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Title Page
Die wichtigsten Akteure
Vorwort
Es begann an einem Sommertag
Schwindelerregende Beute
Boris flüchtet zu Luna
Vergeblicher Einbruch
Wo ist Chili?
Mirko und Sascha brauchen ein Bad
Chaka macht eine Entdeckung
Wotan ist gestorben
Nichts zu holen
Neuigkeiten für Boris
Chaka macht eine weitere Entdeckung
Jumper im Pech
Gernot ahnt zum Glück nichts
Drei Hunde und ein Wolf
Befreiungsversuch
Zweifaches Gefängnis
Das neue WG-Mitglied
Junggesellenkochabend
Träume
Eine Begegnung mit Folgen
Mirko geht ein Licht auf
Was unterscheidet den Hund vom Menschen?
Wochenmarkt
Grillabend I
Die Gefangenen im Kastenwagen
Grillabend II
Ein ungeduldiger Hund kommt auf dumme Gedanken
Was hat Boris vor?
Einstein tritt in Aktion
Chaka und Einstein in Not
Der Mensch versteht den Hund nicht
Einstein, der Befreier
Große Aufregung und ein geschwollener Fußknöchel
Ich bin ja nur der Hund
Gernot Beger
Ich bin ja nur der Hund
Eine Krimikomödie
vom anderen Ende der Hundeleine
Erzählung
Für meinen Sohn Alexander
DIE WICHTIGSTEN AKTEURE















VORWORT
Wir Hunde werden regelmäßig unterschätzt. Die Zweibeiner reduzieren unsere Fähigkeiten auf Riechen und Hören. Ist ja auch kein Kunststück, meinen sie, bei den riesigen Ohren und langen Nasen. Dabei können wir viel mehr. Wir denken zwar nicht so perfekt wie unsere Leinenhalter, dafür aber weniger kompliziert und geradliniger. Wir nutzen unser Hundehirn nicht durch unnütze Überlegungen ab, sondern konzentrieren uns auf das Wesentliche. Genialität liegt in der Einfachheit: Wo gibt es das leckerste Fressen, mit wem kann ich am besten spielen und welcher Artgenosse lässt sich am leichtesten verkloppen?
Auch beim Stichwort Kommunikation sind wir den Zweibeinern mindestens ebenbürtig. Zugegeben, wir verstehen vielleicht nicht jedes Wort der menschlichen Sprache – in manchen Situationen wollen wir die auch gar nicht verstehen – aber in der Körpersprache sind wir unschlagbar. Manchmal weiß ich schon, was ein Zweibeiner vorhat, bevor er sich dessen selbst bewusst ist. Eindeutige Defizite haben wir lediglich in allem, was mit der seelen- und emotionslosen Arithmetik zu tun hat. Ich nenne das eine eingeschränkte Mathebegabung für einstellige Zahlen. Zahlenkolonnen, die über die Zahl Drei hinausgehen, werden sofort mit »Unendlich« gedeckelt. Und reden kann ich natürlich auch nicht (da ist mein Zweibeiner auch froh drüber; ich wüsste einfach zu viel über ihn).
Wenn man letztlich aber doch so reich mit geistigen Fähigkeiten, wie wir Hunde sie haben, ausgestattet ist, braucht man auch vor großen Herausforderungen keine Angst zu haben. Zum Beispiel vor der Aufklärung von gemeinen Verbrechen einer gewissen Sorte Zweibeiner, vor denen mitunter sogar die Polizei kapituliert.
Bevor ich mit meiner abenteuerlichen Geschichte loslege, will ich mich kurz vorstellen. Mein Name ist Chaka; ich bin eine vier Jahre alte Ridgeback-Hündin und lebe mit meinem Dosenöffner in einer Zweier-WG, also er und ich, im westfälischen Münster. Ab und zu sind wir auch zu viert, wenn mein Freund Einstein, ein Mischling mit Migrationshintergrund, und sein Frauchen Jule, eine reinrassige Westfälin, zu Besuch bei uns sind.
