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Während Douglas schon eingeschlafen ist, gebeutelt von Bildern seiner Vergangenheit, steht Kandy nach einem Nachmittag der Muße und der lustvollen Zweisamkeit mit sich selbst vor dem Spiegel und ist sich weder Vergangenheit noch Zukunft bewusst, sondern sprüht und funkelt im Hier und Jetzt. Im Hintergrund war die demokratische Entscheidung getroffen worden, Kandy im Spiel zu behalten – schließlich war Freitagabend und wer konnte so einen Abend am besten gebrauchen, um auf ihre Kosten zu kommen?
Aber anstatt dankbar zu sein oder sich wenigstens darüber zu freuen, zickt der Sexualanteil von Kaynee unmotiviert herum. »Wurde ja auch mal wieder Zeit, ihr Sittenwächter. Moralapostel. Neidische Hühner.«
Kandy steht nackt im Raum, die Haare stecken noch in einem Turban. Sie greift zur Körperbutter und fängt an, die noch feuchte Haut einzucremen. Sie genießt es sichtlich.
»Wisst ihr«, sagt sie ins Blaue hinein, »Ich glaube, die anderen mögen mich nicht. Ich bin ihnen zu wild. Zu fordernd. Mir geht es um meine Bedürfnisse, klar.« Sie massiert die Creme sanft in ihre Haut, fährt dabei von ihrem Bauchnabel langsam höher, umkreist ihre Brüste und lässt die Hände dort schließlich ruhen. »Aber ich will doch nur spielen!«
Während Kandy die Augen schließt, lächelt sie leicht, denn in ihr erklingt zustimmendes Gezischel. Kandy verbringt viel Zeit mit Ken, sitzt vor der Tür im Keller. Dieser Tür, die Kora stets einen leichten Schauer über den Rücken sendet.
Kandy ist da anders. Sie sucht die Nähe zur Cloud, zu ihren Dämonen, denn sie sieht sie als Geschwister. Zudem – wenn sie sonst von niemandem Anerkennung bekommt, weil sie die meiste Zeit zugunsten der kleinen, harmlosen Katy verdrängt wird – an wen sollte sie sich sonst halten? Also sieht sie die Cloud als ihren höchst eigenen Hofstaat an und gibt demnach nicht Alarm, wenn der es hinter seiner Tür mal wieder bunt treibt. Sie vergisst ganz einfach, eine Notiz davon ins Übergabeprotokoll zu schreiben. So wie man manche Sachen einfach mal vergisst. Ganz bewusst.
Eine Dreiviertelstunde später verlässt Kandy das Zentrum, setzt sich ins Taxi und lässt sich in die Stadt bringen. Sie ist aufgerüscht im hautfarbenen, kurzen Chiffon, mit roségoldener Clutch und ebensolchen High Heels ausgestattet, die Haare sind groß gelockt und schimmern im Kunstlicht der Nacht. Kaynee ist zu einer Motte geworden und sie sucht die City Lights, denn alles in ihr will sich heute Nacht gehörig die Flügel verbrennen, damit sie sich selber wieder spürt. Einmal lebendig sein. Verdammt, wofür gibt es Kandy denn?
Am nächsten Morgen wacht Douglas um halb acht auf. Irgendjemand hat eine mittlere Metallstange auf seinem Kopf krumm gehauen, aber er kennt das Gefühl und weiß, dass es nach der richtigen chemischen Behandlung weichen wird. Dafür muss er aufstehen. Das sollte auch kein Problem sein, schließlich hat er gestern beschlossen, was er heute machen will. Den Ausflug in den Grüngürtel.
Douglas verzieht das Gesicht. Er will sich nicht auf das Rad schwingen. Er will stattdessen die Decke über das Gesicht ziehen und weiterschlafen.
Aber als er so da liegt, wandert sein Blick über die Decke. Da hängt eine schmucklose Lampe von der Decke, um deren unteres Ende ein Fliegenpärchen summt. Douglas sieht näher hin. Überall kleine braune Punkte. Fliegenkacke. Es kichert schrill in ihm. Das Lachen ist wieder da, voll Häme und mit voller Wucht fällt es über ihn her. Es lacht so sehr, dass es sich den Bauch halten würde, hätte es eine menschliche Gestalt. Douglas’ Kopf will explodieren. Doch das geht nicht, das Hirn will nicht aus dem Schädel suppen und so steigt der Druck im Kopf und steigt und steigt. Bis Douglas schreit. Da verstummt das Lachen.
