Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat

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Dieser Gedanke des »Überblicks«, der dem Vorgehen des Bibliothekars zugrunde liegt, ist von großer praktischer Bedeutung, denn seine intuitive Erkenntnis ist es, die einigen Privilegierten die Mittel in die Hand gibt, sich relativ unbeschadet aus der Affäre zu ziehen, wenn sie in bestimmten Situationen auf frischer Tat der Unwissenheit überführt werden könnten.
Die Gebildeten wissen es – vor allem aber wissen es die Ungebildeten zu ihrem Unglück nicht –, dass Bildung in erster Linie eine Sache der Orientierung ist. Gebildet zu sein bedeutet nicht, das eine oder andere Buch gelesen zu haben, es bedeutet, sich in der Ganzheit aller Bücher zurechtzufinden, also als Erstes zu wissen, dass sie eine Ganzheit bilden, und dann in der Lage zu sein, jedes einzelne Element im Zusammenhang mit den anderen einzuordnen. Auf das Innere kommt es hier weniger an als auf das Äußere, oder, wenn man will, das Innen eines Buches ist sein Außen, da es bei jedem Buch auf die Bücher neben ihm ankommt.
Daher ist es für einen gebildeten Menschen unwichtig, ob er ein bestimmtes Buch gelesen hat oder nicht, da er, auch ohne über seinen Inhalt genau unterrichtet zu sein, oft fähig ist, seine Stellung zu erfassen, das heißt die Art und Weise, wie es sich im Verhältnis zu den andern situiert. Diese Unterscheidung zwischen Inhalt eines Buches und seiner Stellung ist ganz entscheidend, ist sie es doch, die es jemandem, den Bildung nicht schreckt, erlaubt, sich problemlos zu jedem beliebigen Thema zu äußern.
So habe ich zum Beispiel den Ulysses[7] von Joyce nie »gelesen« und werde ihn wahrscheinlich auch nie lesen. Der »Inhalt« des Buches ist mir also weitgehend unbekannt. Sein Inhalt, nicht aber seine Stellung. Nun aber ist der Inhalt eines Buches weitgehend seine Stellung. Damit meine ich, dass ich durchaus nicht dumm dastehe, wenn in einem Gespräch die Rede auf Ulysses kommt, da ich in der Lage bin, ihn mit relativer Präzision in Bezug auf die anderen Bücher einzuordnen. So weiß ich, dass es sich dabei um eine Wiederaufnahme der Odyssee[8] handelt, dass er dem Stil des Bewusstseinsstroms verpflichtet ist, dass seine Handlung an einem einzigen Tag in Dublin spielt usw. Und so kann es geschehen, dass ich in meinen Vorlesungen, ohne mit der Wimper zu zucken, auf Joyce verweise.
Mehr noch, wie wir weiter unten bei der Analyse der Machtverhältnisse sehen werden, die beim Sprechen über unsere Lektüre im Spiel sind, sehe ich mich durchaus in der Lage, ohne jede Scham über mein Nichtlesen von Joyce zu reden. Tatsächlich besteht meine geistige Bibliothek eines Intellektuellen wie jede andere aus Löchern und Lücken, was aber im Grunde keine Bedeutung hat, da sie so ausreichend bestückt ist, dass eine bestimmte leere Stelle nicht auffällt, geht doch jeder Diskurs ohnehin sehr schnell von einem Buch zum nächsten über.
Die meisten Gespräche über ein Buch haben, auch wenn es anders scheinen mag, weniger mit ihm selbst als mit einem weit größeren Ganzen zu tun, mit der Gesamtheit aller wichtigen Bücher, auf der eine bestimmte Kultur zu einem bestimmten Zeitpunkt beruht. Diese Gesamtheit werde ich von nun an kollektive Bibliothek nennen, und auf sie kommt es in Wirklichkeit an, denn ihre Beherrschung ist in einem Gespräch über Bücher gefragt. Diese Beherrschung aber ist eine Beherrschung der Beziehungen und nicht eines bestimmten isolierten Elements und verträgt sich wunderbar mit dem Unwissen über einen bestimmten Teil des Ganzen.
