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Sie lehnte sich mit dem Rücken an den Tresen, stützte sich auf die mageren Ellenbogen und rauchte konzentriert weiter. Der Rauch stieg in trägen blauen Schwaden auf. Er hüllte sie ein, spann Bögen, verwirbelte, um sich dann im Halbdunkel zu verlieren. Ich schluckte trocken. Es war eher ein Würgen. Schnell nahm ich einen weiteren Schluck der urplötzlich schal schmeckenden Plörre und haderte mit mir. Eben hatte ich noch befreit den Heimweg antreten wollen. Jetzt brauchte ich nur zugreifen. Spatz – Taube, Taube – Spatz? Der Schlüssel der Herrentoilette blitzte verlockend in meinem Gedächtnis auf. Sehr verlockend. Es würde mich die Schachtel Zigaretten kosten, vielleicht noch ein Bier …
Irgendjemand musste ihr zeigen, wie diese Welt war. Irgendjemand musste ihr Bescheid stoßen. Kleine Mädchen hatten in dieser Gegend nichts zu suchen. Meine Gedanken liefen im Kreis und bissen sich gegenseitig in den Schwanz, während mein Schritt pochend eng wurde. Neben mir verglühte ihre Zigarette mit einem leisen Zischen. Sie nickte mir aus scheuen Augen dankbar zu. Ich sah nur das ausgefranste T-Shirt, das sich über kleinen straffen Brüsten spannte. Ich wollte keinen Dank in ihren Augen, ich wollte ihn in ihren Händen, wollte spüren, spüren, wollte …
»Bye.« Ihre Augen waren nicht mehr scheu. Sie waren stumpf. Das Mädchen huschte aus dem miefigen Laden. Die Tür schlug hinter ihr ins Schloss. Jäh kam ich wieder zu mir. Meine Hände umspannten nichts anderes als das Glas vor mir. Die Knöchel traten bereits hervor: Was tat ich hier?
»Sie weiß, wer du bist.« Neben meinem linken Arm wurde ein abgegriffener Block in mein Sichtfeld geschoben. Die Buchstaben marschierten, aufgereiht wie Zinnsoldaten an einer imaginären Front, direkt in mein Hirn.
Ich drehte mich herum. »Was soll …«
Er hatte seine Zähne für ein Lächeln entblößt, das nicht freundlich war. Gefahr, Gefahr, schrillte mein spezieller Nerv und begann, einen kurzen Paniksamba zu tanzen.
»Was wollen Sie von mir?«, setzte ich erneut an.
Mit knapper Geste zog er den Block zu sich, setzte den Stift auf das Papier und ließ seine akkuraten Soldaten erneut marschieren.
»Sie sind hier der Einzige, der WILL. Aber Sie wissen nicht, was. Sie sollten sich bald darüber klar werden.«
Orakel, nichts als Orakel. Ich pfiff mein trügerisches Alarmsystem wieder zur Ordnung. Der Kerl war ein dahergelaufener Prophet, der nur einen Dummen suchte, der ihm zuhörte. Alles in Ordnung, das würden wir gleich haben. Also setzte ich mein joviales Lächeln auf.
»Ich glaube, Sie verwechseln mich. Ich weiß zufällig sehr genau, was ich will. An meinem Leben ist nichts auszusetzen. Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag.« Danach wandte ich mich wieder dem Wasser zu und beschloss, so bald wie möglich ein Taxi zu rufen. Die Hauptnachrichten würden ohne mich auf Sendung gehen, aber die Spätnachrichten wollte ich nur ungern verpassen.
Der Stift kratzte über den Block, der Block schrammte über das abgelebte Holz hart an meinen Ellenbogen heran.
»Ihre Gedanken werden Sie töten.«
»Die Gedanken sind frei.«
Der Stift tanzte erneut. »Darin liegt die Gefahr.«
»Hören Sie mal, direkte Gefahr geht von festen Körpern aus. Nicht von Träumen. Und wenn Sie mir jetzt erzählen wollen, dass selbst die Gräueltaten der historischen Geschichte allein auf Ideen basierten, dann kann ich nur sagen, dass es immer noch ein weiter Weg vom Traum bis zur Umsetzung ist. Die meisten Gedanken richten rein gar nichts an!«
Wieder rutschte der Block über das zerkratzte Holz zu mir. »Sie entwickeln ein Eigenleben. Sie nehmen Gestalt an.«
Ich wusste nicht, was ich noch erwidern konnte. Der Typ war durchgeknallt. Es würde keinen Sinn haben, mit ihm zu diskutieren. Warum auch? Sollte er sich ein neues Opfer suchen. Ich versuchte, ihn zu ignorieren, aber der Stift zog meine Aufmerksamkeit auf sich, wie er unbeirrt über den Block hastete.
