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Die Lider werden schwer. Ihr Atem geht tief und regelmäßig.
Sie hört nicht, wie die Tür aufgeht. Sie hört nicht, wie er seine Aktentasche auf den Garderobentisch schmeißt. Sie sieht nicht, wie er sich sammeln muss, um nicht sofort aus der Haut zu fahren.
Die Küche, träumt sie. Ich muss unbedingt aufräumen.
Sie spürt Thomas erst, als er vor ihr in die Hocke geht und über ihr Haar streicht.
»Aktion Reiner Tisch?«, fragt er leise, gepresst, hungrig.
»Tisch«, murmelt sie im Halbschlaf. »Ja, ja, der Tisch.«
Er wundert sich zwar, warum sie nicht nachfragt, wie sonst immer. Doch nur für einen Moment. Denn eigentlich ist es ihm recht, dass er vorher nicht reden muss. Reden kann man ja später. Das, was vorher kommt, ist ihm bedeutend wichtiger.
Patrizia weiß nicht, wie ihr geschieht, als er sie an den Haaren vom Sofa zerrt. Sie kann die ersten Schläge nicht abwehren, schlaftrunken, wie sie ist. Danach explodiert der Schmerz in ihrem Körper. Ihr Fleisch brennt, in den Ohren gellen seine Schreie. Seine Wut tropft geifernd in ihr Gesicht. Nein, will sie rufen, halt, stopp! Doch sie kommt nicht dazu. Ein Schwinger presst ihr die Luft aus dem Magen. Hör auf, will sie schreien. Heute nicht, bitte, bitte nicht.
Gnadenlos treibt er sie durch die Wohnung, steckt ihren Kopf in die Kloschüssel, die seiner Meinung nach nicht sauber genug ist, schlägt ihr die Schmutzwäsche um die Ohren, stößt ihr den Besenstiel in die Rippen, weil er nicht dort steht, wo er hingehört. Schlampe, Dreckstück, Hure. Du blödes Stück Scheiße, ich werd’s dir zeigen! Faul auf dem Sofa liegen, während mein Chef mich rundmacht, dieses inkompetente Arschloch, dieser Flachwichser! Soll ich dir zeigen, was ich mit ihm machen will?
Sie taumelt durch die Wohnung, ist auf der Flucht. Tränen blenden sie. Doch es gibt keinen Schutz vor diesem Monster. Es hängt ihr an den Fersen, ist hinter ihr, neben ihr, vor ihr. Überall. Sie hat keine Grenzen mehr, keine Distanz. Alles, was er sagt, ist persönlich gemeint, jeder Schlag trifft allein sie.
Irgendwann hört er auf. Sie hockt vor ihm, die Arme zum Schutz um den Kopf gepresst.
»Na«, sagt er. »Das hat sich doch mal richtig gelohnt, nicht wahr?«
Sie sieht ihn nicht an, ist das perfekte Opfer.
Langsam lässt er sich in die Hocke sinken, umfasst sanft ihr Kinn. »Schau mich an«, bittet er. »Du warst großartig. Soviel Gegenwehr. Schau nur, wie ruhig ich wieder bin.«
Als er sie küssen will, weigert sie sich. »Warum hasst du mich so?«, flüstert sie mit aufgeplatzter Lippe. »Was hab ich dir denn getan?«
Er runzelt verärgert die Stirn. »Was sind denn das für Töne?«
Ihre Tränen berühren ihn, bringen sein Blut zum Kochen.
»Anscheinend hast du noch nicht genug, was? Dann hör mal gut zu, Süße. Ich kann noch viel mehr mit dir machen, Patty-Maus. Du dummes, kleines Ding. Meinst du, es ist ratsam, mir Schuldgefühle einzureden? Meinst du das wirklich?«
Sie sieht ihn nur starr an.
»Wir haben ein Abkommen, Patty. Ich habe das Codewort gesagt, du hast zugestimmt. Also mach nicht solche Zicken.« Er fährt sich durchs Haar. Sein Körper zittert vor Wut.