Somit hört ein Buch, sobald es in unser Wahrnehmungsfeld tritt, auf, unbekannt zu sein, und nichts über es zu wissen bedeutet absolut kein Hindernis, von ihm zu träumen oder zu reden. Noch bevor ein gebildeter, neugieriger Mensch ein Buch aufgeschlagen hat, kann schon sein Titel oder ein kurzer Blick auf den Umschlag eine Reihe von Bildern und Eindrücken bei ihm hervorrufen, die nur darauf warten, in eine erste Meinung verwandelt zu werden, die noch befördert wird durch die Vorstellung, welche die Allgemeinbildung über das Ganze der Bücher bietet. So kann eine noch so flüchtige Begegnung mit einem von ihnen, selbst wenn er es nie aufschlagen wird, für den Nichtleser der Anfang einer authentischen persönlichen Annäherung sein – und gibt es nicht unter Umständen unbekannte Bücher, die diesen Status bereits bei der ersten Begegnung verlieren?
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Das Besondere am Nichtlesen von Musils Bibliothekar besteht im Grunde darin, dass seine Haltung nicht passiv, sondern aktiv ist. Zahlreiche gebildete Menschen sind Nichtleser, und umgekehrt sind zahlreiche Nichtleser gebildete Menschen, da das Nichtlesen nicht einfach die Abwesenheit des Lesens bedeutet. Es stellt eine aktive Tätigkeit dar, die darin besteht, sich in Bezug auf die Unermesslichkeit der Bücher zu organisieren, um sich nicht von ihnen überwältigen zu lassen. In diesem Sinne verdient das Nichtlesen verteidigt und gar unterrichtet zu werden.
Nun gleicht nichts, zumindest für ein ungeübtes Auge, dem Ausbleiben des Lesens mehr als das Nichtlesen, und niemand scheint jemandem, der nicht liest, näher als jemand, der nicht liest. Beobachtet man aber das Verhalten der beiden Personen einem Buch gegenüber, so gibt es über die Unterschiedlichkeit der jeweiligen Haltungen und Motive, die ihnen zugrunde liegen, keine Zweifel.
Im ersten Fall interessiert sich die nicht lesende Person nicht für das Buch, wobei hier »Buch« gleichzeitig als Inhalt und als Stellung zu verstehen ist. Die Beziehungen, die es zu den andern unterhält, sind ihm genauso gleichgültig wie sein Gegenstand, und die Angst, er könnte, wenn er sich für ein einziges interessiert, den Eindruck erwecken, die andern gering zu schätzen, ist ihm unbekannt.
Im zweiten Fall verzichtet die nicht lesende Person nur deshalb auf die Lektüre, um wie Musils Bibliothekar das Wesentliche des Buches zu erfassen, nämlich seine Stellung in Bezug zu den anderen. Damit bekundet sie nicht etwa mangelndes Interesse am Buch, ganz im Gegenteil. Gerade das Wissen um die enge Verknüpfung zwischen Inhalt und Stellung veranlasst sie zu diesem Vorgehen, das von einer Weisheit zeugt, die er so manchem Leser voraus hat, und das bei genauerem Nachdenken vielleicht sogar von mehr Respekt dem Buch gegenüber zeugt.
1 UB und EB ++
2 ROBERT MUSIL, Der Mann ohne Eigenschaften. Neu durchgesehene und verbesserte Auflage, Reinbek bei Hamburg 1981, Band I, S. 459
3 Ibid., S. 460
4 Ibid., S. 462
5 Ibid., S. 462
6 Ibid., S. 461
7 EB ++
8 UB und EB ++
Zweites Kapitel
BÜCHER, DIE MAN QUERGELESEN HAT
in dem wir mit Valéry erkennen, dass es reicht, ein Buch querzulesen, um ihm einen ganzen Artikel zu widmen, und dass es bei manchen Büchern geradezu unziemlich wäre, anders vorzugehen.