Douglas hält inne. Horcht in sich hinein, horcht dann auf die Wände um ihn herum. Kommt da ein Klopfen von oben oder ein Poltern an der Wand? Es ist alles still. Douglas atmet aus. Langsam, vorsichtig. Da tönt es wieder in ihm los. Fliegenkacke, Fliegenkacke, alles voller Fliegenkacke! Es reicht.
Douglas schlägt die Decke zurück, entwirrt seine Füße und springt aus dem Bett. Drei Schritte weiter steht er in der Nasszelle, greift sich die Tablettendose auf dem Regal unter dem Spiegel und schüttelt sich eine Handvoll Pillen in die Hand. Fliegenkacke, Fliegenkacke, alles voll mit Fliegenkacke! Douglas legt den Kopf in den Nacken und zerbeißt die Kapseln. Erst als er den bitteren Brei auf der Zunge spürt, wie der aufquillt und die ganze Mundhöhle ausfüllt, kippt er ein Glas Wasser hinterher. Danach steckt er den Kopf unter den Wasserhahn. Das Rauschen übertönt das Lachen, das immer leiser wird, sowie die Chemie ihre Wirkung entfaltet.
Eine Viertelstunde später steht Douglas auf der Straße, das Fahrrad an seiner Seite. Er sieht sich um. Linksherum, rechtsherum. Dann steigt er auf. Er hat einen Plan zu befolgen. Der Grüngürtel wartet auf ihn. Tatsächlich?, wispert es da in ihm. Warum soll er gerade auf dich warten? Douglas schiebt den Gedanken beiseite und macht sich auf den Weg. Der führt ihn gen Westen. Bald schon hat er sein Viertel verlassen und radelt in die äußeren Ringe Suburbias.
Je länger er durch diese Gegend radelt, alles sauber, aufgeräumt und weitläufig, desto mehr hat er das ungute Gefühl, nicht hierher zu gehören. Das Gefühl der Fremde kriecht ihm die Arme hinauf, schiebt sich unter das leichte T-Shirt, das er trägt und von dort aus den Rücken hinunter. Er radelt schneller.
Kurz bevor er auf die Ausfallstraße zum Grüngürtel fährt, blickt er nach rechts. Neben ihm ragt ein mittelgroßes Haus in den blauen Himmel. An der Seite befindet sich ein kleiner Spielplatz mit Klettergerüst, Sandkiste und Schaukel. Douglas schließt die Augen. Er kennt das Gebäude. Er ist dort aufgewachsen. Damals, nachdem Mommy und Poppa – er steigt in die Eisen, dass die Bremse kreischt.
Er dreht sich noch einmal um. Ja. Das staatliche Sozialisationsheim, wie es in der Amtssprache heißt. Die Kinderverwahranstalt, wie es der Volksmund betitelt.
Douglas sitzt wieder auf und tritt in die Pedale. Während die Räder singend den Asphalt fressen, voran, voran, immer voran, wendet sich sein Geist rückwärts.
»Hallo, Douglas. Ich bin Mistress Keen. Keine Angst. Du wirst dich bei uns bestimmt ganz schnell einleben.« Mistress Keen lächelt ihn mit strahlend weißen Zähnen an. »Das hier ist Melody. Sie wird deine Patin sein und dir alles zeigen, was du wissen musst. Nicht wahr, Mel? Das machst du doch gerne.« Wieder zeigt Mistress Keen alle ihre Zähne. Danach erhebt sie sich und streckt den Rücken durch. »Dann geht mal, ihr beiden. Halte Augen und Herz offen, Douglas. Das hier ist ab heute dein Zuhause.«
Damit wendet sie sich an den Mann, der Douglas hierher gebracht hat, und überlässt Douglas der Obhut eines zwölfjährigen Mädchens mit blonden Haaren, das bislang noch kein einziges Wort gesprochen hat. Es vollführt einen Knicks, obwohl Mistress Keen mit dem Rücken zu ihm steht. Dann dreht es sich zu Douglas herum und weist mit dem Kinn leicht in Richtung Tür. »Lass uns gehen.«
Douglas dreht sich noch einmal zu Mistress Keen herum, die sich leise mit dem Mann unterhält. »Wilde, tatsächlich?« Sie klingt schockiert.