»Sie sind Lebewesen. Sie lauern in uns allen. Gute, leise, schüchterne Ideen – aber auch die brutalen, bösen, zerstörerischen Gedanken. Ich habe Sie beobachtet. Ich habe Ihre Gedanken gesehen.«
Die Worte flossen auf das Papier und von dort aus in mich herein. Er musste sich irren. Was wollte er schon gesehen haben? Keiner wusste, was sich in mir abspielte, das hatte mir Frau Statzer erst vor ein paar Stunden bewiesen. Und das war auch gut so. Etwas Privatsphäre sollte der Mensch haben. Ich wollte seine Worte abtun, doch es ging eine hypnotische Wirkung von ihnen aus. Gegen meinen Willen las ich weiter.
»Die Idee in Ihnen ist schon sehr stark. Sie haben sie nicht mehr im Griff. Ständige Verleugnung ist kein Mittel der Bezähmung. Sie denken, dass Sie die Kontrolle haben? Man könnte Sie für diesen Irrtum bedauern. Aber ich habe die Idee, die Ihnen zugrunde liegt, gesehen. Sie hat eine Form angenommen – einen Körper. Bald wird sie Ihr kleines schwaches Oberflächen-Ich schlucken. Spätestens dann muss man die Welt vor Ihnen schützen.«
Das saß. Seine Worte wanderten durch mein Gehirn und lösten dort die verschiedensten Gedanken aus. Scham, Angst, aber auch eine selbstherrliche Arroganz, die als Spott verkleidet daher kam. Man würde die Welt vor mir schützen müssen. Irgendwie gefiel mir der Gedanke. Wahrscheinlich, weil er der Realität diametral entgegenstand. Es gab nichts, womit ich die Welt bedrohen konnte. Selbst wenn ich auf der Arbeit ein paar Zahlen verdrehen würde, hatte das keinen Einfluss, denn so ein Fehler würde schnell bemerkt und behoben werden. Ich spürte, wie mich diffuser Zorn erfasste. Dabei war ich nicht einmal auf ihn persönlich ärgerlich. Es war ein vages, unbestimmtes Gefühl.
»Was wollen Sie von mir?«
»Ich will Ihnen die Situation bewusst machen. Noch können Sie Einfluss auf Ihr Alter Ego nehmen.«
Die Worte erschienen mir viel zu wohl gesetzt für den schmierigen Block, auf dem sie standen. »Und wenn ich das nicht will?«, entgegnete ich. Warnen, Situation, Alter Ego – nichts als Geschwafel! Was bildete sich diese heruntergekommene Karikatur eines Heilsbringers ein? Ich knirschte mit den Zähnen.
»Dann werde ich Sie töten.« Er sah nicht aggressiv aus, als er diese Feststellung schrieb. Es schien ein unabänderlicher Fakt zu sein.
Ich starrte ihn einen Moment lang ungläubig an. Der Zorn fiel innerhalb eines Wimpernschlages schwachbrüstig in sich zusammen. Dann allerdings begann etwas anderes, sich in mir zu regen. Es brodelte, wogte und schwappte ihm schließlich in die pazifistische Miene: Ich lachte! Ich konnte nicht aufhören. Die ganze Zeit stand er dabei, lächelte unverbindlich, nahm aber keines der Worte zurück, die zwischen uns lagen.
Irgendwann verebbten die hysterischen Laute. Ich winkte dem Wirt, dass er zwei Bier bringen sollte. Diese Show war einen Drink wert. Ich war erschöpft und gleichzeitig geschmeichelt, dass gerade ich, der friedfertigste Mensch unter dem weiten Himmel, eine derartige Gefahr darstellen sollte.
Er schob das Bier von sich fort.
