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Daher ist es unter Umständen schwierig, sprunghafte Veränderungen der weltweiten Produktions- und Konsumbeziehungen empirisch nachzuweisen. Wir begreifen den gegenwärtigen Prozess der Globalisierung als eine fortgeschrittene Stufe der Internationalisierung, deren besondere Intensität und Dynamik es aufzudecken gilt (Bathelt 2000; Giese et al. 2011). Verschiedene Dimensionen des Globalisierungsprozesses, darunter die informatorische, kulturelle, ökologische, politische, zivilgesellschaftliche und ökonomische Dimension (Beck 1997, Kap. 3; Werlen 1997, Kap. 5), werden in zahlreichen wissenschaftlichen Disziplinen diskutiert. Die nachfolgende Diskussion konzentriert sich auf die wirtschaftliche Globalisierung in ihrer Bedeutung für die Wirtschaftsgeographie.
4.5.2Wider die Hyperglobalisierung
Viele Unternehmen sind mit eigenen Betriebsstätten und Tochtergesellschaften im Ausland aktiv. Diese Unternehmen, die in verschiedenen Ländern Tochtergesellschaften kontrollieren, gelten nach Abgrenzung der Vereinten Nationen als transnationale Unternehmen im weiteren Sinne (→ Kap. 11). Transnationale Unternehmen beschäftigten Anfang des 21. Jahrhunderts gemeinsam über 80 Millionen Menschen allein in ausländischen Tochtergesellschaften. Dies entsprach etwa 4 % der gesamten weltweiten Beschäftigung (UNCTAD 2010). Vergleicht man ihre Wertschöpfung mit großen Volkswirtschaften, so entsteht ein Eindruck von der enormen ökonomischen Bedeutung transnational operierender Unternehmen. Im Jahr 2000 rangierte Exxon Mobilcom als das Unternehmen mit der weltweit größten Wertschöpfung auf Platz 45 der 100 größten Ökonomien (wenn man die größten Unternehmen und Volkswirtschaften zusammen betrachtet). Die Wirtschaftskraft des Konzerns übertraf damit die Produktionstätigkeit ganzer Staaten wie zum Beispiel von Pakistan, Neuseeland oder Tschechien (→ Abb. 4.11). Insgesamt waren demnach 29 der 100 größten Ökonomien der Welt Unternehmen. Obwohl dieser Vergleich problematisch ist (da Volkswirtschaften nicht das Ziel der Gewinnmaximierung haben, jedoch soziale Kosten tragen müssen, die durch Unternehmen verursacht werden), wird dadurch illustriert, welche bedeutende Größe und damit Machtposition einzelne Unternehmen im Vergleich zu Nationalstaaten erlangt haben (→ Kap. 11.3).

Abb. 4.11 Die 100 größten Ökonomien der Welt, gemessen nach der Wertschöpfung in Milliarden US-Dollar im Jahr 2000 (nach UNCTAD 2002; Glückler 2006 a)
In dem enormen Wachstum großer multinationaler Unternehmen drückt sich zugleich ein interessantes Paradoxon aus. Fischermann (2000) wertet dieses Wachstum als Indiz, dass Planungssysteme (Planwirtschaften) global operierender Konzerne inmitten weltweiter Marktwirtschaften zunehmend an Bedeutung gewinnen.