Der Mann räuspert sich. »Die Mutter war eine echte Multiple, ohne Kontrollmechanismus, er ein kleiner Vertreter, hat sich jeden Morgen an den Passierstellen zur City eingefunden. Kleine Jobs, kleines Geld, kein Raum für große Sprünge oder ein komplettes Persönlichkeitsset, aber er hatte immerhin die Basisversion. Nachbarn haben die beiden gestern Abend am offenen Fenster streiten hören. Er wollte sie und den Kleinen wohl endlich in ein billiges CADIAS schaffen, aber sie hat sich mit Händen und Füßen dagegen gesträubt. Das haben Beobachter vom Block gegenüber berichtet.«
»Und dann?«
Der Mann seufzt. »Sie sind bei dem Handgemenge aus dem Fenster gestürzt. Wer wen gezogen oder gestoßen hat, darüber gibt es unterschiedliche Aussagen. Diese Frage bleibt wohl für immer offen.«
»Und der Kleine war nie im postnatalen CADIAS? Warum müssen immer die Kinder unter diesen verwirrten Menschen leiden?« Mistress Keen streicht sich hinter das Ohr und sieht jetzt sehr streng aus. »Das werden wir also so schnell wie möglich nachholen müssen. Aber mehr als die Basisversion wird nicht drinnen sein, Sie wissen ja, die Kosten!«
Der Mann nickt knapp. »Hauptsache, es kümmert sich jemand um ihn.«
Douglas versteht nicht alles, was die beiden bereden. Aber das Herz schlägt ihm bis zum Hals und er fühlt sich verloren.
»Kommst du jetzt?« Melody lächelt ihn zuckersüß an, dreht sich um und geht los.
Douglas zuckt mit den Schultern, folgt ihr schweigend. Er weiß nicht, was er sonst machen soll. Er weiß nur, dass Poppa und Mommy nicht mehr wiederkommen. Das hatte ihm der fremde Mann gesagt, der ihn aus der Wohnung getragen hat, als sei Douglas nicht viel mehr als eine Lumpenpuppe. Sie seien tot. Ob Douglas das verstehen würde? Und dass es niemanden geben würde, der sich um ihn kümmern wollte. Deswegen würde er jetzt zu einer netten Tante gebracht, die ganz viele andere Kinder hat, denen es ebenso ginge wie Douglas selbst.
Douglas hat keine Zeit für Tränen. Er weiß nicht, was der Mann ihm da alles zu erklären versucht. Er versteht nur das eine: Mommy und Poppa sind nicht mehr da. Und nun geistert nur ein Wort durch Douglas’ gequälte Seele. »Wilde!« Zurück bleibt ein tiefes schwarzes Loch voll Angst.
Draußen vor der Tür bleibt Melody stehen. Sie greift sich an den Hinterkopf, genau hinter das rechte Ohr. Für einen Augenblick erstarrt sie, dann zuckt der Kopf wild hin und her. Einen Moment später dreht sie sich zu Douglas um, sie wirkt größer, bulliger. Der Blick ist scheel. »He, Kleiner. Dass du mich ja nicht verrätst, klar?«
Douglas sieht sie mit großen Augen an. Was hat die da gemacht? Und was sollte er schon verraten? Und wem?
Melody nestelt eine Packung Kaugummis aus ihrer Hosentasche, schiebt sich einen Streifen in den Mund und beginnt heftig zu kauen. Sie schmatzt dabei und wirkt so ganz anders, als eben noch in dem Büro von Mistress Keen. Sie mustert Douglas abschätzig. »‘n kleiner Wurm biste, nichts weiter. Pass mal ja auf, dass ich dich nicht zerdrücke. Und hey, das ist keine Warnung. Das ist ein Versprechen. Tu, was ich dir sage, dann geht’s dir gut. Aber wehe, wenn nicht.« Mel hebt die linke Augenbraue und schwenkt die rechte geballte Faust unter Dougs Nase. »Wenn diese Knospe aufgeht, gehst du unter. Verstanden?«
Douglas nickt und verschluckt seine Furcht. Ihm schwant, dass dieses Mädchen ihn nicht trösten wird. Mommy. Poppa, Wilde, Ungeheuer, Monster …
Douglas schüttelt den Kopf. Die alten Bilder sollen endlich aus seinem Kopf verschwinden, aber die Eintönigkeit des Summsumm der Reifen auf dem Asphalt ist wie ein zäher Klebstoff, an dem die Erinnerungen haften bleiben.
