht ewig aus dem Weg gehen kann, wenn ich erst hier bin. Und eigentlich war mir das auch immer egal. Dennoch muss ich zugeben, dass ich gerade nicht in der Verfassung bin, mich mit ihm zu unterhalten. In Gedanken bin ich nämlich bereits bei dem gemeinsamen Abendessen mit Myles.
„Ich wusste gar nicht, dass du in der Stadt bist“, verkündet er und geht einige Schritte neben mir her.
„Wenn das so ist, wirst du auch sicherlich nicht wissen, dass ich nun hier lebe“, erkläre ich und drehe dabei meinen Kopf in seine Richtung.
In der nächsten Sekunde greift er jedoch nach meinem Arm und zieht mich so ruckartig zur Seite, dass ich gegen ihn stolpere.
„Wie ich sehe, bist du noch immer ein kleiner Tollpatsch.“
„Hättest du mich nicht wie ein Wahnsinniger zur Seite gezogen, wäre ich auch nicht gegen dich gestolpert“, erinnere ich ihn.
„Du wärst beinahe in einen Hundehaufen gelaufen“, erklärt er und zeigt in die entsprechende Richtung. Ich folge seinem Blick und stelle fest, dass er die Wahrheit gesagt hat.
„Danke“, gebe ich zurück, löse mich jedoch sofort wieder von ihm.
„Du wohnst jetzt also hier? Seit wann denn?“
„Erst seit ein paar Wochen. Noch unter dem Dach meiner Eltern, allerdings suche ich mir gerade eine eigene Wohnung“, antworte ich ihm.
„Das ist ja wunderbar. Dann können wir uns ja demnächst mal treffen.“
Ein breites Grinsen erscheint auf seinem Gesicht. Ich hingegen bin nicht so sehr von der Vorstellung begeistert, mich mit einem Ex-Freund zu treffen. Unter anderem auch deswegen, weil ich ihm keine falschen Hoffnungen machen will. In den letzten Jahren hat er nämlich noch ein paar Versuche gestartet, um mir zu beweisen, dass er sich gebessert hat. Allerdings halte ich nichts davon, mich erneut mit einem Mann einzulassen, mit dem es schon beim ersten Mal nicht geklappt hat.
„Irgendwann vielleicht“, gebe ich dennoch vor mir, da ich gerade keine Nerven dafür habe, mit ihm darüber zu diskutieren.
Ohne darauf zu warten, ob er noch etwas erwidern will, gehe ich an ihm vorbei und lasse ihn einfach stehen. Ich spüre seinen Blick in meinem Rücken, doch ich drehe mich nicht noch einmal zu ihm um. Es würde eh nichts an meiner Entscheidung ändern.
Allerdings weiß ich, dass er sich in Zukunft öfter bei mir melden wird.
3
Ich muss zugeben, dass ich mir noch nie soviel Zeit gelassen habe, um nach der Arbeit nach Hause zu kommen. Ich betrachte sogar die Auslage an mehreren Fenstern, um sicherzugehen, dass mir nichts Interessantes entgeht. Allerdings muss ich auch sagen, dass ich es nicht sonderlich eilig habe. Ich habe die Hoffnung, dass ich auf diese Weise das Gespräch mit Myles soweit es geht nach hinten schieben kann. Auch wenn ich weiß, dass ich dem nicht ewig aus dem Weg gehen kann. Schließlich ist er ja hier, um mich zu sehen. Allerdings wundert mich das doch ein wenig. Er hat nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass er mich nicht mag. Da müsste es ihm eigentlich egal sein.
Als ich die Haustür öffne, schaue mich suchend um. Allerdings kann ich ihn im Wohnzimmer und im Essbereich nicht entdecken. Allerdings weiß ich, dass er hier ist, da sein Wagen in der Einfahrt steht.
Ja, ich bin erleichtert darüber, dass ich nicht sofort mit ihm konfrontiert werde, sondern erstmal zu Hause ankommen kann. Ich würde lügen, wenn ich so tun würde, als wäre das nicht der Fall. Bereits auf der Arbeit habe ich mir sämtliche Möglichkeiten ausgemalt, wie dieser Abend ablaufen könnte.
Und was soll ich sagen?
Keine davon ist wirklich gut ausgegangen.
Alleine von der Vorstellung der einzelnen Möglichkeiten habe ich Magenschmerzen bekommen.