Nicht nur die Größe, sondern auch die Zahl multinationaler bzw. transnationaler Unternehmen hat sich exponentiell entwickelt (→ Abb. 4.12). Sie wuchs von 7 000 im Jahr 1970 über 40 000 im Jahr 1995 (Karliner 1997) und 60 000 im Jahr 1998 (UNCTAD 1999) auf 86 000 Unternehmen im Jahr 2016 an (UNCTAD 2010; 2017). Große transnationale Unternehmen erzielen über die Hälfte ihrer Umsätze außerhalb ihres Stammlands in internationalen Märkten (Sklair 1999). Der Umsatz der ausländischen Tochtergesellschaften aller transnationalen Unternehmen repräsentiert mittlerweile 11 % des globalen Wirtschaftsprodukts. Zwar dominieren nach wie vor Unternehmen aus der Triade (d. h. den großen Märkten Nordamerikas, Westeuropas und Ostasiens) die internationale Organisation der Produktion, aber die Zahl der transnationalen Unternehmen in weniger entwickelten Staaten wächst stetig an. Transnationale Unternehmen aus Entwicklungs- und Schwellenländern erreichen sogar höhere Beschäftigungsanteile in ausländischen Tochtergesellschaften als diejenigen aus der Triade. Neu industrialisierte Staaten, wie z. B. die asiatischen Länder Hongkong (vor dem Anschluss an China), Singapur, Südkorea und Taiwan, haben sich als wettbewerbsstarke Nationen auf den Weltmärkten etabliert (Schamp 1996). Allein in China arbeiteten im Jahr 2009 etwa 20 % aller im Ausland beschäftigten Arbeitskräfte transnationaler Unternehmen (UNCTAD 2010). Zugleich sind die Zuwächse des Welthandels seit den 1970er-Jahren höher als die der Industrieproduktion, und multinationale Unternehmen treiben als global organisierte Akteure das Wachstum ausländischer Direktinvestitionen an (→ Abb. 4.13).

Abb. 4.12 Entwicklung und Verteilung der Zahl transnationaler Unternehmen nach ihrem Hauptsitz in entwickelten oder sich entwickelnden Volkswirtschaften (nach UNCTAD 2010, S. 17)

Abb. 4.13 Globalisierung durch Intensivierung des Außenhandels und der Kapitalverflechtungen (nach Stiftung Entwicklung und Frieden 2003, S. 156)
Hyperglobalisten (Held et al. 1999, Kap. 1) meinen aufgrund dieser Beobachtungen, das Ende des Nationalstaats erkannt zu haben, der durch einen unbegrenzten globalen Markt und weltumspannende Produktions-, Unternehmens- und Finanznetzwerke mächtiger weltweit tätiger Unternehmen zusehends ausgehöhlt werde. Eine grenzenlose Welt (Ohmae 1990) eröffne den Rahmen einer globalen Zivilgesellschaft. Demgegenüber wehren Globalisierungsskeptiker die Globalisierung als Mythos ab und verweisen in historischen Vergleichen auf die begrenzte internationale Ausdehnung ökonomischer Beziehungen in den 1990er-Jahren im Vergleich zum Beginn des 20. Jahrhunderts. So war der durchschnittliche Anteil der Exporte und Importe am Bruttonationaleinkommen 1973 weltweit geringer als noch im Jahr 1913. Eine Reihe von Staaten hat den durch die beiden Weltkriege bedingten Einbruch des globalen Güteraustauschs sogar bis zum Jahr 1994 noch nicht wieder ausgleichen können (Hirst und Thompson 1996; Kleinknecht und Wengel 1998; Hellmer et al. 1999, Kap. 2).
Messbare grenzüberschreitende Austauschbeziehungen können sowohl für den Handel von Vor- und Endprodukten und Diensten als auch für den Austausch von Produktionsfaktoren, wie z. B. Kapital, und Technologien statistisch erfasst werden (→ Tab. 4.1). Die nachfolgende Diskussion dieser internationalen Ströme soll die Intensität und in räumlicher Perspektive die Verflechtung der internationalen Wirtschaft veranschaulichen, um das Ausmaß bzw. die quantitative Dimension der Globalisierung zu prüfen, aber auch um die Grenzen einer Faktorperspektive aufzuzeigen.