Douglas ist auf dem Damm unterwegs, der Suburbia umgibt. Innerhalb des Dammes – oder des Grenzwalles, wie Douglas ihn auch nennt – liegt das gelobte Land. Terra cognita. Alles ist bekannt, selbst die letzte dunkle Gasse im Getto. Es ist nicht alles schön, aber erforscht. Das gibt Douglas die Sicherheit, die er braucht. Außerhalb herrscht Wildnis. Da sind zwar die bewirtschafteten Felder, aber die sind letztlich nur ein Versuch der Menschen, der Natur habhaft zu werden, sie zu normieren und der Effizienz zu unterwerfen.
Douglas bremst sanft ab und lässt das Rad ausrollen. Warum nur scheut er sich so vor der Weite? Und warum zieht es ihn trotz dieser Furcht immer wieder auf den Damm? Er steigt ab, stellt das Rad ordentlich ab und bleibt am Rande des Weges stehen, die Arme in die Seiten gestemmt, den Blick auf die Ebene gerichtet, die ihm hier im Westen noch graubraun trostlos zu Füßen liegt. Er holt tief Luft. Schließt die Augen und denkt an den Traum der letzten Nacht zurück, an die Steilküste und das salzige, salzige Meer. Er sieht den kleinen Weg, der sich bis zum Kamm der Steilküste emporwindet, den Weg, auf dem das Lachen stiften gegangen ist. Vielleicht sollte er ihm folgen?
Douglas bläht seine Nasenflügel. Tief atmet er die schale Luft mit dem leichten Geruch nach Kunstdünger ein und stellt sich vor, das sei der Duft angelandeten Seegrases. Dann greift er sich ein Herz und beginnt in seiner Vorstellung den Aufstieg.
Der Weg ist anstrengend. Loses Geröll verrutscht unter seinen Schuhsohlen und klickert klackernd den Pfad hinunter. Kurz bevor er das Plateau erreicht, wird der Weg so steil, dass er sich mit seinen Händen abstützen muss. Auf allen vieren kriecht er den Hang hinauf, bis er sich endlich über die Kante schiebt und ins graue Salzgras rollt. Mit pumpendem Herzen bleibt er liegen und stiert in den von Wolken verhangenen Himmel. Mit einem Ohr lauscht er in die Ferne, ob er das Lachen hören kann, dieses impertinente Lachen. Aber er hört nichts als den Wind um sich herum, das Rauschen der Wellen unten am Strand und das Schreien der Seemöwen über ihm.
»He da, aufgepasst!« Ein schrilles Klingeln reißt Douglas aus seinem Tagtraum und lässt ihn einen Satz nach hinten machen. Ein Grüppchen Spandexradler rast lachend an ihm vorbei. Douglas ist vergrätzt. Blöde Typen, für wen halten die sich? Nur weil sie ihren Rädern Rennslicks aufgezogen haben und sich in grellbuntes Elastikgewebe stecken, gehört ihnen der Damm nicht allein.
Er schwingt sich wieder auf sein Rad. Alt ist es und gebraucht. Für zuverlässig befindet es Douglas, treu, stabil, sicher. Lowtech, die nicht kaputtgeht. Er tritt heftig in die Pedale.
So knapp war er davor gewesen, das Hinterland seines Traumes zu erkunden. Douglas würgt an seiner Wut. Schneller wird er, immer schneller. Bald fliegt er auf dem Damm dahin, so gut es der alten Mühle eben möglich ist, immer den Spandexclub vor Augen. Doch egal, wie er sich anstrengt, die Lücke zwischen ihnen und ihm wird immer größer. Nach einer Biegung verliert er sie endgültig aus den Augen.