DER GEDANKE DES »ÜBERBLICKS« beschränkt sich nicht auf die Stellung des Buches innerhalb der kollektiven Bibliothek. Er gilt genauso für die Situierung eines einzelnen Abschnitts innerhalb eines ganzen Buches. Die Fähigkeiten der Orientierung, die ein gebildeter Leser in Bezug auf die Zusammensetzung der Bibliothek im Allgemeinen zu entwickeln weiß, sind ebenfalls gefragt, wenn es um das Innere eines einzelnen Bandes geht. Gebildet sein heißt fähig sein, sich rasch in einem Buch zurechtzufinden, und das bedeutet nicht, dass man das ganze Buch lesen muss, ganz im Gegenteil. Man könnte sogar sagen, je größer diese Fähigkeit ist, umso weniger ist es nötig, ein bestimmtes Buch zu lesen.
Die Haltung von Musils Bibliothekar stellt einen Extremfall dar, der selbst unter den erklärten Lesemuffeln nur Seltenheitswert hat, da es außerordentlich schwierig ist, nie zu lesen. Schon verbreiteter ist der Fall des Lesers, der nicht ganz auf Bücher verzichten will, sich jedoch mit dem Querlesen zufriedengibt. Musils Held befindet sich übrigens in einer zweideutigen Position, da er sich zwar einerseits, wie wir gesehen haben, davor hütet, die Bücher zu öffnen, sich aber doch für die Titel und Inhaltsangaben interessiert und so, ob er will oder nicht, eine erste Annäherung ans Werk andeutet.
Dass wir Bücher überfliegen, ohne sie wirklich zu lesen, hindert uns keineswegs daran, sie zu kommentieren. Unter Umständen ist dies sogar die effizienteste Art, sie sich anzueignen, weil man so ihr tiefes Wesen und ihre Möglichkeiten der Bereicherung respektiert, ohne sich in Einzelheiten zu verlieren. Dies jedenfalls ist die Meinung – und entschiedene Praxis – des Meisters im Nichtlesen, Paul Valéry.
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In der Galerie der Schriftsteller, die vor den Risiken des Lesens gewarnt haben, nimmt Valéry eine Vorzugsstellung ein, ist doch ein Teil seines Werkes nichts anderes als eine scharfe Anprangerung der Gefahren genau dieser Tätigkeit. So lebt Monsieur Teste, ein Held ganz im Sinne Valérys, in einer Wohnung, in der kein einziges Buch steht, und wir dürfen davon ausgehen, dass er in diesem wie in vielen anderen Punkten dem Schriftsteller, der aus seiner Lesefaulheit keinen Hehl macht, als Vorbild dient: »Ich hatte erst eine Abneigung gegen das Lesen und meine Lieblingsbücher an meine Freunden verteilt. Später, nach der kritischen Zeit, musste ich sogar einige Bücher neu erwerben. Aber ich bin noch immer kein großer Leser, suche ich doch in einem Werk stets nur nach dem, was meine eigene Tätigkeit im einen oder anderen Sinne befördern kann.«[1]
Dieses Misstrauen gegenüber Büchern betrifft als Erstes die Biografie. Valéry hat sich innerhalb der Literaturkritik dadurch einen Namen gemacht, dass er die Notwendigkeit der gewöhnlich aufgestellten Beziehung zwischen Werk und Autor in Zweifel zog. Tatsächlich herrschte im neunzehnten Jahrhundert die Meinung vor, dass die Kenntnis des Autors jene des Werks begünstige und man also so viele Informationen wie möglich über ihn zusammentragen solle.
Valéry, der mit dieser Tradition in der Kritik bricht, vertritt die Ansicht, dass der Autor allem Anschein zum Trotz das Werk nicht erklären kann. Dieses ist das Produkt eines schöpferischen Prozesses, der sich zwar in ihm abspielt, ihn aber übersteigt und sich nicht auf ihn reduzieren lässt. Es ist also, um ein Werk zu verstehen, absolut sinnlos, Erkundigungen über den Autor einzuholen, da dieser bestenfalls eine Durchgangsstation ist.
Valéry ist zu seiner Zeit keineswegs der Einzige, der für die Trennung zwischen Werk und Autor plädiert. In Gegen Saint-Beuve[2] verficht Proust die Theorie, nach der das literarische Werk das Produkt eines Ich ist, das sich von der Person, die wir kennen, unterscheidet, und er illustriert diesen Gedanken in der Suche nach der verlorenen Zeit[3] mit der Figur des Bergotte. Damit aber nicht genug, verbannt Valéry nicht nur den Autor aus dem Feld der Literaturkritik, sondern entledigt sich bei dieser Gelegenheit auch gleich noch des Textes.