Tab. 4.1 Zentrale Dimensionen internationalen ökonomischen AustauschsHandel von Gütern und Diensteninter- versus intrasektoraler HandelHandel von Endprodukten versus ZwischenproduktenInter- versus Intra-UnternehmenshandelKapitalverflechtungenausländische Portfolioinvestitionenausländische Direktinvestitionen (ADI)greenfield-ADIbrownfield-ADI (mergers & acquisitions)Wissens- und Technologieverflechtungengrenzüberschreitende Forschung und Entwicklung (FuE)Transfer von Technologien (Lizenzierung, Patentierung)Transfer von Designs und Marken (Verkauf, Lizenzierung, franchise)4.5.3Regionalisiertes Wachstum internationalen Handels
Das durchschnittliche Außenhandelsvolumen der OECD-Staaten (Organisation for Economic Cooperation and Development) betrug 2007 etwa 70 % ihres Bruttoinlandsprodukts, wobei kleinere Staaten wie Irland, Belgien, die Tschechische Republik und die Niederlande sogar Handelsvolumina erreichten, die über dem eigenen Bruttoinlandsprodukt lagen (OECD 2010). Die wachsende Bedeutung des internationalen Handels zeigt sich für die Bundesrepublik Deutschland im enormen Anstieg der Einfuhr- und Ausfuhrwerte zwischen 1990 und 2010 (→ Abb. 4.14). Im Jahr 2010 betrug der Wert der Einfuhr von Gütern und Dienstleistungen 806,2 Milliarden Euro bei einer Ausfuhr von 959,5 Milliarden Euro und einem Ausfuhrüberschuss von 153,3 Milliarden Euro (Statistisches Bundesamt 2011). In den Jahren 2003 bis 2008 war Deutschland innerhalb der OECD noch vor den USA die größte Exportnation für Waren (OECD 2010).

Abb. 4.14 Einfuhr und Ausfuhr in der Bundesrepublik Deutschland 1950 bis 2016 in tatsächlichen Werten (nach Statistisches Bundesamt (Destatis), Außenhandel, 2017)
Gemäß der Globalisierungshypothese ist das ungebrochene Wachstum des Handels ein Indiz für zunehmende globale Verflechtungen. Seit 1970 wächst der Export kontinuierlich stärker an als die Produktion von Gütern (Hirst und Thompson 1996, Kap. 3; Schamp 1996), d. h. Produkte werden immer weniger dort konsumiert, wo sie hergestellt werden. Am Beispiel der Staaten der Europäischen Union (EU) demonstrieren Kleinknecht und Wengel (1998) allerdings, dass das Maß an globaler Handelsverflechtung außerhalb Europas seit den 1960er-Jahren eher stagniert, während sich der innereuropäische Binnenhandel intensiviert hat (→ Abb. 4.15). Sowohl der Anteil der Importe als auch der der Exporte am Bruttoinlandsprodukt hat sich zwischen 1960 und 1995 im Binnenhandel der EU verdoppelt, während der Anteil der Importe und Exporte im Außenhandel nahezu unverändert geblieben ist.

Abb. 4.15 Entwicklung von europäischem Binnen- und Außenhandel der EU-12-Staaten gemessen am Bruttoinlandsprodukt (BIP) 1960 bis 1995 (nach Kleinknecht und Wengel 1998, S. 641)
Damit ist die quantitative Bedeutung der Globalisierung durchaus kritisch zu beurteilen. Entgegen der Globalisierungshypothese tritt die EU letztlich in erster Linie als ein regionaler Wirtschaftsblock in Erscheinung, der 1995 keineswegs stärker in die globale Weltwirtschaft eingebunden war als noch im Jahr 1960. Internationalisierung vollzieht sich aus europäischer Perspektive somit weniger als Prozess der Globalisierung, sondern vielmehr als wirtschaftliche Integration der EU-Staaten. Zwei Drittel des Außenhandelsvolumens der europäischen Mitgliedsstaaten konzentrierten sich im Jahr 2007 auf die Europäische Region, nur ein Drittel auf den Handel mit anderen Weltregionen (OECD 2010).
Ähnliches lässt sich für Nordamerika und Japan feststellen. Im Zeitraum von 1963 bis 1996 hat sich in beiden Fällen das Handelsgewicht auf den eigenen Wirtschaftsblock verstärkt und der Anteil des Gesamthandelsaufkommens mit weniger entwickelten Weltregionen wie Südamerika und Afrika verringert. Nordamerika, Japan und Europa bilden somit zu Recht die drei Zentren oder die Triade der internationalen Ökonomie (Ohmae 1985; Hirst und Thompson 1996; Dicken 1998, Kap. 2 und 3). Auch der größte Teil der transnationalen Unternehmen ist nach wie vor in der Triade ansässig: Im Jahr 2008 stammten 72 % aller transnationalen Unternehmen aus den betreffenden Industrienationen (UNCTAD 2010).