Kann er nicht einmal nach Hause kommen, ohne dass es Ärger gibt? Kann sie ihm nicht diese Viertelstunde gönnen? Weiß sie nicht, wie wichtig das hier für ihn ist? Aber nein, nur haben wollen, haben, haben. Hast du mich lieb? Liebst du mich? Ganz bestimmt? Bin ich dein Ein und Alles? Nein, verflucht noch mal. Ich hätte etwas ganz anderes haben können, aber ich bin nun mal mit dir gestrandet, du beschissene Kuh, die lügt und betrügt und mich zum Hampelmann macht. Die ihre ganze Kohle in eine Puppe steckt, während ich mich den ganzen Tag abstrampeln darf! Und jetzt will sie Theater machen, weil ich genau das mache, wozu sie mich abgerichtet hat?
»Ich lass mir das nicht kaputt machen«, greint er hilflos vor Zorn. »Ich lass mir das Prügeln nicht verbieten. Nicht von dir!«
Seine Hände legen sich um ihren Hals. »Weißt du, Liebling, ich liebe dich, wirklich. Aber nicht immer. Das kann ich nicht, das kann niemand. Und dann nervst du so entsetzlich. Mit deiner Liebe, mit deiner Fürsorge.«
Er drückt zu, während er sie mit hoher Stimme nachäfft: »Wie geht es dir? Wie war dein Tag? Ist alles in Ordnung? Bist du glücklich? Kann ich irgendetwas für dich tun?«
Sein Blut beginnt wieder zu singen, als er ihre verzweifelte Gegenwehr spürt.
»Klar kannst du was tun! LASS MICH EINFACH MAL FREI ATMEN!«
Patrizia hört nicht mehr, wie es schellt. Patrizia spürt nicht mehr, wie Thomas sie achtlos auf den Boden fallen lässt, um zur Tür zu gehen. Und sie hört auch die fröhliche Stimme des Kuriers nicht mehr.
»Guten Abend, eine Eilsendung für Frau Heussler. Ich bringe den reparierten Avatar. Ist wieder wie neu. Wenn Sie bitte hier einmal den Empfang quittieren?«
Erntezeit

»Das wird eine gute Ernte.« Aly schlug die Augen auf. »Ich weiß, das wird ein richtig, richtig großes Leuchten!« Ein Lächeln bahnte sich seinen Weg, fuhr die vollen Lippen entlang und ließ sich schließlich in den Grübchen nieder.
Draußen war es bereits dunkel, doch das tat ihrer Laune keinen Abbruch. Zu spät? Sie konnte nicht zu spät kommen, denn es war ihr Acker. Er würde warten. Sie sprang aus dem Bett, schlüpfte in ihren Leinenkittel und wand sich den wirren Haarschopf zu einem losen Dutt. Aussehen! Was galten schon Aussehen oder Ordnung oder Vernunft, wenn es um den ersten Blick ging? Niemand hatte es ihr bislang eintrichtern können und mittlerweile gab es auch niemanden mehr, der das überhaupt versuchte.
Bevor sie allerdings aus der Kate trat, hinaus in die Pracht, sammelte sie sich für einen Moment. Die Hand auf der Klinke, schloss sie die Augen, holte tief Luft und ließ ab von allem, was sie in der kurzen Spanne vom Aufwachen an bislang gesehen hatte, Dann trat sie auf die Veranda und öffnete langsam die Augen. Ganz still ließ sie den Blick über die Felder schweifen, die bis auf wenige Schritte direkt an ihre Kate heranwogten.
Ein stilles blaues Leuchten glomm in den Ährenspitzen. Dunkelblau, fast violett schimmerte es und das Herz ging ihr auf.