»Zu fein, um eine milde Gabe anzunehmen?« Ich kehrte den Großkotz raus. »So schnell kommst du nicht wieder an Stoff!«
»Sie können sich selbst täuschen, aber nicht mich.«
Inzwischen konnte ich die grau auf schmutzigweiß gekritzelte Antwort kaum noch erkennen. »Pisser«, dröhnte ich neustark. »Hau ab. Ich will deine Visage nicht mehr sehen.« Diese Gossensprache wurde langsam vertraut. Das Bier floss meine Kehle hinunter, als ob es das schon immer getan hatte, und langsam verwuchs ich mit dem Barhocker.
Warum noch nach Hause? Ich hatte Zeit, sehr viel Zeit. Es wartete niemand auf mich. Das war gut so, unproblematisch. Keiner, der meine Wege störte. Weiber. Schrien nur rum, kommandierten ihre Männer wie Hunde. Ich fragte mich, warum die das erduldeten. Das Unaussprechliche zwischen den Schenkeln ihrer Dompteurinnen konnte doch nicht so viel Macht haben, dass sie ihre Freiheit dafür opferten. Arrogante Zicken. Irgendjemand hatte mal erzählt, dass man früher dachte, dass die Frau aus der Rippe eines Mannes entstanden sei. Schön blöd.
Mein Nachbar stieß mich erneut mit dem Block an. Ich überflog die Zeilen nachlässig, bis ich schließlich an ein paar Sätzen hängen blieb.
»… mehr sein, als Sie sind. Ich kenne das gut, ich war genauso. In uns schlummert ein Gott. Ein zorniger, gefallener Gott, vertrieben aus dem Paradies, der nur darauf wartet, sich die Welt untertan zu machen. Wir sind lediglich Werkzeuge für ihn. Wir selbst zählen keinen Deut. Haben Sie sich gefragt, warum ich schreibe, statt zu sprechen? Ich zeige es Ihnen.«
Er rüttelte an meinen Arm, da ich noch immer gebannt auf das Papier sah. Als ich den Kopf hob, öffnete er den Mund. Dort wo die Zunge sitzen sollte, gähnte eine rotschwarze Höhle, in deren Tiefe sich ein verquollener Fleischstummel in krankhaften Zuckungen wand. Ein Schauer rann mir durchs Mark. Ich blickte angeekelt weg.
»Ich habe den Kampf gewonnen. Ich musste dafür bezahlen, aber ich habe gewonnen. Meine Zunge konnte nicht mehr verkünden, was ER wollte. Ich hätte mir sogar das Herz herausgerissen, wenn es mir möglich gewesen wäre. Aber lebend bin ich für die Welt, in der wir leben, eine größere Hilfe. Und wir wollen doch leben, nicht wahr? Sie wollen doch auch morgen noch aufstehen, hinausgehen, arbeiten und sich mit Freunden treffen. Oder nicht?«
Ich schwieg. Er tippte nachdrücklich mit seinem Zeigefinger auf den letzten Satz.
»ODER NICHT?«
Etwas in mir zerbrach. Scherben dunkler, weggeschobener Träume fielen klirrend in mir zu Boden. Sie rissen mit ihren salzscharfen Kanten Löcher in mein Fleisch. Ätzende Säure pulste durch meine Adern, und ehe ich es mich versah, lagen meine Hände um seinen dürren Hals. Er zitterte leicht. Trotzdem schrieb er, ohne hinzusehen, weiter.
»Wir sind nicht allein. DU kannst uns nicht stoppen.«
Mein Griff verstärkte sich. Ich spürte den Widerstand seines Kehlkopfes und ich wusste, dass er bald brechen würde. Nur noch etwas mehr, dann würde er nicht einmal mehr schreiben können. Hatte er sich nicht ohnehin in seinem Wahn verstümmelt? Ich würde nur zu Ende bringen, was er nicht geschafft hatte, der dreckige Verlierer. Denn ich war nicht wie er!
»Hast du noch eine Kippe über?« Ruckartig drehte ich meinen Kopf zu der bittenden, verhuschten Stimme. Das Mädchen hatte sich wieder zurück geschlichen, doch jetzt war keine Unterwürfigkeit in ihrem Blick. Sie trat blitzschnell in meine Kniekehlen. Während ich wegknickte, folgte ein harter Schlag in den Nacken. Dann wurde es dunkel um mich.