Die Verflechtung der Handelsbeziehungen entwickelt sich zusammengefasst keineswegs global in dem Sinne, dass alle Regionen der Welt gleichermaßen oder überhaupt stärker mit anderen Teilen der Welt vernetzt werden (z. B. Sternberg 1997). Vielmehr erfolgt die Internationalisierung des Handels als Prozess der Integration der industrialisierten kontinentalen Wirtschaftsblöcke (Nuhn 1997; 1998). Mit der Institutionalisierung der regionalen Wirtschaftsabkommen MERCOSUR (Mercado Común del Sur), dem gemeinsamen Markt Südamerikas, und ASEAN (Association of Southeast Asian Nations), dem asiatischen Äquivalent, nimmt auch der intraregionale Handel in Südamerika und Südostasien stetig zu (OECD 2010). Doch das Wachstum des weltweiten Handels ist nicht nur in räumlicher Perspektive stark konzentriert. Auch hat sich die Struktur des Handels verändert. Eine strukturelle Verschiebung zeigt sich in unterschiedlichen Aspekten des Handels, wobei verschiedene Handelstypen jeweils unterschiedliche Aspekte des Welthandels beleuchten.
(1) Intrasektoraler Außenhandel. Innerhalb der EU verringert sich der Anteil des intersektoralen Außenhandels immer stärker zugunsten des intrasektoralen Handels. Der intersektorale Handel repräsentiert die traditionelle Form des Außenhandels auf der Grundlage komparativer Kostenvorteile. So besagt das Theorem der komparativen Kostenvorteile nach Ricardo, dass es für Länder vorteilhaft ist, sich auf die Produktion derjenigen Produkte zu spezialisieren, die sie im Vergleich mit anderen Ländern am produktivsten herstellen können (Hesse 1988; Schumann 1988). Es müsste sich demnach eine internationale Arbeitsteilung mit entsprechendem intersektoralem Außenhandel entwickeln. Import und Export von Gütern und Dienstleistungen würden dabei wenige Überlappungen aufweisen. Diese klassische Form der internationalen Arbeitsteilung wird jedoch sukzessive durch überlappende Produktionstätigkeiten und einen entsprechenden intrasektoralen Handel abgelöst, bei dem gleiche oder ähnliche Produkte desselben Sektors gehandelt werden. Zwischen 1980 und 1996 erhöhte sich beispielsweise der Anteil des intrasektoralen Handels innerhalb der EU-12-Staaten um etwa 8 % auf über 60 % (OECD 1999 a), bis 2008 in den meisten OECD-Staaten sogar auf über 70 % (OECD 2010). Der wechselseitige Außenhandel vergleichbarer Güter, wie z. B. der deutsche Import ausländischer Autos bei gleichzeitigem Export deutscher Autos, deutet auf eine zunehmende Produktdifferenzierung und Pluralisierung der Märkte hin. Deutschlands Außenhandel bestand im Jahr 2008 zu 78 % aus dem Tausch brancheninterner Güter (OECD 2010).