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Dass Valéry wenig – oder manchmal auch gar nicht – liest, hindert ihn nicht daran, eine dezidierte Meinung über die Autoren zu haben, die er nicht kennt, und sich ausführlich über sie zu äußern.
Valéry hat also Proust genauso wenig gelesen wie die meisten anderen, die über ihn reden. Doch im Gegensatz zu so vielen lässt er sich dadurch nicht aufhalten, sondern gesteht es mit ruhigem Zynismus ein, und so beginnt seine Hommage an Proust in der Nouvelle Revue Française vom Januar 1923, kurz nach dem Tod des Schriftstellers, mit folgenden Worten:
»Obwohl ich kaum einen einzigen Band des großen Werks von Marcel Proust kenne und die Kunst des Romanciers mir eine fast unbegreifliche Kunst ist, weiß ich doch immerhin durch das wenige aus der Recherche du temps perdu, das ich Muße zu lesen hatte, was für ein außerordentlicher Verlust der Literatur widerfahren ist; und nicht nur der Literatur, sondern mehr noch der geheimen Gesellschaft, welche in jeder Epoche die bilden, die der Literatur ihren wahren Wert geben.«[4]
Doch es kommt gleich noch schlimmer, denn als Rechtfertigung dafür, dass er den Autor, von dem er spricht, nicht kennt, versteckt er sich hinter den positiven, vor allem aber übereinstimmenden Meinungen André Gides und Daudets:
»Um gegen jeden Zweifel sicher zu sein, hätte es mir im übrigen, selbst ohne eine Zeile dieses umfangreichen Werks gelesen zu haben, genügt, über seine Bedeutung so ungleiche Geister wie Gide und Léon Daudet einig zu finden; ein so seltenes Zusammentreffen kann nur in nächster Nähe der Gewißheit stattfinden. Wir können beruhigt sein: die Sonne scheint, wenn beide doch es zugleich verkünden.«[5]
So ist also die Meinung anderer entscheidend, um seine eigene Ansicht zu formulieren, ja, man kann sich sogar vollständig auf sie stützen, sodass man – nehmen wir an, das ist für Valéry der Fall – keine einzige Zeile des Textes gelesen haben muss. Das Dumme an diesem blinden Vertrauen in andere Leser ist nur, wie er unumwunden eingesteht, dass es schwierig ist, im Kommentar durch Genauigkeit zu glänzen:
»Andere werden genau und gründlich über ein so starkes und feinsinniges Werk sprechen. Wieder andere werden darstellen, was der Mensch war, der es schuf und zum Ruhm brachte; vor vielen Jahren habe ich es nur gerade eben eingesehen. Ich kann hier nur eine Meinung ohne Kraft und beinahe unwürdig, geschrieben zu werden, vortragen. Es ist nur eine Ehrung, eine vergängliche Blume auf einem Grab, das dauert.«[6]
Sieht man über Valérys Zynismus hinweg und trägt stattdessen seiner Ernsthaftigkeit Rechnung, so muss man zugeben, dass die paar Seiten über Proust, die auf diese Einleitung folgen, einen Kern Wahrheit enthalten, denn sie zeigen etwas, das wir immer wieder selbst feststellen können, nämlich dass es keineswegs nötig ist, seinen Gesprächsgegenstand zu kennen, um sich korrekt darüber zu äußern.
Nach der Einleitung spaltet sich der Artikel in zwei Teile. Der erste handelt vom Roman im Allgemeinen, wobei sich Valéry offensichtlich nicht lange mit genauen Betrachtungen abzugeben gedenkt. So erfährt man, dass der Roman darauf abzielt, »uns ein oder mehrere imaginäre ›Leben‹ mitzuteilen; er führt Personen ein, setzt Zeit und Raum fest, berichtet Vorfälle«, was ihn von der Poesie unterscheidet und es ihm erlaubt, ohne sehr großen Verlust zusammengefasst oder übersetzt zu werden.[7] Diese Bemerkungen, mögen sie auch für eine ganze Reihe von Romanen Gültigkeit haben, lassen sich allerdings kaum auf Proust anwenden, dessen Werk sich nur schwer zusammenfassen lässt. Im zweiten Teil seines Textes zeigt sich Valéry schon etwas besser inspiriert.