Als ich wieder zu mir kam, fand ich mich in einem weiß getünchten Raum wieder. Ich saß in aufrechter Stellung in einem Sessel und sah mich in einem großen Wandspiegel. Ich versuchte, Arme und Beine zu bewegen, doch mein gespiegeltes Ebenbild log nicht: Ich war gefesselt. Ich begann zu zittern. Ein Winseln brach sich an den kalkweißen Wänden, das ich nur allzu gut kannte. Es war das angstvolle Fiepen, das mich in den letzten Jahren immer wieder aus dem Schlaf gerissen hatte und das mir umso mehr Angst einjagte, als ich feststellen musste, dass es aus meiner Kehle drang. Ich wandte den Blick ab. Ich wollte das Wrack nicht sehen, das mir von der Wand entgegenblickte. Das war ich nicht, das war nicht ich, das war ich nicht! Ich verbiss mich in dem groben weißen Stoff, in den man mich gekleidet hatte, und verharrte so, blind, taub, abwesend. Die Augen waren gegen jenen Wahn fest verschlossen. Das Hirn: leergespült. Nur nicht nachdenken! Bald würde ich aus diesem Traum aufwachen. Ich würde aufstehen, duschen, mich ankleiden und in die Sicherheit des Stahls fliehen. Bald schon …
Ich verlor jegliches Zeitgefühl. Da gab es kein tickendes Maß mehr, nur das eckige Schaukeln meines Körpers und das Knarren der breiten Lederriemen, die Arme und Beine fixiert hielten.
Irgendwann hörte ich das leise Zischen einer hydraulischen Tür, dem das Klacken flacher Absätze folgte. Sie stoppten in meiner Nähe, aber ich biss nur noch fester in den Stoff. Noch immer blind – aber nicht länger taub.
»Gute Arbeit, Kröger. Nicht jeder kann einen kontrollierten Ausbruch so gekonnt provozieren, wie Sie.« Die Stimme klang tief, fest und souverän. »Wie haben Sie es diesmal geschafft?«
Papier raschelte, ein Stift kratzte. Die erste Stimme lachte dröhnend auf.
»Die alte Masche also, gut, gut. Dabei sollte man meinen, dass in unserer aufgeklärten Zeit niemand mehr an den Teufel glaubt. Grüßen Sie mir Ihre Partnerin. Einen besseren Katalysator kann man sich nicht wünschen. – Na, dann wollen wir mal.«
Die Schritte näherten sich mir. Ich hörte ein behäbiges Schnaufen. Dumpfer Atem strich kurz über mein Gesicht. Übelkeit winkte fröhlich vom Rand meiner Befindlichkeit herüber. Ich presste die Augen noch fester zusammen, sodass ein grellrotes Feuerwerk in meinem Hirn explodierte. Dann zwangen grobe Finger meine Lider auseinander. Ich starrte in zwei blaugraue Augen, von tiefen Augenringen umwuchert.
»Sie können sich entspannen, Freund. Wir werden Ihnen helfen. Alles wird gut.«
Er richtete sich wieder auf. »Erinnern Sie sich an den letzten Vorfall?« Nachlässig schob er einen Stuhl heran und ließ sich schwer hineinfallen. Dann verschränkte er abwartend die Arme. Ich starrte ihn stumm an, unfähig zu sprechen, geschweige denn zu denken. Dann drehte ich langsam den Kopf und sah den anderen, den schmierigen Propheten aus dem Lokal. Kröger hieß er also. Das musste ich mir merken.
»Erinnern Sie sich an den Kampf? Sie haben die Kontrolle verloren, mein Freund.«
Ich war nicht sein Freund. Er war auch nicht meiner.
»Das ist nicht gut, müssen Sie wissen. Das ist gar nicht gut. Sie sind gemeingefährlich.«
Ich verzerrte mein Gesicht zu einem irren Grinsen. »Buh.«
Er zeigte sich nicht beeindruckt.