Ach ja, wenn ich das noch erwähnen darf, ohne dass es eitel wirkt. Da gibt es noch Jumper, einen jugendlichen Verehrer, der sich eine Wohnung mit seinem Herrchen Peter teilt. Aber Jumper ist eigentlich viel zu jung für mich…
Herzlichst!
Eure Chaka

ES BEGANN AN EINEM SOMMERTAG
Wotan war eigentlich schon tot. Es wusste nur noch keiner von den Zweibeinern. Wotan war ein Welpenmischling, drei Monate alt, niedlich und todkrank. Er hatte die Parvovirose, eine Viruserkrankung, die unbehandelt oftmals tödlich endet. Bei Wotan war dies der Fall. Aber weder sein Besitzer, Herr Bömmelburg, ein gutmütiger Rentner mit Bauchansatz unterm Kinn, dessen gewaltige Stirn auf die Wölbung seiner Augenbrauen zu drücken schien, noch die anderen Spaziergänger, die sich über die tapsigen Bewegungen des Welpen amüsierten, ahnten davon etwas. Herr Bömmelburg hatte Wotan wenige Tage zuvor gerettet. Eine Tierschutzorganisation, so sagte er, hatte den Welpen aus einem rumänischen Tierheim vermittelt.
Wir Hunde sind in vielen Bereichen weiter als unsere zweibeinigen Begleiter. Zum Beispiel können wir Krankheiten riechen. Mein junger Freund und Verehrer Jumper, ein zweijähriger Dalmatinerrüde, und ich merkten sofort, dass mit dem kleinen Fellhopser etwas nicht stimmte. Es sollte nicht die einzige schlechte Nachricht sein, die wir beide bei diesem Spaziergang mitbekamen. Dieser Tag im Juli hatte mit einem Sommerausbruch begonnen, was an sich nicht strafbar ist, aber die Gemüter der Zweibeiner strapazierte. Die Sonne lockte ihnen kleine Schweißperlen auf die Stirn, was unsereins leider nicht möglich ist. Wir regulieren die Hitze ausschließlich über unsere Zungen. Selbst mir, die afrikanische Gene besitzt, war es zu heiß.
Unsere Leinenhalter, Gernot und Peter, trafen sich schon seit einigen Jahren regelmäßig am frühen Mittag zum gemeinschaftlichen großen Gassigehen. Die freiberufliche Tätigkeit der beiden Leinenhalter erleichterte ihnen diese lieb gewordene zeitaufwändige Tradition. Gernot verdiente sein Geld als Buchautor und Peter war ein kundenverträglicher Versicherungsmakler, der für seine Gratisberatung kein Geld nahm.
Der Begriff Gassigehen ist übrigens nicht treffend gewählt. Zumindest für uns. Wir sind immer nur kurz in ‚Gassis‘ unterwegs. Wobei eine Streckenführung durch den innerstädtischen Bereich durchaus seine Vorteile hat. Dort liegen mehr Essensabfälle auf dem Boden rum als irgendwo sonst. Viel häufiger suchen wir dagegen den Aasee auf, ein weitläufiges Erholungsgebiet mit Wald und Wiesenflächen in Münster. Wir gehen daher eher Waldwegis oder Feldwegis. Gelegentlich auch schon mal Grünstreifis.
Auf unserem Weg verströmten frisch gemähte Wiesen einen intensiven Grasgeruch, der sich mit vielerlei Fährten von anderen Hunden, Karnickeln und sonstigen Bewohnern naturbelassener Erdappartements mischte. Enten legten aus Gewohnheit ein Netz von Kielwasserlinien über den See. Fußgänger, Radfahrer, Jogger, Hundehalter und nackte Touristenbeine in Ledersandalen bevölkerten das Wald- und Wiesengebiet des Aasees. Gelegentlich bereicherten aus dem benachbarten Allwetterzoo entlaufene Mantelaffen die Tierwelt des Aasees.