Dieser ist Proust gewidmet, um den man in einer Hommage wohl nicht ganz herumkommt. Nachdem er ihn zu allen anderen Schriftstellern in Beziehung gesetzt hat, von denen er zuvor sprach, hebt Valéry nun doch dessen Besonderheit hervor, ausgehend von der gewiss Proust’schen Vorstellung, dass sein Werk sich auszeichnet durch den »Überfluß an Verknüpfungen, die das geringste Bild so ungezwungen in der eigenen Substanz des Autors fand«. Dieser Fingerzeig auf die Proust’sche Art, die unendlich kleinen Verbindungen jedes Bildes in Szene zu setzen, stellt einen doppelten Vorteil dar. Als Erstes ist es nicht nötig, Proust gelesen zu haben, um dafür empfänglich zu sein, und um dies festzustellen, kann man ihn aufschlagen, auf welcher Seite man will. Darüber hinaus ist dieses Vorgehen strategisch angemessen, da es darauf hinausläuft, den Akt des Herauspflückens selbst und damit also den Verzicht auf das Lesen zu legitimieren.
Tatsächlich kann Valéry sehr geschickt erklären, wie die Anziehungskraft von Prousts Werk mit seiner außerordentlichen Eigenschaft zusammenhängt, dass man ihn auf jeder beliebigen Seite aufschlagen kann:
»Der Reiz seiner Werke ruht in jedem Fragment. Man kann das Buch aufschlagen, wo man will; seine Lebenskraft hängt überhaupt nicht von dem ab, was vorausgeht, gewissermaßen von der erworbenen Illusion; sie beruht in dem, was man die Selbsttätigkeit seines Textgewebes nennen könnte.«[8]
Valérys Geniestreich besteht darin, dass er sich für die Theorie zu seiner Lektürepraxis auf den Autor beruft, den zu lesen er nicht vorhat und der geradezu nach seinem Vorgehen verlangt, sodass der Verzicht auf das Lesen noch das beste Kompliment ist, das man ihm machen kann. Und so macht er denn auch, wenn er in den Schlussfolgerungen seines Artikels die »schwierigen Autoren« würdigt, die bald niemand mehr verstehen kann, kein Geheimnis daraus, dass er, hat er seine Aufgabe als Kritiker erfüllt, genauso wenig wie zuvor die Absicht hat, sich an die Lektüre Prousts zu machen.[9]
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Wenn die Würdigung Prousts Valéry dazu dient, seine Vorstellung vom Lesen darzulegen, so wird ihm ein anderer bedeutender Zeitgenosse, Anatole France, die Gelegenheit bieten, sein wahres Gesicht zu zeigen und diesmal nicht nur auf den Autor, sondern auch gleich noch auf den Text zu verzichten.