»Stellen Sie sich vor, was alles hätte geschehen können, wenn wir nicht gewesen wären. Sie hätten jederzeit explodieren können. Und was dann? Dann wäre das Geschrei groß gewesen. Und das zu recht. Es gibt immerhin so etwas wie eine staatliche Aufsichtspflicht.«
Er rieb sich selbstzufrieden das Kinn. »Vielen Dank, Kröger.«
Der zungenlose Lockvogel nickte und wandte sich zum Gehen. Sein skeptischer Blick streifte mich. Er fühlte sich nicht wohl in seiner Haut, das konnte ich sehen.
»Man wird sich um Sie kümmern.« Mit einem resignierten Ächzen erhob sich der Kerl.
Ich ahnte, dass jetzt die Weichen gestellt wurden – in welche Richtung auch immer. Daher zwang ich mich zu einer Reaktion.
»Wie?«
Er sah auf mich herunter und ich konnte förmlich sehen, wie er die Für und Wider abwog, es doch mit mir zu versuchen – was »es« auch immer sei.
»Wollen Sie wieder nach Hause?«
Ich nickte.
»Dann haben Sie Vertrauen. Wir werden Ihnen ein Implantat einsetzen. Es befindet sich noch in der Testphase, aber es wird Sie soweit stabilisieren, dass Ihre Aggressionen auf das Mindestmaß reduziert werden. Das einzige Messer, das Sie zielgerichtet in die Hand nehmen werden, wird das Buttermesser sein. Nichts und niemand wird Sie je wieder so provozieren können, dass Sie Gewalt anwenden werden – weder körperlich noch geistig. Na, wie klingt das?«
Ich hörte zu, dachte nach. Es klang alles verlockend. Keine Träume, keine Einflüsterungen in einsamen Nächten – alles würde wieder in seine rechte Ordnung fallen. Mein kleines, durchgeplantes Leben zwinkerte mir, dem Rädchen aller Rädchen, zu. Doch eine Frage blieb:
»Bin ich wirklich eine Gefahr?«
Er nickte.
»Sie haben es doch selbst erlebt. Aber das wird bald Geschichte sein. Psychologie ist gut und schön. Aber sie hat sich nicht als effizient erwiesen. Sie kann Mängel nicht in dem Maße nivellieren, wie sie entstehen. Diese Mängel manifestieren sich jedoch früher oder später – meist in Aggression, Gewalt und Unzufriedenheit. Aggressionen aber passen nicht in unsere heutige Gesellschaft, darüber sind wir uns alle einig. Sie überleben jedoch länger in uns, als alle Sozialdesigner gedacht haben. Also müssen wir sie bekämpfen. Kommen Sie mit?«
Ich nickte vage. Das reichte ihm, um weiter zu dozieren.
»Die Forschung kommt auf keinen grünen Zweig, während die prozentuale Zunahme von Amokläufen uns geradezu zwingt, neue Wege zu beschreiten. Reden hilft nicht? Dann sind wir gefragt. Es gibt Herzschrittmacher, es gibt Hirnschrittmacher. Wieso nicht das Wissen nutzen, das wir haben? Sehen Sie, unsere Umwelt hat nicht nur ihre guten Seiten. Etwas bleibt immer auf der Strecke. Menschlichkeit richtet sich nach der jeweiligen Definition. Jetzt sind wir in der Lage, die Situation der Definition anzupassen. Wir überwinden unsere Hilflosigkeit. Unterbewusstsein, papperlapapp. Uns ist letztlich egal, was tief in der Seele wühlt, solange wir die Auswirkungen kontrollieren. Und Sie, Sie werden das berühmte Ass im Ärmel sein, wenn wir unsere Methode dem Komitee vorschlagen werden.
Letztlich«, flüsterte er, »können Sie sich glücklich schätzen, Kröger über den Weg gelaufen zu sein. Nehmen Sie es ihm also nicht übel. Wir wollen nur das Beste.«
Ich lächelte versonnen.
Das Beste. Die Bestie.
Draußen knurrt es.
Im Innern ist es totenstill.
Sonnenstrahlen, die durch spiegelnde Fensterfronten fallen.
Feierabend.