(2) Außenhandel von Zwischenprodukten. Eine wachsende Bedeutung hat auch der internationale Handel mit Zwischenprodukten. Während in früheren Phasen Handelsbeziehungen mit Rohstoffen und Endprodukten vorherrschten, hat sich inzwischen eine internationale Arbeitsteilung in der Produktion etabliert, bei der immer mehr Zwischenprodukte einzelner Wertschöpfungsstufen in andere Länder exportiert und dort weiterverarbeitet werden. Das Wachstum des Handelsvolumens für Zwischenprodukte ist ein Indiz für die zunehmende internationale Organisation von Wertschöpfungsketten. Zwischen 1995 und 2006 wuchs der Anteil des Handels intermediärer Güter in den OECD-Staaten jährlich um 6 % für Waren und 7 % für Dienstleistungen. Der Handel mit intermediären Gütern machte 56 % des gesamten Warenhandels und 73 % des Handels mit Dienstleistungen aus (OECD 2010). Exportierte und importierte Güter sind folglich seltener für den Konsum und immer häufiger zur Weiterverarbeitung in einer sich fortwährend vertiefenden internationalen Arbeitsteilung bestimmt. Sinn (2005) befürchtet vor diesem Hintergrund, dass sich Deutschland zunehmend in eine Basar-Ökonomie, d.h. in einen Umschlagplatz der Veredelung ausländischer Vorprodukte in finale Exportwaren, wandelt (Handke 2014). Eine geographische Differenzierung der Handelsströme bestätigt die zuvor beschriebene Struktur des regionalisierten Welthandels. 85 % des gesamten Welthandels von Zwischengütern konzentrieren sich auf Handelsbeziehungen zwischen den 34 OECD-Mitgliedsstaaten sowie den Beitrittskandidaten und den Partnern mit verstärkter Zusammenarbeit, darunter Indien, China und Brasilien (OECD 2010). Hierbei sind intraregionale Ströme der Triade jeweils größer als interregionale (→ Abb. 4.16).

Abb. 4.16 Räumliche Struktur der Importe von Zwischengütern (Waren) nach Weltregionen (nach OECD 2010, S. 215)
(3) Unternehmensinterner Außenhandel. Durch die internationale Organisation der Produktion großer multinationaler Unternehmen gewinnt auch der grenzüberschreitende Handel zwischen Unternehmenseinheiten an Bedeutung. Nach einer Schätzung der Vereinten Nationen beträgt der Anteil des unternehmensinternen Handels weltweit etwa ein Drittel des gesamten Handelsaufkommens (UNCTAD 1995). Aufgrund der schwierigen Erfassung der tatsächlichen Ströme liegen bislang hierzu allerdings nur wenige Studien vor. In einer schwedischen Untersuchung wurde für 300 Industriebetriebe in ausländischem Besitz ermittelt, dass durchschnittlich über 40 % der betrieblichen Exporte an ausländische Einheiten des gleichen Unternehmens gerichtet waren und umgekehrt etwa 30 % der Importe von anderen Unternehmensteilen aus dem Ausland bezogen wurden (Ivarsson und Johnsson 2000). Statistiken der OECD zeigen seit den 1990er-Jahren eine leichte Zunahme des unternehmensinternen Handels für eine Reihe von Ländern, die diesen Handel statistisch erfassen. So nahm der Anteil interner Exporte in den USA, Kanada und den Niederlanden leicht auf 50 % zu, während er in Schweden von 35 auf 75 % stark anstieg (OECD 2005 a). Insgesamt tauschen ausländische Tochtergesellschaften mehr Sach- und Dienstleistungen mit unternehmenseigenen Schwesterbetrieben im Ausland als mit anderen Unternehmen. Die Anteile unternehmensinterner Importe und Exporte schwanken erheblich zwischen Unternehmen, Sektoren und Ländern. So tendieren vor allem Unternehmen in technologie- und forschungsintensiven Sektoren zu einem ausgeprägten unternehmensinternen Außenhandel. In räumlicher Perspektive scheint der unternehmensinterne Außenhandel wiederum auf regionale Wirtschaftsblöcke sowie auf die Triade konzentriert zu sein. Umfang und Struktur des unternehmensinternen Außenhandels hängen letztlich maßgeblich von der gewählten länder- bzw. marktspezifischen Strategie der betreffenden multinationalen Unternehmen und somit von deren spezifischer internationaler Produktionsorganisation ab.