Als Valéry im Jahr 1927 als Nachfolger von Anatole France in die Académie Française aufgenommen wird und dadurch in die Verlegenheit kommt, dessen Nachruf zu verfassen, tut er alles, um der Aufgabe, die er sich in der Einleitung seiner Rede selbst stellt, nicht nachzukommen:
»Der einzige Hilfsquell der Toten sind die Lebenden. Unsere Gedanken sind für sie der einzige Weg zum Licht. Die uns so viel gelehrt haben, die offenbar für uns dahingegangen sind und alle ihre Chancen uns überlassen haben, sie seien – so ist es gerecht und unser würdig – ehrfürchtig in unserem Gedenken empfangen, sie mögen ein wenig Leben aus unseren Worten trinken.«[10]
Wollte Anatole France im Gedächtnis oder in einem Text weiterleben, so hätte er einen anderen finden müssen als Valéry, der sich während seines ganzen Vortrags die größte Mühe gibt, ihm nicht zu huldigen. Tatsächlich ist Valérys Rede nichts anderes als eine nicht abreißende Serie von Gemeinheiten gegen seinen Vorgänger, für den er wiederholt das Prinzip des zweifelhaften Kompliments in Anwendung bringt:
»Das große Publikum war meinem ruhmvollen Vorgänger unendlich dankbar, daß er ihm das reizvolle Gefühl einer Oase verschafft hatte. Der erfrischende Gegensatz seiner abgemessenen Schreibweise zu den geräuschvollen und verwickelten Stilarten, in denen ringsumher geschrieben wurde, rief nur angenehme, freundliche Überraschung hervor. Es schien, als seien Ungezwungenheit, Klarheit und Einfachheit auf die Erde zurückgekehrt. Sie sind ja die gefälligen Göttinnen der Mehrheit. Jeder mußte eine solche Sprache lieben, die sich ohne vieles Grübeln genießen ließ, deren gefällige Natürlichkeit verführte, deren Durchsichtigkeit bisweilen wohl einen Hintergedanken durchscheinen ließ, der aber nicht undeutbar, im Gegenteil stets leicht verständlich, wenn auch nicht immer ganz befriedigend war. Seine Bücher bewiesen eine vollendete Kunst, die gewichtigsten Gedanken und Probleme obenhin zu streifen. Nichts behinderte den schweifenden Blick, außer etwa das Erstaunen selbst, keinem Widerstand zu begegnen.«[11]
Einer solchen Dichte an unterschwelligen Beleidigungen auf so wenigen Zeilen begegnet man nicht jeden Tag, wird doch das Werk Anatole Frances nacheinander als »angenehm«, »freundlich«, »erfrischend«, »gemessen« und »einfach« bezeichnet, was in der Literaturkritik schwerlich als Kompliment aufgefasst werden kann. Und darüber gefällt es – ein letzter Fußtritt – möglicherweise allen. Man kann es genießen, ohne zu grübeln, da die Ideen nur »gestreift« werden, eine Einschätzung, die Valéry auch gleich weiter ausführt:
»Was ist auch reizvoller als die köstliche Illusion der Klarheit, die uns ein Gefühl müheloser Bereicherung, sorgenlosen Genießens, achtlosen Verständnisses, kostenlosen Schauspiels schenkt?
Glücklich die Schriftsteller, die die Last des Denkzwanges von uns nehmen und mit leichter Hand ein reizvolles Trugbild um die komplizierte Gestalt aller Dinge weben!«[12]
Stellt Valérys Huldigung auf Anatole France nichts als eine Anhäufung von Gemeinheiten dar, so stimmt der Text durch seine Vagheit umso nachdenklicher, als ob Valéry auf keinen Fall den Eindruck erwecken möchte, er habe Anatole France gelesen, da dies seiner Meinung über ihn widersprochen hätte. Nicht nur nennt er keinen einzigen Titel seines Werks, der Text wird zu keinem Moment auch nur ein bisschen explizit, und er macht nicht die leiseste Anspielung auf eines seiner Bücher.