Kaum habe ich die Tür hinter mir geschlossen, dringen laute Stimmen an mein Ohr. Neugierig folge ich ihnen in die Küche, wo ich meine Eltern und Myles am Küchentisch sitzen sehe.
Da sie so sehr in ihre Unterhaltung vertieft sind, dauert es einen Moment, bis sie auf mich aufmerksam werden. Doch dann strahlt mein Vater mich an. Wahrscheinlich aber auch nur, weil er die letzten Male nichts von dem kleinen Krieg mitbekommen hat, der geherrscht hat. Auch wenn ich sagen muss, dass das doch etwas übertrieben ist. Ich würde es eher als Meinungsverschiedenheiten betiteln.
Ich habe ihm schließlich nur einmal die Meinung gesagt, als er nicht aufgehört hat, mir auf die Nerven zu gehen. Und danach hat er es mir bei jedem Treffen erneut auf die Nase gebunden und es fortgeführt.
„Da bist du ja endlich. Wir haben schon gedacht, dass du dich verlaufen hast“, begrüßt er mich gut gelaunt.
Ich weiß, dass die beiden Männer sich gut verstehen und er sich deswegen jedes Mal freut, wenn sie sich sehen. Alleine deswegen werde ich schon versuchen, mich zusammenzureißen.
Noch in der gleichen Sekunde dreht Myles sich zu mir um. Er sieht mich abschätzend von oben bis unten an. Genau so, wie er es schon immer getan hat. Deswegen wundert es mich nun auch nicht und zieht mich auch nicht aus meinem inneren Gleichgewicht. Mich hätte es eher gewundert, wenn dem nicht so gewesen wäre.
„Ich bin aufgehalten worden“, gebe ich zurück und lege meine Tasche auf einen freien Stuhl.
Auch wenn es irgendwie stimmt, so ist es nur die halbe Wahrheit, da die Unterhaltung mit Jackson, wenn überhaupt, nur zwei Minuten gedauert hat. Die andere Hälfte sieht so aus, dass ich eigentlich auch keine Lust hatte, mich zu beeilen.
„Jetzt bist du ja da“, stellt er zufrieden fest.
„Ich dachte schon, dass ich auf meine liebste Gesprächspartnerin verzichten muss“, verkündet Myles, kommt auf mich zu und umarmt mich kurz.
„Darüber brauchst du dir keine Sorgen zu machen.“
Ich grinse ihn kurz an und schaffe es dabei, mir nicht anmerken zu lassen, dass ich ihm gegenüber immer vorsichtig bin. Mit großen Schritten gehe ich an ihm vorbei und nehme die Bierflasche entgegen, die mein Vater mir reicht. Dankbar sehe ich ihn an.
„Harten Tag auf der Arbeit gehabt?“, erkundigt er sich.
„So kann man es auch ausdrücken.“
In diesem Moment frage ich mich, ob er nicht doch mehr mitbekommen hat. Wundern würde es mich nicht. Er ist schließlich ein super Polizist. Und die bekommen für gewöhnlich mehr mit, als man denkt. Aber damit kann ich mich später auch noch beschäftigen.
„Das Essen ist sofort fertig. Harley, du könntest schon die Soße auf den Tisch stellen“, meldet sich Monica zu Wort und lotst mich so zur Arbeitsplatte und von den Männern weg.
Einige Sekunden später drückt sie mir ein Kännchen in die Hand, in das sie die duftende Soße gefüllt hat. In dem Moment, in dem ich mich umdrehen will, höre ich, dass jemand hinter mich tritt. Allerdings befinde ich mich mitten in der Bewegung und kann sie nicht mehr stoppen. Ich versuche das unausweichliche noch zu verhindern, indem ich mich ein Stück zur Seite bewege. Allerdings ist es dafür bereits zu spät. Im nächsten Augenblick merke ich, wie ich gegen etwas stoße und sehe mit weit aufgerissenen Augen, wie sich die Soße entleert.
„Verdammt“, flucht Myles und reißt die Arme hoch.
Erst jetzt wird mir wirklich bewusst, was gerade passiert ist. Ich habe Myles den Inhalt der Schüssel über sein Hemd gekippt, was nebenbei erwähnt bestimmt nicht günstig war.
Mit offenem Mund und weit aufgerissenen Augen starre ich ihn an und ziehe scharf die Luft ein, während ich nach den passenden Worten suche.