Douglas verlangsamt das Tempo. Er keucht und schwitzt und ringt nach Atem. Als er den Kopf nach rechts wendet, sieht er das erste Grün. Douglas fährt langsam weiter, den Blick immer auf die Felder geheftet. Es ist der Sommerweizen, der dort heranreift. Noch ist es ein hellgrüner Flaum auf dunkler Krume, aber schon bald werden die Halme und Ähren hochstehen und sich im Wind biegen.
Douglas hält neben einem Stein an, stellt das Rad ab. Er zieht sich Sneakers und Socken aus und deponiert sie neben dem Stein. Danach richtet er sich auf. Ein Blick links, einer rechts, niemand zu sehen. Er ist tatsächlich ganz alleine hier. Douglas steigt den Damm hinunter, seine nackten Fußsohlen streifen zunächst über Unkraut und Wiesenblumen, dann erreicht er die Niederung, in der die Felder angelegt sind. Hier ist der Boden feucht und satt, er schmiegt sich an Douglas’ Sohlen. Es schmatzt leise, wenn er die Füße anhebt. Der junge Weizen ist noch weich und nachgiebig. Douglas geht vorsichtig durch die Reihen, konzentriert sich auf seine Füße, auf den Boden, auf die Kühle, die in ihn eindringt.
Irgendwann bleibt er stehen und schließt die Augen. Mit der rechten Hand tastet er nach dem Socket und legt den Schalter um. Das Sozial-Ich weicht. Douglas ist jetzt nur er selbst und niemand sonst. Er breitet die Arme aus und lässt den Wind an sich vorbeistreifen. Das ist es, denkt er. Das ist das Leben. So soll es immer sein. Und er steht weiter im Wind, eine lebende Vogelscheuche. Dabei wird sein Herz weit und leicht und das Glück fließt in ihn hinein. Es kriecht aus den Füßen zu seiner Wirbelsäule hoch und weiter in seine Brust. Von dort strömt es in die Arme und schließlich in den Kopf. Douglas fühlt sich dizzy und leicht entrückt. Kurz nur flackert sein innerer Alarmknopf auf – Achtung! Kontrollverlust! –, da holt er schon tief Luft und lässt den Atem langsam durch die Nase wieder entweichen. Für diesen Moment soll alles vergessen sein.
Als ein Taxi am Samstagmittag vor dem CADIAS von Professorin Paulson vorfährt, soll es keinen Bewohner abholen und in ein neues, verbessertes, weil aufgeräumtes Leben mitnehmen. Es bringt auch keinen Menschen, angefüllt mit Wünschen, Träumen oder Seelenpein. Das Taxi hält an, rollt ein Stück weit aus, als ob der Fahrer die Bremse nicht zu kräftig betätigen will. Nach ein paar Momenten öffnet sich die Beifahrertür und ein langes, schmales Bein schwingt sich auf roségoldenen High Heels hinaus. Einen Moment später folgt das zweite. Ein dunkles Lachen ertönt, dann erstirbt es in einem lang gezogenen Kuss.
Kandy schält sich nur wenig später vollends aus den Tiefen des Taxis, lässt die Tür zuklappen und klopft noch einmal auf das Dach des Wagens. Kutscher, fahre er hinfort! Und das macht der Fahrer auch. Zügig rollt der Wagen vom Hof, Kandy steht inmitten der aufspritzenden Kiessteinchen und sieht mit einem katzenhaft zufriedenen Ausdruck dem Wagen hinterher. Sie schwankt etwas.
Sanders, der das Ganze aus der Eingangshalle mit verfolgt hat, sieht seine Chance gekommen. Natürlich hat er Kandy erkannt, nur dieser Anteil von Kaynee kann auf solchen Absätzen unfallfrei durch die Welt stöckeln. Sanders liebt Kaynee schon lange, aber Kandy im Besonderen. Vor allem Stan, Sanders’ Pendant zu Kaynees Kandy, ist scharf auf die Frau, die dort in der Mittagshitze steht. Vielleicht hat er ja zur Abwechslung mal Glück. Manchmal geht es eben nicht darum, der Erste, sondern der Letzte zu sein. So bleibt man in Erinnerung.