Puppenspieler

»Ich liebe dich«, sagt Patrizia, nachdem er ihr die erste Schelle des Abends verpasst hat. »Ich möchte nur das Beste für dich. Lass dir bitte helfen!«
Ihre Stimme ist nicht von Angst verzerrt. Den schrillen Ton, der die Hysterie verrät, die sonst in solchen Situationen in ihr tobt, kann er heute nicht hören. Ihre Ruhe macht ihn rasend. Mit einer Hand greift er in ihr Haar, zieht sie hoch, bis sie nur noch auf den Zehenspitzen balanciert.
»Willst du mir immer noch sagen, was ich zu tun habe?«
Sie sieht ihn an, lächelt – nachsichtig, gütig. Als wenn er ein Kind wäre, dessen Feuerwehrauto kaputtgegangen ist. So darf sie ihn nicht ansehen. Verdammt, wer hat ihr erlaubt, ihm zu vergeben? Frustriert schüttelt er sie wie eine Lumpenpuppe. Warte nur, das Grinsen wird dir noch vergehen! Ich will dich schreien sehen. Ich will dich leiden sehen, du Schlampe, dreckige Hure, verblödetes Nichts. Ich mach dich fertig!
Doch sie schreit nicht. Sie jammert nicht. Manchmal schließt sie die Augen, für einen Moment nur, wenn ihr Kopf gegen die Wand hinter ihr schlägt. Doch dann sieht sie ihn wieder an. Ihre grünen Augen suchen seinen Blick, und dieses Scheißlächeln bleibt auf ihrem Gesicht haften, als sei es mit Zweikomponentenkleber fixiert. Wieso will sie nicht endlich nachgeben? Wieso missgönnt sie ihm die Herrschaft in den eigenen vier Wänden? Wieso … wieso … wieso?
Das Blut hämmert in seinen Ohren, der Atem geht schwer. Er ist so müde. Es war ein langer Tag gewesen, lang und unerfreulich. Er hat längst abschalten wollen. Die Abendnachrichten sind bestimmt schon vorbei – verdammt, sie weiß doch, wie wichtig sie ihm sind! Eine Viertelstunde nur, eine beschissene Viertelstunde! Aber nein, Madame muss ja wieder ihre Anwandlungen haben. Geh! Geh, geh. Such dir Hilfe. Denn du bist Müll. Das ist es doch, was sie ihm ständig aufs Neue deutlich macht, aus welchem Grund auch immer. Sie hat es gut bei ihm. Sie könnte den Himmel auf Erden haben, wenn sie ihn nur nicht immer so reizen würde! Meinte sie etwa, das hier würde ihm SPASS machen? Wie kam sie nur darauf, mein Gott, er LIEBTE sie. Wenn er doch nur seine kleine kurze Viertelstunde haben könnte!
Seine Wut flammt erneut auf, lässt seine Fäuste härter schlagen, ungebremst, unkontrolliert. Niere, Magen, Rippen, Bauch. Sie krümmt sich unter der Wucht der Schläge, sackt zusammen, kauert irgendwann auf dem Boden, die Hände zum Schutz erhoben. Als er auf sie hinunter sieht, kann er endlich wieder Luft holen. Beiläufig bemerkt er einen Speichelfaden, der zäh aus dem Mundwinkel tropft. Sorgfältig wischt er ihn weg. Dann geht er vor ihr in die Hocke, hebt die Hand vorsichtig, beinahe schon zärtlich, an ihr Gesicht und streicht eine dunkle Strähne aus der Stirn.
»Willst du mich immer noch fortschicken?«
Sie sieht ihn nicht an, ist erstarrt in der perfekten Pose des Opfers. Schon glaubt er, sie zittern zu sehen. Sein Blut fließt wieder ruhig in seinen Adern. Das Herz wird ihm weit und großzügig.
»Du musst jetzt nichts sagen, Liebling. Du warst verwirrt. Ich verzeihe dir. Na, wie wäre es mit einem Kuss?«
Jetzt sieht sie ihn endlich an. Die grünen Augen sind verschleiert, das Lächeln wirkt daher etwas dümmlich, aber die Worte sind klar und deutlich.
»Geh zu einem Psychiater. Du schaffst es nicht allein.«
Er muss feststellen, dass sie auch noch lächelt, nachdem sie bereits kalt geworden ist.
Der Drink, der ihn von diesem Anblick erlösen sollte, schickte ihn in eine bodenlose Schwärze.