»Whiall chomain, ihr Lieben.« Als sie von der Veranda auf den Ackerboden trat, breitete sie die Hände aus und strich vorsichtig über die überreifen Ähren. »Zeigt mir den Weg.« Die Halme bogen sich beiseite, schufen ihr Gänge, ließen sie passieren. Aly lachte leise, als sie dem Pfad folgte, den das Feld ihr vorgab. Hin und wieder blieb sie stehen, um eine Pflanze zu untersuchen. Dann sah sie genauer hin, folgte dem Lichtfluss in Halm und Blättern mit den Fingern und lauschte auf das kaum hörbare Pochen im Herzen des Fruchtstands. Wo das Licht nur schwach glomm, spendete sie Mut und Zuversicht, bis der Funke wieder heller schien. An anderen Stellen waren die Ähren bereits jetzt reif zur Ernte. Dort wisperte sie etwas von Geduld und Zurückhaltung. »Eure Zeit wird kommen. Doch noch nicht jetzt, nicht jetzt. Allein werdet ihr verglühen.«
Nach ungefähr einer Stunde hatte das Feld sie wieder zur Kate zurückgeführt. Zu jeder guten Ernte gehörte ein guter, starker Tee. Sie sang vor sich hin, lauter nun, denn Stille gehörte nur aufs Feld. Kater maunzte auf dem Ofen, gerade erwacht aus Mäuseträumen. Was sollte es heute sein? Zitronenverbene? Melisse? Engelskraut? Rosmarin? »Ach, Kater, ich kann mich nicht entscheiden!« Sie ließ den Dutt Dutt sein und raufte sich herzhaft die Haare. Kater interessierte sich nicht wirklich für die Kräuter, wusste aber, dass er nicht eher etwas zu fressen bekommen würde, als die Teefrage geklärt war, also sprang er auf das Trockenregal und warf ein paar Bündel auf den Tisch. »Johanniskraut, Baldrian und Mohn?« Sie sah Kater verblüfft an. »Willst du mich einschläfern? Na egal, was soll’s, es wird schon seine Richtigkeit haben.« Sie kicherte, als die Kräuter im Wasser landeten, und hackte Katers Fleisch klein.
Die Frau auf der Liege sah glücklich aus. Entspannt, friedlich. Er fragte sich, warum sie eigentlich hier im Schlafzentrum war. Sie wirkte so gesund, so normal. Für gewöhnlich waren die Probanden älter und schnarchten in der Regel fürchterlich. Fürchterlicher waren allerdings die Momente der Stille. Schlafapnoe ist für den Zuschauer schlimmer als für den Patienten, dachte er bei sich. Aber wer so viele Atemaussetzer gehört hatte wie er, der nimmt sie nicht mehr auf der persönlichen Ebene wahr, der erschrickt nicht mehr, dem ist es egal. Aussetzer – Alarm-Knopf drücken – weiterlesen. Eigentlich waren die Menschen, die jenseits der Glasscheibe schliefen, gesichtslos für ihn. Eigentlich sah er nicht mehr hin. Denn eigentlich gab es nichts Spannenderes als die Bücher, die er in den langen Nächten verschlang, bis die Buchstaben zu tanzen begannen und ihm die Augen schwer wurden.
Heute allerdings lag da eine Frau, die im Schlaf lächelte. Und die dabei nicht im mindestens schnarchte. Und zudem blau leuchtete.
Er rieb sich die Augen. Blau-Leuchten, pah. Irgendetwas musste mit den Leuchtmitteln nicht stimmen, ein Nachglühen der Halogenlampen vielleicht? Er sah genauer hin. Nein, das Leuchten ging vom Bett, von ihr aus, nicht von der Decke. Wenn es real wäre, dachte er, müsste man es auch auf den Monitoren sehen. Wenn es real ist, dann bin ich nicht verrückt. Er kontrollierte die optische Überwachung. Dort war nichts zu sehen, kein Schimmern, kein Leuchten, kein Glühen. »Du spinnst«, stellte er entschieden fest. »Da ist nichts.« Für einen Moment lauschte er seinen eigenen Worten, die in der Luft vibrierten. Dann waren sie fort und er widmete sich wieder seinem Buch.
Als der Wecker den nächsten turnusmäßigen Gerätecheck – alle zwei Stunden EEG, EKG, Monitore, Optik – anpiepste, stellte er fest, dass er nichts von dem wahrgenommen hatte, was er in der Zwischenzeit gelesen hatte. Hatte er überhaupt gelesen? Oder hatte er nur abgewartet, um das Leuchten wieder zu sehen?
Er sah durch die Glasscheibe zu der Frau hinüber. Kein Leuchten. Alles in Ordnung.
Oder nicht? Sie lächelte noch immer, schöner als zuvor.
Aly summte vor sich hin. Der Tee zog im Kessel, Kater schmatzte über seiner Schüssel. Die Nacht war endgültig über den Horizont gekrochen und hatte die Sterne mitgebracht. Bald war es soweit. Nach der Ernte sollte es ein kräftiges Wurzelgemüse geben. Sie atmete tief den Duft von Knoblauch und Koriander ein. Zimt Sternanis, Kardamom und Nelken gesellten sich aus dem warmen Ofen dazu, in dem Lebkuchen buk.