Sanders schiebt Barbara einen Geldschein über den Tresen. »Danke für die Info, Babs.«
Diese streicht ihn unauffällig ein. Wenn Stan nur wüsste, dass sie in diesem Moment gar nicht Barbara ist. Verhalten zupft sie sich an den hochgesteckten Haaren. Am liebsten würde sie die Haarspange lösen und Sanders zeigen, dass auch sie einen Part hat, mit dem man Spaß haben kann. Am liebsten würde sie Becky von der Leine lassen. Aber ihr Organisator lässt sie nicht.
»Jederzeit wieder, Stan«, murmelt sie und wendet sich ihrem Rechner zu, als wolle sie nicht wissen, welche Rolle sie in diesem Spiel einnimmt. Verlegen legt sie den Schalter wieder um. Immer schön Distanz halten und niemals Stellung beziehen. Stattdessen mitnehmen, was gerade möglich ist.
Als Kandy langsam den Weg hinaufgeht, schlendert ihr Stan entgegen und stellt sich ihr in den Weg.
Kandy bleibt stehen und schiebt ihre Sonnenbrille in den zerzausten Haarschopf zurück. Sie kann Stan nicht leiden, der sich viel zu lässig, mit beiden Händen in den Hosentaschen, vor ihr aufgebaut hat.
»Ja, ich bin immer noch auf, Stan«, nimmt sie ihm den Wind aus den Segeln, »Und bevor du mir die Uhrzeit erklärst, nur um danach die Brösel aufzulesen, die von mir übrig sind – vergiss es einfach.« Sie lächelt ein überzuckert süßes Lächeln, das ihren Worten aber in keiner Weise die Schärfe nimmt.
Stan hebt beide Hände in gespielter Abwehr. »Gut gebrüllt, Löwin!« Er kommt einen Schritt näher. »Hast du vielleicht Lust auf einen Absacker, bevor sie dich wieder wegsperren?« Er lächelt wissend, hebt eine Braue.
Kandy überlegt kurz, gähnt kurz. Stan ist ein Arsch, aber Kaffee wäre gut. Zuckt dann mit den Schultern. »Auf einen Ristretto.«
Stan gönnt sich ein winziges Siegerlächeln, stellt sich an Kandys Seite und legt einen Arm um ihre Schultern. Seine Finger schließen sich um ihren Oberarm, spüren ihre Wärme. »Na, dann los«, murmelt er und bugsiert Kandy den Weg zur Empfangshalle hinauf.
Barbara sieht nicht zu den beiden hin, als sie eintreten. Sie ist am Rechner beschäftigt, jetzt wieder voll im Arbeitsmodus, irgendetwas gibt es immer zu ordnen. Nachträge der letzten Woche, Planungen für die nächste. Barbara ist immer anwesend, außer sonntags. Sie ist fleischgewordenes Inventar.
Als Stan und Kandy jedoch an ihr vorbeischlendern, legt sie den Kopf zur Seite. Sie mag Kandy nicht. Kaynee ja, aber dieses billige Flittchen, nach dem sich tatsächlich jeder umdreht – das nicht. Aber würde Sanders nicht sie, Barbara, fragen, in welcher Ausprägung Kaynee gerade durch das Camp läuft, gäbe es überhaupt keine Möglichkeit mit ihm zu sprechen. Babs seufzt.
Währenddessen löst sich Kandy aus Stans Griff. »Das ist nicht der Weg zur Cafeteria«, stellt sie trocken fest und will sich abwenden. »Guter Versuch, Stan.«
Stan erwischt noch ihr rechtes Handgelenk. »Nicht so schnell, kleine Lady. Du hast mir einen Espresso versprochen.« Mit einem Ruck zieht er sie an sich heran, vergräbt sein Gesicht an ihrem Hals, atmet tief ihren Duft ein. Während er sie in der Halsbeuge küsst, führt er ihre rechte Hand an seinen Schritt, der über seinen Zustand Auskunft gibt.
Kandy windet sich aus seinem Griff heraus, befreit ihre Hand. »Du willst es, nicht wahr?«, raunt sie ihm zu. »Mit jeder Faser deines Seins.«
Stan richtet sich auf. »Lass uns zu mir gehen. Es ist alles bereit für dich. Du musst nur zugreifen.« Er bietet ihr seinen Arm, fühlt sich jetzt als Gentleman, kurz vor seinem Ziel.