„Wie ich sehe, trittst du immer noch in jedes Fettnäpfchen, was deine Füße finden können“, stellt er nüchtern fest, bevor ich einen Ton von mir geben kann. In seine Augen kann ich allerdings ein belustigtes Funkeln erkennen und ein kleines Grinsen erscheint auf seinen Lippen.
„So unschuldig bist du aber auch nicht daran“, gebe ich zurück und kneife meine Augen ein Stück zusammen. Ich nehme automatisch eine Abwehrhaltung ein, da ich nicht weiß, wie ich mich sonst verhalten soll.
Auf diese Weise will ich ihm klarmachen, dass es mir egal ist, dass mein Dad und Monica nur wenige Meter entfernt stehen. Wenn er es darauf anlegt, sage ich ihm ohne Probleme die Meinung.
Ich warte darauf, dass er noch etwas zu diesem Thema von sich gibt. Und ich sehe ihm an, dass ihm bereits ein paar Worte auf der Zunge liegen, die er sich nur schwer verkneifen kann. Allerdings behält er diese für sich. Stattdessen lacht er und macht einen Schritt nach hinten.
„Wir belassen es dabei, dass wir beide unseren Teil dazu beigetragen haben“, stellt er fest und hebt beschwichtigend seine Hände.
Ich hingegen verziehe nicht das Gesicht und zeige so, dass ich ihm nicht vertraue. Ich habe aber auch keinen Grund, wieso ich das sollte oder könnte.
„Bin gleich wieder da. Ich werde mir schnell ein sauberes Hemd anziehen“, verkündet er an seine Tante gewandt.
„Weiche es am besten direkt in warmen Wasser im Badezimmer ein, damit die Flecken nicht eintrocknen. Ich hole es nachher runter und wasche es dann“, weist meine Stiefmutter ihn an.
„Mache ich.“
Ein letztes Mal grinst er mich an, bevor er sich umdreht und nach oben verschwindet.
Es ist so lange ruhig im Raum, bis die Tür hinter ihm ins Schloss gefallen ist. Erst dann höre ich, wie Monica den Wasserhahn aufdreht.
„Sorry“, murmle ich an sie gewandt.
„Mache dir deswegen keine Sorgen. Das kann passieren. Es ist nichts, was man nicht schnell wieder beheben kann“, winkt sie ab und bereitet eine neue Soße zu.
Kaum hat sie mir den Rücken zugedreht, breitet sich ein zaghaftes Grinsen auf meinen Lippen aus, was ich nicht für mich behalten kann. Auch wenn ich es nicht mit Absicht gemacht habe, bin ich dennoch der Meinung, dass er es verdient hat.
Als er wieder in die Küche gekommen ist, trägt er ein frisches Hemd und setzt sich erneut neben meinen Vater. Dies kann er aber nicht machen, ohne mir einen blick zuzuwerfen, der dafür sorgt, dass ich genervt die Augen verdrehe. Während des Essens berichtet er von den Geschäften, die er in der letzten Zeit abgeschlossen hat. Ich gebe zu, dass es mich nicht wirklich interessiert. Deswegen höre ich nur mit einem halben Ohr hin.
„Du bist so still gewesen“, wendet Monica sich an mich, nachdem sie aufgegessen hat. „Was hast du heute noch so geplant?“
„Ich treffe mich mit ein paar Freundinnen, Mädelsabend“, antworte ich ihr. Das letzte Wort füge ich schnell hinzu, um sicherzugehen, dass sie nicht vorschlägt, Myles könnte mich begleiten.
„Und ich muss nachher zur Arbeit“, fügt mein Vater noch hinzu. „Aber wir sehen uns ja morgen.“
„Stimmt es eigentlich, dass nachts mehr passiert als tagsüber?“, fragt Myles.
„Ich würde nicht sagen, dass nachts mehr passiert, auch nicht unbedingt andere Dinge. Wir sind zwar keine Großstadt, wenn wir uns mit Miami zum Beispiel vergleichen. Aber auch hier passieren Verbrechen, um die wir uns kümmern müssen. Nicht umsonst haben wir hier einige Kopfgeldjäger, die uns unterstützen. Außerdem kommt noch dazu, dass die Flüchtigen sich in den letzten Jahren immer wieder diese Stadt als ihr Ziel ausgesucht haben.“
Bei seinem letzten Wort zucke ich merklich zusammen. Gleichzeitig muss ich wieder an Zane und unsere erste Begegnung denken. Und natürlich auch an alles, was danach passiert ist. Jetzt ist sicherlich nicht der richtige Zeitpunkt, um ihm davon zu berichten.