Es war Weihnachtszeit. Advent. Advent wird abgeleitet von Adveniat, sagte sie sich, das heißt er kommt. Aly wusste nicht genau, wer dieses Jahr kommen würde, aber dass jemand käme, dessen war sie sich sicher. Und sie freute sich auf den Besuch. Dieses Jahr mehr denn je – warum, wusste sie nicht. Da war nur dieses Ziehen in der Brust, dieses Sehnen. Dieses Jahr würde er es sein. Nicht irgendjemand, sondern er, dachte sie mit einem Mal, viel drängender als sie es beabsichtigte. Erschrocken über die Heftigkeit dieses Gedankens schob sie ihn sofort in den hintersten Herzwinkel. Angst vor Enttäuschung?, spottete eine Stimme daraufhin in ihrem Kopf. Für einen kurzen Moment runzelte sie die Brauen. Sie kannte diese Stimme – und Himmel, sie hatte sie dermaßen satt! Früher einmal hatte diese Stimme sie ständig begleitet. Irgendwann allerdings hatte Aly angefangen sie zu überhören und irgendwann hatte sie tagelang nicht mehr an sie gedacht. Irgendwann einmal würde –
Mit einem Zischen kochte das Wasser über. Aly musste lachen. Manchmal gab es keine schönere Melodie als die Küchengeräusche. Alles lebt. Alles geht voran. »Nicht träumen, Aly!«, rügte sie sich scherzhaft, hängte den Topf mit den Kartoffeln höher und wurschtelte sich durchs Küchenallerlei.
Schließlich sah sie sich in dem Raum um, Es war ein einladender Ort, warm und duftend, gemütlich möbliert, ein Ort, an dem man sich zu Hause fühlte. Sie lächelte. Alles war bereit. Nun wollte sie die Ernte freisetzen und dann warten, dass der Himmel ihr ein wenig von dem zurückgeben würde, was sie in seinem Namen gab. Sie erwartete nichts. Aber sie wusste, dass sie beschenkt werden würde, ob sie es wollte oder nicht. Warum also nicht vorbereitet sein – auf alles und nichts?
Fröhlich lief sie zur Tür. Öffnete. Einen Moment später stolperte ihr Herz.
Das EKG spielte verrückt. Alarm, Alarm. Er musste handeln. Das war kein Atemaussetzer, das war ein Kammerflimmern – war es ein Kammerflimmern? Bitte nicht! – und er ganz allein hier. Verdammt, irgendwann musste es mal schief gehen. Die Anzeige des Geräts flackerte und blinkte, die Werte machten, was sie wollten. Er spurtete aus dem Raum, hinüber zu ihrem Bett, den automatischen Erste-Hilfe-Defibrillator in der Hand. Auspacken, Patches anschließen, Nachthemd hochschieben, Patches laut Anweisung anbringen und sich nicht, NICHT! aus der Ruhe bringen lassen.
Sie starrte fassungslos auf das Feld. Die Ähren, die sich noch am Morgen sattsam grün und reif und angefüllt mit verheißungsvollem Leuchten auf starken Halmen gewiegt hatten, waren geknickt, verdorrt. Das Feld lag brach, so als ob ein heißer Wüstenwind darüber hinweggefegt wäre. An manchen Stellen stand es in Feuer, an anderen wiederum versanken die Lichtträger in dunkelbraun brackigem Schlamm. Ein Lachen schwang im Brausen des Feuers und des Windes mit, ein Lachen strich über den Horizont und nahm auch die letzten aufrechten Halme unter seine Faust. Doch dieses Lachen hatte nichts gemein mit Alys Lachen. Oder deinem oder meinem. Dieses Lachen war Hohn und Spott und getränkt mit Schwärze. Es kam auf Krähenflügeln daher und ließ sich in Scharen auf der verwüsteten Krume nieder, derweil Aly das Herz in der Brust zersprang. Als nur mehr Scherben übrig waren, wurde sie von einem gleißenden Licht gepackt und geschüttelt. Als der Blitz sich verzogen hatte, fand sie sich auf der Veranda wieder, die Augen starr auf die Katastrophe gerichtet, doch ohne Schmerz nun. Da war nichts, das sie angriff, nichts, das sie schmerzte. Da war nur mehr eine aus Hilflosigkeit geborene Leere, die ihr die Glieder lähmte.