Da stutzt Kandy, mustert ihn und fängt an zu lachen. Sie taumelt ein, zwei Schritte zurück, zeigt mit dem Finger auf ihn und lacht, als sei er der Witz des Tages.
Stan hat nur zwei Möglichkeiten – entweder zieht er zurück, bevor noch irgendjemand von diesem Korb Wind bekommt, oder er setzt sich über Kandys Meinung hinweg und holt sich, was er will.
Da nimmt Kaynee ihm die Entscheidung ab. Karl hat Karen auf den Plan gerufen, nachdem er Stans Züge studiert hat. »Wag es nicht«, blafft er dem Techniker ins Gesicht. Das reicht schon, um ihn zurückweichen zu lassen.
Danach bringt Karen ihre Entität ins Bett.
Stan steht auf dem Flur und sieht Kaynee nach. Sie ist aus den Heels geschlüpft, tappt auf bloßen Sohlen den Gang entlang und schlenkert die Sandaletten mit der linken Hand herum. Seine Chance ist vorbei. Die Traumfrau hat anscheinend keinen Ausgang mehr. Stan wird per Schalter mit einem bedauernden Seufzen ins Repertoire zurückgeschoben und Sudresh erscheint auf der Bildfläche.
Nach einer kleinen Ewigkeit beginnt Douglas, zu frösteln. Er gräbt seine Zehen in den weichen Boden, lässt die Arme sinken und öffnet wieder die Augen. Es ist ihm, als würde er diesen Ort zum ersten Mal sehen. Er scannt Halm um Halm, dreht sich dabei um die eigene Achse und hält erst inne, als der Damm in das Blickfeld gerät. Er sieht sein Fahrrad links neben dem Stein. Rechts neben dem Stein steht ein Mensch.
Wie lange steht der schon da? Hat er ihn beobachtet? Hat er den Sicherheitsdienst des Agrarunternehmens benachrichtigt? Douglas greift sich unbewusst wieder hinter das Ohr und legt den Schalter um. Das Sozial-Ich lädt sich in den Vordergrund. Nur schön ruhig bleiben.
Douglas macht sich auf den Rückweg. Schritt für Schritt stapft er durch das Feld, doch diesmal ist er mit den Gedanken ausschließlich bei der Person, die noch immer neben dem Stein steht. Im Näherkommen sieht er, dass es sich um eine Frau handelt. Wieso geht sie nicht weiter? Stattdessen steht sie dort wie angewurzelt und starrt ihn an.
Douglas steht schließlich am Fuß des Dammes. Er legt den Kopf in den Nacken und schirmt seine Augen ab. Als Erstes bemerkt er, dass die Frau ihn doch nicht ansieht. Vielmehr sind ihre Augen auf das Feld gerichtet, wobei der Blick merkwürdig ziellos ist. Sie scheint tatsächlich nicht viel mehr zu sein als eine leere Hülle.
Douglas mustert sie eingehend. Lange blonde Haare fallen glatt auf schmächtige schmale Schultern, umrahmen dabei ein längliches eckiges Gesicht, das von großen Augen dominiert wird. Welche Farbe sie haben, kann Douglas von seinem Standort nicht ausmachen. Sein Blick scannt sie weiter ab. Die Oberweite ist kaum ausgeprägt, vielleicht eine Handvoll, mehr nicht. Mehr ist nicht von ihrer Figur zu sehen. Ein langes weißes Kleid mit buntem Blumendruck am Saum fällt gerade zu Boden. Nur die Füße schauen unter dem Stoff hervor. Sie stecken in einfachen Sandalen, die vom Alter schon dunkel sind. Bei näherem Hinsehen fällt ihm auf, das sie leicht vor und zurückwankt.
»Hallo?« Douglas nimmt die Hände herunter und stützt sie in den Seiten ab. »Geht es Ihnen gut?« Keine Antwort. Das Schwanken verstärkt sich.
Douglas zögert nicht. Er klettert, so schnell es geht, den Damm hinauf. Schließlich kommt er schnaufend neben der Frau zum Stehen. »Ist alles in Ordnung mit Ihnen?« Er fasst sie leicht am Ellenbogen, um sie zu stabilisieren.