Unsere Leinenhalter, in Shorts und T-Shirts den hochsommerlichen Temperaturen angepasst, plauderten gut gelaunt miteinander. Einige Radfahrer warfen ihnen böse Blicke zu, weil sie sich auf den Fußgängerwegen im Park in ihrer ungestümen Durchfahrt gestört fühlten. Unsere Zweibeiner kümmerten sich nicht drum. Wotan der Welpenmischling sorgte für ablenkenden Gesprächsstoff: »Da hat sich der alte Bömmelburg aber schnell wieder einen neuen Hund zugelegt«, stellte Peter nachdenklich fest. »Nach dem Tod seines dreizehnjährigen Rüden hat er es wohl nicht lange alleine ausgehalten.« »Ohne Hund sind die Spaziergänge auch ziemlich langweilig«, ergänzte Gernot. »Ich wundere mich nur«, fuhr Peter fort, »dass er sich in seinem Alter noch einen so jungen Hund angeschafft hat. Es ist ja ziemlich anstrengend, einen Welpen stubenrein zu bekommen, ihn nachts zum Pinkeln rauszulassen, Hundeschule, Arztbesuche und so weiter; das volle Programm halt.« »Aus dem Tierheim ist der Kleine bestimmt nicht. Die vermitteln junge Tiere nur an Interessenten, die deutlich jünger sind als der Bömmelburg mit seinen siebzig Jahren.«
Wir beiden Hunde hatten unterdessen das Seeufer näher inspiziert. Ich nahm sogar ein kühlendes Fußbad, mehr ist aber grundsätzlich nicht drin. Schließlich bin ich ein Ridgeback, dessen Vorfahren aus dem trockenen Südafrika stammen. Bei Jumper sieht die Sache dagegen völlig anders aus. Bei ihm müssen sich einige Kiemenatmer in den Stammbaum eingeschlichen haben, so wohl fühlt er sich im Wasser. Selbst die kalte Jahreszeit hält ihn nicht ab, ins Wasser zu springen, wenn Peter einen Stock in den See wirft. Im Winter war er sogar einmal durch das dünne Eis ins Wasser geplumpst und blieb sekundenlang von der Bildfläche verschwunden. Jumper war da hart im Nehmen, er bekam noch nicht mal eine Erkältung. Wenn mein Zweibeiner auf die Idee kam, Stöckchen zu werfen, dachte ich mir: ‚Wer es werfen kann, kann es auch holen.‘ Er hat es schnell aufgegeben.
Vögel flogen ganz niedrig an uns vorbei. Ich konnte Vögel nicht leiden, hatte es nie geschafft, einen zu erwischen, dabei sah das bei Katzen immer so leicht aus. Eine der wenigen Fähigkeiten, um die ich diese Gattung beneide.
Jumper war mit seinen zwei Jahren ein Hansdampf in allen Gassen. Stets in Bewegung sichtete der junge Spring-ins-Feld unablässig das Terrain, um Artgenossen, Zweibeinern, Fahrradfahrern, friedlich grasenden Pferden, kurz allen Lebewesen, die ihm nicht gefielen, die Meinung zu sagen. Insbesondere Kinder mit ihren hellen und oftmals schrillen Stimmen waren für ihn ein Problem und hatten seinen Leinenhalter Peter schon oft in unangenehme Situationen gebracht. Peter hatte sich daher entschlossen, mit ihm einen Hundetrainer aufzusuchen. »Ich weiß gar nicht, was die Hundeschule soll«, meinte Jumper missmutig zu mir. »Ich weiß doch schon alles, was man im Leben so braucht.« »Das hat mein Zweibeiner mit mir auch gemacht«, versuchte ich Jumper zu trösten. »In der Hundeschule stehen die Menschen im Kreis und füttern unsereins mit Leckerlis. Eines der Klassenziele ist das Sitzenbleiben. Wie soll man da als Hund einen Abschluss schaffen?« »Wir verhalten uns doch völlig natürlich«, fuhr er fort. »Schließlich stammen wir vom Wolf ab.« »Richtig«, bekräftigte ich. »Unsere Zweibeiner auch?«, fragte Jumper. »Nein, vom Affen!« antwortete ich. »Oh, wie peinlich ist das denn?« Jumper konnte es nicht fassen und seufzte: »Manchmal ist es ganz schön schwer, alles leicht zu nehmen.« Mein junger Freund tat mir leid. Er bemühte sich redlich, seinem Herrchen zu gefallen, wurde aber oft falsch verstanden. Um ihn aufzuheitern, gab ich ihm für die Hundeschule einen Tipp. »Wenn du beim Training bist und Leckerlis bekommst, um dich bei Laune zu halten, dann stelle dich dumm, so lange wie möglich.«