4.5.4Internationalisierung von Kapitalverflechtungen durch Direktinvestitionen
Ausländische Direktinvestitionen (ADI) haben im Vergleich zu internationalen Handelsverflechtungen ein noch höheres Wachstum erfahren und dokumentieren die zunehmende Bedeutung internationaler Aktivitäten multinationaler Unternehmen (Hirst und Thompson 1996). Als Direktinvestitionen gelten Investitionen zur Gründung von Zweigbetrieben oder zum Erwerb von bzw. zur Beteiligung (mindestens 10 %) an Unternehmen mit dem Ziel, Unternehmensaktivitäten, -strategien und -führung zu kontrollieren. Hiervon sind Portfolioinvestitionen zu unterscheiden, die nicht aus Gründen der Einflussnahme auf die Unternehmenskontrolle erfolgen, sondern mit dem Ziel kurzfristiger Gewinne durch Minderheitsbeteiligungen. ADI werden sowohl in Form der jährlichen Kapitalströme als auch der kumulierten Kapitalbestände in den jeweiligen Ländern erfasst (Cantwell und Mudambi 2005; Iammarino und McCann 2013; Cantwell 2016).
Der größte Teil der ADI entfällt auf die Übernahme oder Erweiterung bestehender Unternehmen durch sogenannte Brownfield-Investitionen. Nur ein relativ geringer Anteil wird für sogenannte Greenfield-Investitionen aufgewendet, also in den Aufbau neuer Unternehmen oder Zweigwerke in anderen Ländern investiert. Seit den 1990er-Jahren haben sich die Transaktionsvolumina grenzüberschreitender Fusions- und Akquisitionsprozesse (mergers & acquisitions) ständig erhöht, um nach einem Einbruch infolge der globalen Wirtschaftskrise 2001/2002 seit 2003 wieder bis zur Weltfinanzkrise 2007 anzuwachsen (→ Abb. 4.17).

Abb. 4.17 Internationale Fusions- und Akquisitionstransaktionen von Unternehmen in OECD-Staaten: a) ausgehende Investitionen, b) eingehende Investitionen, 1997 bis 2008 (nach OECD 2010)
Direktinvestitionen tendieren zur räumlichen Ballung (Schamp 2000 b, Kap. 3.5). Hirst und Thompson (1996, Kap. 4) untersuchten im Jahr 1987 für 500 und 1992/1993 für über 2000 multinationale Unternehmen aus mehreren Ländern die geographische Verteilung der Direktinvestitionen sowie ihrer Standorte. Trotz geringfügiger Abweichungen zeigte sich ein eindeutiger Trend im Investitionsverhalten der Unternehmen der großen Industrienationen USA, Großbritannien, Deutschland und Japan. Umsätze, ADI und Gewinne der Unternehmen waren in allen Ländern stark auf das Herkunftsland (home base) konzentriert. Die Konzentration der Geschäftstätigkeit auf die home base traf gleichermaßen auf Industrie- wie auf Dienstleistungsunternehmen zu. Trotz erschwerter Vergleichbarkeit der Datenbanken decken sich die Ergebnisse von 1987 weitgehend mit denen von 1992/1993. Ruigrok und van Tulder (1995, Kap. 7) untersuchten in einer Studie die 100 größten multinationalen Unternehmen und kamen dabei ebenfalls zu dem Ergebnis, dass Unternehmen trotz zum Teil weltweiter Aktivitäten immer noch stark in Richtung ihres Stammlands orientiert waren. Hirst und Thompson (1996, Kap. 4) schlossen aus ihrer Analyse, dass die großen internationalen Konzerne aufgrund der Konzentration ihrer Aktivitäten auf das jeweilige Herkunftsland bzw. auf den kontinentalen Block eher als multinationale und nicht als transnationale Unternehmen verstanden werden sollten (→ Kap. 11.3). Weiter gelangen sie zu der Überzeugung, dass die Idee eines offenen globalen Markts ohne institutionelle und standörtliche Beschränkungen eine Illusion sei (Hirst und Thompson 1996, Kap. 3).