Die Maschinen schwiegen wieder. Der Defibrillator hatte sein Werk getan. Alles okay. Er atmete tief durch. Die Frau lächelte nicht mehr. Ihr Gesicht war völlig ausdruckslos, ihr Körper schlaff. Vorsichtig legte er die Hand an ihr Gesicht. Ihre Haut fühlte sich kalt an, ein leichter Schweißfilm hatte sich gebildet. Normalerweise – bei jedem anderen Patienten – wäre er jetzt wieder in sein Kabuff gegangen, hätte auf den Notdienst gewartet, der eigentlich schon längst hätte hier sein sollen. Hätte das Buch aufgeschlagen und weitergelesen. Doch diesmal – jetzt, wo sie aus der größten Gefahr wieder sicher heraus war – war es ihm recht, dass die Nachtschicht trödelte. Diesmal wollte er sich nicht in die Welt in seinem Kopf flüchten. Diesmal saß er einer Wirklichkeit gegenüber, die ihn mehr faszinierte, als er sich selbst zugestehen wollte. Er hatte die Rechte noch immer an ihr Gesicht gelegt – er spürte dabei den Pulsschlag an ihrer Schläfe – als er mit der anderen Hand die ihre umfasste und an seine Brust hob. Der Kreis war geschlossen.
Aly lag auf den groben Dielen der Veranda, hilflos. Der Geist war gelähmt, die Empfindung gedrosselt, sodass das einzige, das sie zurzeit wahrnehmen konnte, der eigene Atem war. Sie spürte ihn, wie er über ihre Lippen strich, sie hörte ihn, sie spürt das Heben und Senkens des Brustkorbes. Sie hatte die Augen noch immer geöffnet, doch fiel es ihr schwer, die Bilder die sie sah, zu deuten. Da war nichts, wo Ähren hätten stehen sollen. Da war eine chaotische ungeordnete Dunkelheit, zerfetzt von einzelnen Funken oder bekränzt von orangenem Feuerschein.
»Nicht richtig!«, murmelte sie. »Das ist alles nicht richtig!«
Langsam schob sie sich an die Kante der Veranda, zögernd griff sie nach einem geknickten Halm. Sie hielt ihn sich dicht vors Gesicht, schützend zwischen beiden Handflächen verborgen.
»Zeig mir, wie es sein soll«, flüsterte sie. »Ich weiß, du lebst noch. Irgendwo. Irgendwie.« Und sie hauchte auf den Halm, wiegte ihn leicht, dachte an all die Liebe, die sie für ihn fühlte. Ganz allmählich kehrte die Bläue zurück. Aber sie war schwach und flackerte unstet. Schließlich erlosch sie ganz. Aly erschlaffte.
Das Gefühl kehrte in ihren Körper zurück, in ihr Herz. Alles schmerzte. Sie krümmte sich zusammen, die Arme eng um den Leib geschlungen, so als ob sie alles festhalten müsste, was sie ausmachte, was zu ihr gehörte, als ob sie in Stücke zerbersten würde, wenn sie es nicht täte.
Er spürte die Veränderung in ihrem Geist. Er spürte, wie das Leben in sie zurückkehrte, und er spürte, dass ihr das nicht guttat. Er sah ihr Winden, ihre schmerzverzerrte Miene. Nichts konnte sie zurückhalten. Ihr Gesicht war eine Leinwand, doch der Film, der sich hinter ihren Lidern abspielen musste, wollte er nicht sehen. Zuviel Schmerz.
Doch anstatt sie loszulassen, aufzustehen, das Zimmer zu verlassen, legte er ihre Hand, die bis eben an seiner Brust geruht hatte, höher, an seine Schläfe. Warum er das tat? Das wusste er nicht und jetzt war nicht die Zeit für Fragen. Er schloss die Augen. Nur um sich einen Moment später auf einem verwüsteten Feld wieder zu finden.
Aly bemerkte einen hellen Schimmer aus den Augenwinkeln. Es war weißes Licht, das sie spürte, weißes Licht, das sie sah, reines Licht, ganz anders als die schmutzig roten Flammen oder das letzte trübviolette Aufflackern. Sie hob den Kopf, um genauer zu sehen. Am Horizont war eine Gestalt aufgetaucht, hell leuchtend. Und dort, wo ihre Füße die Erde berührten, richteten sich die Halme wieder auf, grün und saftig wie zuvor.