Gernot und Peter kamen mit ihrem Spaziergang nur langsam voran. Da sie regelmäßig das Gebiet um den Aasee aufsuchten, kannten sie die meisten der Hundehalter, die dort ebenfalls ihre Runden drehten. Mit jedem wurden ein paar Worte gewechselt oder ein kurzes Pläuschchen gehalten. Darunter waren zahlreiche Kunden von Peter, die er in seiner langjährigen Tätigkeit in der Versicherungsbranche betreute. Er wusste nicht nur, wie hoch sie mit regelmäßigen monatlichen Beiträgen ihr eigenes Leben versicherten, ihm waren auch ihre Vorerkrankungen und Vermögensverhältnisse gut vertraut. Da er zudem ein vertrauenserweckender und gefühlvoller Mensch war, vertraute seine Klientel ihm bei seinen oftmaligen Beratungsgesprächen pikante Geheimnisse an, von denen manchmal selbst die Lebenspartner nichts wussten. Gelegentlich schlichtete er Streit, verhinderte das Auseinanderbrechen einer Ehe oder rettete Lebensmüde vor ihren unumkehrbaren Absichten. Ja, Peter wirkte manchmal wie ein Pfarrer, Arzt und Psychologe in einer Person. Er war zudem ein Lebenskünstler, der in einer sehr harmonischen Beziehung mit sich selbst lebte.
Auf der Rückseite des Freilichtmuseums Mühlenhof steuerten unsere Leinenhalter auf eine kleine Gruppe von Spaziergängern mit ihren Hunden zu, die im Kreis stehend aufgeregt miteinander diskutierten. Schon aus einiger Entfernung erkannten sie Frau Kükenhöner, die gekonnt ihren Haarturm balancierte, den pensionierten Staatsanwalt Klagehorst mit sorgfältig vernachlässigter Titusfrisur und Opa Wullengerd, der Jahre seines Lebens damit verbrachte, seinem zurückfliehenden Kinn einen energisch wirkenden Bart wachsen zu lassen. Er gehörte zum lebenden Inventar des Hundefreilaufgebietes am Aasee und keiner wusste so genau, wer älter war: Opa Wullengerd oder sein braunhaariger Labradorrüde Bismarck, der träge neben seinem Herrchen stand und durch sein Glasauge eine gewisse regionale Berühmtheit erlangt hatte. Aufgeregt gestikulierend führte Opa Wullengerd das Wort.
Jumper und ich liefen vor, um Bismarck sowie die anderen Hunde Blitz und Omnibus zu begrüßen. Dem Mischling Blitz von Frau Kükenhöner musste nach einer Beißattacke ein Bein amputiert werden. Seitdem bellte er bei nahezu jedem Hundekontakt die Tonleiter hektisch rauf und runter, als müsse er mit Worten die Langsamkeit seiner drei Beine wettmachen. Im Gegensatz dazu gleicht das Temperament von Hovaward Nikki, dem vierbeinigen Begleiter des Staatsanwaltes Klagehorst, der nur Omnibus gerufen wird, eher einem stillgelegten Sattelschlepper. Omnibus hat das perfektioniert, was viele Hunde, vornehmlich die älteren Artgenossen, gerne praktizieren: tiefenentspannte Behäbigkeit. Er kombiniert temporeduzierte Bewegungen mit selbstvergessener Tätigkeit ohne besonderen Sinn oder Zweck. Aktuell war er damit beschäftigt, das dreiundzwanzigste Eichenblatt intensiv von der Rückseite zu betrachten.