Die Jalousien surrten leise, als sie nach dem Ende der Vorführung wieder hochgezogen wurden. Ein entsetztes Schweigen lastete schwer auf dem Raum. Zähflüssig kroch es über die blinkenden Edelstahlflächen der Büroeinrichtung, floss an den großen Glasfenstern hinauf, legte sich über einen chiffonumhüllten Oberschenkel und sammelten sich schließlich in ausdruckslosen, unaufgeregten Augen. Sie waren grau.
Die Frau fröstelte. »Wird er sich nie ändern?«
Ein Blick in die grauen Augen ihres Gegenübers und das Frösteln verstärkte sich. Das Schweigen eroberte erneut den Raum.
»Ihr Hobby wird langsam teuer«, sagte der Geschäftsmann schließlich. »Was erwarten Sie sich eigentlich davon, Frau Heussler? Warum leben Sie nicht einfach Ihr Leben?«
Ein Ruck ging durch die Frau. Für einen kurzen Moment spiegelte sich der Stahl des Zimmers in ihrer Stimme.
»Ich will ihn nicht aufgeben.«
»Wir haben Ihnen schon beim ersten Besuch versichert, dass wir keine Therapeuten sind. Ich möchte Sie nur noch einmal darauf hinweisen, damit Sie nicht in Versuchung kommen, diese Firma zu verklagen, falls sich der gewünschte Erfolg nicht einstellt.« Nach einer kurzen Pause räusperte er sich. »Um ehrlich zu sein, kann ich keine Besserung feststellen. Im Gegenteil, er hat Sie gestern zum ersten Mal getötet. Sie haben es ja selbst erlebt.«
Sie nickte leicht. Merkwürdigerweise war es schmerzhafter, das Video anzusehen, als die Szene am eigenen Leib zu erleben. Es musste an der gedämpften Reizübertragung liegen. Schock würde man beim Menschen psychologisieren. Sie wurde wieder weich, durchlässig für das, was einst war. Wahrscheinlich war die ganze Sache an sich für keinen Außenstehenden zu verstehen. Vielleicht nur für den, der wusste, wie Thomas früher gewesen war.
Angelegentlich sah sie zum Fenster hinaus. Ein schöner Tag. Doch er war nichts im Vergleich zu dem Sonntagnachmittag vor vier Jahren, als sie ihn kennengelernt hatte. Es war im Frühherbst gewesen, zwischen rot glühendem Laub, Pilzduft und Sonnengefunkel. Sie hatte am Schwanenteich pausiert und dem bunten Treiben von Stockenten, Möwen und Graugänsen zugesehen, als er höflich gefragt hatte, ob auf der Bank noch ein Platz frei wäre. Er war in den mittleren Jahren, sehr sorgfältig gekleidet, charmant, zuvorkommend. Sie kamen ins Gespräch und sie ertappte sich später bei dem Gedanken, dass sie sich lange Zeit nicht mehr so wohl gefühlt hatte. Bald sahen sie sich öfter – ging spazieren, ins Kino. Essen. Irgendwann kam es zu den ersten Berührungen.
Versonnen strich sie mit dem Daumen über ihre Lippen. Es war erstaunlich gewesen. Sie hätte damals nicht gedacht, dass Sex so aufregend sein konnte. Was ihrem ersten Mann an Leidenschaft gefehlt hatte, machte Thomas gleich doppelt wett.
»Möchten Sie trotzdem einen weiteren Versuch starten?«
Sie schluckte. Irgendwann fing er an, sie anders anzufassen. Die vorsichtige Zärtlichkeit machte einer verhohlenen Grobheit Platz, die sie zunächst genoss. Doch als sie sich an die erste Ohrfeige erinnerte, die er ihr aus irgendeiner Nichtigkeit heraus verpasst hatte, prickelte ihre Wange, als ob ein Insekt seine ätzenden Exkremente darauf ablud. Ein Schauer durchfuhr sie. Warum tat sie das alles?
Mit zitternden Händen unterschrieb sie den Folgevertrag.
Van Fromm mit den grauen Mephisto-Augen schmunzelte. Die Katze war im Sack. »Wenn er so weiter macht, muss ich Ihnen bald Rabatt gewähren.«