Schlimmer noch, Valéry hütet sich, auch nur ein einziges Mal den Schriftsteller, auf dessen Sitz er folgen wird, beim Namen zu nennen, sondern verweist nur andeutungsweise durch Wortpiele auf ihn: »Nur in Frankreich, dem er seinen Namen entlieh, war er selbst möglich und anderswo kaum vorstellbar.«[13]
Dass Valéry unbedingt den Eindruck zu vermeiden sucht, er könnte Anatole France gelesen haben, mag vielleicht auch mit dem Hauptvorwurf zusammenhängen, den er ihm macht, nämlich zu viel zu lesen. France, den er als unermüdlichen Leser bezeichnet – was bei Valéry einer Beschimpfung gleichkommt –, ist jemand, der sich, ganz anders als sein Nachfolger an der Académie, in den Büchern verirrt hat:
»Ich weiß wahrhaftig nicht, meine Herren, wie eine Seele bei dem bloßen Gedanken an die unendlichen Stapel von Schriftwerken, die sich in der Welt ansammeln, den Mut bewahren kann. Was gibt es für den Geist Schwindelerregenderes, Verwirrenderes, als die golden geharnischten Wände einer Bibliothek zu betrachten; und was ist Niederdrückenderes zu sehen als die Bücherbänke, jene Brüstungen aus Geisteswerken, die auf den Uferstraßen sich bilden; jene Millionen von Bänden und Broschüren, gestrandet an den Ufern der Seine, wie geistige Wracks, ausgesondert vom Zeitenfluß, der sich ihrer entledigt und sich von ihren Gedanken reinigt?«[14]
Dieser Leseexzess hat bei France zum Verlust seiner Originalität geführt. Denn genau das ist aus Sicht Valérys die Hauptgefahr, die das Lesen für einen Schriftsteller darstellt, weil es ihn in Abhängigkeit zu anderen bringt:
»Meine Herren, das gelehrte, feinsinnige Mitglied Ihrer Vereinigung hat der großen Zahl gegenüber kein Unbehagen verspürt. Sein Geist war widerstandsfähiger. Um sich vor solchem Widerwillen und vor dem Schwindel, den die Statistik erregt, zu bewahren, hatte er nicht nötig, nur sehr wenig zu lesen. Fern von allem Gefühl der Bedrücktheit, regte ihn dieser Reichtum an, dem er soviel Belehrung und glückliche Wirkungen für Art und Bedarf seiner Kunst entnahm.
Man hat nicht unterlassen, ihm hart und unverständig vorzuwerfen, um so viele Dinge zu wissen und sich seines Wissens wohl bewußt zu sein. Was sollte er denn tun? Was tat er anderes, als was seit je geschieht? Es gibt nichts Originelleres, als daß man den Schriftstellern eine Art von Verpflichtung auferlegt, in jeder Hinsicht originell zu sein.«[15]
Einer der Schlüssel zur Lektüre des Textes ist in der Formel zu finden, die sich antithetisch zu Frances Vorgehen verhält, »zu ignorieren, was man weiß«. Die Bildung trägt die Bedrohung in sich, in den Büchern der anderen stecken zu bleiben, was unbedingt zu vermeiden ist, will man selbst schöpferisch sein. Kurz, France, der keinen persönlichen Weg zu finden wusste, ist geradezu ein Paradebeispiel für die schädlichen Folgen des Lesens, und man versteht, dass Valéry nicht nur sorgsam darauf achtet, kein einziges Mal aus seinem Werk zu zitieren oder es auch nur zu erwähnen, sondern sogar seinen Namen zu nennen, als könnte schon das Aussprechen ihn in einen identischen Prozess des Selbstverlusts verwickeln.
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Das Problem bei diesen »Würdigungen« Prousts oder Anatole Frances ist, dass sie Misstrauen streuen auf alle anderen Texte, die Valéry Schriftstellern gewidmet hat, weil man sich unweigerlich fragt, ob er sie gelesen oder wenigstens kurz überflogen hat. Sobald Valéry zugibt, dass er wenig liest, sich aber mit seiner Meinung trotzdem nicht zurückzuhalten gedenkt, wird auch die kleinste, noch so harmlose seiner kritischen Bemerkungen suspekt.
Seine Huldigung an den dritten großen Namen aus dem Geistesleben der ersten Jahrhunderthälfte, Henri Bergson, ist nicht gerade dazu angetan, diese Sorge zu entkräften. Der Text mit dem Titel »Rede auf Bergson«[16] stammt von einer Konferenz der Académie Française vom Januar 1941 anlässlich des Todes des Philosophen. Er beginnt auf ziemlich klassische Weise mit der Erwähnung seines Sterbens und seiner Beisetzung, um dann in reinster Diplomatensprache mit einer Aufzählung seiner Qualitäten fortzufahren:
»Er war der Stolz unserer Akademie. Ob wir von seiner Metaphysik eingenommen waren oder nicht, ob wir ihm in seiner tiefgehenden Suche, der er sein ganzes Leben gewidmet hat, und in der wahrhaft schöpferischen Entwicklung seines immer kühneren und freieren Denkens gefolgt sind oder nicht, wir hatten in ihm das authentischste Beispiel der höchsten intellektuellen Tugenden.«[17]