»Kann das sein?«, wollte sie fragen. »Wer bist du?«, wollte sie fragen.
Doch dies war nicht die rechte Zeit für Fragen, also kniete sie weiter auf der Veranda und sah dem Wunder zu, das sich nicht mehr nur auf den Weg beschränkte, den die Erscheinung nahm, sondern sich nach links und rechts fortpflanzte. Wie Elmsfeuer flutete Licht hinweg über die zerstörte Grasnarbe, um das, was krank war, zu heilen und um das, was im Sterben lag, wiederzubeleben.
Die Gestalt hielt auf halbem Weg zu Alys Kate inne.
»Komm zu mir!«
»Ich kann nicht« erwiderte Aly. »Ich traue mich nicht. Wenn ich mich bewege, werde ich zerbersten!«
Das Wesen schüttelte langsam den Kopf. »Du wirst es schaffen, ich weiß es. Vertraue mir!«
»Bist du der, der kommen wird?«
»Ich bin der, der da ist.«
In diesem Moment bemerkte Aly, dass das schwarze Lachen längst verstummt war. Sie sah sich um. Da waren keine Krähen auf dem Feld. Da lag kein Feuerbrausen in der Luft. Alles war still.
»Das ist mein Acker?«, fragte sie leise. »Er wird warten? So wie immer?«
»ER ist bereit für dich.«
Aly erhob sich langsam. Mit der einen Hand stützte sie sich an einem der Holzpfeiler ab, die das Vordach der Veranda trugen, mit der anderen strich sie den Leinenkittel glatt.
»Es war alles gut«, murmelte sie. »Was ist nur geschehen?«
»Es ist alles gut und es wird alles gut. Denn es ist alles so, wie es sein soll.«
Aly hob den Kopf. »Du hast recht. Es ist, wie es ist.«
Bei diesen Worten war es ihr, als ob aller Schmerz abfiele, aller Kummer, alle Trauer.
»Es wird eine gute Ernte!«, rief sie der Gestalt zu. »Wir müssen nur daran glauben!«
Mit diesen Worten sprang sie von der Veranda und lief zu dem Wesen, quer über den Acker, der unter ihren Füßen zu neuem Leben gerufen wurde. Sie hinterließ eine Spur des Wachstums und der Kraft, der Freude und Liebe und alles, alles war von einem roten Licht überhaucht, das von ihr ausging.
Bei ihm angekommen blieb sie stehen, blickte zu ihm hoch. »Du bist der, auf den ich gewartet habe?«, fragte sie lächelnd. »Whiall chomain, willkommen zu Hause. Es ist alles bereit für dich. Aber erst müssen wir ernten!«
Und mit einem Lachen wirbelte sie um ihre Achse, tanzte durch das Feld und strich mit den Händen über die prallen Lichtähren. »Gebt, ihr Lieben, gebt, was ihr habt! Das Warten hat ein Ende!«
Als die Nachtschicht das Schlaflabor erreichte, wurde sie von einem blauen Licht geblendet, das aus dem Zimmer der rotlockigen Frau drang. Übernatürlich sei es gewesen, würden sie später sagen. Unheimlich. Aber da es keine Beweise gab und die betreffende Patientin ebenso hartnäckig schwieg wie der Student, der für die Nachtwache eingeteilt war, glaubte man ihnen nicht und der Vorfall geriet bald in Vergessenheit.
Die Frau und der Student trafen sich nicht wieder. Als er zur nächsten Nachtschicht eintraf, hatte sie das Schlaflabor bereits verlassen. Nur manchmal, im Traum, war es ihnen, als wäre da eine verwandte Seele an ihrer Seite, die ihnen den Weg zeigte, Mut machte – und Licht schickte.
Soft Skills, Hard Days

Ich schlafe. Ich wache. Ich träume. Ich bin. Einatmen, ausatmen – tief dringt der Duft des weed in meine Lunge, bringt Bilder mit sich; Bilder, die sich aus einem Nebel heraus klären, fokussieren. Mit nadelspitzen Stichen werden sie fieberhaft hinter meine Lider gestickt. Welten entstehen, greifbare Universen. Ich kann sie riechen, fühlen, schmecken. Meine Nerven summen, die Muskeln spannen sich an, mein ganzer Körper ist auf dem Sprung. Alles, was eben noch weich war, biegsam und sanft, wird hart und unnachgiebig. Ich suche nicht länger den Kompromiss, ich suche die Konfrontation.