Kleinknecht und Wengel (1998) wiesen in ihren Studien für niederländische und britische Unternehmen Ende des 20. Jahrhunderts eine Stagnation von ADI nach. Frankreich und Deutschland verzeichnen zwar seit den 1980er-Jahren einen Zuwachs an ADI, dieser geht aber mit einer Verminderung des in die Entwicklungs- und Schwellenländer fließenden Anteils von ADI einher. Der räumliche Konzentrationsprozess von Direktinvestitionen deutscher Unternehmen im Ausland untermauert dieses Ergebnis (→ Tab. 4.2). Zwar wachsen ADI in absoluten Werten auch in nicht-europäischen Staaten, aber der Anteil dieser Länder an den gesamten ADI bleibt nahezu konstant. In den Entwicklungs- und Schwellenländern hat sich der Anteil deutscher ADI seit 1980 sogar halbiert. Im Sinne der eingangs erwähnten Globalisierungshypothese müssten demgegenüber gerade Niedrigkosten-Länder aufgrund von Kostenvorteilen attraktive Magneten für Investitionen zur Standortansiedlung sein. Weder die Entwicklung der Außenhandels- noch der Kapitalverflechtungen entspricht in dieser Periode jedoch der Globalisierungshypothese.
Tab. 4.2 Ausländische Direktinvestitionen (ADI) von deutschen Unternehmen nach Zielregionen 1979 bis 1993 (Kleinknecht und Wengel 1998, S. 643)JahrAusländische Direktinvestitionenin Mrd. DMADI-Anteil in EU-12-LänderADI-Anteil in andere IndustrieländerADI-Anteil in Entwicklungs-/ Schwellenländer197969,539,6 %37,3 %23,2 %1981101,236,0 %38,5 %23,3 %1987150,940,8 %46,3 %12,9 %1989205,643,7 %45,2 %11,1 %1991262,751,0 %38,3 %10,7 %1993319,448,0 %39,5 %12,6 %4.5.5Internationalisierung des Austauschs von Technologien und Wissen
Neben den Handels- und Kapitalverflechtungen erhält auch der internationale Transfer von Technologien und Wissen ein zunehmendes Interesse in der Globalisierungsdiskussion. Anhand von drei Dimensionen kann exemplarisch die steigende Intensität dieses Austauschs dargestellt werden.
(1) FuE-Einrichtungen. In einer Studie von Casson et al. (1992) über die internationale Verteilung von Forschungseinrichtungen von 500 Großunternehmen konnte nachgewiesen werden, dass die Unternehmen der meisten Industrieländer eine relativ starke Konzentration ihrer FuE-(Forschungs-und-Entwicklungs-)Aktivitäten im Heimatland aufrecht erhalten. Allerdings hatten niederländische, schweizerische, deutsche und britische Unternehmen zwischen 60 und 80 % ihrer FuE-Einrichtungen im Ausland angesiedelt. Unternehmen aus den USA als der Nation mit den meisten FuE-Einrichtungen unterhielten demgegenüber durchschnittlich nur 30 % ihrer Labore im Ausland (Hirst und Thompson 1996, Kap. 4). Insgesamt verändert sich die Qualität der internationalen Arbeitsteilung in Forschung und Entwicklung. Während ausländische FuE-Einrichtungen zunächst vorwiegend dazu dienten, Produkte und Prozesse an ausländische Produktions- und Marktbesonderheiten anzupassen, werden die Einrichtungen inzwischen stärker auch in unternehmensinterne Forschungsnetze einbezogen. Sie erhalten größere Budgets und umfassendere Verantwortung, was unter anderem dazu führte, dass sich der Anteil ausländischer FuE-Ausgaben US-amerikanischer Unternehmen von 6 auf 11 % im Zeitraum von 1985 bis 1995 nahezu verdoppelte (Blanc und Sierra 1999). Einerseits wird dadurch mehr Nähe zu den lokalen Fähigkeiten in den jeweiligen Standortumgebungen hergestellt (Blanc und Sierra 1999), andererseits können lokale Spezialisierungen als centers of excellence für weltweite Operationen ausgebaut werden (Zeller 2000). Dies ist bisher allerdings nur in wenigen Industriebranchen wie der pharmazeutischen Industrie und hier nur in bestimmten Unternehmen erkennbar.