„Dann drücke ich dir mal die Daumen, dass es heute Nacht auch ruhig werden wird.“
„Ich bin mir sicher, dass wir keine großen Probleme bekommen werden.“
Mit diesen Worten steht mein Vater auf und verlässt die Küche, um sich seine Uniform anzuziehen. Auch ich stehe auf und verabschiede mich von Myles.
„Ich bin mir sicher, dass wir uns in den nächsten Tagen öfter sehen werden. Schließlich werde ich hier wohnen, solange ich in der Stadt bin.“
Überrascht schaue ich zu meiner Stiefmutter. Als sie mir heute Morgen gesagt hat, dass er kommen wird, hat sie kein Wort darüber verloren, dass er hier übernachten wird. Um fair zu sein, muss ich aber auch gestehen, dass ich mich nicht danach erkundigt habe.
„Ich muss jetzt auch los, sonst komme ich noch zu spät“, murmle ich und verschwinde, bevor noch jemand etwas sagen kann.
Draußen bleibe ich erstmal stehen und hole tief Luft. Jedes Mal, wenn mein Cousin sich nicht mehr in meiner Nähe befindet, kommt es mir so vor, als hätte man mir eine riesige Last von den Schultern genommen. Seitdem ich ihn das erste Mal getroffen habe, bin ich der Meinung, dass seine zukünftige Frau es nicht leicht haben wird. Seitdem habe ich aber auch nicht gehört, dass er eine Freundin hat. Und ich bin mir sicher, dass ich diese Informationen bekommen hätte.
Doch ich muss zugeben, dass das Abendessen ruhig verlaufen ist. Die Männer waren in ihr Gespräch vertieft, sodass Myles auch überhaupt keine Zeit hatte, einen spitzen Kommentar in meine Richtung fallen zu lassen. Aber vielleicht lag es auch daran, dass beide anwesend waren.
Da kommt es wahrscheinlich nicht so gut, wenn er mich aufzieht, weil ich noch bei meinen Eltern wohne.
Um nicht Gefahr zu laufen, dass Monica oder vielleicht sogar Myles mich wieder ins Haus holen, verschwinde ich schnell.
Es dauert nur zehn Minuten, bis ich die Bar am Strand erreicht habe, in der ich mit Katie, Jessica und Caroline verabredet bin. Im Innenraum sehe ich mich einmal um, wobei ich sie sofort entdecke. Allerdings sind die drei aber auch nicht zu übersehen. Sie haben sich an einen Tisch an der Seite gesetzt, von dem sie einen perfekten Blick auf die Bar haben, die sich an der kompletten gegenüberliegenden Wand erstreckt. Über allen Tischen hängen Leuchten, die nicht zu groß und nicht zu klein sind. Sie verstreuen ein buntes Licht, was sich alle paar Sekunden wechselt.
„Hi“, begrüßt mich Katie, als ich mich auf den freien Stuhl neben ihr sinken lasse. „Ich hatte schon die Befürchtung, dass du uns vergessen hast.“
„Sorry, mein Cousin ist in der Stadt, euch würde ich niemals vergessen. Monica hat darauf bestanden, dass wir gemeinsam essen und das hat sich ein wenig in die Länge gezogen.“
„Myles?“ Katie sieht mich auf eine Weise an, die ich nicht genau einordnen kann. Da sie ihn allerdings kennt bin ich mir sicher, dass sie nicht sehr begeistert davon ist.
Als Antwort nicke ich nur.
„Wer ist Myles?“, erkundigt sich nun Caroline und sieht uns abwechseln an.
Für einen kurzen Moment denke ich darüber nach, ob ich die beiden einander vorstellen sollte. Ich muss zugeben, dass sie sich wahrscheinlich blendend verstehen würden. Doch schnell verwerfe ich diesen Gedanken wieder. Ich habe auch so genug zu tun, da brauche ich ihm nicht auch noch eine Freundin zu suchen. Zumal ich selber auf der Suche nach Freunden bin.
„Mein Cousin aus Atlanta.“
„Den wollt ihr nicht kennen“, setzt Katie noch hinzu.
Um den beiden zu verdeutlichen, dass Katie recht hat, nicke ich. Die beiden sind einmal aneinander geraten. Und dabei ging es nur darum, dass sie Dressing in einen Salat geben wollte und er der Meinung war, dass man das nicht einfach so machen kann, sondern immer nur ein wenig.