Da sind Hände auf mir; zarte Hände, warme, weiche Hände; die Finger lang und schmal. Ich spüre sie, möchte sie packen, möchte mein Gesicht in ihnen vergraben, doch meine Arme sind festgebunden. Sie hat es getan, sie hat mich gefesselt, als es noch nicht nötig war. Als ich eben so weich und nachgiebig und reif war wie sie. Küss mich, denke ich. Schenke mir Erlösung. Doch sie streichelt nur; langsam und quälend. Hin und wieder lässt sie ihren Fingerspitzen freien Lauf, lässt sie verspielt tänzeln, Muster auf meine Haut zeichnen, die tief in mein Fleisch einsinken. Das Sehnen in mir wächst und wächst, es wird mich zerreißen, doch ich will nicht, dass sie aufhört.
Ich presse die Augen hinter der Seidenmaske zusammen. Es ist die Seidenmaske, die ich vor einer gefühlten Ewigkeit übergestreift habe; damals, als ich diesen Raum betrat; damals, als ich meine Kleider abgelegt habe, mich auf diesen Stuhl gesetzt habe, mit klopfendem Herzen und trockener Kehle. Die Zeitspanne im Niemandsland, zwischen meinen ersten wirren Erwartungen und ihrem Eintreten schärft alle Sinne, macht das innere Auge weit. Die Fantasie treibt ihre Blüten.
Kein Lichtstrahl der hiesigen Realität soll mich stören. Allein den Reizen ihrer Hände ausgesetzt, strecke ich mich fern von Zeit und Raum, werde groß und mächtig. Das Sehnen verleiht mir Beine, lange, gestreckte, kraftvolle Beine. Ich steige mutwillig auf die Hinterhand, lasse mich auf den Sandboden zurückfallen, scharre mit den Hufen und sprinte unvermittelt los. Laufen, Laufen, nur Laufen. Der Wind umgibt mich. Für einen Moment ist er Kamerad, doch nur einen Herzschlag später wird er zum Konkurrenten.
Ich strecke mich, spanne jeden Muskel dieses Körpers, der mir inzwischen so vertraut ist. Und schon bin ich dem Wind voraus. Eine Nasenlänge, zwei – ich laufe und laufe. Ihre Hände, diese unschuldigen, nachgiebigen Hände, begleiten mich, fordern mich, zwingen mich hinein in diese Raserei. Ich sehe den Horizont hinter der Klippe auftauchen, die ich entlang presche. Er kommt mit jedem Atemzug näher. Nach der Klippe folgt eine gähnende Leere, hintendran das Meer. Doch vorher viele Felsen, scharfkantig und gnadenlos. Aber ich habe keine Angst, die kenne ich hier nicht; nicht hier, nicht in meiner Welt. Mit einem Lachen werfe ich den Kopf zurück, stoße mich vom harten Boden ab, springe – hinauf, hinauf! Breite die Flügel aus, die mir gerade jetzt aus den Schultern brechen, wie Schneeglöckchen durch den schorfigen Firn.
Mit dem Wind unter den Schwingen brauche ich die Beine nicht mehr, ziehe sie wieder ein. Noch in der Hetze gefangen, schlage ich mit den Flügeln, hinauf, hinauf, der Sonne entgegen, solange bis ich ruhiger werde, Luft hole, mich treiben lasse auf den Strömen der Thermik. Aller Druck weicht von meinen Schultern. Mein Herz beruhigt sich allmählich, der Atem geht gleichmäßig und ruhig. Ich segle. Ich weine. In diesem Moment existiert der wahre Friede. Die Hände schweigen. Sie ruhen auf meinen Schultern, weißen Friedenstauben gleich, lassen mir Raum und Zeit im Überfluss. Diese Freiheit aber, je länger, je tiefer ich sie erfahre, schnürt mir Herz und Seele zu. Ich bin zu klein, um das hier wirklich zu begreifen. Und doch strecke ich mich gleichzeitig weit hinaus. Meine Schwingen werden raumgreifend. Ich möchte diese Welt umarmen, möchte sie an mein wundes Herz pressen und mich an ihrer Kühle laben.




